Magazinrundschau

Alex Ross: Das wohltemperierte Internet

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.10.2007. Der New Yorker stellt das wohltemperierte Internet vor. In Magyar Narancs sucht der Schriftsteller Richard Fekete im Internet den Kontakt zum Publikum, den die Zeitschriften meiden. Der Economist beobachtet Graswurzelorganisationen mittelalter Vorstädter im Netz. Der Spectator begutachtet ein chinesisches Gefängnis von innen. Reset.doc diskutiert Moscheenbau in Italien. Il Foglio kennt einen ganz dicken. In der Weltwoche erklärt der Agrarwissenschaftler Norman Borlaug den Reichen und Verwöhnten: es gibt kein Null-Risiko. In Salon.com diskutieren die zehn mächtigsten Frauen Hollywoods.

New Yorker (USA), 22.10.2007

Unter der schönen Überschrift "Das wohltemperierte Internet" erklärt Alex Ross, warum das Internet vielleicht die Pop-CD erledigt, aber sehr gut für die klassische Musik ist: er stellt einige ausgezeichnete Blogs und Musiker-Homepages für klassische Musik vor. Und dann ist da natürlich iTunes. "Als Apple 2003 seinen iTunes Musikladen startete, hob es auf seiner Homepage Künstler wie Esa-Pekka Salonen und Anna Nebtrebko hervor; als Resultat stiegen die Verkäufe von klassischer Musik sprunghaft. Ähnliche Aufwärtstrends gab es bei Amazon und ArkivMusik. Die Anonymität des Internets hat klassische Musik für Nichtfanatiker zugänglicher gemacht. Ersthörer können Kritiken lesen, Audiosamples vergleichen und sich dann zum Beispiel für eine Beethoven-Aufnahmen von Wilhelm Furtwängler entscheiden, ohne die Demütigung zu riskieren, unter dem säuerlichen Blick eines Verkäufers den Namen des Dirigenten falsch ausgesprochen zu haben." Zu den besten Adressen gehören für Ross die Website des Arnold Schönberg Centers in Wien, das Blog "Think Denk" des Pianisten Jeremy Denk und Keeping Score, eine Website des San Francisco Symphonie Orchesters, auf der einzelne Musikstücke wie zum Beispiel Beethovens "Eroica" erklärt werden. Ross hat natürlich auch selbst ein Blog.

Margaret Talbot porträtiert ausführlichst David Simon, den Schöpfer der HBO-Serie "The Wire", der - kann man es anders sagen? - besten Krimiserie aller Zeiten: "Rafael Alvarez, ein früherer Reporter der Baltimore Sun, den Simon als einen Autor fürs Drehbuch angeheuert hat, sagte: 'In einem russischen Roman, arbeitet sich der Leser durch die ersten hundert Seiten. Dann wendet sich das Blatt und man versinkt in dem Roman. Bei 'The Wire' könnte es gut bis zur sechsten Folge dauern, bis man drin ist.'"Die Schöpfer von 'The Wire' würden niemals behaupten, dass ihre Arbeit so gut wie die von Tolstoi oder Dickens sein, aber so ganz können sie dem Vergleich auch nicht widerstehen."

Weiteres: John Updike bespricht eine Biografie von David Michaelis über Charles Schulz, Schöpfer der "Peanuts" (Harper Collins). Thomas Mallon rezensiert eine Studie über Wernher von Braun: "Von Braun: Dreamer of Space, Engineer of War" (Knopf). Paul Goldberg stellt die "spielerische" Architektur von Will Alsop vor. Sasha Frere-Jones fragt sich in einem längeren Artikel, warum Indie-Rock "so weiß" und langweilig geworden ist. Und Anthony Lane sah im Kino "We own the Night" von James Gray und "Lust, Caution" von Ang Lee. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Among Animals and Plants" von Andrei Platonov und Lyrik von Louise Glück, Franz Wright und Jack Gilbert.

