Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
08.11.2004. Im Merkur erklärt Bernhard Schlink, warum Ungerechtigkeit sittlich sein kann. Im Espresso hofft Andrzej Stasiuk auf einen Wechsel in der Ukraine. Das polnische Plus-Minus fürchtet sich eher davor. Folio widmet sich den Marken, DU dem Blut (immer so schön konkret, die Schweizer). Outlook feiert den größten Bösewicht des indischen Films. Ferenc Fejtö nennt in ES das christliche Europa eine Utopie. In der NYT Book Review entdeckt David Foster Wallace Absurditäten in einer neuen Borges-Biografie.

Merkur (Deutschland), 01.11.2004

Der Jurist und Autor Bernhard Schlink nähert sich vorsichtig einer heiklen Frage: "Hat nicht auch die Gerechtigkeit ihren Preis? Muss nicht auch die stetige "Verrechtlichung und Vergerechtlichung" moderner Gesellschaften an Grenzen stoßen? "Dass die Sensibilität für Recht und Gerechtigkeit gewachsen ist, ist kein Schaden", schreibt Schlink, "der Schaden liegt in der Absolutheit, mit der das normative Paradigma die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit der Verwirklichung anderer Ziele vorordnet. Manchmal können Unrecht und Ungerechtigkeit politisch, wirtschaftlich oder pädagogisch sinnvoll und sittlich vertretbar sein, und in der Liebe geht es ohnehin nicht fair zu. Immer ist die Wirklichkeit so, wie sie ist. Immer gilt es, sie richtig zu sehen und ernst zu nehmen, ob man sie mit gutem Grund lieber anders, besser, gerechter hätte oder nicht. Immer ist die Entscheidung, auf die Gerechtigkeit gegen die Wirklichkeit oder auf diese gegen jene zu setzen, eine zu verantwortende Entscheidung, die ihren Preis hat. Dass das normative Paradigma den Preis entfallen lasse, ist nur ein schöner Schein."

Weiteres: In ihrer Humaniorakolumne erkennt Katharina Rutschky im Bild der sinnlichen, pazifistischen Frau eine reaktionäre Männerphantasie, an die nur noch der Vatikan und der Feminismus glauben.

Im Print: Volker Gerhardt beleuchtet die amerikanisch-europäische Uneinigkeit im Kampf gegen den Terror. Matthias Bohlender verfolgt das "Gespenst der Arbeitslosigkeit", und Dirk von Petersdorf fragt, wie viel Metaphysik die Aufklärung verträgt.
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 15.11.2004

John Updike hat das von Yoshio Taniguchi umgebaute MoMA besichtigt. Leicht fröstelnd schreibt er: "Nichts in dem neuen Gebäude ist aufdringlich, nichts billig. Es ist atemberaubend, keine Kosten wurden gescheut. Es hat den Zauber einer Bank nach Geschäftsschluss, einer Honigwabe, aus der man den Honig entfernt hat und ist von einem sanften Schimmer durchzogen. Der geniale Projektleiter William J. Malloney, der mich führte, zitierte den Architekten, der dem Museumsvorstand etwas gesagt habe wie: 'Besorgen Sie mir viel Geld, und Sie bekommen viel Architektur dafür. Wenn Sie noch mehr Geld beschaffen, lasse ich die Architektur verschwinden.' Und irgendwie ist sie das tatsächlich, verschwunden."

Paul Goldberger dagegen lobt die Eleganz, mit der Taniguchi den Erweiterungsbau ins Stadtbild eingefügt habe. Taniguchi habe vor allem "ein Paradox begriffen, das seinem Projekt innewohnte: dass nämlich das Gelingen, das Museum als es selbst zu erhalten, zumindest zum Teil von seiner Fähigkeit abhängen würde zu erkennen, wie viel dafür verändert werden musste."

