Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 08.09.2020 - 168 ora

Tamás Somlymosi ist Intendant des Staatsballetts an der Ungarischen Staatsoper und steht immer wieder in der Kritik, weil er die Inszenierungen nicht öfter mit ungarischen Nachwuchstänzern besetzt. Im Interview mit Eszter Herskovits erklärt er, warum das nicht so einfach ist: "Wenn, sagen wir mal, Messi in irgendeiner ungarischen Fußballmannschaft spielen wollte, würden wir uns darüber nicht freuen? Um beim Ballett zu bleiben, wenn der Star des Moskauer Bolschoi bei uns tanzt, ist das schlecht? Wenn ein Tänzer aus einer Schule kommt, die als Hochburg des Balletts gilt, stärkt uns das auch hier (...) Als ich mich beim Staatlichen Ballettinstitut bewarb, wählte man aus tausend Jungen und zweitausend Mädchen jeweils zwölf aus. Wenn heute gleich welche Schule zum Probetanzen aufruft, freut man sich, wenn 50 bis 60 Kinder zusammenkommen. Es ist natürlich nicht sicher, dass alle fünfzig genommen werden und es ist bei weitem nicht sicher, dass all Angenommenen auch dabeibleiben. Aber es ist nicht das gleiche, ob man aus fünfzig oder aus tausend ein Talent aussucht. Es nicht angenehm für mich, in einer Abschlussaufführung zu sitzen, in der es keinen einzigen Jungen als Abschlusskandidaten gab. Wie soll ich da ungarische Jungen anheuern? Und selbst von den angeheuerten Mädchen haben die Hälfte ausländische Wurzeln. Als was zählen sie dann? Ein bisschen ausländisch oder sehr ausländisch? Oder wo ist das Problem?"
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 01.09.2020 - 168 ora

Im Interview mit Zsuzsanna Sándor spricht der Schriftsteller István Kerékgyártó unter anderem über die Verengung des kulturellen Raumes im gegenwärtigen Ungarn. "Sie ist auch spürbar durch die extrem rechte Verschiebung der Macht und die zunehmende gesellschaftliche Angst. Solche Angst gab es in den Achtzigern nicht mehr. Aber es ist sowieso schwierig, die zwei Äras miteinander zu vergleichen. Ich wurde 1953 geboren und - abgesehen von der Zeit nach 1956, als ich ein Kind war - spürte ich stets, dass ich zunehmend freier wurde. Der politische Druck nahm ab und immer mehr schwappte aus der kulturpolitischen Kategorie des Verbotenen in das Geduldete. In den letzten zehn Jahren jedoch ist der öffentliche Raum wesentlich geschrumpft und die Zentralisierung nahm zu. (...) Über mich wird nur noch in der abnehmenden Oppositionspresse berichtet. Darüber hinaus ist es so, als würde ich nicht existieren."
Stichwörter: Kerekgyarto, Istvan

Magazinrundschau vom 18.08.2020 - 168 ora

Der Direktor des Nationaltheaters Attila Vidnyánszky ist Vorsitzender der regierungsnahen Ungarischen Theatergesellschaft (eine Ansammlung von regierungsnahen Theaterregisseuren) sowie stellvertretender Rektor der Schauspieluniversität in Kaposvár und seit zwei Wochen Vorsitzender der Stiftung der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst. Durch diese beispiellose Machtkonzentration in der Theaterbranche ist eine staatlich anerkannte Schauspielausbildung ohne Vidnyánszky und damit ohne Regierungskontrolle nicht mehr möglich. Im Interview mit Zsuzsanna Sándor denkt der mehrfach ausgezeichnete Regisseur und ehemalige Lehrstuhlleiter der Schauspieluniversität Kaposvár János Mohácsi (entlassen durch Vidnyánszky nach der Übernahme des Instituts 2013) darüber nach, das Land zu verlassen: "Ich fühle mich nicht hilflos, sondern ich bin es. Wenn der rechtmäßig gewählte Rektor der Universität nicht ernannt wird, dann ist es so dermaßen rechtsverletzend, dass man sich danach über die nächsten unrechtmäßigen oder unethischen Entscheidungen nicht mehr wundern darf. (...) Auch ich habe Familie, ich möchte auch arbeiten und vielleicht kann ich es auch. Wenn aber hier in Ungarn meine Möglichkeiten entschwinden, dann muss ich die Konsequenzen ziehen."
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Magazinrundschau vom 25.08.2020 - 168 ora