Nur im Print: Porträts der iranischen Videokünstlerin Shirin Neshat, des Geschäftsführers der Metropolitan Opera Peter Gelb und des amerikanischen Historikers Jacques Barzun, der 100 Jahre alt wird, sowie eine Betrachtung über entzauberte Filmstars.
Archiv: New Yorker

Magyar Narancs (Ungarn), 11.10.2007

Im August 2007 stellte der junge Essayist Matyas Dunajcsik in einem Artikel über literarische Öffentlichkeit und das Internet fest; dass "sich die literarische Szene in Ungarn im Umbruch befindet. In der Blogosphäre beginnt eine Schicht das Wort zu ergreifen, die die Protagonisten der zeitgenössischen Literatur bislang gar nicht oder nur gering schätzend zu Kenntnis nehmen wollten: das Publikum." Der junge Autor Richard Fekete begrüßt diese Initiative Dunajcsiks, die eine neue Kritik-Debatte ausgelöst hat: "... es ist schon auffallend, wie sich ein Großteil der literarischen Zeitschriften dem Internet gegenüber verschließt. Es geht hier nicht um die eigene Website, sondern um Foren, wo die Leser den Redakteuren unmittelbare Reaktionen zukommen lassen könnten - schließlich ist es kaum vorstellbar, dass man eine Zeitschrift nur für sich selbst herausgibt. Natürlich birgt diese Möglichkeit auch unangenehme Überraschungen in sich. Die Anonymität des Internets und die Streitereien - die es dort tatsächlich gibt - könnten ja dieses idyllische Bild der Selbstbezogenheit verunreinigen."
Stichwörter: Anonymität

Nepszabadsag (Ungarn), 13.10.2007

Die sich rapide entwickelnden neuen Medien haben auch die Kontrollmöglichkeiten der Nationalstaaten über eben diesen Medien dramatisch verändert. Während dieser Umstand in den westlichen Ländern von vielen als die Verheißung eines ausgeprägteren demokratischen Bewusstseins aufgefasst wird, scheint Ungarn in dieser Hinsicht dem Rest der Welt hinterher zu hinken, meint der Medienwissenschaftler Peter György: "Die gesellschaftliche, rechtliche und wirtschaftliche Öffentlichkeit in Ungarn scheint sich für die alternativen neuen Medien nicht zu interessieren. Der online-Journalismus unterscheidet sich bei uns vom traditionellen Journalismus lediglich durch die Flut unanständiger Wörter und - innerhalb der Blogospäre - die Ressentiments, die schlechte Laune, den Neid und hemmungslose Unwissenheit. Dabei sind die neuen Medien nichts anderes als das Vorzimmer zur Aneignung der zeitgenössischen Kultur, die uns befähigen vermag, jene autonomen kulturellen Räume zurückzuerobern, die uns die radikale Kritik eröffnet.
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Archiv: Nepszabadsag

Economist (UK), 12.10.2007

Die amerikanische Linke sammelt sich - und zwar mit Hilfe des Internets, hat der Economist aus dem Buch "The Argument" des New-York-Times-Reporters Matt Bai gelernt. Dieser hat Graswurzelorganisationen wie zum Beispiel MoveOn.org untersucht: "Matt Bai zeigt, wie das Internet die Graswurzelpolitik verändert hat. Es gibt neuen Gruppen wütender Menschen - den verlässlichsten Fußsoldaten jeder politischen Kampagne - die Möglichkeit, sich zu finden und miteinander ins Gespräch zu kommen. Die religiöse Rechte hat ihre Truppen schon immer in Kirchen und Mailinglisten sammeln können. Jetzt gelingt der Anti-Bush-Linken Ähnliches, und zwar online. Und die meisten der 'netroots' (der Online-Graswurzel-Aktivisten) sind nicht, wie man denken könnte, technikvernarrte Zwanzig- bis Dreißigjährige. Sie sind eher mittelalte Vorstädter, die sich mit ihren Nachbarn nicht mehr wohlfühlen. 'Wenn Studenten jemanden brauchten, um sich über das Elend des Lebens unter Bush auszutauschen, mussten sie nur über den Gang gehen', stellt Bai fest. 'Für die reichen Baby Boomer gibt es MoveOn.'"

