Magazinrundschau - Archiv

The Nation

164 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 17

Magazinrundschau vom 20.01.2026 - The Nation

Adam Hochschild empfiehlt die Netflix-Doku "Cover up" über eine der beeindruckendsten, aber auch umstrittensten Journalisten-Persönlichkeiten: Seymour Hersh. Hersh war vor allem jemand, der dem journalistischen "Herdentrieb" widerstand, schreibt Hochschild. Seine Enthüllungen über das Massaker von My Lai, die Watergate-Affäre und die Folter von irakischen Gefangenen durch US-Militärs im Gefängnis Abu Ghraib erschütterten die Welt und hatten politisch großen Einfluss. Für die Veröffentlichungen musste sich Hersh immer wieder gegen die Forderungen seiner Vorgesetzten und den politischen Konsens behaupten: "'Als ich für Associated Press im Pentagon war', erzählt er den Regisseuren Mark Obenhaus Laura Poitras während er sich seine frühen Tage als Reporter erinnert, 'ging ich nicht mit meinen Kollegen zum Mittagessen, sondern suchte junge Offiziere auf. Ich unterhielt mich ein wenig über Football, lernte sie kennen ... Irgendwann fingen die Soldaten an zu sagen: 'Nun, dort in Vietnam herrscht ein Mörder-Kommando'. Es dauerte nicht lange, bis Hersh sich von Associated Press trennte (später tat er dasselbe mit der New York Times und stellte seine Veröffentlichungen im New Yorker ein) ... Die Enthüllung gab der Antikriegsbewegung enormen Auftrieb. Sie begründete auch Hershs Karriere als einer der größten investigativen Reporter, die dieses Land je gesehen hat." Die Kritik an Hersh kommt in der Doku vielleicht ein wenig zu kurz, meint Hochschild. Dass er Baschar al-Assads brutale Diktatur in Syrien unterschätzte und entschuldigte "('Ich habe ihn nie für Mutter Teresa gehalten', gibt Hersh den Filmemachern zu, 'aber ich fand ihn in Ordnung')", wird in der Doku zu wenig ins Licht gerückt. Trotzdem, findet Hochschild, die Verdienste dieses Ausnahme-Reporters überwiegen.
Stichwörter: Hersh, Seymour

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - The Nation

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In The Nation stellt Lily Meyer den litauisch-amerikanischen Autor Chaim Grade vor, der auf Jiddisch schrieb. Grade war vor den Nazis erst in die SU geflüchtet und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Amerika emigriert, wo er 1982 starb. Sein großer Roman "Sons and Daughters" war zwischen 1965 und 1976 als Fortsetzungsroman in zwei jiddisch-sprachigen Zeitungen veröffentlicht worden. Auf Englisch ist er erst jetzt erschienen. Er beschreibt die zu Lebzeiten Grades untergegangene Welt des Schtetls in den 1930ern, vor dem Holocaust, der im Buch nicht vorkommt. Das ist das Besondere an diesem - unvollendeten - Roman, meint Meyer: "Grade blickt nicht ein einziges Mal von den unmittelbaren Sorgen seiner Figuren zu dem auf, was sie am meisten bedroht: nicht die Moderne oder der Säkularismus; nicht der Kommunismus, der Zalia Ziskinds Sohn Marcus verführt, oder der zionistische Eifer, der Refael'ke mitreißt; nicht einmal der Boykott jüdischer Geschäfte durch die christlichen Polen in den Kleinstädten, in denen Sholem Shachne und Eli-Leizer leben - die wichtigste Form des Antisemitismus, die im Text sichtbar wird -, sondern natürlich der Holocaust. Keine einzige Figur des Buches scheint sich des Aufstiegs des Nationalsozialismus bewusst zu sein, und es gibt auch keine Gesten in diese Richtung. Grade lässt weder den Krieg noch die Todeslager vorausahnen, noch lässt er zu, dass die Wahrnehmung des Lesers uns aus der Gesellschaft, die er beschreibt, herausführt. Stattdessen taucht er uns in all ihre üppigen, körnigen, genauen Details hinein."

