Magazinrundschau

Als Denker befreit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Freitag Mittag
21.03.2014. Walter Benjamin lebt - jedenfalls in Frankreich und den USA, melden Le Monde und der Chronicle. Der New Yorker präpariert die zersetzende Wirkung des Dekonstruktivismus am Beispiel Paul de Mans heraus. Im SZ Magazin singt der Videokünstler Matthew Barney ein Loblied auf den Widerstand. Elet es Irodalom hat ein Problem mit dem von der jüdischen Gemeinde Ungarns geplanten Haus des Zusammenlebens. Krieg ist kein Würzmittel für Mittelstandsgeschichten, knurrt The New Republic Lorrie Moore an.

Monde (Frankreich), 14.03.2014

In seinem Blog mit dem schönen Titel "Philosophisches Durcheinander - Philosophie in all ihrem Chaos" unterhält sich Le-Monde-Journalist Nicolas Weill mit Florent Perrier über die Aktualität Walter Benjamins. Perrier ist Herausgeber der umfangreichen Benjamin-Biografie (Leseprobe) des Historikers und Germanisten Jean-Michel Palmier, der daran bis zu seinem Tod 1998 gearbeitet hatte. Durch sein Exil in Frankreich und seinen tragischen Tod 1940 wurde Benjamin zu einem Mythos. In Frankreich wird er als der "französischste" deutsche Denker verehrt; aktuell ist in der Reihe "Cahiers de L"Herne" eine Monografie über ihn erschienen. Perrier erklärt sich Benjamins ungebrochene Popularität auch bei nicht-akademischen Lesern damit, dass seine Schriften "alles andere als schwierig" seien. "Dennoch stimmt es, dass Walter Benjamin gelegentlich absichtlich oder weil sein Gedankengang häufig kopmlex ist, schwierige Schriften hinterlassen hat. Die klären sich jedoch stets, sobald der Leser sich bemüht, den Kontext herzustellen."
Archiv: Monde

Chronicle (USA), 17.03.2014

Auch im Chronicle staunt man über das Nachleben Benjamins. Eric Banks, Direktor des New York Institute for the Humanities an der New York University, hat eine höchst interessante Grafik erstellt (links) die zeigt, dass die Benjamin-Rezeption erst Mitte der Siebziger einsetzte und ihren - vorläufigen Peak 2007 hatte, als Benjamin 750 Mal in Büchern und Artikeln zitiert wurde. Dass Benjamin in den USA bekannt wurde, ist vor allem Harvard und Paul de Man zu verdanken, schreibt Banks: ""Paul de Man sprach immer wieder stundenlang über ihn", sagt der Cheflektor der Harvard University Press, Lindsay Waters, den Howard Eiland und Michael W. Jennings in der Danksagung in ihrer neuen Benjamin-Biografie "Walter Benjamin: A Critical Life" als "Vater dieses Buchs" preisen. "Es war klar, wie sehr de Mans Lektüre des "Trauerspiels" ihn als Denker befreit hatte." Waters" Zeit als Doktorand an der Universität von Chicago, wo er an seiner Dissertation über den italienischen Dichter des 15. Jahrhunderts Luigi Pulci arbeitete, fiel zusammen mit de Mans Gastprofessor dort. Der Theoretiker weckte in Waters ein Interesse nicht nur an Benjamin, sondern generell an nicht übersetzter europäischer Kultur- und Literaturtheorie."
Archiv: Chronicle

New Yorker (USA), 24.03.2014

Der Literaturtheoretiker Paul de Man ein Antisemit, narzisstischer Soziopath und Lügner? Louis Menand liest darüber schwarz auf weiß in Evelyn Barishs neuer Biografie über den 1983 verstorbenen streitbaren Yale-Komparatisten. Die interessante Frage (die Barish übrigens gar nicht stellt), ob sich de Mans an Derridas Dekonstruktivismus anlehnende Arbeit aus seiner Vergangenheit erklären lässt, in der sich de Man offensichtlich nicht zu schade war, in belgischen Kollaborationsorganen gegen jüdische Literatur zu hetzen, sich Jobs zu erschleichen, und seinen eigenen Sohn zu verleugnen, beantwortet Menand so: "De Man mag ein Schurke gewesen sein, der mit einer bestimmten Methode des Lesens Karriere machte, doch diese Methode macht nicht jeden notwendigerweise zum Schurken. Wenn de Mans Lehre eine moralische Erkenntis in sich trägt, dann heißt sie Selbstzweifel … Woran hat de Man geglaubt? Das ist das Rätsel. Dekonstruktion führt zu nichts Substanziellem, weil alles Substanzielle wiederum nur Subjekt der dekonstruktiven Arbeit wäre … Dekonstruktion ist kein Zug, von dem man an der nächstbesten Station abspringen kann. De Man hat diesen Zug bis zur Endstation genommen. Vielleicht war es ihm ja nur möglich, einerseits Erbärmliches und andererseits Anregendes zu verfassen, weil er an nichts glaubte."

