Magazinrundschau

Wie die Wolke das Gewitter

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
29.08.2017. Die Boston Review erinnert daran, dass die größten Essayistinnen Kunst und Sentiment eisig auseinanderhielten. Im Guardian beschreibt Dina Nayeri, wie evangelikale Apokalyptiker den  USA die Zukunft rauben. Slate.fr sieht im Identitätsdenken multikulturelles und reaktionäres Dogma aufeinanderprallen. Elet es Irodalom beschwört Ungarns Schriftsteller, sich nicht mit staatlichen Stipendien kaufen zu lassen. Die New York Times bewundert die mühelose Eleganz des Roger Federer. Und in der LA Review of Books beteuert Alejandro Jodorowsky die Wahrhaftigkeit stilisierter Kunst.

Boston Review (USA), 28.08.2017

Merve Emre weiß nur zu gut, dass schon Virginia Woolf den Niedergang des Essays beklagte. Dennoch ärgert sich Emre sehr über den neuen Trend, die Bespiegelung des eigenen Ichs an die Stelle einer ästhetischen, ethischen oder politischen Haltung zu setzen. Als Gegengift (etwa zu den Essays von Durga Chew Bose) empfiehlt sie Mary Gaitskills "Somebody with a Little Hammer" und noch mehr Deborah Nelsons "Tough Enough", der Porträts großer Essayistinnen versammelt: "Nelsons Buch ist eine Studie ethischer und ästhetischer Unsentimentalität. Sie feiert diese eisigen, erbarmungslosen, scharfzüngigen Künstlerinnen, die sich verpflichtet hatten, 'direkt und klar auf die schmerzliche Realität zu blicken, ohne zu besänftigen und ohne zu trösten'. Viele dieser Frauen beschrieben ihr eigenes Leben in unbequemer Detailliertheit: Mary McCarthy ihre religiöse Erziehung, Susan Sontag ihren Brustkrebs, Joan Didion den Verlust von Mann und Tochter. Andere wie Simone Weil und Hanna Arendt dokumentierten den Horror der industriellen Moderne: das Elend der Fabrikarbeiter, die Verheerungen des Holocaust und der Atombombe. Doch keine von ihnen glaubte, dass die Darstellung menschlicher Erfahrung, egal wie komplex, qualvoll oder unwägbar, emotionale Expressivität erforderte. Vielmehr verlangte das Verständnis für die conditio humana das Gegenteil: die Kunst vom Gefühl freizumachen."
Stichwörter: Deborah Nelson, Essayistik

Guardian (UK), 28.08.2017

Die Schriftstellerin Dina Nayeri, selbst als Tochter einer evangelikalen Christin im Iran aufgewachsen, beschreibt, wie apokalyptisches Denken und  politischer Nihilismus das Land untergraben. Wer seine Zukunft kennt, braucht sie nicht zu gestalten: "Es gibt keinen Grund, vorzusorgen, den Klimawandel aufzuhalten, Frieden zu zu sichern - denn Kriege, Hunger und Katastrophen sind vorherbestimmt und daher unvermeidbar. Wenn Statistiken zeigen, dass die Gewalt in den USA abnimmt, dann sagen sie: 'Ja, aber nur pro Kopf!' Insgesamt geht sie rauf, wie es die Bibel vorhersagt.' Wenn ein Politiker zu geschickt agiert, zu freundlich gegenüber den Liberalen, dann ist er ein Kandidat für den Antichrist - den Herrscher der gottlosen Welt nach der Entrückung. König Juan Carlos von Spanien war ein Kandidat, wie es auch JFK und sogar Ronald Reagan waren. In ihren Gesprächen zählten die Leute die Zeichen und wurden umso atemloser, je mehr die Liste anwuchs: Der Golfkrieg, Hurrikan Andrew, das Erdbeben in Kobe, der Monsun in Pakistan, Fluten in China, Tornados in Oklahoma, Blizzards in Boston. Sie redeten über den Niedergang der Familienwerte und des 'natürlichen' Lebens: Abtreibung, schwule Soldaten und den Hang junger Leute, in Sünde zu leben - alles waren Zeichen für das Nahen der Großen Trübsal."

