Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.11.2004. In der New York Review of Books wünscht sich Amartya Sen indische Demokratie für China und chinesische Wirtschaft für Indien. In der Gazeta Wyborcza kritisiert Stefan Chwin Hitlers Untergang im "Untergang". In Le Point schreitet Edgar Morin mit uns in die Katastrophe. Im ES-Magazin feiert Laszlo Földenyi den jungen Schriftsteller Janos Terey. In Al Ahram kritisiert ein Arafat-Berater Arafat. Radar präsentiert den argentinischen Weltmeister im Kickboxen: Jorge "Acero" Cali. In Plus-Minus fordert Tomasz Lubienski eine polnische Geschichte für Erwachsene. In der New York Times denkt Michael Ignatieff über islamistische Snuff-Videos nach.

New York Review of Books (USA), 02.12.2004

Nobelpreisträger Amartya Sen wünscht sich eine Wiederbelebung der Beziehungen zwischen China und Indien, wie sie vor zweitausend Jahren waren: "Während China die materielle Welt Indiens bereicherte, exportierte Indien den Buddhismus nach China". Genau so stellt er sich das auch für heute vor: "Indien muss von China viel über Wirtschaftspolitik und Gesundheitsvorsorge lernen, seine Erfahrungen mit Öffentlichkeit und Demokratie könnten dagegen für China sehr lehrreich sein. Allerdings muss daran erinnert werden, dass die Tradition, Autoritäten gering zu schätzen und ihnen zu trotzen, die mit dem Buddhismus von Indien nach China kam, von den Chinesen allein dazu genutzt wurde, den Buddhismus zu kritisieren."

Henry Siegmann misstraut dem israelischen Abzug aus Gaza, und für einen neuen De Gaulle hält er Ariel Sharon schon gar nicht: "Für Sharon ist der Rückzug aus Gaza der Preis, den Israel zahlen muss, um die Westbank unter seiner Kontrolle zu behalten. Genauso wichtig ist, Gaza in ein lebendes Beispiel dafür zu verwandeln, dass die Palästinenser einen unabhängigen Staat nicht verdienen."

Richard Rothstein diskutiert neue Studien zur rassischen Diskriminierung in den USA, die alle zu einem ähnlichen Ergebnis kommen: Weiße bekommen bessere Zeugnisse, werden bevorzugt eingestellt, selbst wenn sie vorbestraft sind, und sie bekommen mehr Gehalt. Die Frage ist nun: Können die Schulen etwas daran ändern?

Weitere Robert Gottlieb feiert Meredith Danemans "definitve" Biografie der zähen Ballerina Margot Fonteyn ("Von Anfang an macht Daneman deutlich, dass nichts die kleine Peggy Hookham von einem Weg hätte abbringen können, für den sie sich einmal entschieden hatte."). Nicht ganz so gut besprochen werden Michelle de Kretsers Südsee-Thriller "The Hamilton Case" und Norman Sherrys Biografie "The Life of Graham Greene".

Gazeta Wyborcza (Polen), 13.11.2004

Jan Rokita ("Nizza oder der Tod!") von der konservativen "Bürgerplattform" und aller Voraussicht nach künftiger Premierminister Polens, verspricht im Interview mit der Wochenendausgabe der Tageszeitung Gazeta Wyborcza Bodenhaftung: "Manchmal wache ich schweißgebadet um fünf Uhr früh auf, weil ich Angst habe, dass die Menschen zu viele Hoffnungen mit uns verbinden. Aber andererseits erfüllt es mich mit Freude, dass es diesen Glauben gibt, dass es diesmal gelingen kann ... Polen eine neue Dynamik zu geben, die Selbstlosigkeit der Regierenden wiederherzustellen, den Staat so zu stärken, dass er seine Bürger mit Stolz erfüllt." Rokita macht sich keine Sorgen, dass ihm die Macht zu Kopf steigen könnte: "Nein, davor habe ich gar keine Angst. Mein einfaches, alltägliches Leben hilft mir dabei. Wir haben eine knappe Stunde, weil ich vor 17 Uhr meine Schuhe von der Reparatur abholen muss. Was wollen Sie noch wissen?"

