Magazinrundschau - Archiv

Telerama

71 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 8

Magazinrundschau vom 05.03.2019 - Telerama

Heute sind ja alle Journalisten in privaten Medien in einer prekären Situation, jedenfalls fühlen sie sich so. Um das Jahr 2009, als Twitter anfing zu zählen, gab es noch eine klare Gattungsgrenze zwischen den festen Printjournalisten und den Jungen, die man ohne Verträge in die Online-Garagen steckte. In diesem Klima entstand die "Ligue du LOL", jene Gruppe junger Online-Journalisten, die sich die Bälle zuspielten, um dann später, als sie anfingen, sich wichtig zu fühlen, über missliebige Kolleginnen herzuziehen. Selbst in Deutschland haben die Enthüllungen über das hässliche Mobbing der Gruppe Aufsehen erregt. Jérémie Maire erzählt in einem interessanten Hintergrundartikel, wie dieses Phänomen in Frankreich entstand. Es war die Zeit, als die Herren vom Print in Le Monde die jungen Online-Journalisten noch als "Pakis du Web" beschrieb, als ein Subproletariat für die gröberen Aufgaben. Aber die jungen Online-Journalisten wollten arrivieren, und sie benutzten Twitter, um die Hierarchiestufen zu überspringen und sich gleich an die Chefs ranzuwanzen: "In einem Dossier mit dem Titel 'Werde auch du ein Twitto' aus dem Jahr 2011 beschrieb Télérama, wie das funktionierte: 'Folge den großen Twitterkonten in der Hoffnung, dass sie dir dann auch folgen. Schicke ihnen brillante Tweets, riskiere den Clash. Mache dich bemerkbar, ohne zu übertreiben. Ein misslungener Witz, und hopp, bist du entfolgt. Aber wenn du schlau bist... So wie Vincent Glad, 26, dem jetzt schon alle Journalisten, die zählen, folgen.' Viele dachten damals, dass man das Wort ergreifen, interagieren muss, um aufzufallen und irgendwo einen kleinen Posten zu ergattern."

Magazinrundschau vom 25.07.2017 - Telerama

France Culture macht manchmal so schöne Sendungen: Wäre doch keine so schlechte Idee, auch mal im deutschen Radio eine fünfteilige Serie über Ayn Rand zu veranstalten (aber wer weiß, vielleicht hat es diese Serie schon irgendwo gegeben). Ayn Rand ist einerseits der Beweis, dass man in Amerika aus allem eine Religion machen kann - selbst aus einem extrem libertären Atheismus. Und sie ist andererseits für Xavier de La Porte, den Autor der in dieser Woche laufenden Serie (Podcast), mit dem sich Elise Racque unterhält, ein Sinnbild der gegenwärtigen politischen Verunsicherung: "Ich finde, diese Denkerin sagt auch etwas über den Moment, den wir in Frankreich durchleben. Macron ist natürlich kein Randianer, aber Ayn Rand ist in ihrer Art ebenfalls 'weder links, noch rechts'. Seit etwa zehn Jahren wird sie in Frankreich ein wenig mehr gelesen. Ich weiß nicht, ob man sich darüber Sorgen machen sollte. Jedenfalls befinden wir uns in einem Moment der Neudefinition, in dem man das Politische nicht mehr recht begreift. Ich finde es in solchen Momenten interessant, so extreme Leute wie sie zu lesen."

Magazinrundschau vom 01.11.2016 - Telerama

Dem entfesselten Kapitalismus und der Selbstbezogenheit - zwei ewig wiederkehrenden üblichen Verdächtigen zur Erklärung französischer Malaisen - müsse man den Begriff der Brüderlichkeit entgegensetzen, erklärt der französische Philosoph und Vorsitzende der Bewegung Fraternité générale Abdennour Bidar in einem Gespräch. Nur so lasse sich der Wunsch verwirklichen, aus der "schwarzen Zeit der Teilung und des Konflikts" herauszukommen. "Natürlich gibt es in einer multikulturellen Gesellschaft vollkommen unterschiedliche Weltbilder, aber eben auch gemeinsame Nenner. Und die sind viel zu kostbar, um sie unbeachtet zu lassen. Brüderlichkeit ist ein solcher gemeinsamer Nenner in allen großen Weltanschauungen, in allen Humanismen. Statt den Begriff als ein unerreichbares Ideal zu betrachten, als eine Utopie für süße Träume, als naiven Idealismus, sollten wir ihn in die Tat umsetzen und versuchen, ihn in Verpflichtungen zu übersetzen."
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Stichwörter: Bidar, Abdennour

