Magazinrundschau - Archiv

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8 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 05.12.2017 - 168 ora

Vor kurzem erschien ein Erzählband des Schriftstellers Krisztián Grecsó ("Harminc év napsütés", Dreißig Jahre Sonnenschein, Magvető, Budapest 2017) - bisher das persönlichste Werk des aus der südöstlichen ungarischen Provinz stammenden Einundvierzigjährigen. Im Interview mit Eszter Herskovits spricht Grecsó aus diesem Anlass über die Zustände auf dem Lande und immer geringere Aufstiegsmöglichkeiten, wodurch die gesellschaftliche Mobilität zum Erliegen komme: "Das Kastensystem etabliert sich wieder. (...) Werfen wir einen Blick auf die Kinder auf den Elitegymnasien: über welche von Zuhause aus mitgebrachten Verhaltensmustern sie bereits verfügen müssen, auf die erwartete Kleidund und die Kosten für eine solche Erziehung. Innerhalb der Zeit von weniger als anderthalb Generationen, in den siebenundzwanzig Jahren seit der Wende, sind wir so abgerutscht, dass die durch Schriftsteller artikulierten gesellschaftlichen Ziele von vor hundert Jahren heute wieder aktuell sind."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - 168 ora

Auch Ungarn diskutiert sexuelle Übergriffe im Kunstbetrieb, nachdem die Schauspielerin Lilla Sárosdi öffentlich gemacht hat, dass sie vor einigen Jahren von Regisseur László Marton sexuell belästigt wurde. Als auch andere Frauen von ähnlichen Fällen berichteten, trat Marton von seinen Ämtern an der Hochschule für darstellende und Filmkünste zurück, das Budapester Vígtheater beurlaubte ihn als Generaldirektor. Es wurde aber auch bekannt, dass schon vor zwei Jahren ein Theater in Toronto die Zusammenarbeit mit Marton wegen ähnlicher Vorfälle beendet hatte. Im Doppel-Interview sprechen Lilla Sárosdi und ihr Mann, der Regisseur Árpád Schilling über die Vorfälle. Schilling etwa fordert mehr Konsequenz: "Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, dass die Täter nicht davon kommen. Die Taten sollen Konsequenzen haben. Das wollen wir doch, oder? Gleichzeitig müssen wir weitere Belästigungen verhindern. Ein Berufsanfänger - Tänzer oder Schauspieler - soll nicht damit rechnen müssen, dass ein mächtiger Direktor ihn oder sie schlagen oder belästigen kann... Die Zeit, in der einige nach Lust und Laune andere verunglimpfen können, ist vorbei. Sie muss vorbei sein! In Kanada ist László Marton aufgefallen, weil sein Opfer kein Problem damit hatte, den dortigen Direktor um Hilfe zu bitten. Hierzulande kommen wir nicht weiter, wenn wir lediglich immer weitere verdorbene Karotten aus der Erde ziehen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Karotten verderben."

Magazinrundschau vom 04.10.2017 - 168 ora

Der Schauspieler Gergely Bánki spricht im Interview mit Péter Cseri über die Aufgaben des Theaters in der heutigen Zeit: "Wir leben in aufregenden Zeiten. Das herrschende Regime machte die ungarische Gesellschaft zu einem Versuchslabor. Wir können Entwicklungen in Echtzeit studieren, die wir bisher nur aus Geschichtsbüchern kannten. Einerseits ist es bitter, andererseits ist es sehr inspirierend zu beobachten, wie ein neues System entsteht und wie die Menschen darauf reagieren. (...) Die Klassiker der Dramenliteratur sind alle solche Werke, die sehr scharf auf die Probleme ihrer Zeit reagierten. Man muss diese sich nur auf unserer Zeit reimen lassen. (...) Ich mag die feinen Verweise sehr, kann es aber nicht ausstehen, wenn sie den Zuschauer nicht erreichen. Gegenwärtig ist die Situation immer weniger fein und immer weniger differenziert. Eine Inszenierung muss sich dieser schwarz-weißen Welt anpassen. Sich zu bestimmten Werten zu bekennen und andere in Frage zu stellen, ist nicht Politisieren. Das ist die Grundaufgabe des Theaters."

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - 168 ora

Der Historiker und Politologe Ádám Paár vom Institut "Méltányosság" denkt im Interview mit 168 óra über verschiedene Formen von Populismus nach und wie sich eine Gesellschaft dagegen wappnen kann: "Die Gefahr eines unkontrollierten Ausuferns des Populismus ist dort geringer, wo eine Art freiwillige Loyalität zum Staat und seinen Repräsentanten besteht, wo es unterschiedliche institutionelle Pfeiler und Bremsen der Macht zwischen dem Staat und den lokalen Gemeinschaften gibt. Populismus funktionierte in den föderalen USA gut und wirkte sich auf den New Deal aus. In Ungarn lernen wir dagegen die Demokratie noch immer. Darum hoffen wir an unserem Institut weniger auf eine andere politische Richtung, als auf die staatsbürgerliche Erziehung. Nur der verantwortliche, sich selbst verwaltende Bürger ist in der Lage, das Gleichgewicht zwischen Volkssouveränität und Technokratie zu halten und dem extremen Populismus und extremen Elitismus - mit den Mitteln des Rechtsstaates - Einhalt zu gebieten."
Stichwörter: Adam Paar, Ungarn, Populismus

