Magazinrundschau

Wir haben schon gewonnen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
06.09.2011. Die LRB staunt über das Wirtschaftswachstum im regierungslosen Belgien. In Le Monde kritisiert Claude Lanzmann die Streichung des Begriffs Schoah aus französischen Schulbüchern. Prospect widerspricht Martin Kemp: Das Coke-Logo ist keine Ikone. Polityka erklärt, was die Briten unter warmen offiziellen Beziehungen verstehen. In Eurozine schreitet Laszlo Garaczi das vergiftete linguistische Gelände Ungarns ab. In The New Republic hält Paul Berman den Kampf der Ideen für ausschlaggebend.

London Review of Books (UK), 08.09.2011

John Lanchester hat sich die neuesten Zahlen zur Lage der Weltwirtschaft angesehen und kommt recht bald auch auf die USA zu sprechen. Zunächst aber blickt er auf Europa und hat da einen sehr interessanten Ausreißer nach oben entdeckt: "In Europa haben wir die überraschenden und alarmierenden 0,1 Prozent Wachstum in Deutschland, die verzweifelt armseligen 0 Prozent in Frankreich und dann, jetzt kommt's, die erfreulich munteren 0,7 Prozent Belgiens. Warum ist das geradezu zum Schreien komisch? Weil Belgien keine Regierung hat. Dank des politischen Patts in Brüssel hat es schon seit fünfzehn Monaten keine mehr. Keine Regierung heißt auch: keine der Maßnahmen, die all die anderen Regierungen ergreifen: keine Sparmaßnahmen und keine Austeritätspolitik. In der Abwesenheit von jemand, der ein Mandat zum Kürzen und Einschränken hätte, laufen die Ausgaben des öffentlichen Sektors in Belgien einfach so weiter wie sonst; daher das anhaltende Wachstum der Wirtschaft des Landes. Es stellt sich also heraus, dass vom Gesichtspunkt der Ökonomie in der gegenwärtigen Krise keine Regierung die bessere Alternative zu jedweder Regierung ist - jeder existierenden Regierung jedenfalls."

In einem weiteren Artikel blättert Hal Foster durch ein Buch, für das Francesc Torres die in einem New Yorker Flughafenhangar versammelten Trümmer von Ground Zero fotografiert hat.

Magyar Narancs (Ungarn), 25.08.2011

Eine längst fällige Vergangenheitsbewältigung in Ungarn rückt seit der Wende durch eine immer schärfer werdende "jüdisch-ungarische Kontroverse" in weite Ferne. In dieser Kontroverse wird die ungarische Beteiligung am Holocaust der vermeintlichen Rachsucht der Juden, ihrem hohen Anteil unter den kommunistischen Funktionären und dem durch die Kommunisten verursachten Leid gegenübergestellt. Dass aber das so notwendige "Ausdiskutieren" nicht mit konkreten Inhalten gefüllt werden konnte, liegt nach Ansicht des Orientalisten und Historikers Geza Komoroczy an einem grundsätzlichen Fehler gleich nach Kriegsende, wie er in einem Interview mit Zoltan Barotanyi erklärt: Die ungarischen Gerichte hätten - im Gegensatz zur deutschen Justiz - viel strengere Urteile gegen Kriegsverbrecher gefällt - gleichzeitig aber einen deutlich engeren Kreis zur Rechenschaft gezogen: "Während der Kriegsverbrecher-Prozesse in Ungarn wurde jene Situation rekonstruiert, in der es einerseits die Nazis und andererseits die verschleppten und ermordeten Juden gab. Dabei gab es aber noch die gleichgültige, gar schadenfrohe Mehrheit, über die genauso geschwiegen wurde wie über den überlebenden Juden, der sein Hab und Gut [das er vor seiner Deportation seinem Nachbarn anvertraut hatte] nicht zurück bekam, und der sich auch dann nicht sicher fühlen konnte, wenn er in die kommunistische Partei eintrat oder eine Stelle in der Staatsverwaltung erhielt. Dieses Ausdiskutieren muss auch auf diese Themen ausgeweitet werden."

