Außer Atem

Berlinale 7. Tag

Von Ekkehard Knörer, Anja Seeliger
12.02.2003. Der beste Wettbewerbsfilm ist Johnnie Tos "PTU". Schade, dass er im Forum gezeigt wurde. Li Yangs "Blinder Schacht" schildert kapitalistische Methoden in China. Hans-Christian Schmid knebelt seine Figuren in "Lichter". Wurde beim Bundestagswahlkampf von Andreas Dresen gefilmt: "Herr Wichmann von der CDU". Er hatte zwar keine Chance, aber gekämpft hat er. In Murnaus "Tartüff" geht es um Blicke: durchs Schlüsselloch, in den Spiegel, auf's entblößte Bein Elmires.
Politisch genau: Li Yangs "Blinder Schacht" (Wettbewerb)

Song und Tang, zwei Freunde, haben eine hübsche kleine Geschäftsidee. Schließlich ist jetzt Kapitalismus in China, und man tut, was man kann. In der Stadt gabeln sie Arbeitslose auf, versprechen ihnen einen Job im Bergbau und geben sie dort dann als enge Verwandte aus, der Bruder, der Neffe, wie es kommt. Ein paar Tage später gibt's einen Schlag auf den Kopf, das lässt sich problemlos als Folge eines eingestürzten Stollendachs ausgeben. Die Besitzer der Minen betreiben ihr Geschäft, versteht sich, ohne Rücksicht auf irgendwelche Sicherheitsvorschriften und zahlen an die vermeintliche Verwandtschaft Schweigegelder. Song und Tang leben gut davon, eine veritable kleine Wir-AG, ganz die Sorte pfiffigen Unternehmergeists, an der anderswo tief gefühlter Mangel herrscht.

Es versteht sich von selbst, dass Regisseur Li Yang zunächst einmal eine Karikatur der Verhältnisse im heutigen China zeichnen will, die die Wirklichkeit ins Erkennbare entstellt. Es ist interessant, dass Song und Tang dem Zuschauer vom ersten Bild an nicht als grausame Mörder vorkommen wollen, sondern als im Grunde ganz nette Kerle, die von den Verhältnissen gezwungen werden, krumme Wege zu gehen. Das weiche Herz des einen wird, ganz folgerichtig, beiden dann zum Verhängnis. Ihren ersten Mord handelt der Film noch kurz, knapp und trocken ab, um sich dann auf das nächste anvisierte Opfer zu konzentrieren: den 16-jährigen Yuan. Nicht nur Song, sondern auch dem Zuschauer wird er schnell sympathisch, naiv wie er ist und voller Ehrgeiz, das Schulgeld aufzutreiben in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

"Blinder Schacht" ist eine exemplarische Geschichte und doch zugleich von einer Genauigkeit, die fast dokumentarisch anmutet. Die Herkunft des Regisseurs vom Dokumentarfilm wird deutlich in den Bildern aus der Stadt, in der die Mörder ihren Schützling in ein Bordell schicken - er soll nicht als Jungfrau sterben -, und in den Bildern, die die brutalen Bedingungen zeigen, unter denen die Bergwerksarbeit stattfindet. Schmutzig ist die Baracke, in die die drei gesteckt werden, notdürftig überkleben sie die Wände voller ausgebleichter Pin-Up-Poster mit Zeitungspapier.

So finster die Umstände sind, die "Blinder Schacht" schildert, so objektiv zynisch die Lage der Dinge ist: Von gelegentlichen Überdeutlichkeiten abgesehen, macht der Film nicht zu viel Aufhebens davon. Er funktioniert als emotionale Geschichte im kleinen Format wie als dokumentarischer Einblick in ein China, dessen brutale Transformation in eine kapitalistische Gesellschaft im Westen weitgehend unbekannt bleibt. Mit den nicht nur finanziell, sondern gewiss auch ästhetisch beschränkten Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, wirft Li Yangs Film ein Schlaglicht auf das heutige China. Ein kleiner Film, aber durchaus das, was man sich von einem als politisch deklarierten Festival erhoffen darf.

