Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
20.06.2006. The New Republic beobachtet um sich kreisende Blogger, Journalisten und Politiker in Las Vegas. Outlook India erklärt die sexuelle Metaphorik eines Duetts vor Tulpenkulissen. In Le Point fordert Bernard-Henri Levy die sofortige Schließung von Guantanamo. Im Spiegel kommen Springer-Vorstand Mathias Döpfner und Günter Grass zu einem Konsens über ihren Dissens. Der Spectator fordert mehr Unterstützung für Georgien. In Reportajes fordert Mario Vargas Llosa den neuen Präsidenten Perus auf, das Land zu modernisieren. Die Weltwoche besucht Martin Suter auf Ibiza. Nepszabadsag wünscht sich, die Ungarn würden mehr György Ligeti hören. Der New Yorker bewundert die ersten europäischen Vertreter des Cool.

New Republic (USA), 26.06.2006

Ryan Lizza berichtet in einem ziemlich lustigen Text vom ersten Treffen liberaler Blogger in Las Vegas, dem von der Website Daily Kos veranstalteten "Yearly Kos". Alle fanden es offenbar sehr bedeutend, die Stimmung war allerdings etwas gedrückt, weil sich der Guru der Szene, Armando, als Unternehmensanwalt für Wal-Mart geoutet hatte: "Las Vegas könnte der Beginn einer neuen Ära werden, in der Blogger Einfluss und Autorität genießen. Es könnte aber auch das Wochenende werden, an dem sich alle selbst verkauften. Die Ungewissheit darüber, was bei diesem Treffen passieren würde, trieb die Teilnehmer von 'Yearly Kos' zu einem seltsamen rituellen Tanz. Während dieser vier Tage kreisten Blogger, Politiker und Journalisten umeinander wie ein Trio von Unterwasser-Spezies, bei denen man nicht weiß, wer eigentlich wen frisst. Die Blogger machten sich entweder über die Journalisten lustig oder schleimten sich bei ihnen ein. Die Politiker gingen in einer Minute vor den Bloggern in die Knie und verdrehten über sie die Augen in den Unter-3-Pow-Wows mit den Mainstreammedien. Die Presse tat am Tag mit den Bloggern schön und flüchtete sich zu den 'MSM only'-Essen am Abend. Alle drei Gruppen waren sich einig, dass sich mit den Bloggern in ihrer Sphäre wirklich alles ändern würde. Nur wie, das wusste keiner."
Archiv: New Republic
Stichwörter: Las Vegas

Outlook India (Indien), 26.06.2006

Outlook India mit einem Bollywood Music Special. In einem langen Beitrag des Dossiers zeichnet Sunil Menon die Geschichte des indischen Filmsongs nach und erklärt seine weitreichende Bedeutung: "Er erfüllt wichtige psychosoziale Bedürfnisse eines befreiten Volkes, dessen größter Wunsch es ist, modern zu sein ... Dazu gehört auch die bildliche Umsetzung sexueller Begierden ... Das romantische Duett vor Tulpen-Kulisse ist purer Sex-Ersatz. Es hüllt den Verstoß gegen den moralischen Kodex in einen betörenden Duft. Lieder im Wald dagegen symbolisieren die fleischliche Lust, vorehelichen Verkehr, Stammestänzer in Hula-Röcken, reine Körperlichkeit."

Außerdem: Im Interview mit Saibal Chatterjee spricht der Filmemacher und Liedtexter Gulzar über den Verlust der Poesie in der Filmmusik. Und im Buchteil entdeckt Nilanjana Roy den Geist Rabelais', Celines und Kafkas in einem Erzählband von Vilas Sarang.

Nur auf der Website besingt der israelische Friedensaktivist Uri Avnery sehr elegisch Sarajewo, die Stadt der Grabsteine, der Toleranz und der Schönheit: "In Sarajewo kann man einfach nicht indifferent bleiben. 'Auch die Steine in der Mauer werden schreien', schrieb der Prophet Habbakuk (2,11). Mauern, von Kugeln durchlöchert, Ruinen, die einst Heime waren, Menschen, die markerschütternde Erzählungen mit sich tragen, als wären sie erst gestern passiert. Eine Stadt, die das Herz erwärmt und zugleich bricht."

