Magazinrundschau - Archiv

Himal

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Magazinrundschau vom 09.04.2019 - Himal

Taran N Khan hat Teil fünf und sechs ihrer großen achtteiligen Reportage über afghanische Flüchtlinge in Deutschland veröffentlicht (mehr zu den ersten Teilen in der Magazinrundschau von letzter Woche). Hier beschreibt sie am Beispiel von Anwar die große Unsicherheit, in der Flüchtlinge leben. Anwar ist verheiratet, seine Frau und sein Sohn leben in Dänemark, er kann sie nur heimlich besuchen, weil er Angst hat, aus Dänemark nach Afghanistan abgeschoben zu werden. "Nach ein paar Minuten wurde mir klar, dass meine Fragen ihn nervös machten. Also fragte ich ihn stattdessen, was in dem großen Rucksack war, den er herumtrug. Er zog zwei große Ordner heraus, vollgepackt mit Papieren, die ordentlich gestanzt und abgelegt waren. 'Die nehme ich jeden Tag mit. Man weiß nie, was sie sehen wollen.' Wer waren 'sie', fragte ich? Die Sozialarbeiter, die Ärzte, die Verwaltungsbeamten, denen er auf seinen Runden durch die Bürokratie für eine Aufenthaltsgenehmigung begegnet war. Anwar hatte Angst, auch nur einen Fitzel zu verlieren, der möglicherweise der eine sein könnte, das das Puzzle seines Antrags vervollständigen würde, der sich als der Schlüssel erweisen würde, der das Tor öffnen und es ihm ermöglichen würde, endlich anzukommen. Als ich Anwar dabei zusah, wie er seine Papiere neu arrangierte, überfiel mich eine Erinnerung aus meiner Heimatstadt in Nordindien, wo ich gesehen hatte, wie mein Vater mit Rikschafahrern arbeitete. Mir fiel ein, wie diese Männer sorgfältig verpackte Papierballen aus ihren Brusttaschen zogen, in Plastik verpackt, mit ihrem Schweiß getränkt. Diese Päckchen enthielten jede Form von Ausweisen, die sie erworben hatten, jeden Schnipsel, der nur den kleinsten Anspruch auf Legitimität unterstützten konnte - das sie das Recht hatten, sich in der Stadt aufhalten und ihren Lebensunterhalt bestreiten zu dürfen, dass sie das Recht hatten, nicht ins Gefängnis geschickt, ihres Geldes beraubt oder irgendwie verfolgt zu werden. Ich sah zu, wie sie akribisch eine Telefonnummer auf einen Fetzen Papier schrieben, als Versicherung gegen etwas, gegen alles. Es waren diese Männer, die Fragmente von Wörtern neben ihrem Herzen trugen, die sie nicht lesen konnten und die ihnen das Recht einräumen sollten, in ihrem eigenen Land zu existieren, an die ich dachte, als ich Anwar dabei zusah, wie er seine Ordner wieder verstaute."
Stichwörter: Flüchtlinge

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - Himal

In einer auf acht Teile angelegten sehr lesenswerten Reportage, von der bisher vier erschienen sind, schildert die indische Journalistin Taran N Khan ihre Begegnungen mit afghanischen Flüchtlingen in Hamburg und Berlin. In den Teilen eins und zwei geht es um den Filmemacher Masoud, der mit Frau und zwei Kindern in Hamburg-Harburg lebt und sich recht isoliert und von der Gesellschaft nicht angenommen fühlt. Im dritten Teil gehts um die in Berlin lebende Dichterin Sada Sultani, die sich in Deutschland wie befreit fühlt ("In Europa bin ich nicht nur eine Frau, ich bin ein menschliches Wesen"), eine Ausbildung zur Krankenschwester macht und sich die deutsche Sprache erobert. Im vierten Teil schließlich unterhält sie sich in Hamburg mit dem Rapper Hosain Amini, ein sehr irrlichterner, ungreifbarer junger Mann mit Lennon-Brille, Spitzbart und Mütze, der - locker zwischen Farsi, Urdu, Deutsch, Hindi und Englisch switchend - geradezu perfekt den modernen Menschen im 21. Jahrhundert zu verkörpern scheint: "Obwohl er sich selbst als Afghane bezeichnet, hat Hosain noch nie in Afghanistan gelebt, da er im Iran als Sohn von Migranten geboren und aufgewachsen ist. Er ist Teil der afghanischen Diaspora, die über die ganze Welt verstreut ist. Seine Familie lebte in Isfahan, einer antiken Stadt, die als Zentrum von Kultur und Kunst bekannt war. In dieser Stadt, die für ihre Dichter berühmt ist, wandte sich Hosain den Reimen von Rap und Hip-Hop zu. ... Sowohl in seiner Beziehung zu seiner Vergangenheit als auch zu seiner Gegenwart unterschied sich Hosains Welt von den Erfahrungen der älteren Generation von Migranten aus Afghanistan. Mit großer Sicherheit und sehr schnell hat er hier seine Stimme, seine Gemeinschaft gefunden. Er hat sich in das Leben eines jungen deutschen Mannes geworfen und scheint eine sehr fluide Beziehung zu seinen Wurzeln und seiner Reise als Flüchtling zu haben. Im Gegensatz zu vielen älteren Migranten scheint er hier zu Hause zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass er von Geburt an zu einer Diaspora gehörte, die aus der Vertreibung entstanden ist. Oder vielleicht liegt es einfach an seiner Jugend. 'Bei der neuen Generation geht es um Frieden und Liebe, nicht um die Vergangenheit', erklärte er mir auf dem Weg zum Bahnhof."