Ekkehard Knörer (Jump Cut)

"Mang Jing - Blinder Schacht", von Li Yang. Mit Li Yi Xiang, Wang Shuang Bao, Wang Bao Qiang u.a., Hongkong, China, Deutschland 2002, 92 Minuten
Termine.


Unbeschreiblich elegant: Johnnie Tos "PTU" (Forum) ist ein Wunder

Johnnie To ist der Tausendsassa unter den Regisseuren Hongkongs. Gemeinsam mit seinem engen Freund und Mitarbeiter Wai Ka-Fei hat er in den neunziger Jahren die Produktionsfirma Milky Way Images gegründet, die seither mit schöner Regelmäßigkeit höchst erfolgreiche Blockbuster hervorbringt, viele davon unter der Regie von Johnnie To und Wai Ka-Fei. Manche dieser Filme - etwa der Hit "Needing You" aus dem Jahr 2000 - sind mit großer Präzision für den breiten Markt gefertigte Kommerzprodukte unterschiedlichster Genres. Daneben aber erlaubt sich To, wann immer es geht, eigenwilligere Filme, mit denen er die festen Regeln des Hongkong-Action-Kinos innovativ umwendet oder gar unterläuft. Sein Meisterwerk "The Mission" (2000) ist einer dieser Filme, eine Studie des Leerlaufs von Action-Helden, nicht ihrer Aktionen.

Mit "PTU", seinem neuesten, im Forum der Berlinale als Weltpremiere gezeigten Film, entfernt sich To weiter denn je von den stilisierten Hongkong-Epen, deren Meister er ist - noch im letzten Jahr war in Berlin sein fulminanter "Fulltime Killer" zu bewundern. Im Zentrum steht die Polizei in Hongkong, PTU ist der Name der uniformierten Streifenbeamten, die stets in größeren Gruppen unterwegs sind. Seinen Ausgang nimmt der Film allerdings in einer mit Sinn für absurde Komik inszenierten Szene in einem Billigimbiss, in der nicht nur einer der Protagonisten - der Zivilpolizist Lo, ein arroganter, fetter Kerl - vorgestellt wird, sondern auch eine Gang von Jugendlichen um den Anführer Ponytail (der allerdings bald einen langen und blutigen Tod findet). In der Platzverteilung an den Tischen werden mit leichter Hand Hierarchien entworfen und es wird, unterbrochen von ständigem Handyklingeln, eine Dynamik in Gang gesetzt, die erst mit dem Ende des Films, viele elegant in die Hongkonger Nacht gemalte Bewegungsstudien später, in einen Showdown mündet, ein Entladung, auf die erst einmal nur Stillstand folgen kann.

Es sind verlorene, gesuchte, zirkulierende Objekte - eine Waffe, Handys -, die den Plot des Films in Gang halten. Lo hat im Kampf mit Ponytails Gang seinen Polizeirevolver verloren, eine Gruppe von PTU-Polizisten, angeführt von einem Freund, hilft ihm bei der Suche. Sind sie bis zum Morgen nicht erfolgreich, ist der Verlust zu melden, Lo kann seine Beförderung vergessen. Das ist der eine Anlass für die Gänge durch die Nacht, denen To hier folgt. Der andere ist, konventioneller noch, die Suche nach dem Mörder Ponytails. Triaden-Bosse kommen ins Spiel, und PTU, Lo und die im Mordfall ermittelnde Polizistin laufen sich bei der Suche nach Spuren, Tätern und Objekten ein ums andere Mal über den Weg. Dies ist der Plot, mehr als Voraussetzung ist er nicht für das, was Johnnie To hier will. Das ist ein Porträt der überaus ambivalent gezeichneten Polizeitruppe zum einen, ein Porträt der nächtlichen Straßen zum anderen. Wie "The Mission" ist "PTU" ein Meisterwerk der Konzentration: auf einen eng umgrenzten Handlungs- und Zeitraum.

