Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
06.10.2003. Die Lettre bringt Auszüge aus sieben preisgekrönten Reportagen. In Le point erklärt Bernard-Henri Levy, warum die Amerikaner die Franzosen so hassen - weil die Deutschen so langweilig sind. In der New York Review of Books lobt J. M. Coetzee die einfühlende Einführung in das Leben gewöhnlicher Muslime durch eine jüdische Schriftstellerin: Nadine Gordimer. In Cultura y Nacion erzählt die Haushälterin Epifania Uveda von ihrem Leben mit Borges. In der Literaturnaja Gazeta diskutieren russische Schriftsteller über Underground- und Massenliteratur. Der New Yorker stellt die Golden Gate Springergemeinschaft vor. Der Economist staunt über das Wunder von Bournemouth. Im New York Times Magazine freut sich Gary Shteyngart, dass New York wieder ihm gehört. 

Lettre International (Deutschland), 01.10.2003

Die Lettre hat am Samstag den ersten internationalen Preis für Reportageliteratur, den Lettre Ulysses Award for the Art of Reportage, an Anna Politkowskaja verliehen. Die Lettre veröffentlicht in ihrer neuen Ausgabe Auszüge aus den Reportagen der sieben Finalisten. Hier ein Auszug aus Politkowskajas bisher nur in Frankreich veröffentlichter Reportage "Tschetchenie: les deshonneur russe" (sie ist nicht identisch mit ihrem auf Deutsch erschienen Buch über Tschetschenien): "Ich bin 43 Jahre alt. Auch wenn ich schon einige Tragödien erlebt habe - den grauenhaften Gestank von verbranntem Menschenfleisch habe ich noch nie gerochen. Diese Erfahrung habe ich erst in Schatoi gemacht. Ich erstarre ... Dann erkenne ich, dass dieser Gestank einem Geruch aus meiner Kindheit ähnelt. In der kommunistischen Zeit, als die Läden, vor allem in der Provinz, leer waren, gabe es so gut wie keine kochfertigen Hühnchen. Meine Tante Wera, die für uns, meine Schwester und mich, Essen machte, rupfte ein Huhn für die Suppe und sengte es dann über einem Gaskocher ab. 'Das war ein Kind, nicht wahr? Das kann kein Erwachsener sein.' Wie eine mechanische Puppe wiederhole ich meine Frage, als wollte ich versuchen, mich selbst zu überzeugen." Es sind vier Erwachsene, die im tschetschenischen Schatoi von einer Eliteeinheit der GRU getötet und verbrannt worden waren. Was passiert ist, lesen Sie hier.

Ebenfalls online lesen dürfen wir auszugsweise Jiang Haos Reportage über Wilderer in der Mongolei und Nuruddin Farahs Reportage "Somalis ohne Land". Außerdem in der Lettre: Peter Sloterdijk und Hans-Jürgen Heinrichs unterhalten sich über "Atmoterrorismus". Paul Thibaud fragt "Was wird aus Europa?". Friedrich Dieckmann schreibt über die Verschwörung gegen Berija und den 17. Juni 1953, und Miguel Torga hat sein Tagebuch aus den Zeiten der portugiesischen Nelkenrevolution veröffentlicht.

Point (Frankreich), 02.10.2003

In Le point liefern sich Alain Finkielkraut und Rony Brauman, zwei jüdisch-französische Intellektuelle, eine erbitterte und luzide Debatte über Israel, Kritik an Israel, Antisemitismus, Islamophobie und "den Antisemitismus, der sich in den Begriffen des Antirassismus äußert", so Finkielkraut. Finkielkraut, Kritiker der Kritiker Israels, sagt: "Wenn Etienne Balibar behauptet, dass die Sicherheitsmauer ein Volk von Lagerinsassen von einem Volk von Lagerwächtern trennt, dann fordert er uns auf, einen toten Lagerwächter niemals zu betrauern. Wer wird je über das Schicksal eine Mengele weinen? Die Mauer ist ein Problem, die Grenzlinie, die sie zieht, ist ein Skandal, aber es handelt sich nicht um eine Mauer der Apartheid. Die Apartheid ist eine Ideologie der Ungleichheit der Rassen. So etwas hat es in Israel nie gegeben." Brauman, Kritiker Israels, hat dagegen keine Aversion gegen den Begriff "Mauer der Aprtheid": "Diese waffenstarrende Festung enteignet dauerhaft die palästinensische Bevölkerung, die immer mehr in den Nihilismus gedrängt wird. Ich erinnere daran, dass 50 Prozent des Westjordanlands und 15 Prozent des Gaza-Streifens heute unter israelischer Kontrolle stehen."

