Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
12.05.2003. In Le Point fordert Bernard-Henri Levy verdammt noch mal Unterstützungsmeetings für die inhaftierten kubanischen Dissidenten. Die NY Review of Books ärgert sich über die unkritische amerikanische und kanadische Kriegsberichterstattung. In L'Espresso verlangt Umberto Eco, die französische Freiheitsstatue durch Condoleezza Rice zu ersetzen. Anatol Lieven erklärt in der London Review of Books, warum die Amerikaner nicht imperialistisch, sondern nationalistisch sind. Der New Yorker verreißt die neuen Matrix-Folgen. Profil konstatiert eine Ausweitung der Kampfzone in Wien. Die NYT Book Review widmet sich einer Biografie des schönen Valentino.

Point (Frankreich), 07.05.2003

In Le Point, einer der eher Meinungs- als Nachrichtenmagazine zu nennenden Zeitschriften Frankreichs hält der Philosoph Bernard-Henri Levy ("Sartre") eine wöchentliche Kolumne, in der er in dieser Woche einen auch in hiesigen Medien erstaunlich indifferent aufgenommenen Skandal aufgreift: Die Festnahme von 78 Dissidenten in Kuba und ihre Verurteilung zu Gefängnisstrafen von bis zu 27 Jahren. Mit dem für ihn typischen rhetorischen Furor fordert Levy die Öffentlichkeit zu einer Reaktion auf. "Wir müssen Kuba jenen befremdlichen Status einer sympathischen Diktatur absprechen, den es unerklärlicher Weise in einem Teil der westlichen und zumal französischen Intelligentsia genießt. Wir müssen Unterstützungsmeetings für die kubanische Dissidenz organisieren, so wie wir es vor zwanzig Jahren mit Jean-Francois Revel oder Mario Vargas Llosa taten und darauf bestehen, dass ein Regime, das einen Paul Rivero ins Gefängnis wirft, weil er in seinen Gedichten 'die Wirklichkeit verzerrt', ein regelrecht faschistisches Regime ist. Und wir müssen immer wieder, wie wir es einst für Armando Valladares taten, die Namen von Marta Beatrix Roque, Carlos Brizuela Yera, Lester Tellez Castro, Ricardo Gonzalez und all der anderen aussprechen. Leider können wir sie hier nicht alle nennen - aber sie sind auf der Website von Reporters sans frontieres verzeichnet. Castro will von der allgemeinen Gleichgültigkeit profitieren, um seine Verbrechen zu begehen. Es ist an uns, ihm unrecht zu geben." Levy hat zuletzt eine Recherche zum Tod des von pakistanischen Islamisten ermordeten Journalisten Daniel Pearl vorgelegt - hier eine Leseprobe.
Archiv: Point

New York Review of Books (USA), 29.05.2003

Der kanadische Journalist und Schriftsteller Russell Smith (mehr hier) hält die gesamte Kriegsberichterstattung von CNN und Fox News schlichtweg für "widerwärtig" und fragt, warum selbst die kanadischen Medien den Newsspeak des Pentagon übernommen haben. "Warum haben die Kanadier Angst, der PR-Maschinerie des Pentagon zu widersprechen? Haben wir Angst vor einem Tyrannen wie dem amerikanischen Botschafter Paul Cellucci? Oder vor Tyrannen zu Hause? Schrecken wir alle so sehr davor zurück, als Anti-Amerikaner bezeichnet zu werden, dass wir die grundlegenden journalistischen Prinzipien vergessen? Vor wem haben wir Angst?"

Michael Messing stellt fest, dass jeder im Fernsehen den Krieg bekommen hat, den er wollte - oder zumindest den, von dem die Sender glaubten, dass ihre Zuschauer ihn wollten. Frappierend die Unterschiede nicht nur zwischen den europäischen und amerikanischen Medien, sondern auch innerhalb CNNs. "CNN International wies mehr Ähnlichkeit mit BBC auf als mit der amerikanischen Fassung: Ein Unterschied, der zeigt, wie marktorientiert Ton und Inhalt der Sendungen war."