Magazinrundschau vom 31.01.2017 - Himal

In einem Essay verteidigt Jai Arjun Singh mit vielen Beispielen und Shakespeares "Macbeth" die oft extravaganten Gesangs- und Tanznummern im Bollywoodfilm: "Regisseure und Kameramänner haben sehr oft mit stilistischen Fanfaren in Musicalsequenzen experimentiert - vielleicht weil diese Szenen in der Regel völlig unrealistisch sind - während sie sich in den prosaischen Passagen zurückhielten. Konsequenterweise wirkt es manchmal, als habe der Film zeitweise ein magisches Reich betreten, jenseits der gewöhnlichen Routine eines auf die Handlung konzentrierten Erzählens. Man betrachte nur zwei unter zahllosen Beispielen für diese visuelle Dynamik. Der Film 'Aashirwaad' von 1986 hat eine berühmte Nummer, 'Rail Gaadi', gesungen von Ashok Kumar in einem Schnellfeuerstil, der dem Song den Ruf eines Ur-Rap eintrug. Aber effektvoll ist auch der Gebrauch der superschnellen Zooms in der Szene: Während der rasantesten Passagen des Songs schnellt die Kamera in einem Fingerschnippen von einem mittleren Zoom zu einem extremen Close-up und wieder zurück."



Außerdem: In einer Reportage erzählt Neha Dixit, wie rechte Hindugruppen mit ihrer "Liebesjihad"-Theorie in Delhi brutale Angriffe auf Muslime rechtfertigen: Sie behaupten, "muslimische Männer würden einen Jihad führen, indem sie Hindufrauen dazu bringen sich in sie zu verlieben und sie zu heiraten, damit sie zum Islam übertreten".
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Magazinrundschau vom 02.02.2016 - Himal



In Himal stellt Nauman Khalid die pakistanische Künstlerin Faiza Butt vor, die sich als explizit pakistanische Künstlerin nicht verstehen will, sondern Einflüsse westlicher und östlicher Kunst in ihren Arbeiten vereint. "Als pakistanische Künstlerin mag Butt vielleicht nicht bezeichnet werden, doch paradoxerweise sind es gerade die sozialen Normen und Codes, die das Ausmaß dessen begrenzen, wogegen sie aufbegehren kann. In einer ihrer Arbeiten zeigt sie einen Schmuckanhänger, auf dem 'Allah' steht, ein Stück muslimischer Kitsch. Er kommt aus einem leuchtenden, rot bemaltem Mund, womit es Butt auch schon auf sich bewenden lässt. Das ist schon für sich genommen ein rebellisches Bild. Hätte sie es noch buchstäblicher gemacht, wäre das als Ketzerei zu weit gegangen. Als weibliche Künstlerin aus Pakistan kann sie nur innerhalb bestimmter Grenzen eine Rebellin sein, würde man meinen. Der Mund mit dem Allah entspricht dem aus Exkrementen erstellten Kreuz, ohne dabei explizit zu werden. Und ihr Leuchtkasten mit Mullahs und bärtigen Taliban stellt ein Äquivalent zu Gilbert und Georges Bombenbildern dar. Doch ein geschmückter Dildo, über den ich bei meinen Recherchen in ihrem Frühwerk stolpere, steht quer zu dem Verdacht, dass sie sich zurückhält. Man kommt mental ins Schleudern bei dem Gedanken, wie es ihr wohl gelingen mag, die Mitgliedschaft in jener illustren Gruppe aus Südasien zu vermeiden, die mit einer Fatwa belegt wurden."