Ferner im Heft: Anthony Lane porträtiert Scarlett Johansson, deren Karierre gerade richtig abhebt. Und David Denby untersucht Lars von Triers "Nymphomaniac" auf seine philosophischen Implikationen. Der New Yorker hat außerdem eine Geschichte der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie von 2008 online gestellt: "The Headstrong Historian".
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Archiv: New Yorker

SZ-Magazin (Deutschland), 14.03.2014

Am Sonntag eröffnet im Münchner Haus der Kunst eine große Ausstellung des amerikanischen Videokünstlers Matthew Barney, am Abend wird sein neuer Monumentalfilm "River of Fundament" (Laufzeit mit Pausen: sechs Stunden) in der Bayerischen Staatsoper uraufgeführt. Im SZ-Magazin gibt Barney Tobias Haberl eines seiner seltenen Interviews und gewährt Einblick in sein Arbeitsprozess: "Ein Muskel wächst durch Widerstand. Schöpfungskraft wächst durch Beschränkung. Ich bin in meiner Arbeit abhängig von Widerstand... Ich empfinde es als Befreiung und existenzielle Erfahrung, Kontrolle abzugeben, und zwar an das Werk, das ich selbst geschaffen habe. Man könnte sagen, ich arbeite an einem Organismus, der einer von mir festgelegten Logik folgt und sich ab einem gewissen Punkt selbstständig weiterentwickelt. Auf einmal richtet dieser Organismus Forderungen an mich, auf die ich reagieren muss, und zwar instinktiv. Dadurch entsteht ein Kampf, den ich auch verlieren kann, vielleicht sogar verlieren muss."
Archiv: SZ-Magazin

New York Review of Books (USA), 03.04.2014

Zadie Smith macht sich Sorgen um den Klimawandel. In England, schreibt sie, hat sich das Wetter jedenfalls massiv geändert. "Menschen in Trauer tendieren zu Euphemismen, ebenso die Schuldigen und Beschämten. Der melancholischste aller Euphemismen ist: "Die neue Normalität." Es ist "die neue Normalität", denke ich, wenn ein geliebter Birnbaum, halb ertrunken, seine Verankerung in der Erde verliert und umstürzt. Die Bahnlinie nach Cornwall ist weggewaschen - die neue Normalität. Wir könnten nicht einmal mehr das Wort "unnormal" laut aussprechen: Es erinnert uns daran, was vorher war. Besser vergessen, was einmal normal war, die Art, wie Jahreszeit auf Jahreszeit folgte, mit einem temperierten Charme, den nur die Dichter zu schätzen wussten."

Elet es Irodalom (Ungarn), 14.03.2014

Der Publizist Sándor Révész kritisiert die bisher vorgestellten Narrative des von der jüdischen Gemeinde angeregten Museums Haus des Zusammenlebens, welches anstelle der von der Regierung geplanten Holocaustgedenkstätte Haus der Schicksale entstehen soll. Ersteres Haus soll die Geschichte des fruchtbaren Zusammenlebens zwischen Juden und Ungarn zeigen. Das hat seine Kehrseite, befürchtet Révész: "Als wäre der Holocaust nicht besonders tragisch gewesen, weil nach Herkunft, in industriellem Ausmaß Menschen überhaupt, sondern weil kultivierte, schöpferische ungarische Menschen vernichtet wurden. Wenn es eine schwere Sünde ist, jene zu vernichten, die uns national und kulturell näher stehen oder geistig mehr Potential haben, dann folgt daraus unabweisbar, dass es eine weniger schwere Sünde ist die "anderen" zu vernichten. (...) Das wäre die schlimmste Botschaft."

