Magazinrundschau - Archiv

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55 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 6

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - Slate.fr

Jan Banning - Red Utopia. Büro einer Kommunistischen Partei. Foto aus dem vorgestellten Band 

Fanny Arlandis stellt in einem Fotoessay einige höchst melancholische Fotos des Fotografen Jan Banning vor, der Büros kommunistischer Parteien, wo immer sie noch existieren - fotografierte. Aber nicht in Ländern, wo sie an der Macht sind! Zitat Banning: "Einige visuelle Besonderheiten sind mir aufgefallen. In Russland regierte die Kommunistische Partei das Land bis 1990. Das Lustige ist, dass heute die großen Plakate, die riesigen Fotos, die für große Büros bestimmt waren, in winzigen Räumen in kleinen Städten stehen. Ich denke, das unterstreicht den Verfall der Partei umso mehr." Mehr Bilder (und Bestellmöglichkeit) bei Nazraeli Press und auf der Website des Fotografen.
Stichwörter: Banning, Jan

Magazinrundschau vom 10.07.2018 - Slate.fr

Nicolas Lebourg nimmt sich sehr viel Platz um nachzuweisen, dass es falsch sei, von einem "neuen Antisemitismus" zu sprechen, der vor allem von muslimischer und linker Seite ausgehe. Anlass ist ein von mehreren Intellektuellen, darunter Pascal Bruckner, herausgegebener Band, der versucht, genau dieses Phänomen zu umreißen. Einer der Anlässe dieses Bandes ist der Mord an Sarah Halimi durch einen jungen Muslim, der die pensionierte Lehrerin im letzten Jahr unter "Allah ist groß"-Rufen aus dem Fenster ihrer Wohnung warf. Die Polizei hat diese Umstände über Monate nicht zur Kenntnis genommen - zwei Jahre nach dem Attentat auf einen jüdischen Supermarkt durch Islamisten. Lebourgs Aufruf zu intellektueller Nüchternheit liest sich so: "Die Autoren und Autorinnen des Bandes singen alle die selbe Leier: Die elf Monate, die den Mord an Sarah Halimi von dem Moment trennten, als die Polizei sich entschloss, das Motiv des Antisemitismus festzustellen, werden als Beweise einer Schuld und eines Fehlers angesehen, die zeigen würden, dass der Antisemitimus und seine 'Verleugnung' eine Staatsideologie seien. Man könnte sie im Gegenteil als Zeichen eines Justizsystems ansehen, das nicht nach dem Rhythmus der aktuellen Polemik arbeitet. Um ehrlich zu sein, hat die zweite Hypothese sogar das Verdienst der intellektuellen Kohärenz." Um den Vorwurf des Antisemitismus abzuwehren, ist die französische Linke sogar erstmals bereit, die Polizei zu verteidigen!

Magazinrundschau vom 04.06.2018 - Slate.fr

Saleh Ben Odran schreibt über den Mai 68 in der arabischen Welt. In Syrien, Tunesien, Marokko und im Libanon sei eine ganze Generation von den Ideen der französischen Bewegung inspiriert worden. Diese "Ansteckung" zerbröselte allerdings nach und nach zu Gunsten des Wiederauflebens von Islam und Islamismus in der Region. Odran beschreibt die Verläufe in den einzelnen Ländern und lässt mehrfach den franko-syrischen Historiker und Verleger Farouk Mardam Bey zu Wort kommen. Dieser meint, die arabische Linke habe es nie geschafft sich zu erneuern und die zunehmend kritische Jugend anzuziehen. Zur heutigen Situation sagt er: "Ein Phänomen wie der IS wäre in den 1960er Jahren undenkbar gewesen. Doch in der arabischen Welt liegen zwei völlig gegenläufige Tendenzen dicht beieinander. Auch wenn der radikale Islam zweifellos Terrain gewonnen hat, gibt es dennoch auch eine der Außenwelt, anderen Ideen und alternativen Lebensformen aufgeschlossene Jugend, die sich weiterhin wandelt und sich hält." Allerdings sei die Revolte doch vor allem durch die Mobilisierung gegen Israel gesteuert gewesen - die Jungen machten den Alten die Niederlage im Sechstagekrieg zum Vorwurf. "Die sexuelle Freiheit, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die Revolutionierung der moralischen Codes, die in Frankreich ganz vorn mitspielten, 'haben in der arabischen Welt dagegen kaum mobilisiert', winkt Farouk Mardam Bey ab."
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Magazinrundschau vom 06.02.2018 - Slate.fr

