Magazinrundschau - Archiv

Hakai

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Magazinrundschau vom 28.11.2023 - Hakai

Das Sicherheitsnetz des Versicherungswesens ist über Jahrhunderte gewachsen - und fragiler als man vielleicht denken würde. Der Klimawandel führt auch hier zu enormen Auswirkungen, insbesondere in den USA, die mit ihren zahlreichen Klimazonen deutlich schwerer davon betroffen sind als viele andere Nationen: Mit der Klimakrise häufen sich nicht nur Naturkatastrophen, sie nehmen auch in ihrer Vehemenz zu, schreibt Lois Parshley: "Das System ist gehörig in Unordnung geraten. Versicherte Schäden von Naturkatastrophen türmen sich nun üblicherweise zu 100 Milliarden im Jahr auf - im Gegensatz zu 4,6 Milliarden im Jahr 2000. Eine Folge: Der durchschnittliche Hausbesitzer hat seit 2015 21 Prozent höhere Aufschläge zu leisten. Es überrascht vielleicht nicht, dass jene Bundesstaaten wie Texas und Florida, in denen Katastrophen am wahrscheinlichsten sind, auch die höchsten Raten haben. Das bedeutet: Immer mehr Menschen verzichten auf einen Versicherungsschutz und werden damit verwundbar. Außerdem treibt dies die Preise zusätzlich nach oben, da die Zahl derjenigen sinkt, die mit ihren Einzahlungen das Risiko untereinander aufteilen. Dieser Teufelskreis lässt auch die Raten der Rückversicherer steigen. Weltweit ließen diese ihre Preise für Immobilienversicherer 2023 um 37 Prozent ansteigen. Dies begünstigt, dass sich Versicherungsfirmen aus riskanten Bundesstaaten wie Kalifornien oder Florida zurückziehen. ... Im schlimmsten Fall staut sich dies zu einem massiven Wirtschaftsproblem auf: Die Raten werden so hoch, dass Immobilienwerte abstürzen, Familieninvestitionen sich in Luft auflösen und die Banken sich mit dem zufriedengeben müssen, was übrig geblieben ist. Oder einfacher gesagt: Der globale Prozess, um Lebensrisiken zu handhaben, bricht zusammen und hinterlässt jene, die es sich am wenigsten leisten können, ohne Schutz."

Magazinrundschau vom 31.10.2023 - Hakai

In Texas werden, unterstützt von vielen Förder-Millionen, Projekte getestet, bei denen CO2 an entsprechenden Industriequellen abgefangen, mittels chemischer Prozesse verflüssigt und schließlich tief unter dem Meeresboden eingelagert werden soll. Was bei oberflächlicher Betrachtung nach einer guten Klimaschutzmaßnahme klingt, lässt bei Wissenschaftlern und Umweltschützern die Alarmglocken klingeln, berichtet Amal Ahmed: "Lecks sind eine große Sorge. Eine Studie lässt Zweifel an der Langlebigkeit dieser Technologie entstehen: Italienische Forscher schätzen darin, dass 25 zusätzliche Gigatonnen C02 bis zum Jahr 2100 in die Atmosphäre gelangen, wenn die Einlagerungen auch nur 0,1 Prozent pro Jahr lecken - nach wissenschaftlichen Beobachtungen ein wahrscheinliches Szenario. Wissenschaftler, Umweltschützer und Gemeinden an Ort und Stelle sorgen sich weiterhin, dass die Leitungen mit dem unter Hochdruck stehenden Karbondioxid beim Transport in die Einlagerungshöhlen explodieren könnten - eine Gefahr für die Siedlungen in der Nähe: Als vor drei Jahren eine CO2-Leitung in Satartia, Mississippi, aufgebrochen war, mussten Dutzende Menschen ins Krankenhaus gebracht und Hunderte evakuiert werden. Erschwerend kam hinzu, dass die Rettungswägen der Sanitärer durch die hohe Konzentration von Karbondioxid in der Luft nicht richtig funktionierten. ... Unausweichlich werden die bislang angekündigten Fragen aufwerfen, ob sie die Öl- und Gasindustrie nicht auf Jahre stützen würden anstatt den Versuch zu beschleunigen, aus fossilen Treibstoffen auszusteigen. Angesichts anhaltender Zweifel an der Effizienz dieser Technologie und des Potential von Lecks, fragen sich Kritiker, ob die staatlichen Anreize nicht eher schaden als nützen. 'Was wir hier beobachten, ist ein enormer, von der Industrie lancierter Vorstoß, CO2-Einfangtechnologien als Rettungsanker zu bewerben', sagt Nikki Reisch, Direktorin des Klima- und Energieprogramm des Zentrums für Internationales Umweltrechts. '"Für sie ist das eine 'Du kommst aus dem Gefängnis frei'-Karte. Die Auffassung, dass wir mit fossilen Treibstoffen einfach so weiter machen könnten wie bisher, wird damit gefestigt.'"

