Magazinrundschau
In der Krise ist hartes Licht gefragt
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
22.12.2020. Kunst mag politisch sein, meint Peter Schjeldahl im New Yorker. Aber politische Kunst mag auch ein Verfallsdatum haben. Himal staunt über die einst charmante Stadt Dhaka, die zur schwindelerregenden und brutalen Metropole wurde. In Tablet ärgert sich Tony Badran über den Orientalismus der linken Eliten. BBC bringt neue Erkenntnisse über die Ausbeutung der Uiguren auf Baumwollplantagen. In Magyar Narancs erklärt der Sohn von Péter Esterházy , warum sich die Familie entschieden hat, die Archive des Autors nach Berlin zu geben. In TLS kommt Caryl Phillips auf den Windrush-Skandal zurück.
BBC Magazine (UK), 22.12.2020
New Yorker (USA), 28.12.2020

Himal (Nepal), 22.12.2020
Tablet (USA), 22.12.2020
Times Literary Supplement (UK), 18.12.2020
Der britische Schriftsteller Caryl Phillips, der mit seiner Familie als kleines Kind von St. Kitts nach Britannien kam, blickt auf seine Kindheit in Leeds und all die Demütigungen zurück, die Migranten aus dem Commonwealth erdulden mussten, nicht zuletzt auch mit dem Windrush-Skandal: "Meine Mutter und mein Vater kamen an in einem Britannien, das sie für ihre Heimat hielten, ihr Mutterland, den Mittelpunkt der Welt, deswegen blickt sie anders auf ihre Zukunft als Migranten, die aus ökonomischen oder politischen Gründen in ein fremdes Land ziehen. Anders gesagt: Ihre Reise nach Britannien war beladen mit der schweren Fracht der Erwartung. Doch dann kam das Aufeinandertreffen. Migranten aus den Kolonien mussten für ihre Teilhabe ein ungeheures Maß an Demütigungen schlucken, sonst hätten sie nur vor der Einsicht kapitulieren können, dass das gesamte koloniale Gebilde auf Täuschung beruhte. Wie wir wissen, blieb die große Mehrheit der Nachkriegsmigranten; sie leckte ihre Wunden und kämpfte darum, sich und ihren Kinder einen Platz in Britannien zu verschaffen, das sie zu verändern hofften. Und während es vielen gelang, das Land zu verändern, wurden andere niedergeschlagen, einige verloren ihre Kinder oder ihren Verstand, und etliche ihr Leben. Ich war tatsächlich immer zutiefst irritiert von den Werken migrantischer Schriftsteller (wie Samuel Selvon), die angesichts einer überwältigender Ablehnung weiterhin an ihrer Loyalität gegenüber dem Land und seinen Städten festhielten… Sie saßen in der Falle. Ihre Identitäten waren lange geformt, bevor sie in Hull oder Suthampton an Land gingen. Wenn sie erst einmal gelandet waren, konnten sie allen schmerzhaften Erfahrungen zum Trotz gar nicht anders, als an dem festzuhalten, was sie waren: Sie waren stolze britische Untertanen, die verzweifelt versuchten, britische Bürger zu werden."Magyar Narancs (Ungarn), 15.12.2020
Der ältere Sohn des 2016 verstorbenen Schriftstellers Péter Esterházy, Marcell Esterházy spricht im Interview mit Dénes Krusovszky u.a. über die Gründe und Motive, warum sich die Erben von Péter Esterházy dafür entschieden haben, den Nachlass des Schriftstellers in der Berliner Akademie der Künste bewahren zu lassen. Damit ist Esterházy neben Imre Kertész und György Konrád der dritte bedeutende ungarische Schriftsteller, dessen Nachlass in Berlin liegt: "Es würde sich lohnen darüber nachzudenken, warum die bedeutendsten Autoren der letzten Jahrzehnte oder ihre Erben dachten, dass das Lebenswerk am besten im Ausland aufgehoben ist. Es hängt mit dem Misstrauen gegenüber den ungarischen Institutionen sowie der Instabilität der Gesellschaft und des Staates zusammen. Wir mussten dafür sorgen, dass der Nachlass an einen Ort kommt, wo er in Sicherheit ist, wo er geschätzt wird und wo man sich damit beschäftigt. Dass dies nicht in Ungarn geschehen kann, ist die Realität, die wir akzeptieren müssen. Ich sehe diese Lebenswerke, das von meinem Vater, von Kertész, von Konrád so, dass sie zwar auf Ungarisch entstanden waren, doch Teil einer gemeinsamen europäischen Kultur sind. Aus dieser Perspektive sind sie sehr wohl dort, wo sie hingehören, in Berlin, wo sie als Teil der europäischen Kultur betrachtet werden."Propublica (USA), 19.12.2020
