Magazinrundschau

Wie Mama ihn schuf

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
24.03.2009. In der Lettre stimmt Juri Afanassjew einen Schwanengesang auf Russland an. The Nation fordert staatliche Dollar für die alten Medien. In El Pais Semanal hofft Javier Cercas auf einen Roman über Hitlers Schnurrbarthaar. Im Guardian macht Mary Beard jede Hoffnung auf einen guten Tod zunichte. Im Nouvel Obs schreibt Alain Finkielkraut nicht über die Kundera-Affäre. In der New York Review of Books lernt John Gray von Margaret Atwood einiges über Schulden. Elet es Irodalom grübelt über das Anderssein. Das TLS feiert Josef Skvorecky. Im Espresso betrachtet Umberto Eco die Körper Mussolinis und Berlusconis. In der New York Times erzählt Carlos Fernando Chamorro, wie man gegen seine Mutter opponiert.

Lettre International (Deutschland), 24.03.2009

Die Lettre hat Juri Afanassjews großartigen Essay über das Ende Russlands ins Deutsche übersetzt! Sein Blick zurück beginnt mit der Schilderung der großen Leere, die er empfindet angesichts der jüngsten Handlungen der russischen Regierung, die vom Volk so "enthusiastisch unterstützt" werde wie in den dreißiger Jahren. "Die Leere ist noch schmerzlicher geworden nach der Ermordung von Dimitri Cholodow, Larisa Judina, Galina Starowoitowa, Sergej Juschtschenko, Anna Politkowskaja und Magomed Jewlojew; nachdem Andrej Pjontkowski des 'Estremismus' angeklagt und Michail Beketow brutal zusammengeschlagen wurde. Die Leere wird noch unerträglicher, wenn man den Intellektuellen unserer Zeit nicht als Individuen zuhört, sondern sie als Kollektiv, als die Stimme eines eigenen 'Ethos' bzw. einer ethnischen Gruppe vernimmt. Kurz gesagt, unsere Intellektuellen (ausgenommen eine Handvoll Personen) stehen heute auf Seiten der Regierung, nicht auf der Seite der Bevölkerung. Dies ist wohl der Hauptgrund dafür, dass die Bevölkerung immer noch nur 'Bevölkerung' ist und nicht zu einem 'Volk' werden konnte. Noch dichter wird die Dunkelheit, die unsere Intelligenzija heute ausstrahlt, wenn man ihre Tradition von mehr als einem Jahrhundert ins Auge fasst. Man spricht und schreibt darüber nicht gern laut als von einer Realität, die bis zu Ende gedacht ist. So entgleitet schon das Problem der 'Tradition der russischen Intelligenz' in die Leere, verschwindet in Dunkelheit." (Hier ein Auszug auf Deutsch und hier ein Bericht in der NZZ über Reaktionen in Russland auf den Artikel.)

Übersetzt wurde auch ein Teil von Bela Hamvas' 1960 erschienenem Essay "Direkte Moral und schlechtes Gewissen". Er beginnt so: "Man kommt überhaupt nicht voran. Der Intakte ist ungebildet, der Gebildete ist korrupt. Vor dem Intakten muss die Bildung verleugnet werden, und vor dem Gebildeten muss das Intakte verleugnet werden. Man kommt überhaupt nicht voran." Die Übersetzer, Gabor Altorjay und Carsten Dane, arbeiten übrigens seit sechs Jahren auf eigene Rechnung an einer deutschen Übersetzung von Hamvas' 1500-seitigem Hauptwerk "Karneval". Die bereits übersetzten ersten 633 Seiten können Subskribenten hier lesen.

In der Lettre dürfen wir außerdem lesen: kurze Auszüge aus den schrägen Geschichten "Aurach" von Marek Kedzierski und "Der Bauernkaiser" von Liao Yiwu, Tsering Shakyas Schilderung des Kampfs der Tibeter um kulturelle Autonomie, Mahrokh Charliers Beschreibung des muslimischen Mannes, Steven Weinbergs Essay "Ohne Gott", Wolfgang Storchs Untersuchung über Dichter und Philosophen im Mahlstrom der preußischen Geschichte und Haukur Mar Helgasons Brief aus Island. Martin Geck schließlich erzählt, was Richard Wagner an Mendelssohn aufregte: er war ein "jüdisches Glückskind".

