Magazinrundschau

Struktur ist Inhalt, Geometrie ist alles

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
09.02.2010. England, nicht Nigeria gehört auf eine Liste mit Terrorstaaten, ruft der nigerianische Nobelpreisträger für Literatur, Wole Soyinka, in The Daily Beast. In Prospect bittet Tim Berners-Lee: Spielt mit unseren Daten! In Rue 89 erklärt Beppe Grillo, warum er Sarkozy gefährlicher findet als Berlusconi. In Tygodnik Powszechny trauert Stefan Chwin um die polnischen Idealisten. In The Nation erklärt Lawrence Lessig blitzklar, warum Großspenden den Parlamentarismus zerstören. Polityka erzählt, an wen ein Pole sich wendet, wenn er nicht heiraten darf. In Salon spaziert Olga Tokarczuk mit einem Weichselzopf durch Amsterdam. Der Guardian denkt an armenische Frauen, die ihre nackten weichen Brüste an einem Stein reiben.

Daily Beast (USA), 31.01.2010

"England ist eine Jauchegrube", ruft der nigerianische Nobelpreisträger Wole Soyinka im Interview mit Tunku Varadarajan. Er ist empört, dass Nigeria nach dem Attentatsversuch des Unterhosenbombers Omar Farouk Abdulmutallab auf der Liste für terroristische Länder gelandet ist. "'Das war eine irrationale, reflexhafte Handlung der Amerikaner. Der Mann wurde nicht in Nigeria zum Radikalen, sondern in England, wo er auf die Universität ging.' (...) In Soyinkas Augen liegen die Wurzeln der jetzigen Phase religiöser Aueinandersetzung - die Blutbäder in Nigeria eingeschlossen - in der Fatwa des Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie 1989. 'Alles begann damit, dass er die Macht über Leben und Tod eines Schriftstellers beanspruchte. Dass war die Wasserscheide zwischen doktrinärer Aggression und physischer Aggression. Das war eine Eskalation. Der Anspruch auf die Macht über Leben und Tod ging dann über auf jeden einzelnen unbedeutenden Muslim in der Welt - als ob jemand ihnen eine neue Statur verliehen hätte.'" In der Times hat Soyinka seine Thesen noch etwas näher ausgeführt und mit eigenen Erfahrungen in England angereichert.
Archiv: Daily Beast

Prospect (UK), 27.01.2010

Auf der Website data.gov.uk veröffentlicht die britische Regierung öffentlich erhobene Daten - zur Lektüre und Nutzung für jedermann. Es handelt sich dabei ausschließlich um nicht-persönliche, also datenschutzrechtlich unbedenkliche Informationen über Sachen wie, so die Website, "Listen von Schulen, Kriminalitätsraten oder die Leistung von Stadträten". Rund einen Monat nach dem Launch der Seite findet man bereits Apps über Parkmöglichkeiten und ähnliche Dinge. Prospect erzählt in der Titelgeschichte (leider bislang nicht online), wie es zu dieser weltweit bisher einzigartigen Transparenzmaßnahme kam. Der entscheidende Berater dabei war Tim Berners-Lee, wichtigste Gründungsfigur des World Wide Web. Ein Interview, das Prospect mit ihm geführt hat, ist online. Er erklärt darin: "Was die Leute am Internet verblüfft, ist die Tatsache, dass man nie weiß, wie das, was man online stellt, am Ende benutzt wird... Das Phänomen der Serendipität, der Unvorhersehbarkeit also... Bei Daten war das bislang oft nicht so, denn Daten an und für sich sind erst einmal eine verzweifelt langweilige Sache. Wenn man Daten aber auswertet und zusammenstellt, dann kann man zu gewaltigen neuen Einsichten gelangen; deshalb war es nicht so schwer, den Regierenden den Nutzen einer Veröffentlichung zum allgemeinen Gebrauch deutlich zu machen."
Archiv: Prospect

