Klappentext

Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von Florent Perrier. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. "Man muss alles lesen, alles studieren" - Michel Foucaults lakonische Anweisung für erfolgreiches historisches Arbeiten ist selten ernst genommen und noch seltener verwirklicht worden. Für Jean-Michel Palmier war sie eine Selbstverständlichkeit. Seine monumentale Studie über Walter Benjamin ist das Lebenswerk eines Gelehrten, der den zahlreichen Benjamin-Interpretationen nicht eine neue hinzufügt, sondern schlicht den Schlüssel zum Verständnis dieses enigmatischen Autors liefert.
Minutiös zeichnet Palmier den philosophischen, politischen und ästhetischen Denkweg Benjamins nach und beseitigt zahlreiche Missverständnisse und Klischees, etwa das des "marxistischen Rabbiners", der die Alternative zwischen historischem Materialismus und Theologie in ein unauflösliches Dilemma verwandelt. Vor allem aber schließt Palmier die Lücken einer oft simplifizierenden und immer wieder um dieselben Themen kreisenden Rezeption. Der Lumpensammler, der Engel und das "bucklicht Männlein" werden so zu Grundfiguren einer philosophischen Erzählung, die nicht hagiographisch, sondern systematisch die Komplexität von Benjamins Denken erschließt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.04.2010

Als Meilenstein der Benjamin-Forschung, der die Deutungskämpfe der letzten Jahrzehnte unter sich begrabe, feiert Alexander Cammann diese Monumentalbiografie - und das, obwohl es seinen Informationen zufolge nur ein Torso ist, da der Ästhetikprofessor Jean-Michel Palmier mitten in der Arbeit gestorben sei, weshalb von geplanten 2000 Seiten nur 1300 erscheinen konnten. Auch zeigt dieses Werk dem Rezensenten, dass es "die eine Achse für den synoptischen Benjamin" nicht gibt. Allerdings haben Akribie und Askese, mit der Palmier Debatten, Fakten und Fälschungen aufgreift und aufbereiteet, seinen Preis. Zwar befinde man sich als Leser immer auf der sicheren Seite. Allerdings werde dies bisweilen etwas langweilig, da man sich seinen Benjamin im Kopf selbst inszenieren müsse. Dabei bedürfe es dringend einer "vibrierenden Neuinszenierung" dieses Denker, schreibt Cammann. So umflort das Buch, das aus seiner Sicht Ende des 20. Jahrhunderts nötig gewesen wäre, auch die Tragik des Zuspätkommens. Der Übersetzung wird das Prädikat "heroisch" verliehen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.02.2010

Wolfgang Matz holt weit aus, um uns einen der erstaunlichsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts vorzustellen: Walter Benjamin. Wie wenig die Forschung diesem Umstand bislang gerecht werden konnte, weiß Matz auch zu berichten. Die unendlichen Deutungsversuche sind für ihn Teil ideologischer Grabenkämpfe oder Mythisierungen der Gestalt Benjamin, also unbrauchbar. Um so wunderbarer für Matz, dass Jean-Michel Palmiers voluminöse Benjamin-Monografie nun endlich auf Deutsch vorliegt. Unvollendet zwar, aber für Matz beeindruckend, weil Palmier der Falle des systematischen Interesses entgeht und historisch-chronologisch der Lebens- und Werkgeschichte folgt, um so der "verblüffenden Parallelität" in Benjamins Schaffen gerecht zu werden und einen "einzuschätzenden Intellektuellen" zu zeigen, keinen Künder ideologischer Wahrheiten. Bleibt für Matz noch festzustellen, dass auch Palmier trotz allem nur Vorarbeit leistet zu einem "Benjamin für das 21. Jahrhundert", wenngleich unverzichtbare. Denn auch Palmier, so kritisiert der Rezsensent, lasse die großen Leerstellen der Benjamin-Rezeption offen, folge dessen Begrifflichkeit und Bildlichkeit allzu unkritisch und blende den "deutschen Benjamin" (den zwischen Hölderlin, Goethe und George) aus.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2010

