Magazinrundschau - Archiv

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59 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 6

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - Slate.fr

In einem sehr interessanten Hintergrundartikel stellt Léa Polverini die inzwischen häufig beschriebene chinesische Politik der sozialen Hygiene, die mit ihren Überwachungstechnologien am liebsten in die Hirne der Bürger kriechen würde, in einen säkularisiert spirituellen Kontext. An die Stelle religiöser Kulte, die als Konkurrenz zur Staatsideologie betrachtet werden, soll ein neuer und kompatibler Kult der Partei und ein steriler Führerkult um Xi Jinping treten. Der Sinologe Vincent Goossaert erklärt im Gespräch mit der Autorin, wie traditionelle religiöse Praktiken Chinas unter dem Siegel der "Kultur" wieder zugelassen werden. Xi Jinping lässt sich dabei zugleich als "nahbarer Führer" verehren, der anders als die Kaiser für das Volk sichtbar ist und Harmonie mit seiner Bevölkerung aufbaut: "Hinter dem monumentalen Projekt der elektronischen Erfassung der Bevölkerung, das gute Taten und schlechte Taten durch ein Punktesystem und einen 'sozialen Kredit' abwägen will, steht auch die Idee, dass man 'die menschliche Qualität der Chinesen und Chinesinnen verbessern kann', betont Goossaert: 'In dieser Logik er moralischen Bewertung aller Taten nimmt der Staat den Platz der Gottheiten ein, die einst Buch führten. Das ist zugleich utopisch und zutiefst religiös. Es ist eine formalisierte Gewissensprüfung mit der Idee, dass der Staat nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Menschen, ihre Leben und ihre Seelen transformiert.'"

Sehr lesenswert auch Aude Lorriaux' Reportage über die verzweifelte Lage von Polinnen, die eine Abtreibung suchen - die Gesetze sollen mal wieder verschärft werden.

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - Slate.fr

Mehrere Medien haben in den letzten Tagen über die bedrückende Lage der Uiguren in China berichtet, besonders der Sinologe Timothy Grose im Guardian (unser Resümee). Der Sinologe Darren Byler liefert in einem sehr langen Hintergrundstück weitere Informationen vor allem darüber, wie die Zentralregierung Han-Chinesen einsetzt, um als "große Brüder und Schwestern" die Uiguren in ihren Dörfern zu "besuchen" und mit ihnen "Freundschaft zu schließen". "In drei voneinander abgesetzten Wellen sind die 'Verwandten' in den Dienst geschickt worden. Die erste Kampagne begann 2014 und setzte 200.000 Parteimitglieder ein, darunter auch Parteimitglieder aus Minderheiten, um 'dem Volk Besuch abzustatten, es profitieren zu lassen und die Herzen des Volkes zu vereinigen' (fang minqing, hui minsheng, ju minxin). Das Mittel waren lange Aufenthalte in den uigurischen Dörfern. Im Jahr 2016 wurde eine zweite Welle von 110.000 Beamten im Rahmen der Kampagne 'Vereint wie eine Familie' (jie dui renqin) geschickt, die sich darauf konzentrierte 'Verwandte' für eine längere Dauer in uigurische Haushalten zu platzieren, wo Familienmitglieder inhaftiert oder von der Polizei getötet worden waren. Im Jahr 2017 startete ein dritte Welle von Besuchen, um die Kampagne von 2016 auszuweiten. Diese dritte Phase bestand in der Verschickung von einer Million Zivilpersonen in ländliche uigurische Familien, wo sie sich jeweils eine Woche aufhielten und sich auf die Familienmitglieder all jener Uiguren konzentrierten, die im Rahmen des großen Umerziehungsprogramms inhaftiert worden waren."
Stichwörter: Uiguren, China