In der selben Nummer fragt sich Bernard-Henri Levy, warum die Amerikaner so sauer sind auf die Franzosen, und nicht zum Beispiel auf die Deutschen, die doch auch gegen den Krieg waren. Antwort: Sie finden die Deutschen einfach zu langweilig. "Die amerikanischen Intellektuellen erwarten im Grunde nichts von Deutschland, während Frankreich trotz allem eines der wenigen Länder dieser Welt ist, auf die sie noch blicken - Hassliebe Amerikas gegenüber Frankreich, und natürlich umgekehrt."
Archiv: Point

New York Review of Books (USA), 23.10.2003

Charles Rosen schreibt, wie er Klavier spielt, jubiliert Robert Winter: "Muskulös und doch poetisch, hedonistisch und doch tief vergeistigt, spontan und doch peinlich genau durchdacht." Die Begeisterung gilt Rosens Buch über die Welt des Pianisten "Piano Notes". "Niemand ist meines Wissens besser geeignet als Rosen, die Erlebniswelt eines Pianisten darzustellen. Seine Generation (von der aber kein Mitglied das Talent zu spielen und zu schreiben vereint) repräsentiert die letzte lebende Verbindung zum Goldenen Zeitalter des Klavierspielens. Als sich der 76-jährige Moriz Rosenthal, ein Schüler von Franz Liszt, 1938 in New York niederließ, nahm er den 11-jährigen Charles Rosen zum Schüler. Liszt hatte als Kind bei Carl Czerny studiert, der ein Schüler von Beethoven war - das heißt der junge Rosen fand sich selbst nur vier Grad entfernt von dem meist bewunderten Komponisten aller Zeiten."

Präsidentschaftskandidat Wesley Clark rechnet mit der Kriegsführung der republikanischen Garde von Washington ab, die Effizienz über Effektivität gesetzt und dabei die Nachkriegsplanung nicht einberechnet habe. "Die Zerstörung der feindlichen Streitmacht in einer Schlacht stellt eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für einen Sieg dar." Arthur Schlesinger kann gar nicht fassen, wie sang- und klanglos George Bush die außenpolitische Containment-Strategie der USA über den Haufen geworfen hat, mit der sie immerhin den Kalten Krieg gewonnen haben. Zu Nahost stellt Tony Judt lapidar fest: "Der Friedensprozess ist nicht gestorben, er wurde ermordet."

Außerdem bespricht der frisch gekürte Nobelpreisträger J.M. Coetzee (mehr hier) Nadine Gordimers neuen Roman "The Pickup". "Es ist schwer, sich eine mitfühlendere, intimere Einführung in das Leben gewöhnlicher Muslime vorzustellen, als die hier vorgelegte, und das wohlgemerkt aus der Hand einer jüdischen Schriftstellerin." Anthony Lewis empfiehlt jedem Amerikaner, David Coles Buch "Enemy Aliens" zu lesen: denn die Behandlung, die bisher nur so genannte feindliche Ausländer erfahren, dürfte auch bald jedem feindlichen Inländer blühen. Und Martin Filler meint, dass Los Angeles mit Frank Gehry's Walt Disney Concert Hall endlich seinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber New York loswerden kann.
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Cultura y Nacion (Argentinien), 05.10.2003

Unter der Überschrift "Borges secreto, solitario y final" erzählt Epifania Uveda, genannt "Fanny", ihres Zeichens dreißig Jahre lang Haushälterin von Jorge Luis Borges, von dessen Furcht vor seiner letzten Ehefrau Maria Kodama und davon, wie Borges nach dem Tod seiner Mutter sich jeden Abend mit dieser unterhielt, als wäre sie noch am Leben. "Abends, wenn er im Bett lag, streckte er im Dunkeln die Hand aus, und ich musste zwei in ein parfümiertes Taschentuch eingewickelte Bonbons hineinlegen; dann schlief er ein." Fannys Erinnerungen werden unter dem Titel "El senor Borges" auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse angeboten.