Magazinrundschau vom 17.10.2023 - Hakai

Abigail Geiger und Gabriela Tejeda werfen einen sorgenvollen Blick auf die Florida Bay, die zwar für ihre herrlichen Sommer bekannt ist, aber von krassen Hitzewellen ökologisch existenziell gefährdet ist. In den zurückliegenden Monaten ließ sich das gut beobachten. "Mit der Bucht und der Gegend ringsum ging es im frühen Juli 2023 rapide nach unten, als die Erde an vier aufeinanderfolgenden Tagen die höchste globale Durchschnittstemperatur seit Beginn der Aufzeichnungen erlebte. Wochen intensiver Hitze, verschlimmert von den ausbleibenden Sommerregenduschen, führten in den flacheren Stellen der Florida Bay zu Temperaturen von 38 Grad. Während des brütenden Wetters verzeichnete die benachbarte Manatee Bay eine alarmierende Wassertemperatur von 38,4 Grad - wohl ein Weltrekord. Der Forscher Jerry Lorenz erinnert sich, dass er es beim Schnorcheln in der Florida Bay zu heiß fürs Schwimmen fand. 'Es war unangenehm', sagt er. 'Als ich unter den Mangroven schwamm, war einfach alles voller Fische. Mir ging einfach nur der Gedanke durch den Kopf, dass die Kerle versuchen, im Schatten zu bleiben.' ... Die frappierenden Effekte der Hitzewelle auf die Bay mögen zum Teil dafür verantwortlich sein, dass weite Flächen der Korallen ausgebleicht sind und auf der atlantischen Seite des Korallenriffs eine hohe Sterblichkeit vorliegt. Die hohe Hitze dieses Jahre ließ einen großen Teil des Buchtwassers verdunsten, das damit sehr salzig und dicht wurde. Unter normalen Bedingungen, wenn die natürlichen Gezeiten das Buchtwasser in den Atlantik ziehen, sitzt das warme Wasser der Ozeanoberfläche oben auf. Doch dieses Mal geschah etwas Ungewöhnliches: Das extrem heiße und salzige Wasser sank unter das kühlere Wasser des Atlantiks - ein Phänomen namens umgekehrte Thermokline - und erstickte die Korallen neun Meter weiter unten mit seinen extremen Temperaturen. Die Folgen waren eine flächendeckende Korallenbleiche und, in manchen Fällen, sofortiger Tod. Heißeres, salzigeres Wasser stellt für Meereslebewesen eine ernsthafte Bedrohung dar. Sie halten nur ein gewisses Maß an Stress aus, bevor ihre Metabolismen zu kollabieren beginnen. Solche Belastungen können zu Bleichung, abgestorbenem Seegras, übermäßigem Algenwuchs und toten Fischen führen. Wenn der Salzgehalt der Florida Bay an mehr als zehn oder fünfzehn Tagen pro Jahr das Level des Atlantiks erreicht, 'dann gerät das ganze System aus dem Gleichgewicht', sagt Lorenz."

