Magazinrundschau - Archiv

New York Magazine

110 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 11

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - New York Magazine

Kerry Howley porträtiert die Abtreibungsgegnerin Marjorie Dannenfelser, die seit Jahrzehnten mit ihrer Organisation SBA wahre Terror-Kampagnen gegen Politikerinnen und Politiker anzettelt, wenn die sich nicht entschieden genug auf ihre Seite stellen. Dannenfelser ist eine konvertierte Katholikin, sie glaubt an den Teufel und an das Böse, doch ihr politisches Handwerk hat sie bei dem Demokraten Alan Mollohan gelernt: "1989 leitete er den Pro-Life-Caucus im Repräsentantenhaus. 'Er war gut zu mir', sagt Dannenfelser, 'wie ein Vater. Er kümmerte sich.' Er ließ zu, dass sie langweilige Aufgaben vernachlässigte, um sich ganz auf das zu konzentrieren, was ihr am Herzen lag. Von Mollohan lernte Dannenfelser eine ihrer wichtigsten politischen Lektionen: Beim Ausüben politischer Macht darf man nicht zögern. 'Wenn man auf einen Bären schießt', erklärte er ihr, 'muss man ihn töten'. Zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2010, war Dannenfelser Kopf der Susan-B.-Anthony-Liste, eine Gruppe, die ausschließlich daran arbeitet, Abtreibungsgegner im Wahlkampf zu unterstützen. In dem Jahr votierte Mollohan, mittlerweile seit 14 Legislaturperioden Abgeordneter mit makellosem Abstimmungsverhalten, auf eine Art, mit der Dannenfelser nicht einverstanden war. Mollohan glaubte, dass Obamacare staatlich finanzierte Abtreibungen wirksam ausschloss, sie dagegen hielt das entsprechende Dekret von Barack Obama nicht für verlässlich. Nachdem Mollohan für das Gesetz gestimmt hatte, wies Dannenfelser ihr Spendenkomitee an, 78.000 Dollar gegen Mollohan einzusetzen, und ließ im Radio Werbespots senden, in denen es hieß: 'Alan Mollohan hat uns verraten und dafür gestimmt, staatliches Geld für Abtreibungen aufzuwenden', obwohl dies höchstens unklar war. Der Abgeordnete verlor seine Wiederwahl."

Magazinrundschau vom 16.11.2021 - New York Magazine

In einem lesenswerten Artikel erklärt David Wallace-Wells die durch den CO2-Ausstoß verursachte Klimakrise zu einem moralischen Skandal, "verursacht in der jüngsten Vergangenheit von den reichen Ländern des globalen Nordens, erlitten vom globalen Süden, der am wenigsten dafür verantwortlich und am wenigsten vorbereitet ist. Die Reichen sind heute reich aufgrund der Entwicklung, die von fossilen Brennstoffen angetrieben wird, die Ärmsten sind heute diejenigen, die praktisch keine dieser Verschmutzungen verursacht haben. Aber der Atmosphäre ist der Ursprung der Emissionen ebenso gleichgültig wie die Motive. Was zählt, ist die Schadenssumme. Die Klimapolitik beschäftigt sich vor allem mit zukünftigen Emissionsverläufen: Was kann getan werden? Aber wir haben heute eine Klimakrise in all ihrer Dringlichkeit und Brutalität, die auf Altemissionen zurückgeht: Was wurde getan? Folgendes wurde getan: 60 Prozent aller historischen Emissionen wurden zu Lebzeiten des durchschnittlichen Amerikaners produziert, der heute 38 Jahre alt ist. Fast 90 Prozent wurden zu Lebzeiten des amtierenden US-Präsidenten produziert. Das Pariser Abkommen von 2015 hat sich zum Ziel gesetzt, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Dieses Ziel impliziert ein CO2-Budget. 89 Prozent davon haben wir bereits ausgegeben. Heute, da im globalen Süden Hunderte Millionen Menschen keinen Strom haben, werden 80 Prozent der Treibhausgasemissionen von den G20-Ländern verursacht. Fast die Hälfte wird von den reichsten 10 Prozent der Welt verursacht. Ein einziger Transatlantik-Flug verursacht eine Tonne CO2, mehr als die jährlichen Emissionen eines durchschnittlichen Einwohners von Subsahara-Afrika. Eine neuere Studie ergibt, dass vier Amerikaner in ihrem Leben genug Kohlenstoff produzieren, um eine Person zu töten, die anderswo auf der Erde lebt. Reichtum kann Dekarbonisierung ermöglichen. Da saubere Energie für 90 Prozent der Welt billiger ist als schmutzige Energie, lassen erneuerbare Energien endlich tragfähige Visionen von einem globalen grünen Wohlstand entstehen. Doch die gesamte Industriegeschichte ist durch ein anderes Muster bestimmt: Wachstum bedeutet Emissionen und Emissionen bedeuten Wachstum. Die Klimakrise ist das Ergebnis dieser Geschichte, genau wie der Reichtum der Nationen."
Stichwörter: Klimakrise, Klimapolitik