Weitere Artikel: Jorge Aulicino liefert zum dreißisten Todestag Pablo Nerudas einen melancholischen Bericht über die drei Wohnsitze Nerudas auf der Isla Negra, in Valparaiso sowie in Santiago de Chile. Beigefügt sind ein bislang unbekanntes Gedicht Nerudas aus dem Jahr 1948 und ein Überblick über Leben und Werk sowie Links u. a. zur Fundacion Neruda. Außerdem wird der erste Congreso Iberoamericano de Periodismo Digital angekündigt, der vom 29. bis 31. Oktober im Museo de Arte Latinoamericano von Buenos Aires stattfinden wird. Anmeldung hier.

Kommune (Deutschland), 01.10.2003

Larissa Lissjutkina singt eine Eloge auf die Vielfalt der Literatur in Russland genauer gesagt auf die Literatur in Moskau und Petersburg, denn die Provinz schläft noch. "Der Reichtum an Namen, Themen, Stilrichtungen und Genres lässt sich kaum überbieten. Und an Lesern fehlt es nicht. Wo in Deutschland oder sonst im Westen bilden sich an den zahlreichen Kassen einer Buchhandlung imposante Warteschlangen, die in Moskau mit denen bei ALDI-Kassen vergleichbar sind? Hier sind heute die Buchhandlungen wohl die einzigen Orte, bei denen man immer noch, wie in guten alten Sowjetzeiten, anstehen muss. Die Kioske und Verkaufsstände mit Büchern schmücken das Straßenbild im Zentrum von Moskau in einer Dichte, wie Gemüseläden und Bäckereien die Geschäftszeilen einer deutschen Innenstadt. Die zunehmende Häufung solcher kleinen Einrichtungen muss in der Moskauer Straßenlandschaft als eine Ankündigung von großen Buchhandlungen gesehen werden - so etwa wie sich im Ozean bestimmte kleine Fische um die Wale scharen."

Weitere Artikel: Der Philosoph Helmut Fleischer votiert in Sachen Europa für einen politischen Historismus. Abgedruckt ist ein nicht mehr ganz aktuelles Gespräch aus der französischen Zeitschrift Esprit: Darin unterhalten sich die Orientalisten Laurence Louer, Sabrina Mervin und Olivier Roy über Glauben und Politik der Schiiten im Irak. Ernst Köhler plädiert dafür, dem Kosovo die Unabhängigkeit zu gewähren, da man den Kosovaren angeblich nicht zumuten könne, weiter mit Serben zusammenzuleben: "Welcher Mensch auf der ganzen Welt wird sich mit dem Feind von eben versöhnen? Der Gedanke hat keinen Halt, keinen Boden in der Conditio humana. Er ist unmenschlich. Er ist nur ein Steckenpferd einer verirrten 'humanitären' Kultur im Westen."
Archiv: Kommune

Literaturnaja Gazeta (Russland), 01.10.2003

Auf einer von der Literaturnaja Gazeta veranstalteten Internet-Konferenz mit russischen Schriftstellern, Verlegern und Kritikern geht es um die Unterschiede zwischen Underground- und Massenliteratur in Russland. Die Literaturwissenschaftlerin Alla Bolschakowa ist davon überzeugt, dass "eine solche Unterscheidung überhaupt erst aufgrund der Popularität russischer Schriftsteller im Westen" entstanden ist: "Die Anerkennung von Ljudmila Ulitzkaja (mehr) in Frankreich und die positiven Reaktionen des Westens auf Prigow (mehr) Jerofejew, Pelewin (mehr) und Sorokin (mehr)" hätten "aus russischer Insiderliteratur erst russische Massenliteratur" gemacht. Erstaunlich auch eine Erkenntnis des russischen Booker-Preis-Gewinners Oleg Pawlow: "Die meistgelesenen russischen Autoren sind die, die nicht über das reale Leben in Russland schreiben."