Tim Judah berichtet aus Bagdad, wo die Iraker seiner Meinung nach mit größerer Furcht in die Vergangenheit blicken als in die Zukunft. "An den Toren des berüchtigten Abu-Ghraib-Gefängnisses, am westlichen Stadtrand von Bagdad, ist noch immer die Inschrift zu lesen: 'Es gibt kein Leben ohne die Sonne. Es gibt keine Würde ohne Saddam Hussein.' Doch im leeren Zellenblock traf ich hilflos herumirrende Iraker, die nach den Leuten suchten, die vor fast einem Menschenleben spurlos verschwunden waren. Das Gefängnis ist jetzt leer; die meisten, aber nicht alle Gefangenen wurden bereits vor dem Krieg im Oktober amnestiert. Aber einige wollten die Hoffnung nicht aufgeben. Amir Khadi etwa sucht dort noch immer seinen Bruder Rabbiyah, der als zwanzigjähriger Medizinstudent verschwand - das war 1980."

Joseph Levyveld beklagt an Sidney Blumenthals Hofbericht "The Clinton Wars" zu viel Nähe und zu wenig Biss. Sue M. Halpern bespricht eine ganze Reihe von pädagogischen Bücher und muss festellen, dass sich die Erziehungswissenschaftler noch immer so uneinig sind wie einst Locke und Rousseau. Und Sanford Schwartz führt in die Kunst des geisteskranken Malers Adolf Wölfli ein, dem das American Folk Art Museum New York gerade eine Ausstellung widmet.

Espresso (Italien), 19.05.2003

Bitterböse geht es zu diese Woche: Wenn schon streiten, dann aber bitteschön richtig! Die Umbenennung der Franzosen in Froschfresser und der fritierten Kartoffelstäbchen in Freedom Fries ist noch lange nicht genug, findet Umberto Eco in seiner neuen Bustina. Bush & Co haben nämlich vergessen, dass eines ihrer nationalen Heiligtümer eine Französin ist. Die Freiheitsstatue wurde den Amerikanern von den Franzosen geschenkt, "die Struktur ist von Eiffel konzipiert worden, das war der mit dem Turm, und der Bildhauer Bartholdi hat als Modell für das Gesicht seine eigene Mutter verwendet. Also hat das Symbol Amerikas, nicht nur eine französiche Herkunft, sondern sogar ein französisches Gesicht. Was nun? Nahe liegend wäre, eine Ladung TNT unter der Staue anzubringen und sie in die Luft zu sprengen, um sie dann vielleicht mit der Figur von Condoleezza Rice zu ersetzen, die an der Stelle der alten Fackel eine Rakete emporhebt, um damit die Welt zu erleuchten."

Weitere Artikel: Eine schöne inneritalienische Satire lesen wir von Michele Serra, das fiktive Tagebuch eines rechten Intellektuellen. Sein ganzes Leben der rechten Sache treu, verzeifelt er nun an den Ex-Kommunisten, die nach ihrer Wandlung nun die besseren Konservativen sein wollen und die Altgedienten quasi rechts überholen. Alberto Dentice und Alessandra Mammi berichten umfassend über eine neue Generation von Underground-Künstlern, die irgendwie alles sind, global und doch nicht global, markenbewusst und doch nicht gekauft. Als Beispiele nennen sie etwa Mark Gonzales, "Bildhauer, Maler, Graffitista und erneut Weltmeister im Skateboarden" (zum Museum mit seinen Brettern geht es hier, zu einem kurzen Interview hier). Germano Celant glaubt, dass mit dem gerade eröffneten "enormen" Museumskomplex der Dia Foundation unweit von New York eine neue Zeitrechnung des Kunstmuseums angebrochen ist. Mario Cellini hat sich noch in der schönen neuen Welt der Restaurants umgeschaut und vielversprechende Trends entdeckt. "Neue Geschmäcker, Gerüche, Gefühle und Erfahrungen" erwarten den speisenden Gast in der Zukunft, verspricht er. Zumindest in Italien.
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London Review of Books (UK), 08.05.2003