Der Schriftsteller Stefan Chwin hat den "Untergang" im Kino gesehen und findet, dass es Hirschbiegel gelungen ist, aus Hitler einen "verrückten und unglücklichen 'König von Deutschland' zu machen, eine Art Cyborg, eine Kreuzung von König Lear und Richard III.". Ähnlich wie kürzlich Wim Wenders in der Zeit kritisiert Chwin, dass der Selbstmord Hitlers nicht gezeigt wird: "Hitler stirbt mit Würde, hinter verschlossenen Türen, wie ein 'König', um die Ehre und Würde des deutschen Staates zu retten. Dieser Staat bricht zusammen, wird aber nicht gedemütigt und besteht fort. Er wäre gedemütigt worden, wenn die Russen den 'Führer' gefangen und ihm in den Mund geschaut hätten, wie die Amerikaner es mit Saddam getan haben. (...) Wenn die Deutschen das Kino verlassen, müssen sie sich ihrer Geschichte nicht schämen. Im Gegenteil: die deutsche Nation war und ist groß, also hat sie das Recht, den Kopf zu erheben und sich den im Sicherheitsrat vertretenen Mächten anzuschließen."

Point (Frankreich), 15.11.2004

Der Philosoph und Soziologe Edgar Morin ist inzwischen 83 Jahre alt und bringt den sechsten Band seines Riesenunternehmens "La methode" heraus. Im Interview mit Le Point äußert er sich extrem pessimistisch über den Gang der Dinge: Die Welt "schreitet auf die Katastrophe zu". Mit Entsetzen beobachtet Morin die Rückkehr der Religionen und definiert den Nahen Osten als seismischen Punkt, "wo sich alle Konflikte zu gleicher Zeit abspielen: der Konflikt der Religionen gegeneinander, der Konflikt von Religion und Laizität, der Konflikt der Armen gegen die Reichen und der alternden Demografie gegen die Überbevölkerung. Und in dieser Region ist der israelisch-palästinensische Konflikt ein wahrer Krebs. Er streut seine Metastasen bis nach Frankreich aus, wo die Identifikation sehr stark ist, weil es sowohl eine starke arabische als auch jüdische Bevölkerung hat ... Es ist eine schwankende Welt, auf die der Dschihad von Al Qaida unabsehbare Folgen hat."
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Archiv: Point

New Yorker (USA), 22.11.2004

In einem sehr lesenswerten Artikel denkt Malcolm Gladwell differenziert und beispielsreich über Facetten des "geistigen Eigentums" und des "geistigen Diebstahls" nach. Anlass ist Bryony Laverys Broadway-Stück "Frozen" über die Beziehung zwischen einem Serienmörder und einer Psychiaterin. Vorbild für die weibliche Hauptrolle war die - real existierende - Psychiaterin Dorothy Lewis. Lavery hatte sich ausführlich und teilweise wörtlich aus Veröffentlichungen der Ärztin bedient und deren persönliche Erfahrungen dramatisiert. Lewis, so Gladwell, sei nicht nur wütend, weil die Autorin "ihre Lebensgeschichte kopiert", sondern auch weil sie sie "verändert" habe; und damit "nicht nur wütend über den geistigen Diebstahl", sondern "auf die Kunst". Das sei verständlich, nur sei "Kunst kein Verstoß gegen die Ethik". Die "grundlegende Verlogenheit fundamentalistischer Verteidiger gegen Plagiate" besteht für Gladwell in ihrer Behauptung, es gebe keinerlei "Einfluss- oder Entwicklungsketten" für Sätze und Gedanken, sondern dass "Schriftstellerworte einer Jungfrauengeburt entstammen und das ewige Leben haben".

Weitere Artikel: Sasha Frere-Jones porträtiert die britisch-tamilische HipHoperin Maya Arulpragasam, die unter dem Künstlernamen M.I.A. auftritt und bewertet ihre Musik als "Beispiel für zeitgenössische bodenständige Weltkultur" (hier ist ein aktuelles Video zu sehen). In einem ausführlichen Essay begibt sich Anthony Lane auf Spurensuche und erzählt, wie es vor hundert Jahren zur Erfindung der Figur Peter Pan durch den schottischen Journalisten, Dramatiker und Kinderbuchautor James Matthew Barrie (mehr) kam. Anlass ist der neue Film "Finding Neverland", "eine etwas ausgeschmückte Version" eben dieser Geschichte mit Johnny Depp als J.M. Barrie. Peter Schjeldahl bespricht die große Raffael-Ausstellung in der National Gallery in London. Zu lesen ist außerdem David Denbys Essay über das Kino von Pedro Almodovar und die Erzählung "My Heart is a Snake Farm" von Allan Gurganus.