The Nation (USA), 06.04.2009

Kürzlich forderte der Journalismusprofessor Joel Brinkley für die Printmedien eine Ausnahme vom Kartellrecht, damit sie alle zusammen und gleichzeitig im Netz Geld für ihre Artikel nehmen können. Dann trafen sich die Herausgeber der größten amerikanischen Zeitungen mit Google, um ein besseres Ranking ihrer Artikel bei Google zu fordern. Und nun fordern John Nichols und Robert W. McChesney im Aufmacher der Nation staatliche Unterstützung für die etablierten Medien. Oder vielmehr: verstärkte Unterstützung, denn eigentlich sei die Presse schon immer staatlich subventioniert gewesen. "Die staatlichen Subventionen, die von den Gründern [der Vereinigten Staaten] eingeführt wurden, endeten nicht im 18. oder gar 19. Jahrhundert. Heute verteilt die Regierung zig Milliarden Dollar an direkten oder indirekten Subventionen. Dazu gehören vor allem freie, permanente und monopolartige Sendefrequenzen, monopolartige Kabel- und Satellitenprivilegien, Urheberrechtsschutz und Portosubventionen. ... Weil diese Subventionen vor allem den Reichen und Mächtigen nützen, werden sie selten erwähnt in den fiktiven Berichten über die unabhängige und angriffslustige vierte Gewalt. ... Die Wahrheit ist, dass Regierungspolitik und Subventionen unser Pressesystem bereits definieren."

Außerdem: Norman Birnbaum berichtet mit großem Bedauern, dass die linke italienische Tageszeitung il manifesto vor dem Aus steht, weil sie keine staatlichen Subventionen mehr bekommt. Hier kann man spenden.
Archiv: The Nation

El Pais Semanal (Spanien), 22.03.2009

"Trau Leuten nicht, die keine Romane lesen." Javier Cercas zieht Schlussfolgerungen aus Thimothy Rybacks jüngst veröffentlichtem Buch über Hitlers Privatbibliothek (s. a. hier): "Dass dem Führer Romane nicht gefielen, wundert mich nicht - von Anfang an wurde der Roman von humorlosen Menschen misstrauisch beäugt, ist er doch die ironische Literaturgattung par excellence, ein Werkzeug des Teufels, das alles nur noch komplizierter macht. Außerdem schenkt Ryback zukünftigen Romanciers den Stoff für zwei grandiose Romane: einmal ein Krimi über das mysteriöse Buch, das auf Hitlers Nachttisch im Bunker lag, als er sich umbrachte - es ist auf einem Foto zu sehen, den Titel allerdings erkennt man nicht; vor allem aber ein metaphysischer Roman über das Schnurrbarthaar, das Ryback in einem der Bücher Hitlers fand - Gott im Himmel, dieses Haar..."
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Stichwörter: Javier Cercas, Bunker

Guardian (UK), 21.03.2009

Die Griechen und Römer sind schuld daran, dass wir auf einen "guten Tod" hoffen, möglichst mit einem letzten Witz auf den Lippen. Alles Quatsch, meint die Professorin für Altphilologie, Mary Beard, Sterben ist eher wie bei Seneca: langsam, schwer und schrecklich. "Ich persönlich hoffe auf einen dieser massiven Herzinfarkte (nicht die schwache Sorte, die einen bloß als Invaliden zurücklässt). Das tun auch die meisten Ärzte, die ich kenne. Mit einem Schlag auf dem Golfplatz abtreten, ist der bevorzugte Ausgang für Mediziner. Warum aber gerade sie darauf bestehen, dem Rest von uns Pillen zu verschreiben, die ein solches Ereignis unwahrscheinlich machen und uns damit viel weniger wünschenswerten Todesarten überlassen, bleibt ein Geheimnis. Ich warte immer noch auf den Arzt, der meinen hohen Blutdruck und die erhöhten Cholesterinwerte mit einem Lächeln und der warmen Vorhersage eines frühzeitigen, aber schnellen Endes begrüßt."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Pille