Magazinrundschau vom 28.09.2021 - New York Magazine

Jasper Johns, "Flag", 1954-55. Museum of Modern Art, New York City


Im New York Magazine erinnert sich Jerry Saltz anlässlich der Ausstellung "Jasper Johns: Mind/Mirror" im New Yorker Whitney Museum an seine erste Begegnung mit dem Maler und an die Bedeutung, die Johns Kunst für ihn hatte und immer noch hat: "Johns hatte sich als echter Revolutionär einen Namen gemacht - einen der größten in der amerikanischen Kunstgeschichte. Ein ganzes Jahrhundert lang, von den Impressionisten über Picasso bis hin zu den Abstrakten Expressionisten, von denen die meisten ein paar Jahrzehnte älter waren als Johns, war die Kunstproduktion vom Prinzip der Reinheit und der Vision des Künstlers als geschichtsveränderndes schamanisches Genie bestimmt. Johns leitete ein neues, noch immer andauerndes Jahrhundert ein, in dem Werke absichtlich unrein, unvollkommen und mit den Dingen der Welt verbunden sein konnten, während sie gleichzeitig ernsthafte philosophische Maschinen waren. In dieser Hinsicht hatte er Vorgänger wie Marcel Duchamp und Yves Klein und Nachfolger wie Andy Warhol, Gerhard Richter und sogar Jean-Michel Basquiat. Aber der eigentliche Sprung in der Kunstgeschichte geschah oder begann mit Johns - zum Teil deshalb, weil er, indem er selbstbewusst ikonische Grandiosität ablehnte, ironischerweise Werke schuf, die zu den ikonischsten, wenn auch weitgehend unpersönlichen Werken der gesamten Kunstgeschichte gehören. Deshalb nannte Ed Ruscha ihn 'die Atombombe meiner Ausbildung'."
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Magazinrundschau vom 21.09.2021 - New York Magazine



Von links oben im Uhrzeigersinn: Golgotha Chair aus mit Dacron gefülltem und mit Harz getränktem Glasfasergewebe, 1972. Senza Fine Unica, Sessel aus polychromem PVC, 2010. Die bemalte Harztür in Ruth Lande Shumans Apartment, das Pesce Ende der 80er überarbeitete. Das Selbstporträt-Regal aus Harz, 2019. Alles von Gaetano Pesce.


