Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 10.09.2019 - 168 ora

Im Interview mit Zsuzsanna Sandor spricht der Schriftsteller Pál Závada u.a. über die Stellung der Kultur vor der Wende und im gegenwärtigen Ungarn. "Im Kádár-System wurde die kulturpolitische Kategorie des Verbotenen zunehmend eingeengt und die des Geduldeten wurde ausgedehnt. Das Kádár-Regime schätzte das Talent und freuten sich wenn sie im Ausland stolz darüber berichten konnten, wie viele ausgezeichneten Filmemacher und Theaterschaffende, Komponisten und Schriftsteller, die auch internationale Beachtung fanden und Preise bekamen, hier arbeiteten. Man konnte damit angeben, dass auch in einem sozialistischen Land das Niveau der Kultur hoch sei. Doch das gegenwärtige System ist ganz anders. Heute hängt alles vom Willen eines einzigen Menschen ab, der denkt, dass er alles kann. Er hält alles für feindlich, was ohne seine Kontrolle, unabhängig und frei existieren möchte. Wie die wirkliche Kultur, die in dieser Situation nicht anders sein kann, als oppositionell. Heute kann die Staatsbibliothek aus der Burg verbannt, die Akademie der Wissenschaften zerschlagen, die Hochschulbildung, die unabhängigen und privaten Theater können kaputtgemacht werden. Wir können tausende Beispiele nennen. Alles, was in der ungarischen Kultur aufgebaut wurde, wird gegenwärtig mit einer solchen Geschwindigkeit zerstört, dass wir es kaum begreifen können."
Stichwörter: Ungarn, Zavada, Pal

Magazinrundschau vom 03.09.2019 - 168 ora

Am 19. August besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Feierlichkeiten zum 30 Jahrestag des "paneuropäischen Picknicks" im ungarischen Sopron. Ihre Rede wurde sowohl von der Regierungspresse als auch von Oppositionellen als Legitimierung des Orbán-Regimes bewertet. Ákos Tóth ist da etwas vorsichtiger: Merkel "enttäuschte alle, die hofften, dass die große Schwester all das löst, wozu Ungarn selbst unfähig ist. Das ist aber nicht ihre Aufgabe. (...) Der Skandal besteht nicht darin was Angela Merkel sagte oder nicht sagte, sondern darin was in allen Ansprachen nicht gesagt wurde. Nicht genannt wurden die Namen von Miklós Németh, damals Ministerpräsident, und Gyula Horn, damals Außenminister, die in der Tat Verdienste daran hatten, dass sich das paneuropäische Picknick vor dreißig Jahren so friedlich entwickelte. Sie hatten in der Tat etwas mit einer Entwicklung zu tun, über die Merkel sagte: 'Wir Deutschen erinnern uns mit großer Dankbarkeit an Ungarns Beitrag zur Überwindung der Teilung Europas und auch an Ungarns Beitrag zur Findung der Deutschen Einheit.' Der noch lebende Miklós Németh wurde nicht einmal eingeladen, als hätte er mit den Ereignissen nichts zu tun gehabt. (...). Die Orbán-Regierung bekräftigt so ihre Umschreibung der Geschichte, wonach der Held der Wende ausschließlich jener junge Mann war (nämlich Orbán selbst), der am Heldenplatz bei der Wiederbestattung von Imre Nagy in der Tat eine historische Rede hielt."

