Magazinrundschau

Poesie und Transzendenz

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Freitag Mittag
28.03.2014. Die Huffington Post begutachtet den Wahlerfolg des Front National in Frankreich. Im Guardian erklärt Chimamanda Ngozi Adichie den Unterschied zwischen westlichem und afrikanischem Sexismus. In Eurozine denkt Kenan Malik über sakrale Kunst nach. Die NYRB begibt sich auf Containerschifffahrt. Das TLS walkt eine Toga. Und der New Yorker fragt, was eigentlich bei der Belagerung von Waco 1993 schief ging.

Huffington Post fr (Frankreich), 24.03.2014

Der Front national hat in Hénin-Beaumont in der Picardie (also bei den "Schtis") einen Bürgermeisterposten im ersten Wahlgang erreicht. Der Demograf François Miquet-Marty zählt in einer gegenüber dem FN erstaunlich milden Analyse die weitere Erfolge der Rechtsextremen bei diesen Lokalwahlen auf: "In den folgenden Städten wird der FN in der zweiten Wahlrunde antreten: Forbach, Perpignan, Béziers, Avignon, Fréjus, aber auch Marseille, Metz, Straßburg, Poitiers, Le Mans, Saint-Brieuc, Amiens, Lille, Montauban... In Avignon und Perpignan lagen seine Wahlergebnisse über 30 Prozent."

Die Franzosen in manchen Städten hassen die "etablierten" Politiker so sehr, dass sie lieber Front National wählen - vor allem, weil diese Partei noch nie an der Macht war, schreibt die Publizistin Caroline Fourest einen Tag später: "Das ist keine Überraschung, es ist sogar banal, aber besorgniserregend, wenn man bedenkt, was den Front National tatsächlich von den anderen Parteien unterscheidet... Er hat alle Mängel der Politiker, die von Macht und Zynismus zerfressen sind, ohne jemals die geringste Verantwortung getragen zu haben. Schweigen wir von der Vetternwirtschaft in der Partei und ihrer autoritären und intransparenten Struktur. Und schweigen wir von der Unterstützung der Partei für Baschar El-Assad und Wladimir Putin. In all diesen Punkten hat Marine Le Pen gegenüber ihrem Vater nicht die geringsten "Neuerungen" eingeführt."

American Prospect (USA), 18.03.2014

Deborah Weisgall, Tochter eines Komponisten, ist mit Opern groß geworden. Sie liebt sie, aber mit der Metropolitan Opera in New York ist sie nie so recht warm geworden, erzählt sie. Alles so weit weg, selbst wenn man einen wirklich guten Platz hat. Aber ins Kino? Zu einer Opernübertragung der Met, wie sie in dieser Saison in knapp 1950 Kinos in 65 Ländern (auch in Deutschland) gezeigt werden? Als sie dann doch ging, war es das erste von vielen Malen: "Ich habe seitdem wenig Opern im Kino verpasst. Das Multiplex, sein Popcorn und die Videospiele, wurde zu einem Teil seines populistischen Charmes. Es kümmerte mich nicht, dass Maschinengewehrfeuer aus "Zero Dark Thirty" im Nebensaal Aidas zärtliche Heimweh-Arie unterbrach - oder dass die Kamera nur einen flüchtigen Blick auf die Tänzer und Pferde, die triumphierenden Truppen des Bühnenspektakels werfen konnte." Weisgall geht inzwischen nicht nur ins Kino, sondern auch wieder in die Met, zu der sie erst im Kino ein innige Beziehung knüpfte. Hier eine Kostprobe: 21 Minuten "Lucia di Lammermoor" mit Natalie Dessay in HD.

Guardian (UK), 21.03.2014

Emma Brockes porträtiert in der Guardian Book Review die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, deren neuer Roman "Americanah" gerade erschienen ist. In den USA, erzählt Adichie, fühlte sie sich eher als Frau denn als Schwarze zurückgesetzt. Den Unterschied zwischen westlichem und afrikanischem Sexismus erklärt sie so: "Obwohl es eine ganze Menge sexistischen Mist in Nigeria gibt, legen die Frauen im Westen viel mehr Wert darauf, gemocht zu werden. Und als Frau gemocht zu werden, hat eine gewisse Bedeutung. Wenn in Nigeria eine Frau bei der Arbeit der Chef ist, dann kämpft sie. Die Leute, die für sie arbeiten, Männer wie Frauen, respektieren sie. Aber wenn sie nach Hause geht, wird dieselbe Frau bereitwillig alle Gender-Stereotype erfüllen. Und in der Öffentlichkeit wird sie sagen müssen: "Mein Mann unterstützt mich und erlaubt mir ...""
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Archiv: Guardian