Der Theaterkritiker Győző Mátyás widmet sich dem Phänomen, bei dem sich die Regierenden und Machthaber zumindest im Inland als Opfer internationaler Verschwörungen sowie deren einheimischer Handlanger darstellen, wie dies neulich bei Attila Vidnyánszky der Fall war, dem Direktor des Nationaltheaters, Vizerektor und Kuratoriumsvorsitzender der zwei in Ungarn existierenden staatlich anerkannten Schauspiel- und Filmkunstuniversitäten sowie Präsident der Ungarischen Theatergesellschaft: "Vidnyánszky bezichtigt einerseits einen bedeutenden Teil der Theaterbranche als Vaterlandsverräter, die Angst schnüren, andererseits zählt er seine eigenen Verletzungen und Verfolgungen auf. Auf das Letztere sollen wir besonders achten, denn es ist ein allgemeines Kennzeichen des politischen Kurses. Es gibt keinen Bereich in der Kultur oder in der Wissenschaft, dessen Institutionen das Regime nicht besetzt oder vernichtet hätte und doch ertönt aus diesen Machtpositionen heraus stets die Stimme der Verletzung, wonach hierzulande die Rechte das unschuldige Opfer der Tyrannei von liberalen, Angst und Schrecken verbreitenden Terrorbrigaden sei. Wir verstehen: Wenn sie wollen (und sie wollen!), können sie Zeitungen schließen (Népszabadság, Origo, Index), sie können eine Universität von internationalem Rang verbannen (CEU), das Netzwerk von Forschungsinstitutionen der Akademie oder die Hochburg der Künstlerausbildung besetzen, und sich dennoch andauernd beklagen. Was lächerlich und ungemein heuchlerisch ist, was aber aus einer Perspektive doch hoffen lässt, denn jene, die sie angeblich unterdrücken verfügen nur noch über eins: ihr Talent. Und damit können sie immer noch die in den Institutionen Thronenden übertreffen."

Magazinrundschau vom 28.07.2020 - 168 ora

Im Interview mit József Barát spricht der Maler und Musiker András Wahorn über das neue, hochdotierte Regierungsprogramm, mit dem die Popmusik "gesellschaftlich zugänglich gemacht" werden soll. Verantwortlicher für das Programm ist der Direktor des "Petőfi" Literaturmuseums. Kritiker sehen in dem Programm eine weitere Auszahlungsstelle für politisch loyale Künstler. "Popmusik kann sowohl Unterhaltung sein als auch Kunst. Es gibt auch in Serie produzierten Hochzeitsrock. Wir schauen, was jene leichte Harmonie ist, die viele lieben. Wir beobachten, worüber die Leute Lieder hören wollen. Was sollen wir sagen, welche Kleider sollen wir tragen? Wenn wir all dies zusammentun, können wir ein popmusikalisches Massenprodukt herstellen, in dem nicht Neues existiert. Das macht der staatliche Rundfunk mit den sechs Bands, die er hat. Wollen sie das "gesellschaftlich zugänglich machen"? Was für ein Blödsinn ist das denn? "Gesellschaftlich zugänglich gemacht" wird normalerweise die Oper und jene Genres, welche die Mehrheit der Leute nicht interessiert. Wenn die Popmusik auch "gesellschaftlich zugänglich gemacht werden soll", dann wird sie alles mögliche sein, nur nicht Popmusik. (...) Ich weiß, dass zur Kultur eines Landes auch die Oper gehört und dass viele die Oper lieben. In Ordnung, es soll die Oper unterstützt werden und auch Shakespeare. Doch dann sollen über die Dotierungen Gremien entscheiden, die die ungarische Gesellschaft abbilden und vertreten. Wenn die Nationalkultur aus Geldern der Nation gefördert wird, dann soll sich nicht die Regierungspartei selbst die Pläne zuschicken und sich die Gelder zustecken."

Magazinrundschau vom 14.07.2020 - 168 ora

Im Interview mit Zsuzsanna Sándor spricht der Schriftsteller und Dichter János Háy über den Schaffungsprozess und Überlegungen des Künstlers während des Schaffens. "Der Schriftsteller, der kein Unterhaltungsprodukt, sondern ein Kunstwerk erschaffen will, konzentriert sich während der Arbeit nicht darauf, wie viele Menschen wohl sein Buch später lesen werden. Er muss daran glauben, dass er in der Lage sein wird, das passende Wort zu schreiben, das im Satz genau an diese Stelle gehört. Es gibt hier keine Demokratie. In der Literatur gibt es das nicht, dass etwas so sein kann oder auch anders. Was hinterher mit dem Werk passiert, ist eine andere Frage. Aber der Erschaffer kann sich auch so entscheiden, dass er alles für sich behält. Von Emily Dickinson sind zwei oder drei Gedichte zu ihren Lebzeiten erschienen, die anderen hat sie nicht veröffentlicht. Van Gogh malte in der Überzeugung, dass niemand seine Bilder kaufen wird. Oder es gibt auch das Beispiel von Gyula Krúdy, der an die Spitze gelang und dann erleben musste, dass sich später niemand mehr für seine Schriften interessierte. Der Erfolg im bürgerlichen Sinne ist nicht Teil des Kunstwerks."