In weiteren Artikel geht es unter anderem um den möglichen Verzicht der Musikindustrie auf Kopierschutzverfahren, die Annäherung Nestor Kirchners an die argentinischen Juden und die Probleme der SPD mit der Linkspartei in Deutschland. Die Titelgeschichte ist der wachsenden Kluft zwischen Armen und Reichen in China gewidmet. Besprochen wird Brian DePalmas Film "Redacted".
Archiv: Economist

Foglio (Italien), 15.10.2007

Leone Piccioni plaudert in seinem Buch "Memoria e fedelta" aus dem Nähkästchen des italienischen Literaturbetriebs der Nachkriegszeit. Gabriella Mecucci zitiert die Höhepunkte. "Der genialste italienische Schriftsteller, Carlo Emilio Gadda, war ein ziemlich extravaganter und naiver Charakter, weshalb er zum Ziel von entzückenden Scherzen wurde, die er oft nicht verstand. Ein glühender Monarchist, regte er sich Anfang der Sechziger über die Nachricht auf, die Prinzessin Titti di Savoia habe eine Beziehung mit Maurizio Arena, einem 'armen, aber schönen' Mann, nur Muskeln, wenig Hirn. Goffredo Parise und Leone Piccioni, leitender Redakteur beim Rai und Sohn eines wichtigen Christdemokraten, einigten sich darauf, das auszunutzen. Schon am nächsten Tag hat Parise ein Abendessen mit Gadda, und dieser fängt wie erwartet an, sich über das Gebaren von Titti aufzuregen. Wie kann es sein, dass eine Savoy sich mit Maurizio Arena einlässt? Parise gibt sich als konzentrierter Zuhörer und meint, nachdem er die Flasche Mineralwasser angeboten hat: 'Man sagt, seiner ist so dick'. Dieselbe Szene ereignet sich am darauffolgenden Abend. Diesmal ist der Tischgast Leone Piccioni. Das gleiche Gejammer des Meisters über Titti, und wieder der Verweis auf die Flasche: 'Man sagt, er hat einen so dicken." Gadda schnellt in die Höhe, wird puterrot und ruft mit lauter verzweifelter Stimme: 'Aber dann ist es wahr!'"

Außerdem: Siegmund Ginzberg porträtiert stolz und doppelseitig (hier und hier) Mario Capecchi, den italienisch-amerikanischen Medizinnobelpreisträger. Und Giulio Meotti widmet sich dem einzigen schwarzen Mitglied des Supreme Courts und "meistgehassten Richter Amerikas", Clarence Thomas, und dessen Buch.
Archiv: Foglio

Spectator (UK), 13.10.2007

Aidan Hartley berichtet von seinen doppelt filmreifen Recherchen in einem der geheimen Gefängnisse Pekings. Dort werden Kritiker der Regierung, die aus dem ganzen Land kommen, um Petitionen einzureichen, als Störenfriede eingesperrt. Er sprach gerade mit einigen Gefangenen. "Plötzlich waren wir von einem Dutzend knurrender Wachen in Overalls umzingelt. Ich versuchte sie zur Vernunft zu bringen. 'Seien Sie höflich', sagte ich. Es nutzte nichts. Sie drückten uns vom Gefängnistor weg. Schwarzes Shirt (der Direktor, Anmerkung des Übersetzers) versuchte die Kamera den Händen meines Kamermanns Andrew zu entreißen. In dem Handgemenge zerstörten die Wachen die Kamera. Draußen sprangen wir in das Taxi, das uns hierher gebracht hatte - erstaunlicherweise war es noch da - und versuchten loszufahren. Schwarzes Shirt befahl, die Eingangstore zu schließen und unseren Weg zu blockieren. Wir wurden über den Asphalt geschleift. In dem Durcheinander sagte ich zu Andrew 'Gib mir schnell das Band.' Er nahm es aus der Kamera und ich steckte es in meine Socke, während Andrew eine leere Kassette einlegte." Hartleys Bilder werden am 19. Oktober um 19.30 Uhr auf Channel 4 gesendet.
Archiv: Spectator
Stichwörter: Gefängnisse