Modernes Design - da denkt man an kühle Stromlinienförmigkeit. "Das ist nicht die Moderne von Gaetano Pesce", schreibt Matthew Schneier in einer Hommage an den 1939 in Ligurien geborenen Industriedesigner-Künstler-Architekt-Prophet Pesce, der gerade ein neues Comeback erlebt, von dem zahlreiche Ausstellungen zeugen. Pesce hasst glattes, gesichtsloses Design - auch in der Architektur, er findet es totalitär. Für seine eigenen Möbel bevorzugt er organische Materialien wie Harz oder Filz. Und er hat Witz. Zeit für ein Gespräch in Pesces Studio im Brooklyn Navy Yard in New York, wo Pesce seit 1980 lebt: "Ein lippenstiftroter Polyurethanfuß in der Größe eines Motorrads oder ein Bücherregal aus Harz in Form des Gesichts seines Schöpfers können den Weg versperren. In einem Archiv im Obergeschoss stehen reihenweise Vasen aus lollipopartigem Harz Wache, Souvenirs und Satelliten der Pescewelt. Große Stücke, wie das Bücherregal mit dem Gesicht oder der Fuß, kosten 180.000 Dollar und mehr. Über all dem thront Pesce selbst, ein Kobold in Issey Miyake, der sich an seinen Kreationen erfreut, wonky (schrullig) und Wonka. Das lässt ihn etwas harmloser klingen, als er ist. Er ist ein Bombenwerfer, ein 'Fürst der Unordnung', wie Glenn Adamson, ein bekannter Pesce-Forscher, sagt. 'Gaetano ist auf Ärger aus', sagt sein Freund und Förderer Murray Moss, der mit seinem einflussreichen Designgeschäft Moss in Soho dazu beitrug, Pesces Werk in den USA bekannt zu machen. Wer sonst würde einem italienischen Unternehmen vorschlagen, Aschenbecher in Form der gekreuzigten Hand Christi herzustellen, damit man seine Asche direkt in seine blutigen Stigmata streuen kann? (Das war 1969; das Unternehmen lehnte ab.) Oder Modelle aus rohem Fleisch für eine Ausstellung im Louvre anfertigen und sie dann verwesen lassen, bis das Museum von dem Geruch überwältigt war? 'Es gibt viele meiner Kollegen, die Dekoration oder schöne Dinge machen', sagt er. 'Das interessiert mich nicht.'"

