Magazinrundschau - Archiv

Himal

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Magazinrundschau vom 04.05.2021 - Himal

Das Magazin bringt einen Artikel von Aditya Bahl, in dem es um die inneren Gegensätze der Bauernproteste in Indien geht: "Derzeit blockieren mehr als eine halbe Million Bauern und Argrararbeiter die Autobahnen rund um Neu Delhi. Sie protestieren gegen die Pläne der Regierung, Agrarkonzerne den landwirtschaftlichen Sektor übernehmen zu lassen. Währen der letzten vier Monate sind so aus Traktoren und Anhängern politische Kommunen auf Rädern entstanden. Sie sind bis zu 15 Kilometer lang, beherbergen Bibliotheken, Gemeinschaftsküchen, improvisierte Schulen, Freiluftkinos und Bühnen für politische Reden und kulturelle Darbietungen. Auch wenn die nationalen Medien sie als Analphabeten oder Terroristen beschimpfen, propagieren die Protestierenden ihre improvisierte Kommune als alternative Volksrepublik, die für einen gleichberechtigten Zugang zu menschlichen Grundbedürfnissen eintritt. Diese Modell-Republik hat allerdings ihre eigenen Probleme. Genau wie die Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat, kämpft die Bewegung mit klassen- und kastenbezogenen Gegensätzen, die vielleicht am besten im Slogan 'Keine Bauern, kein Essen' zutage treten … Zunächst gibt es keine Bauern an sich, die indische Bauernschaft ist entlang Klassen- und Kastengrenzen gespalten. Abgesehen von den Gegensätzen, die Kleinbauern und Großbauern trennen, existiert auch ein starker politischer Gegensatz zwischen Bauern und Landarbeitern. Angesichts des Umstands, dass 56 Prozent der indischen Landbevölkerung landlos ist, ist es überraschend, dass ein populärer Slogan wie 'Keine Bauern, kein Essen' die große proletarische Mehrheit im Land ignoriert. Die ohne Grundbesitz teilen sich wiederum in eine Vielzahl von politisch-ökonomischen Teilinteressen, was zu einem Labyrinth von klassenbasierten sozialen Gefügen führt: die Lohnarbeiter, die oft saisonal angestellt sind, die von einem höherkastigen Verpächter lohnabhängigen Arbeiter und die Pächter selbst … Am wichtigsten aber ist die Tatsache, dass Landbesitz in Indien eine Frage der Kaste ist. Im Punjab etwa macht die Dalit-Gemeinde 32 Prozent der Bevölkerung aus, und 86 Prozent aller Landarbeiter sind Dalit, doch nur drei Prozent der Dalit besitzen Ackerland."
Stichwörter: Indien, Bauernproteste

Magazinrundschau vom 20.04.2021 - Himal

Es ist immer schwierig zu beurteilen, ob jemand eine bestimmte Position wegen seiner Verdienste erreicht hat oder aufgrund seiner Privilegien - vor allem wenn der Erwerb des einen (Verdienste) ohne das andere (Privilegien) gar nicht möglich gewesen wäre. Wie das in Indien funktioniert, hat der Anthropologe Ajantha Subramanian am Beispiel der Ingenieurausbildung in seinem Buch "The Caste of Merit" beschrieben. "Es ist wichtig zu verstehen, dass die Kaste wie ein Filter wirkt", erklärt er im Interview mit Himal: "Erstens dafür, welche Gruppen Zugang zu Bildung haben; zweitens, wer in der Elite-Hochschulbildung erfolgreich sein kann; und drittens, wer die Hochschulbildung als Sprungbrett in die USA nutzen kann. Die Kastenschichtung der indischen Gesellschaft hat dafür gesorgt, dass die angesehensten und wettbewerbsfähigsten Hochschulen, wie die IITs, weiterhin Räume des Kastenprivilegs und sichere Wege zum Erfolg in der Diaspora sind. Zwar hat sich die soziale Zusammensetzung solcher Institutionen aufgrund der Quoten etwas verändert, doch haben diese Veränderungen noch keine spürbaren Auswirkungen auf die elitärsten Institutionen und auf die Muster der transnationalen Migration. Wenn Quoten für minder privilegierte Gruppen in der öffentlichen Elitebildung oder in der Beschäftigung im öffentlichen Sektor eingeführt wurden, bestand eine typische Reaktion der privilegierten Kasten darin, in den privaten Sektor oder ins Ausland zu gehen. Die spezifische Form von Kapital, über die sie verfügen - akademische und berufliche Qualifikationen - hat den Ausstieg leicht gemacht. Da es sich dabei um eine übertragbare Form von Kapital handelt, hat der Ausstieg auch zur weiteren Akkumulation von Kapital beigetragen. Am dramatischsten ist dies im Fall der IIT-Absolventen, die ihr Kastenkapital genutzt haben, um in die USA zu gelangen und noch mehr Kapital im US-Technologiesektor zu akkumulieren."
Stichwörter: Indien, Meritokratie, Kasten