Espresso (Italien), 22.06.2006

In seiner Bustina di Minerva lässt Umberto Eco den Papst nicht so leicht davon kommen. Der habe in seiner Rede in Auschwitz durch Christen begangene Greueltaten als Erscheinungen der Zeit charakterisiert und damit relativiert. "Es hat immer Kriegstreiber und Pazifisten in der Kirche gegeben, und gerade dieser Gegensatz verbietet schon das Argument, dass die Zeiten so waren wie sie waren. Vielen war es möglich, sich gegen die Mentalität ihrer eigenen Epoche zu wenden: neben Sankt Bernhard, der behauptete, einen Muselmanen zum Frühstück und einen zum Abendessen zu verspeisen, gab es immer St. Franziskus, und Mutter Theresa war eine Zeitgenossin von Oriana Fallaci."
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Archiv: Espresso

Point (Frankreich), 16.06.2006

In seinen Bloc-Notes erinnert sich Bernard-Henri Levy an seinen Besuch in Guantanamo vor knapp einem Jahr und fordert - nach den aktuellen Selbstmorden - die "sofortige Schließung" des Gefangenenlagers. Guantanamo sei zwar "mit Sicherheit nicht Auschwitz, und weder die Anzahl der Insassen noch ihre Haftbedingungen und vor allem das, was man über den Rang der Allermeisten im großen Heer des internationalen Dschihad weiß, erlauben es, daraus einen amerikanischen Gulag zu machen, wie das die Bush-Gegner in einem Pawlowschen Reflex gerne hätten". Doch habe bereits "die Existenz dieser Zone des Nicht-Rechts" etwas "zutiefst Schockierendes, für die Gefangenen Hoffnungsloses und für das Image der USA Ruinöses" und sei "einer großen und mächtigen Demokratie schlicht unwürdig". Außerdem gelte es, "unverzüglich diesen finsteren Cretin von Basiskommandanten zu bestrafen, dem zu den drei Selbstmorden nichts Besseres einfiel, als diese missliebigen Toten zu beschimpfen, sie hätten - sic! - 'keinerlei Respekt' gegenüber dem menschlichen Leben, und ihr Tod sei keine 'Verzweiflungstat', sondern vielmehr ein 'Akt des asymmetrischen Krieges', der gegen die USA geführt werde". Man verteidigt den Rechtsstaat nicht mit Mitteln des Ausnahmezustands, schließt Levy.
Archiv: Point

Spiegel (Deutschland), 19.06.2006

Vierzig Jahre lang hat sich der Schriftsteller Günter Grass an den Springer-Boykott gehalten, nun hat er sich mit Vorstandschef Mathias Döpfner zu einem Gespräch getroffen: Politisch sind sich beide immer noch nicht grün, Döpfner räumt allerdings ein, dass die Auseinandersetzungen um 68, Rudi Dutschke und Heinrich Böll dem Land und dem Verlag geschadet haben: "Bis heute. Durch Fehlwahrnehmungen und Fehlentwicklungen der Bundesrepublik. Durch eine Wagenburg- und Bunkermentalität in unserem Verlag. Und durch Klischees, die bis heute wirken. Es gab Vorwürfe, die grotesk sind. Axel Springer als Faschisten zu bezeichnen, ist einfach zutiefst ungerecht. Er war Antifaschist." Aber weiter geht er nicht! "Grass: 'Was das Springer-Haus mit Böll angestellt hat, ist eine Schande für Ihre Zeitungen. Ich möchte Sie eigentlich bitten, lieber Herr Döpfner, doch die Größe aufzubringen, sich in aller Form und deutlich lesbar an exponierter Stelle zu entschuldigen.' Döpfner: 'Herr Grass, wenn man die frühen 68er-Schlüsseltexte liest, dann kann ich nur sagen, eine Entschuldigung müsste dort anfangen.'"