Times Literary Supplement (UK), 02.09.2011

Was ist Michel Houellebecq? Prophet oder Poet? Um sich zwischen diesen beiden Positionen zu entscheiden, lohnt ein Blick auf Houellebecqs Lyrikmeint John Montague anlässlich der Übersetzung von Michel Houellebecqs Gedichtband "Le sens du combat" ins Englische. "Verdankt er seine Bekanntheit allein seinem erzählerischen Erfindungsreichtum, oder seinen aufwieglerischen Ansichten über Sex und den Islam? Einige Kritiker haben vehement auf Houellebecqs Romane reagiert und sie als 'abstoßend' und 'vulgär' bezeichnet. Aber vielleicht irren sie sich. Zwar fördert die narrative Form eine scheinbare Übereinstimmung zwischen Autor und Erzähler, aber Houellebecqs Figuren sind Chiffren und deshalb können wir uns nicht sicher sein, wie es mit dem Gewissen des Autors aussieht."

Paul Gravett hat in einigen französischen und englischen Comicromanen geblättert, die nicht nur sehr gefühlsstarke Geschichten erzählen, sondern diese auch grafisch nachfühlbar machen. Gerade der Comic, so Gravett, kann die Flüchtigkeit des Gefühlsausdrucks zeichnerisch erfassen: "Manchmal ist es nur der flüchtige Blick einer Person, ein dahingesagter Kommentar, oder ihre bloße Präsenz, die bedeutungsvoll fixiert werden kann - als gefrorener Moment ins Gedächtnis eingeschrieben wie in eine Bildtafel, aus der er zurückkehrt und nachklingt. Die visuellen und verbalen Möglichkeiten des Comicromans scheinen geeignet solche Feinheiten wie Schmetterlinge aufzuspießen."
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Stichwörter: Michel Houellebecq

Rue89 (Frankreich), 04.09.2011

Pierre Haski unterhält sich mit dem Arabien-Spezialisten Jean-Pierre Filiu, der ein Buch über die arabischen Freiheitsbewegungen vorgelegt hat. Über die Rolle der Islamisten sagt er: "Es gibt drei Fakten, die überall wiederkehren: Erstens sind die Islamisten in der Minderheit, auch wenn sie relativ gesehen die stärkste Kraft sind. Zweitens sind sie in sich zerstritten. In Ägypten sind wir inzwischen bei vier Parteien, die aus den Muslimbrüdern hervorgegangen sind, drei salafistischen Parteien und einigen anderen Parteien, die sich auf den Islam berufen... Drittens stehen die Islamisten nicht am Ursprung der Aufstandsbewegungen, sie waren reaktiv und haben je nach Land eine mehr oder weniger wichtige Rolle gespielt - aber immer nur als Folgende."
Archiv: Rue89
Stichwörter: Muslimbrüder, Rue89

Prospect (UK), 24.08.2011

Wie Bilder zu Ikonen werden: darüber hat der Kunsthistoriker Martin Kemp ein Buch geschrieben. Der etwas provozierende Titel lautet "From Christ to Coke: How Image Becomes Icon". Nicht an der Provokation als solcher stört sich Roger Scruton in seiner Besprechung. Diesen allzu erweiterten Begriff des Ikonischen findet er dennoch problematisch, aus analytischen Gründen. Man vergleiche, meint er, die "Mona Lisa" (eine wahre Ikone) und das Coke-Logo des Titels: "Man erkennt den Unterschied daran, dass die 'Mona Lisa', anders als die Coke-Flasche, geschändet werden kann. In der Tat wurde sie geschändet: von Marcel Duchamp, der sie im Scherz mit einem Schnauzer und einem Bart geschmückt hat. Nur was 'geweiht' ist, kann geschändet werden, und wenngleich die 'Mona Lisa' kein liturgisches Objekt ist, so ist sie in unseren Gefühlen doch geweiht. Ihr Bild siedelt in einem höheren Bereich. Sogar wenn das Gemälde zerstört würde, bliebe das Bild in diesem Bereich doch lebendig, neben der Venus von Botticelli und dem David des Michelangelo, als ein 'Punkt, an dem sich die Zeit und die Zeitlosigkeit kreuzen'. Nichts davon lässt oder ließe sich über die Coke-Flasche sagen."
Archiv: Prospect

