Magazinrundschau

In diesem Moment lebendig

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
05.09.2017. Robert Rauschenberg dachte nie verkehrt rum - mit einer Ausnahme, lernt The Nation. Im Guardian versucht Hilary Mantel Prinzessin Diana zu verstehen. Die London Review zeichnet ein durch und durch unsympathisches Bild Saudi-Arabiens. Je reicher, desto separatistischer, stellt Javier Cercas mit Blick auf die Katalanen fest. Die LA Review of Books lernt den Klassenkampf von unten im neuen "Planet der Affen"-Film. In Eurozine fragt Marci Shore: Ist Derrida schuld an Trump und Putin?

The Nation (USA), 11.09.2017


Robert Rauschenberg, Ausstellungsansicht. Bild: Moma

In der aktuellen Ausgabe von The Nation schaut Barry Schwabsky in der Robert-Rauschenberg-Retrospektive im Museum of Modern Art in New York vorbei und erklärt Rauschenberg zum Kubisten: "Die Wahrheit ist, in seiner Malerei und den Drucken ist es Rauschenberg nie wirklich gelungen, der kubistischen Ordnung zu entkommen. So unterschiedlich sein Material auch sein konnte, er arrangierte es stets in einer sorgfältig ausbalancierten Weise, geleitet durch ein zugrundeliegendes Raster. Vergessen wir lieber die Vorstellung des Kritikers Leo Steinberg, Rauschenberg hätte eine neue Art 'Flachbett-Bildebene' erfunden, die die natürliche visuelle Erfahrung und den Orientierungssinn des Betrachters ignoriert. Es ist erkennbar und vielsagend, dass Rauschenberg in sämtlichen seiner Werke, von den 1950ern bis zu den in der Schau zu sehenden letzten Bildern von 2005, sein Material nahezu niemals verkehrt herum, seitwärts oder diagonal verwendet. Stets respektiert er die gegebene Ausrichtung des gefundenen Bildmaterials. Einzige Ausnahme: Straßenschilder. Mit anderen Worten: Wenn Rauschenberg die Richtung gewiesen wird, zieht er es vor, sich zu widersetzen. In allen anderen Fällen folgt er glücklich der vorgegebenen Ordnung."

Außerdem: Jesse McCarthy liest Mathias Énards "Kompass", Steph Burt hört das neue Album von Lorde.
Archiv: The Nation

Slate.fr (Frankreich), 03.09.2017

Vor dem Hintergrund der amerikanischen Auseinandersetzungen um das Denkmal von General Lee fragt sich Slate.fr, ob Standbilder eigentlich "Blut and den Händen" haben können. Zur Klärung dieser Frage, nimmt Antoine Bourguilleau einmal französische Straßenschilder und Statuen in den Blick, die die Namen von "Schindern" tragen. Natürlich sei es besser, Straßen, Avenues und Plätze nach untadeligen Leuten zu benennen und nur Standbilder von solchen mit weißer Weste aufzustellen. "Aber die unlösbare Frage lautet wie immer: Wer entscheidet darüber? In wessen Namen und auf welcher Grundlage? Karl der Große hat die Sachsen niedergemetzelt. Ludwig XIV. hat die Pfalz verwüstet. Danton war pflichtvergessen. Napoleon hat einen Staatsstreich verübt (und die Sklaverei wiedereingeführt) … Beaumarchais war Waffenhändler, genau wie Rimbaud … Sie alle haben ein Standbild in Paris und unsere Präsidenten verneigen sich ab und zu davor. Man wünschte sich wirklich den Mut, die Statuen durch ehrbare Persönlichkeiten ohne Schattenseiten zu ersetzen. Die Liste droht kurz zu werden."
Archiv: Slate.fr

