Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 24.04.2018 - 168 ora

Der Dichter und Schriftsteller Lajos Parti Nagy meldet sich nach Jahren mit einem neuen Gedichtband zurück. Warum es so lange gedauert hat, erklärt er im Gespräch mit Zsuzsanna Sándor: "Dichtung kann Medizin sein: Hinterland, Freiheitsgelände. Ich mache nicht die Welt für meine Gefühlslage verantwortlich, dennoch ist es kein Zufall, dass mein Gedichtband gerade jetzt fertig wurde. Nach den Wahlen von 2014 schloss ich die 'Ungarischen Märchen' ab, die ich drei Jahre lang wöchentlich in Élet és Irodalom veröffentlicht hattee. Ich hatte genug vom öffentlich-politischen Leben und von mir selbst. Ich war gesättigt. Was ich sagen wollte, hatte ich bereits tausendfach gesagt, mir war langweilig. Ich konnte nichts Neues, vor allem aber nichts Kluges sagen. Im Großen und Ganzen empfand ich, was ich auch heute empfinde: Ohnmacht. 2016 begann ich mit dem Gedichtband, zwei Jahre dauerte die Arbeit, genauer gesagt wusste ich, dass ich danach aufhöre. Dichtung ist eine Arbeit, die nicht abgeschlossen werden kann, jedoch kann man damit gut aufhören. Ich nahm mir die Freiheit, mich mit dem zu beschäftigen, was mir am wichtigsten ist. Und das ist auch in unserer Zunft nicht selbstverständlich. Wenn ich vom Schreiben lebe, muss ich oft viele Arbeiten annehmen, die ich zwar gerne tue, die mir jedoch sonst niemals in den Sinn kämen - wie Theaterstücke schreiben oder übersetzen."
Stichwörter: Lajos Parti Nagy

Magazinrundschau vom 06.03.2018 - 168 ora

Ungarn, so ein Traum nach der Wende, hätte das Zentrum der Region zwischen Istanbul und München werden können. Statt dessen zerfällt das Land, erklärt der Anthropologe und Ökonom Tamás Dávid-Barett und gibt im Interview mit Jozsef Barat einen Einblick in die Struktur der heutigen ungarischen Gesellschaft: "In England zum Beispiel gibt es wohl die Klassengesellschaft. Woher du kommst, bestimmt darüber, was du denkst, wer du bist, welche Wörter du verwendest und am allerwichtigsten: wer deine Freunde sind. Die ungarische Gesellschaft ist ähnlich, nur dass sich die Klassen nicht horizontal ausbreiten, sondern vertikal. Sie besteht nicht aus Schichten, sondern aus Säulen. Es ist schwer, diese zu benennen, denn jede hat mindestens zwei Namen: einen, den die Mitlieder und einen, den die Außenstehenden verwenden. Es gibt die Sozialisten (oder die verrotteten Kommis); die National-Konservativen (oder die unverbesserlichen Nazis), die Liberalen (oder die stinkenden Juden) und die Roma (oder die diebischen Zigeuner). Das ist die Säulengesellschaft, bei der deine Säule darüber bestimmt was du denkst, wer du bist, was du über das Land denkst und wie du sprichst. Wie bei den Engländern ist es auch hier wichtig, wer deine Freunde sind, jedoch entstehen die Netzwerke nicht horizontal, sondern vertikal, in Form von Klientel-, Untertanen- und Vasallenbeziehungen."
Stichwörter: Tamas David-Barett, Ungarn

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - 168 ora

Der Schriftsteller György Spiró meint im Interview mit Zsuzsanna Sándor über die Rolle der Intellektuellen und das Ende der bürgerlichen Gesellschaft in Ungarn: "Bei uns endete die Entwicklung der bürgerlichen Mentalität seltsamer Weise mit dem Ende der Kádár-Ära, das heißt jene Mentalität, die zwar stetig abnahm, aber in gewisser Weise die Schrecklichkeiten des 20. Jahrhunderts erträglicher machte. Diese bürgerliche Mentalität beteuerte, dass es ethische und berufliche Normen gibt, welche auch ohne einen äußeren Zwang eingehalten werden. Es konnte geglaubt werden, dass anständige Arbeit einen Wert hat und mit der beruflichen Weiterbildung früher oder später auch ein Aufstieg möglich ist. Diese Werte gingen langsam verloren. Der mentale Zustand der Gesellschaft wird weiterhin dadurch beschädigt, dass sowohl die Ideen des Nationalsozialismus als auch des Bolschewismus zu ungarischen Traditionen wurden und sich miteinander verwoben. Wenn in Ungarn 'christlich' gesagt wird, dann bedeutet das seit den dreißiger Jahren 'nicht jüdisch'. 'Christentum' wurde zu einem rassistischen Begriff, was einer nationalen Katastrophe gleichkommt. 'Arm' bedeutet seit der Wende Zigeuner. 'Arm' wurde ebenfalls zum rassistischen Begriff. Etwas Schlimmeres hätte nicht passieren können."

