Magazinrundschau - Archiv

La regle du jeu

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Magazinrundschau vom 17.12.2019 - La regle du jeu

In Nigeria findet vor den Augen einer wie stets indifferenten Weltöffentlichkeit ein Morden statt, über das Bernard-Henri Lévy in der Pariser Zeitschrift Paris Match berichtet (online steht sein Text in La Règle du Jeu). Milizen der Fulani, auch Peul genannt, richten - immer mit einem Koran-Vers auf den Lippen - entsetzliche Massaker an Christen des Landes an, besonders im "Mittelgürtel" des Landes, dessen Regionen den Norden vom Süden trennen. Armee und Polizei greifen nicht ein: "'Wer sollte sich darüber wundern', fragt Dalyop Solomon Mwantiri, einer der wenigen Anwälte der Region, die sich für die Opfer einsetzen. Der Generalstab der nigerianischen Armee gehört selbst den Fulani an. In der Verwaltung gibt es starke Gruppen von Fulani. Und Präsident Mohammadu Buhari, diese afrikanische Mischung aus Erdogan und Mohammed Bin Salman, der das Land schon von 1983 bis 85 nach einem Staatstreich regierte und der heute dank der Subventionen aus Ankara, Katar und der Chinesen überlebt, ist selbst ein Fulani."

Magazinrundschau vom 12.11.2019 - La regle du jeu

Aufruf an den Hanser-Verlag oder sonst an alle anderen Verlage: diese Philip-Roth-Erinnerung des New-Yorker-Autors Adam Gopnik ist ein Text von erhabener Leichtigkeit und Tiefe. Er reicht vielleicht nicht ganz für ein Büchlein, aber zusammen mit ein paar älteren Kritiken wird's schon gehen. Man spürt, dass Gopnik sich an seinem Gegenstand vielleicht nicht messen, aber doch zumindest nicht vor ihm versagen wollte. Den Rahmen bildet ein offenbar amerika-typisches Reste-Essen nach Thanksgiving, ein informeller Abend also, wo alles, was man für den Abend zuvor zubereitet hatte, noch viel besser schmeckt und die Unterhaltung viel lockerer ist. Man erfährt vieles in diesem Text, etwa über Roth' Verhältnis zu John Updike, seinen jüdischen Lieblingswitz und was er über Woody Allen dachte (das ist ungerecht, nichts Gutes). Und man erfährt, wie sehr es ihn quälte, den Nobel-Preis nicht erhalten zu haben, den ihm eine sadistische Jury bis zuletzt vorenthielt. In seinen letzten Tagen erfuhr er, dass ein Amerikaner den Nobelpreis erhalten würde. Gopnik und er waren an diesem Abend verabredet. Und nachdem der Name gefallen war - Bob Dylan! -, hatte Gopnik große Angst vor diesem Termin. "Aber ich würde ihn natürlich wahrnehmen, mir blieb ja nichts übrig. Ich stieß die Tür auf. Er hatte sie angelehnt gelassen, weil seine Wirbelsäule ihm zu schaffen machte. Ich begrüßte ihn mit lauter Stimme. 'Adam, antwortete er mir, ich habe eine große Neuigkeit.' 'Ah, was denn?' 'Ich werde in die Rock'nRoll Hall of Fame aufgenommen!' Ich war so überrascht, dass ich lachen musste. Natürlich hatte er diesen Witz vorbereitet… und Stunden später fand er eine Alternative für andere Freunde. 'Ich bin sehr enttäuscht, das muss ich sagen. Ich hatte auf Peter, Paul and Mary gesetzt.'" Hier Teil 2 und Teil 3 des langen Textes.
Stichwörter: Roth, Philip, Allen, Woody