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - New York Magazine

Kerry Howley porträtiert den 35-jährigen Whistleblower - und besten Tellerwäscher Nashvilles - Daniel Hale, dem eine lange Gefängnisstrafe blüht, weil er Dokumente über das Drohnen-Tötungs-Programm Barack Obamas veröffentlicht hat. Hale hatte für die Armee in Afghanistan per Handyortungen Personen ausfindig gemacht, die auf einer Tötungsliste standen: "Im Laufe des Krieges gegen den Terror, wie wir ihn früher nannten, bevor er einfach  amerikanische Außenpolitik wurde, überwachte das US-Militär weite Teile Pakistans und des Jemen rund um die Uhr per Drohne, was bedeutet, dass die Menschen, die heute in diesen Gebieten leben, nicht über die Straße gehen können, ohne zu wissen, dass sie aufgezeichnet werden. Das Material wird höchstwahrscheinlich nie gesichtet werden, weil es dafür nicht genug Analysten gibt; wo die Privatsphäre gewährt wird, wird sie nur durch die Gnade der Ineffizienz gewährt. ... Kurz bevor Daniel Hale in Afghanistan eintraf, setzte die Air Force das ein, was sie 'Gorgon Stare' nannte: ein Drohnen-Videosystem, bei dem 368 Kameras jeweils 40 Quadratmeilen abdecken. Früher litten wir beim Beobachten an einem 'Strohhalm'-Problem; man konnte wie durch eine Röhre beobachten, wie sich eine einzelne Figur ihren Weg durch eine Landschaft bahnte, ohne das umliegende Land zu sehen. Die großflächige Überwachung aus der Luft, wie man sie aus Filmen kennt, die von oben aufgenommen wurden, ist in der Tat neu; erst im letzten Jahrzehnt ist es möglich geworden, eine ganze Landschaft zu beobachten, ein ganzes Netzwerk von Menschen zu verfolgen, die sich an einem Ort treffen und jeden von ihnen auf seinem Heimweg beobachten. Ermöglicht wird dieser Blick durch eine sogenannte High-Altitude-Long-Endurance-Drohne, deren Akronym HALE lautet. In den Monaten, in denen er im Drohnenprogramm arbeitete, hat Daniel Hale nie eine Drohne angefasst, nie eine geflogen, nicht einmal auf einer Basis gearbeitet, von der aus sie in die Luft steigen. Die Vorstellung, dass seine eigene moralische Rechtschaffenheit den Krieg in irgendeiner Weise beeinflussen könnte, erschien ihm jetzt als absurd. Manchmal hieß die Maschine, für die er arbeitete, 'ein Sprengkopf, eine Stirn', weil jede Mission nur auf einen Mann zielte. Aber die Männer waren sehr oft von anderen Männern umgeben, wenn die Rakete sie fand. Das war es, was an ihm nagte. Er wusste nichts über diese Menschen; keiner von ihnen wäre das Ziel des Angriffs gewesen. Aber auch sie würden sterben. Und obwohl die Obama-Regierung dies leugnen würde, würden viele Männer Berichten zufolge nicht als Zivilisten, sondern als 'im Kampf getötete Feinde' gezählt werden. Daniel wusste, dass Handys von mutmaßlichen Terroristen an ganz andere Leute hätten weitergegeben werden können, und dass dann unschuldige Menschen und Menschen in der Nähe von unschuldigen Menschen getötet würden. Er wusste, dass niemand zu Hause an so etwas dachte. 'Es gab zwei Welten', sagte Chelsea Manning einmal. 'Die Welt in Amerika und die Welt, die ich gesehen habe.' Die Kluft zwischen dem, was Amerika tat, und dem, was die Amerikaner wussten, war ein Teil des Schreckens, und es war der Teil, der verbesserungswürdig erschien." Mehr zu Hales Verteidigung findet man in The Intercept.

Magazinrundschau vom 23.03.2021 - New York Magazine

In einem Beitrag für das Magazin stellt David Wallace-Wells noch einmal unmissverständlich klar, dass die Vorstellung von den reichen westlichen Staaten, die kein Virus umhaut, ein für alle Mal ins Märchenbuch gehört, wohingegen Staaten wie Südkorea, Neuseeland und auch China über Corona triumphierten. Aber warum? "Schon im vergangenen Frühjahr sprach der ehemalige portugiesische Diplomat Bruno Maçaes angesichts der Gleichgültigkeit in Europa und den USA von einem pandemischen Orientalismus. Als China über Wuhan den Lockdown verhängte, erklärt Maçaes, wurde das von den NATO-Staaten schändlich ignoriert. Corona wurde als Auswuchs archaischer Märkte und exotischer Küche betrachtet und der Lockdown nicht als Demonstration großer Ernsthaftigkeit, sondern als Reflex eines autoritären Regimes und seiner gehorsamen Bevölkerung. Tatsächlich war der Vorgang auch für China Neuland … Ein früher, globaler Reisestopp, so der Virologe Florian Krammer, hätte die Katastrophe womöglich verhindert und wäre moderat gewesen verglichen mit den teuren späteren Lockdowns … Aber es ging nicht nur um Sinophobie. Auch als das Virus in Europa angekommen war, spielte man Abwarten und Teetrinken und wollte lieber nicht in das Leben der Menschen und die Wirtschaft eingreifen. Der Ausbruch in Italien und Spanien führte nicht zu raschen Maßnahmen auf dem Kontinent, ebenso bewegte sich New York nicht, als es in Washington losging … Als die Maßnahmen kamen, waren sie nicht nur zu spät, sondern auch unpassend … In Ostasien wartete man nicht auf die Vorgaben der WHO, um Maskenpflicht, Social-distancing und Quarantäne anzuordnen … Wir dagegen sind davon ausgegangen, dass uns nichts Schlimmes passieren kann und es einen Ausweg gibt - nächsten Monat schon. Es war immer ein Monat, und solange die Lösung nur einen Monat entfernt ist, gibt es kein echtes Problem. Das scheint mir ein Symptom einiger Länder und Gesellschaften zu sein, die lange mit keiner Notlage umzugehen hatten. Wir fühlen uns unwohl mit den harten Entscheidungen, die es zu treffen gilt."