Nur in der Printausgabe: Jane Kramer berichtet in einem Brief aus Europa von einem "Kulturkrieg", den das Kopftuchverbot für islamische Schülerinnen ausgelöst habe. Und Roger Angell schreibt über die Red Sox.
Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 18.11.2004

Umberto Eco erzählt in seiner Bustina, wie er sich auf Bari mit Gleichgesinnten aus dem italienischen Kulturbetrieb getroffen hat, die wie er das Lesen wieder populär machen wollen (denn "ein Mensch der liest, ist doppelt so viel wert"). Den nahezu gleichzeitig stattfindenden Tag des Vorlesens in Deutschland erwähnt er nicht (siehe unseren Link des Tages). Ungläubig, aber milde registriert Eco die literaturgeschichtlichen Wissenslücken seiner Landsleute, die eine landesweite Umfrage ans Tageslicht gebracht hat. "Ich freue mich besonders darüber, dass gute 18 Prozent wissen, dass ich der Autor von 'Der Name der Rose' bin, aber viel bedeutender ist wohl die Tatsache, dass 47 Prozent glauben, der Autor sei Sean Connery."

Italiens Gesellschaft macht gegenläufige Veränderungen durch. Während der Schriftsteller Piergiorgio Paterlini in seinem neuen Buch "Matrimoni" bei den Homosexuellen eine steigende Lust auf Heiraten, Familie und einen Partner fürs Leben feststellt, macht Giovanna Zucconi bei den Heteros einen Trend zum Singledasein in der Partnerschaft aus. Beide Artikel stehen auf einer Seite. Von Penelope Cruz erfahren wir im Gespräch mit Eugenia de la Torrente, wie glücklich wir doch sein können, hier zu leben. "Ich glaube, dass die Erfahrung mit 'Non ti muovere' in Italien mir gezeigt hat, dass ich in Europa arbeiten will. Das ist gut für meine mentale, meine emotionale Stabilität." Kinoexperte Cesare Balbo kündigt neue Filme für die Kleinen und Junggebliebenen an.

Archiv: Espresso

Outlook India (Indien), 22.11.2004

Die Industrie der Zukunft, erklärt Soma Wadhwa in der Titelgeschichte dieser Woche, ist die Zukunftsindustrie. Genauer gesagt: die Astrologie, die derzeit einen ungeahnten Boom erlebt: "Wir sprechen hier von Call Centern, in denen sich Hellseher dicht drängen, um den Anrufern an ihren Handys die Zukunft vorauszusagen. Von den Laboren der Computerindustrie, wo immerzu neue Software entsteht, die die akkuratere Berechnung von Horoskopen ermöglicht. Von Universitäts-affiliierten Kursen, die voll sind mit Möchtegernorakeln. Von schicken Seminaren in edlen Hotels, in denen Experten mit prätentiösen Berufsbezeichnungen Powerpoint-Präsentationen ihrer Prognosen vorführen. Von Fernsehstudios, die unaufhörlich in die Haushalte senden, was die Planeten so in petto haben. Astrologen, Handleser, Zahlenkundler, Tarot-Karten-Leger, aalglatte PR-Experten vornedran."

Eher unbeachtet und von den Geschehnissen um den Mord an Theo van Gogh deutlich überschattet, hat in Den Haag gerade ein indo-europäisches Gipfeltreffen stattgefunden, berichtet Sheela Reddy. Und zwar ein aus indischer Sicht ganz außerordentlich bedeutsames: "Als Premierminister Manmohan Singh am 8. November bei einer Pressekonferenz im Außenministerium der Niederlande gemeinsam mit Jan Peter Balkenende und Romano Prodi aufs Podium trat, hatte sich etwas für immer verändert: Indien war in den exklusiven Club aufgenommen, dem nur weiter fünf Mitglieder angehören (USA, Kanada, Russland, Japan und China), mit denen Europa eine 'strategische Partnerschaft' hat."