Magazinrundschau vom 13.08.2019 - La regle du jeu

Der Attentäter von El Paso verfocht die rechtsextreme, übrigens zuerst in Frankreich ausgedachte Verschwörungstheorie des "Bevölkerungsaustauschs". Welch eine bittere Ironie der Geschichte, schreibt David Isaac Haziza, wenn man die Geschichte des Staates Texas betrachtet. Hier hatten zunächst die Spanier die Ureinwohner "ausgetauscht", nach deren Wort für "Freundschaft" Texas bis heute benannt ist. Dann ließen die Spanier zu, dass ein paar versprengte Siedler aus dem Norden hinzuzogen, meist Protestanten. Aber die wurden immer mehr. Und "da sich eine Mehrheit der Texaner den Vereinigten Staaten anschließen wollte und der Expansionismus der letzteren so auf seine Kosten kam, annektierte man 1844 die ephemere Republik von Texas, aus der im folgenden Jahr ein neuer Bundesstaat wurde. Zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko, das sich von seinem Nachbarstaat verraten sah..., war der Krieg unvermeidlich, und dies um so mehr als die Vereinigten Staaten darin das Mittel erblickten, sich weitere mexikanische Territorien einzuverleiben, etwa das vielversprechende Kalifornien."
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Magazinrundschau vom 02.07.2019 - La regle du jeu

Die Intervention des Westens im Irak mag ein Desaster gewesen sein, die Nicht-Intervention in Syrien war es um so mehr, auch wenn es niemanden hinter dem Ofen hervorlockt. Der Artikel von Gilles Hertzog über den Krieg der Kurden und Iraker gegen den "Islamischen Staat" ist geeignet, einem die Schamesröte ins Gesicht zu treiben, und sei es nur, weil man es den zumeist kurdischen "Proxies" überließ, Daech zu bekämpfen und ihnen dann wieder einmal nicht die geringste Unterstützung bei ihren Unabhängigkeitsbestrebungen zukommen ließ. Hertzog bezieht sich im übrigen auf die Kritik des französischen Obersts François-Régis Legrier an der "Proxie"-Strategie: "Sein Abschlussbericht zur Mission, der zuerst von der Revue défense nationale publiziert und dann wieder zurückgezogen wurde, hat ihm einen Ordnungsruf und ein Blacklisting der militärischen Obrigkeit eingebracht. Oberst Legrier warf der auf Vorortkämpfern basierenden westlichen Kriegsführung vor, dass sie drei lange Jahre in Anspruch nahm, ohne dass das Kalifat auch nur im geringsten aus dem Territorium zurückgedrängt wurde und dass man den Terroristen also während dieser ganzen langen Zeit Zugriff auf die gequälte Zivilbevölkerung ließ, und schließlich, dass man im Moment der so späten Abschlussoffensive eine unermessliche Zerstörung der von Daech gehaltenen Städte durch die Luft- und Artillerieangriffe zuließ. Denn die Proxies, die vor Ort kämpfenden Einsatzkräfte, hatten nicht die Ausbildung und die Mittel, sie durch Häuserkampf zu erobern, während sich Fremdenlegionäre und ihre britischen und amerikanischen Pendants als kriegerische Profis genau hierfür bestens geeignet hätten. Ergebnis: Mossul und Raqqa sind zu 90 Prozent zerstört. Um von den Tausenden Zivilisten zu schweigen, die nicht durch Daech getötet wurden, sondern weil sie zwischen dem Beschuss beider Seiten in der Falle saßen."

Magazinrundschau vom 21.05.2019 - La regle du jeu

Kaum zu glauben, aber die Mitterrand-Idolatrie ist in Frankreich nicht totzukriegen. Raphaël Glucksmann, der Sohn des großen André Glucksmann, ist in die Politik gegangen und kandidiert für eine gemeinsamen Liste mit den Sozialisten in den Europa-Wahlen. Aber er ist auch Ko-Autor eines Films über den Genozid in Ruanda und ein scharfer Kritiker der französischen Rolle in dieser finsteren Angelegenheit - und ganz besonders François Mitterrands, der sich auch hier als der Zyniker erwies, den er nur notdürftig hinter seinem großartigen Gebaren versteckte. Jüngst hat Glucksmann seine Vorwürfe gegen Mitterrand bekräftigt und erhielt glatt einen offenen Brief von Überlebenden der Mitterrandie in der abgewirtschafteten Sozialistischen Partei - von Edith Cresson bis Jack Lang. In La Règle du Jeu, Bernard-Henri Lévys Blog, tritt David Gakunzi Glucksmann zur Seite: "Wer hat gesagt, 'in diesem Land ist ein Völkermord nicht so von Belang'? Mitterrand. Und wer hat gesagt, 'in dieser Art Konflikt geht es nicht um die Suche nach Guten und Bösen, es handelt sich durchweg um potenzielle Killer'? Wieder der Mann von Solutré. Die Konsequenzen seiner Politik in der Region waren desaströs und haben bis heute Auswirkungen. Und für das Bild Frankreichs in Afrika sind diese Konsequenzen auf Dauer vernichtend."

