Magazinrundschau - Archiv

La regle du jeu

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Magazinrundschau vom 14.05.2019 - La regle du jeu

Bernard Henri Lévy erzählt in einem längeren Text von einer Begegnung mit Viktor Orban, der allerdings auch im Gespräch mit ihm ziemlich genau die erwartbaren Dummheiten sagt. Interessanter ist die Beschreibung, die Lévy von ihm gibt, denn er kennt Orban schon seit 1990. Begegnet war Levy ihm, weil er für François Mitterrand einen Bericht über den Umbruch in den mitteleuropäischen Länder machte. "Zu jener Zeit war er eine der funkelndsten Figuren der Opposition, die gerade über die sowjetische Ordnung gesiegt hatte. Er hatte jüngst eine Studie über das Polen der Solidarnosc vorgelegt, die er dank eines Stipendiums von George Soros anfertigen konnte. Eine Rede auf dem Heldenplatz in Budapest, die er Imre Nagy widmete, dem Märtyrer des Aufstands vom Oktober 1956, hatte ihn berühmt gemacht. Nun steht er da - dreißig Jahre haben ihn verwandelt - wie ein feister Provinzgouverneur mit dem Körper eines Catchers in Rente, eine Art Putin ohne die Muskeln, mit einer fast unmerklichen Traurigkeit im Blick." Auf englisch ist Lévys Artikel in Atlantic nachzulesen.

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - La regle du jeu

Mit Faszination bespricht Baptiste Rossi das Buch "Les ingénieurs du chaos" (hier französisch, hier italienisch) des Politologen und Politikberaters Giuliano Da Empoli, der einst für Matteo Renzi arbeitete und den Politikbetrieb von innen kennt. Da Empoli stellt jene "Ingenieure des Chaos" vor, die etwa für den Brexit Facebook-Kampagnen erfanden, um die Wählerschaft gegen ihr Wissen zu beeinflussen. Alle kommen vor, von Arthur Finkelstein über Steve Bannon bis David Cummings, der maßgeblich für die Brexit-Kampagne arbeitete. Das höchste Stadium hat diese Art politischen Nerdtums allerdings in Italien erreicht, so Rossi: "Die Geschichte der Fünf Sterne ist wahrhaft unfassbar. Denn hinter den clownesken Politikern... versteckt sich ein Ingenieur, Gianroberto Casaleggio. Hier erreichen wir eine Umkehrung des Verhältnisses von Technik und Politik: Finkelstein, Cummings oder Bannon, das ist noch die Basis im Dienst des Überbaus, die Maschinerie im Dienste der Ideologie. Hier ist es quasi umgekehrt. Casaleggio sucht sich einen Clown, Beppe Grillo, aus den Provinzsälen, wo er gerade gescheitert war, um aus ihm den Paravent, das Schaufenster, den Pinocchio zu machen, dessen Demiurg er ist."

Magazinrundschau vom 26.03.2019 - La regle du jeu

Roberto Saviano ist in Italien eine einsame und doch viele Bürger motivierende Stimme der Kritik an der linksrechtspopulistischen Regierung. Laurent David Samama erzählt, wie Saviano den Zorn des Lega-Nord-Chefs Matteo Salvini erregte, der ihn nun wegen eines Tweets mit Prozessen überzieht. Aber Saviano äußert sich immer wieder in Videos gegen die drakonische Flüchtlingspolitik Salvinis. Auf Twitter gibt es inzwischen eine Soli-Bewegung unter dem Hashtag #iostoconsaviano. Und die Gegenseite zeigt, dass sie bereit ist, sehr weit zu gehen - etwa durch kompromittierende Artikel wie in dem Magazin Panorama: "Nicht nur dass die 'Recherchen' gegen Saviano die Finanzen des Autors offenlegen und ihn diabolisieren, man gibt vor allem Hinweise auf seine Wohnsitze, den Namen seiner Sekretärin und seiner Jugendfreunde sowie eine Menge Details über seine Gewohnheiten und seine Verbindung zur jüdischen Tradition. Unmöglich, darin nicht eine Einladung an die Schergen der Mafia zu sehen. Und man muss nur ein bisschen graben, um den Ursprung dieser Gehässigkeit zu finden. Das Wochenmagazin Panorama, das einst zu Mondadori, also Berlusconi gehörte, ist von der rechtspopulistischen Zeitung La Verità gekauft worden. Man muss nur einige Zeilen lesen, um die ideologische Nähe zu Salvinis Lega Nord zu spüren."
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Magazinrundschau vom 02.10.2018 - La regle du jeu