Weiteres: In einer ausführlichen Analyse untersucht Jon Lee Anderson, ob im Irak, wo Bushs "De-Baathifizierungsprogramm" die Unruhen anheize, noch ein Kurswechsel möglich ist. "Wehe uns!" überschreibt Hendrik Hertzberg seinen Kommentar über den Ausgang der Präsidentenwahl. ("Hier, im traurigsten Bezirk der traurigsten Stadt des traurigsten Staats unseres rot-weiß-blauen Landes, war die vergangene Woche keine glückliche. Wir haben den Blues".) Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Triumph of the Southside Ladyjacks" von James Ellis Thomas.

Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Buch von Tom Wolfe ("I Am Charlotte Simmons") und einer Biografie über P. G. Wodehouse. Anthony Lane sah im Kino den neuen Zeichentrickfilm der Macher von "Findet Nemo", "The Incredibles", und eine Wiederaufführung von Samuel Fullers "The Big Red One", der auch nach 25 Jahren nichts von seiner "Hartnäckigkeit" verloren habe.

Nur in der Printausgabe: ein Artikel über ängstliche Eltern, die furchtbar viel Geld ausgeben, um ihre Kinder groß zu bekommen, eine Reportage über das Steuern eines Schiffs, das größer als die Titanic ist, ein Bericht über einen französischen Medienskandal und eine Bewertung der amerikanischen TV-Wahlberichterstattung.
Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 11.11.2004

Andrzej Stasiuk hat Angst um die Ukraine, wo am 21. November Stichwahlen beieiner äußerst knappen und umstrittenen Präsidentschaftswahl anstehen. Denn der "Geier", Putin persönlich, ist nach Kiew geflogen, "in der Hoffnung, dass sich die ukrainische Demokratie mit seiner Hilfe als eine Totgeburt erweist". Putin und andere Despoten der Region hätten Angst vor diesen Wahlen, glaubt Stasiuk: "Denn wenn der Demokrat und Pro-Europäer Viktor Juschtschenko gewinnen sollte, dann würde das Putin und Konsorten unsicher machen. Es würde zeigen, dass im postsowjetischen Sumpf, in dem Russland, Weißrussland und das kleine gottvergessene Moldawien versunken sind, ein radikaler Wechsel möglich wäre."

In der Titelgeschichte beklagt Enrico Pedemonte den Wahlsieg von George W. Bush und ist sich sicher, dass Amerika nun noch radikaler wird als je zuvor. Monica Maggi berichtet vom zweiten Gender Bender Festival in Bologna, das sie für den Mix aus europäischer Kultur, Musik, Kunst und Film und die verschwimmenden Geschlechtergrenzen liebt. Cesare Balbo informiert, dass mit den "Fantastischen Vier" die Marvel-Kinofamilie bald komplett ist.
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Archiv: Espresso

Elet es Irodalom (Ungarn), 29.10.2004

Der in Frankreich lebende ungarische Autor Ferenc Fejtö plädiert für eine differenziertere Betrachtung des historischen Verhältnisses zwischen Ungarn und dem Osmanischen Reich, das nicht auf Kriege von Muslimen gegen Christen reduziert werden darf. In diesem Zusammenhang - und vor der Ermordung des Filmemachers van Gogh in Amsterdam - macht Fejtö auf die Chance Europas aufmerksam, für den Kampf gegen den Terrorismus die Türkei und die islamischen Minderheiten der EU als Partner zu gewinnen. "Schon deshalb wäre es nicht von Vorteil, die Tore der Union im Zeichen des sogenannten 'christlichen' - das heißt islamfeindlichen und antisemitischen - Europas zu verriegeln. Dieses 'christliche Europa' ist eine Utopie, die von den Integristen im Vatikan, München und Wien verkündet wird, ein Trugbild, das auch in Ungarn nur für eine rechte Minderheit attraktiv ist, die von den Rechtsextremisten in ihren Bann gezogen wurde."