Magazinrundschau vom 23.02.2021 - New York Magazine

Alison Willmore porträtiert die in China geborene, aber in den USA lebende und arbeitende Filmemacherin Chloé Zhao, die sich mit ihren bisherigen drei Low-Budget-Filmen (darunter etwa "The Rider", 2017 von Werner Herzog selbst gepriesen) zu einer der interessantesten amerikanischen Regisseurinnen der Gegenwart gemausert hat: Ihr aktueller Film "Nomadland" hat gute Aussichten, ihr nach dem Goldenen Löwen in Venedig auch den Oscar für den "Besten Film" einzubringen. Und die Marvel-Studios haben bei ihr bereits einen Superhelden-Blockbuster bestellt. "Hollywoods Hunger auf neue Talente außerhalb der gängigen Liste weißer Männer bedeutet auch, dass junge Filmemacher nicht mehr zwangsläufig ein kommerzielles Filmprojekt als Visitenkarte benötigen, um die Aufmerksamkeit von Managern auf sich zu ziehen. Sich selbst als meisterlicher Künstler zu etablieren, der auf Authentizität und regionale Eigenheiten achtet, stellt nicht mehr notgedrungen ein Hindernis dafür dar, sich Richtung Blockbuster weiterzubewegen. Zhaos Karriere ist ein Musterbeispiel dafür, was von einem zeitgenössischen Filmemacher in Hollywood verlangt wird: Sowohl das exquisit Intime, als auch das massiv Kommerzielle bedienen zu können. ... Das filmische Marvel-Universum mag zwar ein gigantisches Multiplattform-Unternehmen darstellen, das die Popkultur derzeit beherrscht, aber Stimmen wie Zhao benötigt es dennoch. Während es in die Streamingwelt expandiert, haben die Filme damit begonnen, Figuren aufzugreifen, mit denen ein Publikum, das die Comics nur lose kennt, weniger vertraut ist. Zhaos 'Eternals' basiert auf Jack Kirbys Schöpfungen aus den 70ern und dringt damit weit tiefer in die Comicwelt vor als, sagen wir, Spider-man. Es hat den Anschein, als würde diese neue Marvel-Ära auf der großen Leinwand nach Regisseuren mit einer Vision für Figuren verlangt, die sich nicht darauf verlassen können, dem Namen nach bekannt zu sein."