Der Genozid von Ruanda wird in La Règle du Jeu immer wieder thematisiert, auch von BHL selbst, der die unselige Rolle Frankreichs klar benennt. So viel vielleicht auch zur Nuancierung eines Artikels von Jürg Altwegg in der FAZ, der jüngst behauptete, dass die antitotlitären Intellektuellen in Frankreich den Genozid seinerzeit ignorierten. "Der Schriftsteller Jean Hatzfeld glaubt", so Altwegg, "dass die jüdischen Intellektuellen einen Genozid, der mit der Schoa vergleichbar wäre, schlicht nicht anerkennen wollten."

Hier Glucksmanns Film:

Magazinrundschau vom 14.05.2019 - La regle du jeu

Bernard Henri Lévy erzählt in einem längeren Text von einer Begegnung mit Viktor Orban, der allerdings auch im Gespräch mit ihm ziemlich genau die erwartbaren Dummheiten sagt. Interessanter ist die Beschreibung, die Lévy von ihm gibt, denn er kennt Orban schon seit 1990. Begegnet war Levy ihm, weil er für François Mitterrand einen Bericht über den Umbruch in den mitteleuropäischen Länder machte. "Zu jener Zeit war er eine der funkelndsten Figuren der Opposition, die gerade über die sowjetische Ordnung gesiegt hatte. Er hatte jüngst eine Studie über das Polen der Solidarnosc vorgelegt, die er dank eines Stipendiums von George Soros anfertigen konnte. Eine Rede auf dem Heldenplatz in Budapest, die er Imre Nagy widmete, dem Märtyrer des Aufstands vom Oktober 1956, hatte ihn berühmt gemacht. Nun steht er da - dreißig Jahre haben ihn verwandelt - wie ein feister Provinzgouverneur mit dem Körper eines Catchers in Rente, eine Art Putin ohne die Muskeln, mit einer fast unmerklichen Traurigkeit im Blick." Auf englisch ist Lévys Artikel in Atlantic nachzulesen.

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - La regle du jeu

Mit Faszination bespricht Baptiste Rossi das Buch "Les ingénieurs du chaos" (hier französisch, hier italienisch) des Politologen und Politikberaters Giuliano Da Empoli, der einst für Matteo Renzi arbeitete und den Politikbetrieb von innen kennt. Da Empoli stellt jene "Ingenieure des Chaos" vor, die etwa für den Brexit Facebook-Kampagnen erfanden, um die Wählerschaft gegen ihr Wissen zu beeinflussen. Alle kommen vor, von Arthur Finkelstein über Steve Bannon bis David Cummings, der maßgeblich für die Brexit-Kampagne arbeitete. Das höchste Stadium hat diese Art politischen Nerdtums allerdings in Italien erreicht, so Rossi: "Die Geschichte der Fünf Sterne ist wahrhaft unfassbar. Denn hinter den clownesken Politikern... versteckt sich ein Ingenieur, Gianroberto Casaleggio. Hier erreichen wir eine Umkehrung des Verhältnisses von Technik und Politik: Finkelstein, Cummings oder Bannon, das ist noch die Basis im Dienst des Überbaus, die Maschinerie im Dienste der Ideologie. Hier ist es quasi umgekehrt. Casaleggio sucht sich einen Clown, Beppe Grillo, aus den Provinzsälen, wo er gerade gescheitert war, um aus ihm den Paravent, das Schaufenster, den Pinocchio zu machen, dessen Demiurg er ist."