Weitere Artikel: Namrata Joshi bereitet die Leserschaft auf einen aufregenden Bollywood-Winter vor. Ram Gopal Varma ("Company") will mit "Naach" die Bollywood-Romanze revolutionieren, gerüchteweise stark angelehnt an Wong Kar-Weis "In the Mood For Love". Erfolgsregisseur Yash Chopra hat mit "Veer-Zaara" eine indo-pakistanische Liebesgeschichte im Angebot, ein weiterer Film, "Aitraaz" erzählt eine durch die Belästigungsvorwürfe gegen den US-Basketballer Kobe Bryant inspirierte Pulp-Story. Und dann kommt in einer digital restaurierten Fassung einer der größten Klassiker des indischen Kinos wieder auf die großen Leinwände: "Mughal-e-Azam", aus dem Jahr 1960. Besprochen wird darüber hinaus ein Buch über Guru Dutt (mehr), einen der ganz großen indischen Regisseure.

Elet es Irodalom (Ungarn), 05.11.2004

Verlage aufgepasst! Die Literaturkritik feiert eine neue Stimme der ungarischen Gegenwartsliteratur, den jungen, in Deutschland unbekannten Janos Terey. Sein "Nibelungen-Park" wurde gerade in den Höhlen des über die Budapester Innenstadt ragenden Gellert-Berges uraufgeführt. Der Kunsttheoretiker und Essayist Laszlo Földenyi ist fasziniert von seiner "apokalyptischen Leidenschaft und eiskalten Gleichgültigkeit". Terey assoziiert unter anderem die Zerstörung des World Trade Center mit der Schlacht der Nibelungen. In dieser Welt gibt es jedoch keine Sieger und Besiegten, weil das Stück "die Illusion der zwei- oder mehrpoligen Welt" endgültig verabschiedet. Es spielt in einem riesigen, fiktiven Raum, "der aus Berlin-Mitte, dem Frankfurter Bordellviertel, der Wormser Kathedrale, Manhattan und anderen, immer gesichtsloser werdenden Städten zusammengeknetet ist. Das ist die schöne neue Welt der modernen Zivilisation, wo es keine Bruchlinien mehr gibt. Diese Welt selbst ist ein einziger riesiger Bruch."

Der Schriftsteller Peter Esterhazy erzählt im Gespräch mit dem Literaturhistoriker und Übersetzer Wilhelm Droste, wie er seine Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erlebte: Das Telefon klingelte und jemand sagte "einen Satz, den nur die deutsche Sprache hervorbringen kann. So einen mehrfach untergeordneten Satz, dass ihm ist die Ehre zuteil wurde, mir mitzuteilen, dass... und so weiter. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, worum es geht. Und der Satz war noch lange nicht zu Ende." Daneben bringt György Konrad bringt seinem Kollegen ein Ständchen. Er schätzt an Esterhazy die Kühnheit, "niederzuschreiben, was ihm einfällt. Er jagt auf den verästelt auseinanderlaufenden Waldwegen des freien Phantasierens. Wann ist es geschehen: gerade oder vor mehreren Jahrhunderten? Egal, alles jetzt. Jeder seiner männlichen Vorfahren ist sein Vater, und jede seiner weiblichen Vorfahren ist seine Mutter. Er streckt sich in seinen Ahnen aus."

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 12.11.2004

Anne Mathieu erinnert an eines der größten Verdienste Jean-Paul Sartres, seine frühen scharfen Stellungnahmen gegen den Algerienkrieg und die Folter in Algerien, aber auch an einen seiner Irrtümer, die Kanonisierung der Gegengewalt. Sie zitiert Sartre über die Gewalt der Kolonisierten: "Kann man von dieser Knechtschaft genesen? Ja. Die Gewalt kann, wie die Lanze des Achill, die Wunden vernarben lassen, die sie geschlagen hat. (...) Dies ist der Endpunkt der Dialektik... Eines nicht mehr fernen Tages, dessen bin ich sicher, werden wir uns denen anschließen, die heute diese Geschichte machen."

Die Soziologin Selma Belaala schreibt über die marokkanischen Takfiristen, die in die Anschläge von Madrid, Taba und Casablanca verwickelt waren. Sie gehören "zu einer neuen Generation von Fundamentalisten, die aus den städtischen Slums und heruntergekommenen Siedlungen" stammt. "Die Takfiristen holen die Jugendlichen der Elendsquartiere aus ihrer Isolation und rekrutieren sie für einen gewaltsamen Feldzug gegen das restliche Land - und mitunter sogar gegen ihre eigenen Familien. So ließ in Sekouila ein zum 'Emir' einer Miliz aufgestiegener Exkrimineller seinen Onkel hinrichten, weil dieser das 'Gesetz' des Alkoholverbots missachtet hatte. In den von Fundamentalisten beherrschten Karyan-Siedlungen gab es hunderte von Gewaltakten, Überfällen und Hinrichtungen, doch die Polizei lässt sich in diesen rechtsfreien Zonen schon lange nicht mehr blicken."