"Meine Helden sind erniedrigte Menschen" - erklärt der Schriftsteller György Dalos im Gespräch über seinen in Ungarn gerade erschienenen Roman "Seilschaften". Der Sittenverfall seiner Landsleute erinnert ihn an Balzac-Romane, denn im Wirbelsturm des ungarischen Transformationsprozesses benehmen sich die Menschen für Dalos so, wie die Helden Balzacs zwischen den Ären Ludwigs XVI. und Napoleons. "Die persönliche Integrität hilft nichts, wenn sich die Welt um uns herum grundsätzlich verändert. Man wird zu einem Alkoholiker, oder man wird nach rechts bzw. nach links geschleudert. Wir sind elementaren Kräften ausgesetzt." Dalos startet in der ungarischen Edition seines Romans ein intermediales Experiment, um die Interferenzen zwischen den "Galaxien Gutenberg und Gates" auszutesten. Am Ende des Buches sind drei E-Mail-Adressen abgedruckt, über die der Leser die Romanfiguren kontaktieren kann. "Bis jetzt kam eine einzige interessante Nachricht und fünfzehn Werbungen."

Auch in Litauen tobt ein Wirbelsturm - erzählt Marius Ivaskevicius (mehr hier), - und fördert Erstaunliches ans Tageslicht, zum Beispiel die Verzauberung ganzer Stadtteile: Vor kurzem erklärten paar Künstler einen langweiligen Stadtbezirk von Vilnius spontan zu einer autonomen Republik. "Sie errichteten an der Grenze des Stadtviertels eine Grenzstation, ernannten sogar einen Premier und mehrere Botschafter. Regierungssitz wurde jenes Kaffeehaus, dessen Terrasse einen Blick auf den Fluss Vilnele bietet. Die Preise der Wohnungen in diesem Stadtviertel steigen seitdem nicht Tag für Tag, sondern Stunde für Stunde."

Folio (Schweiz), 08.11.2004

Markenfetischisten und No Logo-Aktivisten dürften im aktuellen Folio gleichermaßen auf ihre Kosten kommen: Es geht um Marken. Daniel Weber hat sich mit einem anregenden Rainer Baginski, Autor und Ex-Werber, über Markenpsychologie, Branding und die moralische Verantwortung der Werbung unterhalten. Gewissensbisse, weil durch seine Arbeit möglicherweise unschuldige Jugendliche der Geißel Alkohol und dem Teufel Tabak anheim gefallen sind, hat dieser zwar keine, aber etwas betrübt war er schon, als seine Tochter mit dem Rauchen angefangen hat. "Ich wusste ja, wie die Psychologie der Zigarettenwerbung funktioniert. Rauchen gilt als Zeichen des Erwachsenwerdens, und genau das wollen die Kinder ja, erwachsen werden, das ist wunderbar. Wenn Nichtrauchen Erwachsenwerden bedeuten würde, das wär's."

Wenn Sie weiblich, ledig und jenseits der fünfunddreißig sind, hat Elisabeth Bronfen vielleicht einen Buchtipp für Sie: "Find a Husband After 35 Using What I learned at Harvard Business School" von Rachel Greenwald. Dieses 15-Punkte-Programm richte sich an Frauen, die das schlimme Stigma des Alleinseins loswerden möchten. Das geht scheinbar ganz einfach, indem man berufliche Verkaufsstrategien aufs Privatleben überträgt. Branding heißt die Devise für die Frau von heute, sich "so gestalten, dass sie ein stimmiges Produkt abgibt".

Außerdem: Luca Turin wird in seiner Markenkritik erfreulich konkret. Über Hermes: kein Objekt ist "sein Geld nicht wert", auch wenn es hässlich ist. Louis Vuitton: "Lausige Qualität (die thailändischen Imitate sind nicht viel schlechter als die Originale), zweifelhafter Geschmack (um ein Bonmot von Marx umzukehren: was in den dreißiger Jahren als Farce begann, nämlich das Futter nach außen zu wenden, ist inzwischen zu einer Tragödie geworden) und unverschämter Preis." Im "Brauseschritt" schreitet Harald Willenbrock die Coca Cola-Historie ab, Andreas Heller wirft einen Schweizer Exotenblick auf den Erfolg von Aldi, und Mikael Krogerus weiß um die zunehmenden Schwierigkeiten erfolgreicher Marketingstrategien.

