Magazinrundschau - Archiv

En attendant Nadeau

55 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 6

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - En attendant Nadeau

"Es scheint mir, dass ich keine Romane mehr schreiben werde", sagt Ljudmila Ulitzkaja (französisch: Oulitskaïa) mit melancholischer Beiläufigkeit in einem Gespräch, das ihrem neuen, ins Französische übersetzen Erzählband "Le corps de l'âme" gewidmet ist: "Ich denke, dass in unserer Zeit das Genre der Kurzgeschichte die Romanform verdrängt hat. Heutzutage ist alles sehr konzentriert, die Menschen haben wenig Zeit zum Lesen und jeder möchte Mitteilungen, auch literarische, in kürzerer Form erhalten." Sie erklärt auch, warum Frauen in ihren Romanen eine so große Rolle spielen, und hier erhält das von Gabrielle Napoli geführte Gespräch zwanglos Aktualität: Die Frauen, sagt Ulitzkaja, seien in Russland generell von höherer Qualität. Sie seien es, die mit der Zukunft, der Kindererziehung befasst sind, während die Männer durch den Wegfall der Sowjetunion ihr Selbstbild verloren haben. Außerdem gebe es einfach viel mehr Frauen: "Dafür gibt es viele Gründe, darunter auch rein demografische. Die Dominanz der Frauen in der Bevölkerung ist auf drei Faktoren zurückzuführen: kleine und große Kriege, die vor allem Männern das Leben kosten; Gefängnis, wo sich viele Männer im zeugungsfähigen Alter befinden; und Alkoholismus, der ebenfalls nicht gerade förderlich für die Fortpflanzung ist. So dass Frauen immer häufiger Aufgaben übernehmen, die früher von Männern wahrgenommen wurden."

Magazinrundschau vom 12.04.2022 - En attendant Nadeau

Yannis Kiurtsakis ist offenbar einer der bekanntesten Essayisten Griechenlands. In Frankreich sind einige seiner Bücher übersetzt - in Deutschland scheint er komplett unbekannt zu sein. In Frankreich ist sein Essayband "Le miracle et la tragédie - 1821-2021" erschienen, der im Original zum 200. Jahrestag der griechischen Revolution veröffentlicht worden war. Kiurtsakis redet im Gespräch mit Ulysse Baratin et Feya Dervitsiotis sehr schön über das paradoxe Projekt der griechischen Nation, das eine im europäischen Kontext völlig archaische Kultur mit dem Konnex auf das alte Griechenland ins 19. Jahrhundert katapultierte. Da gab es viele Brüche, etwa zwischen der heidnischen Antike und der christlich orthodoxen Religion: "Unter diesen krassen Diskontinuitäten verbirgt sich jedoch eine Beständigkeit, die auf zwei festen Fundamenten ruht. Zum einen sind es die geografische Lage und Zerklüftung des Landes, die über einen sehr langen Zeitraum nicht nur eine wechselvolle Geschichte, sondern auch eine spezifische Lebensweise geprägt haben, im Rhythmus der Arbeit und des Tages, in den Verhaltensweisen und der Mentalität. Andererseits die griechische Sprache, die nie aufgehört hat, gesprochen zu werden, sich aber dennoch wandelte, um lebendig zu bleiben, und so die Schätze an Bedeutung und menschlicher Weisheit bewahrte, die sich über so viele Generationen angesammelt hatten. Dank dieser Lebendigkeit ist es dieser Sprache beispielsweise gelungen, in der Vorstellung den Kult und die Kultur unseres Volkes, den antiken Polytheismus und den orthodoxen Monotheismus miteinander in Einklang zu bringen - zwei Welten, die sich jahrhundertelang auf theologischer, ideologischer und politischer Ebene erbittert bekämpft haben."

Magazinrundschau vom 05.04.2022 - En attendant Nadeau

Als sehr nützlich erweist sich ein Kompendium, das eine ganze Reihe von Historikern gegen Eric Zemmours Geschichtsklitterei zusammengestellt hat und viele der von Zemmour verbreiteten Geschichtslügen von König Chlodwig über den "Genozid" in der gegenrevolutionären Vendée bis hin zu Pétain so gern verbreitet. Solène Minier stellt es vor. Was sie über Zemmours Bild von Algerien schreibt, erinnert an Putins Klitterungen über die Ukraine: "Algerien sei 1830 von Frankreich als Eroberer aus dem Nichts geschaffen worden. Die Algerier ihrerseits hätten ihre Unabhängigkeit nur durch die Nachsicht eines barmherzigen de Gaulle erlangt."