Anatol Lieven fragt sich, ob man in puncto Amerika wirklich von Imperialismus reden kann. Zwar lehne die amerikanische Öffentlichkeit scheinbar auch weitere Feldzüge im Mittleren Osten, etwa gegen den Iran, keinesfalls ab. Doch sei die Mehrheit der Amerikaner "hinters Licht geführt worden, durch ein Propaganda-Programm, das in seiner systematischen Verlogenheit seinesgleichen unter den Demokratien sucht - in Friedenszeiten wohlgemerkt: Am Ende waren zwischen 42 und 56 Prozent der Amerikaner (die Umfrageergebnisse schwanken) davon überzeugt, dass Saddam Hussein direkt am Angriff des 11. Septembers beteiligt war." Und doch sollte man die kriegsfreundliche Einstellung der Öffentlichkeit nicht mit imperialistischem Bestreben verwechseln, meint Lieven. "Wenn die Pläne der Neo-Konservativen allein darauf bauen würden, dass der Imperialismus innerhalb der USA massive Unterstütztung erfährt, wären sie zum Scheitern verurteilt. Doch der Angriff des 11. Septembers hat den amerikanischen Imperialisten die Kraft des verwundeten Nationalismus verliehen - ein viel tieferes, weiter verbreitetes und gefährlicheres Phänomen, das durch den israelischen Nationalismus, der in weiten Teilen der jüdischen Gemeinschaft in Amerika anzutreffen ist, noch verstärkt wird."

Weitere Artikel: Matthew Reynolds jauchzt über die unlautere Art, in der Ciaran Carson Dantes "Göttliche Komödie" übersetzt hat, denn Carsons Text hat in seiner mehrstimmigen Sprachenvielfalt Dantes Ton zugleich verfremdet und genau getroffen. Laura Quinney findet Christopher Ricks Studie "Allusion to the Poets" dort am besten, wo Ricks ganz genau hinhört und erklärt, warum ein Gedicht funktioniert. Peter Campbell ist mit dem Umzug der Saatchi Gallery in das alte County-Hall-Gebäude nicht ganz zufrieden: Irgendwie sehen die Kunstwerke dort weniger wie moderne Kunst aus. Schließlich ärgert sich Thomas Jones darüber, dass Thomas Pynchons Rückzug aus der Welt nur Interesse der fruchtlosesten Art hervorgerufen hat.

Leider kann man nur in der Printausgabe lesen, was Yitzhak Laor über Israels leise Mithilfe am Irak-Krieg zu sagen hat, und was David Runciman mit Tony Blairs Masochismus meint.

Outlook India (Indien), 19.05.2003

Murali Krishnan deckt die enormen menschlichen Kosten der größten militärischen Mobilmachung in der Geschichte Indiens auf: Nach der Terrorattacke auf das indische Parlament im Dezember 2001 wurde der Aufmarsch von einer halben Million Soldaten und Offizieren entlang der indisch-pakistanischen Grenze eingeleitet - schlecht vorbereitet und überhastet. Es gab keinen Krieg, aber trotzdem starben hunderte Armeeangehörige und Zivilisten: bei vermeidbaren Unfällen, aufgrund unerträglicher klimatischer Bedingungen und schlechter Versorgung, durch Terroranschläge, beim Legen oder Entschärfen von Minen oder weil sie den psychologischen Belastungen der zehnmonatigen Gefechtsbereitschaft nicht mehr standhalten konnten und sich umbrachten. Hat der Aufmarsch irgendetwas bewirkt, fragt Krishnan, das den Tod dieser Menschen rechtfertigt? War der indische Quasi-Krieg gegen den Terrorismus erfolgreich? Die Antwort lautet: Nein.

Mitch Potter erzählt das Making-Of einer der erfolgreichsten Hollywood-Inszenierungen der vergangenen Monate, gedreht im Irak: "Saving Private Lynch". Aus der Perspektive der Statisten - den Doktoren und Patienten des Krankenhauses, aus dem die US-Soldatin "befreit" wurde - war der Plot ein wenig anders: Als die Amerikaner mit Kameraleuten im Schlepptau die Türen eintraten, waren die letzten irakischen Soldaten bereits zwei Tage weg, und das Krankenhauspersonal hatte vergeblich versucht, Jessica Lynch selber zurückzubringen - sie waren beschossen worden.