Guardian (UK), 04.09.2017

25 Jahre nach Dianas Tod versucht sich Autorin Hilary Mantel noch immer ein Bild von der Prinzessinnen-Ikone zu machen, Mythos und Wirklichkeit unter einen Hut zu bringen: Glaubte Diana, mit Delphinen zu schwimmen, als sie unter die Haie geriet?  "Nach der Hochzeit besaß sie eine Macht, die sie sich nicht hatte vorstellen können. Sie hatte Anbetung erwartet, aber im Privaten: Von ihrem Prinz bewundert werden, von ihren Untertanen respektiert und geachtet. Sie ahnte nicht, wie unersättlich die Öffentlichkeit werden würde, wenn der Hunger nach ihr erst einmal durch die Medien und ihr eigenes Taktieren angestachelt sein würde. In ihren Kreisen gab es niemanden, der einen verlässlichen Draht zur Wirklichkeit hatte - nur Leute, die durch Berufung Fantasten waren, das Sentiment hochhielten, die infantilen Bedürfnissen des Landes ausbeuteten und Geschichte gleichsetzen mit der Geschichte einiger adliger Familien. Sie wusste genau, wie sie in die Rolle der Prinzessin passte und wie wenig in jede andere. Aber sie besaß kein Gespür für die reelle Geschichte, in die sie nun eingebettet war oder die Wucht jener Kräfte, die sie in Bewegung setzte. Zunächst sagte sie noch, sie habe Angst vor den Menschenmengen, die sich versammelten, um sie zu bewundern. Dann begann sie, sie zu füttern."

Salman Rushdies neuer Roman "The Golden House" beginnt mit der Ära Obama und endet mit Donald Trump. Im Gespräch mit Emma Brockes muss Rushdie gestehen, dass die politische Katastrophe literarisch sehr ergiebig ist. Allerdings sieht Rushdie in Trump weniger Grund als Symptom für die Krise, wie Brockes lernt: "Durch die Verortung des Romans in den Jahren vor Trump, schuf er nicht nur eine Elegie auf Präsident Obama, sondern zeigt gleichzeitig, dass Trump nicht einfach aus einem Vakuum entstanden ist. 'Einer der Gründe, warum ich dieses Buch schreiben konnte, war der, dass vieles von dem, was Trump verkörpert und entfesselt hat, bei genauem Hinsehen, schon vor ihm da war, etwas, was auch bei seiner Niederlage nicht zerstört worden wäre. Wenn man einmal den Korken aus der Flasche zieht, fliegen die Dinge nach draußen."
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Archiv: Guardian

Merkur (Deutschland), 01.09.2017

Nur die großen Kulturdenkmäler lässt der Islamische Staat offentlichkeitswirksam zerstören, noch mehr Artefakte vertickt er gewinnträchtig auf dem internationalen Kunstmarkt, schreibt Steffen Groß. Dass jetzt immer mehr Staaten diese von modernen "Monument Men" oder Kultur-Blauhelmen schützen lassen wollen, liegt daran, dass dem Markt selbst mit strengeren Regeln nicht beizukommen ist: "Die Gewinnspannen, die im illegalen Handel mit Antiken realisiert werden, sind exorbitant. Zwischen den Beträgen, die den Raubgräbern vor Ort von der untersten Ebene der Zwischenhändler gezahlt werden, und den Endpreisen liegen leicht einige tausend Prozent. Laut Unesco, Interpol und Scotland Yard beträgt der Umsatz des illegalen Handels mit Kulturgütern jährlich weltweit sechs bis acht Milliarden Dollar. Der Markt ist damit nach dem illegalen Waffen- und dem Drogenhandel dem Volumen nach der drittgrößte."

Außerdem: Stefan Krankenhagen wirft einen Blick ins House of European History.
Archiv: Merkur
Stichwörter: Illegaler Kunsthandel

New Yorker (USA), 11.09.2017

In der aktuellen Ausgabe des Magazins (mit dem Titelbild von Chris Ware) erklärt der Mediziner Siddhartha Mukherjee die Fortschritte auf dem Gebiet der Krebsforschung. Die Chancen, einen Tumor früh zu erkennen, sind gestiegen, aber gilt das auch die Möglichkeiten, seine Bösartigkeit bestimmen zu können? "Wie Muscheln wächst Krebs am besten in wesensverwandten Habitaten. Und wie Muscheln kann der Krebs Mikroumgebungen erschaffen, die ihm helfen, Angreifer abzuwehren. Keim-Therapien töten die Zellen selbst, Nährboden-Therapien dagegen verändern das Habit … Indem wir die genetischen Marker und die Immunzell-Komposition des Patienten untersuchen, können wir lernen, welche Patientengruppe besonders empfänglich für oder resistent gegen bestimmte Krebsarten ist und können einschätzen, wer eine besonders wirkungsstarke Behandlung braucht. Außerdem können wir etwas über das Wie der Behandlung erfahren. Ob und wie das immunologische und histologische Profil eines betroffenen  Patienten verändert werden muss, um es wie ein resistentes erscheinen zu lassen."