Raymond Zhong, Paul Mozur, Aaron Krolik und Jeff Kao decken auf, wie Chinas Regierung mit Hilfe einer Armee von Internet-Trolls die Gefahr des Coronavirus heruntergespielt und die Erfolge des chinesischen Krisenmanagements übertrieben hat: "Geschätzte Hunderttausende Chinesen arbeiten in Teilzeit an Kommentaren und Online-Inhalten, die die Staatsideologie verbreiten und stützen, viele von ihnen kleine Angestellte der Regierung und Parteiorganisationen. Die Universitäten haben Studenten und Lehrer zu diesem Zweck rekrutiert und in Schulungen angeleitet. Die Regierung nutzt eine Vielfalt an Software, um Online-Inhalte zu frisieren. Urun, eine der beteiligten Software-Firmen, unterhält seit 2016 zwei Dutzend Verträge mit lokalen Behörden und staatlichen Unternehmen. Wie eine Analyse des von Urun verwendeten Codes und von Dokumenten des Unternehmens zeigt, können Uruns Produkte Onlinetrends verfolgen, Zensur koordinieren und gefälschte Social-Media-Accounts verwalten. Ein Urun-System bietet Regierungsmitarbeitern eine benutzerfreundliche Oberfläche zum schnellen Hinzufügen von Likes. Über das System können Kommentatoren bestimmte Aufgaben zugewiesen werden. Die Software kann verfolgen, wie viele Aufgaben ein Kommentator erledigt hat und was diese Person verdient. Kommentatoren in der südlichen Stadt Guangzhou erhalten etwa 25 Dollar für einen eigenen Beitrag über 400 Zeichen. Die Markierung eines negativen Kommentars wird mit 40 Cent vergütet, Reposts mit einem Cent. Uruns App hilft, die Arbeit zu erleichtern. Sie teilt Kommentatoren Aufgaben zu, die Kommentatoren stellen ihre Posts ein und belegen sie mit Screenshots. Urun hat auch ein Spiel konzipiert, in dem Teams von Kommentatoren gegeneinander antreten, um festzustellen, wer die besten Posts generiert."Osteuropa (Deutschland), 21.12.2020
Das neue Heft ist den Protesten in Belarus gewidmet. Maryia Rohava und Fabian Burkhardt analysieren sehr eingehend die Lage im Land, wo sich trotz der massiven Repressionen horizontale Gesellschaftsstrukturen herauszubilden beginnen: "Obwohl die staatlichen Behörden die Bildung von institutionalisierten Oppositionsstrukturen etwa als Schattenregierung oder Partei verhindern können, setzt sich die horizontal vernetzte Mobilisierung der Gesellschaft mit immer neuen Initiativen in Städten, Bezirken und Hinterhöfen im ganzen Land fort. Der gegenwärtige Zustand bleibt höchst volatil. Auch wenn Lukaschenka die Kontrolle über die Sicherheitsorgane behält und weiter Unterstützung aus Russland genießt, wird die Krise zum Dauerzustand. Für Lukaschenka und seinen Staatsapparat gibt es kein Zurück, denn die Legitimität, die sich aus staatlicher Leistungsfähigkeit und Wahlen ergibt, ist ebenso wie seine Popularität im Volk und die internationale Anerkennung dauerhaft beschädigt. Damit sind die traditionell wichtigsten Pfeiler des Autoritarismus in Belarus heftig ins Wanken geraten." Außerdem schildert Ingo Petz ausführlich die zahlreichen Protestaktionen der belarussischen Opposition. Und fortgesetzt wird natürlich auch die Solidaritätsaktion mit den politischen Gefangenen in Belarus
Novinky.cz (Tschechien), 17.12.2020
Hakai (Kanada), 15.12.2020
Christopher Clark wirft einen Blick auf die Küste Kongos, wo die traditionelle Haifischfischerei die Bevölkerung wirtschaftlich und auch im Wortsinn ernährte. Jetzt droht Überfischung - nicht nur wegen der Professionalisierung des Zweigs, mangelnder Regulierung durch den Staat und der steigenden Präsenz Chinas in der Region, sondern auch, weil Haifisch mittlerweile im gesamten Land zentraler Bestandteil der Ernährung ist. Hinzu kommt: "Die Covid19-Pandemie hat internationale Handelsrouten blockiert und damit die ohnehin taumelnde Wirtschaft Kongos weiter gelähmt. Unterdessen sieht sich eine wachsende Zahl von Migranten im ganzen Land und der umgebenden Region in Richtung Küste gedrängt - die Folge einer Kombination aus Klimawandel und Konfliktherden. Der Wettbewerb um die ohnehin schon überausgebeuteten Ressourcen nimmt damit