Weitere Artikel: Rick Fantasia, Professor der Soziologie am Smith College in Northampton, Massachusetts, beschreibt, wie die amerikanischen Eliteuniversitäten es den Kindern der Reichen weitgehend ersparen, "sich mit Menschen aus einem anderen Milieu abzugeben, sich von ihnen beeinflussen zu lassen oder gar gegen sie konkurrieren zu müssen". Außerdem gibt es mehrere Artikel über das Söldnerwesen - im Irak, in Afrika und in Kolumbien.

London Review of Books (UK), 18.11.2004

Jenny Diski denkt nach der Lektüre von Thomas Blass' Biografie "The Man who shocked the World" darüber nach, was die legendären Experimente, mit denen Stanley Milgram erforschen wollte, wie weit Individuen gehen können, uns lehren. Dabei sieht sie folgendes Problem: Die Experimente weisen zwar auf einen Tatbestand hin und fördern ihn zutage, doch obwohl wir wissen, was wir daraus lernen sollten, wissen wir bis heute nicht, wie wir daraus lernen sollen. Erschütternd bleiben die Protokolle trotzdem: "Das Folgende ist ein Zitat aus dem Protokoll. Die Testperson hat dem unsichtbaren Lerner gerade einen - wie sie meint - 300 Volt starken Stromstoß verabreicht. Lerner: [Agonieschreie]. Testperson: Ich, ich kann das nicht mehr tun. [Stuhlgeräusch] Lerner: Ich weigere mich absolut, weiterhin zu antworten. Bringen Sie mich hier raus. Sie können mich nicht hier festhalten. Bringt mich raus. Lasst mich gehen. Testperson: Ich kann das nicht mehr. Es tut mir Leid. Ich merke, dass Sie versuchen, etwas zu erreichen. Versuchsleiter: Der Versuch verlangt, dass Sie fortfahren. Testperson: Ja, ich weiß. Aber ich bin nicht die Art Mensch, die in der Lage ist, jemand anderem Schmerz zuzufügen, zumindest mehr Schmerz als ich fühle. Ich habe das Gefühl, dass ich schon viel zu weit gegangen bin. Versuchsleiter: Es ist absolut notwendig, dass Sie fortfahren. Bitte fahren Sie fort. Testperson: [Stuhlgeräusch] Wissen Sie, ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich jeden Stoß mit ihm fühle. [Seufzer] Das nächste ist GRÜN: Gras, Hut, Tinte, Apfel... Die Seufzer gingen weiter, und es gab lange Pausen vor jedem erneuten Stoß, doch die Testperson war völlig folgsam und legte alle Schaltstufen bis 450 Volt um."

Weitere Artikel: Wyatt Mason verteidigt David Foster Wallaces (homepage) neuen und kompromisslos komplexen Erzählband "Oblivion" gegen den Vorwurf des Hermetismus. Für Corey Robin erbringt Greg Grandins Buch "The Last Colonial Massacre: Latin America in the Cold War" den längst fälligen Beweis, dass Lateinamerika - und allen voran Guatemala - ein ebenso großes Schlachtfeld des Kalten Krieges war wie Europa. In Short Cuts hat Thomas Jones die wundersame Webseite tinyurl.com entdeckt, die lange Webadressen in kurze verwandelt, und spielt damit herum. Schließlich steht Peter Campbell in der Londoner Royal Academy vor den beredten Bildern des schweigsamen William Nicholson.

