Anlässlich der inzwischen doppelten Blockade der Straße von Hormusbeschäftigt sich David Wengrow mit dem Prinzip der Freiheit der Meere, das er bis zu "Mare Liberum" zurückverfolgt, einer Schrift des niederländischen Juristen Hugo Grotius aus dem Jahr 1609. Wengrow rekonstruiert, wie dieses Dokument in die damalige geopolitische Interessenlage passte. Die europäischen Kolonialmächte kommen dabei nicht gut weg, tatsächlich beschreibt der Autor die europäische Version der Freiheit der Meere als ein Mittel imperialistischer und kolonialistischer Politik. Das hat, meint Wengrow, auch Folgen für die Gegenwart: "Wir werden wahrscheinlich demnächst noch sehr viel mehr über die 'Freiheit der Meere' hören. Als rechtliches Prinzip bildet sie heute den Rahmen für Entscheidungen nicht nur über die globale Wirtschaft, sondern auch über Krieg und Frieden, Migration und politisches Asyl sowie die klimabedingte Ausdehnung der Weltmeere. Wer sich auf dieses Prinzip beruft, sollte nicht nur daran denken, wie es ins Völkerrecht Eingang fand - im Dienste der europäischen Eroberungen im Indischen Ozean -, sondern auch daran, dass dieselben Gewässer andere Geschichten von Freiheit bergen, die auf Prinzipien der Gastfreundschaft beruhen, statt auf der Fähigkeit, Gegner durch Einschüchterung und Bombardierung zur Unterwerfung zu zwingen."
Emily Lawford beschäftigt sich mit einem speziellen gender gap, der sich in Großbritannien - und vermutlich nicht nur dort - vor allem unter jungen Menschen auftut: Während junge Männer sich rechten und konservativen Positionen annähern, rücken junge Frauen immer weiter nach links. Ein wichtiger Auslöser für ihre Radikalisierung war in vielen Fällen, man ahnt es, der Gaza-Krieg, die entsetzlichen Misshandlungen von Frauen in Sudan oder Afghanistan scheinen dagegen keine große Rolle zu spielen. Außerdem stößt Lawford auf viel Pessimismus, was die Zukunft angeht; und auf jede Menge harsche Kritik an Männern jeden Alters. "Die zunehmende Isolation junger Frauen könnte langfristig tiefgreifende Folgen für die britische Gesellschaft haben. Sie wird ziemlich sicher Beziehungen erschweren: Weniger als die Hälfte der jungen Frauen hat das Gefühl, dass Männer sie verstehen. Junge Frauen sind außerdem deutlich weniger bereit als Männer, mit Menschen auszugehen, die politisch anderer Meinung sind als sie selbst. Die Menschen werden einsamer - und wütender. Und die Entwicklung verschärft sich. Unter den Unter-30-Jährigen empfinden jüngere Frauen die Lage am düstersten: Frauen unter 25 glauben am ehesten, dass 'alles gegen mich läuft, egal wie sehr ich mich anstrenge'." Zu beachten ist freilich eine eigenartige Binnendifferenzierung: "Auffällig ist, dass eine für den New Statesman durchgeführten Umfragen darauf hindeuten, dass privilegiertere Frauen am pessimistischsten sind. Frauen in bürgerlichen Berufen geben seltener an, sich von der Gesellschaft wertgeschätzt zu fühlen, und glauben im Vergleich zu ihren Pendants aus der Arbeiterklasse weniger daran, dass sie es im Leben durch harte Arbeit zu Erfolg bringen werden. Junge Männer sind inzwischen öfter arbeitslos als junge Frauen, doch junge Frauen sind in finanziellen Belangen deutlich zynischer: Sie glauben mit einer um 21 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit als junge Männer, dass sie jemals mehr verdienen werden als ihre Eltern. Weiße Frauen neigen eher dazu, das Land alsrassistisch zu empfinden als nicht-weiße Frauen."
