Stephen Greenblatt

Will in der Welt

Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde
Cover: Will in der Welt
Berlin Verlag, Berlin 2004
ISBN 9783827004383
Gebunden, 400 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Martin Pfeiffer. Er war der wohl größte Dichter unserer abendländischen Kultur, aber über ihn ist weit weniger bekannt als über viele seiner Zeitgenossen. Kein Brief überlebte ihn, und als er starb, reagierten die Intellektuellen seiner Zeit kaum. Was wir von ihm haben, ist ein unsterbliches Werk, ein paar Schriftsätze aus Prozessen, die er betrieb, und ein überaus nüchternes Testament, in dem er seiner Frau sein zweitbestes Bett vermachte. Es gibt ein oder zwei Abbilder von ihm, aber mit Sicherheit kann niemand sagen, ob das sensible, intelligente Gesicht auf ihnen wirklich Shakespeare wiedergibt. In seiner großen Biografie unternimmt es Stephen Greenblatt mit enormer Kenntnis und detektivischem Scharfsinn, die Lücken dieser von Rätseln umstellten Lebensgeschichte zu füllen, ihre seltsamen Ungewissheiten und Leerstellen zu erklären und Shakespeare zu einer historisch fassbaren Gestalt zu machen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.02.2005

Kein gutes Haar lässt Stefana Sabin an Stephen Greenblatts Shakespeare-Biografie. Schon sein Ansatz, das wenig dokumentierte Leben des Dichters im Kontext des gesellschaftlichen, politischen und religiösen Lebens seiner Zeit zu rekonstruieren, um daraus sein Werk zu erklären, erscheint ihr äußert fragwürdig. So hält sie Greenblatt vor, mit der Werkchronologie "kreativ umzugehen, wenn er etwa den Reflex eines biografischen Ereignisses in einem bestimmten Stück zeigen will und dafür die Entstehungszeit des Stücks verschweigt. Der Grundgedanke des Buchs, dass nämlich der Alltag sich im Werk wiederfinde, erscheint Sabin "eher trivial. Als "geradezu zwanghaft kritisiert sie Greenblatts Erzählmodus des Konjunktiv und seine ausgiebige Verwendung von "vielleicht, "möglicherweise" und so weiter, für sie "Kennzeichen einer großangelegten Spekulation. Ohnehin ziele Greenblatt nicht auf Erkenntnis, sondern auf "empathisches Miterleben", die "willige Identifikation zwischen Erzähler, Figur und Leser". Das bezeugen für Sabin auch Greenblatts "hypertrophe Rhetorik", die "didaktische Redundanz" und die "vertrauliche Diktion", die diese Shakespeare-Biografie zu "hagiografischem Kitsch" machten. Insgesamt attestiert sie dem Buch eine "stilistische Unerträglichkeit", für die sie den Übersetzer mit verantwortlich macht, dem sie etliche Missgriffe vorwirft, die auf Schlampigkeit oder auch auf mangelnde Sachkenntnis schließen ließen. "Das Buch ist nicht die erkenntnisreiche kulturhistorische Biografie Shakespeares", resümiert die Rezensentin, "sondern eine Romanbiografie ohne jeden Erkenntnisgewinn".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.12.2004

Den echten Shakespeare kann man nicht finden, glaubt Rezensentin Susanne Mayer. Und doch zeigt sie sich begeistert von Stephen Greenblatts Biografie, in der der "Erfinder des New Historicism" sich der schwierigen Aufgabe stellt, das "sich spöttisch ins Ungewisse auflösende" Leben des Dichters einzufangen. Harvard-Professor Greenblatt bediene sich dabei eines "Spiegeltricks": Ränkespiele, große Gesten der Liebe und Macht, Sehnsucht und Erkenntnis der Shakespearschen Dichtung konfrontiert er mit der Realität des 17. Jahrhunderts, mit Glaubenskriegen und mit Existenznöten der kleinen Leute. Das Kunstwerk aus dem historischen Kontext heraus zu interpretieren, beschreibt Mayer als Greenblatts Stärke. Und obwohl die Kritikerin mitunter "vergeblich" nach Quellen sucht und aus mancher Spekulation keine "Erkenntnis" ziehen kann, schätzt sie dieses Werk, das so "prall erzählt" und zudem von Martin Pfeiffer ausgezeichnet übersetzt wurde. Greenblatt bleibt für sie ein "Zauberkünstler", der aus dem "Nebel" von Vermutungen über Shakespeares Dasein endlich "Lebenssattes hervorzieht". 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.12.2004