Magazinrundschau vom 26.03.2024 - The Nation

Selbst dem linken Magazin The Nation sind die Kollegen von Guernica zu stalinistisch. "Einer nach dem anderen wetteiferten die Redakteure, um die Entscheidung des Magazins [Chens Essay zu veröffentlichen] anzuprangern", staunt Sasha Abramsky. "Madhuri Sastry, Mitherausgeberin des Magazins, bezeichnete den Essay als 'händeringende Apologetik für den Zionismus' - und die Redaktionsleitung reagierte weder mit einer begründeten Absage an die Intoleranz in ihrer Mitte, noch mit Verweisen auf den ersten Verfassungszusatz oder auf die Stärke der Meinungsvielfalt, sondern mit Rücknahme des Artikels und einer Entschuldigung, ihn überhaupt veröffentlicht zu haben. Sastry, die die Zeitschrift wegen der Veröffentlichung des Artikels verlassen hat, schrieb, der Aufsatz der Israelin verstoße gegen den 'antiimperialistischen Geist' der Zeitschrift. Ein anderer Redakteur erklärte, die Veröffentlichung von Chens Essay bedeute, dass Guernica zu 'einer Säule des eugenischen weißen Kolonialismus geworden sei, der sich als das Gute tarnt'. Kurz darauf verschwand Chens Aufsatz von der Website. Wenn das heute die Linke ist, dann möge Gott uns helfen. Guernicas peinliches Zurückrudern erinnert an die Selbstverleugnung der Opfer von Stalins Säuberungen oder an die erzwungenen Selbstgeißelungen von Akademikern während Maos Kulturrevolution. Es gibt kein Bemühen um eine echte Debatte, keinen Raum für konkurrierende Meinungen, keinen Raum für historische Nuancen oder Komplexität; es wird einfach verlangt, dass die Parteilinie befolgt wird und dass diejenigen, die das nicht tun, sofort zensiert werden."

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - The Nation

Nicht nur die Sacklers, sondern viele der reichsten US-amerikanischen Familien haben ihren Reichtum mit dem Handel mit Opium erworben, erinnert der indische Schriftsteller Amitav Ghosh.  Über Umwege durch die Türkei und China versuchten die Amerikaner, die Marktmacht der East India Company zu beschneiden - und dabei vor allem die ziemlich vielversprechende Goldgrube ausgenutzt, die der Opiumhandel für viele der Familien in Indien war. "Der Wissenschaftler Jacques Downs schreibt: 'Fast ausnahmslos sind diejenigen Amerikaner, die im letzten Vierteljahrhundert des Old China Trade in Opium gemacht hatten, nach nur wenigen Jahren mit Vermögen wieder nach Hause gekommen.' Wer waren diese glücklichen Amerikaner? Es ist kein Zufall, dass sich ihre Namen wie eine Litanei der nordöstlichen Oberschicht lesen: Astor, Cabot, Peabody, Brown, Archer, Hathaway, Webster, Delano, Coolidge, Forbes, Russell, Perkins, Bryant und so weiter. Sie stammten größtenteils aus den privilegiertesten Reihen der weißen Siedlergesellschaft, Familien britischer Herkunft, die seit langem im Nordosten heimisch waren. Viele von ihnen sind in Eliteschulen wie der Boston Latin School, Milton Academy, Phillips Academy Andover, Phillips Exeter Academy und so weiter ausgebildet worden und haben in Harvard, Yale, der University of Pennsylvania oder der Brown University studiert (letztere ist nach einer bekannten Familie aus Providence benannt, die mit Sklaven und Opium gehandelt hat). Im frühen 19. Jahrhundert zu einer Oberschichtfamilie im Nordosten zu gehören, war anders als zu den anderen weißen Eliten in Europa oder sogar dem Süden der USA zu gehören. Die nordöstliche Elite war nicht primär eine Gruppe von Landbesitzern, sondern arbeitende und handelnde Klasse, durchaus einer wechselhaften, jungen und erratischen Wirtschaft unterworfen. Unternehmen sind so häufig gescheitert, dass selbst die am besten vernetzten Familien immer mit einer Prise Unsicherheit leben mussten." Für Ghosh liegt das Potential dieser historischen Gegebenheit vor allem in der Erkenntnis, dass es die Amerikaner selbst waren, die die nun so verteufelte Droge ins Land gebracht haben: "Wenn die Rolle, die privilegierte, weiße upper-class-Amerikaner in der Geschichte des Opiumhandels gespielt haben, besser bekannt wäre, wäre es mit Sicherheit schwieriger bis unmöglich, xenophobe und einwanderungsfeindliche Narrative rund um die Drogenproblematiken zu produzieren, wie es immer noch so häufig in den USA passiert."
Stichwörter: Opium, Opiumhandel, Drogenhandel