Marc Bennetts war lange Jahre Russlandkorrespondent für die Times, in seinem Buch "The Descent" geht es unter anderem um den Weg des Landes in die Autokratie. Wie konnte es dazu kommen? Natürlich spielt der staatliche Terror gegen die Opposition eine wichtige Rolle, lernt Grigor Atanesian. Doch daraus folge nicht, dass das System Putin von der Bevölkerung aktiv gestützt wird. So verweise Bennetts "auf das nahezu vollständige Fehlen von spontanen, regierungsfreundlichen oder - seit 2022 - kriegsbefürwortenden Kundgebungen. Um eine einigermaßen große Beteiligung zu erreichen, mussten sowohl die zentralstaatliche als auch die lokalen Regierungen entweder Beschäftigte im öffentlichen Dienst zur Teilnahme zwingen - oder zufällige Personen dafür bezahlen. Bennetts erzählt eine faszinierende Geschichte von einer pro-Putin-Veranstaltung im Jahr 2018 in Tjumen in Westsibirien. Sie wurde von lokalen Oppositionsaktivisten organisiert, die herausfinden wollten, wie viele Menschen teilnehmen würden, wenn weder Bestechungsgelder angeboten noch Druck ausgeübt wird. In einer Stadt mit über 800.000 Einwohnern erschienen lediglich sieben Männer." Wie kann man dann erklären, dass sich das System ohne große Widerstände an der Macht hält? "Man gewinnt den Eindruck, dass dies eine Folge der tiefen Armut ist, in die Millionen Menschen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gestürzt wurden. Der erste berufliche Kontakt des Autors in Russland im Jahr 1997 war eine Frau mit 'einem Schal, der um die untere Hälfte ihres Gesichts gewickelt war'. Später stellte er fest, dass 'es ihr peinlich gewesen war, dass ein Ausländer ihre geschwärzten, bröckelnden Zähne sieht'. Und während sich das Leben in den Großstädten allmählich verbesserte - und es in Moskau in den letzten zwei Jahrzehnten manchen sehr gut ging -, hat sich für einen großen Teil Russlands nur sehr wenig verändert. Doch so gering die Verbesserungen im Alltag auch gewesen sein mögen, sie schienen Grund genug sein, die Herrschaft Putins zu akzeptieren. Der Autor fasst diese Logik so zusammen: 'Was waren schon ein paar gestohlene Stimmen im Vergleich zu einer Garantie für Wärme und Strom?'"
Außerdem: FürJohn Gray hat Donald Trump mit dem Irankrieg das Ende des amerikanischen Imperiums eingeleitet.
Auch der Politologe Jan-Werner Müllerverabschiedet sich von Jürgen Habermas. Und legt Wert darauf, dass das Image des fantasielosen Realisten, das ihm gerade auch im englischsprachigen Ausland anhaftete, in die Irre führte: "Tatsächlich wollte Jürgen Habermas, dass öffentliche Sphären 'wild', ja sogar 'anarchisch' sind. Er hatte zudem ein Gespür für Ästhetik und sogar für Mystik - Aspekte, die von seinen Leserinnen und Lesern im englischsprachigen Raum oft übersehen wurden. Stattdessen wurde die Haltung, die Gilles Deleuze wohl am treffendsten (oder bösartigsten) formulierte, als er Habermas einen 'Bürokraten der reinen Vernunft' nannte, zu einer bequemen Standarddeutung des deutschen Denkers. Wer ihn aus der Nähe erlebte, begegnete jedoch einem Mann, der kompromisslosen Ernst mit tief empfundenen Leidenschaften verband, ja sogar mit einer gewissen Impulsivität. Daher überraschte es nicht völlig, als Habermas einem jüngeren Biografen anvertraute, dass seine Beiträge in Zeitungen fast immer von 'Zorn' inspiriert gewesen seien. Habermas hörte seinen Gesprächspartnern sehr aufmerksam zu - unabhängig von akademischen Hierarchien. Menschen, die ihn bei seinen vielen Besuchen in den USA beobachteten, sahen zwar einen globalen philosophischen Star, aber keinen Guru. Zudem war er außergewöhnlich sensibel gegenüber seelischen Verletzungen."