In einem Debattenbeitrag äußert sich auch Joachim Gauck ehemaliger Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, zu der Forderung der so genannten Sabrow-Kommission, bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit stärker den Alltag miteinzubeziehen (hier der Kommissionsbericht): "Die Aufarbeitung der DDR-Diktatur wird scheitern, wenn wir nur über die Stasi-Gräuel sprechen. Denn bei der Fixierung auf den Geheimdienst kommen wesentliche Bereiche des Lebens in der 'sozialistischen' Gesellschaft nicht vor: weder die führende Rolle der SED noch die differenzierten Anpassungs- und Karrieremuster. Denn die DDR-Bevölkerung ist in großen Teilen geprägt durch ein Angst-Anpassungssysndrom, das keineswegs vom Polizei- und Geheimdienst allein geschaffen war."

Weiteres: Der Titel ist der derzeitigen "Deutschland-Party" gewidmet, die Cordt Schnibben hymnisch besingt: "Die Menschheit feiert sich selbst in solchen Momenten, sie feiert ihre Kreativität, sie feiert ihre Vielfalt, sie feiert ihr Miteinander." Im Interview mit Moritz von Uslar antwortet Simon Rattle Kritikern, die ihm vorwerfen, er habe den Klang der Berliner Philharmoniker verflacht: "Es hat für mich wenig Sinn, zu sagen: Gebt mir euren alten Karajan-Sound! Die große Mehrheit der Philharmoniker hat ihn nie gehört." Wichtig sei vielmehr, "dass der Ton sich vom Boden abhebt, Flügel bekommt und hoch hinausgeht".
Archiv: Spiegel

Gazeta Wyborcza (Polen), 17.06.2006

Die Auswahl eines Architekturentwurfs für das zukünftige Museum für Moderne Kunst in Warschau droht mit einem Eklat zu enden. Vier Jury-Mitglieder kündigten letzte Woche aus Protest ihre Teilnahme auf, nachdem die polnischen Vorschriften einige bekannte Mitbewerber ausgeschlossen haben (u.a. David Chipperfield und Eduardo Souto de Moura). Der Warschauer Stadtarchitekt Michal Borowski sagt: "Ich bedauere diese Entscheidung, aber die Regeln für öffentliche Ausschreibungen (Nachweis über gezahlte Steuern, polizeiliches Führungszeugnis) sind eindeutig. Der Wettbewerb wird nicht wiederholt, wie es die zurückgetretenen Mitglieder verlangt haben - das wäre illegal."

Der Papst-Besuch Ende Mai und vor allem der Besuch Benedikt XVI. in Auschwitz findet seinen publizistischen Nachklang. Nachdem einige Autoren (u.a. Daniel Goldhagen) dem Papst vorgeworfen haben, die Beteiligung der katholischen Kirche am Holocaust zu verschweigen, kontert die Historikerin Anna Wolff-Poweska: "Goldhagens Absichten gehen an denen des Papstes völlig vorbei: während er den Auschwitz-Besuch in politischen Kategorien betrachtet, wählt Benedikt XVI. geistige. Goldhagen interessieren nur die ermordeten Juden, während der Papst sich über alle Opfer der Nazis beugt; der eine macht Anschuldigungen, der andere wählt die Liebe und Hoffnung. Goldhagen wählte den Aufschrei - Benedikt XVI. die Stille."

Spectator (UK), 17.06.2006

Susan Richards wundert sich mehr als nur ein bisschen über die Politik der USA gegenüber Russland und seinen Nachbarstaaten. Die Amerikaner haben die Russen vor den Kopf gestoßen, indem sie die Rosenrevolution in Georgien und die Orange Revolution in der Ukraine unterstützten. "Fast ohne, dass darüber berichtet worden wäre, legte kurz darauf ein US-Marineboot während einer gemeinsamen Militärübung der Ukraine und der Nato in der Krim an. Gleichzeitig wurde die Diskussion weitergeführt, ob die Ukraine 2008 Mitglied der Nato werden soll. Die Krim, wenn Sie sich erinnern, ist immer noch die Heimat der Russischen Marine. Ist das jetzt Kanonenboot-Diplomatie oder bin ich eine Rübe?" Russland antwortet darauf, indem es beide Staaten wirtschaftlich unter Druck setzt, so Richards weiter. Georgien etwa darf weder Obst und Gemüse noch sein Mineralwasser nach Russland mehr exportieren. Die USA wiederum machen keine Anstalten, ihren Verbündeten in dieser prekären Situation zu helfen. "Wenn wir wieder Menschen ermutigen, gegen die Russen aufzustehen, und sie dann wieder fallenlassen, wie die Ungarn 1956, wer wird uns noch trauen?"