Magazinrundschau vom 09.05.2023 - The Nation

In Polen mit seinen drastischen Abtreibungsgesetzen wird eine erste Pro-choice-Aktivistin, Justyna Wydrzyńska, vor Gericht gestellt. Sie wollte einer jungen Frau mit Abtreibungspillen helfen, die keine zweite Schwangerschaft wollte, weil sie unter extremer Übelkeit und unter heftigen Schmerzen litt - und sie war auch noch mit Zwillingen schwanger. Rebecca Grant hat mit der Frau gesprochen, und ihre Erzählungen zeigen, mit welcher radikalen Einsamkeit Frauen in Polen rechnen müssen, die eine Abtreibung brauchen. Die Frau namens "Ania" erzählt, mit welcher Kälte sie in einem polnischen Krankenhaus behandelt wurde: "Ich wusste, wenn ich die nächsten sieben Monate, bis zum Ende der Schwangerschaft, so leiden würde, wäre ich ein Wrack von einem Menschen. Ich würde eine Depression bekommen, von der ich mich jahrelang, vielleicht sogar für den Rest meines Lebens, nicht mehr erholen würde. Und genau in diesem Krankenhaus traf ich die Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen, ungeachtet der Konsequenzen. Ich wusste auch, dass ich es nicht laut aussprechen und dem medizinischen Personal gegenüber bekennen konnte. Ich hatte Angst, dass sie mich zwangsweise in die Psychiatrie einweisen würden, und dann hätte ich wirklich keine andere Wahl als zu gebären."

Magazinrundschau vom 14.03.2023 - The Nation

Glory Liu liest zwei Autobiografien "What you become in flight" von Ellen O'Connell Whittet und "Don't Think, Dear" von Alice Robb, die ihr die selbstzerstörerischen Logiken der Ballettwelt in aller Drastik vor Augen führen. Die Branche folge einer "Ökonomie des Schmerzes", mit der Liu, die selbst dreißig Jahre lang getanzt hat, bestens vertraut ist. Das disziplinierte Ertragen körperlichen Leids wird als notwendiger, sogar lobenswerter Teil der Profession verstanden. Das birgt nicht nur ein hohes Risiko für die Körper der jungen Frauen, sondern legitimiert auch missbräuchliche Tendenzen: "Wir lächeln, während wir stundenlang das volle Gewicht unseres Körpers auf den Spitzen tragen. 'Blut stärkt den Charakter', sagte einer meiner Lehrer, als er bemerkte, dass die Zehen einer Tänzerin anfingen, durch ihren Schuh zu bluten. Aber Ballett bedeutet nicht nur, anhaltende Qualen des Körpers zu ertragen, es bedeutet auch, diese im Geist auszuhalten. Wir lernen, unerbittliche Kritik an unserer Technik, unserem Körper, unserem ganzen Wesen als wertvollste Währung der Branche zu akzeptieren, ja sogar dankbar dafür zu sein. Und wir alle kennen Geschichten von dieser einen Person, der wir irgendwann einmal begegnet sind - der Lehrer, der einen Stock schwang, der Choreograf, der eine Tänzerin so hart schlug, dass ein Striemen auf der Haut zurückblieb, die Ballettmeisterin, die eine Tasse Wasser auf dem Kopf balancieren ließ, um die Haltung zu korrigieren, der Ballettmeister, der einer Tänzerin eine brennende Zigarette unter das Bein hielt, damit sie es höher streckte. Es brauchte #MeToo, damit viele von uns erkannten, dass dies mehr als nur altbekannte Geschichten waren, sondern Symptome einer institutionellen und kulturellen Störung, die wir immer wieder ignorierten."