Magazinrundschau vom 12.01.2016 - Himal

Von einer neuen Qualität der sozialen Kontrolle, die in Indien über Frauen ausgeübt wird, berichtet Brinda Bose: "Frauen werden entweder 'zu ihrem eigenen Schutz' verhaftet oder, wenn sie in der Öffentlichkeit als Paar auftreten, für ihre sexuelle Kühnheit genau ins Visier genommen, gemaßregelt und bestraft. Es sieht so aus, als wäre Indien derzeit, was das Vergnügen, die Freiheit und die Sicherheit von Frauen betrifft, schwer gestört. Vielleicht liegt dies daran, dass das Land sich selbst in einer zusehends regressiven sozio-politischen Lage wiederfindet. Es herrscht kaum Klarheit darüber, was 'Sicherheit' konstituiert. Was vor allem für Frauen gilt, da diese nicht davon ausgenommen sind, überwacht und bestraft zu werden, wenn sie sich in Gesellschaft befinden - gleichgültig, ob diese nun konsensuell ist oder beaufsichtigt. Der Schwerpunkt scheint komplett auf der strikt moralischen Maßregelung sexuellen Verhaltens (das außerhalb des ehelichen Schlafzimmers offenbar zur Gänze untersagt ist) zu liegen, während man vorgibt, sich vor allem um die Sicherheit der Frauen zu sorgen. Unglücklicherweise produziert jede Berichterstattung über eine Vergewaltigung sofort mehr Panikmache, die zu unnötiger Selbstjustiz bei einverständlichen sexuellen Aktivitäten unter Erwachsenen aufhetzt und von dem sehr ernsten Problem der Vergewaltigung ablenkt."

Magazinrundschau vom 03.11.2015 - Himal

Salil Tripathi erzählt den komplizierten Hintergrund der Morde an den Bloggern in Bangladesch, der nicht nur mit der religiösen, sondern auch mit der politischen Geschichte des Landes zu tun hat. So kommt es, dass die Blogger auch in der Politik des offiziell säkularen Staates keinen Rückhalt haben, der unscharfe Bestimmungen zu religiösem Respekt mit scharfen Sanktionen verbindet. Diese Gesetze, so Tripathi, gehen zurück auf den britischen Kolonialismus, aber viele Commonwelth-Länder "haben Gesetze erlassen, die die Meinungsfreiheit noch ein weiteres Mal eingrenzen. In Bangladesch sind laut Gesetz eine 'Beleidigung religiöser Gefühle' durch 'sichtbare Zeichen' oder 'Versuche, einen Glauben herabzuwürdigen' mit bis zu zwei Jahren Gefängnis zu bestrafen, mit einem zusätzlichen Jahr hinter Gittern für jeden, der 'in der Absicht handelt, die religiösen Gefühle eines anderen wissentlich zu verletzen', indem er entsprechende 'Worte oder Töne in Hörweite dieser Person ausstößt oder Gesten in Sichtweite dieser Person macht'."

Magazinrundschau vom 29.09.2015 - Himal

Die pakistanische Literatur zeichnet sich durch einen althergebrachten, politisch lancierten Realismus im Erzählen aus, erfahren wir von Haider Shahbaz, der umso dankbarer dafür ist, dass Mirza Athar Baigs neuer, bisher nur auf Urdu erschienener Roman "Hasan Ki Surat-e-Haal: Khali Jaghain Pur Karo" alle literarischen Registern zieht und dabei eine sehr westliche Form literarischen Erzählens in die pakistanische Literatur transponiert - den Surrealismus. Und geboten wird einem da allerhand: "Anstatt von erzählerischer Kontinuität, wird der Roman von einer Einheit von Objekten, Themen und Räumen zusammengehalten. Beispielsweise führt die weltliche Erscheinung eines Schlafsacks den Leser zu der Geschichte eines Spezialeffekte-Machers in Hollywood, was zu einer Diskussion über einen fiktiven Roman über Wissenschaftler führt, die auf ein "zivilisierendes Gen" gestoßen sind, was dann zu einem Kommentar über den Science-Fiction-Film "Die phantastische Reise" von 1966 überleitet, wodurch man dann, so irgendwie, zu einer Analyse der technologischen Entwicklung Japans und dessen Akzeptanz der modernen Aufklärung seit dem Zweiten Weltkrieg gelangt." Pynchon-Fans, darf man aus der Ferne mutmaßen, hätten wohl ihre Freude an dem Werk. (Christina Oesterheld von der Universität Heidelberg hat 2011 eine Einführung in das Werk Baigs verfasst)