Tim Walker porträtiert den Dramatiker und Drehbuchautor Ronald Harwood, der mit seinen 71 Jahren so produktiv ist wie nie. "Im September werden zwei seiner Drehbücher verfilmt, eine Adaption von Gabriel Garcia Marquez' 'Liebe in Zeiten der Cholera', mit Mike Newell als Regisseur, und 'The Diving Bell and the Butterfly', die Geschichte von Jean-Dominique Bauby, dem Journalisten, der nach seinem Schlaganfall ein Buch schrieb, aus Briefen, die er mit dem Zucken seines Augenlids verfasst hatte. Im Augenblick sitzt Harwood an 'Dover', einem Buch über den Prozess Kreationisten gegen Darwinisten in Pennsylvania, der vor sechs Monaten die Schlagzeilen bestimmte." Die Arbeitswut kommt von seiner Mutter. "Sie treibt mich immer noch an, sogar jetzt. Was für einen anderen Zweck hat der Ruhm, als ihn auf das Grab seiner Mutter zu legen?"
Archiv: Spectator

Reportajes (Chile), 18.06.2006

Spürbar erleichtert kommentiert Mario Vargas Llosa den Ausgang der peruanischen Präsidentschaftswahlen, nimmt den mit viel Glück zum zweiten Mal an die Spitze des Landes gehievten Alan Garcia aber auch umgehend in die Pflicht: "Der Sieg Alan Garcias bedeutet einen schweren Rückschlag für die größenwahnsinnigen Pläne des venezolanischen Quasi-Diktators Hugo Chavez, sich kreuz und quer durch Lateinamerika ein Netz von Satellitenstaaten zu schaffen, die seinem populistisch-nationalistisch-etatistischen Modell folgen, das Venezuela im Eilschritt in eine typische Drittewelt-Bananenrepublik verwandelt. In den letzten fünf Jahren ist die peruanische Wirtschaft um 25 Prozent gewachsen, das Land genießt weltweit ausgezeichnete Kreditwürdigkeit und die internationalen Investoren warten bloß auf grünes Licht von der neuen Regierung. Sollte Präsident Alan Garcia verantwortlich und intelligent vorgehen und auf jede Art von Demagogie verzichten, könnte das Land während seiner Amtszeit, wie zuvor in Chile und Spanien geschehen, endgültig auf den Weg eines nachhaltigen Fortschritts gebracht werden - diese Gelegenheit für eine Modernisierung Perus nicht zu nutzen, wäre schlichtweg unverantwortlich."
Archiv: Reportajes

Nepszabadsag (Ungarn), 16.06.2006

Der Musikkritiker Miklos Fay beklagt, dass der letzte Woche verstorbene György Ligeti, der vielleicht wichtigste Gegenwartskomponist überhaupt, in seinem Heimatland Ungarn wenig bekannt ist: "Es fiel den Menschen einfacher, ihn zu bewundern als ihn zu lieben. Es sind schockierend wenige unter uns, die traurig sind, weil sie alle bisherigen Ligeti-Werke kennen und es keine neuen mehr geben wird. ... Es wird auch keine Anstandskonzerte mehr geben, in denen ausländische Orchester 'Lontano' als kühnen Akt und Triumph der Modernität vor einem gähnenden ungarischen Publikum spielen. Ligeti soll hierzulande gespielt werden, wenn man mit seiner Musik einem interessierten Publikum etwas sagen will. Wir sind jetzt Nachwelt geworden. Es liegt an uns, ob sich die Erde zwar ohne György Ligeti, aber mit seiner Musik weiterdreht. In der Tat, eine enorme Verantwortung."
Archiv: Nepszabadsag