Viel Ehrgeiz hat die Journalistin und Krankenschwester Aviva Stahl in gerichtliche Auseinandersetzungen mit amerikanischen Gefängnisbehörden gesteckt, um Zugang zu Videos zu erhalten, die die Zwangsernährung von Häftlingen nach einem Hungerstreik in Hochsicherheitsgefängnissen zeigen. Als grausam, unmenschlich und schmerzhaft wertet sie die Behandlung: "Die Videos sind der Beweis dafür, dass die Gefängnisbehörde auf amerikanischem Boden heimlich Menschen foltert. Und was wir auf Video sehen, ist nur ein geringer Teil dessen, was im Hochsicherheitstrakt vor sich geht. Die speziellen Maßnahmen machen Transparenz und Verantwortung so gut wie unmöglich. Diese Videos mögen die Bedingungen im Trakt vielleicht nicht verändern - und wenn, würden wir das erst nach Jahren erfahren. Aber der Rechtsstreit darum, sie zu bekommen, wird ein wichtiges Präzedenzurteil werden."

Magazinrundschau vom 14.02.2023 - The Nation

Mit seinen letzten beiden Veröffentlichungen hat sich Édouard Louis in ein literarisches Dilemma begeben, schreibt Tara K. Menon. Feierte er noch mit "Das Ende von Eddy"  die schwule Autofiktion in der literarischen Tradition Prousts und Genets, bediene er mit seinen Büchern "Er hat meinen Vater umgebracht?" und "Die Freiheit einer Frau" das Genre des Klassenabtrünnigen. Wie Annie Ernaux oder Didier Eribon erzählt Louis von seinen Wurzeln in der Arbeiterklasse aus der Perspektive eines ihr Entflohenen. Damit begibt sich der Autor in den stilistischen Zwiespalt von analytischer Distanz und persönlicher Erzählung, so Menon: "Die formalen Experimente dieses Buches sorgen für packende, aber manchmal auch irritierende Lektüre. Zu Louis' Verteidigung: Er versucht, ein Problem zu lösen, das vielleicht unlösbar ist, wenn es zu erzählender Fiktion kommt: Selbst Thomas Hardy konnte Tess Durbeyfield nicht zugleich zu einer tragischen Heldin und einer typischen Milchmagd machen. Genauso kann Louis seinen Vater nicht einzigartig und allegorisch zugleich machen. In beiden Büchern befindet sich Louis in einer Zwickmühle der Repräsentation: Um seine Leser für die Arbeiter des Nordens zu interessieren, muss er sie zunächst für seinen Vater, den Fabrikarbeiter, und seine Mutter, die Hausfrau, interessieren. Aber wenn sie zu sehr mit beiden fühlen, könnten sie zu dem Schluss kommen, dass seine Eltern irgendwie anders, wertvoller sind, als ihre Nachbarn. Louis ist sich auch bewusst, dass seine Klassenmobilität sein Verhältnis zu dieser Welt unwiderruflich geändert hat. Er muss nun für eine Klasse sprechen, zu der er nicht mehr gehört. Die Gefahr hier ist, das seine Wut über die Ungerechtigkeiten, denen sich die Arbeiterklasse ausgesetzt sieht, konstruiert wirkt und nicht mehr authentisch. Ist es möglich für ihn, nun ein gesetztes Mitglied sowohl der Bourgeoisie als auch des literarischen Establishments, dieselbe Wut und Verbitterung zu empfinden, wie er es als Kind tat? Louis' Wut fühlt sich echt an, aber er kann der Schuld des Abtrünnigen nicht entgehen. All das macht 'Er hat meinen Vater umgebracht?' und 'Die Freiheit einer Frau' zu trügerischen Arbeiten - teils Polemik, teils Geständnis, teils Entschuldigung."