Sergej Semljanoi kritisiert in seinem Artikel "Ruhm ohne Macht" das "nach westlichem Demokratieverständnis deformierte russische Parteiensystem". Neben den "althergebrachten Parteien vom ideologischen Typus" existieren in Russland keine pragmatisch orientierten Programmparteien, schreibt er. Grund für diese Schieflage sei "die mangelnde Wandlungsfähigkeit der seit den neunziger Jahren ausufernden Bürokratie, die die regelmäßige Neuwahl der Parteiführung und die Ausbildung einer vielfältigen Parteienlandschaft behindert". Semljanoi sieht den "statischen Bürokratieapparat" als "Aquarium, in dem nur Parteifische einer Spezies überleben können" und hält es mit Peter dem Großen, der den größten Fehler der Demokratie darin sah, "dass eine Partei ein Land nur regieren kann, so lange sie keine Macht hat."

Außerdem gratuliert die Literaturnaja Michael Krüger zum Sechzigsten und druckt in der aktuellen Ausgabe einen ins Russische übersetzten Auszug aus dessen 2000 erschienenem Roman "Die Cellospielerin" ab. Der "Feldherr der Wörter" verlegt, "was Snobs gerne lesen, nämlich Eco, Gombrowicz, Kundera und Canetti" und kann mit den "sinnentleerten Vertretern der russischen Postmoderne" so gar nichts anfangen, lesen wir.

New Yorker (USA), 13.10.2003

In einer typischen New-Yorker-Reportage spürt Tad Friend der "verhängnisvollen Größe" Golden Gate Bridge in San Francisco und ihrer unheimlichen Anziehungskraft auf Selbstmörder nach. "Durchschnittlich alle zwei Wochen springt jemand von der Golden Gate Bridge. In den achtziger Jahren gründeten Arbeiter eines ansässigen Holzlagers die 'Golden Gate Springergemeinschaft', eine Art Tippbüro, in dem Wetten abgeschlossen wurde, an welchem Wochentag wohl jemand springen würde. Mindestens 1.200 Menschen sind seit Eröffnung der Brücke aus dem Wasser gefischt worden (...). Die wirkliche Rate dürfte vermutlich höher liegen, verursacht durch viele, die sich heimlich nach Schließung der Fußgängerüberwege bei Sonnenuntergang auf die Brücke stehlen und von der Ebbe ins Meer hinausgespült werden. Viele Springer wickeln Abschiedsbotschaften in Plastik und stecken sie sich in die Tasche. 'Survival of the fittest. Adios - nicht fit', schrieb etwa ein 27-Jähriger, 'absolut kein Grund, außer dass ich Zahnschmerzen habe', ein anderer."

Zu lesen ist die Erzählung "A Stone Woman" von A.S. Byatt und Besprechungen. In einer ausführlichen Rezension stellt Judith Thurman zwei lesenswerte Kataloge zu aktuellen Ausstellungen von Arbeiten der Fotografin Diane Arbus (mehr hier, zum Band "Revelations" hier) vor, die ihr Werk, aber auch ihr Leben und ihre Intentionen einer "neuen Überprüfung" unterzögen. Außerdem gibt es Kurzbesprechungen, darunter die von seiner Tochter verfasste Biografie des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr (mehr hier), dessen "Serenity Prayer" zu einem "Mantra der Anonymen Alkoholiker" wurde, und der unter anderem Paul Tillich, Dietrich Bonhoeffer und Felix Frankfurter zu seinen Freunden zählte.

Nancy Franklin schaute wie immer fern und inspiziert die CBS-Serie "Joan of Arcadia", in der ein Teenager mit Gott kommuniziert, und die "manisch frühreife" Sexkomödienserie "Coupling", die den freiwerdenden Sendeplatz der auslaufenden Erfolgsserie "Friends" füllen soll und deren Inhalt sie so refereriert: "Sex... Flirten... Sex... Busen... Kondome... Busen... nackt... flirten... Sex... Höschen". Na guten Tag. David Denby sah schließlich im Kino "Mystic River" unter der Regie von Clint Eastwood, den er so "außergewöhnlich" findet, dass er ihn bis "in den Traum verfolgt"; absolut "gefühllos" ließ ihn dagegen der neue Film von Quentin Tarantino, "Kill Bill-Vol. 1".