Weitere Artikel: Seemi Sirohi war vergangene Woche bei Lord & Taylor an 5th Avenue Zeuge, wie vier indischen Mode-Designern auf Anhieb der Durchbruch bei den New Yorker Frauen gelang. Und K.P.S. Gill bespricht die Buchausgabe einer prominent besetzten Talkrunde über das Vermögen des menschlichen Gehirns: Vor gut drei Jahren unterhielten sich Psychologen und Akademiker eine Woche lang mit dem Dalai Lama über die Möglichkeiten, Wissenschaft und Spiritualität einander befruchten zu lassen. Hätte nicht unbedingt sein müssen, meint der Rezensent.

New Yorker (USA), 19.05.2003

Elizabeth Kolbert, langjährige Politik-Korrespondentin des New Yorker in Albany, resümiert ihre dortige Arbeit und versucht, die Stadt zu erklären. "Im Prinzip ist Albany eine Bundeshauptstadt wie viele andere, und die Kämpfe sind dort nicht mehr oder weniger erbaulich als anderswo; allerdings erzählt jeder, der einmal länger dort gelebt hat, etwas anderes. William Kennedy, der Vergil von Albany, bezeichnete die Stadt einmal als 'Geisteszustand' und schrieb, dass 'Bosheit für mehr Jahre unser Los war, als irgendein lebender Mensch sich erinnern kann'."

Außerdem zu lesen: die Erzählung "Tapka" von David Bezmozgis, ein Kommentar zu George W. Buhs Nachkriegsproblemen mit Kritikern, ein kleines Porträt von Yoko Ono, die beim Eisteetrinken mit dem Autor "gar nicht wie siebzig" aussah, und ein kleiner Text über "scharfe Mini-Kekse" und Geschäftssinn in Chinatown.

Thomas Mallon bespricht eine neue Biografie von Rudolph Valentino (Farrar, Straus & Giroux), Lorrie Moore lobt den neuen Roman von Margaret Atwood "Oryx and Crake" (Nan A. Talese/Doubleday) - "überragend und unerschrocken". Außerdem gibt es Kurzbesprechungen, darunter die Erinnerungen des französischen Kochs Jacques Pepin.

John Lahr besichtigte eine Neuinszenierung von "Long Day?s Journey Into Night" von Eugene O?Neill und "The Look of Love", eine "als Musical getarnte Nummernrevue aus dem Hal-David-Burt Bacharach-Easy-listening-Katalog". Eine ausführliche Besprechung widmet Alex Ross der Off Broadway-Show "Kiki & Herb: Coup de Theatre", und im Kino sah David Denby "L?Auberge Espagnole" von Cedric Klapisch ("vignettenhaft und lässig, aber extrem vergnüglich") und "The Shape of Things" von Neil LaBute. Schließlich erklärt Adam Gopnik in seiner umfänglichen Kritik von "The Matrix Reloaded", was damit nicht stimmt: "Im Gegensatz zum ersten 'Matrix'-Film ist die Fortsetzung ein konventioneller Comic (...) und fühlt sich weniger nach 'Matrix II' als nach 'Matrix XIV' an."

Nur in der Printausgabe: ein Porträt der Dia Art Foundation und ihrer Ambitionen, ein Bericht über einen AIDS-Aktivisten, der seine Hoffnungen auf einen "extremen Test" setzt und Lyrik von Grace Paley, Les Murray und Adam Zagajewski.
Archiv: New Yorker

Profil (Österreich), 12.05.2003

Am Wochenende wurden die Wiener Festwochen eröffnet. In seiner neuesten Ausgabe konstatiert profil nun eine Ausweitung der "Kampfzone", denn mit der Streichung der Bundessubvention für die Festwochen sei ein "markantes Signal" gesetzt worden. Die Kulturschaffenden sehen "schwarz" und befürchten, dass bald nur noch das gefördert werde, was genehm sei. Die Subventionskürzung waren im April mitgeteilt worden und Festival-Intendant Luc Bondy donnerte: "Der Hintergrund dieser Entscheidung ist ein politisches Zeichen." Wien habe sich bei den Wahlen schlecht benommen und müsse deshalb bestraft werden, glaubt der Festivaldirektor. Dies könne nur "Zensur" bedeuten ? Tatsächlich wird von Regierungsseite kein Hehl daraus gemacht, dass die rote Bundeshauptstadt zu viel koste: "Der Bund gibt 75 Prozent seiner Kulturausgaben in Wien aus, ohne die Bundestheater sind es immer noch 45 Prozent", heißt es. Die Betroffenen mutmaßen, dass es kein Bekenntnis zur Kulturhauptstadt Wien mehr gebe: "Man erlebe die Provinzialisierung der Bundespolitik." Ein Beleg dafür seien unter anderen die Tiroler Festspiele in Erl: 2002 wurden die Tiroler mit 381.532 Euro bedacht, nachdem Ex-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer das Festival gelobt hatte. Es gehe um eine "Politik des Verteilens und Herrschens". Bondy hat eine "Repolitisierung" seines Festivals in Aussicht gestellt, und auch anderswo mehren sich die Zeichen des Aufbegehrens gegen eine "nicht transparente, scheinbar richtungslose" Kulturpolitik. Mit Widerstand ist zu rechnen ?
Archiv: Profil

