Magazinrundschau - Archiv

The Nation

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Magazinrundschau vom 12.06.2018 - The Nation

Schon ab den 1940er Jahren wurden im Süden der USA über Multikulturalismus diskutiert, lernt der Historiker Robert Greene von Anders Walkers Geschichte "The Burning House: Jim Crow and the Making of Modern America". Dabei machte es einen großen Unterschied, ob schwarze Schriftsteller Schriftsteller wie Zora Neale Hurston und James Baldwin aus einem emanzipatorischen Ethos heraus argumentierten oder liberale Weiße wie William Faulkner und Robert Penn Warren: "Das galt besonders für Warren, der in der kulturellen Kraft des Südens den Beweis sah, dass die Region ihr Jim-Crow-System nur reformieren müssten, um es zu überwinden, und nicht komplett revolutionieren. Andere Schriftsteller wie Faulkner vertraten ähnlich die Auffassung, dass der Süden dem Rest des Landes überlegen war, eben wegen seines Systems zweier Kulturen, das aus Jim Crow resultierte. Walker ist nicht besonders zimperlich, wenn es um diese weißen Intellektuellen geht. Ihre Argumente für eine zweifache Kultur diente letztlich den weißen Südstaatlern, nicht den schwarzen, und Walkers Geschichte dreht sich um genau die Unhaltbarkeit dieser Position. Weiße liberale Südstaatler mussten sich entscheiden zwischen Bürger- und Menschenrechten auf der einen Seite und einem weißen Herrenmenschen-System auf der anderen, dazwischen gab es nichts. Indem Autoren wie Warren versuchten, den bikulturellen Charakter des Südens in einem Kontext zu bewahren, in dem schwarze Amerikanier nicht gleichberechtigt waren, halfen sie am Ende nur, diesen ungleichen Status im Süden zu verstärken."

Magazinrundschau vom 04.06.2018 - The Nation

Im aktuellen Heft des Magazins berichtet Olivier Piot, welches Schicksal Afrikas Whistleblower erwartet, die die Korruption in ihrem Land aufdecken. Ohne Rechtsschutz sind sie brutalem Druck ihrer Arbeitgeber und der Öffentlichkeit ausgesetzt: "Ein großes Hindernis ist das Fehlen rechtlicher Rahmenbedingungen, sogar in Südafrika, wo es robuste Institutionen gibt … In Niger zahlte Falamata Aouami einen hohen Preis dafür, dass sie ihren früheren Arbeitgeber, die Landwirtschaftsbank von Niger verriet. 2013 kam die damals 28-Jährige von der Business-Schule und wurde oberste Rechnungsprüferin. Die Landwirtschaftsbank, von der Regierung 2010 eingesetzt, um die ländliche Wirtschaft zu unterstützen, hatte eben eine provisorische Verwaltung bekommen, nachdem das Kapital von 18 auf 6 Millionen Dollar gefallen war. Aouami leitete eine interne Untersuchung, die zweifelhafte Darlehen, Diskrepanzen bei den liquiden Mitteln und fehlerhafte Kontrollmechanismen feststellte. Die Angestellten wehrten sich gegen die Untersuchung und hielten Informationen zurück. Aouami erhielt Drohbriefe. Schließlich forderten ihre Vorgesetzten sie auf, die Ermittlungen einzustellen, doch sie machte weiter im Glauben, die Bank vor dem Ruin zu retten. 2015 wurde sie gefeuert. Die Bank beschuldigte sie der Fehlinformation. Aouami zog vor Gericht. Dort hatte sie mit den Schikanen des Rechtssystems, verschwindenden Dokumenten, Verzögerungen etc. zu kämpfen. Kein Anwalt wollte sie vertreten."