Magazinrundschau vom 09.08.2016 - Telerama

Im Interview spricht Nicolas Vanderbiest von der Université catholique de Louvain über die Rolle der Medien bei Attentaten und anderen Ereignissen. Er hat untersucht, wie sich Informationen und Emotionen im Internet aufbauen, organiseren und wieder desorganisieren und wie vertrackt das fact-checking geworden ist: "Journalisten haben begriffen, dass ihre Rolle nicht mehr darin besteht, Informationen zu melden, sondern sie zu erhärten. Ein Journalist liebt es, Gerüchte und Verschwörungen aufzugreifen, weil es ihn zum einzigen Garanten genauer und verifizerter Information macht ... Die Medien bieten auf diese Weise ein Einfallstor für die verrücktesten Theorien, in der Meinung, die ganze Welt vertraue auf ihre Behandlung der Information und ihr 'Gerüchte'-Stempel habe Evangelienstatus. In Wirklichkeit sind die Menschen argwöhnisch und sagen sich, dass angesichts der Folge von Verschwörungen nicht alles falsch sein könne, und dass man die Wahrheit vor ihnen verberge."

Magazinrundschau vom 12.04.2016 - Telerama

Wann werden junge Menschen zu Dschihadisten? Der Anthropologe Scott Atran und der Kognitionswissenschaftler Nafees Hamid haben zu der Frage geforscht und unter anderem festgestellt, dass der Dschihad immer jünger wird, immer mehr Frauen anziehen und sich aus der Frustration über den Westen speist: „"Nach siebzig Jahren relativen Friedens in Europa sehen sie den Krieg als ein Fest, glorreich, abenteurlich und cool. Die dschihadistischen Freiwilligen betrachten sich nicht als 'Nihilsten’', ein Attribut, das man ihnen häufig verpasst hat, um damit bewusst den Ernst und damit die reale Gefahr ihres Engagements zu ignorieren. Im Gegenteil, sie denken, sie bekämpften den Nihilismus des Westens, der in gewisser Weise darauf hinausläuft, sämtliche moralischen Konstruktionen, Religionen und metaphysische Überzeugungen zu zerstören, indem er alles relativiert und jeder Sache einen Geldwert zuschreibt.“"
Stichwörter: Dschihadismus, Dschihad

Magazinrundschau vom 22.03.2016 - Telerama

Juliette Cerf unterhält sich mit dem amerikanischen Historiker Darrin M. McMahon über dessen Buch "Divine Fury", eine Kulturgeschichte des Genies, das jetzt in Frankreich erschienen ist. Seine These: Das Genie, eine Figur, die in ihrer modernen Form im 18. Jahrhundert entstand und den Heiligen ablöste, ist zu einem reinen Marketinginstrument geworden. Und gleichzeitig wurde es banalisiert, "verdrängt von einer Kultur der Berühmteit, die keinen Unterschied macht zwischen einem Genie im Fußball, in der Mode, der Geschäftwelt oder der Küche. In allen Bereichen gibt es brillante und kreative Menschen, die den Medien gerade recht kommen." Tja, aber vielleicht sind sie ja tatsächlich genial!
Stichwörter: Genie, McMahon, Darrin M.

Magazinrundschau vom 08.03.2016 - Telerama

Weronika Zarachowicz porträtiert den amerikanischen Philosophen Matthew B. Crawford, der sich in recht pragmatischer Weise Gedanken über unsere qua Informationsflut zerstückelte Aufmerksamkeit macht und nach Gegenmitteln sucht. Selbstdisziplin (nicht an der der roten Ampel Mails lesen!) reicht nicht. Er schlägt vor, eine Art Ökologie des Bewusstseins und ein neues Verhältnis zu den Gegenständen zu entwickeln: Man solle "Aktivitäten entwickeln, die unsere Aufmerksamkeit strukturieren und uns zwingen, aus uns herauszutreten. Handarbeit wäre ein Beispiel, ein Musikinstrument oder eine Fremdsprache lernen... Sie leiten uns durch die Konzentration, die sie erzwingen, durch ihre inneren Regeln. Sie setzen uns Widerstände und die kleinen Frustrationen der Wirklichkeit entgegen. Sie erinnern uns daran, dass wir 'verortet', durch unsere Umwelt konditioniert sind und genau auf diesem Weg Handlungsfreiheit und Selbstverwirklichung erreichen."