Magazinrundschau vom 02.01.2018 - 168 ora

Der Schriftsteller Péter Nádas denkt im Neujahrsinterview über die Stadt Budapest und den schwierigen Prozess der Modernisierung in Ungarn nach: "Die Vielfältigkeit Budapests spiegelt die Brutalität der Stadt wider. Budapest wurde so gebaut, brutal. Es gibt sanfte und brutale Städte. New York ist brutal, Amsterdam zum Beispiel nicht. Budapest ist immer noch eine konfuse, aggressive Stadt. Das liegt daran, dass in den fünfziger Jahren ihre natürliche soziale Schichtung eliminiert und diese seitdem nicht wieder hergestellt wurde. Die Stadt hat keine Bürger, nur Einwohner. (...) Das tiefe Modernisierungsbedürfnis, welches die ungarische Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert kennzeichnet, war ohne Bürgerschaft nie ausführbar und so konnte keiner der Modernisierungsprozesse abgeschlossen werden. In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends erlitt die Modernisierung erneut, zum dritten Mal Schiffsbruch. (…) Sicherlich wollte sich eine Mehrheit der Staatsbürger und der politischen Parteien der Nato und später der Europäischen Union anschließen. Modernisierung aber bedarf vor allem des Kapitals und erfahrener Investoren. Ohne Bürger, die über Eigentum und Investitionserfahrung verfügen, kann nirgends eine lebensfähige liberale Demokratie aufgebaut werden. Und wenn es keine Demokraten gibt oder sie in der Minderheit sind, wird die Rechtsordnung der Demokratie zusammenbrechen."

Magazinrundschau vom 05.12.2017 - 168 ora

Vor kurzem erschien ein Erzählband des Schriftstellers Krisztián Grecsó ("Harminc év napsütés", Dreißig Jahre Sonnenschein, Magvető, Budapest 2017) - bisher das persönlichste Werk des aus der südöstlichen ungarischen Provinz stammenden Einundvierzigjährigen. Im Interview mit Eszter Herskovits spricht Grecsó aus diesem Anlass über die Zustände auf dem Lande und immer geringere Aufstiegsmöglichkeiten, wodurch die gesellschaftliche Mobilität zum Erliegen komme: "Das Kastensystem etabliert sich wieder. (...) Werfen wir einen Blick auf die Kinder auf den Elitegymnasien: über welche von Zuhause aus mitgebrachten Verhaltensmustern sie bereits verfügen müssen, auf die erwartete Kleidund und die Kosten für eine solche Erziehung. Innerhalb der Zeit von weniger als anderthalb Generationen, in den siebenundzwanzig Jahren seit der Wende, sind wir so abgerutscht, dass die durch Schriftsteller artikulierten gesellschaftlichen Ziele von vor hundert Jahren heute wieder aktuell sind."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - 168 ora

Auch Ungarn diskutiert sexuelle Übergriffe im Kunstbetrieb, nachdem die Schauspielerin Lilla Sárosdi öffentlich gemacht hat, dass sie vor einigen Jahren von Regisseur László Marton sexuell belästigt wurde. Als auch andere Frauen von ähnlichen Fällen berichteten, trat Marton von seinen Ämtern an der Hochschule für darstellende und Filmkünste zurück, das Budapester Vígtheater beurlaubte ihn als Generaldirektor. Es wurde aber auch bekannt, dass schon vor zwei Jahren ein Theater in Toronto die Zusammenarbeit mit Marton wegen ähnlicher Vorfälle beendet hatte. Im Doppel-Interview sprechen Lilla Sárosdi und ihr Mann, der Regisseur Árpád Schilling über die Vorfälle. Schilling etwa fordert mehr Konsequenz: "Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, dass die Täter nicht davon kommen. Die Taten sollen Konsequenzen haben. Das wollen wir doch, oder? Gleichzeitig müssen wir weitere Belästigungen verhindern. Ein Berufsanfänger - Tänzer oder Schauspieler - soll nicht damit rechnen müssen, dass ein mächtiger Direktor ihn oder sie schlagen oder belästigen kann... Die Zeit, in der einige nach Lust und Laune andere verunglimpfen können, ist vorbei. Sie muss vorbei sein! In Kanada ist László Marton aufgefallen, weil sein Opfer kein Problem damit hatte, den dortigen Direktor um Hilfe zu bitten. Hierzulande kommen wir nicht weiter, wenn wir lediglich immer weitere verdorbene Karotten aus der Erde ziehen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Karotten verderben."