Magazinrundschau vom 16.07.2019 - 168 ora

Vor dreißig Jahren, am 6. Juli 1989, an dem Tag als das Oberste Gericht Ungarns den 1958 hingerichteten Imre Nagy (Ministerpräsident während der Revolution 1956) rehabilitierte, starb der seit 1956 regierende kommunistische Staatschef János Kádár. Zu seinem Begräbnis kamen wider Erwartung hunderttausende Menschen. Seit der ersten Regierung von Viktor Orbán (1998-2002) aber insbesondere seit 2010 wird Orbans System mit dem von János Kádár verglichen. Der Historiker und Biograf von Kádár, György Földes, hält eine Gleichsetzungen für falsch und begründet dies in einem Gespräch mit Attila Buják: "Es ist ein ziemlich oberflächlicher Gedankengang, die zwei Regime, das von Kádár und Orbán, miteinander parallel zu setzen. Diese Meinung teilte ich nie, es ist unfruchtbar und täuschend, die Orbán mit Kádár gleichzusetzen. Ich glaube ebenso wenig an die These vom 'Schafsvolk' oder an den Homo Kadaricus, der alle Veränderung über Epochen hinaus überlebt haben soll. Das gegenwärtige 'System der Nationalen Kooperation' ist eine neue Erscheinung. Weder die Korruption noch die gesellschaftlichen Ungleichheiten waren vergleichbar. Das System von Kádár war ein integrierendes Einparteiensystem, Orbáns System ist ein exkludierendes Mehrparteiensystem. Ich halte es weder für zielführend noch für wissenschaftlich fundiert, dreißig Jahre nach der Wende den Großteil der heutigen Probleme auf das kommunistische System zurückzuführen. Sowohl die antikommunistischen Liberalen als auch die Neokonservativen versuchen damit, von der eigenen Verantwortung abzulenken."
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Magazinrundschau vom 24.06.2019 - 168 ora

In seinem neuen Roman "Die Kugel, die Puschkin tötete" erkundet der ungarische Schriftsteller Gergely Péterfy die Ursprünge des heute tobenden Kulturkampfs. Im Interview mit Zsuzsanna Sándor gibt Péterfy einen Einblick in seine Überlegungen: "Nach dem 'Ausgestopften Barbar' fragten mich viele, in welcher Ära mein nächster historischer Roman spielen würde, ob wir eventuell ins 16. Jahrhundert zurückgingen. Doch ich würde mich sehr langweilen, wenn ich ähnliche Bücher in Serie schreiben müsste. Obwohl auch in diesem Buch eine historische Perspektive existiert, sind wir wesentlich näher an der Gegenwart: Es beginnt in den vierziger Jahren und endet Mitte der zweitausendzehner Jahre. Am meisten beschäftigte mich der Weg bis zur vollkommenen Aushöhlung der Werte, zur Zerstörung der Kultur… Metaphorisch drückt es aus, dass in Osteuropa versucht wird, die Intellektuellen und die Künste zu liquidieren … Denn die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte ist auch die Geschichte des großen Verrats. Traumatisierung und Frustration gehen beinahe immer mit einem moralischen Zusammenbruch einher."
Stichwörter: Peterfy, Gergely, Ungarn

Magazinrundschau vom 17.06.2019 - 168 ora

Der Theaterkritiker Győző Mátyás kommentiert bissig das Vorhaben der Regierung, die Forschungsinstitute der Ungarischen Akademie der Wissenschaften trotz nationaler und internationaler Proteste unter staatliche Kontrolle zu stellen: "Sicherlich hörten wir einige wirre Stimmen, die uns erklärten, wie wichtig es sei, dass Wissenschaft sich rechnet. Aber Wissenschaftler sagten dazu bereits, dass dies eine unprofessionelle Sichtweise ist. Und so rätseln alle, woher die Zerstörungswut kommt. Wir wissen, es geht darum, versprochene EU-Gelder für Forschung leichter veruntreuen zu können, denn ein zentrales Element des derzeitigen Systems ist das Abschöpfen. Und es geht wohl auch um die Zerstörung von Autonomie, das Abwürgen des kritischen Denkens. Wir haben dies bei der Central European University gesehen, wir sehen dies bei der Finanzierung von Theatern, bei der 'Umgestaltung' von literarischen Institutionen, eigentlich in fast allen Bereichen von Kultur und Wissenschaft. Und ebenfalls eine wichtige Rolle spielen wohl das Brechen des Widerstands und der Zwang zum Einlenken, zum Niederwerfen und zur Loyalität, damit man zeigen kann, wer der Stärkere sei. Oder nur ... weil. 'Wir zerstören, weil wir es können.' Um die Macht zu genießen. Sie kann ein sehr starkes Zeug sein."