Heti Valasz (Ungarn), 16.06.2006

Die Erde rast in eine Umweltkatastrophe, ausgelöst durch Profitorientiertheit und technische Entwicklung, meint der Romancier György Spiro im Gespräch. Pessismus sei daher die einzige realistische Weltsicht: "Meine eigene Biografie demonstriert es auch: ich war nie pessimistisch genug, um von der kommenden schlimmen Wendung der Dinge nicht überrascht zu sein. Ich war immer optimistischer als ich hätte sein sollen. Es ist ein Irrtum, Pessimismus mit der Denkweise des Dramatikers zu verwechseln. Letztere bedeutet, dass man die Welt mit ihren Konflikten betrachtet, aber keine Lösung entdeckt. Wenn ein Konflikt einen anderen in den Hintergrund drängt, ist das noch längst keine Lösung." Die Hauptfigur seines in der Zeit Jesus von Nazareth spielenden Romans "Gefangenschaft" "ist zum Beispiel auch nicht skeptisch. Sogar im letzten Augenblick seines Lebens gibt es für ihn unangenehme Überraschungen."
Archiv: Heti Valasz
Stichwörter: Pessimismus

BN/De Stem (Niederlande), 14.06.2006

"Wo ist nur der nüchterne Holländer geblieben?" wundern sich Romain van Damme und Frank Lambregts von BN/DeStem und versuchen das Wesen des Oranjewahns zu ergründen. Expertenhilfe leistet Paul Post, Theologe an der Katholischen Universität Tilburg, dessen Essay "Fußball ist Krieg und Ritual" (download PDF hier) über die Riten der Fußballpilger die Journalisten zitieren. "Sport bringt uns regelmäßig in kultische Extase. Es fängt schon mit dem Gang zum Stadion an. Das ist ein andächtiges, rituelles Kommen und Gehen. Eine Prozession mit Hymnen, Flaggen und Kleidung, die nur an diesem besonderen Tag aus dem Schrank genommen wird. Vor allem bei Stadien, die wie in England mitten in der Stadt liegen, sind die Parallelen zum früheren Kirchgang unübersehbar." Auf dem "heiligen Grund" der Fussballtempel wird der sportliche Wettstreit dann zum Hochamt: "Die Spieler treten nicht nur einfach gegen den Ball. Sie beten, schlagen Kreuze, küssen Amulette, wühlen in Grasbüscheln, heben die Hände zum Himmel, bitten um Heil und Rettung. ('Redding' ist im Niederländischen ebenso Torwartjargon wie Kirchensprache) Wir sehen lauter Beschwörungsgesten - so wie vielleicht jedes Ritual im Grunde eine Beschwörung ist. Ein Bannen des Bösen und Erflehen des Guten. You never walk alone..."
Archiv: BN/De Stem
Stichwörter: England

Economist (UK), 16.06.2006

Anlässlich der drei Selbstmorde unter den Häftlingen von Guantanamo erklärt der Economist, warum gepflegte Umgangsformen das A und O der außenpolitischen Praxis sind. "Gute Manieren und guter Ton sind wichtig in internationalen Beziehungen. Nehmen wir die Selbstmorde in Guantanamo. Auch wenn Colleen Graffy sie nicht einen guten PR-Zug hätte nennen dürfen, kann es sein, dass sie Recht hatte, als sie andeutete, dass die Selbstmorde eher ein politischer Akt als ein individueller Ausdruck von Verzweiflung waren (siehe den Nachruf auf Yasser Talal al-Zahrani). Tatsache ist allerdings, dass wenn der Krieg gegen den Terrorismus größtenteils auf einem Wettstreit der Werte beruht - kurz gesagt, ein PR-Krieg ist - man doch meinen sollte, Amerika würde mit links gewinnen. Schließlich verkauft sich eine Marke, die für Leben, Freiheit und das Streben nach Glück steht, besser als eine, die für das Köpfen von Ungläubigen und die Rückkehr ins Mittelalter steht."