Magazinrundschau vom 02.06.2020 - 168 ora

Dass Viktor Orban den hundertsten Jahrestag des Vertrags von Trianon zur Stärkung des Nationalismus in Ungarn nutzt, ist bekannt. Auch auf Schriftsteller ist der Druck groß, nachdem die Regierung eine Unterstützung von Künstlern an die Produktion von Werken mit Trianon-Bezug knüpfte, erzählt der Lyriker und Schriftsteller Dénes Krusovszky: "Es hängt viel von den kommenden Monaten ab, was keine wirklich glückliche Situation ist, denn der Buchverkauf ist allgemein sehr flau im Sommer. Die zwei großen Handelsgruppen, Libri und Líra haben vielleicht genug Reserven, sodass sie diese Situation überbrücken können, den kleinen Verlagshäusern droht aber jetzt schon die Insolvenz. In dieser prekären Situation schließen die Schriftsteller entweder einen Kompromiss mit der Macht und schreiben zum Thema Trianon, was von ihnen erwartet wird, oder sie verzichten freiwillig auf staatliche Unterstützung. Das Problem aber ist, dass auch jene Medien gefährdet sind, mit denen sich Autoren traditionell übers Wasser halten: die Presse, insbesondere die gedruckte, ist in einer immer ernsteren Situation und Verlagshäuser haben zuerst das Veröffentlichen ausländischer Werke eingestellt. Das bedeutet, das es für die Schriftsteller weder journalistische noch übersetzerische Arbeiten gibt. (...) Diese Situation wird die existentiellen und moralischen Gegensätze innerhalb der Schriftstellergemeinschaft enorm verschärfen."

Magazinrundschau vom 14.04.2020 - 168 ora

Nach einem kurz vor Ostern in Kraft getretenen Gesetz verlieren die in öffentlichen Kultur-, Kunst- und Bildungseinrichtungen Beschäftigten ihren Status als öffentliche Angestellte. Csaba Csóti, Vorsitzende der Gewerkschaft für die Beschäftigten im Kultursektor (SzEF),  spricht im Interview mit Zsuzsa Sándor über die langfristigen Auswirkungen des Gesetzes auf die Kulturbranche. "In den Arbeitsbereichen der öffentlichen Sphäre ist Profit kein Ziel. In der Kulturszene werden wichtige öffentliche Bildungsaufträge erledigt, wozu allerding gewisse Bedingungen geschaffen werden müssen: so sollen die Institutionen für ihre Mitarbeitern langfristig Entwicklung wie professionelle Weiterbildung sicherstellen und eine Perspektive bieten. Dazu bedarf es der Kontinuität und Planbarkeit. (...) Das staatsbürgerliche Recht auf Bildung und Kultur steht auch im Grundgesetz, trotzdem dauert die Abwertung der Kultur seit Jahren an. Für die Regierung zählt die Kultur nicht als öffentliche Grundversorgung, sondern als Propagandawerkzeug."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 31.03.2020 - 168 ora

"In einer gesunden, normalen politischen Atmosphäre, könnte vielleicht tatsächlich so eine Ermächtigung erteilt werden", meint Győző Mátyás zu der neuen Notstandsregelung, "denn niemand würde sich fürchten, dass die Regierung sie missbraucht und ihre Macht dadurch ins Unbegrenzte wächst. Bei uns ist die Situation anders. Und da gibt es etwas, was schwerwiegender ist als die Kodifikationsprobleme, nämlich das Vertrauen. Die Regierung hätte ohne weiteres eine zeitliche Begrenzung einsetzen können, um zu deklarieren, dass sie sich über die Rechtsordnung setzen möchte. Die apokalyptische Vision, wonach dieses Gesetz das Gegenstück des deutschen Gesetzes von 1933 sei, halte ich für eine unbegründete Übertreibung. Doch dieser Regierung kann - aufgrund ihrer eigenen Praktiken - kein nüchterner Mensch trauen. Das Beharren auf eine zeitliche Begrenzung ist schon aus dem Grunde rechtens, weil der in Folge der Flüchtlingskrise verhängte Ausnahmezustand bis heute in Kraft ist, obwohl weit und breit keine Migranten zu sehen sind. Und wir wissen auch, dass dieses Regime die selbst erlassenen Gesetze nicht achtet - siehe das für die Central European University kreierte Spezialgesetz und dessen Verdrehung bis heute."

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - 168 ora

Der Schriftsteller und Literaturredakteur Krisztián Grecsó überlegt im Gespräch mit Zsuzsanna Sándor, ob Regierungsnähe bei der Bewertung eines Textes (etwa von einem Terey-Stipendiaten) eine Rolle spielen kann: "Ich halte es für ein großes Glück, ja eine göttliche Gnade, dass ich aus dieser ganzen Angelegenheit herausgefallen bin. Von Anfang an konnte man ahnen, dass aus dem Térey-Stipendium nur Streit entstehen würde, aber vielleicht war das gerade das Ziel. Es sorgte nur für Konflikte und dass sich Menschen verkrachten. … Als Redakteur beschäftige ich mich nicht damit, wer zu welchem Kreis oder welcher Institution gehört. Das muss ich als Ressortleiter ignorieren, es gibt nur gute oder schlechte Texte, es gibt keine regierungsnahe oder unabhängige Prosa. Jetzt bleibt uns nur zu retten, was noch zu retten gibt. Als größte Gefahr sehe ich, dass die Spannungen die existierenden Schriftstellerorganisationen aufspalten könnten, obwohl sie gebraucht werden. Sie sind wichtige Beschützer von Interessen und Rechten, ohne die die Schriftsteller endgültig alleine blieben und zu Freiwild würden. Man muss wieder lernen, miteinander zu reden."