The Nation (USA), 07.04.2014

Im letzten Jahr, 35 Jahre seiner der Ermordung durch eine vergifteten Regenschirmspitze, verjährte der tödliche Anschlag auf den bulgarischen Schriftsteller Georgi Markow in London. Sein Cousin Luben versucht zwar immer noch, Beweise für die Verantwortung des Geheimdienstes SSS zu finden, aber Dimiter Kenarov erscheint das in seinem riesigen Text über Markow für nicht sehr aussichtsreich. ""In Bulgarien gab es keine echte Dekommunisierung, keine Lustration und die Geheimdienstakten des SSS wurde sehr spät geöffnet, um einen kontrollierten Übergang in die Demokratie zu erreichen", sagt der Journalist Hristo Hristov. "Aber im Endergebnis wird die Gesellschaft immer noch durch die selben Apparate manipuliert, in denen die ehemaligen Mitgliedern des SSS präsent sind - in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien. Das ist der Grund, warum wir keine Erinnerung an Georgi Markow haben. Und die Erinnerung an Markow fehlt, weil es insgesamt keine Erinnerung an die Opfer des Kommunismus gibt." In Bulgarien sei es viel einfacher die Memoiren des ehemaligen kommunistischen Staatschefs Todor Schiwkow zu finden als Markows Romane "Das Porträt meines Doppelgängers" oder "Die Frauen von Warschau".
Archiv: The Nation

Eurozine (Österreich), 12.03.2014

Kenan Malik denkt über sakrale Kunst nach und kommt unter anderem zu dem Schluss, dass sie ihre Erhabenheit nie dadurch erreicht, dass sie das Göttliche beschwört, sondern dass sie es durch Poesie und Transzendenz ersetzt. So sei es bei Mozarts "Requiem" oder Nusrat Fateh Ali Khans "Qawwli", Scheich-Lotfollah-Moschee in Isfahan oder Laotses "Tao Te King": "In der vormodernen Welt war es schwierig, Sinn und Bedeutung anders als im Verhältnis zu Gott oder zu den Göttern zu erfassen, oder als Aspekte des Universums selbst. Daher wurde das Transzendente unweigerlich in einem religiösen Licht besehen. Doch die Moderne hat es möglich gemacht, Sinn und Bedeutung als etwas von Menschen Geschaffenes zu erfassen. Wie der französische Philosoph Denis Diderot feststellte: "Wenn wir den Menschen, das denkende und anschauende Wesen, von der Erde verbannen, dann wird dieses bewegte und erhabene Spektakel der Natur nichts weiter sein als eine traurige und stumme Szenerie." Es sei "die Anwesenheit des Menschen, die der Existenz Bedeutung verleiht"."
Archiv: Eurozine

New York Review of Books (USA), 03.04.2014

Maya Jasanoff bespricht Rose Georges Buch "Ninety Percent of Everything" über die faszinierende, komplett rationalisierte, aber halb gesetzlose Welt der Container-Schifffahrt. Jasanoff selbst ist, weil sie an einem Buch über Joseph Conrad arbeitete, auf einem Container-Schiff von Hongkong durch den Suez-Kanal nach Southampton gefahren: "Wenn heute ein Container-Schiff in einem Hafen einläuft, gleitet es in einen rund um die Uhr laufenden Prozess, der von Logistik-Experten in weit entfernten Büros gesteuert wird. An Bord des Schiffes prüft der Erste Offizier, ob die Dinge alle nach dem computerisierten Plan der Logistiker laufen. Als wir an Bord der Christophe Colomb in Hongkong beobachteten, wie die Container auf das Schiff gestapelt wurden, fragte ich den Ersten Offizier, ob er wüsste, was darin sei. Völlig desinteressiert zuckte er mit den Schultern. Alles, was er weiß - was überhaupt jemand weiß, ist, ob die Container gekühlt werden müssen oder ob sie gefährliche Materialien enthalten und in einem sicheren Lagerbereich untergebracht werden müssen. Ein Frachter liegt heute nur sechs bis vierundzwanzig Stunden in einem Hafen, die Matrosen gehen nur noch selten von Bord. Die Container errichten eine Wand zwischen Land und Meer und machen jede Seite für die andere weniger zugänglich."