Weltwoche (Schweiz), 11.10.2007

Im Interview mit Michael Miersch spricht der Agrarwissenschaftler und Nobelpreisträger Norman Borlaug über den noch immer nicht beseitigten Hunger in der Welt, die notwendigen Agrarreformen und die Gentechnik: "Mutter Natur ist Gentechnikerin. Sie hat nur Jahrtausende und länger gebraucht, um die Kreuzungen durchzuführen. Es ist nichts Unnatürliches dabei, wenn man Gene zwischen taxonomischen Gruppen, zwischen verschiedenen biologischen Einheiten, bewegt. Nach zehn Jahren kom­merziellem Anbau von gentechnisch ver­änderten Pflanzen gibt es keinen nachgewiesenen Schadensfall, der durch diese Technologie hervorgerufen wurde. Das ist ein erstaunlicher Sicherheitsrekord, speziell für eine neue Technologie. Stellen Sie sich vor, in den ersten zehn Jahren der Fliegerei hätte es keine Unfälle gegeben. Das Problem ist, dass die Reichen und Verwöhnten eine Null-Risiko-Gesellschaft wollen. Aber es gibt kein Null-Risiko in der biologischen Welt. Wir sollten aufhören, so überängstlich zu sein."

Als "krankes Spektakel" bezeichnet Beatrice Schlag die Aufregung um Britney Spears, vor allem aber die Häme, die über der gestürzten Ikone ausgegossen wird: "Warum ist es ein Fest, auf eine Frau einzuhacken, die so offensichtlich am Boden ist? Britney Spears hat, von einer maßlos ehrgeizigen Mutter getrieben, in Fernsehstudios gearbeitet, während andere eine Jugend hatten. Jetzt taumelt sie, noch keine 26, vor den Augen der Welt von einer Katastrophe in die nächste, privat und beruflich. Was gibt es da noch niederzumachen?"
Archiv: Weltwoche

ResetDoc (Italien), 12.10.2007

Auch in Italien gibt es heftige Diskussionen über das Verhältnis zu den Muslimen im eigenen Land. Heftig umstritten sind geplante Moscheebauten in Bologna und Genua. Die Bürgermeister beider Städte zögern, der von Bologna denkt über ein Referendum nach. Der Soziologieprofessor Stefano Allievi hält das für einen fatalen Fehler: "Es ist nicht akzeptabel, dass hier eine mutmaßliche Mehrheit darüber abstimmen soll, ob eine Minderheit die ihr zustehenden Rechte frei ausüben kann." Auch die australische Politikwissenschaftlerin Pamela Ryan warnt im Interview vor einem einfachen Referendum: "Urteile werden dabei spontan gefällt, ohne Hintergrundwissen oder Verständnis für den Gegenstand. Gerade in diesem Bereich sind die Urteile deshalb von Stereotypen und Ängsten bestimmt." Sie verweist aif die von ihrem Institut Ida (Issues deliberation Australia) angewendete Methode des "deliberative polling", die belegt, dass die Urteile ganz anders ausfallen, wenn die Befragten zuvor ausführlich über den Gegenstand informiert werden.

Mario Sciajola, einer der wichtigsten Vertreter der italienischen Muslime, zeigt dagegen durchaus Verständnis für Berührungsängste: Bei einer Mega-Moschee wie der in Bologna, die 52.000 Quadratmeter einnehmen soll, "scheint es mir legitim, das Einverständnis der Menschen, die dort leben, einzuholen - entweder durch ein Referendum oder wenigstens durch eine detaillierte Umfrage."
Archiv: ResetDoc
Stichwörter: Bologna

Al Hayat (Libanon), 14.10.2007

Im Vorfeld der libanesischen Präsidentschaftswahlen sieht Dalal al-Bizri die Hizbullah in der Pflicht. Bevor die Behauptung der Hizbullah, sie stelle die"zahlenmäßige Mehrheit" der libanesischen Bevölkerung, ernst zu nehmen wäre, müsse die Partei zwei Bedingungen erfüllen: Erstens müsse sicher gestellt sein, "dass sich die 'zahlenmäßige Mehrheit' frei entscheiden kann, das heißt, dass es außer der legitimen Staatsgewalt keine andere Gewalt gibt (der sich diese Mehrheit zu fügen hätte). Und zweitens, dass die Wahl (des Präsidenten) aus Loyalität gegenüber dem libanesischen Staat (und nicht im Interesse Irans oder Syriens) erfolgt. Die erste Bedingung verlangt von der Hizbullah, das sie ihre Waffen abgibt und sich so mit den anderen auf eine Ebene stellt. Damit würde sie zugleich die schiitische Bevölkerung aus der Umklammerung befreien (in der sich diese wegen der Sonderstellung der Hizbullah befindet.) Die zweite Bedingung würde es notwendig machen, dass die Wahl (des Präsidenten) aus Loyalität gegenüber dem ganzen Land, und nicht gegenüber einer einzelnen Konfession oder religiösen Schule getroffen wird."
Archiv: Al Hayat