Magazinrundschau vom 06.06.2023 - Hakai

Jackie Flynn Mogensen porträtiert die ukrainische Walforscherin und Umweltschützerin Olga Shpak, die vor dem Ukrainekrieg in Russland an maßgeblichen Forschungsprojekten in ihrem Gebiet arbeitete und buchstäblich am Vorabend der russischen Invasion in ihr Heimatland floh, wo sie heute an der Front mitanpackt. Sie "ist eine von tausenden von Forschenden, deren Lebenswerk durch den Krieg ins Schwanken geraten ist, da sie und ihre Kollegen dazu gezwungen waren, die Region zur verlassen oder zu bleiben und zu kämpfen. Internationale Kooperationen mit russischen Institutionen stehen still, Wissenschaftler auf der ganzen Welt haben ihre Projekte verlassen oder modifiziert, Tagungen abgesagt, notwendige Unterstützungen aufgegeben oder ihre Finanzierung verloren. ... Wie der Krieg die arktische Forschung erdrückt hat, erregt besonders Sorge. Russland kontrolliert etwa die Hälfte der Küstenlinie des arktischen Ozeans, wobei etwa zwei Drittel des Landes auf kohlenstoffreichem Permafrost liegt. Dies macht das Land zu einem der einflussreichsten Player der Welt, was das Klima betrifft. Auch erwärmt sich die Arktis derzeit bis zu viermal so schnell wie der Rest der Welt, was nicht nur die Leute, Pflanzen und Tiere vor Ort bedroht, sondern auch den restlichen Planeten. ... Kurz gesagt: Es gibt nur wenige Orte auf der Erde, von Wissenschaftlern mehr Hilfe benötigen als die Arktis. Und der Krieg hat deren Forschung verkümmern lassen. 'Es ist herzzerreißend', sagt Anne Husebekk, Expertin für Wissenschaftsdiplomatie und Professorin an der Arctic University of Norway, wo sie einem Komitee des Internationalen Wissenschaftsrats für akademische Freiheit vorsitzt. In der Ukraine, sagt sie, 'müssen nicht nur Forscher als Soldaten im Krieg kämpfen, weil sie nicht bleiben können, sondern die Infrastruktur ist komplett zerstört. Die Universitäten funktionieren nicht mehr.'"

Magazinrundschau vom 18.04.2023 - Hakai

In der Antarktis wird diesen Sommer gut was los sein: Um die 100.000 Touristen werden erwartet, das Geschäft mit den Reisen ins Packeis boomt bei ansehnlich zweistelligen Wachstumraten, schreibt Jen Rose Smith. Umweltschützer sehen darin ein gewaltiges Problem - nicht nur wegen der hohen CO2-Ausstöße, die mit einem Besuch in der Antarkis einhergehen, und weil der Tourismus das Eis zum Schmelzen bringt: "Jede touristische Ankunft schlägt mit 75 Tonnen Schneeverlust zu Buche, so eine Studie aus dem Jahr 2022, da der schwarze Ruß, den ein Kreuzfahrtschiff ausstößt, den Tauprozess beschleunigt, indem er das Sonnenlicht abschirmt." Aber auch eingeschlepptes Saatgut auf der Kleidung der Touristen ist ein Problem, "da ein Großteil des Tourismus in den eisfreien Küstenzonen stattfindet, wo sich die größte, erdgebundende Biodiversität des Kontinents befindet. Dort nicht angestammte Pflanzen werden mit der voranschreitenden Klimaerwärmung nur noch hartnäckiger. Die antarktische Ökologin Dana Bergstrom (...) hat erforscht, welches Risiko Besucher darstellen, die invasive Pflanzen einschleppen, indem sie deren Hosentaschen und Pullover abgesaugt hat. ... 'Bei diesen Staubsaugereien sind wir auf alle gängigen Unkrautarten aus Nordamerika und Europa gestoßen.' Das Wiesen-Rispengras, dessen Samen vier Jahre lang überleben können, ist nun in der Antarktis fest zuhause. ... Die Folgen des antarktischen Tourismus in den Griff zu kriegen erweist sich als kompliziert. In der Antarktis gibt es keine nationale Regierung, die Kontrolle ausüben könnte, die Gouvernance wird vom Antarktisabkommen aus dem Jahr 1961 gewährleistet, das von 55 Parteien getragen wird. Regeln für die Antarktis festzulegen ähnelt daher eher dem, wie man mit Weltallschrot im Erdorbit fertig wird als den Tourismus im spanischen Barcelona oder auf den Osterinseln zu regulieren. 'Es gibt da einfach viele verschiedene Instanzen mit geopolitischen Interessen und sie alle arbeiten zusammen, um diesen riesigen Teil der Erde zu verwalten und das macht es schwierig, dass eine Stimme hier das Ruder übernimmt', sagt Peter Carey vom Polar-Institut des Wilson-Centers. 'Man muss alle 55 Instanzen dazu bringen, zu sagen: Ja, so machen wir das. Das ist die größte Herausforderung.'"