Harlems Tragödie besteht nicht darin, dass jetzt die Stadtentwickler kommen, sondern dass der Bezirk jahrzehntelang herunterkommen konnte, meint Darryl Pinckney. "Wenn wir uns heute darüber aufregen, dass die schwarze Bevölkerung von Stadtplanern aus Harlem vertrieben wird, vergessen wir, was für ein verlassener und heruntergekommener Ort Harlem zuvor geworden war. Harlem verlor über Jahrzehnte an Bevölkerung, während Brooklyn zur größten schwarzen Stadt in den USA und der Geburtstort des HipHop wurde. Das Problem besteht nicht darin, dass die Armen plötzlich vertrieben werden, sondern dass die Schwarzen über all die Jahre keine Kredite bekommen haben, mit deren Hilfe sie etwas aus Harlem hätten machen können."

Times Literary Supplement (UK), 19.03.2014

Eine weiße Toga genügte dem Römer nicht. Sie musste blenden, strahlen! Das galt nicht nur für die Togen reicher Leute und Senatoren. Auch die Armen wollten ihre gewöhnliche Wolle zu einem glänzenden Stoff verarbeitet sehen. Dafür zuständig waren die "Fullo", die Walker, denen Miko Flohr gerade ein faszinierendes Buch gewidmet hat, schreibt Greg Woolf im TLS. "Wenn Marullus, in den ersten Zeilen von "Julius Caesar", einen Bürger fragt: "Wo ist dein ledern Schurzfell und dein Maß? Was machst du hier in deinen Sonntagskleidern?", Dann meint er (oder sollte meinen): Warum trägst du eine glänzende, gutgewalkte Toga?" Wer wissen will, wie die Walker, diese "Magier des Gewöhnlichen" arbeiteten, oder wer sich überhaupt für die Wirtschaft in der Antike interessiert, dem empfiehlt Woolf dieses Buch.
Stichwörter: Mode, Römer, Led

New Republic (USA), 07.04.2014

Noam Scheiber schickt eine herzergreifende, hüstel, Reportage über Ungerechtigkeiten unter den Onepercentern in Silicon Valley: Dort leiden Programmierer über 35 unter massiver Diskriminierung. "Während ich dies schreibe, wirbt ServiceNow, eine große IT-Company in Santa Clara, um neue Mitarbeiter - in Großbuchstaben und unter dem Slogan: "Wir suchen Leute, die ihre beste Arbeit noch vor sich haben, nicht hinter sich". Und das ist nur, was man öffentlich sagt. Ein Ingenieur in seinen Vierzigern erzählte mir kürzlich über ein Treffen mit einem CEO, der versuchte, seine Firma zu kaufen: "Sie müssen der Quotengraubart sein", sagte der CEO, der in seinen späten Zwanzigern oder frühen Dreißigern war. Er sah ihn an uns sagte: "Nein, ich bin der Quotenerwachsene." Nachdem ich acht Monate lang mit Dutzenden von Leuten rund um Silicon Valley geredet habe - Ingenieuren, Unternehmern, Finanziers, unangenehm neugierigen Schönheitschirurgen - überkam mich das starke Gefühl, dass ich besser nicht aussehen sollte wie jemand, der schon in den Achtzigern gewählt hat. Dann lieber naiv und unreif."

Und hier ein paar von den 15- bis 22-jährigen Wunderkindern aus dem Silicon Valley.
Archiv: New Republic