Rezensent Ralf Konersmann würdigt Jean-Michel Palmiers Benjamin-Biografie als überfällige Befreiung aus der Deutungshoheit überschwänglicher "Benjamin-Gemeinden", das noch ausstehende große Benjamin-Buch liegt damit aber noch nicht vor, wie er mit leisem Bedauern feststellt. Zunächst aber begrüßt der Rezensent nachdrücklich die kritischen Fragen, die der Autor an das Werk des Philosophen heranträgt und kann sein Projekt, Benjamin mit sachlicheren Augen zu sehen, als das bisher geschehen ist, nur gutheißen. So manches, wie Palmiers Offenlegen von Benjamins philosophischen Wurzeln im "jüdischen und neukantianischen Denken" eines Franz Rosenzweig oder Herman Cohen oder Deutungen zu Benjamins Engelmetapher oder seinem "Ursprungsbegriff", findet Konersmann dann auch schlicht brillant. Allerdings sei es wichtig darauf hinzuweisen, dass Palmiers Buch Fragment geblieben ist, denn der Autor starb 1998. Damit stellt sich für den Rezensenten nicht nur die Frage, inwieweit der Herausgeber in diese Darstellung eingegriffen hat. Palmiers Tod erklärt auch - zumindest zum Teil - dass die neuere Forschung in diesem Buch nicht berücksichtigt wurde. Und darum ist dieses Buch - bei allen Qualitäten - für Konsersmann doch nicht der "große Wurf" einer Benjamin-Interpretation dieses Jahrhunderts.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.01.2010

Sehr beeindruckend, aber letzten Endes doch etwas unbefriedigend findet Rezensent Rolf Wiggershaus dieses vom Autor leider nicht mehr vollendete und im französischen Original bereits 1998 erschienene Standardwerk über den Philosophen Walter Benjamin. Beeindruckend findet es Wiggershaus ob Palmiers intensiver und extensiver Kenntnis der Schriften Benjamins, seiner Fähigkeit zur "Einfühlung" ebenso wie zur genauen kritischen Lektüre und auch zur Einbettung im geistesgeschichtlichen Hintergrund. Den letzten Teil, der sich mit Benjamins - ebenfalls nicht vollendetem - Passagenwerk befassen sollte, hätte der Rezensent liebend gern auch noch gelesen. Das Problem, das er mit Palmiers Buch hat, hat allerdings gleichfalls mit den ausufernden Kenntnissen des Autors zu tun. Es könne einem nämlich, je länger man lese, so vorkommen, als führe der Weg, nur immer tiefer in ein "Labyrinth", in das keine Luft von außen mehr gelangt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.12.2009

Rezensent Thomas Meyer spart nicht an Lob für Jean-Michel Palmiers Benjamin-Biografie. Wie Perlen auf eine Kette reiht er seine durch und durch positiven Urteile über dieses Buch, dessen Inhalt er recht knapp als "Interpretation nahezu sämtlicher Texte" beschreibt. Dann geht es los: Meyer schreibt vom intellektuellen Vergnügen, das ihm die Wanderung durch dieses "gigantische Gedankenmassiv" bereitet hat, lobt Palmiers Klarheit, Klugheit, Brillanz, Redlichkeit und Selbständigkeit, sein breites ideengeschichtliches Wissen, das hohe Niveau und vieles mehr. Besonders "wohltuend" erscheint ihm an diesem Großwerk des 1998 verstorbenen Literaturwissenschaftlers und Philosophen, dass er Benjamin nicht als paradigmatischen jüdischen Intellektuellen begreift (oder auch missbraucht), sondern ganz nüchtern als Literaturkritiker, Übersetzer von Proust und Baudelaire oder Theoretiker des Barock-Drama.
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