Magazinrundschau vom 04.07.2017 - 168 ora

Letzte Woche hatte Ministerpräsident Viktor Orban bei einer Erinnerungsveranstaltung an den Kultusminister Graf Kunó Klebesberg, den Reichsverweser und Hitler-Verbündeten Miklós Horthy als "Ausnahmestaatsmann" gefeiert (mehr dazu hier). Zwar wird Horthy in der ungarischen Rechten verehrt, doch eine offene Würdigung galt bislang als Tabu, nicht zuletzt wegen der Rolle Ungarns im Zweiten Weltkrieg und beim Holocaust. "Hat Orbán das Recht, Horthy als 'Ausnahmestaatsmann' zu bezeichnen", fragt Péter Cseri, ehemaliger Ressortleiter der eingestellten Tageszeitung Népszabadság: "Eigentlich spricht nur ein Argument dagegen: ein anständiger Politiker tut so etwas nicht. Er tut es nicht, weil es sich nicht gehört, die Stammwähler und einige tausend Jobbik-Sympathisanten mit einer Geste zufrieden zu stellen, die sehr viele Ungarn verletzt, beleidigt und verunglimpft. Es gehört sich nicht, die ohnehin loyale Gefolgschaft mit einem Griff zusammenzuziehen, bei dem sich gleichzeitig der Magen von Hunderttausenden umdreht. So etwas würde ein Ausnahmestaatsmann sicherlich nicht tun."

Magazinrundschau vom 30.05.2017 - 168 ora

Im Interview mit Sándor Szénási spricht der Dichter und Schriftsteller István Kemény über den stetigen Wechsel von Pathos und Ironie in der ungarischen Literatur: "In der Literatur gibt es, wie auch in der Geschichte oder der Mode, eine Pendelbewegung. Richtungen, Themen, Sprechweisen kommen und gehen und kehren dann wieder zurück. Das 'Denken in Volk und Nation' ist ein ebenso grundlegender Bestandteil der ungarischen Literatur wie das 'Denken in Subjekt und Prädikat'. Einfacher könnten wir auch von Romantik und Realismus sprechen, oder von Pathos und Ironie. In den Neunzigern überwog die Ironie in der ungarischen Literatur, doch es war vorprogrammiert, dass das Pathos und die Ernsthaftigkeit in irgendeiner Form wiederkehren werden. Ich denke, dass dies nach der Jahrtausendwende anfing. Pathos und Geschichtlichkeit wurden in den Neunzigern weltweit für einen Witz gehalten - siehe die Rede vom 'Ende der Geschichte'. Es war ein befreites Jahrzehnt, beinahe ein glückseliges, zumindest hier im Westen (oder im Beinahe-Westen) ... Seit dem Großputz der Neunziger sammelt sich der Dreck wieder, die Zukunft verdunkelt sich wieder und in der Literatur erhalten Pathos und das Erhabene eine immer größere Rolle."

Magazinrundschau vom 03.01.2017 - 168 ora

Die Entwicklungen in Ungarn nach 2010 werden von Publizisten oft mit mit der staatssozialistischen Kádár-Ära (1956-1989) verglichen. Der Historiker János M. Rainer hält diese Vergleiche im Gespräch mit Péter Cseri für wenig erkenntnisfördernd. Basierend auf internationale Studien rechnet er gleichzeitig mit dem gängigen Bild einer "herausragenden ungarischen Freiheitsliebe" ab: "Der Freiheitsdrang war in Wirklichkeit nie herausragend. Internationale vergleichende soziologische Studien zeigen, dass die Mehrheit der Ungarn Freiheit nie für wichtig hielt, so auch nicht um 1989 herum und auch nicht in den folgenden zwei Jahrzehnten. Der friedliche, konsensorientierte und elitäre ungarische Systemwechsel ermöglichte den Trugschluss, dass die ungarische Gesellschaft die Überzeugung der Eliten herzhaft unterstütze, wonach die Freiheit einen herausragenden Wert darstelle und wir im Rahmen der Demokratie eine funktionierende kapitalistische Wirtschaft erschaffen müssten. Doch das war nie so (...) Staatliche Fürsorge war den Ungarn stets näher als die Freiheit der Selbstverwirklichung. Jetzt sind wir soweit, dass die ungarische Gesellschaft nach noch mehr Sicherheit verlangt."
Stichwörter: Ungarn, Freiheit

Magazinrundschau vom 06.12.2016 - 168 ora

Nach der Einstellung von Népszabadság, der wichtigsten Stimme der ungarischen Opposition, bieten einige wenige, bisher eher marginale Wochenzeitungen wie 168 óra (168 Stunden) und Vasárnapi hírek (Sonntagsnachrichten) Intellektuellen, die zuvor im Wochenendmagazin von Népszabadság publizierten, ein Forum. So schreibt der Schriftsteller György Spiró in 168 óra über seine persönlichen Erinnerungen an Népszabadság. "Ich musste an mein Drama 'Quartett' denken. Da geht ein Arbeiter nach der Wende in die Bibliothek, um aus den alten Ausgaben von Népszabadság die wichtigen Artikeln handschriftlich zu kopieren, weil er überzeugt ist, dass alle Exemplare entfernt werden und nur seine Kopie übrigbleibt. Das Stück schrieb ich 1995. (...) Ich wusste genau, dass die Vergangenheit genau in dem Augenblick ausgelöscht wird, in dem jemand dazu in der Lage sein wird, und doch wollte ich davon keine Kenntnis nehmen: darum ist die Figur tragikomisch, nicht tragisch. Auch ich machte mir in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten Illusionen...  Népszabadság, deren Zeilen (und was dazwischen lag) wir so aufmerksam lasen, die aus der ungarischen Pressegeschichte und aus unserem Leben nicht wegzudenken ist, erwies sich als auslöschbar. (...) Die Anstrengungen von zweihundert Jahren gehen verloren, weil der Staat nicht das macht, was er sollte: die körperliche, seelische und geistige Unversehrtheit seiner Staatbürger zu beschützen."
Stichwörter: Nepszabadsag