Gallimard vertreibt den schmalen Sammelband für nur 3,90 Euro, auch als Ebook. Die Historiker äußern sich auch in einem Video, in dem sie sich an ein großes Publikum wenden:

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Magazinrundschau vom 15.02.2022 - En attendant Nadeau

"Voyage africain", Cover der französischen Ausgabe.
Na, das wäre vielleicht auch ein Tipp für deutsche Verlage. Die Nouvelles Editions Place bringen eine Übersetzung der "Afrikanischen Reise" der amerikanischen Autorin, Schauspielerin und Anthropologin Eslanda Goode Robeson heraus. Sie gehörte wie ihr Mann, der Anwalt, Schauspieler, Sänger Paul Robeson, zur "Harlem Renaissance", einer Bewegung schwarzer Intellektueller in New York auf der Suche nach ihren afrikanischen Wurzeln. Die "afrikanische Reise" basierte auf ihrer anthropologischen Abschlussarbeit. Zusammen mit ihrem Sohn Pauli hatte sie um 1940 fast den gesamten afrikanischen Kontinent bereist, der ihr gar nicht einheitlich, sondern "wie eine Gemüsepfanne aus lauter verschiedenen Ingredienzen" vorkam. Idealisieren wollte sie Afrika nicht, versichert Sonia Dayan-Herzbrun, die in ihrem Resümee nicht ganz ohne eine kleine postkoloniale Spitze auskommt: So akzeptierte Robeson "ungern die Spaltung der Afrikaner in Uganda in eine Aristokratie, die mit dem Vieh verbunden ist, und eine Unterschicht, die Ackerbau betreibt. Es gibt keine afrikanische Ausnahme: Da ist weder Primitivismus noch eine ideale Gesellschaft. 'Afrikaner sind Menschen.' Mit diesem Satz schloss sie 1944 ihr Buch und mit einem leidenschaftlichen Aufruf zur Freiheit für alle Menschen, nachdem der Nationalsozialismus gezeigt hatte, dass Rassismus, der bis vor kurzem wegen seiner Ausrichtung auf angeblich 'rückständige' oder 'primitive' Völker bereitwillig toleriert worden war, nun auch weiße Nicht-Arier betraf."

Magazinrundschau vom 01.02.2022 - En attendant Nadeau

Der Name Masao Maruyamas ist auch in Deutschland bekannt, die letzten Übersetzungen sind bald zehn Jahre alt. Masao ist einer der bedeutendsten japanischen Politologen und Historiker des 20. Jahrhundert. In Frankreich erscheint ein Band mit drei seiner wichtigsten Schriften über den "japanischen Faschismus", den Maurice Mourier vorstellt. Die Essays sind für Nicht-Kenner nicht immer leicht zu verstehen, so Mourier, "die Ausgabe wird jedoch durch ein umfangreiches und übersichtliches Glossar bereichert, das es ermöglicht, sich im Dickicht der Geschichte des Landes zurechtzufinden. Es handelt sich um die politischen Ereignisse der Jahre 1919-1945, in denen der japanische Militarismus in Kampfbereitschaft versetzt wurde, seinen totalitären Einfluss auf die Gesellschaft verstärkte und sich verschärfte; schließlich führte der blinde Aktionismus des Generalstabs zum Untergang des Regimes und des ganzen Landes." Das Interessante an dem Band ist für Mourier, dass Maruyama zeigt, wie sich die Ereignisse verketten, so dass der Prozess "ab einem bestimmten Zeitpunkt nach dem Modell der Katastrophe vom August 1914 quasi autonom funktioniert und sich nur in zweiter Linie auf eine Reihe von Willensakten stützt, um auf ein einziges, klar definiertes Ziel hinzuarbeiten." Nachtrag vom 1. Februar: Im Iudicium Verlag sind einige wichtige Schriften auch auf deutsch erhältlich. einiges gibt es auch in Zeitschriften.