Und Neues aus der Welt der Kunst: Paris setzt mit dem demnächst eröffneten Musee du Quai Branly der afrikanischen, asiatischen, ozeanischen und lateinamerikanischen Kunst und Kultur ein architektonisch beeindruckendes Denkmal, das als Anstoß dienen soll, über das Verhältnis zu außereuropäischen Kulturen nachzudenken, berichtet der Economist.
Archiv: Economist

Weltwoche (Schweiz), 15.06.2006

Julian Schütt besucht den erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller, Martin Suter, auf seiner Hazienda auf Ibiza. Der frühere Werber macht alles richtig, findet Schütt auf der von blühenden Grapefruits umgebenen Pergola, im Leben wie im Schreiben. "Er weiß, um mit dem Philosophen Peter Sloterdijk zu reden, 'dass man bei allem mit den atmosphärischen Tatsachen beginnen muss'. Suter bringt auf den Punkt, was auch ein normales Economy-Class-Leben lebenswerter machen würde. Etwa: dass Louis-Vuitton-Taschen sich allenfalls noch für Tiertransporte eignen. Oder: dass es nicht gesund ist, auf nüchternen Magen zu weinen. Vor allem: dass uns die Wirklichkeit schneller verrutscht, als wir denken."

Weiteres: Walter De Gregorio stellt kurz den umstrittenen Schweizer Nationaltorwart und deutsch-schweizerischen "Doppelbürger" Pascal Zuberbühler vor. Alain Zucker unterhält sich mit Michael Berg, der sich über den Tod Abu Mussab al-Sarkawis, Mörder seines Sohnes, nicht freuen kann. Simon Brunner versucht sich als Verkäufer des Straßenmagazins Surprise.
Archiv: Weltwoche

New Yorker (USA), 26.06.2006

Der Dadaismus war ein Vorläufer des Cool, konstatiert Peter Schjeldahl nach einem Tag in der aus Paris stammenden Schau im Moma. "Wer sich fragte, was dahinter steckt, hat es nie erfahren. Man musste dabei gewesen sein, weshalb die informativsten der im Moma gezeigten Objekte die Filme sind, besonders der irre 'Entr'acte'(1924) von Rene Clair und Picabia, mit einem Soundtrack von Erik Satie (mehr). Eine tanzende Ballerina, gefilmt von unten durch Glas, stellt sich als fett und bärtig heraus. Duchamp und Man Ray spielen Schach auf einem Dach, bis ein Wasserstrahl das Brett leerfegt. Ein drolliger Schütze mit Tirolerhut wird erschossen. Sein Leichenwagen bricht von dem Kamel weg, das ihn zieht. Die Trauergäste folgen in einem absurden Gespringe, und das alles in Zeitlupe. Der Leichenwagen zerschellt auf einem Feld. Der wiederbelebte Tote berührt die Trauergäste, die verschwinden."

Weitere Artikel: Sasha Frere-Jones wünscht sich mehr Bands wie Radiohead, die sich von ihrem Label befreit haben, um über den Vertrieb im Internet nachdenken. David Denby sah die Filme "The Road to Guantanamo" und "Nacho Libre". Louis Menand stellt Robert Greenfields "erschöpfende Timothy-Leary-Biografie vor. Der Autor David Sedaris hält ein humoriges Memoriam auf seine Zeit in Princeton, als sie einen Gott namens Sashatiba anbeteten, und er Vater- und Muttermord studierte. Außerdem zu lesen ist Ruth Prawer Jhabvalas Kurzgeschichte "Innocence".

Leider nur im Print: Joshua Hammers Brief aus Zimbabwe. Bill Bufords Porträt eines Küchenchefs für Desserts! Und Ian Fraziers Bericht über Utopia in der Bronx: Co-op city.
Archiv: New Yorker

HVG (Ungarn), 14.06.2006

Mit dem Volksaufstand von 1956 versuchten die Ungarn, sich von der sowjetischen Besatzung zu befreien. Der Aufstand wurde von der Roten Armee blutig niedergeschlagen. In der öffentlichen Debatte wird das Bild von 1956 zunehmend politisch verzerrt, wenige Bürger wissen, was genau damals passierte. Zwei junge Autoren - Andras Papp und Janos Terey - nehmen 1956 nun zum ersten Mal in einem Theaterstück frei von Ideologien unter die Lupe. Regisseur Peter Gothar denkt im Interview über das kollektive Gedächtnis der Ungarn nach: "Die Ereignisse von 1956, dieses ganze, fünfzig Jahre zurückliegende Ding - denn wir haben immer noch keinen genauen Ausdruck dafür - betrafen einfach alle Menschen in diesem Land. 1956 veränderte das Schicksal unserer Eltern indirekt, denn viele Familien wurden getrennt. Auf die damaligen Kinder wirkten die dramatischen Straßenszenen kathartisch. Man kann es auch so sagen: 1956 war das Kriegserlebnis der Nachkriegsgeneration. Aber wir haben es immer noch nicht verarbeitet, wir können immer noch nicht damit offen umgehen."