Al Ahram Weekly (Ägypten), 11.11.2004

Ihren Schwerpunkt widmet Al Ahram diese Woche dem Sterben von Jassir Arafat - der Tod wird erst in weiteren Updates kommentiert. Graham Usher staunt, dass es in Ramallah kaum heftige Reaktionen auf Arafats absehbaren Tod gab. Ein Arafat-Berater erklärt: "Es gibt zwei Jassir Arafats. Der eine ist das Symbol, der Vater unserer Nation, der Mann, der Palästina auf die Landkarte gesetzt hat. Dieser Arafat wird in den Geschichtsbüchern mit Respekt behandelt werden. Der andere ist Arafat, der politische Führer, der hier die letzten zehn Jahre regiert hat. Und über diesen Arafat wird die Geschichte kein freundliches Urteil fällen, und auch an diesen Arafat wird sich sein Volk erinnern. Er hat viele, sehr viele Fehler gemacht. Aber der gravierendste war, dass er nicht verstanden hat, dass mit Oslo eine neue Ära angebrochen war, die neue Leute und ein anderes Denken erfordert. Stattdessen hat er sich - wie stets zuvor - auf die alten verlassen." Außerdem porträtiert Graham Usher den in Israel zu lebenslanger Haft verurteilten Fatah-Führer Marwan Barghouti.

Amr Hussein beschreibt das Nachtleben in Kairo während des Ramadan: "Im heiligen Monat ist das Nachtleben in Kairo kaum wiederzuerkennen. Musikliebhaber lassen die Oper links liegen und bewegen sich in Richtung der Altstadtviertel der Stadt. Da, wo normalerweise Rock und Jazz den Ton angeben, dominiert im Ramadan arabische Musik, es ist der Gesang der Sufis, der die größten Mengen anlockt. Diese Ramadan-spezifische Kultur verdankt sich einem Prozess, in dem die Stiftung für die Entwicklung der Kultur eine entscheidende Rolle gespielt hat, indem sie in den 1980ern und 1990ern historische Gebäude wie Beit Al-Harrawi in der Nähe der Al-Ashar-Moschee renoviert und für die Öffentlichkeit freigegeben hat. Die Stiftung hat diese Gebäude in Auftrittsorte verwandelt und entfaltet während des Ramadan reiche kulturelle Aktivitäten, noch dazu, als zusätzlicher Anreiz, mit freiem Eintritt."

Außerdem: Im Interview bejaht der türkische Politologe Ahmet Davutoglu - wenn auch etwas gewunden - die Möglichkeit eines demokratischen Islam und islamischer Demokratie. Shaden Shehab berichtet, wie der Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung Al-Arabi, Abdel-Halim Qandil, entführt, gedemütigt, geschlagen wurde- vermutlich, weil er sich vehement gegen eine fünfte Amtszeit für Präsident Mubarak stemmt. Das Innenministerium weist alle Vorwürfe selbstverständlich von sich - von den Tätern gibt es bisher keine Spur.

Radar (Argentinien), 14.11.2004

Paloma Fabrykant präsentiert staunend einen neuen Star in Argentinien: Den Weltmeister im Kickboxen Jorge "Acero" ("Stahl") Cali. "Das gab es noch nie: So viele Zuschauer bei einem Kickbox-Kampf, und darunter so viele Leute aus der Oberschicht, und die meisten von ihnen Frauen. Acero Cali verteidigt seinen Titel gegen Tigre Rosiuk, und die Mädchen haben sich fein gemacht. Weit ausgeschnittene Kleider, Pfennigabsätze, glitzernder Schmuck ziehen während der Vorkämpfe die Blicke auf sich." Im Gespräch, zu dem Cali in der Arena des Hilton Hotel Buenos Aires erscheint, entpuppt sich der Stählerne als weniger glamourös: "Zuerst kommt für mich der liebe Gott, dann meine Familie. Ich wollte immer ein Anführer sein. Der Beste. Ich wusste, dass ich es schaffen würde, und habe mir einen harten Weg ausgesucht. Erst war ich Aluminium, dann Blech, dann Eisen, jetzt Stahl. So bin ich. Wäre ich nicht Sportler geworden, sondern Straßenfeger, würde ich dafür sorgen, dass mein Bezirk immer der sauberste von allen ist."

Radikalökologische Körperpolitik praktizieren die Norweger Tommy Hol Ellingsen und Leona Johansson: Für fünfzehn Dollar pro Monat lassen sie jeden, dem der Sinn danach steht, auf ihrer Website fuckforforest in Bild und Ton an ihrem Sexualleben teilnehmen - zehn Dollar davon gehen an Umweltstiftungen. Nur will bislang so gut wie keine dieses unkorrekte Geld annehmen. Beim Quart-Rockfestival im norwegischen Kristiansand hatten die beiden bereits einen Live-Auftritt. Sergio Olguin, der die Norweger vorstellt, hofft schwer auf Wiederholung beim nächsten Quilmes Rock Festival in Buenos Aires. Quilmes ist die größte argentinische Bierbrauerei.