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - 168 ora

Vor einem Jahr trat in Ungarn ein "Theaterförderungsgesetz" in Kraft, durch das unabhängige und private Theater ihre bisherigen Fördermöglichkeiten zum großen Teil (teilweise vollständig) verloren haben. Der Theaterkritiker und Publizist Győző Mátyás zieht schon mal Bilanz: "Es war vorherzusehen, dass die größten Verlierer der Veränderung des Theaterzuschusssystems die unabhängigen und privaten Theater sein werden. Für die illiberale Regierung stellt der unabhängige Intellektuelle, der eigenständige, freie Künstler eine Gefahrenquelle dar. Die Ordnungsregulierung der Theater dient genauso der Verstärkung der staatlichen Kontrolle wie die Aufhebung der Unabhängigkeit der Forschungsinstitute oder die Verpflichtung für Schriftsteller und literarische Organisationen, Mitglied in einer Dachorganisation werden zu müssen. (…) Und dennoch haben wir leider keinen Grund für eine Verurteilung, denn die Theaterkrise ist lediglich ein Spiegelbild einer moralisch auseinanderfallenden Gesellschaft."

Magazinrundschau vom 21.05.2019 - 168 ora

Am 12. Mai wurde die Philosophin Ágnes Heller 90 Jahre alt, zugleich ist der zur Frankfurter Buchmesse 2018 auf Deutsch vorgestellte Gesprächsband über ihr Leben mit Georg Hauptfeld - "Der Wert des Zufalls" - nun auch auf Ungarisch erschienen. Im Interview mitKatalin Dorogi analysiert Heller, frisch wie eh und je, die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation in Ungarn und in der Europäischen Union. "Fidesz - die ungarische Regierungspartei - ist rechtsradikal, dass wissen alle, die EVP auch. Bei der Entstehung der Massengesellschaft verlieren die traditionellen Parteien ihre Unterstützung. Die traditionellen Parteien waren Klassenparteien, doch heute gibt es keine Klassen mehr, denn die Armen sind keine Klasse. (…) Man wird sagen, dass ich eine marxistische alte Frau bin, aber Marx hatte hierbei Recht: ohne Bewusstsein gibt es keine Klasse. Die Armen als Klasse gibt es nicht. Die Armen werden sich nicht damit beschäftigen, dass es keine Armut mehr geben soll, sie beschäftigen sich damit, dass sie so schnell wie möglich etwas mehr haben und 'die Migranten nicht kommen'. (…) Das grundlegende Konfliktfeld in Europa sieht wie folgt aus: die ethnischen Nationalisten stehen auf der einen Seite und die, die auf irgendeiner Weise das Zusammenwachsen der europäischen Gemeinschaft haben möchten, sei als Union, sei es als föderaler Staat, auf der anderen Seite. Patriotismus ist kein Nationalismus, ich spreche vom ethnischen Nationalismus, der nahe beim Rassismus steht."