New Republic (USA), 02.03.2014

Schriftstellern wird häufig vorgeworfen, sie lebten in intakten Scheinwelten und seien von den relevanten Geschehnissen ihrer Zeit entrückt. Wie groß der Graben wirklich ist, zeigt sich immer dann, wenn ein Autor versucht, ihn zu überwinden. Zum Beispiel Lorrie Moore, die sich in ihren Kurzgeschichten lange Zeit erfolgreich auf die gebildete amerikanische Mittelschicht konzentrierte, bis sie begann, Themen wie Terrorismus und Krieg einfließen zu lassen - und ihnen damit jegliche Plausibilität und Glaubwürdigkeit nahm, wie Alex MacGillis feststellt: "In früheren Zeiten befeuerten Antikriegsdemonstrationen die Literatur und erschütterten Unistädte wie Madison. In unserer Zeit inspirieren sie Schilder auf dem Rasen, gelegentliche eine prekäre Situation an einer Straßenecke, die die Fahrer zum Hupen zwingt, und in Moores Fall, Anspielungen, mit denen eine talentierte Autorin ihre Geschichten über häusliche Angst schmücken kann - ohne sich je darum zu kümmern, ob diese Anspielungen auch nur ansatzweise plausibel sind. Meinetwegen können sich Schriftsteller gerne stärker auf die Welt einlassen. Aber wenn man nicht willens ist, einen minimalen Aufwand zu betreiben, um sich mit ihr auseinanderzusetzen, dann sollte man wohl besser dem Diktum aus "Fawlty Towers" folgen: don"t mention the war."
Archiv: New Republic

London Review of Books (UK), 20.03.2014

Dass Putin für seine Gegenrevolution so viel Unterstützung in der russischsprachigen Welt bekommen hat, erklärt sich James Meek in einem langen Report auch mit der jahrelangen und letztlich erfolgreichen Verklärung der sowjetischen Vergangenheit: "Viele der wortgewandtesten und geistreichsten Russen und Ukrainer mittleren Alters, die noch die Wirklichkeit des sowjetischen Lebens kannten und später in der postsowjetischen Welt erfolgreich waren, sind ins Ausland oder in die Wirtschaft gegangen oder eingeschüchtert worden: Auf jeden Fall haben sie die politische Arena verlassen. In Russland und der russischsprachigen Ukraine haben neosowjetischen Populisten die Bühne übernommen, die sich die UdSSR als paradiesartiges Commonwealth vorstellen, über das Moskau gütig herrschte, ein natürliche Kontinuum des Zarenreichs, das allein von den eindringenden Nazi gestört wurde, deren Erbe der Westen angetreten hat und somit einziges Hindernis auf dem Weg zu dessen Wiederbelebung ist. Wer nach 1985 geboren ist, hat keine erlebte Erinnerung, um die Falschheit dieser Version zu bemessen."

El Pais Semanal (Spanien), 03.03.2014

"Wir glauben, dass wir durch Essen die Welt verändern können." Pablo León stellt die Dänin Kamilla Seidler vor, die vor einem Jahr im bolivianischen La Paz ihr Restaurant Gustu samt angeschlossener Kochschule eröffnet hat: ""Es soll nicht nach Angeberei klingen, aber wir wollten einfach etwas Anderes, Sinvolleres versuchen: Mit Jugendlichen arbeiten, die sonst keine Chance hätten, Haute cuisine zu lernen." Das Konzept der Schule sieht vor, Jugendliche von der Straße in die Küche zu holen. Die Küchenchefinnen von Gustu sind zwei junge Frauen, nicht nur, um dem tief verwurzelten Machismo im Lande etwas entgegenzusetzen: "Ich möchte zeigen, dass es gut ist, wenn Frauen Verantwortung übernehmen, und dass es gut ist, wenn Frauen recht haben", erklärt Kamilla Seidler." Restaurant und Kochschule sind Teil des Projektes Fundación Melting Pot Bolivia, in das der dänische Starkoch Claus Meyer, Mitbegründer des weltberühmten Kopenhagener Restaurants Noma, fast eine Million Euro investiert hat. Hier erklärt Seidler ihr Konzept auf Englisch:


New York Magazine (USA), 11.03.2014

In imposanter Länge untersucht Andrew Rice im New York Magazine die Umstrukturierungen bei Sotheby"s, nach Pinaults Christie"s das größte Auktionshaus der Welt und laut Rice in recht wackeliger Position, seit Chefauktionator Tobias Meyer vergangenes Jahr ausschied. Ursache scheint der Mehrheitsaktionär bei Sotheby"s, der Investor Daniel Loeb zu sein, der die altehrwürdige Firma fleißig abzuspecken versucht, um die Aktionäre glücklich zu machen, zu denen er ja selber zählt. "Wie ein Außenstehender fragt er etwa recht frech, wieso die Firma sich immer wieder von Verkäufern um die eigentlich fixe Kommission bringen lässt. Anstatt Vergünstigungen zu gewähren, um an große Werke zu gelangen, sollte Sotheby"s lieber wie ein cleverer Sammler agieren oder wie eine Kunsthändler-Bank, die Beratung und Finanzierung anbietet. Loeb möchte, dass stärker direkt in die Kunst investiert wird … In diese Richtung geht es bereits. Im Januar hat Sotheby"s angekündigt, seine Finanzdienstleistungen um 450 Millionen Dollar zu erweitern. Das soll der Firma erlauben, ihre Rolle als einer der ersten Adressen im Geldmarkt für große Händler und Sammler auszubauen. Der Kunstsammler Peter Brant und Jeff Koons haben bereits von Sotheby"s-Krediten Gebrauch gemacht, Letzterer, indem er eigene Arbeiten verpfändete." Das wiederum scheint gar nicht so neu. Martin Kippenberger, den auch Daniel Loeb sammelt, vermachte bekanntlich der Paris Bar Bilder und erhielt dafür lebenslang freie Kost.