Die ersten Seiten von Stephen Greenblatts Shakespeare-Biografie haben Sven Hanuschek in ziemliches Erstaunen versetzt: Ausgerechnet der Mitbegründer des New Historicism, der in seinen Arbeiten Kultur immer im Zusammenhang mit den "Diskursen ihrer Zeit" betrachtet hat, will den "wirklichen Menschen" hinter dem Dichter entdecken und das "Geheimnis so unermesslicher kreativer Kraft" (beides Greenblatt) entschlüsseln? Doch schnell gibt der Rezensent Entwarnung: "Will in der Welt" sei die "Summe der Shakespeare- und Renaissanceforschungen Greenblatts" und ein ausgesprochen anregendes Buch obendrein, denn wo die Quellenlage über das Leben des Dichters die Auskunft verweigert oder ins Paradox führt, da trete der Autor mit gezielter Phantasie auf den Plan. Die Paradoxe seien im Übrigen unvermeidlich - denn Shakespeare habe kaum persönliche Dokumente hinterlassen - und ein Teil des wissenschaftlichen Vergnügens. Hanuschek schreibt: "Haben die Philologen nachgewiesen, wie Shakespeare mit seinen literarischen Quellen umgegangen ist, erfahren wir bei Greenblatt mehr über die Quellen seines Lebens, aufgehoben im Werk." Wie das erste zum zweiten wurde, das bleibe im historisch belegbaren Sinne unklar; wie weit man aber dieses Dunkel mit Hilfe der Phantasie ausleuchten kann, das zeige Greenblatt eindrucksvoll. Zur Übersetzung: Sie ist, so Hanuschek, "überaus lesbar", nur leider fehlen Angaben darüber, auf welche deutschen Shakespeare- Übertragungen zitiert wird.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 27.11.2004

Wie Rezensent Christian Semler weiß, stehen Shakespeare-Biografen vor einem erschreckend konstant gebliebenen Problem: der dürren Faktenlage, und insbesondere der Frage: "Ist der literarische Shakespeare mit dem in Stratford-upon-Aven wohnhaften Herren identisch?" Von letzterem geht Stephen Greenblatt aus, was der Rezensent sehr sympathisch findet, vor allem weil es ganzen Kohorten von "vielleichts" Einhalt gebiete. Doch nicht nur das hat die Sympathie des Rezensenten geweckt. Greenblatt wende in seiner Biografie die Methodologie des New Historicism an, der von einem "diskursiven Zusammenhang" zwischen der "schönen Literatur" und den anderen Texten einer Epoche ausgehe. Indem Greenblatt die Dichte dieser Zusammenhänge aufzeigt, gelingt es ihm, Shakespeares literarisches Werk damit aufzuladen und somit dem geistigen Horizont des Dichters auf die Spur zu kommen, lobt Semler. Exemplarisch für diese Vorgehensweise findet er Greenblatts Verknüpfung zweier Todesdaten (Shakespeares Tod und der seines Sohnes) mit der historischen Debatte um die Bestattungsriten und deren Ausmerzung durch die Protestanten. Mit seiner eindrücklichen, "überaus belehrenden und unterhaltsamen" Schilderung kann Greenblatt sogar der Frage nach Shakespeares Identität die "bohrende" Dringlichkeit nehmen, schreibt der beeindruckte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.10.2004

Andreas Dorschel kann nur den Kopf schütteln über einen derart "groben" biografischen Zugriff, mit dem Stephen Greenblatt, dessen Buch über Shakespeare fast gleichzeitig in englischer und deutscher Fassung erscheint, den Schriftsteller aus seinem Werk, und das Werk aus der Lebensgeschichte des Schriftstellers erklären will. Das Werkzeug des Autors ist die "Empathie", mit der er sich in alles und jeden einzufühlen versucht, stellt der entgeisterte Rezensent fest, der über die "Banalität" einiger Äußerungen nur staunen kann. Greenblatt füllt "Lücken" in der Quellenlage mit Vermutungen und, wenn das nicht weiterführt, mit "Leerformeln", schimpft der Rezensent, der vermutet, dass das Buch seine Entstehung allein dem Umstand zu verdanken hat, dass ein "angelsächsischer Literaturprofessor, der auf sich hält", in seiner Laufbahn nun mal ein Werk über Shakespeare vorzulegen hat. Die Leser allerdings hätten auf die "sympathetischen Kommentare", die der Autor seinem "Will" und dessen Zeit angedeihen lässt, getrost verzichten können, so Dorschel böse.
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