Höchst erstaunlich eine mehrere Minuten andauernde Szene, in der die Polizisten sich vorsichtig, Taschenlampe und Waffe im Anschlag, Stockwerk um Stockwerk eines Treppenhauses nach oben bewegen. To macht daraus einen Film für sich, mit Blicken in angespannte Gesichter, kurze Schockmomente. Dramaturgisch bringt diese Szene die Geschichte nicht voran - dasselbe gilt für die meisten Höhepunkte von "PTU". Etwa ein Kind, das auf einem Dreirad durch die Nacht radelt. Stets ist zuerst das leise surrende Geräusch der Bewegung zu hören. Es ist von einer Eindringlichkeit, die nichts mit Bedeutung zu tun hat, sondern beinahe reine Musik ist. Ohne alle Aufdringlichkeit entwickelt die Tonspur nicht nur hier ein Eigenleben: minutenlang wummert dumpfe Musik aus einem nächtlich belebten, nach außen aber ganz verschlossenen Musikpalast. Dieses Ineinander von Haupt- und Nebensachen entfaltet auf die Dauer großen Zauber. Auch die Bilder stehen, zu keinem Zusammenhang genötigt, für sich, als Schritt- und Schnittfolge von Schritten auf Asphalt, immer wieder zeigt To die Polizisten in der Reduktion der Action auf reine Bewegung. Das besitzt Eleganz ohne alle Stilisierung, Johnnie To gelingt das kleine Wunder, der Form, die alltäglich daherkommt, eine seltsame Poesie zu entlocken.

Es fragt sich, wenn man diesen wunderbaren Film sieht, nur eines: Warum läuft er im Forum, warum, zum Teufel, soll das nicht gut genug sein für einen Wettbewerb, in dem sich in diesem Jahr die mediokren Werke um die hinteren Plätze schlagen? Klar, es fehlt der bildungsbürgerliche Kunstanspruch, der die Türen zum Wettbewerb stets mit unerträglicher Leichtigkeit aufstößt. Und klar, einer wie Johnnie To kann sich einen Film nur leisten, indem er im Hauptberuf die Filmindustrie Hongkongs am Laufen hält, mit nicht weniger als sieben Filmen, die er während der mehrjährigen Arbeit an "PTU" gedreht hat. Er erzählt das im kurzen Gespräch nach dem Film, ein so freundlicher wie selbstbewusster Herr mittleren Alters, mit Brille und Bauch. Nichts gegen George Clooney, aber mein Held ist sehr viel eher Johnnie To.

Ekkehard Knörer (Jump Cut)

"PTU", von Johnnie To. Mit Simon Yam, Maggie Shiu, Lam Suet, Ruby Wong, Lo Hoi-pang u.a., Hong Kong 2003, 85 Minuten
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Zu ausgetüfelt: Hans-Christian Schmids "Lichter" (Wettbewerb)

Bisher hat Hans-Christian Schmid - der Regisseur von "Nach fünf im Urwald", "23" und "Crazy" - vor allem Geschichten vom Erwachsenwerden erzählt, und dabei, ganz nebenbei, ein Porträt der Bundesrepublik in drei sehr unterschiedlichen, auch unterschiedlich heiteren Teilen entworfen. Mit seinem jüngsten Werk, "Lichter", ist er nun selbst erwachsen geworden, oder hat sich jedenfalls das Erwachsenwerden verordnet. Ein schwieriger Prozess, davon kündet nun, leider, auch der Film. Vor drei Jahren zog Schmid, der in Bayern aufgewachsen ist und lange Jahre in München lebte, nach Berlin. An der deutsch-polnischen Grenze hat er den Schauplatz seines neuen Films entdeckt. Eine Stunde, nicht mehr, liegt Polen von Berlin entfernt. Angesiedelt ist Schmids Episoden-Drama in der geteilten Grenzstadt Frankfurt (Oder)/Slubice, deren deutsche Seite dem internationalen Publikum bereits aus Andreas Dresens letztjährigem Berlinale-Erfolg "Halbe Treppe" vertraut ist.