Die Schriftstellerin Rebecca Solnit hängt in einem Essay dem Gedanken nach, wie es wäre, ein Mann zu sein. Wie kann man als Mann die Erwartung, die an einen gerichtet sind, erfüllen? Oder besser noch: unterlaufen? "Es gibt so viele Dinge, die Männer nicht sagen, fühlen oder tun sollen; immer wird darauf geachtet, dass gerade Jungen nichts tun, was gegen die Gepflogenheiten der heterosexuellen Männlichkeit verstößt; für die pubertären Jungen, für die es  immer noch die schlimmste aller Beleidigungen ist, schwul oder verweichlicht zu sein - also nicht heterosexuell oder männlich. In den siebziger Jahren dachten einige Männer darüber nach, wie ihre eigene Befreiung parallel zu jener der Frauen aussehen könnte. Es gab eine Demonstration, auf der Typen ein Schild hochhielten mit der Aufschrift: Männer sind mehr als bloße Erfolgsobjekte."

Und Autor Stuart Kells freut sich zudem, dass er jetzt auch in den ehrwürdigsten Bibliotheken Pulp zu lesen bekommt.
Archiv: Guardian

Slate.fr (Frankreich), 28.08.2017

In den USA mag die politische Korrektheit ein Projekt der multikulturellen Linken gewesen sein, in Frankreich jedoch wurde der Kampf um die Sprache seit jeher von der Neuen Rechten geführt, erinnert Nicolas Lebourg auf Slate.fr. Beide treffen sich in ihrer Vorliebe für Gramsci und seine Kulturelle Hegemonie und in ihrer Obsession für die Identität, die das Individuum weder als emanzipiert noch als Teil einer sozialen Klasse kennt: "Das multikulturelle Dogma behauptet, der Rassismus sei weiß und institutionell bedingt, ein weißer Arbeiter könne eigentlich nicht von einem schwarzen Reichen dominiert werden, der als Nachfahre eines kolonisierten Volkes unweigerlich Opfer des früheren Kolonialherren bleibt. Das reaktionäre Dogma behauptet, die Diskriminierung der Frau sei dem Orient eingeschrieben, während das jüdisch-christliche Abendland die Freiheit der Frau wahre. So macht es die Gleichheit von Mann und Frau zu einer Frage, die keine sozio-ökonomischen und historischen Unterschiede kennt, sondern nur zwei Blöcke, in denen Geschichte und innere Antagonismen keine Rolle spielen. Man versteht, warum so viele leidenschaftliche Linke im Alter so gute Reaktionäre abgeben. Die politische Korrektheit trägt das Identätsdenken in sich wie die Wolke das Gewitter."
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Archiv: Slate.fr

Elet es Irodalom (Ungarn), 25.08.2017

Kürzlich hat der Literaturkritiker József Tamás Reményi kritisiert, dass dass immer mehr Schriftsteller staatliche Stipendien annehmen, insbesondere von der unvergleichlich üppig ausgestatteten Karpaten Talentförderungsgesellschaft. Die Gesellschaft wurde von dem aus Siebenbürgen stammenden Dichter, János Dénes Orbán gegründet, der wiederum als Ziehsohn des ebenfalls aus Siebenbürgen stammenden Dichters und ehemaligen Kulturstaatssekretärs Géza Szőcs gilt. An Szöcs wendet sich nun auch dessen einstiger Weggefährte und Freund, der Schriftsteller József Körössi: "Chef! Du, der Du János Dénes Orbán für uns erschaffen und mit Hundert Millionen ausgestattet hast, wie auch weitere János Dénes Orbáns, denen sich alle bettelnd zu Füßen werfen, was hast du dir dabei gedacht? Wie wurdest du, der du bist? Von dort kommend, woher du stammst? Wie ist dieser Weg, der mit charaktervollen Geschichten gepflastert ist, wenn du zurückschaust? Farbig? Schwarz und weiß? Wie siehst du deine Freunde, die dich zwar nicht verleugnen, doch nicht gerne sehen und dich auch nicht suchen? ... Wie konntest du von einem Demokraten, einem Widerständler - einem Dichter! - zu einem Untertan werden, der Untertanen und Bedienstete erzieht und kauft, weil er hierfür über öffentliche Mitteln verfügt."