Magazinrundschau vom 23.03.2021 - Himal

Im Interview mit Himal skizziert die Juraprofessorin Pratiksha Baxi von der Jawaharlal Nehru University in Neu Delhi die verzweifelte Lage von vergewaltigten Frauen in Indien. Oft wird ihnen nicht geglaubt, sie werden obskuren Wahrheitstest unterzogen, psychologische Betreuung ist praktisch unbekannt - nicht mal Ersatzkleider bekommen sie gestellt, wenn sie auf der Polizei ihre Kleidung als Beweisstücke abgeben müssen. Dalit-Frauen sind besonders hart betroffen: In ihrem Buch "Public Secrets of Law" habe sie "versucht zu zeigen, dass die Benennung von Vergewaltigung als Gräueltat in jeder Phase des Strafprozesses auf institutionalisierte Gegenreaktionen stößt", sagt Baxi. "Das Gesetz wurde erlassen, um die unerträgliche Duldung der Vergewaltigung von Dalit-Frauen und -Kindern, die in Praktiken der Unberührbarkeit begründet ist, abzuschaffen. Während meiner Feldforschung in Gujarat stellte ich jedoch fest, dass es eine Reihe von Strategien gibt, um zu vermeiden, dass eine Vergewaltigung als Kastengrausamkeit benannt wird. Eine Strategie ist es, keine Anzeige bei der Polizei zu erstatten oder eine Anzeige abzuschwächen. Medizinisch-juristische Beweise werden, wenn sie nicht vernichtet werden, nicht rechtzeitig oder nicht mit angemessener Sorgfalt gesammelt. Im gesellschaftlichen und juristischen Diskurs werden Dalit-Frauen routinemäßig beschuldigt und als Lügnerinnen bezeichnet. Entschädigung wird nicht als Ersatz, sondern als Motiv zum Lügen gesehen. Wahrheitstechnologien wie die Narkoanalyse, die keinen Beweiswert haben, wurden in den 1990er Jahren eingesetzt, um die Frauen von einer Aussage abzuhalten. Gerichte bestehen auf Kastenzertifikaten, um zu beweisen, dass die Vergewaltigung aus Gründen der Kastenzugehörigkeit erfolgte. Obwohl das Gesetz zur Verhinderung von Gräueltaten in der Folgezeit geändert wurde, hat sich nicht viel geändert. Im Gegenteil, die Repressalien gegen Dalit-Frauen und -Kinder haben sich verschärft."

Außerdem: Die Mehrheit der Myanmaren akzeptiert den Militärputsch in ihrem Land nicht, erklärt im Interview Nai Aue Mon, Direktor einer Menschenrechtsorganisation in Myanmar, der Protest ist nach wie vor groß. Aber auch die internationale Gemeinschaft könnte helfen, so Mon: "In der gegenwärtigen Situation müssen sich alle Anstrengungen darauf konzentrieren, den Geldfluss des Militärs abzuschneiden. Wir müssen ihre Geschäfte boykottieren und Firmen, mit denen sie geschäftlich zu tun haben, ermutigen, dasselbe zu tun. Wir brauchen gezielte Sanktionen gegen sie und ihre Militärkonglomerate, einschließlich der Myanmar Economic Corporation (MEC) und der Myanmar Economic Holdings Limited (MEHL), bei denen der Großteil der Einnahmen dem Militär zugute kommt und nicht dem Volk von Myanmar. Wir fordern auch ein weltweites Waffenembargo und den UN-Sicherheitsrat auf, sofort zu handeln und eine verstärkte Überwachungs- und Interventionsmission nach Myanmar zu entsenden, um die Gewalt gegen friedliche Demonstranten zu stoppen und weitere Verluste an Menschenleben zu verhindern.
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Magazinrundschau vom 22.12.2020 - Himal