Guardian (UK), 13.10.2007

Monica Alis Roman "Brick Lane", dessen Verfilmung jetzt in die Kinos kommt, hat für Proteste in eben jenem Viertel des Londoner East Ends gesorgt, in dem die Geschichte bangladeschischer Einwanderer spielte. So wurde es zumindest von den britischen Medien kolportiert, wie Ali bitter notiert: "Wie es nun mal zu sein scheint in diesen Dingen, begann die Berichterstattung (in dieser Zeitung) mit einem Bericht über die Ansichten einiger selbsternannter 'community leaders'. Ich liebe es, wenn ein Journalist das tut. Ich stelle mir vor wie er um Tower Hamlets stolpert, sein Notizbuch schwenkt und der Jahrhunderte alte koloniale Schrei wiederhallt: Bringt mich zu eurem Führer." Für Ali ist das eine neue "Ökonomie der Empörung". "Die Essenz dieser neuen Ökonomie ist die Emotion. Wenn die Gefühle nur hoch und tief genug aufbrausen, werden gute Preise erzielt werden. Wenn das beste, was wir sagen können, ist, was wir fühlen, dann entfernen wir uns von der Vernunft hin zu einer Emotionalisierung, in der es keinen Rahmen mehr für moralische und politische Urteile gibt. Das ist ein Phänomen der Post-Aufklärung."

Anlässlich der Ausstellung "The Naked Portrait" in Warwickshire schreibt Germaine Greer über die Nacktheit in der Kunst, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ein Porträt nicht nackt sein kann, und dass ein nackter Körper im Bild noch lange kein Porträt sei.

Archiv: Guardian
Stichwörter: Germaine Greer

Gazeta Wyborcza (Polen), 13.10.2007

"Mit dem wilden Kapitalismus kann ich gut leben", gesteht Regisseur Andrzej Jakimowski, der durch differenzierte Filme über den Zustand der polnischen Gesellschaft nach der Transformation bekannt wurde. Sein letzter Film "Sztuczki" (Tricks) wurde in Venedig und Gdingen ausgezeichnet. "Paradoxerweise kann ich auf dem kapitalistischen Markt die Unabhängigkeit erlangen, die mich schützt. Ich mache absichtlich subtile Filme und glaube, dass man die Zuschauer für sie gewinnen kann. Man muss es nur sehr wollen. Im Kino passieren unerwartete Dinge." Unabhängigkeit sichert ihm seine eigene Produktionsfirma.

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.10.2007

Die Verhandlungen über die Rückgabe von Beutekunst zwischen Deutschland und Russland findet spätestens seit der Wiedervereinigung auf höchster Ebene statt. Dennoch ist außer Absichtserklärungen und Gesuchen in der Praxis kaum etwas geschehen - vereinzelte Rückgaben bilden eher eine Ausnahme. Deutschland kritisiert den Unwillen der russischen Seite, den Rückgabeforderungen nachzukommen, stellt Anna Dunai fest: "Spricht man in Deutschland über geraubte Kunstschätze, wird von Journalisten und Fachleuten oft der Begriff 'Sackgasse' benutzt. Gemeint sind damit die festgefahrenen deutsch-russischen Verhandlungen. Die russische Praxis wird, wenn auch nicht offen, aber zumindest in der Fachwelt als der Rechtsnorm nicht entsprechend eingestuft. Interessant ist, dass die eigene Rückgabepraxis bei weitem nicht so streng analysiert wird. Sie kann nämlich, wenn es sich um Raubkunst aus ehemaligem jüdischen Besitz handelt, kaum anders als halbherzig benannt werden."