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - The Nation

Das Problem mit eigenen Gesetzen für Minderheiten ist, dass sie oft helfen, Probleme innerhalb der Minderheiten unter den Teppich gekehrt werden. Das erleben indianische Frauen in den USA, die überdurchschnittlich oft von sexueller Belästigung betroffen sind. Wenn der Täter ein Angehöriger des eigenen Stammes ist, fühlen sich viele in einer Zwickmühle, berichten Rebecca Clarren und Jason Begay: So sind die Gesetze für indigene Frauen was den Schutz vor sexueller Belästigung angeht, viel vager, als die Gesetze für nicht-indigene Frauen in den USA - einfach weil die indianischen Stämme zum Teil eigene Gesetze haben. Und viele Frauen fürchten, besonders wenn sie in den indianischen Lokalverwaltungen arbeiten, ihren Job zu verlieren: "Für viele Stammesmitglieder birgt eine Beschwerde oder das Öffentlichmachen in den Medien ein großes persönliches Risiko. Deleana OtherBull, Geschäftsführerin der 'Coalition to Stop Violence Against Native Women', sagt, sie höre fast täglich von sexueller Belästigung indigener Frauen, doch die große Mehrheit habe Angst, die Sache bekannt zu machen - vor allem wenn ein Stammesführer involviert ist. 'Für viele Frauen kann eine Beschwerde nicht nur dazu führen, dass sie ihren Job verlieren, sondern auch ihre Unterkunft und die College-Zulassung für ihre Kinder, oder ihr Partner kann gefeuert werden. Wir haben es erlebt, dass Frauen, die sich beschwert haben, aufgefordert wurden, ihre Community zu verlassen und wegzuziehen', sagt OtherBull."

Magazinrundschau vom 20.02.2018 - The Nation

Mit seinem Marketplace, auf dem Privat- und kommerzielle Händler Waren anbieten können, inszeniert sich Amazon gerne als wohltätiger Retter des Einzelhandels, der lediglich eine Infrastruktur für die vom Internet gebeutelten Händler anbietet. In Wahrheit dient der Marketplace jedoch der klammheimlichen Trockenlegung der Konkurrenz, schreibt Stacy Mitchell: Schon jetzt recherchiere ein Großteil der Kundschaft nicht mehr im freien Netz nach Angeboten, sondern steuere ohne Zwischenschritt direkt die Website von Amazon an. Von zwei Dollars, die im Netz ausgegeben werden, lande einer mittlerweile im Geldbeutel von Amazon. "Studien legen nahe, dass die Beziehungen zwischen Amazon und kleinen Händlern, die dort ihre Waren anbieten, oft raubtierartig sind. Forscher der Harvard Business School haben herausgefunden, dass Amazon die Transaktionen neu eingestellter Produkte von Drittanbietern genau analysiert und deren populärste Produkte gegebenfalls auf eigene Faust verkauft. Und wenn Amazon die von den Verkäufern gewonnen Informationen nicht dirket gegen diese nutzt, dann behält es zumindest einen immer größer werdenden Anteil des Umsatzes ein. ... 2016 brachte Amazon Birkenstock in eine Zwickmühle: Man drohte, eine Flut gefälschter Birkenstock-Produkte, viele davon von Händlern aus Übersee, in der Angebotspalette zuzulassen, wenn die Firma sich nicht dazu bereit erklären sollte, jene Nischenprodukte, die sie allein für spezialisierte Händler vorgesehen hat, auch auf Amazon anzubieten. Birkenstock widerstand diesem Druck, doch andere Firmen, darunter Nike, haben sich ähnlichen Anforderungen offenbar gefügt."

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - The Nation


Robert Rauschenberg, Ausstellungsansicht. Bild: Moma

In der aktuellen Ausgabe von The Nation schaut Barry Schwabsky in der Robert-Rauschenberg-Retrospektive im Museum of Modern Art in New York vorbei und erklärt Rauschenberg zum Kubisten: "Die Wahrheit ist, in seiner Malerei und den Drucken ist es Rauschenberg nie wirklich gelungen, der kubistischen Ordnung zu entkommen. So unterschiedlich sein Material auch sein konnte, er arrangierte es stets in einer sorgfältig ausbalancierten Weise, geleitet durch ein zugrundeliegendes Raster. Vergessen wir lieber die Vorstellung des Kritikers Leo Steinberg, Rauschenberg hätte eine neue Art 'Flachbett-Bildebene' erfunden, die die natürliche visuelle Erfahrung und den Orientierungssinn des Betrachters ignoriert. Es ist erkennbar und vielsagend, dass Rauschenberg in sämtlichen seiner Werke, von den 1950ern bis zu den in der Schau zu sehenden letzten Bildern von 2005, sein Material nahezu niemals verkehrt herum, seitwärts oder diagonal verwendet. Stets respektiert er die gegebene Ausrichtung des gefundenen Bildmaterials. Einzige Ausnahme: Straßenschilder. Mit anderen Worten: Wenn Rauschenberg die Richtung gewiesen wird, zieht er es vor, sich zu widersetzen. In allen anderen Fällen folgt er glücklich der vorgegebenen Ordnung."

