Magazinrundschau
Verwickelte Rivalitäten
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.12.2020. Wer hat das nochmal gesagt: "Wenn ich arbeite, habe ich das Gefühl, meine Zeit zu vergeuden." Genau, das war eine Mitbesitzerin des Tages-Anzeigers, hat die Republik herausgefunden. In der LRB erzählt Perry Anderson die Geschichte der EU als die eines Staatsstreichs. Elet es Irodalom anaylsiert den Opferdiskurs der ungarischen Rechtspopulisten. Buzzfeed untersucht die Verbandelung zwischen Pharmaindustrie und Ärzten.
Republik (Schweiz), 09.12.2020
London Review of Books (UK), 17.12.2020
Zum Abschied von Europa nimmt Perry Anderson in einem ellenlangen Essay das politische Denken unter die Lupe, das derzeit in Europa vorherrscht und das seiner Ansicht nach niemand so sehr verkörpert wie der niederländische Philosoph Luuk van Middelaar, der auch als Redenschreiber für die konservativ-liberalen EU-Politiker Frits Bolkestein und Hermann van Rompuy diente. Unter Vordenkern wie Middelaar, warnt Andersen, habe sich die Europäische Gemeinschaft zur Union gewandelt, aber selten mit demokratischen Mitteln: "Die Alchemie der EU besteht darin, Einstimmigkeit durch die Androhung einer Mehrheitsentscheidung zu erreichen, und nicht wie es die klassische Theorie eigentlich vorsieht, generell von Einstimmigkeit zur Mehrheitsentscheidung überzugehen. Das war die Regel. Es gab jedoch eine entscheidende Ausnahme. 1985 tagte der Europäische Rat in Mailand zu der Frage, ob - zur Erleichterung der Europäischen Einheitsakte, mit der im Grunde der gemeinsame Binnenmarkt für Güter auf Dienstleistungen ausgeweitet wurde - die Römischen Verträge ergänzt werden sollten, was allerdings eine Regierungskonferenz erfordert hätte. Angeführt von Frankreich und Deutschland, die insgeheim bereits eine solche Änderung geplant hatten, waren sieben von zehn Mitgliedsstaaten dafür. Drei - Britannien, Dänemark und Griechenland - waren dagegen. Das war mehr als genug, um diesen Schritt zu blockieren. Über Nacht kündigte Italien, das den Vorsitz über das Treffen führte, in Person seines Premiers Bettino Craxi an, dennoch abstimmen zu lassen, da die Frage, ob ein Regierungstreffen oder ein Ratstreffen stattfinde, eher prozedural als substanziell einen Unterschied mache. Margaret Thatcher schäumte vor Wut, ebenso ihre Verbündeten Andreas Papandreou und Poul Schlüter. Craxi aber war nicht abzuhalten und der Antrag wurde mit sieben gegen drei angenommen. Thatcher nutzte ihr Veto nicht, sie sah in der Einheitsakte ihre eigene Handschaft des Liberalismus, was sie allerdings ihr Leben lang bereuen sollte. Middelaar kann seinen Enthusiasmus über den Ausgang kaum zügeln: Indem er die Gelegenheit beim Schopfe packte, verschaffte Craxis Bluff einen wunderbaren Moment des Übergangs, der Europas permanente Erneuerung in Gang setzte und der Gemeinschaft oberste Autorität verschaffte. Wie er das geschafft hat? 'Ich verrate Ihnen Geheimnis: Es war ein Staatsstreich, der sich als Verfahrensfrage tarnte.'"Faszieniert liest John Lanchester auch, wie Rebecca Wragg Sykes in ihrem Buch "Kindred" mit etlichen Vorurteilen über die Neanderthaler aufräumt. Denn natürlich waren sie keine dumpfen Höhlenmenschen, die nur hin und wieder ein Mammut jagten: "Die Kunst des Homo Sapiens ist komplexer als die der Neanderthaler, keine Frage, aber vor hunderttausend Jahren war sie es noch nicht. Funde von archäologischen Stätten zeugen von komplexen, symbolischen Handlungen, die auch eine Verbindung zwischen Lebenden und Toten umfassen, ästhetische Präferenzen und die Herstellung von nicht-nützlichen Gegenständen. Sie haben auch ihre Tote bestattet. Sie liebten Klauen und Muscheln und trugen sie als Schmuck, sie mochten Farben, besondern Ocker und Rot."