New York Times (USA), 11.05.2003

Reihenweise fielen die Frauen in Ohnmacht, als der turbangekrönte Rudolph Valentino (alles über den Göttlichen) 1921 im "Scheich" (Ausschnitte aus diesem und anderen Valentino-Streifen hier) reüssierte. Emily W. Leider hat sich in ihrem Buch "Dark Lover" auch den Schattenseiten des erfolgreichen Hollywood-Stars gewidmet. Herausgekommen ist ein "flüssiges, kultiviertes, wunderbar lesbares Buch", jauchzt Barry Gewen in seiner Rezension. Valentinos kometenhafter Aufstieg aus einem kleinen Dorf in Italien zum gefeierten Hollywood-Star machte ihn zur "Ikone der amerikanischen Sozialgeschichte im 20. Jahrhundert", notiert der Rezensent. "Vor Valentino waren die Hauptfiguren kantige, ruppig-direkte Typen wie Douglas Fairbanks. Valentino stellte all die Klischees auf den Kopf." Die Autorin versucht auch die Frage nach der Homosexualität des zartgliedrigen, flamboyanten Valentino zu klären. Sie tut dabei ihr Bestes, schreibt Gewen, auch wenn es wenig Beweise gebe. "Leider zerlegt die Legenden nach und nach, und präsentiert uns einen Valentino mit kindischen Macken, aber einer sehr menschlichen Verletzlichkeit".

"A tiny sun / With yellow tobacco hair / Is burning out in the ashtray". Jeden Morgen ein Gedicht, das rät eine begeisterte Margo Jefferson nach der Lektüre von ''The Vintage Book of Contemporary World Poetry", herausgegeben von J. D. McClatchy, seines Zeichens selbst Dichter. Jeffersons Anweisung: "Öffnen Sie das Buch. Drehen Sie den Globus in ihrem Kopf: Griechenland, China, Mauritius. Finden sie international bekannte Poeten: Joseph Brodsky, Paul Celan, Aime Cesaire, Czeslaw Milosz, Pablo Neruda, Octavio Paz, Derek Walcott. Dann schauen Sie nach den anderen, berühmt in ihrem eigenen Land oder ihrer Region."

Aus den weiteren Besprechungen: Marjane Satrapis originelles "Persepolis" hätte kaum in einem besseren Moment erscheinen können, findet Fernanda Eberstadt. "Mutig und lebendig" und in Form eines Comics beschreibe Satrapis ihre Kindheit im Iran, vom Sturz des Schahs bis zum Krieg mit dem Irak. Eine unerwarteten Genuss verspürte Karen Karbo beim Lesen von Meghan Daums Erstlingsroman "The Quality of Life Report" (erstes Kapitel), in dem eine hippe New Yorker Reporterin aufs Land zieht. Karbo schätzt Daums komisches Talent, dass sie gekonnt "auch für wirklich ernste Themen einzusetzen versteht". Steven Merritt Miner hofft inständig, dass Anne Applebaums exzellente, straff geschriebene und verdammende Geschichte des sowjetischen "Gulag" (erstes Kapitel) von vielen Leuten gelesen wird. Applebaum widerspricht den revisionistischen russischen Historikern, die die Straflager als stalinistische, aber nicht sowjetische Erscheinung beurteilen. Daniel J. Kevles schätzt die überwältigende Menge an Argumenten, die Diane Ravitch in ihrem überzeugenden Buch "The Language Police" zusammengetragen hat, einer leidenschaftlichen aber fundierten Argumentation gegen die grassierende Zensur von Schulbüchern in den USA. Prominentere Opfer der politisch korrekten Lobbyisten sind etwa Mark Twains "Huckleberry Finn" oder Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig".