Rue89 (Frankreich), 07.02.2010

In einem Interview spricht der italienische Komiker und Politik-Kritiker Beppe Grillo über seine Verbannung aus dem italienischen Fernsehen und sein Blog, das sich in den letzten Jahren zu einem der populärsten Italiens entwickelt hat. Obwohl er glaubt, dass jeder Italiener ein wenig Berlusconi in seiner DNA habe, denkt er nicht wirklich, dass Berlusconi überhaupt existiert. "Er ist nur ein Hologramm, ein Werbespot, ein Schaufenster. Wenn sie an diesem schönen Schaufenster vorbeikommen, sagen die Leute: 'Oh, ist das schön!'. Dann gehen sie in den Laden und stellen fest, dass es nichts gibt." Nur konsequent also, dass er Sarkozy viel schlimmer findet: "Er ist moderner und deshalb gefährlicher. Weil sich seine Politik vor allem um Kernenergie und das Militär dreht und er das übrige Europa in diese Richtung beeinflusst. Sarkozy ist viel intelligenter und hinterlistiger als Berlusconi. Er versteht es, große Denker oder Ökonomen um sich zu scharen wie Amartya Sen oder Joseph Stiglitz, die er in seine Ideologie einbindet."
Anzeige
Archiv: Rue89

Vanity Fair (USA), 01.03.2010

Michael Wolff skizziert die Entwicklungen, die das nächste große Ding im Internet werden könnten, und ihre Prediger: russische Plattform-Theoretiker, wütende Internet-Behavioristen, kalte Kostensenker, murdochianischen Alte-Medien-Rächer, neue-Maschinen-Enthusiasten. Und dann gibt es noch den Kunden, der gut auf sich aufpassen sollte: "Hinter den Theorien, wie diese neue Welt organisiert sein wird und wie sie am besten der Menschheit dient, liegt ein manichäischer Kampf, in dem Gut gegen Böse, Kontrolle gegen Freiheit, die Institution des einen gegen die neue Ordnung eines anderen antreten. Und in dem jeder Entrepreneur und Ingenieur glaubt, das er oder sie Ihr Leben besser leiten kann als jeder andere Entrepreneur oder Ingenieur - und ganz sicher besser als Sie selbt."
Archiv: Vanity Fair

Tygodnik Powszechny (Polen), 07.02.2010

"Die Polen sind unbewusste Konservative", schreibt der Soziologe Pawel Spiewak. "Wir haben eine grundlegende Transformation des politischen Systems, der Wirtschaft, der Medien und der Technik erlebt, aber die Einstellungen der Polen haben sich - wenigstens auf Ebene des Deklarierten - nicht wesentlich verändert. Das hat nicht einmal etwas von Konservatismus, sondern Automatismus. Als ob wir unsere Identität nicht kritisch bewerten könnten, und nur in abwehrender Manier auf einstudierten Äußerungen beharren würden. Wir sagen uns selbst: So sind wir, und wir haben nicht vor, sich zu ändern." Jeder begnüge sich mit Klischees, vor allem sprachlich: "Unser Selbstbild hat keine Ecken und Kanten, es ist wie aus Plastik. Es löst sich im Nichtssagenden auf und lässt uns ruhig schlafen."

Nicht ruhig schlafen kann der Schriftsteller Stefan Chwin, der sich zwar keine Sorgen um die Qualität der polnische Literatur nach 1989 macht. Bei der Themenwahl allerdings hinkten die Autoren der Wirklichkeit hinterher, schreibt er: "Nach 1989 beschlossen die Polen sehr schnell, eine 'normale Nation' zu werden; alle Solidaritätsträumereien wurden an den Haken gehängt. Man muss mit beiden Füßen auf der Erde bleiben und hart sein. Zu beschreiben wäre also, wie glatt der polnische Idealist zum Realpolitiker geworden ist. Wie schnell alle alten Träume verflogen sind. Wir haben seelenruhig zur Kenntnis genommen, dass der Kapitalismus keine Sentiments braucht (...) Die Welt ist, wie sie ist, sie lässt sich nicht ändern, also ist es am klügsten, diese Wahrheit zu akzeptieren."