Die Soziologin und Dokumentarfilmerin Agnès de Féo stellt die Ergebnisse ihrer über mehrere Jahre andauernden Beobachtung und Begleitung von zwei französische Musliminnen vor, die den Niqab abgelegt haben, nachdem sie ihn fünf Jahre lang getragen hatten. Sie berichten über einen Prozess allmählicher Emanzipation, aber auch über soziale Ablehnung und Probleme. Über ihre Motive, ihn überhaupt anzulegen, schreibt Féo: "Keine der beiden Frauen sprechen von ihrem 'Ausstieg' aus dem Niqab als Befreiung. Die Erfahrung hinterlässt vielmehr einen bitteren Beigeschmack bei ihnen. Sie geben an, zu einem bestimmen Zeitpunkt ihres Lebens von der Wichtigkeit, sich komplett zu verhüllen, überzeugt gewesen zu sein, und dies durchaus seine Vorteile hatte. Alexia glaubte, auf dieses Weise, muslimische Vollkommenheit zu erreichen und ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sie stellte sich vor, fromme und tugendhafte Männer kennenzulernen, die sie aus ihrer Lage als alleinerziehende Mutter befreiten. Für Hanane ging es um die Heilung von Wunden eines durch familiäre Neurose zerrissenen Aufwachsens und das zu Hause Eingesperrtsein. Beide haben den Niqab als Revanche eingesetzt."
Stichwörter: Islam, Niqab, Kopftuch

Magazinrundschau vom 21.11.2017 - Slate.fr

Slate.fr stellt in Auszügen ein Buch über die Bewegung Young Lords vor, die in den Siebzigern in den USA aktiv war. Es handelte sich um eine Gruppe junger puertoamerikanischer Nationalisten, die sowohl für die Unabhängigkeit ihres Landes als auch gegen jedwede Diskriminierung eintrat. Das Buch rekonstruiert in Erzählungen ehemaliger Aktivisten die vergessene Geschichte dieser "lateinamerikanischen Black Panther", die auch feministisch und schwulenfreundlich waren. Eine von ihnen beschreibt die notwendige Abgrenzung zum Feminismus weißer Frauen: "In der weißen Frauenbewegung hatten viele eine separatistische oder bourgeoise Einstellung und sagten: 'Die Frauen sind unterdrückt, weil sie daheimbleiben müssen und nicht arbeiten dürfen.' … Wir kamen aber aus einer Gesellschaft, in der Frauen fast immer schon gearbeitet haben. In puncto Privilegien und sozialer Klasse haben wir sehr unterschiedliche Standpunkte vertreten. [...] Einige Frauen haben uns gesagt. 'Ihr müsst eure Männer verlassen.' Aber für uns kam das, trotz unserer Problemen mit Machismus oder Patriarchat, nicht in Frage. Wir wollten in unserer Gemeinschaft bleiben, und dort gab es Männer, Frauen, alte, Junge und Kinder. Wir wollten mit allen reden. Für uns bestand die Antwort auf den Sexismus nicht nur darin, dass sich die Frauen zusammentun und dagegen wehren, sondern auch im Aufbau von Männergruppen, in denen sich Männer mit ihrem eigenen Machismus konfrontieren konnten."

Magazinrundschau vom 17.10.2017 - Slate.fr

Wird man so in fünfzehn Jahren über ein Comeback von Harvey Weinstein reden? Zwei RedakteurInnen der Seite verhandeln in einem Gespräch, ob man bei dem Musiker Bertrand Cantat, der gerade ein neues Album herausbringt, den Künstler vom Totschläger trennen kann. Cantat hatte 2003 seine Lebensgefährtin Marie Trintignant erschlagen. Nadia Daam und Éric Nahon unterhalten sich vor allem über den medialen Umgang mit Cantats Neustart in Frankreich. Daam meint: "Der Botschafter ist genauso wichtig wie die Botschaft … Er versucht sich zu normalisieren. Das ist eine Strategie. Und ziemlich gerissen von ihm, weil er bekannt war für die politische Schlagkraft seiner Songs. Es ist eine Art und Weise, uns zu sagen: Ich bin derselbe wie vorher. Ist er nicht, denn in der Zwischenzeit hat er mit seinen Fäusten eine Frau umgebracht." Ihr Kollege Nahon meint: "Was würde ich an seiner Stelle tun? Klempner werden? Roadie? Wahrscheinlich nicht … Und ehrlich, kein Mensch wäre gern an seiner Stelle. Ich verstehe, dass Cantat wieder Musik macht. Was denn sonst? Darum geht es doch heute: Muss man akzeptieren, dass sich ein Mann, der eine Frau umgebracht hat, wieder in der öffentlichen Kunstsphäre bewegt? Ich persönlich halte mir die Möglichkeit offen, mich von seiner Musik berühren zu lassen …Trotzdem kann ich seine brutale Tat nicht aus meinem Gedächtnis löschen. Das steht fest."

Außerdem zu lesen ist ein höchst opulent (und appetitanregend) bebildertes Porträt von Starkoch Alain Ducasse, über den gerade ein Dokumentarfilm gedreht wurde.