Nur in der Printausgabe: Eine Reportage über den russischen "postimperialen Blues" in Putins Zeiten, ein Porträt von Hillary Clinton und ihrer Amtszeit im Senat, ein Comicstrip über die New Yorker Modewoche von Aline und Robert Crumb und Lyrik von Hugh Seidman, Paul Muldoon und Philip Levine.
Archiv: New Yorker

Economist (UK), 03.10.2003

Ach so! WMD heißt gar nicht Weapons of Mass Destruction (Massenvernichtungswaffen), sondern Wielders of Mass Deception (Massenverschleierungskünstler). Behauptet zumindest der Economist. Gemeint sind damit George Bush und Tony Blair, wie wir dem Cover entnehmen können. Genaueres ist allerdings den Printlesern vorbehalten.

Der Labour-Parteitag wird wohl als das Wunder von Bournemouth in die Geschichte eingehen, meint ein verduzter Economist. Zwar hat Tony Blair seinen Auftritt, der einer der schwierigsten seiner Karriere war, blendend gemeistert, "doch das Außergewöhnlichste daran war das Publikum. Es kam zu einer zweiminütigen standing ovation, bevor Tony Blair überhaupt zum Rednerpult gelangt war ... Sogar als der Premierminister außerordentlich heikle Punkte ansprach und die Gründe darlegte, weshalb er in den Krieg gezogen war ... verebbte der Applaus nicht. Am Ende kam es zu einer weiteren standing ovation, dieses Mal sieben Minuten lang, und zu "Wir-wollen-Tony"-Sprechchören, nachdem er den Saal verlassen hatte." In mehr als dreißig Jahren Berichterstattung über Labour-Parteitage, hat der Economist so etwas noch nie gesehen.

"Opfer eines Opfers zu sein bereitet sehr ungewöhnliche Schwierigkeiten": In einem wirklich lesenswerten Nachruf ehrt der Economist den kürzlich verstorbenen palästinensischen Intellektuellen Edward Said (mehr) für sein unermüdliches Engagement und seinen messerscharfen Verstand.

Weitere Artikel: Alle Kreter sind Lügner, und jedes Paradoxon ist lösbar. So lautet das neue Diktum amerikanischer Wissenschaftler, die herausgefunden haben, dass man jedem scheinbar unlösbaren Sachverhalt mit "unscharfe Logik" beikommen kann. Unter dieser Logik, erklärt der Economist, ist folgendes zu verstehen: Anstatt der langweiligen Alternative zwischen "richtig" oder "falsch", die aus der klassischen Logik bekannt ist, können Dinge "so-etwas-wie-wahr sein, oder nur teilweise falsch." Zeit also, den Kretern zu glauben? Untergangsstimmung beim Erbfeind: Der Economist bestätigt den französischen Neuerscheinungen einen Hang zum "Deklinismus". Und der Economist wundert sich, warum die EU trotz der jüngsten Schwierigkeiten daran festhält, den Stabilitätspakt in seiner jetzigen Form in die Europäische Verfassung aufzunehmen.

Außerdem lesen wir, dass Kalifornien einer neuen Droge erliegt - der direkten Demokratie - , warum viele Iraker den Wiederaufbau ihres Landes lieber Saddam Hussein anvertrauen würden, dass Pakistans halber Schmusekurs mit Amerika für leichte Missstimmung sorgt, und dass britische Türsteher nun in den Genuss eines Konflikt-Management-Trainings kommen. Leider nur in der Printausgabe zu lesen: Frankreichs wachsende Euroskepsis.
Archiv: Economist

Monde des livres (Frankreich), 03.10.2003

In Le Monde des livres unterhalten sich der Politologe Alain Duhamel und der Soziologe Marcel Gauchet, die beide Bücher über den Niedergang Frankreichs herausgebracht haben (mehr hier und hier), über die Gründe der Krise. Duhamels Diagnose: "Die Symptome sind klar: Frankreich ist das europäische Land mit der größten Wahlenthaltung und mit der geringsten Mitgliedschaft in Parteien, Gewerkschaften oder Bürgerbewegungen. Es war das Land der politischen Leidenschaften, und heute ist das Niveau der politischen Debatte jämmerlich. Warum? Die Krise des Poltischen ist ein Reflex der gesellschaftlichen Krise, nicht umgekehrt. Das Problem liegt nicht in institutionelle Phänomenen, sondern in den Deregulierungen, der Marginalisierung, der Arbeitslosigkeit, den Misserfolgen in der Schule. Es ist eine Art Kettenreaktion : zunächst die ungewöhnlich lange Wirtschaftskrise, dann ihre sozialen Folgen, dann die Krise der Autorität." Ach, würden unsere angeblich so politischen Feuilletons doch auch mal solch intelligente Gespräche organisieren!