Wie geht es im Iran nach Ali Khameneis Tod weiter? Nicht amerikanische und israelische Bomben aus der Luft und auch nicht Proteste auf den Straßen werden darüber entscheiden, glaubt Saeid Jafari; vielmehr entscheidet sich die Zukunft des Landes an der Frage, ob die Revolutionsgarden weiterhin geschlossen hinter dem islamischen Regime stehen: "Wenn die Revolutionsgarden zusammenhalten, wird das Regime überleben. Doch sobald es erste Anzeichen von Zerfall gibt - Meinungsverschiedenheiten, nachlassende Loyalitäten, chaotische Befehlsstrukturen - könnte das Regime rasch stürzen. Die Einigkeit der Garden ist aufgrund der wirtschaftlichen Belastungen bereits brüchig. Krieg ist kostspielig, und die Sanktionen wiegen schwer. Das Regime könnte Schwierigkeiten haben, seine Sicherheitskräfte zu bezahlen, sodass die Loyalität ins Wanken geraten könnte. Doch solange das Regime seine Soldaten bezahlt, ist ein vollständiger Zusammenbruch eher unwahrscheinlich. Wenn die Garden geeint bleiben, ist kurzfristig nicht eine Liberalisierung, sondern vielmehr eine weitere Stärkung des Polizeistaats wahrscheinlich. Formal wird der Expertenrat einen neuen obersten Führer wählen. Doch im Krieg wird die faktische Macht bei den Sicherheitseliten liegen. Der klerikale Prozess mag zwar verfassungsgemäß durchgeführt werden, dürfte sich jedoch am Machtgleichgewicht innerhalb der Befehlsstrukturen orientieren. Schon vor dem Tod Khameneis war das iranische System tief mit den Revolutionsgarden, den Eliteeinheiten der iranischen Armee, verflochten. Der Tod des obersten Führers könnte einen Wandel beschleunigen, der bereits im Gange war: weg von einem klerikal dominierten hin zu einem sicherheitsdominierten System. Ein neuer oberster Führer könnte zwar formell rasch ernannt werden. Doch ob dieser tatsächlich eigenständig regiert oder faktisch unter der Kontrolle des militärischen Establishments steht, bleibt abzuwarten."
Ailbhe Rea beschäftigt sich derweil mit der Strategie des britischen Premiers Keir Starmer. Der hat nach einigem Zögern den Amerikaner die Nutzung britischer Militärbasen im Rahmen des Kriegs mit dem Iran erlaubt, allerdings nur für "defensive" Luftschläge auf iranische Raketenbasen. Eine Sprachregelung, die möglicherweise schon bald Geschichte sein könnte. "Wie lange wird die Unterscheidung zwischen 'defensiv' und offensiv Bestand haben? Sollte der Iran britisches Militärpersonal oder britische Stützpunkte auf Zypern oder anderswo angreifen, könnte Großbritannien schon bald sehr viel tiefer in den Konflikt hineingezogen werden." Hintergrund der vorsichtigen Haltung ist mindestens auch, glaubt Rea, die seinerzeit in Großbritannien ausgesprochen unpopuläre Entscheidung der Labour-Regierung Tony Blairs, sich am Irakkrieg der von George W. Bush geführten US-Regierung zu beteiligen: "Eine Labour-Regierung wurde bereits früher durch einen Konflikt im Nahen Osten schwer beschädigt, als sie darum rang, eine enge Beziehung zu den USA aufrechtzuerhalten und zugleich rechtlich vertretbare sowie strategisch sinnvolle Entscheidungen in der Region zu treffen - und sich dabei auch noch die Unterstützung der Öffentlichkeit zu sichern. Keir Starmer ist sich nur zu bewusst, dass Labour in dieser Hinsicht schon einmal gescheitert ist."