Und noch einmal Turin: In der Duftkolumne kommentiert er schockiert die Nachricht, dass Guerlain "alle seine klassischen Düfte (14)" verändern will, um sie "den Normen der International Fragrance Association anzupassen", die Allergien ausschließen sollen. Für Turin ein "Akt von vorauseilendem Vandalismus".
Archiv: Folio

Nouvel Observateur (Frankreich), 04.11.2004

Zu lesen ist ein Interview mit dem inzwischen 97-jährigen amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler John Kenneth Galbraith (mehr), der in Frankreich gerade sein jüngstes Buch über "neue Lügen des Kapitalismus" vorlegt ("Les Mensonges de l'economie", Grasset, noch nicht auf Deutsch erschienen). Galbraith, der angibt, es "tunlichst zu vermeiden, sich selbst zu definieren", überrascht darin mit einer Aussage zur Bedeutung des Mauerfalls: "Ich messe dem Fall der Berliner Mauer keine große historische Bedeutung bei. Es waren viel tiefergehende Kräfte, die Ost und West geeint haben, die Russland und China wie die westlichen Länder in die Ära der Unternehmensökonomie kippen ließen."

Weiteres: Ausführlich besprochen werden zwei Bücher zum Thema "Autofiktion", ein Mittelding zwischen Autobiografie und Fiktion, das in Frankreich seit Herve Guibert und anderen zum Begriff wurde ("Est-il je? Roman autobiographique et autofiction" von Philippe Gasparini, Seuil; "Autofiction & autres mythomanies litteraires" von Vincent Colonna, Tristram). Anlässlich des Erscheinens seines neuen Romans ("Fanny", Plon) gibt der amerikanische Schriftsteller Edmund White (mehr) Auskunft über seine Lieblingsschriftsteller und beklagt, dass heutzutage "keine Unterscheidung mehr zwischen der Literatur und dem Leben" gemacht würde. Und mehr Buchbesprechungen: Geradezu hymnisch ("Köstlich, komisch, frech, meist genau: insgesamt der beste Sollers!") wird der "Dictionnaire amoureux de Venise" von Philippe Sollers besprochen (mehr, Plon). Empfohlen wird außerdem die Wiederlektüre des kommunistischen Literaturkritikers Marc Bernard, der in den dreißiger Jahren gegen "bürgerliche, katholische und verräterische Schriftsteller" zu Felde zog ("A l'attaque!", Le Dilettante), sowie ein "leidenschaftlicher" Essay von Nicole Lapierre, der sich mit "Denkern des Andersseins", darunter Walter Benjamin, Georg Simmel, aber auch Günter Wallraff beschäftigt ("Pensons ailleurs", Stock).

Outlook India (Indien), 15.11.2004

Zweimal Thema Film: Amitabh Bachchan steht gerade als Mauritier vor der Kamera und versetzt den kleinen Inselstaat mit seiner Anwesenheit in helle Aufregung. Es wird ein Bollywood-Film, schreibt Namrata Joshi, der nicht von Indien handelt - sondern von Konflikten zwischen der französischstämmigen (und natürlich mächtigen) Minderheit und der indo-mauritianischen Mehrheit: Rassismus, Dünkel und verbotene Liebe. Tatsächlich sind auf Mauritius siebzig Prozent der Bevölkerung indischstämmig. "Während ihre Gemeinde ständig an Status gewonnen und die politische und administrative Macht übernommen hat, kontrolliert die kleine französischstämmige Gemeinde den größten Teil der Wirtschaft. Auf die daraus resultierenden Konflikte zielt der Film."