Wie sehr sich Bangladesch in den letzten fünfzig Jahren verändert hat, kann man nirgends besser sehen als in der Hauptstadt Dhaka, meint Zafar Sobhan: "Dhaka ist heute nicht wiederzuerkennen als die verschlafene, charmante, ruhige Stadt, die sie noch vor einem halben Jahrhundert war. Die Verwandlung von einer vornehmen und behäbigen Stadt mit baumgesäumten Alleen, Teichen, Kanälen und geräumigen Bungalows inmitten von überwucherten Gärten in eine schwindelerregende Metropole mit 12 Millionen Einwohnern, dröhnenden Autos und einem Häuserblock nach dem anderen mit unbemalten Betonwohnungen, soweit das Auge reicht, hat etwas durchaus Erschreckendes. Aber der Unterschied liegt nicht nur in der physischen Transformation, sondern auch im Ton und im Gefühl. Dhaka ist heute eine hochoktanige Megastadt, in der das Leben schnell und rasant ist (mit Ausnahme des Verkehrs, der langsam und träge bleibt), in der Wut und Gewalt unter der Oberfläche brodeln. Die Stadt ist ein Pulverfass, in dem Straßenräuber, Gelegenheitsdiebe und Entführer routinemäßig von wütenden Bürgerwehren zu Tode geprügelt werden; in dem zornige Industriearbeiter jeden Moment die Straßen übernehmen; in dem Gewalt und Anarchie nie weit entfernt sind. Dhaka brodelt, schwillt an, wogt und pulsiert. Vom Rikschafahrer über den Taxifahrer, den Verkehrspolizisten, den Textilarbeiter, den Studenten, den Tagelöhner bis hin zum gut situierten Geschäftsmann - manchmal scheint es, als hätten alle in Dhaka eines gemeinsam: die Wut. Die Wut brodelt ewig unter der Oberfläche dieser einst so friedlichen Stadt und droht jeden Moment überzukochen. Es ist diese Wut, die das Dhaka des 21. Jahrhunderts von dem Dhaka der Vergangenheit unterscheidet. Und es ist die Verrohung, die die einschneidendste und bemerkenswerteste Veränderung ist, die die Geschichte hervorgebracht hat."
Stichwörter: Bangladesch, Dhaka

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - Himal

Radhika Parameswaran und Pallavi Rao denken am Beispiel von Kamala Harris, Joe Bidens Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, darüber nach, wie man Afroamerikaner wird. Harris' Hintergrund ist indisch-tamil-brahmanisch auf der einen und afrokaribisch auf der anderen Seite. Amerikaner mit einem südindischen Hintergrund feiern ihren indischen Ursprung, sie selbst betont mehr ihre afroamerikanischen Wurzeln, dies wohl aus persönlichen ebenso wie aus politischen Gründen, erklären die beiden Autoren. In Indien ist Harris dafür von konservativen Hindus kritisiert worden. Was interessanterweise weder in der amerikanischen noch indischen Debatte angesprochen wird, ist ihre Zugehörigkeit zur Kaste der Brahmanen: "Nirupama Subramanian interpretiert ihre Nominierung als Zeichen einer inklusiveren Diversitätspolitik in den USA, anders als in Indien, wo die prominente politische Platzierung eines muslimischen Politikers sofort den Vorwurf nach sich gezogen hätte, hier solle ein Minderheit beschwichtigt werden. Subramanians Artikel ordnet Harris in die Debatten über religiöse Vielfalt in Indien ein und zieht eine Analogie zur politischen Repräsentation von Muslimen, während sie Kasten- und Geschlechterausschluss ausweicht. Ashutosh Varshney, Politikwissenschaftler an der Brown University, informiert die Leser des Indian Express über die Rassenpolitik bei Wahlen in den USA und schlägt scharfsinnig vor, dass Harris' verstärkte afroamerikanische Identität und ihr gedämpftes indisches Erbe, angetrieben von der Logik der Demographie und Identität, ihre pragmatische Anziehungskraft auf eine beträchtliche schwarze Wählerschaft und eine öffentliche Umarmung eines multirassischen Amerikas signalisieren. In all diesen Analysen haben sich die Kommentatoren selten damit befasst, wie Klasse und kulturelles Kapital Harris' Werdegang geprägt haben". (Mehr über Harris in der New York Times, wo der Ex-Sträfling Reginald Dwayne Betts sich mit Harris' Vergangenheit als Staatsanwältin auseinandersetzt.)