Außerdem in der Ausgabe: Kevin Roose überlegt, ob San Francisco das neue New York ist (was die Mieten angeht, schon). Und Carl Swanson spricht mit Charlotte Gainsbourg über ihre Arbeit mit Lars von Trier.

Nepszabadsag (Ungarn), 14.03.2014

Die größte ungarische Buchhandelskette Alexandra hat offensichtlich Finanzierungsschwierigkeiten. Das Buchimperium wurde durch den Wachstumszwang immer größer: die Alexandra-Gruppe besteht heute aus fünfzig Unternehmen, beschäftigt achthundert Mitarbeiter, unterhält Geschäftsbeziehungen mit allen ungarischen Verlagshäusern - zwanzig bis dreißig davon als Exklusivpartner - und hat einen Jahresumsatz von 20 Milliarden Forint (ca. 66 Millionen Euro) sowie Verbindlichkeiten in Höhe von 19 Milliarden Forint. Zoltán Batka schildert die Situation des Unternehmens: "Die Gläubiger initiierten kein Verfahren gegen den Konzern in der Hoffnung, dass sie früher oder später ihr Geld doch erhalten werden. Die Verlage befürchten darüber hinaus zurecht, dass bei Schließung des Marktführers Alexandra, der gesamte ungarische Buchhandel in den Schoß von Libri fällt - mit allen Vorteilen einer dominanten Marktposition für den Buchhändler, aber mit all den Nachteilen für die Verlage."

Eine guten Einblick in die Probleme des ungarischen Buchmarkts gibt auch dieses Interview mit der Übersetzerin Lídia Nádori auf der Webseite des Goetheinstituts in Ungarn.
Archiv: Nepszabadsag

New York Times (USA), 16.03.2014

William J. Broadmarch beschreibt ein Problem der amerikanischen Forschung: Die massiven Kürzungen von staatlichen Geldern in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass immer öfter superreiche Amerikaner einspringen und wissenschaftliche Projekte fördern. Eigentlich eine gute Sache, weil sie oft effizienter arbeiten als staatliche Forschungsprogramme. Aber diese schleichende Privatisierung der Wissenschaft löst auch einiges Unbehagen aus: "Auf dem Spiel steht, so Kritiker, der Sozialvertrag, wonach Wissenschaft der Allgemeinheit zugute kommen soll... Historisch betrachtet ist die Erforschung von Krankheiten besonders anfällig für ungleiche Aufmerksamkeit entlang der ethnischen und ökonomischen Linien. Ein Blick auf die größten Projekte legt nahe, dass Philantropen mit ihrem Krieg gegen Krankheiten diese Kluft noch vergrößern. Einige der Projekte, getrieben von persönlicher Not, richten sich gezielt gegen Krankheiten, die mehrheitlich Weiße heimsuchen - Mukoviszidose, Hautkrebs und Gebärmutterkrebs."

Im Magazin lotet Yiren Lu das Altersgefälle im Silicon Valley aus und stellt fest, dass junge IT-Nerds nicht auf Grundlagenentwicklung stehen und alte Hasen oft nicht smart genug sind und sich nicht für Apps interessieren. Leicht handhabbare Programmierschnittstellen und -tools machen es möglich, ohne großartige Programmierkenntnisse erfolgreiche Start-ups zu gründen, sorgen aber auch dafür, dass die Programmierung und Herstellung der Web-2.0-Infrastruktur an den weniger coolen, meist älteren Typen hängen bleibt. "Natürlich gibt es Ausnahmen, doch im Ganzen scheinen die Jungen rastloser, immer auf der Suche nach dem nächsten großen Ding, auch weil die Start-ups diese Haltung fördern; daher die Wanderbewegung von Yahoo zu Google zu Facebook und weiter zu jüngeren, hipperen Unternehmen ... Auf der anderen Seite gibt es immer noch Apple, alte Garde, aber nicht uncool. Cool ist da, wo smarte Leute, Geld und ein verlockendes Produkt zusammenkommen."