Zwar hat Schmid auch in seinem neuen Film nicht auf jugendliche Darsteller verzichtet. Und dass er so famos wie kaum ein anderer deutscher Regisseur mit ihnen umgehen kann, zeigt sich erneut. Jedoch bleibt den jugendlichen Zigarettenschmugglern, von denen er erzählt, einfach zu wenig Luft zum Atmen, zu wenig Raum, in dem sie sich ohne Knebelung durch die Geschichte entfalten könnten. Das wiederum liegt daran, dass ihnen nur eine von fünf bis sechs Episoden gewidmet ist, die in "Lichter" lose miteinander verknüpft werden, zeitlich auf zwei Tage und räumlich (beinahe) auf Frankfurt (Oder), Slubice und Umgebung beschränkt. In weiteren Episoden geht es unter anderem um einen Trupp ukrainischer Flüchtlinge, die nicht, wie gehofft, in Berlin, sondern auf der polnischen Seite der Grenze aus dem Wagen geworfen werden, außerdem um einen deutschen Matratzenhändler im geschäftlichen Unglück und um einen jungen deutschen Architekten, der entdeckt, dass seine polnische Ex-Freundin jetzt anschaffen geht.

Solche ineinander verschachtelten Episodenfilme sind immer eine höchst heikle Angelegenheit, da sie ebenso nach Rhythmusgefühl verlangen wie nach einem Gespür für den Zusammenhalt im Ton und einem geschärften Sinn für Kontraste. An allem mangelt es Schmids Film. Allzu hektisch schneidet er von einer Geschichte zur anderen. Die ständig wackelnde Handkamera des polnischen Kameramanns bleibt zwar nah an den Figuren, verhindert aber jeden Moment der Konzentration. Das eigentliche Problem von "Lichter" liegt jedoch in den einzelnen Episoden selbst. Es ist ihnen deutlich anzumerken, wie viel gefeilt und getüftelt wurde - solange bis die bisher bei Schmid so wunderbare Beiläufigkeit sich ins Illustrative gewendet hat. Zu viel Arbeit am Drehbuch ist hier der Figuren Tod. Es hilft auch nichts, dass die Geschichten und die Charaktere um die zwei Leitmotive "Geld" und "Grenze" gruppiert werden. Deutlich wird dadurch nur, wie fest Schmid plötzlich an die Möglichkeit von Wirklichkeitsbeschreibung in Form gerundeter Geschichten glaubt. Da war er schon mal weiter.

Ekkehard Knörer (Jump Cut)

"Lichter", von Hans-Christian Schmid. Mit mit August Diehl, Zbigniew Zamachowski, Maria Simon, Devid Striesow u.a., Deutschland 2002, 105 Minuten
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"Ja Zuster, nee Zuster" (Wettbewerb) und "Company" (Forum)

Och. Es gab so hübsche Bilder zu Pieter Kramers Wettbewerbsbeitrag "Ja Zuster, Nee Zuster". Ganze Wagenladungen an Fotos habe ich aus dem Internet geladen und musste schon beim Bearbeiten kichern: Musik, Tanz und Bonbonfarben. Doch schon zehn Minuten nach Beginn der Vorstellung war klar: der ist zu dick, der Film. Die Schauspieler, allen voran Paul R. Kooij als unsympathischer Vermieter Boordevol, grimassieren, dass es kaum auszuhalten ist. Schrecklich gesund sehen sie alle aus und singen furchtbar laut. "Ich muss jetzt pinkeln", sagt die hübsche Jet, wenn sie sich von ihrer Neuerwerbung losreißt. Das sind so die komödiantischen Einfälle in diesem Film: Subtil wie der Geschmack von holländischem Käse.

