Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
06.09.2004. Im Schweizer Magazin DU beweisen Amerikaner, dass sie immer noch die besten und schärfsten Kritiker ihres Landes sind. Die New York Review of Books erklärt die Demokratisierung des Iraks für beendet. Im Nouvel Obs erläutert Gilles Kepel den Unterschied zwischen Dschihad und Fitna und was das alles mit Andalusien zu tun hat. In Plus-Minus erinnert sich Jadwiga Staniszki an die Gründung der Solidarnosc. In der Gazeta Wyborcza erklärt uns Jurij Lewada die Regeln von Putinistan. Al-Ahram stellt ein jüdisches Kochbuch vor. Im New Yorker lernen wir von Philip Gourevitch, warum George W. Bushs Körper die Wahlen gewinnen könnte. In L'Express konstatiert Alain Finkielkraut die Niederlage des antitotalitären Denkens.

DU (Schweiz), 01.09.2004

DU, das Schweizer Magazin für Kultur, hat seine Septemberausgabe ganz Amerika gewidmet. Der Schriftsteller Charles Simic hat sich aus dem gottfernen New York in den erzfrommen Süden gewagt. Angesichts seiner Eindrücke fragt er sich bange, "wie lange noch" die USA ein säkularisierter Staat sein werden: "Es heißt, als Präsident Bush diesen Sommer den Papst besuchte, habe er versucht, den Vatikan dafür zu gewinnen, ihn bei seiner Wiederwahl zu unterstützen. Bei der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten ist er auf solche Appelle nicht angewiesen. Während der vielen Stunden, die ich in Mississippi und Alabama im Auto unterwegs war und christlichen Rundfunk hörte, drängte sich mir der Eindruck auf, dass die Bibel die beste Informationsquelle zum aktuellen Geschehen und der einzige Führer sei, den man braucht, um seine Entscheidung für die Wahlen zu treffen. Die Kriege, die der Präsident uns versprochen hat, sind dort alle vorausgesagt. Der Antichrist ist unter uns, und er heißt Kofi Annan oder Jassir Arafat." (Diesen und die beiden folgenden Artikel finden Sie online hier - alle untereinander auf einer Seite.)

Peter Haffner führt ein langes Interview mit Joseph S. Nye, dem Dekan der John F. Kennedy School of Government in Harvard. Unter anderem beklagt Nye das "Aufmerksamkeitsmangel-Syndrom" der US-Außenpolitik und erklärt, warum Amerikaner viel "zu ungeduldig" sind, um ein Empire zu errichten. Er sagt aber auch: Europa braucht ein starkes Amerika. William Pfaff, Autor der International Herald Tribune, erläutert kenntnisreich und lesenswert die historischen Gründe dafür, dass Amerika momentan "zerrüttet, zerlegt, gespalten und sogar demoralisiert" ist.

Nur im Print: Martin Kilian porträtiert Tim Russert, den "berüchtigtsten Interviewer" Amerikas. Greil Marcus spricht im Interview über Politik, Kultur, die USA und Europa. Der Politologe Michael Walzer spricht im Interview über die Immigration - el futuro de los Estados Unidos. Jörg Häntzschel hat Yale University, Ltd. besucht. Und Ted Halstead und Michael Lind machen Vorschläge für eine amerikanische Sozialpolitik im 21. Jahrhundert.
Archiv: DU

Express (Frankreich), 30.08.2004

Haben wir das Gespräch letzte Woche übersehen, oder ist es jetzt erst online? Dominique Simonnet unterhält sich mit Alain Finkielkraut, der in gewohnter Brillanz gegen den Antirassismus als "Ideologie unserer Zeit" wettert, welche Lizenzen an den Antisemitismus durchaus einschließt (das Gespräch stand im Express vom 30. August). Die antitotalitäre Linke hat gegen die "progressive Linke" verloren, schließt Finkielkraut bitter. "Man hätte glauben können, dass der Mauerfall die Illusionen der progressiven Linken zum Einsturz gebracht hätte. Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Antitotalitarismus ist im selben Moment verschwunden wie die totalitären Systeme. Das Wort 'Totalitarismus' ist dabei allerdings nicht in Vergessenheit geraten. Damit bezeichnet man heute die 'Hypermacht' Amerika, die so böse ist, dass sie nicht nur ihre eigenen bösen Taten ausheckt, sondern auch noch die der anderen: Ist bin Laden nicht ihr Produkt, hat sie Sadddam Hussein nicht bewaffnet? Dieser Gebrauch des Totalitarismusbegriffs besiegelt die Niederlage des antitotalitären Denkens und die Rückkehr der absoluten Politik."
Archiv: Express