Magazinrundschau vom 09.02.2021 - New York Magazine

Im aktuellen Heft erinnert David Wallace-Wells daran, dass die Erneuerbaren immer noch erst zehn Prozent der Weltenergieproduktion ausmachen. Doch es gibt Hoffnung: "Dank Wetterextremen, der Wissenschaft und Aktivisten wie Extinction Rebellion ist die Ära der Klimaleugner erst einmal vorüber. Exxon wurde aus dem Dow Jones Industrial Average Index geworfen, und Tesla machte Elon Musk zum reichsten Mann der Erde. Der Ruf der Ölindustrie sinkt auf den der Tabakindustrie. Abgesehen von Brasiliens Bolsonaro fühlt sich quasi jeder politisch oder wirtschaftlich Verantwortliche aufgrund der ökonomischen Realitäten, der Proteste, des sozialen Drucks und der kulturellen Erwartungen dazu verpflichtet, für das Klima aktiv zu werden. Es wäre schön, dass nicht als Fortschritt verbuchen zu müssen, aber genau das ist es. Die Fragen lauten: Was bringt es? Und was kommt danach? Desinformation und Missachtung sind nicht allein verantwortlich für die Verzögerung, und es ist anzunehmen, dass die Ära des Leugnens nicht von einer der Erlösung abgelöst wird, sondern von einer der Klima-Heuchelei, des Grünwaschens und des Klima-Missbrauchs. Doch das gab es immer … Der zweite Quell guter Nachrichten ist die Ankunft des Eigennutzes in diesem Zusammenhang. Damit meine ich nicht die Logik von BlackRock und ihrer halbherzigen Klimaverpflichtung, sondern den wachsenden weltweiten, gesellschaftsübergreifenden Konsens, dass die Welt durch Dekarbonisierung eine bessere wird. Noch vor zehn Jahren schien es zu teuer, heute ist es ein guter Deal, sogar für McKinsey. Am deutlichsten wird das bei der Luftverschmutzung, die jährlich etwa neun Millionen Menschen umbringt … Was besonders erstaunlich ist an den neuen Klimaversprechen: Sie sind nicht nur ohne US-Führung entstanden, sondern auch außerhalb des Rahmens des Pariser Klimaabkommens. Sie sind nicht das Ergebnis geopolitischer Gewaltakte, sondern stiller Entwicklungen. Erstaunlich vor allem für jene Skeptiker, die seit Jahrzehnten das Problem kollektiver Klimaaktion wälzen."

Magazinrundschau vom 19.01.2021 - New York Magazine

Das ist mal ein Longread! Der Schriftsteller Nicholson Baker ist ziemlich überzeugt, dass der Coronavirus in einem Labor entstanden ist - vielleicht unbeabsichtigt, auf der Suche nach einem Impfstoff - aber doch in einem Labor. Einen Beweis hat Baker dafür nicht, aber einen Beweis für die Entstehung des Virus, wie auch immer, gibt es bislang eben nicht. Auch auch im Westen wird in Laboren an tödlichen Viren geforscht: "Im Jahr 2012 warnte Lynn Klotz im Bulletin of the Atomic Scientists, dass angesichts der Tatsache, wie viele Labore damals mit virulenten Viro-Varietäten hantierten, eine 80-prozentige Chance bestehe, dass irgendwann in den nächsten 12 Jahren ein potenzieller Pandemie-Erreger auslaufen würde. Ein Laborunfall - ein fallengelassenes Fläschchen, ein Nadelstich, ein Mäusebiss, eine unleserlich beschriftete Flasche - ist unpolitisch. Die Behauptung, dass bei einem wissenschaftlichen Experiment in Wuhan - wo COVID-19 zum ersten Mal diagnostiziert wurde und wo es drei Hochsicherheits-Virologie-Labore gibt, von denen eines in seinen Gefrierschränken den umfangreichsten Bestand an beprobten Fledermausviren der Welt aufbewahrt - etwas Unglückliches passiert ist, ist keine Verschwörungstheorie. Es ist nur eine Theorie. Ich glaube, dass sie neben anderen begründeten Versuchen, die Ursache unserer aktuellen Katastrophe zu erklären, Beachtung verdient. ... Es hätte Interviews mit Wissenschaftlern geben sollen, Interviews mit Biosicherheitsteams, genaue Durchsicht von Labornotizbüchern, Überprüfung von Gefrierschränken und Sanitäranlagen und Dekontaminationssystemen - alles. Es ist nicht passiert. Das Wuhan Institute of Virology schloss seine Datenbanken mit viralen Genomen, und das chinesische Bildungsministerium verschickte eine Direktive: 'Jede Arbeit, die den Ursprung des Virus zurückverfolgt, muss streng und eng geführt werden.'" Baker geht es aber nicht um Schuldzuschreibung, sondern generell um die Grenzen der Untersuchung und Manipulation tödlicher Viren. Er macht klar, dass dieser Unfall überall passiert sein könnte: "Es könnte in Wuhan passiert sein, aber - weil jetzt jeder einen voll infektiösen Klon einer beliebigen sequenzierten Krankheit 'ausdrucken' kann - könnte es auch in Fort Detrick passiert sein, oder in Texas, oder in Italien, oder in Rotterdam, oder in Wisconsin, oder in irgendeiner anderen Zitadelle der koronaviralen Forschung. Keine Verschwörung - nur wissenschaftlicher Ehrgeiz und der Drang, aufregende Risiken einzugehen und neue Dinge zu machen, und die Angst vor Terrorismus und die Angst, krank zu werden. Und eine ganze Menge Geld von der Regierung."