Jean-François Pigoullié liefert eine lange, keineswegs nur positive Exegese der Serie "The Handmaid's Tale" nach dem Bestseller von Margaret Atwood, einer Parabel auf ein steriles evangelikales Amerika, in dem die Hauptfigur June als Gebärsklavin für die unfruchtbaren Herren gehalten wird. Pigoulliés Text kulminiert in einer Hommage auf Elisabeth Moss: "Die Eröffnungsszene sagt alles über die Entschlossenheit der June: Wer ihrem inneren Monolog zuhört, versteht, dass sie sich in ihre Erinnerungen versenkt, um eine Form des Widerstands gegen ihre Unterdrückung zu finden. In einem totalitären Regime, das ihre kleinsten inneren Regungen ausspioniert, gibt der Zwang, ihre Gedanken zu verstecken, Elisabeth Moss die Chance, ihr ganzes Talent zu zeigen: Bemerkenswert, wie sie eine ganze Skala von Hintergedanken ausdrückt, die in kompletten Gegensatz zu dem stehen, was ihr Mund sagt. Die Kluft zwischen ihrem Blick und ihrem Mund ist das hervorstechendste Merkmal ihres Spiels."

Magazinrundschau vom 11.09.2018 - La regle du jeu

Nicht dass es sich um eine wirklich wichtige Figur in der französischen Debatte handelt, aber Bernard Schalschas Porträt über die "Souverainistin" Natacha Polony sagt einiges über den Zustand der Debatte in Frankreich selbst aus. Polony war immerhin ständige Kommentatorin der in Frankreich extrem populären Talkshow "On n'est pas couché". Nun soll sie Chefredakteurin des Magazins Marianne werden, das in die Hände des tschechischen Oligarchen Daniel Kretinsky gefallen ist. Als "Souverainistin" gehört Polony verschwörungstheoretischen Kreisen an, die gar nicht mehr so leicht der Rechten oder Linken zuzurechnen sind. "Die ehemalige Figaro-Journilistin ist auch Präsidentin des Denkzirkels Les Orwelliens. Dieser beim Publikum wenig bekannte Kreis stellt sich so dar: 'Seinerzeit sahen die Lesern in '1984' eine Kritik der Nazi- und Sowjetregime. Bei der heutigen Neulektüre haben wir den Einruck einige Züge unserer eigenen Epoche wiederzufinden. Wie in '1984' hat der Zugriff einiger Interessengruppen auf die großen Medien zu einer Kontrolle der Information und der Marginalisierung alternativer Ideen geführt...' Der Bezug auf Orwell ist in der extremen Rechten und der Ultralinken heute sehr populär. Man verzerrt den ursprünglichen Sinn des berühmten Buchs und versucht, daraus eine Waffe gegen die westlichen Demokratien zu schmieden, indem man behauptet, unsere Gesellschaft ähnele einem totalitären Regime."

Magazinrundschau vom 19.06.2018 - La regle du jeu

Dominique Godrèche unterhält sich mit dem Anthropologen Marc Augé über seine Anthropologie des Augenblicks "Bonheurs du jour. Darin geht es weniger um „das“ Glück als solches, dessen Definitionsversuche er für ambitiös und naiv hält, sondern um jene kurzen, einprägsamen Glücksmomente, die er als „Glücksgefühle trotz alledem“ bezeichnet. „Diese intensiven Momente, die sich im Gedächtnis verankern, kommen in bestimmten Momenten wieder zum Ausdruck und markieren die Erinnerung. Wenn man etwa im Krankenhaus liegt, denkt man bedauernd an die Zeit, in der man rausgehen und irgendwo einen Kaffee trinken konnte. Einfache Dinge, aber man empfindet doch den Preis, sobald man sie entbehrt, und dass sie zum Gang der Zeit in Beziehung stehen - in der Erinnerung oder im Blick auf die Zukunft - oder zum Raum, sobald man sich an bestimmten Orten befindet. Das scheint mir viel wichtiger zu sein, als all die Studien über Bedingungen des Glücks in den Untersuchungen der UNO.“"
Stichwörter: Auge, Marc, Glück, Krankenhaus

Magazinrundschau vom 24.10.2017 - La regle du jeu

In einem ebenso unterhaltsamen wie klugen Essay denkt Nathan Naccache anlässlich der Weinstein-Affäre über unsere Definitionen von Verführung und sexueller Belästigung nach, die bisweilen näher beieinanderlägen, als vielleicht angenommen. Die Frage, ob unsere Vorstellung von Verführung in einer Krise sei, beantwortet er mit einem Verweis auf zwei Passagen aus Büchern von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, in denen es jeweils um Verführung geht. Zu de Beauvoirs Romanszene schreibt er: "Eine Verführungsszene ganz neuer Art. Hier geht es nicht mehr darum, den anderen zu überzeugen, Begehren in ihm zu wecken, ein 'Ja' oder 'Nein' aufzuwerfen, sondern ein bereits existierendes Begehren erkennen zu lassen, ein stummes 'Ja' in eine vollendete Einladung zu übertragen. Dies ist eine hermeneutische Aufgabe, eine der Interpretation, in der die begehrte Person nicht mehr als Ziel einer Eroberung betrachtet wird, sondern als Pol eines Gespinstes aus Lüsten. Hier herrscht nicht mehr die Dialektik zwischen Ja und Nein, sondern die zwischen verschleiertem Begehren und zaghafter Annäherung. Wir haben in dieser Passage möglicherweise das Bild, dass es eine erotische Vorstellungswelt gibt, in der Verführung und sexuelle Belästigung vollständig voneinander getrennt sind. Und somit zweifellos die Antwort auf unsere besorgten Fragen gefunden."