Magazinrundschau vom 25.10.2022 - The Nation

Amerikaner, die in der McCarthy-Ära als Linke ausspioniert wurden und nach Britannien flohen, kamen oft vom Regen in die Traufe. Denn das FBI reichte seine Dossiers direkt an MI5 weiter, der die darin enthaltenen Mutmaßungen übernahm und seine Opfer weiter überwachte - mit bemerkenswert wenig Erfolg, lernt der Historiker Richard J. Evans aus David Cautes Buch "Red List: MI5 and British Intellectuals in the Twentieth Century". "Der Sicherheitsdienst interessierte sich besonders für linke Historiker wie Christopher Hill ('Er hat das Aussehen eines Kommunisten', berichtete ein enttäuschter Agent in Harwich, nachdem Hill von einer Fähre ausgestiegen war, 'aber sein Gepäck, das vom HM Customs durchsucht wurde, enthielt keine subversive Literatur.') Hills Briefe wurden so ungeschickt abgefangen, dass er bei einer Gelegenheit bemerkte, dass eine in einem Brief erwähnte Anlage in einem Umschlag mit einem anderen Brief steckte. Später wurde er Master des Balliol College in Oxford, nachdem er zusammen mit mehreren anderen marxistischen Historikern aus der Kommunistischen Partei ausgetreten war - mit der bemerkenswerten Ausnahme von Eric Hobsbawm, dessen siebte und letzte Akte in der MI5-Sammlung noch immer nicht freigegeben wurde. Hobsbawm, dessen sechs weitere Akten ich bei der Recherche für meine Biografie 'Eric Hobsbawm: A Life in History' gelesen habe, stand ebenfalls unter Verdacht. Der MI5 verstärkte seine Überwachung und öffnete eine Zeit lang sogar seine Post, fand aber nichts Kompromittierenderes als Liebesbriefe von seiner verheirateten französischen Freundin in Paris. Der Sicherheitsdienst war besonders misstrauisch gegenüber Hobsbawm, weil er eher fremdländisch wirkte (seine Mutter war Österreicherin, und er unterhielt Kontakte zu Historikern auf dem Kontinent, auch in Ostdeutschland). Ein Agent, der eine seiner Vorlesungen mithörte, konnte nichts Belastendes finden, außer der Tatsache, dass sie 'wirklich interessant' war." Das war ungefähr zu der Zeit, als die Cambridge Five - alles Briten - ungestört ihr Land für die Sowjets ausspionierten.