Magazinrundschau vom 26.03.2019 - La regle du jeu

Roberto Saviano ist in Italien eine einsame und doch viele Bürger motivierende Stimme der Kritik an der linksrechtspopulistischen Regierung. Laurent David Samama erzählt, wie Saviano den Zorn des Lega-Nord-Chefs Matteo Salvini erregte, der ihn nun wegen eines Tweets mit Prozessen überzieht. Aber Saviano äußert sich immer wieder in Videos gegen die drakonische Flüchtlingspolitik Salvinis. Auf Twitter gibt es inzwischen eine Soli-Bewegung unter dem Hashtag #iostoconsaviano. Und die Gegenseite zeigt, dass sie bereit ist, sehr weit zu gehen - etwa durch kompromittierende Artikel wie in dem Magazin Panorama: "Nicht nur dass die 'Recherchen' gegen Saviano die Finanzen des Autors offenlegen und ihn diabolisieren, man gibt vor allem Hinweise auf seine Wohnsitze, den Namen seiner Sekretärin und seiner Jugendfreunde sowie eine Menge Details über seine Gewohnheiten und seine Verbindung zur jüdischen Tradition. Unmöglich, darin nicht eine Einladung an die Schergen der Mafia zu sehen. Und man muss nur ein bisschen graben, um den Ursprung dieser Gehässigkeit zu finden. Das Wochenmagazin Panorama, das einst zu Mondadori, also Berlusconi gehörte, ist von der rechtspopulistischen Zeitung La Verità gekauft worden. Man muss nur einige Zeilen lesen, um die ideologische Nähe zu Salvinis Lega Nord zu spüren."

Magazinrundschau vom 02.10.2018 - La regle du jeu

Jean-François Pigoullié liefert eine lange, keineswegs nur positive Exegese der Serie "The Handmaid's Tale" nach dem Bestseller von Margaret Atwood, einer Parabel auf ein steriles evangelikales Amerika, in dem die Hauptfigur June als Gebärsklavin für die unfruchtbaren Herren gehalten wird. Pigoulliés Text kulminiert in einer Hommage auf Elisabeth Moss: "Die Eröffnungsszene sagt alles über die Entschlossenheit der June: Wer ihrem inneren Monolog zuhört, versteht, dass sie sich in ihre Erinnerungen versenkt, um eine Form des Widerstands gegen ihre Unterdrückung zu finden. In einem totalitären Regime, das ihre kleinsten inneren Regungen ausspioniert, gibt der Zwang, ihre Gedanken zu verstecken, Elisabeth Moss die Chance, ihr ganzes Talent zu zeigen: Bemerkenswert, wie sie eine ganze Skala von Hintergedanken ausdrückt, die in kompletten Gegensatz zu dem stehen, was ihr Mund sagt. Die Kluft zwischen ihrem Blick und ihrem Mund ist das hervorstechendste Merkmal ihres Spiels."

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - La regle du jeu

Nicht dass es sich um eine wirklich wichtige Figur in der französischen Debatte handelt, aber Bernard Schalschas Porträt über die "Souverainistin" Natacha Polony sagt einiges über den Zustand der Debatte in Frankreich selbst aus. Polony war immerhin ständige Kommentatorin der in Frankreich extrem populären Talkshow "On n'est pas couché". Nun soll sie Chefredakteurin des Magazins Marianne werden, das in die Hände des tschechischen Oligarchen Daniel Kretinsky gefallen ist. Als "Souverainistin" gehört Polony verschwörungstheoretischen Kreisen an, die gar nicht mehr so leicht der Rechten oder Linken zuzurechnen sind. "Die ehemalige Figaro-Journilistin ist auch Präsidentin des Denkzirkels Les Orwelliens. Dieser beim Publikum wenig bekannte Kreis stellt sich so dar: 'Seinerzeit sahen die Lesern in '1984' eine Kritik der Nazi- und Sowjetregime. Bei der heutigen Neulektüre haben wir den Einruck einige Züge unserer eigenen Epoche wiederzufinden. Wie in '1984' hat der Zugriff einiger Interessengruppen auf die großen Medien zu einer Kontrolle der Information und der Marginalisierung alternativer Ideen geführt...' Der Bezug auf Orwell ist in der extremen Rechten und der Ultralinken heute sehr populär. Man verzerrt den ursprünglichen Sinn des berühmten Buchs und versucht, daraus eine Waffe gegen die westlichen Demokratien zu schmieden, indem man behauptet, unsere Gesellschaft ähnele einem totalitären Regime."