New Statesman (UK), 12.10.2007

Roger Boyes, Deutschland-Korrespondent der Times, stellt sich hinter die polnischen Kaczynskis, deren Politik er vielleicht etwas ruppig, aber im Grunde ganz richtig findet. Und mit 7,5 Prozent Wachstum sei Polen auch wirtschaftlich auf dem richtigen Kurs: "Das Ergebnis ist eine expandierende Mittelklasse, die sich gegen das populistische Kanzelgedonner sträuben, aber durchaus eine verträglichere Version vom Konservatismus der Kazynskis gutheißen mag. Es gibt einen Konsens in weiten Teilen des sozialen Spektrums, dass Polen um seinen Platz in der globalen Ordnung härter kämpfen muss. Deutsche Politik in Osteuropa hat sich immer darauf gegründet, die kleineren Nachbarn in wirtschaftliche Abhängigkeit zu ziehen, in der Hoffnung, dadurch politische Unterstützung bei der Durchsetzung eigener Ziele zu gewinnen. Polen ist zu groß, zu selbstbewusst, um die Dienstmagd deutscher Interessen zu werden. Es ist die deutsche Ostpolitik, die überdacht werden muss, und nicht die deutsche Westpolitik: die EU-Erweiterung hat die Nachbarschaftlichkeit neu definiert." (Weshalb die Dienstmägde jetzt in England dienen)

Außerdem in diesem Polen-Schwerpunkt: Marek Kohn sammelt Informationen zu den in Großbritannien lebenden Polen. Jo Barret befragt polnische Migranten.
Stichwörter: England, Konservatismus

Al Ahram Weekly (Ägypten), 11.10.2007

Omayma Abdel-Latif und Amany Abulfadl wehren sich gegen die ihrer Ansich nach westliche Vorstellung, dass in der arabischen Welt und den islamistischen Bewegungen Frauen benachteiligt oder gar unterdrückt würden. Abdel-Latif schreibt über die islamistischen Frauen: "Viele treffen ihre eigene Wahl, wenn es darum geht, welches Politik- und Gesellschaftsmodell sie als Aktivistinnen favorisieren. Sie sind nicht der Ansicht, dass sie gegenüber westlichen Frauen im Rückstand sind, weil der Maßstab, mit dem sie ihre Fortschritte und Errungenschaften messen, ein anderer ist. 'Wir haben nicht diesen ewigen Gleichheits-Komplex', meinte Um Mahdi, die Chefin des weiblichen Arms von Hayeet Daam Al-Muqawama, der Organisation zur Unterstützung des Widerstands - der Finanzabteilung der Hisbollah. 'Wir wollen Gerechtigkeit, nicht Gleichheit', fügte sie hinzu. Ähnlich sehen es die aktivistischen Frauen in der Muslimbrüderschaft. Sie betonen die 'Komplementarität der Rollen' zwischen den Geschlechtern."

Nouvel Observateur (Frankreich), 11.10.2007

Der bekannte Soziologe Robert Castel (mehr hier und hier) denkt zwei Jahre danach noch einmal über die Unruhen in der Pariser Banlieue nach. Nichts hat sich seitdem in den Stadtrandgebieten wirklich zum Positiven gewandt, meint er. Das Problem der Jugendlichen dort sei eines der "Anerkennung": "Man verweigert diesen Jugendlichen, die fast immer ausländischen Ursprungs sind und dennoch die französische Nationalität haben, eine tatsächliche Einbürgerung. Sie leben nicht ganz außerhalb der Gesellschaft (denn die Vorstädte sind kein Ghetto), aber auch nicht ganz innerhalb, denn sie haben keinerlei anerkannten Ort in der Gesellschaft. Sie leben in einem inneren Exil, so dass ihr Bezug zu den sogenannten Werten der französischen Gesellschaft wegen nicht gehaltener republikanischer Versprechen ausschließlich negativ definiert ist. Ihre Situation ist paradox: Sie sind Bürger, leben auf französischem Territorium und doch Opfer eines diskriminierenden Umgangs, der sie disqualifiziert."
Stichwörter: Banlieu, Banlieue