Nouvel Observateur (Frankreich), 19.03.2009

Der große Kundera-Bewunderer Alain Finkielkraut hat zur Kundera-Affäre im letzten Jahr - Kundera soll in den frühen fünfziger Jahren in Prag einen Kurier des amerikanischen Geheimdienstes verraten haben, und die Dokumente, die das bezeugen, sind kaum in Zweifel zu ziehen, mehr hier - nicht Stellung genommen. Nun bespricht er für den Nouvel Obs einen neuen Essayband Kunderas (Une rencontre", Gallimard) über seine literarischen Begegnungen. Und Kunderas Bekenntnis ausgerechnet zu Anatole France' heute vergessenem Roman "Les dieux ont soif" klingt wie ein Reflex auf die Affäre. Finkielkraut schreibt: "Warum konnte gerade dieser Roman, der in Paris im Jahre 1793 spielt, im stalinistischen Prag der fünfziger Jahre eine solche Rolle spielen? Weil er sich nicht damit begnügt, seine Hauptfigur Evarist Gamelin, einen jungen Maler, der zu einem fanatischen Anhänger der Revolutionstribunale wird, als ein Ungeheuer zu zeichnen, sondern weil er das existenzielle Geheimnis dieser emotionalen und so alltäglichen Ungeheuerlichkeit erforscht."

New York Review of Books (USA), 09.04.2009

Der britische Philosoph John Gray empfiehlt nachdrücklich Margaret Atwoods Buch "Payback", das zeige, wie sich mit den billigen Krediten unsere Vorstellungen von Schulden gewandelt haben: "Wenn Atwoods 'Payback' eine Lektion enthält, dann, dass Schulden zurückgezahlt werden müssen. Die Art politischer Ökonomie, die in den vergangenen zwanzig Jahre in den USA herrschte und von der einige glaubten, sie würde sich über die ganze Welt verbreiten, basierte auf dem Glauben, dass diese altmodische Maxime nicht mehr gelte. Eine neue Ära war angebrochen, in der ausgeklügelte Finanztechniken Schulden in ein Mittel zur Wohlstandsmehrung wandelten, von dem sogar die Armen profitieren konnten. Die neue Ära stellte sich als kurzlebig heraus - oder eher nichtexistent."

Pico Iyer spekuliert, dass sich in der Politik der tibetischen Unabhängigkeitsbewegung ein Wandel ankündigen könnte. Er hat den Dalai Lama auf einer Reise durch Japan begleitet und ihn dort offenbar erstaunlich resigniert erlebt. Er zitiert ihn mit den Worten: "Ich muss einsehen, gescheitert zu sein. Gemessen an der Frage, ob die chinesische Herrschaft milder geworden sei, ist meine Politik gescheitert. Wir müssen der Realität ins Auge sehen."

Abgedruckt wird ein Offener Brief, in dem zahlreiche prominente Intellektuelle sich hinter die neuerlichen Bedrohungen ausgesetzte iranische Menschrechtlerin Shirin Ebadi stellen.

Weiteres: Mark Danner beschäftigt sich sehr eingehend mit einem geheimen Bericht des Rotes Kreuzes 2007, der sehr detailliert die Folterung von vierzehn hochrangigen Gefangenen in CIA-Gewahrsam festhält. Und Ingrid D. Rowland stellt die Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian (1647-1717) vor, der im Rembrandt Haus in Amsterdam im J. Paul Getty Museum in Los Angeles große Ausstellungen gewidmet waren.