Magazinrundschau vom 01.03.2016 - Telerama

Das Blog delibere.fr präsentiert einige unbekannte Fotos des späten Trotzki kurz vor seinem Tod, aufgenommen vom befreundeten Ehepaar Rosmer. René Solis porträtiert auf delibere.fr Seva Volkov, den Enkelsohn Trotzkis und letzten überlebenden Zeugen seiner Ermordung, der noch einige Jahrzehnte in Trotzkis Haus in Mexiko Stadt weiterlebte, bis es zu einem Museum umfunktioniert wurde. Gilles Walusinski stellt die Fotos vor. Auch Jérémie Maire betrachtet die Fotos in Télérama: "Man sieht die Einsamkeit Trotzkis. Nur einige wenige Pereonen umgeben ihn, seine Frau, Freunde, sein Enkel. Man sieht auch seine Angst, die Leibwächter mit ihren Patronengürteln. Und die Herausforderung, trotz allem zu überleben, während in Europa der Krieg ausbricht. Trotzki sagt es in seinen Schriften: Er weiß, dass seine Tage gezählt sind. Er ist für Stalin kein nützlicher Gegner mehr."

Magazinrundschau vom 09.02.2016 - Telerama

"Wir sehen in Europa die Vorzeichen eines Anwachsens der extremen fundamentalistischen Rechten, die wir auch schon in unserem eigenen Land miterlebt haben", erklärt die algerische Soziologin Marieme Helie Lucas in einem Gespräch mit Telerama. Nach den Ereignissen von Köln warnt sie, die Aggressionen gegen Frauen brächten den Aufstieg eines islamischen Fundamentalismus zum Ausdruck, der nichts anderes sei als eine neue Form des Rechtsextremismus. Ein Hauptproblem bleibe dabei das "tödliche Unvermögen" der europäischen Linken, die Frauenrechte gegen jedwede Agression zu stützen, ganz gleich, aus welcher Ecke sie käme. "Das rührt von der Unfähigkeit der Linken her, ihre Theorie vom 'Hauptfeind' - dem amerikanischen Imperialismus - neu zu formulieren; das wäre jedoch notwendig angesichts des Risikos, vom 'Zweitfeind' überrollt zu werden - dem bewaffneten Fundamentalismus. Daraus resultiert eine skandalöse Rechtehierarchie, in der die der Frauen auf der untersten Skala liegen, unter den Rechten von Minderheiten sowie religiösen und kulturellen Rechten."

Magazinrundschau vom 02.02.2016 - Telerama

Louis Guichard unterhält sich ausführlich und lehrreich mit dem Schauspieler Omar Sy, der auf einen Schlag durch seine Rolle in "Ziemlich beste Freunde" berühmt wurde und nun in Hollywood lebt. Er spricht über seine Jugend in der Banlieue in einer Dreizimmer-Sozialwohnung mit sieben Geschwistern und über Rassismus in den USA und Frankreich, den er als virulent in beiden Ländern und zugleich völlig unterschiedlich wahrnimmt. Und für die Schwarzen in beiden Ländern sei "der Bezug zu Afrika ganz und gar anders. Die Amerikaner entdecken Afrika durch Bilder oder Filme. Es ist abstrakt. Manchmal gibt es bei ihnen auch eine Verleugnung der afrikanischen Abstammung. Ich dagegen habe viele Sommer in Mali und Mauretanien verbracht. Meine Eltern schickten uns alle zwei Jahre dahin, es gab die A-Mannschaft und die B-Mannschaft... Meine schwarzen Freunde in Amerika sind sehr neugierig auf meine Afrika-Erfahrung."