Magazinrundschau vom 21.03.2023 - Hakai

Kann Seetang Klimakrise und Nahrungsmittelknappheit auf einmal lösen? Oder bringt er doch nur altbekannte Probleme mit sich? Dieser Frage geht Nicola Jones nach. Das Gewächs wird als sehr vielseitig beschrieben, soll roh wie gekocht verzehrbar sein, für die Herstellung von Bioplastik dienen und Schadstoffe filtern können, erfährt Jones, aber die Forschungsgrundlage ist dünn. Auch mögliche Risiken müssen noch besser erforscht werden: "Die Auswirkungen auf Ökosysteme können kompliziert sein. Ein dichter Algen-Wald, zum Beispiel, an einem Ort, wo vorher keiner war, kann Licht und Nährstoffe im umliegenden Areal beeinflussen - nicht unbedingt zum Guten. Der Seetang könnte theoretisch andere Organismen verdrängen. Der Anbau riesiger Mengen dieser Art in großem Maßstab könnte weitreichende negative Auswirkungen auf das Meeresklima und die Nahrungskette haben. Und der Anbau großer Mengen einer einzigen Kulturpflanze könnte eine Reihe bekannter Probleme nach sich ziehen - an Land haben sich Monokulturen, die auf hohe Gewinnspannen abzielen, bekanntermaßen als problematisch für die Artenvielfalt und die Widerstandsfähigkeit gegen extreme Wetterbedingungen oder Krankheiten erwiesen."
Stichwörter: Seetang, Klimakrise