Elet es Irodalom (Ungarn), 13.03.2009

Wie versucht unsere europäische Kultur mit den kulturellen Differenzen, mit dem Anderssein umzugehen? Mit dieser Frage befasst sich die Ausstellung "Der Andere" im Budapester Ethnografischen Museum. Parallel zur Ausstellung gab es auch eine Vortragsreihe. Eine der Dozenten war die Anthropologin Anna Losonczy, Professorin an der Pariser Ecole Pratique des Hautes Etudes, die, nachdem sie Ungarn 1972 verlassen hatte, fast zwanzig Jahre lang die ethnischen Beziehungen zwischen Schwarzen und Indios in Kolumbien untersuchte. Istvan Harangozo fragte sie, wie es um die Akzeptanz des Anderen im heutigen Ungarn bestellt sei - vor allem in Bezug auf die Roma. Die Ungarn mussten sich seit 1989 mit so viel neuem auseinandersetzen, meint Losonczy, "dass sich die einzelnen Gruppen dabei tatsächlich entfremdeten und dann in dieser Fremdheit, wie eine Karikatur, erstarrten. Alle Nuancen sind verloren gegangen. [...] In einer Gesellschaft, in der neue Legitimationen aufgebaut werden - und daher jede Beziehung zur Außenwelt neu definiert werden muss - wird der innere Andere, der zuvor intim war und zur eigenen Identität gehörte, zum Außenseiter. Der bekannte Andere hatte uns dabei geholfen, die eigene Identität zu konstruieren, doch dieser Konstruktionsprozess ist nun unterbrochen, nicht nur bei uns, sondern auch in den anderen Ländern der Region. Deshalb sind alle Minderheiten in der Umgebung sehr empfindlich von dieser Erscheinung betroffen."
Stichwörter: Fremdheit, Kolumbien, Roma

Espresso (Italien), 19.03.2009

Umberto Eco attestiert seinem Lieblingsfeind Silvio Berlusconi eine Obsession für den eigenen Körper. Eco erinnert der Körperkult an frühere und zum Glück längst vergangene Zeiten. "Wenn es eine Ähnlichkeit zwischen Berlusconi und Mussolini gibt (um niemanden auf die Barrikaden zu bringen, wir glauben nicht, dass Berlusconi faschistisch ist, sondern dass er wie Mussolini eine populistische Beziehung mit der Masse eingehen will und die parlamentarischen Institutionen schleift, sie in einem Fall abschaffen lässt und in einem anderen Fall abwertet), dann liegt sie in der fast schon manischen Kontrolle des eigenen Bildes (...) Der fundamentale Unterschied zwischen Mussolini und Berlusconi ist, dass erster seinen eigenen Körper einsetzte, die nackte Brust inbegriffen, wie Mama ihn geschaffen hatte. Seinen kahlen Kopf betonte er sogar. Bei Berlusconi dagegen überwiegt das Element des Cyborgs; die moderne Veränderung der eigenen Natur erlaubt es ihm, von der Transplantation der Haare bis zum Lifting, sich seinen Anhängern als mineralisiertes, alterloses Bild zu präsentieren."
Archiv: Espresso