Magazinrundschau vom 06.01.2015 - Himal

In Himal bietet Premila van Ommen einen faszinierend detailreichen Überblick über die florierende Rock-, Punk- und Metalszene in der nepalesischen Community Londons. Seit 2000 ist hier ein sprunghafter Anstieg zu verzeichnen, allein in den letzten sieben Jahren wurden 50 Bands gegründet. Und die populärsten davon füllen tatsächlich größte Hallen, während bei den überschaubareren Konzerten die Familien der Musiker im Publikum stehen. Die Vermengung nepalesischer Folklore mit westlichem Classic Rock hat in Nepal seit den siebziger Jahren Tradition, schreibt van Ommen: "Classic Rock popularisierte sich in Nepal in den 70ern, als Ausländer auf Hippie-Trips Kassetten mit ihrer Lieblingsmusik ins Land brachten. Nepalesische Rockbands wurden gegründet, die die Lieblingsmusik der Touristen, darunter Songs von Deep Purple und den Doors, nachspielten. ... Im Nordosten Indiens ließ die Popularität verschiedener Rockmusik-Genres immer neue Generationen mit einer Vorliebe für Bass, Drums und Gitarren entstehen. Einige wurden zu den Onkeln und Vätern von Studenten in Großbritannien, andere die älteren Brüder, die ihren jüngeren Geschwistern jene Musik vorstellten, die man sich am besten anhören sollte. Als die Nepalis nach Britannien zogen, brachten sie im Gepäck die Rockmusik mit sich, mit der sie aufgewachsen waren."

Kostprobe? "Beyond Perfection" von Symbol of Orion:


Magazinrundschau vom 14.10.2014 - Himal

Die indische Journalistin Taran N Khan lernt in Afghanistan erstaunt, dass ausgerechnet Kabul seit Jahrzehnten ganz und gar verliebt ist in die Filme aus dem fernen, indischen Mumbai, vulgo Bollywood. Dabei handelt es sich um eine Liebe, erfahren wir, die Geschichten aus den großen Klassikern ganz selbstverständlich in die eigene Folklore eingemeindet. Selbst die Jahre unter den Taliban konnte dem nichts anhaben, wie Khan von einigen Frauen erfährt: Da sie weder zur Schule noch zur Arbeit gehen durften, verschanzten sie sich in einem kleinen Raum mit ausgeschwärzten Fenstern, wo sie die streng verbotenen Filme aus Bollywood sahen: "Bestrafung oder eine Haftstrafe für so etwas triviales und trashiges wie Bollywood-Entertainer zu riskieren, schien mir haarsträubend und auch ein bisschen wie ein Verrat am hohen Standard, den man von Geschichten aus Krieg und Repression erwarten würde. Doch wer bin ich, über den Wert von Objekten und Möglichkeiten zum Zeitvertreib zu richten, insbesondere in einem Leben, in dem einem jegliches Vergnügen, das sich bot, geraubt wurde? Für die in den Zimmern eingesperrten Mädchen in Kabul und ihre Schicksalsgenossinnen luden sich die flackernden Bilder auf dem kleinen Fernseher mit enormer Bedeutung auf. Sie wurden etwas, für das es wert war zu leben und sich zu verstecken. So etwas wie ein Zufluchtsort, ein Ort an dem sie dem am nächsten sein konnten, was sie einst waren."

Magazinrundschau vom 26.08.2014 - Himal

Die über 800 Frauen, die in Pakistan allein im vergangenen Jahr so genannten "Ehrenmorden" zum Opfer fallen, sind deutschen Kulturschaffenden bislang leider keinen offenen Brief wert. Vielleicht regen ja Bushra Asifs Darlegungen zu solchen Interventionen an. Erschütternd jedenfalls, was sie über den trotz einiger Reformen noch immer bestehenden Filz zwischen Patriarchat und Politik, deren zum Teil noch auf die Militärregierung von 1977 bis 1989 zurückgehende Gesetzgebung solche Morde begünstigt und die Täter davonkommen lässt, zu berichten hat: "Die Hudood-Beschlüsse von 1979 beispielsweise kriminalisierten sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe und machten vier männliche Zeugen zur Bedingung, um eine Vergewaltigung zu beweisen. ... Der Qisas- und Diyat-Akt wird von Frauenrechtlerinnen und Menschenrechts-Anwälten dafür kritisiert, dass er die Rechtsprechung "privatisiert", da er es ermöglicht, sich in Mordfällen auch außerhalb von Gerichten zu einigen. Besonders problematisch ist das im Fall von Ehrenmorden, bei denen die Mörder üblicherweise nächste Verwandte sind (...). Wenn etwa ein Bruder seine Schwester ermordet, kann beider Vater, der Schutzbefohlene des Mädchens, dem Sohn vergeben."