Außerdem in Radar: Die zu erwartende Hymne von Rodrigo Fresan auf "2666", das über 1000 Seiten starke, soeben postum und unvollendet veröffentlichte Monumentalwerk des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolano (Mehr hier auf Spanisch und hier auf Deutsch. Und hier die ebenfalls sehr positive Besprechung von Andres Gomez Bravo aus Reportajes.)
Archiv: Radar

Plus - Minus (Polen), 13.11.2004

Die Magazinausgabe der Rzeczpospolita widmet sich mal wieder ganz großen Fragen. Tomasz Lubienski denkt über Rolle und Zukunft des Patriotismus in Polen nach. In Bezug auf die Identität stiftende Überzeugung vom "außerordentlich außerordentlichen" Charakter der polnischen Geschichte, plädiert er für einen gelasseneren Umgang mit den eigenen Mythen: "Selbstverständlich haben wir das Recht auf Mythen und Legenden. Nur sollten wir uns nicht wundern, empören oder beleidigen, wenn andere sich von ihnen nicht überzeugen lassen. Legenden werden gebraucht und gerne gehört. Aber diese Art von Geschichte, in Liedern besungen, auf Briefmarken verewigt, muss von einer Geschichte nur für Erwachsene begleitet werden, in der es keine einfachen Antworten gibt, und in der man auch für die richtige Wahl teuer bezahlen muss." Für Lubienski ist es an der Zeit, die polnische Geschichte stärker im europäischen Kontext zu sehen und darzustellen. "Diese neue Heimat, Europa, müssen wir gar nicht lieben. Es reicht, dass wir uns mit ihr wohl fühlen, und das hängt davon ab, wie wir uns in ihr einrichten werden."

Hundert Jahre nach Max Webers "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" stellt Slawomir Sowinski die Frage nach der kulturellen Adaption der Marktwirtschaft in Osteuropa. "Der Erfolg des Kapitalismus an Weichsel, Dnjepr oder Newa hängt nicht von der Zahl der Geldautomaten oder Einkaufszentren ab, sondern von den mentalen Prädisposition der Polen, Ukrainer oder Russen." Und obwohl der Kapitalismus in Polen immer noch über keine Traditionen und positive Vorbilder verfügt, scheint der Katholizismus, auch der polnische, sich mit der Marktwirtschaft nicht mehr so schwer zu tun wie zu Webers Zeiten, schließt Sowinski.
Archiv: Plus - Minus

Economist (UK), 12.11.2004

Tom Wolfes neuer Roman "I am Charlotte Simmons" schildert die Veränderungen auf dem Campus amerikanischer Universitäten, stellt der Economist kühl bis ins Mark fest. Wie immer beweise Mr. Wolfe eine beeindruckende - manchmal auch ermüdende - Hellhörigkeit für Statuszeichen. Ein Zitat beweist uns jedoch, dass dies durchaus auch für den Sex gilt, dem dort alle nachjagen: "Sex! Sex! It was in the air along with the nitrogen and the oxygen! The whole campus was humid with it! tumid with it! lubricated with it! gorged with it! tingling with it! in a state of around-the-clock arousal with it! Rutrutrutrutrutrutrutrut --"

"In seinem Tod wie in seinem Leben schien Jassir Arafat gleichermaßen verbissen und unentschlossen", heißt es in einem Nachruf auf den verstorbenen Palästinenserführer. Die Frage sei, wie Arafats Popularität seine offenkundige diplomatische Unfähigkeit - zuletzt bei Camp David - überdauern konnte. "Den Palästinensern, dem Volk, das er so lange angeführt hat, waren Arafats Charakter- und Führungsschwächen schon lange klar. Und doch waren sie irrelevant. Wichtig war, dass er ihren Freiheitskampf verkörperte, ihre Hoffnungen am Leben erhielt und ihren Feinden trotzte."

Weitere Artikel: Es klingt nach einer Beruhigungsspritze für das postkoloniale Großbritannien, was der Economist da verkündet: Trotz des Multikulturalismus ist und bleibt Amerika britisch geprägt. Auch wenn "dem melting-pot immer neue Zutaten beigegeben wurden, der Pott selbst ist von erkennbar anglo-protestantischer Machart". In Anbetracht des Mordes am niederländischen Regisseur Theo Van Gogh beglückwünscht der Economist die europäischen Regierungen für ihren zunehmend härteren Umgang mit islamistischen Fundamentalisten.