Und der Autor Renátó Fehér fordert ein gattungsübergreifende Aktionsbündnis: "Die verstärkt kritische Haltung ist schon lange keine mögliche Alternative mehr, sondern strenge Pflicht."

HVG (Ungarn), 27.08.2017

Im Interview mit Zsuzsa Mátraházi spricht der Schriftsteller Gergely Péterfy über Ähnlichkeit von Orbáns Ungarn mit dem der Kádár-Ära, seine bürgerliche Familie und ihre tradierte Ablehnung des Autoritären: "Vor sechs, sieben Jahren schaltete ich die staatlichen Sender mit derselben Bewegung ab wie mein Großvater die damaligen Sender, und wie er damals auf Radio Free Europe wechselte, so höre ich seitdem deutsches und österreichisches Radio. Die fundamentale Abneigung gegenüber der literarischen, politischen, öffentlichen und wirtschaftlichen Kollaboration ist ebenfalls die Alte ... Zwischen den vierziger und achtziger Jahren verschwanden jene gesellschaftlichen Schichten des Landes, mit denen eine normale, liberale Demokratie hätte gestaltet werden können: das größtenteils vernichtete und die bürgerliche Tradition verkörpernde Judentum und dann das zermürbte, dissidente christliche Bürgertum. Die gebildeten Intellektuellen verlassen gerade wieder das Land. Was bleibt, ist die form- und gestaltlose Menschenmasse ohne Tradition. Der Homo Sovieticus kann kommen, die Putinisierung."
Archiv: HVG

Novinky.cz (Tschechien), 15.08.2017

Stepan Kucera unterhält sich mit dem mehrfach ausgezeichneten amerikanischen Kriegsreporter und Videojournalisten Ben C. Solomon, der als einer der Ersten mit der Technik der Virtual Reality gearbeitet hat, "um den Leuten Situationen in Konfliktgebieten so nah wie möglich zu bringen": "Im verzweifelten Kampf der Medien, Aufmerksamkeit (und Werbeinserenten) zu gewinnen, sei Videojournalismus grundsätzlich ein mögliches Mittel, aber, so Solomon, 'wenn es keine gute Geschichte gibt, nützt die beste Technik nichts'. Gibt es eine Konstante, die Solomon auf allen Kriegsschauplätzen der Welt findet? 'Obwohl wir im Wesentlichen gleich sind, halten wir uns immer für anders als die anderen. Das ist meiner Meinung nach der gemeinsame Nenner aller Kriege - dass so viele Menschen auf der Welt eher die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten sehen. Meine Arbeit besteht darin, das Gemeinsame zu zeigen, das uns verbindet.' Glaubt er, dass seine Arbeit etwas verändern kann? 'Wir alle, die als Kriegsreporter arbeiten, glauben daran und hoffen, dass wir etwas verbessern können. Als ich mit sechzehn eine Reportage über die amerikanische Irak-Invasion gesehen habe, hat das mein Leben und meine Wahrnehmung der USA nachhaltig verändert. Ich hoffe, dass meine Arbeit ebenfalls auf jemanden so einen Einfluss hat wie die damaligen Journalisten auf mich.'"
Archiv: Novinky.cz

New Yorker (USA), 04.09.2017

Die aktuelle Ausgabe des Magazins ist der Flimmerkiste gewidmet. In einem Beitrag macht sich David Remnick Gedanken über die politischen Implikationen der israelischen Netflix-Serie "Fauda", die das Leben in der West Bank zeigt: "Gadi Shamni, ein israelischer General a. D. erklärte mir die Vorzüge der Serie damit, dass israelische Zuschauer die moralische Wirklichkeit der Okkupation nicht länger ignorieren könnten. 'Eine ganze Generation von Israelis lebt ohne eine einzige positive Begegnung mit Palästinensern. Sie sehen sie zur Arbeit nach Israel fahren oder im Fernsehen, wenn es einen Anschlag gibt. Einen Palästinenser treffen sie vielleicht das erste Mal während des Militärdienstes in der West Bank', erklärt er … Eine andere Meinung kommt von Diana Buttu, die als Rechtsberaterin für die PLO gearbeitet hat. 'Fauda zeigt die Besatzung nicht', meint sie. 'Sie bleibt unsichtbar, genau wie in den Köpfen der Israelis. Kein Wort darüber, kein Checkpoint, keine Siedler, keine Zerstörung. Alles, was wir sehen, ist eine hübsche Ziegelmauer. Schlimmer noch: Das Töten scheint normal. Und ehe du dich versiehst, sympathisierst du mit Mördern. Für die Autoren ist es ein fairer Kampf, keine Okkupation, nur ein Spiel um die Frage, wer besser ist. Das ist nicht die Realität, in der wir leben.' Die Autoren selbst beteuern, sie bekämen viele Komplimente von Arabern aus der West Bank, dem Libanon, aus Ägypten und vom Golf."