Tamas Vajna fasst die deprimierenden Ergebnisse eines unveröffentlichten Berichts über die europäischen Medien zusammen, die von zehn europäischen Universitäten verfasst wurden. Im Bericht geht es unter anderem darum, dass es für europäische Journalisten immer schwieriger sei, unabhängig zu arbeiten: "'Das Selbstverständnis ost- und westeuropäischer Journalisten unterscheidet sich wesentlich voneinander. In den postsozialistischen Ländern passen die Redakteure ihr Wertesystem den Eigentümern oder den Politikern an. In Westeuropa betrachten sich Journalisten als autonome Akteure innerhalb der Gesellschaft', meint Andras Kovacs, Soziologieprofessor der Budapester Central European University, Leiter der Untersuchung in Ungarn. ... Mittlerweile werden auch die westeuropäischen Redaktionen von ihren - in Süd- und Osteuropa als traditionell geltenden - Netzwerken mit wirtschaftlichen und politischen Eliten zu stark beeinflusst." Redakteure in Frankreich beklagen, "dass die wichtigsten Akteure der Politik, Wirtschaft und Presse die gleichen Universitäten besucht haben. Meinungen aus den Niederlanden und Italien bestätigen dieses Ergebnis".
Archiv: HVG

New York Times (USA), 18.06.2006

Nun ist er da: John Updikes neuer Roman "Terrorist" (Leseprobe) über die Radikalisierung junger Muslime in den USA. Robert Stone schreibt eine etwas lahme Besprechung dazu, als sei das Thema irgendwie schal. Ist es ja aber nicht. Beeindruckt zeigt sich Stone von Updikes Vorstellungskraft, die "glaubhafte" Charaktere und Orte hervorbringe: "Updike kann sich gut hineindenken in die moralische Entrüstung, die dieses Land in den Herzen derer erzeugt, die unterprivilegiert und zugleich überzeugte Traditionalisten sind. Andererseits ist das Buch auch keine endlose Folge von Selbstanklagen." Didaktisch möchte es sein, schreibt Stone, indem es "verschiedene Sichtweisen über die USA und ihr Image" in einem Plot zusammenführt.

Weiteres: Echte journalistische Kleinode sieht Adam Hochschild in John McPhees Porträts von Sattelschlepper- und Kohlenzug-Fahrern (Leseprobe "Uncommon Carriers"). Joe Queenan bespricht Spionage-Geschichten für Teens von Charlie Higson und Anthony Horowitz. Und Harold Bloom hält Rebecca Goldsteins Versuch, Spinozas Philosophie in einen jüdischen Kontext zu stellen (Leseprobe "Betraying Spinoza") für sympathisch, aber wenig ergiebig.

Im Magazin der New York Times untersucht Joe Nocera den Misstrauen erweckenden Wunsch des Tabakriesen Philip Morris nach mehr staatlicher Kontrolle in der Zigarettenindustrie: "Stell' dir vor, alle Hersteller müssten den gleichen Richtlinien folgen, Standards, die Zigaretten einst tatsächlich weniger gefährlich machen könnten. Stell' dir vor, es gibt keine Tabakwerbung mehr und kein Rauchen an öffentlichen Orten ... Und das nicht wegen vereinzelter Verbraucherklagen, sondern aufgrund nachhaltiger nationaler Anstrengung." Was Philip Morris davon haben könnte? Die Chance auf einen besseren Ruf, meint Nocera, und die Möglichkeit, mit harmloseren Produkten, wie rauchlosen Nikotinpräparaten, einen ganz neuen Markt zu erschließen.

Ferner: Chuck Klosterman stellt den Popavantgardisten Brian Burton aka Danger Mouse vor. Und Deborah Solomon interviewt den Komiker Jack Black ("High Fidelity").