Figaro (Frankreich), 06.02.2010

"Der verhassteste Dandy Frankreichs" überschreibt Renaud Girard sein Porträt des Philosophen und Publizisten Bernard-Henri Levy, von dem kommende Woche bei Grasset zwei neue Bücher erscheinen: "Pieces d'identite", ein Sammelband mit Texten und Einlassungen von 2005 bis heute, in denen es unter anderem um Nicolas Sarkozy, Barack Obama und Mahmoud Ahmadinejad geht, und "De la guerre en philosophie" über den Kampf philosophischer Konzepte. Aber warum hat einer von Frankreichs prominentesten und stimmstärksten Intellektuellen so viele Verächter und Kritiker? "Wagen wir eine Erklärung", schreibt Renaud. "In diesem vernunft- und standesbetonten Land, das Frankreich nun einmal ist, hat BHL den Makel, sich in keine Schublade zu fügen. Er betreibt Philosophie, ohne Professor zu sein, Politik, ohne gewählt zu sein, Diplomatie, ohne dem Corps anzugehören, und schreibt Reportagen, ohne Journalist zu sein. Schlimmer noch, er scheut nicht davor zurück, die Genres zu vermischen, und bringt alles durcheinander. Er bricht nicht nur in Felder ein, die nicht seine sind, sondern hält sich auch niemals an allgemeingültige Regeln."

In der aktuellen Ausgabe des L'Express ist außerdem ein Interview mit BHL über seine jüngsten Publikationen zu lesen. Darin äußert er sich auch zum aktuellen Burka-Streit in Frankreich, deren Verbot er behjaht: "Es ist ein Schwindel, uns diese Angelegenheit als religiöses Problem zu präsentieren. Die Burka ist eine politische Provokation und muss deshalb auch politisch behandelt werden."
Archiv: Figaro

New York Review of Books (USA), 25.02.2010

Am 21. Januar 2010 hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten in Sachen Citizens United v. Federal Election Commission mit fünf zu vier Stimmen beschlossen, dass Konzerne unbegrenzte Summen für politische Werbung während des Wahlkampfs ausgeben dürfen. Der Rechtswissenschaftler Ronald Dworkin ist entsetzt und erklärt in einem kurzen aktuellen Kommentar, "der Gerichtshof hat Lobbyisten, die ohnehin schon zu mächtig sind, eine Atomwaffe überreicht."

Außerdem: Charles Petersen nimmt recht freundlich Facebooks Entwicklung von einem eher versnobbten Publikumsmagneten zu einem anzeigenfixierten Unternehmen unter die Lupe. Mischa Berlinski erzählt, wie er das Erdbeben auf Haiti erlebte: "Mein Schreibtischstuhl begann zu rollen. Ein großes Erdbeben beginnt als kleines Erdbeben. Ich sicherte meinen Roman: Control+S." Ahmed Rashid denkt über einen Deal mit den Taliban nach.

The Nation (USA), 22.02.2010

Der Verfassungsrechtler Lawrence Lessig hat wohl vorausgeahnt, wie das Urteil zu Wahlkampfspenden ausgehen wird und konstatiert in einem langen blitzklaren Artikel eine Krise des Parlaments, dem nur noch 45 Prozent aller Amerikaner vertrauten. Wie die anderen 55 Prozent sieht Lessig das Parlament nicht mehr als Vertreter des amerikanischen Volkes an, sondern als Vertreter der größten Spendengeber. Seine Vorschläge, das zu ändern: 1. Bürger-gesponsorte Wahlen, die auf eine Spende von 100 Dollar pro Bürger begrenzt sind. 2. ein Verbot für jeden Parlamentarier, sieben Jahre lang nach Ablauf seines Mandats in einer Lobby- oder Beraterfunktion zu arbeiten (dann müsste Gerhard Schröder immer noch auf seinen Job bei Gasprom warten). Und 3. eine Verfassungsänderung, die die Unabhängigkeit des Parlamentents garantieren soll: "Kein Zweifel, Verfassungsänderungen sind politisch unmöglich - wie die Befreiung einer Republik aus dem Griff einer Monarchie, oder die Beseitigung von Sklaverei und Rassentrennung, oder wie die Wahl von Ronald Reagan oder Barack Obama 'politisch unmöglich' war. Aber konventionelle Gemüter liegen immer falsch, wenn es um die Angelpunkte in der Geschichte einer Nation geht. Obama versprach, dies sei so ein Moment. Das letzte Jahr könnte bewiesen haben, dass er sich die Dinge hat entgleiten lassen."