Outlook India (Indien), 13.10.2003

Hedonia! Indien ist nicht länger ein Land der spirituellen Glückssuche, sondern eine einzige große Shopping-Mall, so der Befund des Autorenteams, das in den Metropolen und Kleinstädten den mittelständischen Berufstätigen auf die Brieftaschen geschaut hat und aus dem Staunen nicht mehr raus kam: Das Geld fließt neuerdings schneller als die heiligen Flüsse. "... mit Leidenschaft gönnen sie sich die Extravaganz des guten Lebens. Sie sind die Vergnügungshungrigen, für die Geldausgeben mehr ist als ein Weg zum Glück. Es ist das Glück."

Zum Konflikt zwischen Indien und Pakistan und den rhetorischen Scharmützeln der Regierungschefs Vajpayee und Musharraf: Prem Shankar Jha widerspricht der indischen Presse und sieht Pakistan derzeit nach Punkten vorn im Ansehen der Weltöffentlichkeit. Pakistan hatte unterstellt, die ablehnende Haltung Indiens - Wir lassen uns nicht durch Terrorismus zu Gesprächen erpressen! - sei ein Ausdruck parteipolitischer Interessen der regierenden BJP, die ihren jüngsten Wahlsieg im Bundesstaat Gujarat dem "staatlich gesteuerten Massaker an 2.000 Muslimen" zu verdanken habe. Jha meint: Bei aller Empörung über die Anschuldigung - da ist was dran.

Außerdem: Führende wissenschaftliche Institute haben eine genetische Bestandsaufnahme der indischen Bevökerungen durchgeführt, die zugleich eine der umfassendsten Studien zu genetischer Diversität überhaupt darstellt - Outlook präsentiert die Ergebnisse, die einmal mehr biologistische Erklärungen für kulturelle Differenzen widerlegt. Es gibt sogar Beispiele für den umgekehrten Fall. Pankaj Mishra bespricht Judith Browns politische Biografie des großen Visionärs Jawaharlal Nehru und ist enttäuscht, dass die Autorin, bei aller kritischen Einsicht, seinen säkulären Nationalismus nicht in ein analytisches Verhältnis zum gegenwärtigen Indien des politischen Hinduismus setzt.

Times Literary Supplement (UK), 03.10.2003

Lest Herodot!, ruft Peter Green, genau den, der jahrhundertlang als "archaischer Einfaltspinsel" galt, "als abergläubischer, unseriöser, Anekdotenerzähler mit einem bedauerlichen Interesse an Frauen". Den sauertöpfischen Thukydides können ja diejenigen weiterlesen, meint Green, die glauben, dass die Menschen grausam sind und Geschichte schön der Reihe nach erzählt werden muss. "Herodot ist ein Kosmopolit, wo Thukidides engstirnige Kirchturmpolitik betreibt, er ist warmherzig und witzig, wo sein Rivale mürrisch verurteilt. Er nennt nicht nur seine Quelle an, sondern legt auch anderslautende Erzählungen und Meinungen dar und lädt uns damit sein, selbst zu wählen. Er ist offen für Wunderliches und Wunderbares, wo immer sie ihm begegnen... Er ist fasziniert von Frauen und ihrer Rolle in der Gesellschaft, wie auch vom sexuellen Subtext so vieler öffentlicher Handlungen... Er ist, kurz gesagt, die Sorte Historiker, für die die meisten zeitgenössischen Akademiker die gleiche Abscheu empfinden, die Bill Clinton bei eingefleischten Republikanern hervorgerufen hat."

Alexander Masters, dessen Mutter, wie er erzählt, an einer Hexan-Vergiftung gestorben ist, die eine benachbarte Schuh-Fabrik ausgestoßen hat, hat Barbara Freeses "Geschichte der Kohle" irgendwie schon mit Gewinn gelesen: "Aber dankbar bin ich nicht. Sie hat meine Wut nur verschlimmert. Jetzt möchte ich jeden zusammenschlagen, von den früheren Nachbarn meiner Mutter bis zu George Bushs Energie-Team."