Außerdem: Jesse McCarthy liest Mathias Énards "Kompass", Steph Burt hört das neue Album von Lorde.

Magazinrundschau vom 02.05.2017 - The Nation

Donald Trump ist nicht als Alien in der amerikanische Geschichte gelandet, sagt der linke Historiker Eric Foner im Gespräch mit Richard Kreitner, im Gegenteil: "Er ist die logische Fortentwicklung der Art und Weise, wie sich die Republikanische Partei seit Barry Goldwater aufführte. Genau so hat die Republikanische Partei seit fünfzig Jahren Stimmen gekriegt - Trump reißt dem nur die Maske ab. Er spricht den Rassismus, der bis dahin kaum versteckt war, offen aus. Eine akkurate Geschichte würde zeigen, dass er immer da war. Wir sollten nicht nur darüber reden, wie bizarr Trump ist."

Magazinrundschau vom 21.03.2017 - The Nation

Alice Kaplan stellt das gerade aufregendste Verlegerpaar Algeriens vor: Sofiane Hadjadj und Selma Hellal. Die beiden haben während des algerischen Bürgerkrieges in den neunziger Jahren in Paris studiert und zusammen Derridas Vorlesungen über Asyl und Gastfreundschaft gehört. Jetzt führen sie in Algier die Editions Barzakh, deren Bücher regelmäßig die algerische Kulturszenerie in Aufruhr versetzen, zuletzt mit Samir Toumis Roman "L'Effacement", der den Neoptismus der maßlos verherrlichten Freiheitskämpfergeneration recht blasphemisch anging. Bazarkh ist das mentale Äquivalent zu einem Isthmus, ein Limbo, aber auch ein Reich außerhalb von Raum und Zeit, erklärt Kaplan: "Hellal und Hadjadj hätten bei Algeriens Wiederaufbau helfen können, indem sie die Talente einsetzten, die sie bereits entwickelt hatten - sie als Journalistin, er als Architekt -, doch das Paar hatte eine andere Vorstellung. Sie waren überzeugt, dass Algerien sich nicht von der Dekade des Horrors erholen könnte ohne ein elementares Recht, das jeder Europäer und Amerikaner für selbstverständlich hält: das Recht auf Fantasie und Geschichten. Also wollten sie der algerischen Literatur Aufnahme gewähren, einer Kultur in Not helfen."

Magazinrundschau vom 07.03.2017 - The Nation

Kyle Pope, Chefredakteur der hochrespektablen Columbia Journalism Review, kreist um die Frage, wie man Journalismus wieder profitabel gestalten könnte. Trump ist da schon mal eine große Hilfe. Und auch von den rechten Medien kann man lernen, meint Pope in einer nicht ganz ungefährlichen Wendung: "Wenn das Ende der anzeigenfinanzierten digitalen Medien bedeutet, dass Traffic an Bedeutung verliert und engagierte Leser, die zahlen, an Bedeutung gewinnen, dann ergibt die Polarisierung der Medien in politische Lager ökonomischen Sinn. Magazine wie The Nation und The New Republic spielen das Affinitäts-Spiel schon seit Jahren und haben mit ihren leidenschaftlichsten Lesern eine Unterstützerbasis aufgebaut. So strebt der neue Ansatz danach, diese Affinität in ein Bona-fide-Geschäftsmodell umzuwandeln, bei dem die Parteigängerschaft der Leser in Zahlungsbereitschaft mündet."