Was hat es konkret mit den Epstein-Kontakten des ehemaligen britischen Wirtschaftsministers (und späteren US-Botschafters) Peter Mandelson auf sich, die im Zentrum der aktuellen britischen Regierungskrise stehen? Oli Dugmore fragt beim Steuerrechtler Dan Neidle nach. Besonders schwer wiegt laut Neidle eine Episode aus dem Jahr 2009, als Mandelson mit Epstein über eine geplante Steuererhöhung für Bänkerbonusse kommunizierte; und auch, der Verdacht liegt nahe, mit dem CEO von Epsteins Bank JP Morgan: "Bei einer Steuer wie dieser würde man in der Tat erwarten, dass der Wirtschaftsminister von den Banken kontaktiert wird und das Thema anschließend mit dem Schatzkanzler bespricht. Das gehört gewissermaßen zum Aufgabenbereich des Wirtschaftsministers. Aber so etwas soll im Rahmen der Regierungsarbeit normalerweise an der Öffentlichkeit passieren. Genau so war es bei Peter Mandelson eben nicht. Am 15. Dezember fragt Epstein Mandelson nach einigen Details zu der Steuer. Er drängt Mandelson gewissermaßen. Mandelson hatte in einer nicht offengelegten privaten Funktion mit Banklobbyisten zu tun - das ist an sich noch nicht verwerflich. Doch am 17. Dezember ändert sich das. Wir sehen hier vermutlich nur die Spitze des Eisbergs, aber wir sehen eine E-Mail von Epstein an Mandelson, in der er schreibt: 'Soll Jamie [Dimon, CEO von JP Morgan] den Kanzler noch einmal anrufen?' Und Mandelson antwortet: 'Ja, und dabei leicht drohen.' Darauf schreibt Epstein: 'Können wir sprechen?' Wir wissen nicht, worüber sie gesprochen haben, aber der Wirtschaftsminister, ein ranghohes Kabinettsmitglied, rät einer ausländischen Bank, der britischen Regierung zu drohen, um britische Regierungspolitik zu ändern." Keineswegs, darauf legt Neidle wert, handelt es sich um business as usual, wie manche nun zynisch behaupten. Eine solche Argumentation nützt nur den Schuldigen: "Damit liefert man Mandelson im Fall eines Gerichtsverfahrens sogar eine Verteidigungsstrategie, denn er könnte sagen: 'Ich habe mich nur so verhalten, wie es alle anderen auch getan haben.' Aber so verhalten sich Menschen nicht - und es wird auch nicht erwartet, dass sie sich so verhalten. Wenn man in einer Bank, einer Anwaltskanzlei, als Wirtschaftsprüfer oder in einer Wohltätigkeitsorganisation so handeln würden, würde man entlassen werden. Für die Regierung gilt nichts anderes."
Ailbhe Rea wiederum rekonstruiert, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass Mandelson zum US-Botschafter ernannt wurde, obwohl die Labour-Regierung über seine Epstein-Kontakte - wenn auch nicht über deren Umfang - Bescheid wusste. Keir Starmers nun geschasster Stabschef Morgan McSweeney spielte dabei eine entscheidende Rolle. Den Schaden hat jetzt die gesamte Partei: "Doch diejenigen, die McSweeney stürzen und Starmer mit einem erneuerten Team sowie linkeren politischen Positionen neu erfinden wollen, könnten feststellen, dass der Premierminister durch die Entfernung seines engsten Beraters eher geschwächt wird. Wie das Sprichwort sagt: 'Berater beraten, Minister entscheiden.' Keir Starmer, der gewählte Politiker und Parteivorsitzende, trägt letztlich die Verantwortung für die Entscheidungen seiner Regierung. (…) Inzwischen erkennen große Teile der Labour-Partei, generationenübergreifend, eine problematische Abhängigkeit von Mandelson, dieser charismatischen Figur, die sie immer wieder in Verruf gebracht hat, und ziehen stillschweigend den Schluss, dass es sich hierbei nicht um ein ausschließliches Problem von Starmer oder Morgan McSweeney handelt. Der Premierminister und sein Stabschef sind lediglich die jüngsten Parteigrößen, die an einer alten Schwäche der Labour-Partei gescheitert sind."