Musik gibt es auch in dem indischen Gangsterepos "Company". Eine Tanzszene soll gar MTV revolutioniert haben, behauptet der Schauspieler Vivek Oberoi, der umwerfend selbstbewusst und gutaussehend einen kleinen Einführungsvortrag hält, bevor er zum nächsten Festival saust. Revolutionär sind die Tanzszenen vielleicht gerade nicht, aber doch so hübsch, dass der Zuschauer es bedauert, dass Regisseur Ram Gopal Varma (ein ehemaliger Ingenieur und heute einer der berühmtesten Filmregisseure Indiens, versichert Oberoi) nur zwei davon eingebaut hat. Erzählt wird die Geschichte der Freunde Malik (Ajay Devgan) und Chandu (Vivek Oberoi), die beide in der Unterwelt mit üblen Geschäften zu Ruhm und vor allem viel Geld kommen. Profit - das ist alles, was zählt, verkündet der Film zu Beginn. Natürlich zerstreiten sich die zwei, am Ende ist Malik tot und Chandu im Knast.

Dazwischen liegen 155 Minuten, die mit einer vergleichsweise realistischen Handlung angefüllt sind. Es geht um die indische Mafia, um Bandenkämpfe, Geld und Macht, kurz: das große Spiel. Varma beginnt schnell: schnelle Schnitte, schnelle Musikszenen, die im ersten Drittel des Films spielen, schneller Wechsel zwischen scharfen und körnigen Bildern. Immer ist was los auf der Leinwand. Chandu terrorisiert für Malik die Geschäftsleute, die "Schutzgelder" zahlen sollen. Malik räumt in der Zwischenzeit mit der Konkurrenz auf. Es gibt Leichen, Eifersüchteleien zwischen Maliks Jungs und korrupte Politiker. Und dann gibt es noch einen dicken Polizeibeamten, dessen Rolle dem Zuschauer etwas unscharf vorkommt. Zu Beginn darf er noch Leute verprügeln, die gegen Malik aussagen sollen. Am Ende verkörpert er mehr den guten Geist der Gesellschaft, die den abtrünnigen Sohn Chandu wieder in ihre liebevolle Gemeinschaft (das Gefängnis!) aufzunehmen wünscht.

Diese Unentschlossenheit, die die Figur des Polizisten verkörpert, zeichnet den ganzen Film aus. Von der Schnelligkeit, der Coolness der Figuren bleibt in der zweiten Hälfte kaum noch etwas übrig. Die harten Jungs aus den Slums mussten inzwischen Indien verlassen und führen ihre Geschäfte von Luxussuiten in Hongkong aus. Jetzt wird viel mehr geredet - vor dem Mord, nach dem Mord und zwischen zwei Morden auch. Seltsamerweise schadet es dem Film nicht sehr. Mit Sympathie bemerkt der Zuschauer, wie der Wille zum coolen Zynismus immer mehr erlahmt, dass er eine Pose ist, die Regisseur und Schauspieler über zweieinhalb Stunden einfach nicht aufrechterhalten können. Nur Ajay Devgan, dessen schlanke Eleganz hervorragend zu den Zigaretten passt, die er als Malik wortkarg raucht, bleibt sich bis zum Ende treu. Alle anderen werden weich. Zu viel Herz vielleicht. Oder zu wenig Muskeln.

Anja Seeliger

"Company", von Ram Gopal Varma. Mit Ajay Devgan, Vivek Oberoi, Manisha Koirala, Mohanlal, Antara Mali u.a., Indien 2002, 155 Minuten
Termine.
"Ja Zuster, nee Zuster", von Pieter Kramer. Mit Loes Luca, Paul R. Kooij, Paul de Leeuw, Waldemar Torenstra u.a., Niederlande 2002, 104 Minuten
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Andreas Dresen "Herr Wichmann von der CDU" (Panorama)