Außerdem: Alexis Okeowo berichtet vom Kampf der Frauen-Basketballliga in Mogadishu gegen die Einschüchterungsversuche der Extremisten. Rachel Aviv dokumentiert den Fall des muslimischen Polizisten Bobby Hadid, den das New York Police Department erst beförderte und dann entließ, weil er Polizeimethoden kritisiert hatte. Lesen dürfen wir außerdem Allegra Goodmans Geschichte "F.A.Q.s".
Archiv: New Yorker

iDNES (Tschechien), 03.09.2017

Auf dem diesjährigen Filmfestival von Venedig wird in der Sektion "Venice Classics" der digital restaurierte Filmerstling von Miloš Forman von 1964 gezeigt, "Černý Petr" (Der Schwarze Peter, Trailer). Die Tragikomödie um einen Sechzehnjährigen, der seine erste Anstellung erhält (als Aufpasser im Selbstbedienungsladen) und mit der Scheinheiligkeit der Erwachsenenwelt konfrontiert wird, begründete die Tschechoslowakische Neue Welle. Ein Film, der laut Kritikerin Mirka Spáčilová den Blick aufs Erwachsenwerden veränderte, von der sozialistischen Lyrik hin zur Skepsis einer Generation, und damit auch ein subversives Element hatte. Forman arbeitete damals mit Improvisation, fast dokumentarisch und mit äußerst niedrigem Budget, erzählt Spáčilová. "Es heißt, dass etwa für die große Szene der Tanzveranstaltung Formans Team sich das Geld für Statisten sparte, indem sie im Stadion von Kolín eine Band auftreten ließen, auf ein Plakat 'Freier Eintritt' schrieben und dann mit den Leuten drehten, die unter dem Versprechen eines kostenlosen Tanzvergnügens eingetrudelt kamen." (Bei der Restaurierungsarbeit wurde übrigens eine bisher unbekannte Szene entdeckt, die als Extramaterial auf der dazu erscheinenden DVD veröffentlicht wird.)
Archiv: iDNES

London Review of Books (UK), 07.09.2017

Um kein anderes Land buhlen die USA, aber auch Britannien so wie um Saudi-Arabien, das Malise Ruthven in einem langen Report von allen Seiten beleuchtet. Eine scheint ihm abstoßender als die andere: Die Hinrichtungen, das politische Zwangssystem, die Gier der zweitausendköpfigen Königsfamilie, die Entmachtung des tablettensüchtigen Kronprinzen (ihm wurden alle Handys abgenommen) oder die Las-Vegas-Ökonomie in Mekka. Besonders grauenvoll findet Ruthven jedoch die Brutalität, mit der die Sturmtruppen des Wahhabismus - die Ikhwan, die einst Ibn Saud und seine Familie an die Macht brachten - das Land im Griff halten: Rund vierhunderttausend Menschen wurden in den Anfangsjahren des saudischen Staates von den Ikhwan ermordet, schreibt Ruthven. "Heute wird im Königreich die wahhabitische Doktrin von einer fünftausend Mann starken Religionspolizei - der Muttawa - durchgesetzt, die der 'Behörde für die Verbreitung von Tugendhaftigkeit und Verhinderung von Lastern' untersteht. Diese religiösen Schlägertrupps, institutionelle Nachfahren der Ikhwan, patrouillieren in ihren teuren weißen SUVs, setzen Gebetszeiten, Kleidervorschriften, Musikverbote und die Geschlechtertrennung durch und verbieten alle nicht-wahhabitischen Formen religiöser Anbetung. Selbst als die Muttawa 2002 international Schande über sich brachten - als sie fünfzehn Schulmädchen daran hinderten, ein brennendes Gebäude zu verlassen, so dass sie bei lebendigem Leib verbrannten - führte das nicht zu ihrer Auflösung, obwohl MBS versprochen hatte, ihre Macht zu beschneiden. Ausländern zufolge, die außerhalb privilegierter Expat-Kolonien wie der Aramco-Stadt Dhahran leben, herrscht überall im Land Angst."