Magazinrundschau vom 13.11.2018 - Slate.fr

In vielen Ländern spielen evangelikale Bewegungen eine sehr wichtige Rolle für den Sieg des Rechtspopulismus - die USA und Brasilien sind die bekanntesten Fälle. Und die Evangelikalen befinden sich überall in starkem Aufschwung, schreibt Henri Tincq. Auch in Frankreich, wo die Evangelikalen inzwischen die größte Fraktion in der Minderheit der Protestanten bilden: "Die Evangelikalen in Frankreich sind den großen Migrationsströmen aus Afrika oder Asien gefolgt. Unter den Protestanten chinesischer Herkunft stellen die Evangelikalen die größte Fraktion vor den Lutheranern oder Calvinisten. Die evangelikalen Kirchen karibischer oder afrikanischer Herkunft sind zahlenmäßig noch stärker, aber das heißt nicht, dass man jene aus Laos, Vietnam, Korea, Sri Lanka oder Brasilien vergessen sollte. In diesen Gemeinden sind Missionare und 'Heiler' die charismatischen Figuren. Man singt Hymnen und Lobpreisungen, man betet und tanzt."
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Magazinrundschau vom 06.11.2018 - Slate.fr

Frédéric Martel porträtiert ausführlich den in New York lebenden, britisch-ghanaischen Philosophen Kwame Anthony Appiah, der nebenbei schwul ist und sich in seinem neuesten Buch "The lies that bind - Rethinking identity" als einer der wenigen amerikanischen Kritiker linker Identitätsrhetorik entpuppt: "Das wichtigste Argument des Buchs ist, dass eine festgeschriebene Identität, in der sich eine Person erschöpfen soll, irrig ist. Schwarz, muslimisch, lesbisch sind Etiketten, die eine Person nie ganz definieren können - Etiketten allerdings, mit denen man sich gern identifiziert, die einem am Ende unbewusst anhängen. 'Wer glaubt', schreibt Appiah, 'dass es im Kern jeder Identität starke Wesensverwandtschaften gibt, die die Mitglieder einer Gruppe binden, der irrt sich. Es stimmt nicht! Es stimmt nicht. Es stimmt nicht', wiederholt er. Für ihn ist eine festgeschriebene Identität eine Quelle der Gefahr; sie schwächt menschliche Solidarität. Im schlimmsten Fall führt sie zu Konflikten, manchmal zu Kriegen."

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - Slate.fr

Jan Banning - Red Utopia. Büro einer Kommunistischen Partei. Foto aus dem vorgestellten Band 

Fanny Arlandis stellt in einem Fotoessay einige höchst melancholische Fotos des Fotografen Jan Banning vor, der Büros kommunistischer Parteien, wo immer sie noch existieren - fotografierte. Aber nicht in Ländern, wo sie an der Macht sind! Zitat Banning: "Einige visuelle Besonderheiten sind mir aufgefallen. In Russland regierte die Kommunistische Partei das Land bis 1990. Das Lustige ist, dass heute die großen Plakate, die riesigen Fotos, die für große Büros bestimmt waren, in winzigen Räumen in kleinen Städten stehen. Ich denke, das unterstreicht den Verfall der Partei umso mehr." Mehr Bilder (und Bestellmöglichkeit) bei Nazraeli Press und auf der Website des Fotografen.
Stichwörter: Banning, Jan