Magazinrundschau vom 04.10.2017 - 168 ora

Der Schauspieler Gergely Bánki spricht im Interview mit Péter Cseri über die Aufgaben des Theaters in der heutigen Zeit: "Wir leben in aufregenden Zeiten. Das herrschende Regime machte die ungarische Gesellschaft zu einem Versuchslabor. Wir können Entwicklungen in Echtzeit studieren, die wir bisher nur aus Geschichtsbüchern kannten. Einerseits ist es bitter, andererseits ist es sehr inspirierend zu beobachten, wie ein neues System entsteht und wie die Menschen darauf reagieren. (...) Die Klassiker der Dramenliteratur sind alle solche Werke, die sehr scharf auf die Probleme ihrer Zeit reagierten. Man muss diese sich nur auf unserer Zeit reimen lassen. (...) Ich mag die feinen Verweise sehr, kann es aber nicht ausstehen, wenn sie den Zuschauer nicht erreichen. Gegenwärtig ist die Situation immer weniger fein und immer weniger differenziert. Eine Inszenierung muss sich dieser schwarz-weißen Welt anpassen. Sich zu bestimmten Werten zu bekennen und andere in Frage zu stellen, ist nicht Politisieren. Das ist die Grundaufgabe des Theaters."

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - 168 ora

Der Historiker und Politologe Ádám Paár vom Institut "Méltányosság" denkt im Interview mit 168 óra über verschiedene Formen von Populismus nach und wie sich eine Gesellschaft dagegen wappnen kann: "Die Gefahr eines unkontrollierten Ausuferns des Populismus ist dort geringer, wo eine Art freiwillige Loyalität zum Staat und seinen Repräsentanten besteht, wo es unterschiedliche institutionelle Pfeiler und Bremsen der Macht zwischen dem Staat und den lokalen Gemeinschaften gibt. Populismus funktionierte in den föderalen USA gut und wirkte sich auf den New Deal aus. In Ungarn lernen wir dagegen die Demokratie noch immer. Darum hoffen wir an unserem Institut weniger auf eine andere politische Richtung, als auf die staatsbürgerliche Erziehung. Nur der verantwortliche, sich selbst verwaltende Bürger ist in der Lage, das Gleichgewicht zwischen Volkssouveränität und Technokratie zu halten und dem extremen Populismus und extremen Elitismus - mit den Mitteln des Rechtsstaates - Einhalt zu gebieten."
Stichwörter: Adam Paar, Ungarn, Populismus

Magazinrundschau vom 04.07.2017 - 168 ora

Letzte Woche hatte Ministerpräsident Viktor Orban bei einer Erinnerungsveranstaltung an den Kultusminister Graf Kunó Klebesberg, den Reichsverweser und Hitler-Verbündeten Miklós Horthy als "Ausnahmestaatsmann" gefeiert (mehr dazu hier). Zwar wird Horthy in der ungarischen Rechten verehrt, doch eine offene Würdigung galt bislang als Tabu, nicht zuletzt wegen der Rolle Ungarns im Zweiten Weltkrieg und beim Holocaust. "Hat Orbán das Recht, Horthy als 'Ausnahmestaatsmann' zu bezeichnen", fragt Péter Cseri, ehemaliger Ressortleiter der eingestellten Tageszeitung Népszabadság: "Eigentlich spricht nur ein Argument dagegen: ein anständiger Politiker tut so etwas nicht. Er tut es nicht, weil es sich nicht gehört, die Stammwähler und einige tausend Jobbik-Sympathisanten mit einer Geste zufrieden zu stellen, die sehr viele Ungarn verletzt, beleidigt und verunglimpft. Es gehört sich nicht, die ohnehin loyale Gefolgschaft mit einem Griff zusammenzuziehen, bei dem sich gleichzeitig der Magen von Hunderttausenden umdreht. So etwas würde ein Ausnahmestaatsmann sicherlich nicht tun."

Magazinrundschau vom 30.05.2017 - 168 ora

Im Interview mit Sándor Szénási spricht der Dichter und Schriftsteller István Kemény über den stetigen Wechsel von Pathos und Ironie in der ungarischen Literatur: "In der Literatur gibt es, wie auch in der Geschichte oder der Mode, eine Pendelbewegung. Richtungen, Themen, Sprechweisen kommen und gehen und kehren dann wieder zurück. Das 'Denken in Volk und Nation' ist ein ebenso grundlegender Bestandteil der ungarischen Literatur wie das 'Denken in Subjekt und Prädikat'. Einfacher könnten wir auch von Romantik und Realismus sprechen, oder von Pathos und Ironie. In den Neunzigern überwog die Ironie in der ungarischen Literatur, doch es war vorprogrammiert, dass das Pathos und die Ernsthaftigkeit in irgendeiner Form wiederkehren werden. Ich denke, dass dies nach der Jahrtausendwende anfing. Pathos und Geschichtlichkeit wurden in den Neunzigern weltweit für einen Witz gehalten - siehe die Rede vom 'Ende der Geschichte'. Es war ein befreites Jahrzehnt, beinahe ein glückseliges, zumindest hier im Westen (oder im Beinahe-Westen) ... Seit dem Großputz der Neunziger sammelt sich der Dreck wieder, die Zukunft verdunkelt sich wieder und in der Literatur erhalten Pathos und das Erhabene eine immer größere Rolle."
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