Times Literary Supplement (UK), 20.03.2009

Eine Allegorie auf das zwanzigste Jahrhundert, die ganze Tragödie der mitteleuropäischen Länder und Völker liest Karl Orend in Josef Skvoreckys Roman "Ordinary Lives". Protagonist des Buches ist erneut der Tscheche Danny Smiricky; Dreh- und Angelpunkt der Handlung sind die Klassentreffen seiner Abschlussklasse. Von hier aus wirft Skvorecky einen Blick auf Smirickys Biographie und die seiner Mitschüler, auf jene titelgebenden "gewöhnlichen Leben" unter nationalsozialistischem und kommunistischen Terror. "'Ordinary Lives' enthüllt den Horror, der Leben im Totalitarismus innewohnt. Schulkinder, die in einer Zeit leben, als 'wenige Menschen eine Vorstellung hatten vom bodenlosen Übel Hitler', werden in Nazi-Ideologie geschult. Manche besuchen Sommerlager, um ihr Deutsch zu verbessern. Neunzig Prozent von ihnen sind Juden. Neunzig Prozent enden als Asche. (...) Eugenik ist Schicksal. Ein Student mit einem tschechischen Namen wird als Volksdeutscher klassiert. Er landet in Stalingrad. Verwundet, hat er Angst in Kostelec zu bleiben, er glaubt, dass seine Nachbarn in umbringen werden, wenn der Krieg vorbei ist. Madeleines und Tee rufen keine Proust'schen Erinnerungen wach. Jedes Mal, wenn Smiricky eine Schmeißfliege sieht, wird er an jene Schwärme erinnert, die von den Gräbern deutscher Soldaten, die von Partisanen totgeschlagen worden waren, auf seine Stadt niedergingen." (Hier nochmal der Link zu Randy Boyagodas Gespräch mit Skvorecky im Walrus Magazine)

Paul Gifford bedauert es ein wenig, dass in Michel Jarretys 1500-seitiger Biografie Paul Valerys nur das Leben des Lyrikers und Philosophen im Mittelpunkt steht und nicht die Wechselwirkung zwischen Vita und Werk. Dafür hat er Anekdotisches gelernt, etwa zu den permanenten "Geldsorgen" des Porträtierten: "Sein Bedauern den Nobelpreis 'verpasst' zu haben betraf das Preisgeld von 70.000 Francs: der Preis des Geschwaders von Sekretären, die er nie hatte, und des Autos, das er niemals besaß."
Stichwörter: Horror, Totalitarismus

Express (Frankreich), 19.03.2009

Zwanzig Jahre nach Erfindung von "Agrippina" legt die Comiczeichnerin Claire Bretecher den achten Band mit ihrer legendär gewordenen Heldin vor, "Agrippine deconfite". In einem unterhaltsamen und spitzzüngigen Interview bekennt Bretecher, "vernünftigerweise" Misanthropin zu sein. Die militanten Aspekte des Geschlechterkampfs hätten sie stets angewidert und sie habe es vorgezogen, sich um Geschlechtsunterschiede nicht zu kümmern und so zu tun, als gebe es keine. Befragt, ob sie Frauenzeitschriften lese, erklärt sie: "Ich blättere sie durch und schau mir die Bilder an und fluche. Sie sind so öde. Seit fünfzig Jahren immer dasselbe: wie man braun wird, wie man sich frisiert... Ganz zu schweigen von den Moden. Heute muss man öko sein. Das ist das Allerschlimmste! Schauen Sie bloß die Rezepte an: Alles ist gesund, die wollen uns dazu bringen, dass wir Quinoa essen. Bäh! Aber ich kann's nicht lassen, sie anzuschauen. Wegen der Bilder."
Archiv: Express
Stichwörter: Geschlechterkampf

Newsweek (USA), 21.03.2009

Was macht die irische Identität aus, fragt der Schriftsteller Colm Toibin und stellt fest, dass die Antwort darauf heutzutage nicht so leicht fällt wie in Zeiten, als man als Ire eine keltische Herkunft hatte, "O'" oder "Mac" im Namen trug und sich am St. Patrick's Day betrank. Mittlerweile kann man in Irland nicht nur Buddhist oder Muslim sein, so Toibin, auch die Festlegung auf eine nationale Zugehörigkeit sei offener: "Als Samuel Beckett - der 1969 den Literaturnobelpreis gewann, sowohl auf englisch als auch auf französisch schrieb und hauptsächlich in Paris lebte - gefragt wurde, ob er englisch sei, antwortete er: 'Au contraire.' Er meinte, dass es häufig leichter sei anzugeben, was man nicht ist, wenn man aus Irland kommt, egal in welcher Erscheinung oder welchem Aspekt, als anzugeben was man ist. Was im Moment Wunder wirkt in Irland sind weder die Bombe noch die Kugel, sondern zwei bescheidene und sehr alte Dinge: der Bindestrich und das Wörtchen 'und'. Somit kann Samuel Beckett irisch-französisch sein; und David Trimble nordirisch und britisch; und ich kann irisch sein und Mitglied der Europäischen Union; und der Präsident der Vereinigten Staaten, aufgrund seiner Wurzeln in County Offaly, kann afrikanisch-amerikanisch-irisch sein."