Economist (UK), 09.05.2003

Der Economist hält es für äußerst unangebracht, dass, wenn Italien am 1. Juli den Vorsitz der EU übernimmt, Silvio Berlusconi zum offiziellen Sprecher der EU werden wird. Denn gerade nach den jüngsten Divergenzen "ist es wirklich Zeit für Klarsicht, diplomatische Finesse und Ausübung von der Art moralischer Autorität, die mit großzügigem Respekt einhergeht. Kann Italien solch eine Führung bieten? Oder eher, kann es sein Premierminister, Silvio Berlusconi? Unsere Antwort lautet Nein." Einen Vorsitzenden, der seine Immunität nutze, um sich der eigenen Justiz zu entziehen, könne die EU nicht gebrauchen.

Weitere Artikel: Der Economist versucht es mit dem Prinzip Hoffnung. Zwar könnten die Freundschaftsbekundungen zwischen dem "neuen Europa" und Amerika dem europäischen Zusammenhalt erheblich schaden, sie könnten aber auch zu einer erneuten Annäherung über die NATO-Einbindung führen. "Was braucht man noch Satire, wenn man die Konservativen hat?" Der Economist amüsiert sich königlich über den amerikanischen "Virtukraten" und Moralprediger Bill Bennett, der, wie nun offenkundig wird, dem Glücksspiel verfallen ist. Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage rät der Economist der britischen Regierung zu einer Rentenreform, die die Unternehmer zugunsten des Staates entlastet.

Dass öffentliche Hinrichtungen auch im 18. Jahrhundert nichts mit Karnaval zu tun hatten, hat der Economist in Peter Linebaughs neuaufgelegtem Klassiker "The London Hanged" nachgelesen. Außerdem war der Economist auf dem asiatischen Filmfestival "Far East Film" in Udine und stellt seine zwei Lieblingsfilme vor: Ma Xiaoyings "Gone Is the One Who Held Me Dearest in the World" und Lee Jeong-hyangs "The Way Home". Und schließlich erfahren wir, warum auch die von George Bush geplante Steuersenkung den amerikanischen Arbeitsmarkt nicht aus dem Tief retten wird.

Ein Dossier ist den IT-Technologien und ihrer Zukunft gewidmet.

Interessiert hätte uns auch noch, wie es um die Integration der Immigranten in Europa steht, und warum Amerika das Gefangenenlager auf Guantanamo Bay schließen sollte, doch das ist leider nur in der Printausgabe zu lesen.
Archiv: Economist

Spiegel (Deutschland), 12.05.2003

Marco Evers hat sich die Arbeit von John Gaeta, hauptverantwortlich für die Spezialeffekte der beiden "Matrix"-Fortsetzungen, angeschaut und meint: "Die wenigen Minuten, die Journalisten bisher von dem Großprojekt haben sehen dürfen, lassen erahnen, dass Gaeta mit seinem Technik-Marathon die digitale Cinematografie tatsächlich neu erfunden haben könnte". Vor allem aber erfährt man, wo solche Fortschritte heute letztlich herkommen. Für die Spezialeffekte eingesetzt wurde so unter anderem "ein Instrument, das besonders exakt die Reflexion von Licht auf Oberflächen messen kann. Dieses Gerät spielt normalerweise eine Rolle bei der Wartung von Amerikas Stealth-Bombern. Gaetas Ingenieure nahmen an Fachkonferenzen teil zu Hightech-Themen, an denen auch Rüstungsforscher, Autobauer und AKW-Designer Gefallen fanden."

Ziemlich anders ist, wie man aus einem Interview mit dem Regisseur erfährt, der diesjährige Cannes-Beitrag von Wim Wenders entstanden - "The Soul of a Man" ist der erste von sieben Filmen, die verschiedene Regisseure auf Initiative Martin Scorseses zum Thema "Blues" drehen. "Für die Dreharbeiten von 'The Soul of a Man' sind wir durch Mississippi gefahren, wo die Wurzeln dieser Musik liegen, und haben uns auf einmal gefühlt wie in der Dritten Welt. Der Blues, der von dieser Tristesse erzählt, ist ein wichtiges Korrektiv zu dem Bild, das zum Beispiel die meisten Filme von Amerika vermitteln", erzählt Wenders.