Wie steht es um den Rechtsstaatin Hongkong knapp dreißig Jahre nach Übergabe der ehemaligen britischen Kronkolonie an China? Schlecht, berichtet Jonathan Sumption mit Blick auf die Verurteilung des Jorunalisten Jimmy Lai wegen Verschwörung - der Prozess war offensichtlich, lesen wir, von Anfang an ein abgekartetes Spiel, die Urteilsbegründung aus juristische Perspektive lachhaft. Um nachvollziehen zu können, wie es zu solchen ideologisch geprägten Prozessen kommt, ist es "notwendig, das unterdrückerische Klima zu verstehen, das seit 2020 in Hongkong vorherrscht. Es geht dabei nicht nur um die Inhaftierung von Andersdenkenden. Bibliotheken sind gesäubert worden. Lehrpläne an Schulen wurden verändert. Menschenrechtsaktivisten von der Polizei aggressiv verhört. Gewerkschaften und politische Organisationen wurden gezwungen, ihre Arbeit einzustellen. Rundfunksender wurden zensiert oder gestört. Die seltenen Freisprüche oder Gewährungen von Kaution in politisch sensiblen Verfahren wurden von wütenden Tiraden pekingnaher Abgeordneter und Leitartikler begleitet. Von jedem Staatsbediensteten, einschließlich der Richter, wird 'Patriotismus' nach Chinas Definition verlangt." Zu einfach wäre es, meint Sumption, einseitig die lokalen Richter für diese Entwicklung verantworlich zu machen: "Bei einem meiner letzten Besuche in Hongkong sprach ich bei einem gemeinsamen Essen über diese Fragen mit einem hochrangigen Richter des Berufungsgerichts, dessen Urteilskraft ich stets geschätzt habe. 'Wir können keinen Guerillakrieg gegen den chinesischen Staat führen', sagte er. 'Wir sind Teil Chinas. Es ist die dominierende Regionalmacht. Unsere Wurzeln liegen in China und in Hongkong. Wir haben keinen Ausweg, wie ihr ihn habt. Der Westen drängt uns, westliche Werte aufrechtzuerhalten, als wären wir eine Demokratie - aber was kann der Westen Hongkong schon bieten außer moralischen Belehrungen und Zweitpässen?' Das ist eine berechtigte Frage."
Gerry Brakus zieht, eher unerwartet in einem linken britischen Magazin, den Hut vor dem Unabhängigkeitssinn der Bardot: "Ihre körperliche und emotionale Lockerheit, ihre offensichtliche Langeweile gegenüber Anerkennung, ihre Weigerung, sich kultiviert zu geben, deuteten allesamt auf eine Form der Autonomie hin, die man spürte, bevor sie artikuliert wurde. Sie kämpfte nicht für Freiheit. Sie verhielt sich, als gehöre sie ihr bereits. ... Ein Teil von Bardots Autorität kam von ihrer Weigerung, sich zu ändern. Sie versuchte nicht, ihr Gesicht zu verbessern, ihren Körper zu korrigieren oder mit der Zeit zu verhandeln. Sie milderte auch nicht ihre Ansichten, um sympathisch zu bleiben. Sie stand sichtbar und ohne Reue zu sich selbst, als wäre Selbstakzeptanz kein Projekt, sondern eine Tatsache." Das gilt auch für ihre islamfeindlichen Äußerungen: "Ich hatte mit diesen Ansichten zu kämpfen, und das tue ich immer noch. Sie machten es schwierig, sie zu verteidigen. Dennoch übte etwas an ihrer unapologetischen Beharrlichkeit, sie selbst zu sein, weiterhin eine Anziehungskraft aus. Nicht die Meinungen, sondern die Haltung. Die Weigerung, sich von Erwartungen umformen zu lassen."