Der Thriller-Autor David Baldacci ist ein Erfolsgarant, lässt uns Louisa Thomas wissen. Alle sieben Monate schreibt er ein Buch (meist handelt es von Außenseitern, die zu Helden werden, wie in seinem zweiten Buch "The Collectors"), das dann ohne Ausnahme auf der Bestseller-Liste der New York Times landet. Bis heute verkaufte er insgesamt 75 Millionen Exemplare - und trotzdem nehmen die Kritiker und einige Leser den Autor nicht ernst: "Größtenteils werden Thriller für die breite Masse wie Fast Food gehandelt: Lecker, vielleicht, aber banal und schlecht fürs Herz." Aber Baldacci hat nicht ganz Unrecht, so Thomas: "Der Hunger, was wohl auf der nächsten Seite steht, hat etwas unglaublich Spannendes. Und es scheint absurder zu sein zu unterstellen, dass einen Thriller zu genießen einer Person mehr schadet als zu unterstellen, dass er ihr helfe. In diesen stressigen Zeiten, bietet Baldacci eine Pause - und Leute, die sich für Bücher interessieren, sollten sich für ihn interessieren."
Archiv: Newsweek

Gazeta Wyborcza (Polen), 21.03.2009

Nicht nur in Polen wird über die Geschichte gestritten. Der ukrainische Publizist Wolodymyr Pawliw setzt sich kritisch mit dem Kult um die Partisanenorganisation UPA auseinander, dem militärischen Arm der "Organisation Ukrainischer Nationalisten" (OUN) aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die UPA kämpfte gegen deutsche und sowjetische Besatzer und wird beschuldigt, Massaker an der polnischen Bevölkerung begangen zu haben, erklärt Pawliw und plädiert nachhaltig für eine differenzierte Wahrheitsfindung, nicht nur der Schuld und Fehler des ukrainischen Volkes, sondern auch ihrer Leiden: "Im 18. Jahr der Unabhängigkeit sollten wir uns laut folgende zwei Wahrheiten bewusst machen: die heroische und die schmerzhafte. Märchen sind wichtig für Kinder, aber Erwachsene brauchen die Wahrheit. Eine Wahrheit, die uns befreien sollte von der lügnerischen Rhetorik politischer Hochstapler, die sich gern in der Rolle der nationalen Anführer sehen würden."

Adam Krzeminski ist enttäuscht über die deutsche Aufarbeitung der RAF-Vergangenheit: Weder der Roman "Das Wochenende" von Bernhard Schlink noch der vor kurzem in Polen herausgekommene Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" konnten Krzeminski überzeugen. Dabei hatte er sich so viel von dem Film versprochen, unter anderem eine Antwort auf die Frage, warum die deutsche Version von Bonnie und Clyde noch heute von den Medien als Helden gefeiert würde. Was wirklich in den Köpfen der beiden und überhaupt in der Seele der Deutschen vor sich ging, davon erfahre man im Film nichts: "Diesen Film kann man sich anschauen und nichts folgt daraus. Das ist ein genauso platter Actionstreifen wie 'Operation Walküre' und eine weitere Comicgeschichte mit gut bebilderten und gespielten Episoden, die die grundlegenden Fragen nicht beantwortet." Für Krzeminski viel Action also, wenige Hintergründe.