Magazinrundschau vom 06.10.2020 - New York Magazine

Als sei das nicht genug, feiert auch QAnon weiter Erfolge, die wild zusammengewürfelte Truppe von Verschwörungstheoretikern, die bei den nächsten Kongresswahlen 24 Kandidaten stellen. Ihre Kernthese: Hollywood und die US-Regierung wimmelten von Pädophilen und Dämonenanbetern, die Donald Trump zur Verantwortung ziehen will. Im Gespräch mit den Kandidaten machte Simon van Zuylen-Wood eine geradezu außerirdische Erfahrung: "Sie stimmen mit nichts überein, was ich für gesicherte Fakten über die Welt halte. Das fühlt sich neu an. Es ist eine Sache, wenn Politiker zynisch aufrührerische Komplotte ihrer Gegner vortäuschen, wie sie es schon immer getan haben. Es ist eine andere Sache, wirklich zu glauben, dass das politische Establishment der Nation von satanischen Vergewaltigern angeführt wird, und dann nach Washington aufzubrechen, um mit ihnen zusammenzuarbeiten." Aber der Reporter lernt auch dies: "Der rote Faden, der die Q-Kandidaten, mit denen ich gesprochen habe, verbindet, kommt aus dem wirklichen Leben: der Fall Jeffrey Epstein. 'Der Grund, warum ich misstrauisch bin, wenn die Leute sagen, Q sei eine Verschwörungstheorie, ist, dass ich seit Jahren von Epstein und dem Lolita-Express gehört habe, und dass er diese Insel besitzt', sagte Raborn, der Kandidat aus Chicago. 'Ich dachte immer, es sei eine Verschwörungstheorie. Und dann wurde er verhaftet. Und wir erfuhren von dem Flugzeug. Ich meine, okay, whoa. Wie viele Dinge halte ich für Verschwörungen, die es in Wirklichkeit gar nicht sind?' Tracy Lovvorn, eine Physiotherapeutin, die für einen Sitz im Zentrum von Massachusetts kandidiert, machte praktisch die gleiche Bekehrungserfahrung. Sie staunt über 'alles, was das FBI in den Jahren 2005, 2006 wusste', und dann, sagt sie, 'musste er so sterben'? Dito Cargile, dessen Interesse an Q aus Epsteins Selbstmord (seinem mutmaßlichen Selbstmord) resultierte: 'Wer hat das geschehen lassen? Wer will nicht, dass er redet? Wer ist am meisten gefährdet, wenn Jeffrey Epstein im Zeugenstand steht und Namen nennt?' Als Fallbeispiel für das Versagen der Elite könnte man es schlimmer treffen, als sich zu fragen, warum Epstein, als er 2007 zum ersten Mal wegen Sex mit Minderjährigen angeklagt wurde, von Floridas damaligem US-Staatsanwalt Alexander Acosta - dem späteren Arbeitsminister von Trump - einen Sweetheart-Deal bekam, der ihm zusicherte, nicht strafrechtlich verfolgt zu werden. (Oder warum Harvey Weinstein oder Gymnastiktrainer Larry Nassar oder die Hierarchie der katholischen Kirche sich so lange der Strafverfolgung entziehen konnten)."