Im Print: wir erfahren aus einem Interview mit dem ehemaligen israelischen Premierminister Ehud Barak, wie er über die Chancen der jüngsten amerikanischen Friedensinitiative denkt, welche Folgen der Krieg für das Symphonische Orchester Bagdads hat, und wie Carla Bruni und Benjamin Biolay das französische Chanson erneuern. Besprochen werden Wilhelm Genazinos Buch "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" und eine Biografie über Richrd Wagners Frau Minna.

Der Titel kündigt diesmal an, dass auch der letzte bislang noch unangetastete Konsens der alten Bundesrepublik vielleicht bald dahin ist: "Das Grundgesetz galt lange als Glücksfall der Geschichte - doch nach 54 Jahren ist sein Glanz erloschen. Experten machen das von Eingriffen lädierte Regelwerk voller Konstruktionsfehler für die Blockade dringend notwendiger Reformen in Politik und Gesellschaft verantwortlich". Besonders heftig geht dann auch gleich ein Beitrag von Thomas Darnstädt ran: "Mit dem Grundgesetz lässt sich die blockierte Republik nicht mehr regieren."
Archiv: Spiegel

Times Literary Supplement (UK), 09.05.2003

Zum vierhundertsten Todestag von Königin Elisabeth I. (mehr hier und hier) fragt sich Katherine Duncan-Jones, ob Elisabeths Langlebigkeit wirklich ein Glücksfall war. In ihrer Besprechung von gleich fünf aktuellen Biografien und einer Ausstellung kommt sie zu dem Schluss: "In den letzten beiden Jahren ihres Lebens wurde sie wowohl beim Landadel unbeliebt, den sie mit Zwangsabgaben für ihre Irischen Kriege in den Ruin getreiben hatte, als auch bei der armen Landbevölkerung, die in ihrem Aberglauben eine Folge von Missernten mit der unheilvollen Herrschaft einer unfruchtbaren alten Frau assoziierte. Am unzufriedensten aber waren die überlebenden Freunde und Unterstützer ihres früheren Günstlings, des Grafen von Essex. Wenn Elisabeth also zum Schluss melancholisch und paranoid war, dann zu Recht."

Weitere Artikel: Leider nur in Auszügen zu lesen ist Vincent Sherrys Text über Virginia Woolf und den Ersten Weltkrieg. Dass sie ihn rigoros abgelehnt hat, stehe außer Zweifel; doch Sherry glaubt, dass ihre Haltung über eine moralisch-pazifistische Indignation hinaus geht. Woolf sei vielmehr am politischen Versagen des britischen Liberalismus verzweifelt.

Peter Porter schwärmt von der satirischen Lyrik der australischen Dichterin Gwen Harwood, die "den Horror, der in der Rationalität der Vorstädte schlummert", in strenge Metrik einwickelt. Richard Davenport-Hines findet Matthijs van Boxsels "Encyclopedia of Stupidity" alles in allem ziemlich schwach, entnimmt ihr aber den Ratschlag: "Machen sie ihre Dummheit zu einer persönlichen, einzigartigen Dummheit. Wenn Sie versagen, versagen Sie auf dem höchst möglichen Niveau. Wenn Sie fallen, fallen Sie mit Eleganz und einem Lied im Herzen." Und Keith Miller hat sich beim menschfreundlichen Stück "Jerry Springer: The Opera" im Lyttelton Theatre amüsiert.

Express (Frankreich), 08.05.2003

Gilles Jacob, Präsident des Filmfestival in Cannes, schreibt eine kleine Hommage an Federico Fellini. Auf dem diesjährigen Festival ist eine komplette Werkschau des italienischen Filmemachers zu sehen. Zum ersten Mal in der langen Geschichte des Festivals kann man ein filmisches Gesamtwerk bewundern. Gilles Jacob erinnert sich an seine persönlichen Begegnungen mit Fellini - mit dem Mann, der "lieber seine eigene Kehle durchgeschnitten hätte, als darüber zu sprechen, was er mit seinen Filmen sagen wollte", erzählt Jacob.