Weitere Artikel: David Schiff feiert Alfred Appels Band "Jazz Modernism", der einige der schönsten Anekdoten und originellsten Kritiken über Jazz enthält. Bee Wilson erinnert sich dank Alan Davidson "The Wilder Shores of Gastronomy" an die Anfänge der Nouvelle Cuisine und die roten Pfefferkörner, die nicht nur so schön dekorativ sind, sondern auch nicht dick machen und deshalb seit zwanzig Jahren auf jedem Teller landen. Und Lawrence Norfolk schließlich würdigt Robert Graves, diesen talentierten Verächter von Priester und Kritikern, und dessen große Erzählung "The Golden Fleece".
Stichwörter: Bill Clinton, Mutter

Folio (Schweiz), 06.10.2003

"Im Büro" heißt das neue Themenheft von Folio. Interaktive Bürosessel, kommunikative Jacken und der nicht diskutierte Verlust der Büromaterialien der zerstörten WTC-Büros haben den Kulturwissenschaftler Thomas Macho veranlasst, über die Bedeutung des Büros nachzudenken: "Heute muss sich Macht immer weniger in einem Ort konzentrieren. Die neuesten Bürogebäude sind darum vielfach Kulissen, die erfolgreich verschleiern, dass wir längst zu Büros auf zwei Beinen konvertiert sind. Wir sitzen in Home-Offices, die auch in Schlafzimmern oder Küchen eingerichtet werden können; wir verwenden Laptops und Handys mit Internetanschlüssen. E-Mails und Attachments erlauben uns, selbst den Urlaubsort auf einer fernen Insel rasch in einen Arbeitsplatz zu verwandeln; Arbeitszeit und Freizeit verschmelzen nahezu unmerklich immer mehr."

Weitere Artikel zum Thema: "Mausarme", Sehnenscheidenentzündung wegen Denkerpose vorm Computer, abnehmende Qualität der Spermien - oft ist das schlechte Arbeitsklima und nicht die Bürostühle an den vielfältigen Büroleiden schuld, meint Viviane Manz. Marc Schürmann klärt auf, wie viele Meter Angestellte in Büros auseinander sitzen sollten, um die optimale Kommunikation zu erzielen: bis zu 10 Metern. Und das ideale Bürogebäude hat ein "Atrium in seiner Mitte".
Archiv: Folio
Stichwörter: Thomas Macho

Spiegel (Deutschland), 06.10.2003

Aus den USA berichtet Jochen Siegle von einer "Art Meuterei: Egal ob Globalisierungsgegner oder Öko-Verbände, Lokalpolitiker, Wirtschaftsvereinigungen oder 'Fair Trade'-Aktivisten - die Kritik an der Kaffeehauskette Starbucks wird ausgerechnet auf dem Heimatmarkt in den USA immer lauter. "Dem Imperium, das mittlerweile auf weltweit knapp 6800 Filialen angewachsen ist, wird vor allem seine aggressive Expansionspolitik vorgehalten: Alteingesessene Kaffeebars, so die Kritiker, würden aus ihren Vierteln vertrieben". Noch härter, so Siegle, "trifft den Röst-Multi ein anderer Vorwurf: 'Starbucks ist nach wie vor für die Verarmung von Millionen von Kaffeebauern mitverantwortlich', schimpft Melissa Schweisguth von der Menschenrechtsorganisation Global Exchange. Das Unternehmen beziehe weniger als ein Prozent Kaffee aus 'fairem Handel'." Mehr über den Protest auf zwei Internetseiten der Starbucks-Gegner: ihatestarbucks und starbucked.

Nur im Print gibt es ein Spezial zur Frankfurter Buchmesse. Darin klagt Volker Hage, dass die Autoren von indiskreten Liebesromanen (Maxim Biller etc.) immer schlechter werden. Ferner: ein Interview mit Juliette Binoche über die Liebeskomödie "Jet Lag", ein Interview mit der russischen Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja (mehr) "über weibliche Lügen und staatliche Zensur", ein weiteres Interview mit Karl Corino über seine Musil-Monografie, ein Artikel darüber, wie Elke Heidenreich "Bücher zu Bestsellern macht". Im Ortstermin ist der Spiegel "auf der Suche nach dem Zettelkasten des Meisterdenkers Niklas Luhmann". Und im Sportteil verbirgt sich ein Artikel zu Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern".