Meghnad Desai hat Bunny Reubens Biografie des Schauspielers Pran gelesen, der in mehr als 350 Filmen den Bösewicht gab, wobei er meistens besser aussah als der Held, was auch den Frauen nicht entging, auch wenn sie am Ende dem Good Guy in die Arme sinken mussten. "Er war kultiviert und gut angezogen - selbst im unvermeidlichen weißen Jacket - und er war böse bis hinab zu den Absätzen seiner weißen Gentleman-Schuhe." Ein Mann mit einer langen Karriere im frühen indischen Kino (sage und schreibe sechzig Jahre), mit vielen negativen Rollen und einem großem Anhang - und jetzt auch einem "würdigen Tribut" in Form dieses Buches.

Dann das Bush-Wiederwahl-Paket inklusive Vinod Mehtas Titelgeschichte, dem es angst und bange wird, da mag der republikanische Sieg noch so "gut" sein für Indien. Sunil Khilnani, Leiter der Fakultät für Südasienstudien an der John Hopkins University, gibt einen präzisen und wohlüberlegten Ausblick auf die nächsten vier Jahre, und Michael Albert, Mitbegründer des Z Magazine, analysiert ausführlich die Lage der amerikanischen Linken (weiter geht?s!)- das allerdings nur im Netz.

Schließlich hat Anita Nair ein wahres Kleinod ausfindig gemacht: einen Lyrikband, der Kinder und sogar Lyrik-Ignoranten entzücken und mit leichter Hand für die Poesie gewinnen wird. Er stammt von Ruskin Bond und heißt "A Little Night Music". Hier ein paar ganz wundervolle Beispiele.

Gazeta Wyborcza (Polen), 06.11.2004

"Die Demokratie hat auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR eine letzte Chance. Es ist die Ukraine", meint Roman Podebski in der Wochenendausgabe der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Nachdem die ukrainischen Präsidentschaftswahlen nach einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen dem pro-russischen Kandidaten, Wiktor Janukowytsch, und dem pro-westlichen Oppositionsführer, Wiktor Juschtschenko in die Stichwahl gehen, spitzt sich die Lage noch mehr zu. Trotz einer einseitigen Medienkampagne und einem starken Engagement des Kreml und des Machtapparats, kann Juschtschenko die Wahl noch für sich entscheiden. "Juschtschenkos Ergebnis muss auch im Hinblick auf das Phänomen der 'zurückgefahrenen Demokratie' in den anderen GUS-Staaten hervor gehoben werden. In nahezu all diesen Ländern sind Beachtung der Menschenrechte und der bürgerlichen und wirtschaftlichen Freiheiten zu einem Synonym für Schwäche gegenüber den bösen Einflüssen des Westens geworden. In diesem Kontext sind die ukrainischen Wahlen wie ein Atemzug frischer Luft, eine Absage an die angebliche Allmacht russischer Polittechnologen", schreibt Podebski.

Anna Wolff-Poweska vom Posener West-Institut nimmt sich 15 Jahre nach dem Mauerfall der ostdeutschen Psyche an: "Das Bewusstsein, dass nun in aller Öffentlichkeit das Leben der DDR-Bürger vor und nach dem Mauerfall zerlegt und untersucht wird - wie sie lebten, beteten, ihre Freizeit verbrachten, was sie heute denken, was sie essen, was sie über die Homosexuellen denken, wie sie mit dem Kommunismus abrechnen - und das, indem man sie ständig mit den Westdeutschen vergleicht, ist eine Quelle der Demütigungen und der Irritation. Woher nehmen sich diejenigen, die das Schicksal einige Kilometer weiter westlich verschlagen hat, das Recht auf solche Abrechnungen?", schreibt sie. Dabei war die DDR in besonderer Weise von der Existenz im Ostblock gezeichnet, "in einer Welt, wo es Arbeitsplätze ohne Arbeit, Wahlen ohne Möglichkeit der Wahl, Geld ohne Waren, Freundschaftsgrenzen ohne Freundschaft gab". Das Experiment der Einheit hält Wolff-Poweska dennoch für gelungen. Woran es allerdings noch fehlt, ist Interesse für einander und einfache zwischenmenschliche Solidarität und Vertrauen.

DU (Schweiz), 01.11.2004

Das neue Heft des Schweizer Magazins DU widmet sich dem ganz besonderen Saft, dem Blut...