New Yorker (USA), 30.03.2009

Zehntausende Häftlinge sitzen in den USA in Isolationshaft. Ist das Folter? Dieser Frage geht unter der Überschrift "Höllenloch" der Publizist und Arzt Atul Gawande nach. Ausgehend von der Erkenntnis, dass der Mensch Interaktion mit anderen Menschen braucht, um als Mensch überhaupt existieren zu können, untersucht er anhand etlicher Fallbeispiele die verheerenden mentalen und sozialpsychologischen Folgen langer Isolation. So etwa den Fall des Journalisten Terry Anderson, der sieben Jahre Geisel der Hisbollah im Libanon war. "'Ich hätte lieber üble Gesellschaft gehabt als gar keine', schrieb er. Im September 1986, nachdem er die Zelle mehrere Monate mit einer anderen Geisel geteilt hatte, wurde Anderson ohne ersichtlichen Grund wieder in Isolationshaft gesteckt, diesmal in eine dreieinhalb Quadratmeter große, fensterlose Zelle, die nur von einer flackernden Lampe auf dem Gang erhellt wurde. Nach einigen Wochen spürte er, wie er wegtrat. 'Ich zittere grundlos', schrieb er. 'Ich fürchtete, den Verstand zu verlieren, ich fürchtete, vollkommen die Kontrolle zu verlieren.'"

Besprochen werden ein Band mit frühen Briefen von Samuel Beckett und der Roman "Lowboy" von John Wray. Paul Goldberger fragt sich anlässlich einer Palladio-Ausstellung in der Royal Academy of Arts, wie "palladiohaft" der Renaissance-Architekt eigentlich war. Und David Denby sah im Kino Tony Gilroys Thriller "Duplicity" mit Julia Roberts und Steve McQueens irisches Gefängnis-Drama "Hunger". Zu lesen sind außerdem die Erzählung "Julia and Byron" von Craig Raine, ein satirisches Stück von Woody Allen und Lyrik von Garret Keizer und Mary Jo Bang.
Archiv: New Yorker

Nepszabadsag (Ungarn), 15.03.2009

"Heute ist der letzte Tag, an dem Ferenc Gyurcsany noch freiwillig aus dem Amt des Ministerpräsidenten scheiden kann", schrieb der Politologe Laszlo Lengyel am vergangenen Samstag, und etwas später gab Gyurcsany als Ministerpräsident tatsächlich auf. Lengyel fordert die Bildung einer "Expertenregierung", nachdem Gyurcsany alle Unterstützung im In- und Ausland verloren hatte: "Hier greifen die orthodoxen Programme der letzten zwanzig Jahre überhaupt nicht mehr. Selbstkritik, Lernen, die Prüfung neuer Lösungen sind jetzt die Aufgaben. Und die Behandlung der Seelen: Ein Auftreten gegen die Gewalt, die Grobheit, die Entzivilisierung. Krisenmanagement ist keine Diktatur, im Gegenteil, sie ist Demokratie und Dialog. Du traust deinem Volk nicht? Dann wird es auch dir nicht trauen."
Archiv: Nepszabadsag

Economist (UK), 20.03.2009

Spätestens die Finanzkrise, glaubt der Economist, wird an den Tag bringen, was die Internet-Wirtschaft noch immer gerne leugnet: Die Zeiten, in denen der Nutzer alles umsonst bekommt, sind vorbei. "Es überrascht natürlich nicht, dass rivalisierende Suchmaschinen, soziale Netzwerke oder Video-Angebote ihre Dienste umsonst anbieten, um Nutzer zu locken. Die schwierige Frage, wie das Geld wieder reinkommen soll, stellen sie dabei gerne hintan, schließlich fällt, wer früh gleich ans Verdienen denkt, schnell zurück. Am Ende aber braucht jedes Geschäft Einnahmen - und Werbung allein, das wird endgültig klar, reicht da nicht aus. Umsonst-Inhalte und -Dienste waren eine verführerische Idee. Die Lektion von zwei Internet-Blasen jedoch lautet, dass irgendwer irgendwo doch die Rechnungen begleichen muss." (Und wird dann auch der Economist seine kostenlosen Artikel wieder hinter einem Paywall verstecken? Unauffindbar für Google?)