In der Bücherschau lobt Guillaume Piketty zwei neue biografische Werke zum französischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs. Zwei Historiker haben das Leben von Jean Moulin und Henry Frenay in den Blick genommen. Letzterer war bisher noch nicht Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie. Weitere Artikel: Auf die Suche nach den Verantwortlichen der NS-Verbrechen begibt sich der Held in Imre Kertesz fantastisch kafkaesker Erzählung "Der Spurensucher". Nun auch in dem französischen Verlag Actes Sud erschienen, wie Andre Clavel berichtet (mehr erfahren Sie hier). Besprochen wird außerdem der Roman "Madame Ba" von Erik Orsenna, der die französisch-afrikanischen Beziehungen zum gesellschaftspolitischen Hintergrund der fiktiven Handlung macht. Lesen Sie das Buch, Monsieur le President!, fordert Francois Busnel. Einen Auszug finden Sie hier. Schließlich erfahren Sie in der heutigen Ausgabe, wie Sie den Durchblick bewahren.

Und: Mal ganz abgesehen von der Frage, ob Tiere denken oder Pflanzen Sex haben können, steht ganz einfach fest, dass alle Lebewesen sich einem nicht entziehen können: den Frühlingsgefühlen. Französische Biologen und Philosophen gehen in mehreren Untersuchungen der Frage nach, warum man sich ausgerechnet zu dieser Jahreszeit so gerne paart. Ja, ja der Lenz ist da!
Archiv: Express

Nouvel Observateur (Frankreich), 08.05.2003

Anlässlich des nächste Woche beginnenden Filmfestivals in Cannes wirft der Nouvel Obs einen Blick in die Vergangenheit. Er bat gut dreißig Cineasten, darunter Olivier Assayas, Catherine Breillat und Patrice Chereau (hier) und fast zwanzig Filmkritiker (hier) um ihre persönlichen Voten für die besten Filme der letzten 50 Jahre. Unumstrittener Gewinner ist demnach "Die Nacht des Jägers" von Charles Laughton (mehr hier). "Der Film wurde von einem Viertel der Befragten genannt, und rangierte auf der Liste der Cineasten an erster, in der Journalistenauswahl an dritter Stelle." Den zweiten Platz teilen sich Hitchcocks "Vertigo" und "Le mepris" (Die Verachtung) von Godard, an vierter Stelle steht "Van Gogh" von Maurice Pialat, gefolgt von Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" und Fellinis "Amarcord".

Didier Eribon empfiehlt die Lektüre eines Sammelbands mit (teilweise bisher unveröffentlichten) Texten über die Situation in französischen Gefängnissen von Sartre, Foucault, Deleuze und Genet aus den Jahren 1971 bis 1973: "Le Groupe d'Information sur les Prisons. Archives d'une lutte" (Imec). Der Band lasse die "intellektuelle Atmosphäre" dieser Zeit wieder entstehen, außerdem sei das Thema nach wie vor "aktuell". Die Beschäftigung mit diesem Themenkomplex war Grundlage für Foucaults Schrift "Überwachen und Strafen".

Rezensiert werden der zweite Band der Memoiren des Widerstandskämpfers und Augustinus-Experten Andre Mandouze (Editions du Cerf). In einem kleinen (und durchaus unvollständigen) ABC wird schließlich der Schriftsteller, Kinderbuch- und Comicautor Pennac (eigentlich Daniel Penacchioni) vorgestellt. Außerdem wurde in dieser Woche ein kleines Dossier über Leonardo da Vinci zusammengestellt, dem der Louvre eine große Ausstellung widmet (mehr hier). Bernard Genies porträtiert den "absoluten Künstler", ein weiter Text widmet sich Leonardos Wertschätzung der Malerei als "göttliche Kunst", vorgestellt werden neun Kilo neue Bücher und Bildbände, und es gibt einen Hinweis auf zwölf Manuskriptbände da Vincis, die ansonsten in einem Banktresor ihr Dasein fristen und erstmals seit 1952 wieder gemeinsam ausgestellt werden.