Novinky.cz (Tschechien), 15.12.2020
Elet es Irodalom (Ungarn), 11.12.2020
Die Historiker György Gábor und László Karsai kommentieren in der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom die unsäglichen Aussagen des Direktors des Budapester Literaturmuseums, Szilárd Demeter, der Europa als Gaskammer des liberalen "Führers" Georg Soros bezeichnet hatte (mehr dazu in der NZZ). "Opferwettbewerb relativiert alles und wirft Ereignisse zusammen, die historisch nicht zusammen gehören. Das Ziel von Demeter ist klar: Wenn es ihm gelingen würde 'uns', die national-christlichen Europäer, oder zumindest die gegenwärtig unter den Regierungen von Populisten lebenden Polen und Ungarn als machtlose Opfer der 'Liberalen' und deren 'Führer' George Soros hinzustellen, dann könnte er das Gefühl des Sieges haben. Denn das Opfer ist stets in moralischer Überlegenheit gegenüber seinem Unterdrücker und Folterer."Eurozine (Österreich), 11.12.2020
In einem Beitrag des Magazins blickt Olga Dryndova in das weibliche Gesicht der Revolution in Weißrussland: "Eine besondere Sichtbarkeit von Frauen bei Massenprotesten ist allerdings nicht nur in Belarus zu beobachten. Andere Beispiele sind der Arabische Frühling, Proteste in Lateinamerika und in den USA. Es scheint ein globaler Trend zu sein, der auf weibliche, tendeziell weniger gewalttätigen Protest setzt. Doch was genau steht dahinter? Lässt sich von einer feministischen Revolution in Belarus sprechen? Und ist es etwas Langfristiges? … Es wäre nicht ganz richtig zu sagen, die Tatsache, dass die Kandidaten Frauen waren, habe die Öffentlichkeit mobilisiert. Die Weißrussen waren schon vor den Wahlen politisiert. Die wirtschaftliche Stagnation, die unzureichenden staatlichen Reaktionen auf die Pandemie und die 26-jährige Amtszeit Lukaschenkos haben die Menschen radikalisiert. Die Öffentlichkeit wurde zu einer Protestwählerschaft, die bereit war, für jede starke Persönlichkeit zu stimmen, die sich gegen den amtierenden Präsidenten stellte. Dennoch machte die weibliche Dimension die Kampagne frisch, emotional und energetisch. Die Gründe: Die drei Frauen gaben nicht auf, nachdem die beliebtesten Kandidaten aus der Wahl ausgeschieden waren, und gaben den Menschen damit Hoffnung auf Veränderung. Ihre Kampagne war sehr emotional. Sie waren authentisch, erzählten persönliche Geschichten, sprachen über Liebe und forderten die Menschen auf, an sich selbst zu glauben. Daher wurde der ursprüngliche Slogan der Opposition 'Wir glauben, wir können, wir werden gewinnen' in eine weibliche Version umgewandelt: 'Wir lieben, wir können, wir werden gewinnen.'New Statesman (UK), 11.12.2020
Die Wissenschaft hat sich im Kampf gegen die Pandemie als unsere schärfste Waffe erwiesen. Dass ausgerechnet jetzt die Feindseligkeit gegen sie zugenommen hat, wundert John Gray allerdings nicht: "Unsere Schwierigkeiten mit der Wissenschaft rühren in gewisser Weise aus der ideologischen Vorstellung, sie könne immer größere Gewissheiten produzieren. Propagandisten wie Steven Pinker und Richard Dawkins gaukeln einem vor, wissenschaftliche Untersuchungen erbrächten einen immer solideren Körper unangreifbarer Wahrheiten, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse oft nur auf Vermutungen basieren und fehlbar bleiben, selbst wenn wir uns auf immer zahlreichere stützen können. Wie alle menschlichen Institutionen birgt auch die Wissenschaft die Schwächen unserer Spezies und dazu gehören auch dysfunktionale Hierarchien und verwickelte Rivalitäten. Sie kann sich auch nicht davon freimachen, die Werte der jeweiligen Zeit widerszuspiegeln. Die Biologie des 19. Jahrhundert bildete europäische Macht ab, als sie von eingebauten Ungleichheiten in eingebildeten Entitäten, Rassen genannt, ausging. Doch im Gegensatz zu anderen Institutionen enthält Wissenschaft die Methodik, mit der Zeit die eigenen Fehler zu korrigieren."Literary Hub (USA), 30.11.2020
Buzzfeed (USA), 14.12.2020
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