zu. Hinzu kommt, dass der Kongo weiterhin Fischer aus anderen westafrikanischen Ländern anzieht, deren Fischbestände entweder leer gefischt sind oder denen striktere Kontrollen auferlegt wurden, um genau dies zu verhindern. Sollte Kongos Fischerei kollabieren, wären die Folgen im ganzen Land und in der umliegenden Region spürbar. Angesichts der ähnlich trüben Lage bei den Sardinen, von denen ein Großteil nach China verkauft wird, um daraus Fischmehl herzustellen, würde dieser Kollaps nicht nur drückende ökonomische und ökologische Sorgen nach sich ziehen, sondern auch ein beträchtliches Risiko für die Ernährung darstellen. In einem Land, dessen Bevölkerung zum großen Teil auf Fisch - und besonders auf Haifisch - als primäre und oft einzige Eiweißquelle angewiesen ist, könnte sich das Wohlergehen des Fischereihandwerks als Sache von Leben und Tod herausstellen. Bis auf weiteres allerdings und entgegen einer Fülle internationaler Empfehlungen von Organisationen wie der Food and Agriculture Organization der UNO, verbleibt die Haifischerei de facto unreguliert."Film-Dienst (Deutschland), 17.12.2020
Der FAZ-Filmkritiker und Schriftsteller Dietmar Dath ist in diesem Jahr Siegfried-Kracauer-Preisträger für die beste Filmkritik (und zwar für diese hier). Ulrich Kriest hat aus diesem Anlass ein episches Gespräch mit Dath geführt, der eher zufällig zur Filmkritik kam, wie er erzählt: Nachdem er die FAZ verlassen hatte, was ihn in Sachen literarischer Produktivität eher verlottern ließ, klopfte er reumütig wieder an beim Blatt - wo allerdings gar keine neue Stellen mehr eingerichtet wurden. Dann starb der Filmkritiker Michael Althen - und Dath konnte nominell, aber mit inhaltlichen Freiheiten, Filmredakteur werden - quasi ein Praktikum unter Bedingungen einer Vollzeit-Festanstellung. "Okay, dann war ich also Filmkritiker. Ich habe gar nicht erst versucht, Michael Althens Position einzunehmen, was Arbeitsabläufe, den intellektuellen Level oder die Vertrautheit mit den Gegenständen angeht. Sondern mich bemüht, mir das auf meine Art draufzuschaffen. ... Plötzlich kam ich in Berührung mit Weltkino. Einen peruanischen oder chilenischen Film hatte ich vorher noch nie gesehen. Beim Arthouse-Kino hatte ich noch ein sehr schmales Repertoire. Das waren dann Filmemacher, die in irgendeine Genre-Richtung gingen. Wenn ich irgendwo las, dass 'Antichrist' von Lars von Trier 'doch nur so eine Art Horrorfilm' sei, dann musste ich lediglich das 'nur' durchstreichen, um mich dafür zu interessieren. So habe ich versucht, das zu lernen. Ich habe mir ein Beispiel genommen an Leuten wie Andy Mangels oder Harlan Ellison. Die hatte ich viel gelesen und die gingen - wie ich - nicht aus cineastischen Gründen ins Kino. Dann guckte ich die anfallenden Filme und, wie bei einer Klassenarbeit, meiner Nachbarin Verena Lueken über die Schulter, wie die ihre Sache schmeißt. Deren Texte fand ich immer schon glänzend. Diese spezifische Mischung aus 'Ich hab' keine Ahnung', 'Ich fall' da rein', 'Ich geb' mir die größte Mühe, weil ich das auch als Broterwerb ernst nehme', 'Ich spick' ein bisschen zur Seite' und dabei immer Leute im Hinterkopf behalten, die mich früher begeistert haben. So lässt sich beschreiben, was da passiert ist. ... Wobei ich bei dieser Filmkritikertätigkeit das große Glück habe, dass ich das Ganze wiederum für mich selbst nicht zu ernst nehmen muss. In dem Sinne, dass keine Überzeugungen oder das eigene ästhetische Projekt in einem Umfang daran hängt, wie es mir beispielsweise bei dem Wort 'Science-Fiction' als einem Begriff für Literatur geht. Wenn ich etwas über Science-Fiction als Literatur sage, will ich viel stärker Recht haben, weil ich darüber seit 35 Jahren nachdenke. Da kommt es dann zu geronnenen Meinungen. Beim Film ist alles mehr im Fluss."Dissent (USA), 01.12.2020