Magazinrundschau vom 10.07.2018 - Slate.fr

Nicolas Lebourg nimmt sich sehr viel Platz um nachzuweisen, dass es falsch sei, von einem "neuen Antisemitismus" zu sprechen, der vor allem von muslimischer und linker Seite ausgehe. Anlass ist ein von mehreren Intellektuellen, darunter Pascal Bruckner, herausgegebener Band, der versucht, genau dieses Phänomen zu umreißen. Einer der Anlässe dieses Bandes ist der Mord an Sarah Halimi durch einen jungen Muslim, der die pensionierte Lehrerin im letzten Jahr unter "Allah ist groß"-Rufen aus dem Fenster ihrer Wohnung warf. Die Polizei hat diese Umstände über Monate nicht zur Kenntnis genommen - zwei Jahre nach dem Attentat auf einen jüdischen Supermarkt durch Islamisten. Lebourgs Aufruf zu intellektueller Nüchternheit liest sich so: "Die Autoren und Autorinnen des Bandes singen alle die selbe Leier: Die elf Monate, die den Mord an Sarah Halimi von dem Moment trennten, als die Polizei sich entschloss, das Motiv des Antisemitismus festzustellen, werden als Beweise einer Schuld und eines Fehlers angesehen, die zeigen würden, dass der Antisemitimus und seine 'Verleugnung' eine Staatsideologie seien. Man könnte sie im Gegenteil als Zeichen eines Justizsystems ansehen, das nicht nach dem Rhythmus der aktuellen Polemik arbeitet. Um ehrlich zu sein, hat die zweite Hypothese sogar das Verdienst der intellektuellen Kohärenz." Um den Vorwurf des Antisemitismus abzuwehren, ist die französische Linke sogar erstmals bereit, die Polizei zu verteidigen!

Magazinrundschau vom 04.06.2018 - Slate.fr

Saleh Ben Odran schreibt über den Mai 68 in der arabischen Welt. In Syrien, Tunesien, Marokko und im Libanon sei eine ganze Generation von den Ideen der französischen Bewegung inspiriert worden. Diese "Ansteckung" zerbröselte allerdings nach und nach zu Gunsten des Wiederauflebens von Islam und Islamismus in der Region. Odran beschreibt die Verläufe in den einzelnen Ländern und lässt mehrfach den franko-syrischen Historiker und Verleger Farouk Mardam Bey zu Wort kommen. Dieser meint, die arabische Linke habe es nie geschafft sich zu erneuern und die zunehmend kritische Jugend anzuziehen. Zur heutigen Situation sagt er: "Ein Phänomen wie der IS wäre in den 1960er Jahren undenkbar gewesen. Doch in der arabischen Welt liegen zwei völlig gegenläufige Tendenzen dicht beieinander. Auch wenn der radikale Islam zweifellos Terrain gewonnen hat, gibt es dennoch auch eine der Außenwelt, anderen Ideen und alternativen Lebensformen aufgeschlossene Jugend, die sich weiterhin wandelt und sich hält." Allerdings sei die Revolte doch vor allem durch die Mobilisierung gegen Israel gesteuert gewesen - die Jungen machten den Alten die Niederlage im Sechstagekrieg zum Vorwurf. "Die sexuelle Freiheit, die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die Revolutionierung der moralischen Codes, die in Frankreich ganz vorn mitspielten, 'haben in der arabischen Welt dagegen kaum mobilisiert', winkt Farouk Mardam Bey ab."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - Slate.fr

Die Soziologin und Dokumentarfilmerin Agnès de Féo stellt die Ergebnisse ihrer über mehrere Jahre andauernden Beobachtung und Begleitung von zwei französische Musliminnen vor, die den Niqab abgelegt haben, nachdem sie ihn fünf Jahre lang getragen hatten. Sie berichten über einen Prozess allmählicher Emanzipation, aber auch über soziale Ablehnung und Probleme. Über ihre Motive, ihn überhaupt anzulegen, schreibt Féo: "Keine der beiden Frauen sprechen von ihrem 'Ausstieg' aus dem Niqab als Befreiung. Die Erfahrung hinterlässt vielmehr einen bitteren Beigeschmack bei ihnen. Sie geben an, zu einem bestimmen Zeitpunkt ihres Lebens von der Wichtigkeit, sich komplett zu verhüllen, überzeugt gewesen zu sein, und dies durchaus seine Vorteile hatte. Alexia glaubte, auf dieses Weise, muslimische Vollkommenheit zu erreichen und ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sie stellte sich vor, fromme und tugendhafte Männer kennenzulernen, die sie aus ihrer Lage als alleinerziehende Mutter befreiten. Für Hanane ging es um die Heilung von Wunden eines durch familiäre Neurose zerrissenen Aufwachsens und das zu Hause Eingesperrtsein. Beide haben den Niqab als Revanche eingesetzt."
Stichwörter: Islam, Niqab, Kopftuch, Emanzipation