Magazinrundschau vom 21.12.2021 - En attendant Nadeau

Philippe Roussin erzählt die eines Romans oder einer literarischen Reportage würdige Geschichte jener Manuskripte von Céline, die im Jahr 2017, nachdem sie für Jahrzehnte verloren schienen, wieder aufgetaucht sind (unser Resümee). Es handelt sich um 5.300 Seiten, unbekannte Werke darunter, und Skizzen zu bekannten Werken, alle aus der Zeit vor den antisemitischen Machwerken des Nazis im Geiste - was nicht heißt, dass sich nicht auch antisemitische Texte im Konvolut befinden. Die Werke seien "gestohlen" worden, haben die jetzigen Rechteinhaber behauptet. Das Gegenteil ist der Fall, so Roussin. Sie waren von Widerstandskämpfern gesichert und irgendwann dem Kritiker Jean-Pierre Thibaudat übergeben worden, der sie aufbewahrte, damit die Rechteinhaber nicht auch noch Geld aus dem Dossier ziehen. Das Dumme ist, das Célines Witwe, Lucette Destouches, erst 2019 im Alter von 107 Jahren gestorben ist. Nun gehören die Rechte ihrem Anwalt und einer Freundin von Célines Tochter. "Nach dem Ende des Rechtsstreits haben die Rechteinhaber nun alle Manuskripte zurückerhalten und können sie… zu einem hohen Preis verkaufen, wobei ihr finanzieller Wert durch den verursachten 'Skandal' noch gesteigert wird. Man spricht von mehreren Millionen Euro. Außerdem werden sie die Kontrolle über die Edition der Texte haben, die ab 2022 bei Gallimard in vier Bänden erscheinen sollen: 'Casse-pipe', 'London', 'Guerre', 'La légende du roi Krogold'. Auf diese Weise werden sie die Texte und das Image des Autors kontrollieren." Erst im Jahr 2031 fällt das Werk Célines in die Public Domain.

Magazinrundschau vom 14.12.2021 - En attendant Nadeau

Die Nazis und die deutsche Bevölkerung waren vereint in einem sexualisierten Theater der Reinheit, in dem sich die Auslöschung der Untermenschen und die Feier einer deutschen "Lebensborn"-Sexualität gegenseitig bedingten. Das lernt Georges-Arthur Goldschmidt aus dem Buch "Amour, mariage, sexualité. Une histoire intime du nazisme (1930-1950)" der Historikerin Elissa Mailänder, die am Centre Marc Bloch forscht: "Von der Reglementierung der Ehe über die Sterilisation von Personen, die nicht als würdig galten, sich fortzupflanzen, über die Orgien nach Massenhinrichtungen oder den Ablauf von Hochzeiten - alles fand im Rahmen nationalsozialistischer Vorgaben statt. Scheidung oder außereheliche Affären sollten nach vorgeschriebenen Mustern ablaufen, die zugleich scheinbar liberal und strengstens kontrolliert waren, um der 'Rasse' und der Demografie willen. Darum schuf man den 'Lebensborn', eine Art Harem, der dazu diente, die arischen Geburtenzahlen zu erhöhen, als Gegenpol zu den Vernichtungen, von deren Existenz alle informiert waren."

Magazinrundschau vom 07.12.2021 - En attendant Nadeau

Die "Pléiade", gestaltet in dunkel leuchtenden Lederbänden, ist die französische Klassikerbibliothek schlechthin - in Deutschland gibt es dazu kein Pendant. Etwas skeptisch begutachtet Philippe Mesnard den jüngsten Anthologieband "L'espèce humaine et autres récits des camps". "L'espèce humaine" ist der Titel des berühmten Buchs von Robert Antelme, der als einer der ersten in Frankreich über die Konzentrationslager der Nazis berichtete. Insgesamt versammelt der Band acht französischsprachige Texte über die Lager, darunter Jorge Sempruns "L'écriture ou la vie". Die Kriterien der Auswahl und der Präsentation überzeugen Mesnard nicht. Ihn stört etwas die Terminologie über die Lager, die von den Herausgebern im Band verwendet wird: "Dominique Moncond'huy et Henri Scepi beschönigen den Völkermord an den Juden zwar keineswegs, aber sie benutzen immer wieder den verallgemeinernden Begriff des 'Lagers', der bereits im Titel besiegelt ist. Da kann man sich fast fragen, warum nicht auch Schriften über den Gulag vertreten sind. Warum hat man nicht einfach geschrieben 'Schriften aus den Nazi-Lagern?' Hinzukommt, dass fast auf jeder Seite vom 'Modell des Lagers' die Rede ist, so dass der Unterschied zwischen der Struktur der Konzentrationslager und die Umsetzung eines Völkermords, der die Juden von der Erde auslöschen sollte, verlorengeht."