Außerdem: D. D. Guttenplan stellt Morris Dicksteins Buch "Dancing in the Dark" über die Kultur der dreißiger Jahre vor und verspricht: "Dickstein ist sehr gut, was Film angeht und noch besser, was dieses besondere 30er Genre, das Showbiz-Musical, angeht."
Archiv: The Nation

Polityka (Polen), 05.02.2010

Mehr als 34.000 Beschwerden haben Polen bereits beim Europäischen Gerichtshof in Straßburg eingereicht, berichtet Joanna Podgorska (hier auf Deutsch). Und wenn es um die in Polen eher restriktive gehandhabte Meinungsfreiheit oder die Zustände in den Gefängnissen geht, bekommen sie fast immer Recht. Zuletzt ein Mann, dem die polnischen Gerichte das Recht zu heiraten absprachen: "Der Gerichtshof ermahnte Polen, ein Gefängnis ist nicht gleichzusetzen mit Entzug der grundlegenden Menschen- und freiheitlichen Rechte. In Straßburg haben schon Gefängnisinsassen gewonnen, die wegen Haftbedingungen wie Überbelegung, schlechten Zugang zu medizinischen Leistungen und erniedrigende Behandlung geklagt hatten. Es hat bereits ein Gefangener Recht bekommen, dem man Hafturlaub für die Beerdigung seines Vaters verweigert hatte, auch ein anderer, dem die Gefängnisaufseher gestatteten, an den Wahlen teilzunehmen, unter der Bedingung, dass er sich nackt auszöge."

Im Interview spricht Piotr Pazinski, Chefredakteur der Zeitschrift Midrasz, über sein Romandebüt "Pensjonat", in dem er vom Leben in einer jüdischen Altersheim nahe Warschau erzählt: "Ich habe viele Jahre überlegt, warum ich alte Kurorte wie Krynica oder Zakopane so mag. Vielleicht, weil mein erstes archetypisches Bild die Pension 'Srodborowianka' war, in die ich mit meiner Großmutter fuhr. Sie ist das Vorbild für die Pension aus dem Buch. Für Virgina Woolf ist das Meer eine archetypische Landschaft, der Leuchtturm, die große Familie. Mein Urbild war diese aussterbende Welt der polnischen Juden."

Außerdem: Die französische Diskussion um Yannick Haenels Buch "Jan Karski" (mehr hier) wird auch in Polen wahrgenommen. Im Interview will Haenel aber keinesfalls ein historisches Buch über Polen oder den Antisemitismus geschrieben haben: "Das ist nur Literatur. Man darf mir keine historischen Fehler vorwerfen." Und Adam Krzeminski möchte die Erinnerung an "Unsere Vertriebenen", die späteren Wegbereiterinnen der deutsch-polnischen Verständigung wie Freya von Moltke oder Marion Dönhoff bewahren.
Archiv: Polityka

London Review of Books (UK), 11.02.2010

Der brillante Autor Tom McCarthy ("8 1/2 Millionen") analysiert und feiert anlässlich des Erscheinens zweier Romane in Großbritannien den Belgier Jean-Philippe Toussaint, der ihm fraglos ein Vorbild ist. Toussaint, dem das Label nouveau nouveau roman angeheftet wurde, hat, so McCarthy, einen Humor, der Alain Robbe-Grillet oder Claude Simon abgeht: "In einer wundervollen Sequenz in 'Camera' inszeniert Toussaint eine Dialogszene in einem Restaurant. Er platziert eine Schale mit Oliven auf dem Tisch (wie ein naturalistischer Schriftsteller es tun würde, der den Hintergrund mit Wahrhaftigkeit ausstatten wollte), unterdrückt die Dialoge vollkommen und beschreibt allein die Bewegung der Hände, wie sie in die Schale greifen, der Bogen, den die Frucht von der Hand zum Mund beschreibt, die Ergonomie des Kern-Transports vom Mund zur Tischdecke und, am verblüffendsten, die regelmäßigen Spuren, die die Rückseite der Gabelzinken quer über die Haut der einzelnen Olive zieht, mit der der Erzähler spielt, bevor er sie aufspießt. Wir wollen nicht Plot, Tiefe oder Inhalt: wir wollen Winkel, Bögen und Abstände; wir wollen Muster. Struktur ist Inhalt, Geometrie ist alles."