"Es wäre leichter, mit Charles zu fühlen, wenn er sich selbst nicht so offensichtlich bemitleiden würde", schreibt Rosemary Hill recht erbarmungslos zu einer neuen Biografien des ewigen Kronprinzen. Tatsächlich erzählt sie recht schreckliche Episoden aus einem beklagenswerten Leben: "Er war ein seltsamer Junge, der weder nach seinem schroffen Vater schlug noch nach seiner pragmatischen, pflichtbewussten, aber distanzierten Mutter. Schon mit acht Jahren war er vor allem darum bemüht, das Richtige zu tun: Bei einem Lunch mit den Mountbattens erklärte ihm Edwina Mountbatten, dass er nicht die Stiele aus den Erdbeeren rupfen sollte, dann könnte er sie besser in den Zucker tunken. Seine Cousine Pamela Hicks bemerkte einige Minuten später dass 'der arme Junge versuchte, die Stiele zurück an die Erdbeeren zu stecken. Das war furchtbar traurig.' Traurig ist ein Wort, das oft auf den Prinz von Wales angewandt wird, mit jeder denkbaren Nuance von Mitgefühl bis Verachtung."

Weiteres: Colm Toibin schiebt sich mit den Touristenmassen durch Barcelona. Adam Shatz schreibt über Trump. Und Amia Srinivasan überlegt, wie es ist, ein Oktopus zu sein.

El Pais Semanal (Spanien), 02.09.2017

"Je wohlhabender, desto separatistischer", bilanziert der Autor Javier Cercas erbittert die Ergebnisse einer neuen Umfrage des staatlichen katalanischen Meinungsforschungsinstituts: "Die reichsten Wähler, mit einem Durchschnitts-Nettofamilieneinkommen von 2190 Euro, wählen die CUP - die antikapitalistische Pro-Unabhängigkeitspartei, die angeblich in der Tradition des katalanischen Anarchismus steht, aber die katalanische Regierung mitträgt; die zweitreichsten, mit 2175, wählen Junts pel Sí - die Pro-Unabhängigkeitskoalition von Esquerra Republicana und PdCat; und die ärmsten, mit 1490 Euro, wählen PP, die gesamtspanische konservative Volkspartei (während die zweitärmsten, mit 1682 Euro, PSC wählen, den katalanischen Zweig der spanischen Sozialisten). Wie alle Umfrageergebnisse lassen sich auch diese vielfältig interpretieren, aber ein Punkt scheint mir eindeutig: Wie fast überall, wollen sich auch in Spanien die Reichen von den Armen trennen und nicht die Armen von den Reichen - wir reichen Katalanen wollen uns von den Armen aus der Extremadura und aus Andalusien trennen, die faul sind und viel Geld ausgeben (und von den armen Katalanen wollen wir uns nicht trennen, weil wir das, zumindest vorläufig, nicht können). Das ist total normal, auch wenn es total ungerecht ist (aber wenn das linke Politik sein soll, bin ich der Erzbischof von Canterbury)."

Elet es Irodalom (Ungarn), 01.09.2017

Seit Wochen gibt es auf den Seiten der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom eine Debatte über die staatliche Literaturförderung (mehr hier). Nikolett Antal und Tamás Korpa, Vorsitzende des Bundes Junger Schriftsteller (FISZ), nehmen die neu gegründete staatliche "Karpaten Talentförderungsgesellschaft" (KMTG) unter die Lupe, die junge Autoren fördern soll: "Nach der Nachricht über die Gründung der KMTG verfassten über 60 junge Schriftsteller eine Stellungnahme zum Schutz der Profession. Als die KMTG dies sah, begann sie sich auf Schüler der Oberstufen und Erstsemester bei den höheren Bildungsinstitutionen zu konzentrieren: auf die 18- bis 22-Jährigen. Es wurden jene eingebunden, die zum größten Teil aus eigener Kraft noch nicht bis zum Publizieren bei niveauvollen Zeitschriften gelangen konnten und von denen auch langfristig ein großer Teil höchstwahrscheinlich nicht Schriftsteller oder Literaturwissenschaftler wird. Mit der KMTG-Mitgliedschaft wurden sie jedoch Angehörige einer offiziellen Organisation, mit ernsthaften Erwartungen und Chancen, mit ernsthafter Aufmerksamkeit, Leistungs- und Beweisdruck und wohl mit ernsthafter Gruppenidentität. Unsere Frage lautet daher: Werden bei zahlreichen jungen Menschen durch die Schriftstellerakademie falsche Hoffnungen geweckt? Und parallel dazu: Darf die KMTG für die eigene Legitimierung junge Menschen mit unterschiedlichen Talenten und Motivationen benutzen?"