Außerdem: Emily Nussbaum befragt Jenji Kohan, Erfinderin der Serie "Weeds", zu ihren provokativen Ideen. Sam Knight berichtet über die britische Reality-TV-Serie 'Eden', ein mediales und soziales Experiment in der schottischen Einöde, das gründlich schiefging. Und Ian Parker porträtiert den amerikanischen Dokumentarfilmer Ken Burns.
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Netflix, Fauda, Fernsehserien

New York Times (USA), 27.08.2017

Im aktuellen New York Times Magazine wartet Peter de Jonge mit einer steilen These zum Tennis auf: Seiner Meinung nach spielt Roger Federer mit seinen immerhin 36 Jahren das beste Tennis seines Lebens: "Was die echten Stars vom Rest trennt, ist der Optimismus. Ein Match ist voller Frustrationen, sie lauern in jedem Satz, jedem Spiel, Punkt, Breakball. Es gilt, das große Ganze im Blick zu behalten. McEnroe konnte das nicht. Einem Nick Kyrgios gelingt es nie lange, und sogar einem Djokovic fällt es immer schwerer. Federer verfügt nicht nur über das vielfältigste Spiel von allen, er hat auch die besten Voraussetzungen. Seine mühelose Eleganz lässt leicht vergessen, dass auch er Rückschläge hinnehmen musste … Selbst wenn Nadal ihn viermal in einem Jahr besiegte, nahm Federer es nicht persönlich … 'Am Ende ist es nur ein Spiel, und man muss darüber hinweg kommen', meint Federer. 'Ich möchte nicht, dass meine Kinder fragen müssen, was mit mir los ist.' Aber das bedeutet nicht, dass alles spurlos an ihm vorbeigeht. 'Es gibt Narben, das ist sicher', sagt er."
Stichwörter: Tennis, Roger Federer

LA Review of Books (USA), 25.08.2017

88 Jahre ist der Bilderstürmer Alejandro Jodorowsky mittlerweile und zeigt sich im Interview gegenüber Gregg LaGambina quietschfidel. Vor vier Jahren hat er mit dem autobiografischen Film "Dance of Reality" seinen ersten Spielfilm seit 22 Jahren gedreht, dem er nun, als zweiten Teil seiner autobiografischen Saga, "Endless Poetry" folgen lässt. "Alles was man in diesem Film sieht, ist wahrhaftig", sagt er. "Auch wenn es sich im echten Leben nicht so zugetragen hat. Es ist eine wahrhaftige Geschichte innerhalb der Sphäre der Kunst. Ich beginne mit der Realität. Jede Szene war in gewisser Weise realer als im echten Leben. Wir filmten auf derselben Straße in Chile, in der ich einst gewohnt habe. Wir suchten dasselbe Ladengeschäft auf, in dem mein Vater gearbeitet hat. Ich kehrte an alle Orte zurück, an denen ich aufgewachsen bin. Alles in dieser Welt ist wie in meinem Leben - aber dann auch wieder nicht. Es ist wie bei einem Gemälde. Gehen Sie zu Rembrandt oder Van Gogh und sagen Sie: 'Male diese Straße!' Er wird die Straße malen, die echte Straße. Doch jedes Bild wird anders sein, wegen des jeweils individuellen Stils. Ich male in meinem eigenen Stil, aber alles ist wahrhaftig. In diesem Film wird mein Vater von meinem ältesten Sohn gespielt. Und mein Sohn wird von meinem jüngsten Sohn gespielt - er ist genau wie ich. Es ist echt, sehen Sie? "

Herausgekommen ist dabei allem Anschein nach wieder ein farbenprächtig-stilisierter Film:


Stichwörter: Alejandro Jodorowsky