In der Titelgeschichte geht es um den prekären neuen Großmachtstatus Chinas - und was er für den Rest der Welt bedeutet. Besprochen werden unter anderem das Buch "Indien neu erfinden" (Website) des intellektuellen Unternehmers Nandan Nilekani und Martin Gayfords Biografie "Constable als Liebender" (Website).
Archiv: Economist

Polityka (Polen), 20.03.2009

Adam Szostkiewicz unterhält sich in der Polityka (hier auf Deutsch) mit Bischof Alojzy Orszulik, der 1989 als Kirchenvertreter die Verhandlungen zum und am Runden Tisch beobachtete: "Das erste Treffen, am 27. Januar, war ziemlich steif. Beim zweiten aber, im März 1989, als zugestimmt wurde, die Solidarnosc wieder zu registrieren, den Staatsrat aufzulösen und ihn durch den Präsidenten zu ersetzen, war die Atmosphäre besser. Bei dieser Sitzung wurde auch über die Zusammenstellung einer Delegation für die Inauguration des Runden Tisches diskutiert. Tadeusz Mazowiecki verlangte, dass es während der Gespräche keinen Alkohol geben sollte. Als es aber in den Verhandlungen zum Durchbruch kam, gingen wir in der Pause in die Kantine und fanden dort auf den Tischen Wein und Cognac vor. Die Regierungsseite hielt sich nicht an die Abmachung. Hinzu kam, dass Kiszczaks Agenten die vollen Tische filmten. Wie das so ist, einige Teilnehmer beider Seiten kannten sich und waren sehr herzlich zueinander. Herr Mazowiecki und ich hielten Abstand. (Der Regierungssprecher Jerzy) Urban hat ein Foto veröffentlicht, auf dem wir an einem Tisch sitzen, auf dem ein Viertel Liter Cognac steht. Wir waren allerdings nicht der Meinung, dass das ein Grund war zu protestieren, das Wichtigste war der Ausweg aus der Sackgasse und der Beginn der Verhandlungen."
Archiv: Polityka
Stichwörter: Alkohol

New York Times (USA), 22.03.2009

Tina Rosenburg erzählt die "Vielen Geschichten des Carlos Fernando Chamorro". Der Sohn des prominentesten unabhängigen Journalisten Nicaraguas war einst Redakteur der offiziellen sandinistischen Zeitung Barricada und ist heute bedroht, weil er sich für die Pressefreiheit einsetzt. Der Wendepunkt seiner Karriere war das Jahr 1990: "Als der Krieg gegen die Contras sich dem Ende neigte, war Daniel Ortega sechs Jahre Präsident und strebte eine Wiederwahl an. Die Sandinisten erwarteten eine Wahlerfolg, möglicherweise erdrutschartig. Stattdessen gewann erdrutschartig die Kandidatin der momentweise vereinigten Opposition, Violeta Barrios de Chamorro. 'Ich habe Ortega gewählt', erzählte mir Carlos und lächelt schäfisch. Die Redaktion von Barricada war geschockt vom Verlust der Sandinisten. Für Carlos war der Schock eher persönlich. 'Meine Mutter war Präsidentin', sagte er. 'Ich bin bei Barricada. Sollte ich gegen meine Mutter opponieren? Nun ja, genau das tat er, stellte sich heraus. Obwohl die Zeitung ihren Slogan zu 'Für das nationale Interesse' änderte, ging sie genadenlos um mit der Regierung seiner Mutter. Dann gab es einen anderen, erfreulicheren Schock: zum ersten Mal musste Carlos sich nicht zensieren. 'Wir sind richtige Journalisten, nicht Leute, die ein politisches Projekt verteidigen', erinnert er sich gedacht zu haben. 'Wir begannen uns befreit zu fühlen.' Die Veränderung bei Barricada war nicht nur eine berufliche; sie war fürs Überleben notwendig. Sie hatte ihr auf Regierungsanzeigen basierendes Einkommen verloren. Jetzt musste sie überleben, indem sie Zeitungen verkaufte."
Stichwörter: Mutter, Pressefreiheit