London Review of Books (UK), 18.10.2007

"Es ist das Öl", meint Jim Holt. Das Öl im Irak, versteht sich. Der Krieg hat seinen Sinn, denn mit irakischem Öl sind für die USA und den Westen Billiarden zu holen: "Das Council on Foreign Relations schätzt, dass es im Irak noch 220 Milliarden Barrel unentdeckten Öls geben könnte; eine andere Schätzung geht von 300 Milliarden aus. Wenn diese Annahmen der Wahrheit auch nur irgendwie nahekommen, dann sitzen die US-Streitkräfte auf einem Viertel der Ölressourcen weltweit. Der Wert des irakischen Öls läge beim heutigen Preis bei ungefähr 30 Billionen den Dollar. Nur zum Vergleich: Die vorausgesagten Kosten der US-Invasion/Okkupation liegen bei rund einer Billion. Und wer bekommt das irakische Öl? Eine der zentralen Forderungen der US-Regierung an die irakische Regierung ist die Verabschiedung eines Gesetzes zur Verteilung der Öleinnahmen. Der Gesetzesentwurf, den die USA für den irakischen Kongress verfasst haben, würde fast das ganze Öl westlichen Firmen überlassen."

Weitere Artikel: Jerry Fodor, der gerade an einem Buch zum Thema arbeitet, erklärt - und zwar außerordentlich detailliert -, welche Argumente gegen das Adaptionsmodell der Evolutionstheorie sprechen. Neal Ascherson berichtet aus Grönland, wo Klimawandelexperten tagten und die Bewohner eher segensreiche Veränderungen durch die Erwärmung erleben. Jenny Diski schwärmt vom "community weblog" MetaFilter, das die guten Seiten des Internets versammelt. Michael Wood bespricht James Mangolds Film "3:10 to Yuma", ein Remake mit Russell Crowe und Christian Bale, das, wie er findet, dem Original mit Glenn Ford leider nicht das Wasser reichen kann.

Espresso (Italien), 12.10.2007

Naomi Klein tritt nach ihrem Streitgespräch mit Alan Greenspan noch einmal nach, nimmt seine Autobiografie auseinander und kommt zu dem Schluss. "Vielleicht besteht der wahre Zweck der ganzen Literatur rund um die 'Trickle-down-Theorie' darin, den Unternehmern global-altruistische Ziele zu unterstellen, während sie selbst nur damit beschäftigt sind, auch noch den kleinsten Vorteil für sich herauszuschlagen. Es handelt sich also nicht um eine Wirtschaftsphilosophie, sondern um eine ausgeklügelte, rückwirkende Logik. Was Greenspan uns lehrt, ist, dass die 'Trickle-down-Theorie' nicht wirklich eine Ideologie ist. Sie erinnert eher an den Freund, den wir nach einem beschämenden Exzess anrufen, damit der uns sagt: 'Fühl Dich nicht schuldig, Du hast es verdient.'"
Archiv: Espresso

Salon.com (USA), 11.10.2007

Zehn der mächtigsten Frauen Hollywoods an einem Tisch - darunter die Regisseurinnen Kimberley Pierce ("Boys Don't Cry"), Nora Ephron ("Schlaflos in Seattle") und Patty Jenkins ("Monster"), die Produzentin Lynda Obst ("Contact") sowie die Universal-Studiochefin Laura Ziskin - unterhalten sich über ihre Chancen, ihre Triumphe und Niederlagen in einem Männer-Business. Es ist ein fantastisches Gespräch, realistisch ohne Selbstmitleid, oft sehr witzig, gelegentlich entlarvend, aber insgesamt kaum überraschend. Die Drehbuchautorin Margaret Nagle ("Warm Springs") bringt die Geschlechter-Asymmetrie in einer Anekdote auf den Punkt: "Ich werde das nie vergessen; ich arbeitete mit diesem Produzenten zusammen und sein Kind hatte eine Ohrenentzündung und er verließ das Meeting und alle schwärmten 'Oh, mein Gott, er ist so großartig'. Und ich dachte mir: 'Wenn ich da jetzt ans Telefon gegangen wäre und das Meeting verlassen hätte, weil mein Kind eine Ohrenentzündung hat, dann hätten sie mich verdammt noch mal zum Teufel gewünscht.' Es wäre vorbei gewesen. Sie hätten bei meinem Agenten angerufen. Ich erinnere mich, dass ich nur dachte: 'Wahrscheinlich bist du eh auf dem Weg zu deiner Geliebten, nicht zu dem Kind mit der Ohrenentzündung.'"
Archiv: Salon.com