Außerdem: Die indische Regierung hat im September die Bankkonten von Amnesty International in Indien eingefroren und damit die Arbeit dort unmöglich gemacht. Damit kann die Regierung jetzt ohne große Öffentlichkeit gegen unliebsame Journalisten, Intellektuelle, Wissenschaftler und Aktivisten vorgehen, berichtet Makepeace Sitlhou.

Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Himal

Das Magazin für Südostasien erzählt die Geschichte des Christentums in Nagaland, einem Bundesstaat im Nordosten Indiens. Roderick Wijunamai macht auf die Hürden der Missionierung und den Zusammenhang von Teeanbau und Christianisierung aufmerksam: "In ihren ersten Jahren verbot die britische Ostindien-Kompanie die Evangelisierung in den Kolonien. Man fürchtete, die Gefühle der Einheimischen zu verletzen und den Handel zu gefährden. Das änderte sich mit der Charta von 1813, die auf Druck der britischen Öffentlichkeit Missionsaktivitäten schließlich zuließ. Schon vorher, 1792, waren die britischen Missionare William Carey und John Thomas, getarnt als Hersteller des Indigofarbstoffs, in Kalkutta eingetroffen und hatten die Basis gelegt. Weil es ihnen nicht erlaubt war, in der Öffentlichkeit zu missionieren, schlugen sie ihr Lager in Serampore auf, das seinerzeit dänisch war, und warteten ab, bis das neue Gesetz in Kraft trat, um ihre Arbeit aufzunehmen. Zur Zeit der Charta lagen das Assam-Tal und seine Berge noch außerhalb des Wirkungskreises der Ostindien-Kompanie. Der erste Indo-Birmanische Krieg brachte die Briten in das Gebiet, das 1826 schließlich annektiert wurde. Bald darauf entdeckten die Briten den regionalen Tee, und die Teeherstellung und der Teehandel bestimmten fortan die Politik in der Gegend. Ein früher Player des Teehandels war Alexander Bruce, der Leiter der Teekultur in Assam wurde. Bruce war es auch, der auf die Notwendigkeit christlicher Missionen hinwies und dafür Geld bereitstellte. Sein Anliegen, im Hochland von Naga das Evangelium zu verbreiten, war verbunden mit seinem Glauben, die Konversion würde die Nagas befrieden und ihren Angriffen auf die Plantagen auf ihrem Grund ein Ende setzen. Ähnlich dachten auch andere Unternehmer in der Region. Das half dem Missionierungsprojekt."

Magazinrundschau vom 08.09.2020 - Himal

Nach der Gleichschaltung der Kaschmir-Region betreibt Indien auch eine Politik der Kolonisierung und des Bevölkerungsaustauschs, die die Region im Sinn des Hindunationalismus radikal umgestaltet, schreibt Maknoon Wani: "Indien schaffte mit dem 'Jammu and Kashmir Reorganisation Act' im letzten Jahr auch ein 37 Jahre altes Gesetz ab, das die Rückkehr der Einwohner von Jammu und Kashmir ermöglichte, die zwischen 1947 und 1954 nach Pakistan geflohen waren. Jetzt haben Einwohner von Jammu, die 1947 nach Pakistan geflohen waren, kein Recht mehr, in ihre Heimat zurückzukehren. Dagegen können sich Inder, die seit 15 Jahren in der Region leben oder dort sieben Jahre lang studiert haben..., nun problemlos um einen staatlich bescheingten Wohnsitz bewerben und sich in der Region niederlassen. Bis Juni 2020 sind bereits 25.000 Meldebescheinigungen ausgestellt worden. Solche Gesetze schaffen die Grundlage, um die Bevölkerung von J & K zu unterwerfen."

Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Himal

Der amerikanisch-tamilische Schriftsteller V. V. Ganeshananthan, dessen Verwandte von Sri Lanka bis Kanada, England, Frankreich, Deutschland, Indien, Australien und Norwegen über die ganze Welt verteilt sind, denkt über Heirat nach, deren Zustandekommen extrem kompliziert ist, wenn die Partner aus einer Community kommen, die - vor allem während des Bürgerkriegs - so weit verstreut ist wie die der srilankischen Tamilen. Anlass ist Sidharthan Maunagurus Buch "Marrying for a Future: Transnational Sri Lankan Tamil Marriages in the Shadow of War", der die Praktiken und Probleme anhand von Beispielen beschreibt. Dass auch die Ehe zwischen Tamilen und Nichttamilen denkbar ist, wird im Text nicht mal als Möglichkeit erwähnt. So ist es eine höchst komplizierte Angelegenheit in der verstreuten Community: Zuerst wird ein Heiratsvermittler beauftragt, eine Braut zu finden, der dafür seine Kartei durchforstet, die neben Fotos, Alter, Herkunft, Beruf und astrologischen Daten auch Infos zur Kaste enthält. Kommt es zur Hochzeit, trifft sich das Paar an einem bestimmten Ort, gerne im indischen Tamil Nadu, lernt Ganeshananthan: Dort "kaufen einige srilankische Ehepartner für sie bestimmte Hochzeitspakete. 'Die srilankische tamilische Gemeinschaft wird hier während der Hochzeitssaison immer wieder neu hergestellt und gestaltet. Tamilinnen und Tamilen aus Sri Lanka, die in Chennai leben, beteiligen sich oft durch die Bereitstellung des sozialen Gefüges (z.B. Essen, Hochzeitsdienstleistungen und Gästehäuser) und helfen so, während der Hochzeiten eine srilankisch-tamilische Dorfatmosphäre zu schaffen.'" Nach der Hochzeit fährt er wieder nach Kanada und sie nach Sri Lanka, oder Australien oder Norwegen oder wo immer sie gerade leben, während sie darauf warten, Visas für den Ort zu bekommen, an dem sie leben möchten.

Außerdem sei hier noch einmal auf Taran N. Khans achtteilige Reportage über afghanische Flüchtlinge in Deutschland hingewiesen.