n+1 (USA), 17.03.2014

Tja, die neue Stadt in den USA, wo man leben sollte, wenn man irgendwie alternativ drauf ist, scheint ähm ... Boise in Idaho zu sein. Ryann Liebenthal, der aus der Stadt kommt, erzählt, wie es dazu kam, und wie ein kleines Kulturprogramm der Stadt half, neue Bevölkerung anzuziehen: "Vielleicht segelt Boise ein bisschen im Windschatten des Phänomens, das Portland vor zehn Jahren hervorbrachte. Oder Austin. Oder Asheville. Oder Seattle in den Neunzigern. Oder andere Städte, die in Lifestyle-Magazinen für ihre authentische lokale Kultur gepriesen werden. Vielleicht ist es sinnnvoll, der nivellierenden Internet- und Megacity-Kultur tatsächlich mit solchen Ameisenhügeln kultureller Aktivität zu begegnen. In Boise war dieser Prozess langsam und mühsam, und so fühlt es sich immer noch frisch und aufregend an, wenn deine Lieblingsband berühmt wird - aber ich fürchte auch den Goldrausch." Wenn die ganze Stadt so angenehm entspannt, psychedelisch und rau ist wie die Musik von Built to Spill, die aus Boise kommen, sollte man vielleicht tatsächlich hinziehen.
Archiv: n+1

La vie des idees (Frankreich), 21.03.2014

Über dreißig Jahre ist es her, dass der französische Soziologe Pierre Bourdieu sein Opus magnum "Die feinen Unterschiede" vorlegte. Zeit also, einmal zu überprüfen, ob seine Thesen zur Entstehung und Funktion des "Klassengeschmacks" sowie seine Konzepte und Begriffe auch heute noch Gültigkeit haben. "Klassifiziert kulturelles Kapital noch?" lautet denn auch die Überschrift von Igor Martinaches Besprechung eines Sammelbandes zum Thema in La vie des idées. Der Band beinhaltet auch aktuelle internationale Forschungsbeiträge, etwa zur Dominanz eines "traditionellen Geschmacks" der reichsten Einwohner von Sao Paulo, der jeglichen Avantgardismus ablehnt, oder "zu einem Vergleich zwischen Großbritannien und Dänemark, der sich unter anderem auch auf Forschungen in Serbien bezieht und zu zeigen versucht, dass in diesen sehr unterschiedlichen Kulturen nach wie vor eine wenn auch schwächer werdende legitime Wissenskultur existiert, mittels derer die Angehörigen der dominanten Gesellschaftsklassen sich weiterhin abgrenzen."

In einem flankierenden Gespräch bestätigt Herausgeber Philippe Coulangeon die erstaunliche Anpassungsfähigkeit von Bourdieus Analyseinstrumentarium auch an andere historische und kulturelle Kontexte. Natürlich könne man sagen, was in den Siebzigerjahren über soziale Positionen und gewisse Merkmale wie Geschmack, Lebensstil geschrieben wurde, heute nicht mehr funktioniere. Aber sie existierten immer noch, manifestierten sich allerdings nicht mehr in gleicher Weise. "Ich persönlich glaube, dass die Matrix absolut zutreffend und aussagekräftig ist, um gewisse Sachverhalte zu verstehen, auch wenn sich deren Erscheinungsformen stark verändert haben." Außerdem gefunden: eine Doku des Hessischen Rundfunks von 1981 über Bourdieu und die "feinen Unterschiede".

New Yorker (USA), 31.03.2014

Malcolm Gladwell untersucht die umstrittene Belagerung der Branch Davidians oder Davidianer, in Mount Carmel, Waco, Texas, 1993 durch das FBI. 82 Mitglieder der Sekte kamen damals beim Brand der Siedlung ums Leben sowie der Anführer David Koresh, der sich für das Lamm Gottes hielt und mit 12-jährigen Prinzessinnen eine künftige Königsdynastie zeugen wollte. Gladwell lässt die Ereignisse durch die Augen des Überlebenden Clive Doyle Revue passieren und kommt zu dem Schluss, das FBI habe die Sekte gründlich missverstanden, was schließlich zur Katastrophe geführt habe: "Das FBI dachte, es handle sich um einen fragilen Kult und dass die Davidianer durch die Belagerung paranoid werden und sich verteidigen würden. Keiner realisierte, dass die Gruppe anders war und es liebte, in sechsstündigen Bibellektüresitzungen eine knifflige Passage aus der Offenbarung zu diskutieren … Folgenschwerer war, dass die Polizei den religiösen Glauben der Davidianer nicht ernstnahm und sie für exzentrische Spinner hielt, für eine Bedrohung, die sie mit riesigen Scheinwerfern und 24-h-Beschallung mit tibetischen Gesängen und Weihnachtsliedern bekämpfte … Was sie nicht verstanden: die Davidianer glaubten, sie würden eine späte Phase der Endzeit durchleben, in der sie zu leiden hätten. Darum gaben sie nicht nach."
Archiv: New Yorker