Weitere Artikel: Das Schwinden des französischen, das Wachsen nicht zuletzt des chinesischen Einflusses in den ehemaligen französischen Kolonien in Afrika schildert Stephen Smith. Toril Moi nutzt eine neue englischsprachige Ausgabe von Simone de Beauvoirs Klassiker "Das zweite Geschlecht" zur Relektüre - findet allerdings die Übersetzung nur sehr schwer verdaulich. August Kleinzahler berichtet, wie es sich anfühlt, das Haus, in dem er aufgewachsen ist, nach 42 Jahren zu verkaufen. Inigo Thomas hat William Langewiesches Buch über die Landung von Flug 1549 auf dem Hudson gelesen und Barry Schwabsky besucht Christian Boltanskis Installation "Personnes" im Grand Palais in Paris.

Salon.eu.sk (Slowakei), 03.02.2010

Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk schickt, von Salon ins Englische übersetzte, Reisenotizen aus Amsterdam: "Meine Dreadlocks sind hier sehr populär, vor allem bei den Schwarzen. Immer wieder hält mich jemand mit einem Lächeln an und fragt, ob ich mit einem Afrikaner verheiratet bin. Ich erkläre mit einem Lächeln, dass Dreadlocks nicht wirklich eine Erfindung der Rastafari oder Afrikaner sind. Ich benutze den Ausdruck 'Polish tangle' [Weichselzopf], der in den Berichten von Reisenden im 17. Jahrhundert gut dokumentiert ist. Zu jener Zeit war der Weichselzopf ein verbreitetes Phänomen, das in ganz Europa als 'plica polonica' bekannt war und generell mit Polen assoziiert wurde. Wir können also in gewisser Weise stolz darauf sein, diesen Haarstil in Europa eingeführt zu haben. Die 'plica polonica' sollte auf die Liste unserer Erfindungen gesetzt werden, neben Erdölverarbeitung, Piroggen und Wodka." (Der Weichselzopf wird übrigens laut Wikipedia auch "Wichtel-, Wüchsel-, Schrötleins- oder Judenzopf, Haarschrötel, Trichoma, Cirragra, Plica polonica genannt".)
Archiv: Salon.eu.sk

Nouvel Observateur (Frankreich), 04.02.2010

In einem sehr ausführlichen Gespräch mit Jean Daniel spricht der israelische Schriftsteller Amos Oz, Mitbegründer der politischen Bewegung Peace Now und Befürworter einer Zwei-Staaten-Lösung, über das, was vom Gründungsmythos Israels übrig ist und die Bedingungen und Möglichkeiten für einen Frieden im Nahen Osten. Oz meint: "Im Augenblick befinden wir uns im Krieg gegen die Fanatiker. Das ist kein Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Wenn ich mit laizistischen Palästinensern diskutiere, finden wir stets ein Terrain für Verständigung und Lösungen, auch wenn wir uns nicht immer über alles einig sind. Mit ausländischen Pro-Palästina-Vertretern ist es viel komplizierter und mit den Pro-Israel-Vertretern von außen ist es auch nicht einfacher. Doch zwischen laizistischen Palästinensern und Israelis wie mir ist der Dialog möglich, wenn auch nicht immer einfach. Das Problem ist ein zweifaches: Auf der einen Seite gibt es in beiden Lagern Fanatiker, auf der anderen Seite feige Politiker. Sie wissen sehr gut, was zu tun wäre, haben aber keinen Mut zum Handeln."
Stichwörter: Jean Daniel, Amos Oz

Times Literary Supplement (UK), 05.02.2010

Martin Amis' neuer Roman "The pregnant widow" ist eine "Elegie über verpasste Gelegenheiten", schreibt Bharat Tandon. Der Roman spielt in den siebziger Jahren und zeigt mehrere junge Leute zwischen sexueller Befreiung und Selbstfindung: "Zu Beginn, im Sommer 1970, findet sich Keith während seiner Semesterferien in einem italienischen Schloss wieder, er büffelt die Geschichte des englischen Romans und entdeckt seine Leidenschaften, während seine definitiv männlichen Blicke zwischen der mal Freundin, mal Exfreundin Lily und der aristokratischen Scheherazade (Lily 5'5, 34-25-34. Scheherazade: 5'10, 37-23-33), hin und her wandern; erstere ist offensichtlich der bevorstehenden sexuellen Revolution gegenüber eher offen eingestellt, zweitere, eine gewendete Gutmenschin, wird sich des neuen sexuellen Stils gerade bewusst. In einem Plot, der sich zwischen einer Shakespeare-Komödie und einem Iris-Murdoch-Roman bewegt, zeichnet Amis seine Charaktere, wie sie nicht nur gelegentlich einer mit dem anderen fummeln, sondern auch unbeholfen nach einem stabiles Verständnis tasten, das von ihnen in einer Zeit erwartet wird, in der sich Werte im Wandel befinden, die neuen Regeln aber noch nicht etabliert sind."