Magazinrundschau vom 22.01.2019 - 168 ora

Ende Januar findet in Budapest das internationale Dokumentarfilmfestival BIDF statt. Im Interview mit Zsuzsanna Sándor schildert Ágnes Sós, Filmproduzentin und Mitbegründerin des BIDF,  den schweren Stand des Dokumentarfilms in Ungarn. "Wir haben viele ausgezeichnete Regisseure, und einzelne Werke schaffen es regelmäßig zu den bedeutenden Festivals. Die Gattung findet aber bei uns keine Anerkennung. Jährlich werden mehrere hundert Millionen Euro für die Filmförderung ausgegeben, aber es werden lediglich ein bis zwei Dokumentarfilme gefördert. Das ist sehr wenig. Diese Werke werden entweder gar nicht in den Kinos gezeigt oder nur für eine sehr kurze Zeit, und damit bleiben sie kaum erreichbar für das hiesige Publikum. (…) Zusätzlich zur Förderung müssten die Fernsehsender eine Ausstrahlung zusichern, mit Sendedatum. Die staatlichen Sender zeigen jedoch praktisch keine Dokumentarfilme, obwohl dies ihre Pflicht wäre. (…) Bei der Entscheidung des Medienrates spielt nicht selten die ideologische Anpassung eine Rolle. Ein Dokumentarfilm zeigt die Wirklichkeit und die stimmt nicht unbedingt mit den Interessen der Macht überein. Oft hören wir, dass das ungarische Publikum an Dokumentarfilmen nicht interessiert sei, was sicherlich stimmt, da es ja keine sehen kann. Wir haben das BIDF ins Leben gerufen, damit sich dies ändert."

Magazinrundschau vom 15.01.2019 - 168 ora

Die anstehende Umgestaltung des Petőfi Literaturmuseums in Budapest (PIM), das auch als Literaturarchiv bedeutender Nachlässen dient, könnte nur eine temporäre Bedrohung darstellen, meint der Schriftsteller Gergely Péterfy. Gleichzeitig warnt er vor den Konsequenzen, sollte die Institution von der (noch nicht bestimmten) neuen Leitung parteipolitisch geführt werden: "Was als Kulturkampf bezeichnet wird, ist in der Wirklichkeit die Rache des mit staatlichen Geldern ausgestatteten, politisch loyalen Durchschnitts und der Dilettanten. (...) Das Literaturmuseum PIM kann umgestaltet werden, Lebenswerke können versenkt werden, es können Ausstellungen organisiert werden, die aus dieser Institution ein weiteres 'Haus des Terrors' machen. Und dann? Dann werden wir halt nicht mehr hingehen. Aber die Literatur könnte nur dann umgestaltet werden, wenn die Schriftsteller umgebracht oder vertrieben würden: jeder einzelne Schriftsteller, der nicht die Propagandatrompete von Orbán bläst. Oder wenn alle und alles gelöscht, ja selbst aus dem Internet entfernt werden würde, was dem Geist des Systems widerspricht, der Freimaurer Márai zum Beispiel oder Parti Nagy oder Márton Simon. (...) Von meiner Seite würde ich jeden Erben dazu aufrufen, dass er die an das PIM übertragenen Rechte seiner Vorfahren widerruft; ich würde mit dem Nachlass meines Urgroßvaters Lajos Áprily und meines Großvaters Zoltán Jékely so verfahren. Sicherlich würden wir eine ausländische Stiftung zur Aufbewahrung finden, solange dieser geistige Mongolensturm hier andauert."

Magazinrundschau vom 02.01.2019 - 168 ora

Der Lyriker und Dramatiker Balázs Szálinger spricht mit Sándor Szénási unter anderem über die Rolle der Intellektuellen im gegenwärtigen Ungarn. "Die Situation ist so, dass ich meine Meinung heute eher in Gedichten als in Erklärungen oder Online-Posts ausdrücke. Freilich gibt es Ausnahmen: etwa die Aktion von Virág Erdős vor dem Inkrafttreten des Obdachlosengesetzes, als fünfzig Schriftsteller und Dichter jeweils einen ihrer Sätze als Protest vor dem Parlament auf einem Transparent hoch hielten. Ich schrieb auch einen Satz. Aber es ist besser, wenn meine Positionierung innerhalb des literarischen Texts bleibt. Neben den in den Werken formulierten Dingen habe ich für den Leser eigentlich keine weiteren Botschaften, als Privatperson versuche ich mich zu benehmen und in Würde zu existieren."