Höchst spannend liest sich Heide Hollmers Bericht darüber wie es ist, mit einem neuen Herzen ausgestattet zu werden. Gerade mal 35-jährig erleidet die Literaturwissenschaftlerin einen Vorderwandinfarkt mit irreversibler Schädigung und muss auf ein Spenderherz hoffen - mit offensichtlichem Erfolg. Sie hat Glück gehabt, ihr neues Herz liebt den gleichen Mann wie ihr altes. Auch sonst hat sich ihre Persönlichkeit nicht geändert: "Als ein Journalist unter Verweis auf eine Amerikanerin unbedingt von mir hören wollte, dass ich charakterlich eine Symbiose mit meinem Herzspender eingegangen sei, fragte ich eine Ärztin aus dem Transplantationszentrum. Schlagfertig konterte sie: Die Kardiochirurgie arbeite seit längerem schon mit Kuhherzen, aus denen transgenes Gewebe für Klappen gewonnen wird. Bislang habe sich noch kein Patient gemeldet, um sich melken zu lassen."

Des weiteren findet sich exklusive Blut-Prosa in Gestalt zweier Erzählungen von Burkhard Spinnen und von Viola Roggenkamp, von denen leider nur die letztere mit Titel "Herzblut" online einzusehen ist.

Nur im Print: "Zauberhafte" Aufnahmen menschlicher Blutbahnen des schwedischen Fotografen Lennart Nilsson (mehr hier), Werner Burkhardt meditiert über Blut auf den Opernbühnen, Georg Oswald widmet sich der Blut und Boden-Ideologie, und Mathias Böllinger porträtiert den medizinischen Illustrator Gerhard Spitzer.
Archiv: DU

Economist (UK), 05.11.2004

Richard Haass, Präsident des außenpolitischen Rates und ehemaliger Berater George W. Bushs, zählt auf, welche Aufgaben den wiedergewählten Präsidenten erwarten. Nach einer beeindruckend und beunruhigend langen Liste lautet sein Fazit: "All diese Herausforderungen werden auf ein gezügelteres Amerika hinauslaufen. Neue erwählte Kriege sind weniger wahrscheinlich, allein schon weil George Bush bereits alle Hände voll zu tun hat. Viele auf der Welt werden dies ohne Zweifel begrüßen. Doch sie sollten vorsichtig sein mit dem, was sie sich wünschen. Die Welt ist ein sehr gefährlicher Ort, und im Gegensatz zum wirtschaftlichen Handel gibt es dort keine unsichtbare Hand, die dafür sorgt, dass sich alles zum Guten fügt. Wie George Bush sehr wohl weiß, sind nur die Vereinigten Staaten in der Lage, diese Rolle zu spielen."

"Ein Kopf-an-Kopf-Rennen, aus dem George Bush nach einem technischem Streit in einem hart umkämpften Staat als Sieger hervorgeht" - Zwar mag dieses Szenario einem bekannt vorkommen, meint der Economist, doch man sollte die Bedeutung des US-Wahlausgangs nicht unterschätzen. Denn immerhin "verfügt der 'zufällige Präsident', der das Weiße Haus vor vier Jahren nur dank des Obersten Gerichtshofs und schrumpeliger Stanzabfälle erreichte, jetzt über ein wirkliches Wählermandat." Daraufhin wendet sich der Economist dem demokratischen Lager zu und sieht Hillary Clinton als die nächste demokratische Präsidentschafts-Kandidatin kommen.

Weitere Artikel: Simon Singhs Buch über den Urknall ("Big Bang: The Most Important Scientific Discovery of All Time and Why You Need to Know About It") erntet Lob für seine subtile, anmutige und witzige Art. Wie ist es nun um die Idylle des niederländischen Multikulturalismus bestellt, fragt der Economist nach dem Mord am Regisseur Theo Van Gogh, der ironischerweise gerade dann geschah, als Van Gogh auf dem Weg ins Studio war, um seinem Film über den Mord am Rechtspopulisten Pim Fortuyn den letzten Schliff zu geben.