HVG (Ungarn), 27.08.2011

In den Wäldern am Budapester Stadtrand nehmen die Kolonien von Obdachlosen zu - vor allem, seitdem die neue Führung in der Hauptstadt Ende 2010 damit begonnen hat, Obdachlose von den öffentlichen Plätzen zu verdrängen. Nach einem vierfachen Mord in einer solchen "nomadisierenden" Kolonie hatte die Polizei umfassende Razzien angekündigt. Sozialverbände warnten daraufhin vor einer Kriminalisierung der Obdachlosen. Aber schlechter als es bereits ist, kann es kaum noch werden, meint der Publizist Laszlo Seres, der den schärferen Kontrollen durchaus auch etwas Positives abgewinnen kann: "Nun wurde dieser Schritt allein von der Ungarischen Ökumenischen Hilfsorganisation begrüßt, da die polizeilich Kontrolle nach ihren Worten 'auch die Obdachlosenhilfe unterstützen' könne. Das ist nachvollziehbar, denn von den neuen Erkenntnissen können sowohl die Sozialarbeiter als auch ihre Klienten profitieren. Wenn also durch die neuen Razzien auch nur ein einziges Menschenleben gerettet oder gar aus dieser Twilight Zone rausgeholt werden kann, hat es sich schon gelohnt."
Archiv: HVG

Outlook India (Indien), 12.09.2011

Auch in Indien beginnt die "erwachsene" Version des Comic, die "graphic novel", nun Fuß zu fassen. Smit Mitra stellt die jungen Verleger Anindya Roy und Sarnath Banerjee (der zugleich auch Künstler und Autor von "graphic novels" ist) vor. "'Es ist kein Mainstream-Medium', erklärt Banerjee, 'darum ist es einfacher, eher subversive Dinge zu versuchen'. Und darum hat er als Verleger gemeinsam mit Roy auch als allererstes zwei 'graphic novels' zum Thema Terrorismus veröffentlicht. Während 'Kashmir Pending' die Geschichte eines bekehrten Terroristen erzählt, dreht sich 'The Believers' um zwei muslimische Brüder, von denen der eine säkular ist, der andere aber eine fundamentalistische Gruppe anführt. In beiden Geschichten geht es um die Suche nach den Bedingungen für Terror - die globale Entfremdung der muslimischen Community und der tägliche Horror, die tägliche Gewalt im von Kämpfen zerrissenen Kaschmir. Angesichts der 'Islamophobie', die die ganze Welt ergriffen habe, sei es, so Banerjee, 'kein großes Risiko gewesen', diese zwei Bände verlegerisch zu unterstützen."

Monde (Frankreich), 30.08.2011

Um den Holocaust zu bezeichnen, ist in Frankreich eher das Wort "Schoa" gebräuchlich. Nun ist das Wort "Schoa" auf eine immer noch noch nicht ganz offizielle Weisung hin in den meisten französischen Schulbüchern gestrichen worden, statt dessen soll von "Vernichtung" gesprochen werden - für Claude Lanzmann in einem Artikel für Le Monde, der das Wort mit seinem gleichnamigen Film bekannt machte, durchaus ein Fall von "Negationismus": "Nun steht in einigen der neuen Schulbücher (zum Beispiel der Verlage Magnard und Hatier) die Formel vom 'genocide juif' und bei anderen (Nathan Le Quintrec) die vom 'genocide nazi'. Wer hier wen völkermordet, ist eine andere Frage, und das zeigt sehr gut, in welches Durcheinander die Redakteure der Bücher angesichts der keineswegs naiven Verweigerung des Wortes 'Schoa' geraten... Während das Wort 'Schoa' ausradiert wurde, taucht in einem anderen Geschichtsbuch (bei Hachette) erstmals das Wort 'Nakhba' auf, eine spiegelbildliche Wortprägung, die von den Palästinensern geschmiedet wurde, um ihre eigene Katastrophe zu benennen - die Gründung des Staats Israel."
Archiv: Monde