Magazinrundschau vom 12.07.2022 - The Nation

Die zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts sind schon genauso konformistisch wie die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts, ächzt David Bromwich, in der rechtschaffenen Kunst unserer Tage werde nur noch saubere Wäsche gewaschen: "Jean-Luc Godards Film 'Außer Atem' handelt von einem jungen Ganoven und seiner Geliebten und dem Rausch von Betrug, Flucht und Verrat, den ihre Verliebtheit ihnen beschert. Nichts zwingt uns dazu, diese Menschen für bewundernswerte Exemplare der menschlichen Gattung zu halten. Wir verabscheuen sie aber auch nicht. Es genügt, dass sie interessant sind, und ihr oberflächlicher Glanz macht einen Großteil der Wirkung aus. In einer frühen Szene dreht sich der Held zur Kamera und spricht das Publikum frontal an: 'Wie bitte, Sie lieben das Meer nicht? Sie machen sich auch aus dem Gebirge nichts? Für Städte haben Sie auch nichts übrig? Da kann ich nur sagen: Sie können mich.' Wollte Godard damit sagen: "Entspannen Sie sich, es ist nur ein Film?' Der Moment schien eine schärfere Ermahnung zu vermitteln: 'Es ist mir egal, ob Sie das mögen, aber Sie werden dableiben. Es wird Sie interessieren - später können Sie sich fragen, warum.' Die Unverfrorenheit ging Hand in Hand mit einer eigentümlichen Freiheit und Unbekümmertheit. Sie überraschte den Wunsch des Zuschauers nach einer einstudierten Reaktion, nach dem Einrasten der Falle in der üblichen Handlung."

Ein Jahr nach den großen Protesten in Kuba umreißt William M. LeoGrande die Reaktion der Regierung: "Als die Proteste aufkamen, denunzierte Präsident Miguel Díaz-Canel sie als konterrevolutionär und rief seine Anhänger auf die Straße, um die Revolution zu verteidigen. Die Polizei verhaftete mehr als 1.300 Menschen. Einige Tage später milderte Díaz-Canel seinen Tonfall ab und räumt ein, dass die Demonstranten legitime Sorgen hätten. In  der Folge setzte die Politik einerseits auf ein hartes Vorgehen gegen Opponenten, andererseits auf Programme gegen die wirtschaftliche Not, die die Menschen auf die Straße getrieben hatte."
Stichwörter: Kuba, Godard, Jean-Luc, 1950er

Magazinrundschau vom 28.06.2022 - The Nation

Als Benjamin Moser aufwuchs, begriff er, dass er schwul war, er begriff auch, wie gefährlich, ja tödlich das sein konnte - Aids forderte bereits die ersten Opfer -, aber in gewisser Weise liebte er genau das, erzählt er. Wie aber konnte ein so aufregender Lebensstil plötzlich banal werden? "Ich liebte Schwulenpornos wegen der Handlung. Der Anreiz, die Spannung, die Ungezogenheit kamen von diesen verbotenen Blicken, von dem Moment, in dem ich mich fragte, wie das wohl ausgehen würde. Wenn man die Zeitschrift oder das Video in einem Laden wie Lobo kaufte, wusste man natürlich, wie es ausgehen würde. Aber man wusste auch, wie ein Jane-Austen-Roman ausgehen würde, und das machte das Buch nicht weniger spannend. Pornos waren nicht das wahre Leben. Es war eine Ästhetisierung - und wie alle erfolgreichen Ästhetisierungen realer als das wirkliche Leben. ... Der Liebesroman war wirksam, weil wir uns nach der perfekten Liebe sehnten. Und Schwulenpornos waren wirksam, weil jeder, der diese geheimen Veröffentlichungen kaufte, die Erfahrung verstand, nicht hinsehen zu dürfen, nicht hinzusehen, hinzusehen, und dann - schließlich, endlich - jemanden zu haben, der zurückschaut. Das war für Schwulenpornos das, was die Heiratsverschwörung für Jane Austen war. Als das Verbot des Hinsehens zu verschwinden begann, löste sich diese Handlung auf. Wie ihre heterosexuellen Gegenstücke wurden die schwulen Produktionen zu Feiern des schönen Körpers: Pornografie, aber, obwohl die Modelle alle Männer waren, nicht ganz das, was ich unter Schwulenpornografie verstand. ... Je älter ich wurde, desto eher ließ sich Homosexualität mit einer Karriere bei Morgan Stanley oder im Außenministerium vereinbaren. Es war eine Art Fortschritt, nehme ich an. Und das einzige Opfer, das es verlangte, war unsere besondere Art zu schauen: unsere Blicke."