Außerdem: der Economist würdigt den verstorbenen Musikkritiker John Peel als kompromisslosen Pionier, begrüßt die Initiative der Zeitschrift "The Lancet", statistische Schätzungen über die Anzahl der irakischen Kriegsopfer zu liefern - die Zahlen allerdings stellt er in Frage, und überlegt schließlich, wie der Nahost-Friedensprozess nach Arafat aussehen könnte.
Archiv: Economist

Plus - Minus (Polen), 06.11.2004

Das Magazin der polnischen Tageszeitung Rzeczpospolita spricht mit drei jungen Politikwissenschaftlern über die Lage nach den Wahlen in der Ukraine, über die imperiale Politik Russlands und das Verhältnis des Westens gegenüber den osteuropäischen Staaten. "Seit dem Beitritt Polens zur NATO lebten wir in der bequemen Überzeugung, dass Russland keine reale Bedrohung mehr darstellt. Das, was heute in und um die Ukraine passiert, zeigt, dass es vollkommen anders ist. Das Imperium schlägt zurück. Die Mittel sind anders, aber die Ziele die gleichen. Russland ist sehr daran interessiert, sich so fest wie möglich an Mittelosteuropa festzukrallen. Die inkohärente Politik der EU gegenüber Moskau lässt vermuten, dass wenigstens einige Länder diese Politik dulden werden. George W. Bush hinterfragt sie auch nicht", meint Marek Cichocki. Allerdings: "Der Ort, wo es zu spektakulären amerikanisch-russischen Spannungen kommen kann, ist der Iran. Die Ukraine und Weißrussland sind für die USA, strategisch gesehen, zweit- oder gar drittrangig".

Zum polnischen Kinostart von "Der Untergang" sorgt sich die Filmkritikerin Barbara Hollender, ob das junge, geschichtsunkundige Publikum in Polen und anderswo in der Lage sein wird, den Film richtig einzuordnen. Obwohl ihr der Film persönlich gut gefallen hat, würde sie dafür plädieren, im nächsten Schritt die Entstehungsgeschichte der Tyrannei zu verfilmen, zu zeigen, wie "Hitler den Deutschen passieren konnte".
Archiv: Plus - Minus

Kafka (Deutschland), 04.11.2004

Die Kafka-Ausgabe ist ganz dem neuen und alten Antisemitismus in Europa gewidmet. Der Historiker Michael Wildt sieht vor allem in der Ablehnung des Neuen ein altes Muster: "In der Kritik an Israel entzündet sich offenbar ein symbolischer Konflikt, der mit antisemitischen Stereotypen befeuert wird. Ähnlich wie im 19. Jahrhundert die Juden zum Inbegriff der Moderne wurden und jedwede Kritik an Modernität antisemitisch ausgedrückt werden konnte, so steht am Beginn des 21. Jahrhundert zu befürchten, dass alle Erfahrungen von globaler Unsicherheit, Diskriminierung und Bedrohung im Krieg zwischen Israel und den Palästinensern ein weltweites Symbol finden und Antisemitismus erneut zu einem 'kulturellen Code' werden wird."

Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, kann dagegen keinen gestiegenen Antisemitismus in Europa feststellen: "Die Israelis sollten dazu übergehen, anstatt ihrer historischen Empfindlichkeit nachzugeben, die kritischen Thesen gegen ihre Politik mit Argumenten zu widerlegen."

Der in der Slowakei geborene Autor Peter Ambros erklärt den "Volksantisemitismus des klero-faschistischen Staates" als einen "sentimentalen Antisemitismus der moralischen Verzweiflung" und weist auf einen entscheidenden Unterschied hin: "Der jüdische Volksfeind in der Slowakei war weder der Komponist noch der Unternehmer. Es waren die Dorfschankwirte." Außerdem schreiben Ulrich Beck, György Dalos, Basil Kerski ...