Elet es Irodalom (Ungarn), 02.09.2011

Seit März läuft in Budapest ein Strafverfahren gegen die mutmaßlichen Täter einer Serie von Morden an Roma in den Jahren 2008 und 2009 (mehr auf Deutsch bei Pester Lloyd). Das Echo des Prozesses ist jedoch nicht vergleichbar mit den Reaktionen in Norwegen auf das Massaker, das Anders Breivik anrichtete, findet der Publizist Andras Vagvölgyi B.: "Nach der anfänglich großen Aufmerksamkeit seitens der Medien scheint sich die ungarische Presse an dem Prozess zunehmend zu langweilen, und die ungarische Gesellschaft erst recht. Von einer katartischen Erschütterung in der Seele der gesamten Gesellschaft, die das künftige Zusammenleben von Roma und Mehrheitsgesellschaft fördern würde, gibt es keine Spur. ... Der skandinavische Krimi ist zum Leben erwacht, doch die skandinavischen Gesellschaften lassen es sichtlich nicht dabei bewenden und setzen sich damit auseinander. Bei uns, so scheint es, interessiert sich kaum jemand für so etwas."

Open Democracy (UK), 31.08.2011

Warum wird eigentlich so wenig darüber diskutiert, dass Anders Breivik nicht gezielt Muslime, sondern junge norwegische Sozialdemokraten ermordet hat, fragt Markha Valenta. "Breivik hätte leicht eine Moschee attackieren können, aber er tat es nicht. Er wollte das politische und ideologische Herz seines eigenen Landes treffen. Auf diese Art bestätigt Breivik - ohne Absicht, aber deutlich - wie marginal die Muslime tatsächlich immer noch in den europäischen Gesellschaften sind und wie sehr die Debatte über den Islam eine Debatte zwischen Europäern ist, statt eine Debatte zwischen Europäern und Muslimen." Ein zweiter Strang des Textes handelt davon, dass ausgerechnet Breivik, der den Multikulturalismus hasst, sich in seinem Manifest - das aus Quellen von Europa über Indien, Japan, die USA bis zum saudischen Obama bin Laden gespeist ist - als wahres Kind des Multikulturalismus erweist, eben weil er die verschiedensten Einflüsse vermischt.

Polityka (Polen), 02.09.2011

Ein kleines Kapitel polnisch-britischer Geschichte erzählt (hier auf Deutsch) Ewa Winnicka. Im November 1939, als die Briten verstanden, dass ihre Appeasement-Politik gegenüber den Nazis gescheitert war, soll es Pläne der polnischen Exilregierung gegeben haben, eine Union aus Polen und Tschechen zu gründen. Als Anführer der Förderation soll der Duke of Kent, der jüngere Bruder der britischen Monarchen Edward und George VI. genannt worden sein. Die Briten lehnten dankend ab. So eng wollten sie sich mit den Polen nicht verbünden. "Zur Natur der polnisch-britischen Freundschaft: 1944 gab es im Londoner Außenministerium eine Notiz von Robert Hankey aus der Abteilung des Auslandsgeheimdienstes, die für Polen zuständig war. Hankey legte ein Geheimnis der slawischen Seele offen, das von General Wladislaw Anders und zuvor von General Sikorski verkörpert wurde: 'Sie verstehen unsere freundschaftliche oder gar überschwängliche Einstellung ihnen gegenüber als Bestätigung ihrer Ansichten. Sie sind der gängigen Illusion der Polen erlegen, die unsere warmen offiziellen Beziehungen als einen Beweis unserer herzlichen Freundschaft verstehen.'"
Archiv: Polityka

New Republic (USA), 24.08.2011

Ist es falsch, im Verhältnis des Westens zum Islam über Ideen nachzudenken? Bestimmen nur die ökonomischen Bedingungen die Verhältnisse? Paul Berman glaubt es nicht. Mit Ideen haben Islamisten und muslimische Liberale an Boden gewonnen. Erstere auch mit dem Argument, muslimische Liberale gebe es überhaupt nicht. Sie seien zu zornig, westlichen Ideen verfallen oder vom König von Marokko bestochen, und daher nicht glaubwürdig. Aber zehn Jahre nach dem 11. September gibt es den arabischen Frühling, es gibt "demokratische Institutionen, zitternd wie ein Blatt - bedroht von Terroristen und islamistischen Milizen im Iraq, zusammengetreten von islamistischen Milizen im Libanon, ein vages Zukunftsprojekt in Tunesien und noch schwächer in Ägypten, wenn man bedenkt, dass die anstehenden Wahlen dort die falschen Leute an die Macht bringen können. Demokratische Institutionen sind dennoch ein neues Element. Und mehr noch: Es ist eine unausrottbare Tatsache, dass Liberale, so isoliert und schwach sie sind, eine Massenerscheinung auf der öffentlichen Bühne waren und einen guten Eindruck beim Rest der Gesellschaft hinterlassen haben, dass sie sogar ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt haben, die Ereignisse herbeiführen zu können und dass ihre Zeit noch nicht vorbei sein könnte."
Archiv: New Republic