Magazinrundschau vom 23.11.2021 - En attendant Nadeau

Es scheint, dass die Weltrechte an Patricia Highsmith vom Diogenes Verlag verwertet werden. Jedenfalls ist in Frankreicch eine offenbar identische Ausgabe der Tagebücher der Autorin erschienen. Und Claude Grimal ist genauso verblüfft von der vorauseilenden Zensur der antisemitischen Passagen durch die Herausgeberin Anna von Planta wie manche Kritiker der deutschsprachigen Presse (unsere Resümees): "So wird uns zum Beispiel mitgeteilt, dass 'die Meinungen', die Highsmith auf den Seiten 'über Personen und Tatsachen' äußert, 'persönlich ... sind und die Vorurteile der Autorin und ihrer Zeit widerspiegeln'. Ach so! Danke für den Hinweis! Und da wohl unsere Empfindlichkeiten geschont werden sollen, teilt man uns mit, dass es die Herausgeberin und ihre Mitarbeiterinnen bei dem heiklen Thema der 'häufig marginalisierte Gruppen wie schwarze Amerikaner und Juden' 'in einigen extremen Fällen [...] es für ihre Pflicht [hielten], Pat [sic] das Recht zu verweigern, sich zu äußern, wie sie es getan hat, als sie noch am Leben war'. Uff! Wir waren fast beleidigt. Was aber auch nicht so schlecht wäre, denn die Kehrseite der redaktionellen Entscheidung ist, dass die aktuelle Aufmachung des Textes den notorischen Rassismus und Antisemitismus der Autorin fast unsichtbar macht."

Außerdem in En attendant Nadeau ein Gespräch Mit Richard Powers über seinen letzten Roman "Erstaunen".

Magazinrundschau vom 19.10.2021 - En attendant Nadeau

Jean-Pierre Salgas bespricht Kora Vérons große Biografie über einen Klassiker des Postkolonialismus und Miterfinder der Idee der "Négritude": "Aimé Césaire - Configurations". Dabei stellt er auch das inzwischen berühmte Holocaust-Zitat Césaires in den Kontext, das hier mal in aller Ausführlichkeit wiedergegeben wird. Es ist ein Urdokument jener Opferkonkurrenz, die spätere Diskurse über den Holocaust vergiftet - Césaire behauptet, der Holocaust würde nur als besonders schlimmes Verbrechen wahrgenommen, weil er ein Verbrechen von Weißen an Weißen sei. Weniger bekannt ist in der deutschen Debatte, dass Césaire damit quasi die offizielle Position der Kommunistischen Partei vertrat, deren Abgeordneter er war. Ganz liest sich das Zitat über den Nationalsozialismus so: "Ja, es würde sich lohnen, das Vorgehen Hitlers und des Hitlerismus präzise im Detail zu studieren und dem sehr vornehmen, sehr humanistischen, sehr christlichen Bourgeois des 20. Jahrhunderts zu offenbaren, dass er einen Hitler in sich trägt, von dem er nichts weiß, dass Hitler in ihm wohnt, dass Hitler sein Dämon ist, dass es nur unlogisch ist, wenn er ihn schmäht, und dass, was er Hitler nicht verzeiht, nicht das Verbrechen an sich ist, das Verbrechen gegen den Menschen, die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern dass dieses Verbrechen gegen den weißen Mann verübt wurde, dass der weiße Mann erniedrigt wurde, und dass er auf Europa die kolonialistischen Verfahren angewandt hat, die bisher nur auf die Araber in Algerien, die Kulis in Indien und die Neger in Afrika angewandt wurden." Dieses Zitat, so Salgas, stand in einer Broschüre, für die der KP-Grande Jacques Duclos das Vorwort schrieb. Erst 1956 wandte sich Césaire, wie so viele, vom Stalinismus ab.

Frankreich gedachte am Wochenende des 17. Oktober 1961. An diesem Datum hat die Pariser Polizei ein Massaker an demonstrierenden Algeriern angerichtet. Polizeichef war der schon in der Vichy-Zeit berüchtigte Kollaborateur Maurice Papon. Pierre Benetti und Pierre Tenne unterhalten sich mit Jim House, Autor eines neu aufgelegten Buchs zu diesen Geschehnissen. Auch in Algerien wurde des Massakers erst spät gedacht, weil die französische Sektion des FLN, die die niedergeschlagene Demo an diesem Tag organisiert hatte, nach der Unabhängigkeit internen Purifizierungen zum Opfer fiel: "Es ist wichtig zu verstehen, dass sich die ehemaligen Akteure der Französischen Föderation des FLN in der algerischen Gesellschaft marginalisiert und ausgeschlossen fühlen. Zugleich kehrten viele Algerier nach der Unabhängigkeit zurück, blieben in Frankreich oder wechselten hin und her. Heute gilt der 17. Oktober 1961 in den Medien als eines der Schlüsseldaten des Krieges; dieser Status wurde jedoch erst spät erlangt und geht auf die politischen Debatten in Frankreich zwischen 1980 und 2000 zurück. Der Stellenwert der algerischen Einwanderung im Kampf um die Unabhängigkeit wurde allmählich besser anerkannt, und damit auch der 17. Oktober 1961."