Andreas Dresen geht auch mit seinem neuen Film wieder da hin, wo es wehtut. In den deutschen Nordosten nämlich, diesmal die uckermärckische Provinz, Schwedt zum Beispiel, jenen Ort, den der Spiegel vor ein paar Jahren groß rausbrachte als hässlichste Stadt der Republik. Der neue Dresen ist nicht, wie zuletzt, ein Spielfilm, auch kein improvisierter, sondern eine fürs Fernsehen enstandene Dokumentation recht konventioneller Machart, die schiere Kamerabeobachtung ohne jeden Erzählerkommentar. Nur hier und da macht sich der Schnitt den einen oder anderen Reim auf das, was man sieht. Worum es geht: der junge, nämlich gerade mal 25-jährige Henryk Wichmann ist unterwegs als Bundestagskandidat für die CDU in einem Wahlkreis, der auf so selbstverständliche Weise für Markus Meckel von der SPD abonniert ist, dass der nicht ein einziges Mal im Film auftaucht oder in der Gegend, wenn man recht versteht. Er spielt mit seinen 54 Prozent vom letzten Mal in einer anderen Liga als der Rest der Kandidaten, deren Bemühen deshalb von Anfang an so sinn- wie trostlos scheinen muss.

Im Grunde also ist Henryk Wichmann ein Held der Sorte, die Steine wälzt und weiß, dass sie am Ende wieder runterkullern werden. Das Ende ist der Tag der Bundestagswahl, Dresen ist dabei bis zum bitteren Ende. Der Stein kullert runter - aber so richtig wundern muss es einen nicht. Wir erfahren dabei nie, was Wichmann wirklich denkt, das wahre Ausmaß seines Heroismus oder Idealismus oder seiner Verblendung kann man nur ahnen. Kein einziges Interview gibt es, man sieht den Mann immer nur in politischer Aktion: auf der Straße, im Altersheim, beim Auftritt Angela Merkels. Auch seine Privatsphäre mit (schwangerer) Freundin kommt nur dezent ins Bild, wenn er gebannt auf den Fernseher starrt: das Duell der Kandidaten. Vielleicht ist das auch schlicht die Wahrheit: der Politiker ist nicht mehr als die Summe seiner Auftritte und kann sich nicht erlauben zu denken, was er denken würde, wäre er Privatmann. Wie zum Beispiel: was für einen Scheiß die Leute reden, wie peinlich es ist, mit einer Handvoll Besoffenen die Nationalhymne zu singen, einsam und verlassen am Straßenrand zu stehen, den Wahlkampfschirm weht's davon, Rüttgers steckt auf der Autobahn fest und kein Schwein interessiert sich für dich.

Dresen, der ein maßloser Humanist ist (wofür man ihn lieben oder hassen kann; ich mag das sehr), ist überaus fair in der Darstellung dieses Mannes, der immerhin nicht widerspricht, wenn die allfälligen Ausländer-Raus-Parolen kommen, der, als hätte er sonst keine Sorgen, immerzu gegen die Grünen und übertriebenen Umweltschutz hetzt und gegen den man, je nach eigener Couleur, tausendundeinen Einwand erheben kann. Dresen tut das nicht - er neigt weder dazu, Herrn Wichmann zu heroisieren noch macht er ihn lächerlich. Wenig erhebend ist manche Lage, in der er gezeigt wird - aber dieser Trostlosigkeit eignet doch die Objektivität der Aussichtslosigkeit, die in diesem Landstrich des CDU-Kandidaten Los ist.

Ekkehard Knörer (Jump Cut)

"Herr Wichmann von der CDU", von Andreas Dresen. Deutschland 2002, 71 Minuten.
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Kerzen-Blenden in F.W. Murnaus "Tartüff" (Retrospektive)

Nicht nur einen Film haben Drehbuchautor Carl Meyer und F.W. Murnau aus Molieres "Tartuffe" gemacht, sondern einen Film im Film. Als moralische Anstalt: ein Enkel führt seinem Großvater und dessen Haushälterin das Stück vom heuchlerischen Frommen vor, als Film, der Parallelität der Konstellation wegen. Auf der Leinwand ist die Wahrheit, der Übergang ist zwar, jedoch als gleitender, markiert. Der Vorführer löscht die Kerze und im ersten Bild des zweiten Films wird sogleich wieder eine entzündet. Hübsch absurder Anachronismus: die Kerzen-Blende.