Ádám Gaborják, der Vorsitzende des József-Attila-Kreises (JAK) - nach dem ungarischen Dichter Attila József benannter Literaturkreis innerhalb des Ungarischen Schriftstellerverbandes - denkt dagegen schon über die Zeiten nach der KMTG nach: "Von innen betrachtet ist die Literatur noch immer ein hierarchischer, zentralisierter Intellektuellendiskurs. Sie wagt sich selten aus ihrem eigenen (groß)städtischen Milieu hinaus. Die Übermittlung hört im besseren Falle in den größeren Siedlungen auf, in die ärmeren Regionen gelangt sie überhaupt nicht, in der Schulbildung ist sie gerade halbwegs erkennbar. Was würde die zeitgenössische Literatur dort auch suchen, was könnte sie dort bieten, wenn sie in den meisten Fällen kaum etwas über diese Gegenden sagen kann und deren Bewohnern auch nichts zu sagen hat. Auch wenn es erfolgreiche Initiativen seitens der Schriftstellerverbände gibt, ist die zeitgenössische Literatur ziemlich begrenzt, sie wird nie Teil der täglichen gemeinschaftlichen Praktiken, solange sie auf der Ebene der Ästhetik verbleibt und es ihr nicht gelingt, sich als Teil eines größeren Systems zu denken."

LA Review of Books (USA), 26.08.2017

Wenn das mit dem Klassenkampf von unten mal wieder etwas werden soll, bräuchte es dringend Geschichten, die wieder vom revolutionären Subjekt und dem Pathos des Moments der Gelegenheit erzählen, mahnt Dan Hassler-Forest. Umso beglückter ist er vom neuen Science-Fiction-Film "Planet der Affen: Survival", den er allen Genossen nur wärmstens ans Herz legen kann: "Man könnte mit gutem Grund sagen, dass die charismatischen, moralisch gefestigten und von Grund auf sympathischen Affen einen Identifikationspunkt bieten, der es dem privilegierten Publikum des Films gestattet, Empathie mit menschlichen Körpern zu entwickeln, denen die Menschlichkeit von den Machthabern abgesprochen wird. Zwar haben die 'Affen'-Filme wenig Interesse daran, die radikale Andersartigkeit einer fortgeschrittenen Primatengesellschaft im Gegensatz zu unserer zu erkunden. Dennoch machen die Filme regen Gebrauch von den Affen als jene Figur, die Giorgio Agamben als Homo Sacer beschrieben hat: jene, die mit Gewalt ausgeschlossen werden aus der Gesellschaft und auf verschiedene Weise gebrandmarkt werden - als Flüchtlinge, Terroristen, Immigranten ohne Papiere, uneinstellbare Arbeiter, sexuell 'Deviante' undsoweiter. Mittels eines Rückgriffs auf Science-Fiction-Tropen und das Erbe eines Genreklassikers reflektieren die neuen 'Affen'-Filme die Krise der Linken in diesem Zeitalter der Impotenz, während sie zugleich auch einige der Möglichkeiten erkunden, die durch revolutionäre Aktion eröffnet werden." In diesem Sinne:


Eurozine (Österreich), 01.09.2017

Unter dem großartigen Titel "A Pre-history of Post-truth, East and West" stellt die Ideenhistorikerin Marci Shore die Frage, die sich alle Intellektuellen stellen: Ist Jacques Derrida schuld an Wladimir Putin und Donald Trump? Ist aus der Untergrabung behaupteter Wahrheiten - etwa dass es einen Gott gibt oder andere "große Erzählungen" - zu schließen, dass es keine Wahrheit gibt und gibt dies Regimen wie dem Putinismus die Lizenz zu "alternativen Fakten"? Shore plädiert für einen Rückbezug auf die großen Texte der osteuropäischen Dissidenz, etwa Vaclav Havels "Versuch, in der Wahrheit zu leben". Dort gibt es die Erzählung vom Gemüsehändler, der jeden Morgen ein Schild mit sozialistischen Parolen in sein Schaufenster hängt, obwohl niemand mehr dran glaubt, auch die Herren nicht, die es von ihm verlangen. Die Lüge, in der er lebt, ist, dass er glaubt, an diesem Lügengebäude des Sozialismus nichts verändern zu können, schreibt Shore. Und wichtiger: "Das er in einer Lüge lebt, dass alle in der Lüge leben, kann die Wahrheit nicht vertreiben - so insistiert Havel -, sondern demoralisiert nur die Person, die ein unechtes Leben lebt. Havels Behauptung widersteht der postmodernen Wende: keine Propaganda, kein blindes Ritual, kein 'böser Glaube' kann die ontologisch reale Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit aufheben."
Archiv: Eurozine