Magazinrundschau vom 21.11.2017 - Slate.fr

Slate.fr stellt in Auszügen ein Buch über die Bewegung Young Lords vor, die in den Siebzigern in den USA aktiv war. Es handelte sich um eine Gruppe junger puertoamerikanischer Nationalisten, die sowohl für die Unabhängigkeit ihres Landes als auch gegen jedwede Diskriminierung eintrat. Das Buch rekonstruiert in Erzählungen ehemaliger Aktivisten die vergessene Geschichte dieser "lateinamerikanischen Black Panther", die auch feministisch und schwulenfreundlich waren. Eine von ihnen beschreibt die notwendige Abgrenzung zum Feminismus weißer Frauen: "In der weißen Frauenbewegung hatten viele eine separatistische oder bourgeoise Einstellung und sagten: 'Die Frauen sind unterdrückt, weil sie daheimbleiben müssen und nicht arbeiten dürfen.' … Wir kamen aber aus einer Gesellschaft, in der Frauen fast immer schon gearbeitet haben. In puncto Privilegien und sozialer Klasse haben wir sehr unterschiedliche Standpunkte vertreten. [...] Einige Frauen haben uns gesagt. 'Ihr müsst eure Männer verlassen.' Aber für uns kam das, trotz unserer Problemen mit Machismus oder Patriarchat, nicht in Frage. Wir wollten in unserer Gemeinschaft bleiben, und dort gab es Männer, Frauen, alte, Junge und Kinder. Wir wollten mit allen reden. Für uns bestand die Antwort auf den Sexismus nicht nur darin, dass sich die Frauen zusammentun und dagegen wehren, sondern auch im Aufbau von Männergruppen, in denen sich Männer mit ihrem eigenen Machismus konfrontieren konnten."

Magazinrundschau vom 17.10.2017 - Slate.fr

Wird man so in fünfzehn Jahren über ein Comeback von Harvey Weinstein reden? Zwei RedakteurInnen der Seite verhandeln in einem Gespräch, ob man bei dem Musiker Bertrand Cantat, der gerade ein neues Album herausbringt, den Künstler vom Totschläger trennen kann. Cantat hatte 2003 seine Lebensgefährtin Marie Trintignant erschlagen. Nadia Daam und Éric Nahon unterhalten sich vor allem über den medialen Umgang mit Cantats Neustart in Frankreich. Daam meint: "Der Botschafter ist genauso wichtig wie die Botschaft … Er versucht sich zu normalisieren. Das ist eine Strategie. Und ziemlich gerissen von ihm, weil er bekannt war für die politische Schlagkraft seiner Songs. Es ist eine Art und Weise, uns zu sagen: Ich bin derselbe wie vorher. Ist er nicht, denn in der Zwischenzeit hat er mit seinen Fäusten eine Frau umgebracht." Ihr Kollege Nahon meint: "Was würde ich an seiner Stelle tun? Klempner werden? Roadie? Wahrscheinlich nicht … Und ehrlich, kein Mensch wäre gern an seiner Stelle. Ich verstehe, dass Cantat wieder Musik macht. Was denn sonst? Darum geht es doch heute: Muss man akzeptieren, dass sich ein Mann, der eine Frau umgebracht hat, wieder in der öffentlichen Kunstsphäre bewegt? Ich persönlich halte mir die Möglichkeit offen, mich von seiner Musik berühren zu lassen …Trotzdem kann ich seine brutale Tat nicht aus meinem Gedächtnis löschen. Das steht fest."

Außerdem zu lesen ist ein höchst opulent (und appetitanregend) bebildertes Porträt von Starkoch Alain Ducasse, über den gerade ein Dokumentarfilm gedreht wurde.