Magazinrundschau vom 03.01.2017 - The Nation

Nikil Saval hält die Zeit für gekommen, wieder den Soziologen Karl Polanyi zu lesen, der zusammen mit John von Neumann, Béla Bartók, Karl Mannheim und György Lukács zu den großen Ungarn des frühen 20. Jahrhunderts gehörte. Politisch mag der Sozialist nicht immer richtig gelegen haben, räumt Saval ein, doch seine Wirtschaftsgeschichte sei unübertroffen: "Zwischen 1941 und 1943 geschrieben zeichnet 'Die große Transformation' den Aufstieg der Marktwirtschaft von ihren Anfängen in der frühen Moderne bis zur Einführung der Fabrik in der Konsumgesellschaft nach. Polanyi illustriert, wie die Marktwirtschaft den Planeten auf allen Ebenen veränderte oder gar verheerte, aber auch wie neu sie eigentlich ist. 'Im Gegensatz zu dem im 19. Jahrhundert intonierten Chorus akademischer Gesänge', schreibt er, 'spielten Vorteil und Profit durch Austausch zuvor keine wichtige Rolle in der Geschichte der Menschheit. Auch wenn die Institution des Marktes seit der späten Steinzeit üblich war, spielte sie im wirtschaftlichen Leben nur eine beiläufige Rolle'. Polanyi brachte zutage, dass die Marktwirtschaft eine Erfindung des modernen Lebens war und ermöglichte so Überlegungen, wie eine Gesellschaft anders als um diese Prinzipien herum organisiert werden kann."

Magazinrundschau vom 08.11.2016 - The Nation

Ein Buch über Musik- und digitale Kultur im 21. Jahrhundert? Gegenwärtiger gehts kaum. Das findet auch Atossa Araxia Abrahamian, die "Uproot: Travels in 21st-Century Music and Digital Culture" von Jace Clayton alias DJ/rupture wärmstens empfiehlt: "'MIAs frühe Arbeiten haben viele von uns intuitiv angesprochen', erklärt Clayton, 'weil ihr Sound die ganz und gar zeitgenössische Beschaffenheit von Identität als bewegliche und verlustbehaftete Daten ausdrückte.' Sie ließ ihre Zuhörer in einem musikalischen Niemandsland zurück, das sie fragen ließ: 'Wo sind wir?' Claytons neues Buch versucht diese Frage zu beantworten. Wie sein Mixtape, das ihn in den frühen 2000er Jahren berühmt machte, so scheint sein Buch viele Genres auf einmal zu umfassen: Es ist Reisebeschreibung und kulturelle Ethnografie, Popphilosophie und Erinnerung, Führer durch die zeitgenössische Musik und Fanzine. Clayton versucht nicht nur, uns mit einer anregenden Theorie unserer gegenwärtigen globalen Musikszene zu versorgen, er will auch herausfinden, wie die Globalisierung unsere Art zu sprechen, denken, reisen und musizieren verändert hat."

Vivian Gornick liest Elena Ferrantes "Frantumaglia", einen Band mit Briefen, Essays und Interviews aus den letzten 25 Jahren, und stellt fest, dass die Autorin immer wieder rundheraus über ihre Person gelogen oder zumindest in die Irre geführt hat: "Ich finde das interessant, weil sie in diesen Interviews ziemlich direkt sagt, dass sie keine Bedenken hat, den Interviewer zu belügen, wenn dies ihrer Anonymität dient - und genau das hat sie auch getan, mit den besten Wünschen ihrer Leser, zu denen ich mich selbst zähle. Nachdem ich jetzt weiß, dass was sie in ihren Interviews über sich sagt oder impliziert, nicht buchstäblich wahr ist, kann ich ehrlich sagen: Das ist völlig unwichtig." Im Guardian, der einen Auszug aus "Frantumaglia" bringt, findet man entsprechende Passagen, in denen Ferrante Lügen in Interviews mit Journalisten unvermeidlich findet.

Besprochen werden außerdem Zadie Smiths neuer Roman "Swing Time" (kein wirklich gutes Buch, findet Adam Kirsch in einer ausführlichen Kritik, aber doch eins, das genaue Auskunft gibt über den Stand einer Generation, die noch vor kurzer Zeit von den vielversprechenden Möglichkeiten des Multikulturalismus träumte), Élisabeth Roudinescos Biografie "Freud: In His Time and Ours", Ian McEwans Roman "Nussschale" und eine Biografie Toussaint Louvertures, einer der Gründungsväter Haitis.