Elet es Irodalom (Ungarn), 29.01.2010

Im August haben neun Kunsthistoriker in der Zeitschrift Magyar Szemle ein Manifest veröffentlicht, in dem sie die "Benutzerfreundlichkeit" und die "Massenunterhaltung" kritisieren, die die ungarischen Museen in den vergangenen Jahren angeboten haben. Das Konzept "Museum als wissenschaftliche Werkstatt" lehnen sie ab. Für den Medienwissenschaftler Peter György beschreibt das Konzept dagegen treffend die Rolle von Museen heute. Museen müssen heute gewährleisten, schreibt er, "dass jeder Zugang zu jener niemals definierbaren und ständig neugeschriebenen Tradition erhält, die als kulturelles Erbe einer Epoche bezeichnet wird. Das Museum ist also ein Labor und eine Werkstatt, ein öffentlicher kultureller Raum, der nicht einfach nur einen statischen Traditionsbegriff garantieren soll. Vielmehr ist es ein Ort des kulturellen Dialogs, wo die Bedeutung der Kunstwerke immer gemeinsam - und nur gemeinsam - mit den Künstlerin, den Kuratoren, den Museologen und den Besuchern ausgearbeitet werden kann. Ohne seine Besucher würde das Museum gerade sein philosophisches Wesen verlieren."

Der Publizist Gusztav Megyesi kommentiert die wachsende (und angeblich unbeabsichtigte) Porträtierungslust lokaler Politiker, die ihn allmählich an das Florenz der Medicis erinnern: "Ich bin mir ganz sicher, dass die betroffenen Gemeindevorsteher weder mit ihrer Apotheose noch mit ihrem Einzug in die Kunstgeschichte etwas zu tun haben. Schließlich ist unser Land in den vergangenen zwanzig Jahren dermaßen verblödet, dass treue Parteigenossen, ergebene Beamte und wohlwollende Neureiche die jeweiligen Notabilitäten ganz aus freien Stücken verewigen lassen, während sie darauf warten, dass man auch sie für würdig hält, auf einem Gemälde präsentiert zu werden."
Stichwörter: Florenz, Kunstgeschichte

Guardian (UK), 06.02.2010

In der Tate Modern läuft zur Zeit eine Ausstellung mit der mysteriösen Kunst Arshile Gorkys. Nie gehört? Laut William Freaver, wäre Gorky, hätte er sich nicht so früh umgebracht, heute der bedeutendste Maler Amerikas - und nicht Jackson Pollock. Gorky (hier mit seiner Mutter) wurde 1904 als Vostanik Adoyan in Armenien geboren und emigrierte 1920 in die USA. Hier eine Passage, die Freaver aus Gorkys eigener Bildbeschreibung seiner Serie "Garten in Sotchi" (1941) zitiert: die Arbeiten, "erklärt er, gehen zurück auf [seines Vaters] 'Garten der erfüllten Wünsche. Oft habe ich meine Mutter und andere Frauen aus dem Dorf gesehen, wie sie ihre Blusen öffneten und ihre weichen und verlässlichen Brüste in die Hand nahmen, um sie am Stein zu reiben. Über allem stand ein enormer Baum, ausgebleicht von der Sonne, dem Regen, der Kälte, seiner Blätter beraubt. Das war der Heilige Baum. Ich selbst wusste nicht, dass der Baum heilig war, aber ich hatte viele Menschen beobachtet, die, wenn sie vorbeikamen, freiwillig ihre Kleider ablegten und an den Baum hingen.'"

Außerdem: Alberto Manguels erklärt in einem kurzen und ziemlich sauren Artikel, warum Autor Roberto Bolano in seinen Augen nichts besonderes ist.
Archiv: Guardian