Manchmal fragt man sich, ob eine so idiotische Debatte wie die über ″kulturelle Aneignung″ überhaupt real ist. Ist sie, und Brian Morton zitiert in seinem lesenswerten und vor allem mit interessanten Schriftstelleräußerungen gewürzten Artikel auch die maßgebliche Definition LeRhonda S. Manigault-Bryants, einer Afrikanistik-Professorin am Williams College. Für sie besteht "kulturelle Aneignung darin, jemand anderem die Kultur - das geistige Eigentum, Artefakte, Stil, Kunstformen et cetera - ohne Erlaubnis zu nehmen". Wieviel klüger frühere Generationen von Autoren über das Thema nachdachten, zeigt Morton etwa an Ralph Ellison, der alle möglichen legitimen und illegitimen Weisen kultureller Beeinflussung nennt und sagt: "Erst durch diesen Prozess kultureller Aneignung (und Verfälschung) wurden die Engländer, Europäer, Afrikaner und Asiaten zu Amerikanern." Morton selbst argumentiert von einem wohltuend humanistischen Standpunkt: "Der Punkt ist, dass Künstler die Erfahrungen anderer durch gemeinsame Menschlichkeit imaginieren. Eine gemeinsame Menschlichkeit: Dieser Satz klingt altmodisch, anachronistisch, während ich ihn niederschreibe. Aber ich denke, die Erneuerung der Würde und des Prestiges dieser Idee gehört zu den Aufgaben der aktuellen Linken."En attendant Nadeau (Frankreich), 22.12.2020
Die Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) ist ein Leuchtturm des intellektuellen Lebens in Paris. Sie bringt einen bemerkenswerten Band über die Pariser Attentate im November 2015 (aber auch andere Attentate wie die von Madrid) heraus, der großenteils in der Dokumentation all der spontanen ″Mahnmale″ besteht, die nach den Attentaten entstanden. Riesenhaufen von Blumen, Wände voller Graffiti. Der Band heißt ″Les mémoriaux du 13 novembre″ (Die Mahnmale des 13. November). ″Was sagen all diese Inschriften″, fragt Philippe Artières mit dem Soziologen Gérôme Truc, der die Graffiti studierte: ″Sie richten sich an die Opfer, schreien ihre Wut heraus, sprechen Friedensbotschaften aus, beharren auf 'Liberté, égalité, fraternité', sind religiöse Gebete...Sie drücken vor allem ein 'Wir' aus, unterstreicht der Soziologe. Das selbe emotionale 'Wir', das auch die ForscherInnen bei ihren Recherchen nie aus dem Sinn verloren. Denn die sie täuschen keine Distanz vor und sehen sich auch als Zeugen des Ereignisses.″New York Times (USA), 20.12.2020
In einem Artikel der aktuellen Ausgabe erklärt Abraham Lustgarten Russland zum Gewinner der Klimakrise. Durch die Erderwärmung werden riesige Gebiete des Landes eisfrei und landwirtwirtschaftlich nutzbar: "Im Osten Russlands vollzieht sich ein großer Wandel. Seit Jahrhunderten ist der überwiegende Teil des Landes nicht bewirtschaftbar. Nur die südlichsten Abschnitte entlang der chinesischen und mongolischen Grenze, einschließlich der Umgebung von Dimitrovo, waren gemäßigt und boten urbaren Boden. Mit der Erderwärmung kam die Aussicht, das Land zu kultivieren. Vor zwanzig Jahren kam das Frühjahrstauwetter im Mai, jetzt spätestens im April, Regenstürme sind heute viel stärker und feuchter. In ganz Ostrussland verwandeln sich wilde Wälder, Sümpfe und Wiesen langsam in Sojabohnen-, Mais- und Weizenfelder. Dieser Prozess wird sich beschleunigen: Russland hofft, die durch den Klimawandel verursachten Temperaturen und längeren Vegetationsperioden nutzen zu können, um sich als einer der größten Lebensmittelproduzenten der Welt neu zu positionieren … Kein Land ist dazu besser aufgestellt als Russland mit der größten Landmasse auf der nördlichen Hemisphäre. Es liegt nördlicher als all seine südasiatischen Nachbarn, in denen zusammen der größte Teil der Weltbevölkerung lebt, der mit der Bedrohung durch steigende Meeresspiegel, Dürre und Hitze zu kämpfen hat. Russland ist wie Kanada reich an Ressourcen und Land und bietet Raum für Wachstum. In den kommenden Jahren soll der Ernteertrag durch die Erderwärmung gesteigert werden, während die Erträge in den USA, Europa und Indien voraussichtlich sinken. Durch Zufall oder durch eine clevere Strategie des russischen Staates, der Flaggen in die Arktis pflanzt und dort die Getreideproduktion ankurbelt, sieht sich Russland zunehmend in der Lage, in einer wärmeren Welt seinen Supermachtstatus zurückzuerobern."
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