Im Titel über die Gouverneurs-Wahlen in Kalifornien schreibt Alexander Osang über Arnold Schwarzenegger - der arbeite "sein Leben ab wie einen Fitnessplan."
Archiv: Spiegel

New York Times (USA), 05.10.2003

Die New York Times Book Review zeigt Zähne, auch gegenüber dem Mutterblatt. Seelenruhig lässt man den Herausgeber der New Republic, Peter Beinart, das neue Buch des langjährigen New-York-Times-Kolumnisten Paul Krugman verreißen. Es heißt "The Great Unraveling", und Krugman nennt darin die Bush-Regierung eine "umstürzlerische Macht, die die Post-New-Deal-Ordnung durch eine reine Plutokratie ersetzen will". Zu radikal und noch dazu keine Beweise, kommentiert Beinart lakonisch und gibt Krugman für die Zukunft einen guten Rat: "Er sollte bei dem bleiben, was er so gut kann: einfach beweisen, Stück für Stück, dass die Bush-Administration falsch liegt."

Ein weiteres Buch eines Reporters kommt schon besser weg. In "They Marched Into Sunlight" (erstes Kapitel) stellt David Maraniss eine kleine, aber grausame Schlacht in Vietnam einer zur gleichen Zeit stattfindenden Anti-Kriegs-Demonstration in Wisconsin gegenüber. Manchmal übertreibt Maraniss ein wenig mit seiner allumfassenden Perspektive, schreibt Philip Caputo, grundsätzlich erfülle diese Technik aber ihren Zweck: "Die Fragen, die vor vierzig Jahren so heftig und gewaltsam diskutiert wurden, hallen heute wieder, lauter denn je: Fragen zu Amerikas Rolle in der Welt, imperialer Überdehnung und den furchtbaren Altlasten des Krieges."

Weitere Artikel: Ganz angetan ist Sven Birkerts davon, wie Susan Choi in ihrem Roman "American Woman" (erstes Kapitel) das folgenreiche Zusammentreffen einer radikalen Aktivistin mit der flüchtigen Patty Hearst (Kurzbio) beschreibt: Choi konzentriere sich fruchtbarerweise darauf, wie verschiedene Charaktere sich unter hohem Druck verhalten. Polly Shulman ist dagegen ein wenig genervt von "Quicksilver" (erstes Kapitel), dem ersten Teil einer geplanten Trilogie des Cyperpunk-Vorreiters Neal Stephenson (Bücher). Shulmans Fazit: "Entweder ist es das erste Drittel eines sorgsam konstruierten Meta-Romans, oder einfach ein chaotischer Brocken eines noch größeren Chaos." (Fragen sollte man dem Mann, der sich als "Umberto Eco without the charm" beschreibt, allerdings besser nicht stellen; warum, erklärt er hier.)

Das New York Times Magazine ist diesmal ganz New York gewidmet. Der Schriftsteller Gary Shteyngart (mehr hier) erinnert sich, wie er 1980 erstmals in die Stadt kam, und beschreibt ihre Veränderungen während der neunziger Jahre, als Giuliani und die "dot-commers" den "800 Pfund schweren Gorilla unter den Städten" in einen "knuddligen Schimpansen" zu verwandeln drohten. Heute geht es New York wieder schlechter. Aber das, meint Shteyngart, hat seine Vorteile: "Urbanismus ist nicht immer hübsch. Aber die zerbrochenen Portikos und rissigen Straßenpflaster, die Müllberge und gutgenährten Ratten, die ständige Erinnerung ... an die Stadt, die uns erschreckt und gemacht hat - das ist der Stoff, aus dem die wahren New-York-Geschichten sind. Sind warten dort draußen, in Überfülle. Nehmen Sie einen Zug, spazieren Sie zum Lebensmittelhändler, sehen Sie sich um. Sie finden eine fertige Geschichte - eine wirkliche, mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Die Stadt gehört wieder Ihnen."