Magazinrundschau vom 01.08.2017 - La regle du jeu

Am Sonntag schrieb Nick Cohen in seiner Observer-Kolumne über Anne Marie Waters, eine Kritikerin des Kopftuchs, die ins Ukip-Lager abgedriftet ist (wo man sie fürchtet, weil man sich mit den Muslimen nicht anlegen will, unser Resümee). Ergänzend dazu sei Charlotte Lebretons Porträt der Komikerin Océanerosemarie empfohlen, das zeigt, dass im rotbraunen Sumpfgelände zwischen ganz links und ganz rechts auch Platz ist für Feministinnen aus dem postkolonialen Lager. Océanerosemarie (alias Océane Michel), die gerade eine harmlose lesbische Liebeskomödie ins Kino brachte, bekannte nicht nur mehrfach, dass sie "nicht Charlie" sei, sie solidarisierte sich auch mit dem "Collectif contre l'islamophobie en France" (CCIF), zu dem mehrere islamistische Figuren gehören. Und sie steht den "Indigènes de la République" nahe, einer postkolonialistischen Partei, die den anti-säkularen Diskurs auf die Spitze treibt: "Seitdem hat sie an mehreren Ereignissen im Umkreis der Indigènes teilgenommen, vor allem der 2017 gestarteten Online-Sendung 'Paroles d'Honneur', die von dem verschwörungstheoretischen rechtsextremen 'Cercle Des Volontaires' unterstützt wird. Die Lust, subversiv zu sein und den ewigen 'Herrschenden' eins auszuwischen, lassen sie sogar den 'Antizionismus' des ehemaligen Humoristen Dieudonné unterstützen, der zu einem Propagandawerkzeug der Iraner und Komplizen des Antisemiten Soral geworden ist. Als sie bei Canal Plus auf den Franko-Kameruner und seinen Satz 'ich fühle mich als Charlie Coulibaly' angesprochen wird, erklärt sie ohne Zögern: 'Er ist an diese Grenze gegangen um zu sagen 'wenn ihr (Charlie Hebdo, d.Red.) eure Witze macht, ist es Humor, und bei uns ist es gleich Verteidigung des Terrorismus'. Das ist doch nicht uninteressant."

Magazinrundschau vom 04.07.2017 - La regle du jeu

Bernard-Henri Lévy gibt in einem seiner atemlosen Texte ohne Punkt und Komma Auskunft über seine jüngsten Lektüren, darunter - zum Wiederlesen empfohlen - Michel Foucaults Vorlesungsbuch "Il faut défendre la société", in dem BHL die Ursprünge eines rassistischen Denkens der Linken bloßgelegt sieht (für das auch Marx mit verantwortlich sei). Und er empfiehlt Laurent Neumanns ganz frisches Buch "Les dessous de la campagne" über den Präsidentschaftswahlkampf 2017, das ihn zu einer kleinen Hommage auf Manuel Valls anregt: "Die begeisternde Persönlichkeit dieses Buchs ist in meinen Augen der ehemalige sozialistische Premierminister. Wir sehen, wie er die 'Republik' verteidigt. Für den 'Laizismus' plädiert. Wir sehen ihn, eingeschnürt von seinen Feinden, bedrängt von seinen Freunden, wie er es mit Gegnern aufnimmt, den Burkini bekämpft, den Antifeminismus und Schwulenfeindlichkeit der 'Indigènes de la République' verurteilt und von einer Welt träumt, in der Juden sich nicht mehr ängstigen und die Muslime nicht mehr schämen müssen."

Magazinrundschau vom 22.11.2016 - La regle du jeu

Eine "große antidemokratische Regression" diagnostiziert Bernard-Henri Lévy im Gespräch mit La Stampa - online bei La Règle du Jeu. Die Wahl Donald Trumps ist der bisherige Höhepunkt  dieser Symptomatik. Auf den Einwand, dass Trump demokratisch gewählt worden sei, antwortet er: "Na und? Die Demokratie besteht nicht nur aus Wahlen, sondern auch aus Werten. Demokratie ist eine Gesellschaftsordnung, eine Beziehung zur Welt. Man kann diese Weltsicht auch mit den Mitteln der Demokratie verabschieden. Man kann die Demokratie demokratisch liquidieren. Das hat uns das amerikanische Wahlvolk gesagt, das ist das, was wir miterlebt haben: eine Selbstliquidierung der Demokratie mit demokratischen Mitteln. "