Magazinrundschau vom 13.12.2022 - Hakai

Wie man aus Scheiße Gold macht, das hat man in Mumbai zwar auch noch nicht herausgekriegt. Aber wie man dort mit Fäkalien unwillentlich ein Paradies für Flamingos schafft, das kann man dort lernen. Weit über 100.000 dieser schönen Vögel kann man dort beobachten, berichtet Vaishnavi Chandrashekhar - ein überwältigender Anblick. "Die Flamingos kommen überhaupt erst seit den Neunzigern in signifikanter Anzahl zu Besuch. Wie die Stadt in den Siebzigern und Achtzigern wuchs, so wuchs auch die Menge an ungeklärtem Kanalwasser, das in die Thane-Creek-Bucht abfloss. Dort nährte es die Algen, von denen sich die Flamingos hauptsächlich ernähren, So entstand ein Ort, an dem die Vögel sich gut fortpflanzen können." Auch die Forschung interessiert sich für die jährlichen Besucher: "Im Juni 2021 wurde ein in Mumbai mit einer Markierung versehener Sichelstrandläufer, der in Sibirien brütet, 4500 Kilometer weiter entfernt im chinesischen Tianjin gesehen. Im April traf man einen 2018 von einem Forscherteam markierten Rotschenkel in Russland an. Die Region um Mumbai scheint ein wichtiger Zwischenstopp auf der zentralen, asiatischen Flugstrecke zu sein, eine Wander-Luftroute zwischen der Arktis und dem indischen Ozean, erklärt der Biologe Mrugank Prabhu. ... Aber auch wenn die Umweltverschmutzung gut für die Flamingos ist, war sie doch tödlich für die Fische. Die Fisch-Diversität in der Bucht hat seit den Achtzigern dramatisch abgenommen: Von 22 Spezies, die man dort in den frühen Neunzigern noch nachweisen konnte, zu den gerade mal zwölf, die man dort in einer Untersuchung im Jahr 2000 noch fand. Dieser Niedergang wird einerseits mit der industriellen Verschmutzung aus früheren Jahrzehnten erklärt, aber aber auch mit dem Anstieg von Abwassern und Müll in den letzten Jahren. Solche Änderungen in der Quantität und Zusammensetzung des Schlamms könnte auch die Organismen auf dem Watt verändern." Diese Reportage der Times of India vermittelt einen kleinen Eindruck:

Magazinrundschau vom 13.09.2022 - Hakai

Wale sind die Schätze der Meere, ruft Ben Goldfarb in Erinnerung. Klar, deshalb werden ihre Bestände ja auch so exzessiv überfischt. Das hat nicht nur für die Wale Folgen, sondern auch für alle Ökosysteme, die davon abhängig sind, dass in regelmäßigen Abständen ein buchstäblicher Leichenschmaus auf den Tisch kommt, respektive eine Walleiche auf den Meeresgrund sinkt oder an den Strand gespült wird. "Herabsinkende Wale bilden in der Ödnis der Meeresabgründe Oasen, die auf das Leben so anziehend wirken wie ein Wasserloch in der Sahara. ... Jene Wale, die an Land gespült werden, weil sie von inneren Gasen über Wasser gehalten und von Strömungen gelenkt werden, unterstützen komplexe Ökosysteme eigenen Rechts. Geier und Seevögel picken an den Augen und Blaslöchern; Haie reißen sich in der Meeresbrandung Walspeck ab. In der Wüstenregion an Namibias Küste laben sich Schakale und Hyänen an toten Robbenbabys, Delfinen und Walen. Als 2020 ein Zwergwal mit dem Spitznamen Gottfried - benannt nach einem beliebten Autor - auf einem niederländischen Inselchen angespült wurde, tummelten sich darauf 57 Käfersorten, von denen 21 auf der Insel zuvor noch nie beobachtet worden waren." Doch "heutzutage sind angespülte Waltiere verhältnismäßig selten. ... Blauwalpopulationen sind um 90 Prozent geschrumpft. Pottwale zählen heute nur noch ein Drittel ihrer einstigen Bestände." Und angeschwemmte Walleichen werden in der Regel sofort entfernt, nicht zuletzt wegen des fürchterlichen Gestanks. "Da ihnen das Küstenaas vorenthalten wird, nehmen kalifornische Kondore heute vorlieb mit den Gedärmen, die Jäger zurücklassen. Oft sind sie mit Kugelfragmenten durchsetzt. Die Hälfte aller verzeichneten Kondortode heutzutage sind auch eine Bleivergiftung zurückzuführen. Ähnlich beeinträchtigt sind die Andenkondore."
Stichwörter: Wale, Walfang, Ökosysteme, Namibia