Eurozine (Österreich), 05.09.2011

In Ungarn zu diskutieren, ist heute so schwierig wie zuletzt in den Achtzigern, meint der Schriftsteller Laszlo Garaczi: "Auch heute nehmen alle öffentlichen Äußerungen notwendigerweise die Form von ideologischen Argumenten an und enden oft in Feindlichkeiten. Etwas übertrieben ausgedrückt könnte man sagen, dass sogar heute Leser nach Hinweisen suchen, ob ein Schriftsteller über das linke oder rechte Ohrläppchen [seiner Geliebten] schreibt, den linken oder rechten Schnürsenkel, um zu sehen, auf welcher Seite er oder sie steht. Es zählt nicht die Qualität des Arguments, sondern wer es geäußert hat und welche Bedeutung man hinein interpretieren kann." Das mag einer der Gründe sein, warum die Ungarn sich oft so gewunden und, ähm, umständlich ausdrücken. Ein anderer ist offenbar die kontaminierte Sprache: "Die Anbahnung eines Dialogs ist nicht einfach in einer Sprache, in der die Synonyme für 'Patriot' (hazafi, patriota) entgegengesetzte Bedeutungen haben, weil das eine von der Linken, das andere von der Rechten besetzt ist. Auf einem so komplizierten und vergifteten linguistischen Gelände kann man seine Ideen klarerweise nur mit erhöhter Sorgfalt und Vorsicht äußern."

Außerdem: Richard Overy betrachtet (hier auf Deutsch, hier auf Englisch) Konzentrationslager aus einer internationalen Perspektive.
Archiv: Eurozine

New York Times (USA), 04.09.2011

Anthony Shadid hat sich für das Sunday Magazine von zwei jungen Aufständischen nach Syrien schmuggeln lassen, wo die Proteste gegen das Regime Assads trotz seiner brutalen Reaktion weitergehen. "Viele Jahre lang waren Syriens Städte recht kurzsichtig in ihrer Rivalität. Dara wurde für rückständig gehalten, bewohnt von den Hinterwäldlern der Houran-Steppe. Deir al-Zour war die Domäne bewaffneter Stämme. Homs, von der Regierung privilegiert, konkurrierte mit Hama, das lange Zeit für seine rebellische Geschichte und seine religiöse Prägung diskriminiert wurde. Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit, wetteifern Damaskus und Aleppo noch immer um die Führung im Land. Aber jetzt flammen Proteste regelmäßig in der einen Stadt aus Solidarität mit einer anderen auf, die gerade unter Beschuss steht. 'Dara und die Dörfer drumherum haben einen besonderen Platz in unserem Herzen, sagt Iyad, 'hier begann die Revolution, hier starben so viele Märtyrer. Von Dara haben wir gelernt, uns immer wieder zu erheben, auch wenn die Armee angreift.' Es war Nachmittag, er und Ahmed wollten mit uns zu einem anderen sicheren Versteck. Als wir aufbrachen, drehte sich Iyad zu mir und sagte: 'Wir haben schon gewonnen. Wir sind schon die Sieger. Ich habe ein Leben unter Terror, Angst und Mord gelebt. Jetzt bin ich frei.'"

Etwas obsessiv, aber sehr instruktiv erscheint Kathryn Schulz in der Book Review die Essaysammlung "Believing is Seeing" des Filmemachers Errol Morris, der darin der Wahrheit in der Fotografie nachspürt: "Glücklicherweise wird seine thematische Begrenztheit durch eine stilistische Tendenz in die andere Richtung ausgeglichen - vornehmlich hin zum Tangentialen und Panoptischen. In der Kombination ergibt dies einen seltsamen, fesselnden Effekt, wie ein Blizzard, der auf ein einzelnes Haus fällt. Wir reden über ein Buch, das unter anderem Karten, Briefe und Familienstammbäume enthält, alte Werbeanzeigen, Militärpläne und Interviewauszüge."