Um fast nichts anderes geht es in Tartüff als um Blicke. Entlarvung im Off. Die Haushälterin und ihr diebisches Lachen, sobald der Großvater anderswohin sieht. Rechts und links gekascht der erste verstohlene Blick durch eine Tür, der Enkel beobachtet die Haushälterin, wie sie Gift ins Glas mischt. Dadurch präfiguriert: die Entdeckungsszene des Films im Film, inszeniert recht eigentlich als Film im Film im Film. Der Blick des Zuschauers geht durchs Schlüsselloch; ohne Kasch interessanterweise. Die Wahrheit, wiederum, leinwandfüllend. Ins Leere ging zuvor die Demonstration vom wahren Adam hinter Tartüffs (Emil Jannings) frommer Fassade, weil der Beobachter ins Bild geraten ist, per Spiegeleffekt. Wir, nur wir, sehen alles, ansonsten sind die Einsichten sehr ungleich verteilt, was für hübsche Ironien sorgt. Natürlich haben wir - wie Elmire (Lil Dagover), Orgon (Werner Krauß) aber nicht - das Stieren Tartüffs aufs entblößte Bein, aufs Dekolletee Elmires mitbekommen. Die Kamera stößt uns mit den Augen darauf.

Einmal der Blick in die Kamera, die direkte Publikumsansprache des Enkelsohns. Auch uns, heißt das, wird etwas vorgeführt. Der Zuschauer als Partner, platziert in seinem Verhältnis zum Geschehen, als Augenzeuge nicht mittenmang, aber auch nicht in sicherer Distanz. Seltsam wie schon in "Schloss Vogelöd" die wiederholten establishing shots auf das Gebäude, diesmal nicht von oben, sondern frontal - scheinbar funktionslos nichtsdestoweniger. Denn was soll damit erzeugt werden: Geschlossenheit oder Distanz? A sense of place? Aber wird der nicht gerade durch die Künstlichkeit dieses falsch totalisierenden Blicks irritiert? Dagegen steht, kurz vor dem Schlüsselloch-Film, eine schöne Kamerabewegung, die nach links, treppab, nach rechts, treppab, der Dienerin folgt, ungeschnitten. Hier auch wieder eine der wunderbaren Lichtinszenierungen im Treppenhaus, durch das die Kerzen (wiederum!) als natürliche Lichtquellen getragen werden. Licht und Schatten werden so ganz ungezwungen sekündlich umverteilt, am eindrucksvollsten anfangs, als lustvolles Spiel mit dem Geländerschatten.

Rokoko haben Murnau und Mayer aus Moliere gemacht, die Moral interessiert sie gerade nicht, nur die Eleganz der Blickführungen. Es kommt dabei nicht auf Subtilitäten an und nicht auf Doppeldeutigkeiten, alles wird - im Film im Film - zu einer Deutlichkeit ausgespielt, für die der wahrhaft dicke Auftrag Emil Jannings' nur das schmierenkomödiantischste Beispiel ist. Etwas anders liegt die Sache in der Rahmenerzählung. Denn hier kommt die Wahrheit nur durch Verkleidung und Schwindel ans Licht - das wieder sehr buchstäblich: der Kinosaal wird hell, die Gesichter der beiden Zuschauer werden mit Licht geradezu beworfen. Und ob dem Enkel, ein Schauspieler führwahr, ganz zu trauen ist: das fragt sich. Nach seinen letzten Worten ohnehin.

Ekkehard Knörer (Jump Cut)

"Tartüff" (American Cut), von Friedrich Wilhelm Murnau. Mit Emil Jannings, Werner Krauss, Lil Dagover, Lucie Höflich u.a., USA 1927, 76 Minuten.
Termine.