Und wie immer das ganze auch auf Tschechisch, Ungarisch, Polnisch und Slowakisch.
Archiv: Kafka

New York Times (USA), 07.11.2004

Wie ähnlich waren sich Mussolini und Hitler? Seit Giorgio Fabres Buch "Il Contratto: Mussolini Editore di Hitler" ist in Italien die schwelende Debatte wieder neu entflammt, berichtet Lila Azam Zanganeh in einem Brief aus Rom. Fabres These, dass Mussolini weit mehr von der Rassenideologie des deutschen Kollegen gehalten habe als bisher bekannt, stößt bei vielen italienischen Intellektuellen auf Widerstand. "Als ich ihn in seiner eleganten römischen Wohnung besucht habe, hat Giano Accame, Historiker und Gründer des Movimento Sociale Italiana, einer neofaschistischen Partei der Nachkriegszeit, Fabres Behauptungen als 'übertrieben' charakterisiert. 'Mussolini hat sicher nicht die hitlerschen Überzeugungen bezüglich der Juden geteilt', sagte er, als wir in seinem Arbeitszimmer saßen, das mit einer Büste und einem signierten Bild Mussolinis verziert war. Fabre hingegen hält daran fest, dass Mussolini ein 'verhinderter Hitler' war, der es bereute, nie sein eigenes 'Mein Kampf' geschrieben zu haben."

David Foster Wallace hat Edwin Williamsons Biografie (erstes Kapitel) des großen Jorge Luis Borges (mehr) gelesen, und findet, hier wird zu viel interpretiert: "Ein Biograf will, dass seine Geschichte nicht nur interessant, sondern auch literarisch wertvoll ist. Darum muss die Biografie glaubhaft machen, dass das persönliche Leben des Schriftstellers von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des Werks ist." Das klappt bei einigen Autoren, wie zum Beispiel Kafka, meint Allen. Bei Borges funktioniert es nicht: "Wir haben es mit der seltsamen Situation zu tun, in der Borges' individuelle Persönlichkeit und seine Situation nur insofern Bedeutung haben, als sie ihn dazu bringen, Kunstwerke zu schaffen, in denen persönliche Fakten für unwirklich gehalten werden."

Weitere Besprechungen: "Genau im richtigen Moment" kommt Geoffrey R. Stones "Perilous Times. Free Speech in Wartime, From the Sedition Act of 1798 to the War on Terrorism", meint Christopher Hitchens. Stone untersucht darin das Verhältnis von Freiheit und Staatsgewalt in Krisenzeiten. James F. O'Gorman empfiehlt Ada Louise Huxtables Porträt des "begnadeten, hingebungsvollen, egozentrischen und arroganten" Architekten Frank Lloyd Wright (mehr von seinen Bauten) als "anregende" Lektüre (erstes Kapitel).

Für das New York Times Magazine fährt Alex Witchel mit John Patrick Shanley zu einem Barbecue mit dessen presseskeptischer Verwandtschaft, und findet sich mit dem Dramatiker und Drehbuchautor deshalb schnell in einer "spontanen Quarantäne". Viel Zeit zum Reden mit dem vielschichtigen Shanley, von dem gerade drei Stücke am Broadway auf dem Spielplan stehen. "Seit ich sechs war, bin ich ständig in Schlägereien verwickelt. Ich wollte das nicht unbedingt. Die Leute schauten mich an und der Anblick machte sie wütend. Ich glaube, weil sie sehen konnten, dass ich gesehen habe, wer sie sind. Und das konnten sie gar nicht ab."

Die New York Times Reporterin mit dem schönen Namen Gretchen Reynolds beschreibt in der Titelreportage, was Keiji Fukuda und Tim Uyeki antreibt, ihr Leben der ewigen Jagd nach dem Grippevirus zu widmen. Und Daphne Eviatar versucht herauszufinden, ob der Gesundheitsexperte Jeffrey Sachs recht hat, wenn er behauptet, 150 Milliarden Dollar würden die Armut vom Angesicht der Erde tilgen.