Magazinrundschau vom 06.09.2022 - Hakai

Cheryl Katz hat sich für eine große, multimedial aufbereitete Reportage unter anderem an die kanadische Hudson Bay begeben, um dort zu beobachten, wie junge Inuit traditionelles Wissen und moderne Wissenschaft nutzen, um das Gewässer und ihre Jagdgründe neu zu vermessen. Das ist auch dringend geboten, denn in dieser Region zeigt sich der Klimawandel in den letzten Jahren besonders dramatisch: "Insbesondere wegen der Treibhausgasemissionen in den Gesellschaften tief im Süden stiegen die Temperaturen an der Hudson Bay seit den späten Achtzigern um zwei Grad. An einigen Stellen hat sich das Wasser beinahe um ebenso viel erwärmt. Der Permafrost taut. Das Meereseis - wichtig für die Jagd im Winter, Mobilität und als Lebensraum für das Meeresleben - bildet sich nicht nur später, sondern bricht auch früher auf und wird gefährlich dünn. Und da die Emissionen im Großen und Ganzen unverändert steigen, prognostiziert der kürzlich veröffentlichte Klimaatlas für Kanada, dass Arviat in den nächsten 30 Jahren im Durchschnitt nahezu drei Grad wärmer sein wird als zur Jahrhundertwende. Das aus dem Gleichgewicht geratene Klima beeinträchtig die Nahrungsernte im Land. Das Wetter wird zunehmend unvorhersehbar und setzt Jäger auf dem Land und auf der See dem Risiko plötzlicher, lebensbedrohlicher Stürme aus. Lebensräume und Verhaltensweisen der Tiere ändern sich und unterwandern damit das über Generationen gewachsene Wissen, wann und wo man jagen sollte. Die Tundra wird grün - normalerweise wadenhohe arktischen Weiden schießen mancherorts so sehr in die Höhe, dass sie die Fortbewegung erschweren. Und bisher seltene Eindringlinge wie Killerwale rücken näher."
Stichwörter: Inuit, Klimawandel, Kanada, Arktis

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - Hakai

Nicht nur Überfischung, auch der Klimawandel sorgt an vielen Orten dafür, dass einige Fischpopulationen immer kleiner werden, erzählt Ben Goldfarb am Beispiel der Winterflundern vor Rhode Island. Junge Flundern sind mit zwei Krisen konfrontiert, die beide mit der Temperatur zusammenhängen: Mit der Erwärmung der Gewässer steigt die Population von Raubtieren wie Kammquallen und Garnelen. Und heißere Wassertemperaturen sowie ein niedrigerer Sauerstoffgehalt belasten die Flunder ebenfalls. Was tun, fragen sich auch Wissenschaftler und diskutieren bereits eine Triage: "Die Winterflunder ist nur ein Klimaverlierer unter vielen. Wie viel Aufwand sollten wir betreiben, um den Chinook-Lachs im kalifornischen Central Valley zu schützen, wo Hitze und Trockenheit dazu geführt haben, dass sich Krankheiten in den einst so wichtigen Laichgewässern ausbreiten? Wie werden wir reagieren, wenn Hummer - die bereits aus Rhode Island und Long Island Sound geflohen sind - Maine verlassen, um auf kühleren Weiden in Neufundland zu leben? Bei diesen Entscheidungen handelt es sich um eine Form der Naturschutztriage, d. h. um die umstrittene Idee, dass Wissenschaftler sich auf die Rettung von Arten konzentrieren sollten, die eine gute Chance haben, das Anthropozän zu überleben, und nicht auf diejenigen, die aufgrund ihrer Klimasensitivität keine Chance haben."

Außerdem: Wissenschaftlern der University of Toronto ist es gelungen, die Sehproteine einiger der frühesten Vorfahren der Wale zu rekonstruieren, erzählt Jason P. Dinh. Wir erhalten so "Einblick in die Lebensweise der Urwale und Delfine unmittelbar nach einem entscheidenden evolutionären Wendepunkt: der Zeit vor etwa 55 bis 35 Millionen Jahren, als die Tiere, aus denen sich später Wale und Delfine entwickelten, ihre terrestrische Lebensweise aufgaben und ins Meer zurückkehrten." Und wir lernen, wie die Tiere ihre Umwelt wahrnahmen.