Magazinrundschau vom 10.10.2017 - Slate.fr

Slate beginnt mit einer Serie über "Post-Wahrheit", den Anfang macht Antoine Bourguilleau mit einer Betrachtung über Lügen in der Geschichte. Seine Ausgangsthese: Von wegen Post-Wahrheit, wir leben schon immer darin, denn die Geschichte - gerade auch die französische - steckt voller Lügen. Er schreibt: "Wir begegnen der Komplexität mit einfachen Vorstellungen und drängen die Komplexität oft beiseite, um uns unsere Meinungen mit dem Messer zu schnitzen. Ja, auch diejenigen, die die Lügen von Trump anprangern. Und wenn diese Anprangerung wirkungslos ist, so auch deshalb, weil, wie Spinoza etwas deprimierend schrieb, die wahre Idee keine innere Kraft hat. Eine Fleisch gewordene Lüge wird weiterkommen als eine hochgelehrt und argumentierend geäußerte Wahrheit, wenn sie sich nur auf sich selbst stützt."
Stichwörter: Lüge, Postfaktisch

Magazinrundschau vom 12.09.2017 - Slate.fr

Ariane Bonzon berichtet über den französischen Fremdenlegionär Gabar, der an der Seite der Kurden in Syrien gegen den IS gekämpft hat. Den Entschluss fasste er nach dem Anschlag im Pariser Club Bataclan, weil er vom Alter her zu den Opfern hätte gehören können, und deshalb "so viele von diesen Schweinehunden wie möglich umbringen" wollte. Sechs Monate müssen die Freiwilligen vor ihrem Einsatz in einer "Akademie" bleiben, wo man ihnen Grundkenntnisse der kurdischen Sprache und des Kämpfens beibringt sowie sie in einem Kurs über die politischen Ziele der Kurden informiert. "Doch Gabar weigert sich daran teilzunehmen. 'Als sie mir mit Ideologie kamen, habe ich ihnen gesagt, sie sollen auf der Stelle damit aufhören. Ich bin ausschließlich hier, um gegen den IS zu kämpfen.'" Zitiert wird auch ein Journalist, der sich mit dem Thema Fremdenlegionäre auskennt: "Die alten Legionäre sind zweifellos am verfügbarsten und schnell einsatzbereit. Ihre Aktivitäten entgehen dem französischen Auslandsnachrichtendienst DGSE nicht mehr, wie man es während der Balkankriege beobachten konnte, als manche von ihnen für die kroatischen Kräfte sehr wertvoll waren."
Stichwörter: Fremdenlegion, Kurden, Bataclan

Magazinrundschau vom 05.09.2017 - Slate.fr

Vor dem Hintergrund der amerikanischen Auseinandersetzungen um das Denkmal von General Lee fragt sich Slate.fr, ob Standbilder eigentlich "Blut and den Händen" haben können. Zur Klärung dieser Frage, nimmt Antoine Bourguilleau einmal französische Straßenschilder und Statuen in den Blick, die die Namen von "Schindern" tragen. Natürlich sei es besser, Straßen, Avenues und Plätze nach untadeligen Leuten zu benennen und nur Standbilder von solchen mit weißer Weste aufzustellen. "Aber die unlösbare Frage lautet wie immer: Wer entscheidet darüber? In wessen Namen und auf welcher Grundlage? Karl der Große hat die Sachsen niedergemetzelt. Ludwig XIV. hat die Pfalz verwüstet. Danton war pflichtvergessen. Napoleon hat einen Staatsstreich verübt (und die Sklaverei wiedereingeführt) … Beaumarchais war Waffenhändler, genau wie Rimbaud … Sie alle haben ein Standbild in Paris und unsere Präsidenten verneigen sich ab und zu davor. Man wünschte sich wirklich den Mut, die Statuen durch ehrbare Persönlichkeiten ohne Schattenseiten zu ersetzen. Die Liste droht kurz zu werden."

Magazinrundschau vom 29.08.2017 - Slate.fr

In den USA mag die politische Korrektheit ein Projekt der multikulturellen Linken gewesen sein, in Frankreich jedoch wurde der Kampf um die Sprache seit jeher von der Neuen Rechten geführt, erinnert Nicolas Lebourg auf Slate.fr. Beide treffen sich in ihrer Vorliebe für Gramsci und seine Kulturelle Hegemonie und in ihrer Obsession für die Identität, die das Individuum weder als emanzipiert noch als Teil einer sozialen Klasse kennt: "Das multikulturelle Dogma behauptet, der Rassismus sei weiß und institutionell bedingt, ein weißer Arbeiter könne eigentlich nicht von einem schwarzen Reichen dominiert werden, der als Nachfahre eines kolonisierten Volkes unweigerlich Opfer des früheren Kolonialherren bleibt. Das reaktionäre Dogma behauptet, die Diskriminierung der Frau sei dem Orient eingeschrieben, während das jüdisch-christliche Abendland die Freiheit der Frau wahre. So macht es die Gleichheit von Mann und Frau zu einer Frage, die keine sozio-ökonomischen und historischen Unterschiede kennt, sondern nur zwei Blöcke, in denen Geschichte und innere Antagonismen keine Rolle spielen. Man versteht, warum so viele leidenschaftliche Linke im Alter so gute Reaktionäre abgeben. Die politische Korrektheit trägt das Identätsdenken in sich wie die Wolke das Gewitter."