Außerdem gibt es ein Dossier über Outsourcing.
Archiv: Economist

New York Times (USA), 14.11.2004

Im New York Times Magazine denkt Michael Ignatieff über die Videos nach, die Terroristen mittlerweile serienmäßig von den Morden an ihren Geiseln drehen. "Die Rituale der Erniedrigung, die diese Videos in Szene setzen - einige Gefangene werden in Käfigen gezeigt, andere angekettet, wiederum andere in den gleichen orangefarbenen Overalls der Gefangenen von Guantanamo - sind für den Teil des arabischen Publikums gedacht, der im Zeichen der muslimischen Erniedrigung erzogen worden ist. Diese Propaganda deutet ein Jahrtausend an komplexen Beziehungen zwischen der muslimischen und nichtmuslimischen Welt als eine lange Litanei der Schande, erst durch die Kreuzfahrer, dann durch die französischen und britischen Imperialisten und schließlich durch die Israelis und ihre amerikanischen Geldgeber. Das Snuff-Video ist der Gegenschlag. Der einzige Weg, die Erniedrigung zu beenden, sagen diese Videos, ist sie weiterzugeben. Diese Nachricht verkauft sich gut in Bagdads Bazaren."

Lynn Hirschberg versucht herauszufinden, was an den für ein globales Publikum geplanten Blockbuster-Produktionen denn noch amerikanisch ist. Nicht viel. Und dennoch werden die USA mit diesen Filmen identifiziert. ""Unsere Filme reflektieren nicht mehr unsere Kultur", sagte ein hoher Studiomanager, der nicht genannt werden will. "Sie sind zu rohen, verzerrten Übertreibungen ausgeartet. Und ich glaube, Amerika wächst in diese übertriebenen Bilder hinein."" A. O. Scott versucht im Gegenzug zu klären, was einen ausländischen Film ausmacht.

Weitere Artikel: Susan Dominus fragt, warum Maggie Cheung (mehr) nicht schon längst ein Superstar des globalen Publikums ist. Die DVD und ihr Erfolg könnte Hollywood von Grund auf verändern, bemerkt Jon Gertner, und spielt alle möglichen Szenarien durch. Manohla Dargis vertritt die optimistische These, dass DVDs und Internet eine neue Generation an Film-Connoisseurs ermöglicht haben. Lynn Hirschberg befragt Pierce Brosnan nach seinem Leben ohne die Lizenz zum Töten. Julian Barnes, George Clooney und andere kommentieren Julia Roberts" Auftritt in Mike Nichols" "Closer".

In der Book Review beschäftigt sich Jonathan Franzen (mehr) in einem lesenswerten Rezensionsessay mit seiner kanadischen Kollegin Alice Munro, deren neuem Roman "Runaway" (erstes Kapitel) und der Frage, warum die "wahrscheinlich beste Schriftstellerin Nordamerikas" außerhalb Kanadas fast niemand liest. Camille Paglia ist nach Barry Miles" Biografie von Frank Zappa (erstes Kapitel) trotz einiger "tendenziösen Übertreibungen" überzeugt, dass der Musiker einen prominenten Platz in der amerikanischen Kultur des späten 20. Jahrhunderts verdient hat. Als eine "ungewöhnliche Mischung" bezeichnet Robert Kagan Noah Feldmans theoretische Überlegungen, politische Analyse und Erinnerungen als Gesandter zum Wiederaufbau des Irak ("What We Owe Iraq: War and the Ethics of Nation Building", erstes Kapitel). Jonathan Mahler hat die "bange, verzweifelte" Atmosphäre genossen, in der Martin Cruz Smiths Moskauer Kommissar Arkady Renko in seinem neuen Fall "Wolves Eat Dogs" (erstes Kapitel) quer durch die Verbotene Zone rund um Tschernobyl ermittelt. Und Laura Miller beklagt in ihrer Kolumne die esoterischen Kriterien der Juroren des National Book Award, die dazu geführt haben, dass die Finalisten nur etwas für Spezialisten sind. "Die armen Seelen auf der Suche nach einer guten Geschichte müssen weitersuchen, anderswo."