Caravan (Indien), 31.08.2017

Omkar Khandekar führt uns durch die deprimierende jüngste Geschichte der Malediven, die Präsident Abdulla Yameen praktisch in eine Diktatur verwandelt hat. Die Angst und die Korruption haben inzwischen auch die demokratische Gegenbewegung infiltriert: "Alle, mit denen ich gesprochen habe, stimmten überein, dass die Malediven in eine Diktatur zurückgefallen sind. Ungesagt blieb dabei, dass sich jene, die gegen das Regime aufstehen, stark verändert haben, seit Yameen an die Macht kam. Die Opposition ist gewachsen und ein großes Problem für die gegenwärtige Regierung. Aber um zu diesem Punkt zu kommen, mussten mehr und mehr Mitglieder der alten Garde aufgenommen und wenig demokratische Mittel angewendet werden, um die Nemesis zu vertreiben. Die Opposition umfasst jetzt auch eine Reihe widerstreitender Interessen und Machtzentren, die die Einheit gefährden könnten - als dissidente Kraft oder, sollte Yameen fallen, als regierende."
Archiv: Caravan
Stichwörter: Malediven

168 ora (Ungarn), 29.08.2017

Der Historiker und Politologe Ádám Paár vom Institut "Méltányosság" denkt im Interview mit 168 óra über verschiedene Formen von Populismus nach und wie sich eine Gesellschaft dagegen wappnen kann: "Die Gefahr eines unkontrollierten Ausuferns des Populismus ist dort geringer, wo eine Art freiwillige Loyalität zum Staat und seinen Repräsentanten besteht, wo es unterschiedliche institutionelle Pfeiler und Bremsen der Macht zwischen dem Staat und den lokalen Gemeinschaften gibt. Populismus funktionierte in den föderalen USA gut und wirkte sich auf den New Deal aus. In Ungarn lernen wir dagegen die Demokratie noch immer. Darum hoffen wir an unserem Institut weniger auf eine andere politische Richtung, als auf die staatsbürgerliche Erziehung. Nur der verantwortliche, sich selbst verwaltende Bürger ist in der Lage, das Gleichgewicht zwischen Volkssouveränität und Technokratie zu halten und dem extremen Populismus und extremen Elitismus - mit den Mitteln des Rechtsstaates - Einhalt zu gebieten."
Archiv: 168 ora
Stichwörter: Adam Paar, Ungarn, Populismus

New York Review of Books (USA), 28.09.2017

Rei Kawakubo for Comme des Garçons. Blood and Roses, spring/summer 2015; MoMA, Courtesy of Comme des Garçons. Photograph by © Paolo Roversi
Die Rei-Kawakubo-Ausstellung im Moma ist bei uns schon mehrere Male vorgekommen. Trotzdem sollte man unbedingt noch David Salles Text zur Ausstellung lesen, der mit Abstand der beste ist. Das japanische No-Theater ist für Salle erster Anknüpfungspunkt für eine Annäherung an die japanische Modedesignerin, deren erstaunliche Kleidung künstlerische Einflüsse von überall her spielend aufnimmt, zerlegt, auf den Kopf stellt bis sie ganz neu vor einem erstehen. Den "Frank Gehry des Stoffs", nennt Salle sie einmal und ein andermal - noch besser - den "Arcimboldo des Stoffs". Aber am Ende kommt es nicht darauf an, was sie nimmt, sondern was sie daraus macht: "Es gibt eine Art von Kunsterfahrung, die unsere Reaktionen voraussieht und, darüber hinaus, unsere Sehnsucht nach einem bestimmten Gefühl, vor allem dem, zu einem verfeinerteren Ort gelangt zu sein. Die Kunst ist zuerst dort angekommen. Ja, denken wir, wie haben es vorher nicht bemerkt, aber so fühlt es sich an, in diesem Moment lebendig zu sein. Es mag ausgelöst werden durch eine überraschende Nebeneinanderstellung, den neuen Gebrauch eines alten Materials, kombiniert mit einem Griff zurück, einer rudimentären Erinnerung an eine fast verlorene klassische Vergangenheit. Das Gefühl ist kompliziert. Es kann einem den Magen umdrehen, wegen dem, was es von uns verlangt, oder schneidend sein, wenn es, sagen wir, mit einer Kombinierten Malerei von Rauschenberg verbunden ist."