Magazinrundschau vom 09.04.2019 - Himal

Taran N Khan hat Teil fünf und sechs ihrer großen achtteiligen Reportage über afghanische Flüchtlinge in Deutschland veröffentlicht (mehr zu den ersten Teilen in der Magazinrundschau von letzter Woche). Hier beschreibt sie am Beispiel von Anwar die große Unsicherheit, in der Flüchtlinge leben. Anwar ist verheiratet, seine Frau und sein Sohn leben in Dänemark, er kann sie nur heimlich besuchen, weil er Angst hat, aus Dänemark nach Afghanistan abgeschoben zu werden. "Nach ein paar Minuten wurde mir klar, dass meine Fragen ihn nervös machten. Also fragte ich ihn stattdessen, was in dem großen Rucksack war, den er herumtrug. Er zog zwei große Ordner heraus, vollgepackt mit Papieren, die ordentlich gestanzt und abgelegt waren. 'Die nehme ich jeden Tag mit. Man weiß nie, was sie sehen wollen.' Wer waren 'sie', fragte ich? Die Sozialarbeiter, die Ärzte, die Verwaltungsbeamten, denen er auf seinen Runden durch die Bürokratie für eine Aufenthaltsgenehmigung begegnet war. Anwar hatte Angst, auch nur einen Fitzel zu verlieren, der möglicherweise der eine sein könnte, das das Puzzle seines Antrags vervollständigen würde, der sich als der Schlüssel erweisen würde, der das Tor öffnen und es ihm ermöglichen würde, endlich anzukommen. Als ich Anwar dabei zusah, wie er seine Papiere neu arrangierte, überfiel mich eine Erinnerung aus meiner Heimatstadt in Nordindien, wo ich gesehen hatte, wie mein Vater mit Rikschafahrern arbeitete. Mir fiel ein, wie diese Männer sorgfältig verpackte Papierballen aus ihren Brusttaschen zogen, in Plastik verpackt, mit ihrem Schweiß getränkt. Diese Päckchen enthielten jede Form von Ausweisen, die sie erworben hatten, jeden Schnipsel, der nur den kleinsten Anspruch auf Legitimität unterstützten konnte - das sie das Recht hatten, sich in der Stadt aufhalten und ihren Lebensunterhalt bestreiten zu dürfen, dass sie das Recht hatten, nicht ins Gefängnis geschickt, ihres Geldes beraubt oder irgendwie verfolgt zu werden. Ich sah zu, wie sie akribisch eine Telefonnummer auf einen Fetzen Papier schrieben, als Versicherung gegen etwas, gegen alles. Es waren diese Männer, die Fragmente von Wörtern neben ihrem Herzen trugen, die sie nicht lesen konnten und die ihnen das Recht einräumen sollten, in ihrem eigenen Land zu existieren, an die ich dachte, als ich Anwar dabei zusah, wie er seine Ordner wieder verstaute."

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - Himal

In einer auf acht Teile angelegten sehr lesenswerten Reportage, von der bisher vier erschienen sind, schildert die indische Journalistin Taran N Khan ihre Begegnungen mit afghanischen Flüchtlingen in Hamburg und Berlin. In den Teilen eins und zwei geht es um den Filmemacher Masoud, der mit Frau und zwei Kindern in Hamburg-Harburg lebt und sich recht isoliert und von der Gesellschaft nicht angenommen fühlt. Im dritten Teil gehts um die in Berlin lebende Dichterin Sada Sultani, die sich in Deutschland wie befreit fühlt ("In Europa bin ich nicht nur eine Frau, ich bin ein menschliches Wesen"), eine Ausbildung zur Krankenschwester macht und sich die deutsche Sprache erobert. Im vierten Teil schließlich unterhält sie sich in Hamburg mit dem Rapper Hosain Amini, ein sehr irrlichterner, ungreifbarer junger Mann mit Lennon-Brille, Spitzbart und Mütze, der - locker zwischen Farsi, Urdu, Deutsch, Hindi und Englisch switchend - geradezu perfekt den modernen Menschen im 21. Jahrhundert zu verkörpern scheint: "Obwohl er sich selbst als Afghane bezeichnet, hat Hosain noch nie in Afghanistan gelebt, da er im Iran als Sohn von Migranten geboren und aufgewachsen ist. Er ist Teil der afghanischen Diaspora, die über die ganze Welt verstreut ist. Seine Familie lebte in Isfahan, einer antiken Stadt, die als Zentrum von Kultur und Kunst bekannt war. In dieser Stadt, die für ihre Dichter berühmt ist, wandte sich Hosain den Reimen von Rap und Hip-Hop zu. ... Sowohl in seiner Beziehung zu seiner Vergangenheit als auch zu seiner Gegenwart unterschied sich Hosains Welt von den Erfahrungen der älteren Generation von Migranten aus Afghanistan. Mit großer Sicherheit und sehr schnell hat er hier seine Stimme, seine Gemeinschaft gefunden. Er hat sich in das Leben eines jungen deutschen Mannes geworfen und scheint eine sehr fluide Beziehung zu seinen Wurzeln und seiner Reise als Flüchtling zu haben. Im Gegensatz zu vielen älteren Migranten scheint er hier zu Hause zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass er von Geburt an zu einer Diaspora gehörte, die aus der Vertreibung entstanden ist. Oder vielleicht liegt es einfach an seiner Jugend. 'Bei der neuen Generation geht es um Frieden und Liebe, nicht um die Vergangenheit', erklärte er mir auf dem Weg zum Bahnhof."