Was hat sich in Syrien ein Jahr nach dem Ende des Assad-Regimes getan? Cian Ward schaut sich im Land um, berichtet über immer wieder aufflammende Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen und die ambivalente Rolle, die Ahmed Al-Sharaas Regierung in ihnen spielt. Außerdem beschäftigt sich der Text mit den Bemühungen um materiellen Wiederaufbau: "Es hat einige Verbesserungen gegeben: Katar und Saudi-Arabien haben Millionen Barrel Öl gespendet, um viele der maroden Kraftwerke des Landes wieder in Betrieb zu nehmen. Strom, der zu Beginn des Jahres nur für wenige Stunden am Tag verfügbar war, fließt nun oft bis zu 12 Stunden am Stück. Und es sieht so aus, als würde sich dies weiter verbessern: Im Mai versprach ein von Katar geführtes Energiekonsortium, die Stromkapazität Syriens zu verdoppeln, indem es 7 Milliarden US-Dollar in die Netzinfrastruktur investiert. Außerdem gab es eine wahre Fundraising-Flut zur Unterstützung des Wiederaufbaus. Die Regierung von Sharaa hat bei glanzvollen Galas und opulenten Konferenzen eine Reihe von Abkommen im Wert von 32 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Doch die Weltbank schätzt, dass die Kosten für den Wiederaufbau Syriens eher bei 216 Milliarden US-Dollar liegen. Bei genauerem Hinsehen wirken viele dieser Abkommen außerdem fragwürdig. Die meisten sind lediglich 'Memorandums of Understanding' - gut für eingängige Schlagzeilen, aber ohne verbindliche finanzielle Zusagen und daher de facto zum Scheitern verurteilt. Andere Vereinbarungen fallen durch ihr undurchsichtiges Ausschreibungsverfahren auf, wodurch Korruption Tür und Tor geöffnet wird. In einem im April angekündigten Deal wurde ein Bauauftrag über 2 Milliarden US-Dollar an ein italienisches Unternehmen vergeben, das nur einen einzigen Angestellten und lediglich 16.000 US-Dollar Kapital besitzt."
Der grassierende Post-Liberalismus wird, da ist sich John Gray sicher, Britannien nicht retten. Die gegenwärtige Version des Liberalismus, die sich vor allem als ein ungebändigter Subjektivismus manifestiert, hat zwar in seinen Augen gründlich abgewirtschaftet, aber eine Rückkehr zur vermeintlichen Harmonie vormoderner Gemeinschaften - von der rechte wie linke Liberalismuskritiker gleichermaßen träumen - ist erst recht unmöglich. In der Welt, in der wir leben, "sind post-liberale Fantasien einer kulturellen Wiederherstellung eine Ablenkung. In jeder realistisch vorstellbaren Zukunft wird dieses Land weiterhin eine Vielzahl von Glaubensrichtungen und Werten umfassen. Nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt ist das Zeitalter der großflächigen Migration zwar vorbei. Aber es kann kein Zurück mehr zur monokulturellen Nationalstaatlichkeit der Vergangenheit geben. Die Frage ist nicht, wie man Minderheiten in eine übergreifende Kultur integriert; vielmehr geht es darum, einen modus vivendi zu finden, in dem Lebensweisen, die divergent bleiben werden, miteinander koexistieren können. Der Weg vorwärts besteht darin, Gemeinschaften zu begrenzen, statt sie zu verfestigen. Jeder sollte dem Rechtsstaat unterworfen sein, der für alle gleichermaßen durchgesetzt wird. Niemandem sollte die Freiheit, seine Gemeinschaft zu verlassen, verweigert werden oder von anderen Gemeinschaften zu diesem oder jenem gezwungen werden. Der Tyrannei von Minderheiten, die die freie Meinungsäußerung ersticken, sollte entschieden Widerstand geleistet werden. Die individuelle Freiheit muss gegen die aufdringlichen Ansprüche kollektiver Identität wieder behauptet werden. Aber kann der politische Wille aufgebracht werden, um eine derart radikale Richtungsänderung herbeizuführen?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der indische SchriftstellerAmit Chaudhurinimmt das Erscheinen von Jon Fosses jüngstem Roman "Vaim", dem ersten, den er seit Verleihung des Literaturnobelpreises 2023 geschrieben hat, zum Anlass, über das Genre der "Autofiktion" nachzudenken, die vor allem im Verlag Fitzcarraldo ihre Heimat gefunden hat. Chaudhuri verortet Autofiktion als jüngsten Ausfluss einer Tradition, die bis in die Romantik zurückreicht und eine Gegenströmung zur Aufklärung bildet: Die Autofiktion interessiert sich nicht für moralische Haltung, Genre, das Thematische, Repräsentative oder Relevante. Aber sie ist auch nicht einfach Bekenntnisliteratur, so Chaudhuri, sondern im Gegenteil "eine späte Rückkehr zur Praxis der Unpersönlichkeit" und die hat eine noch ältere Tradition im außereuropäischen Raum. T.S. Eliot habe seine Leser ermahnt: "'Poesie ist kein Freisetzen von Emotionen, sondern eine Flucht vor Emotionen; sie ist nicht der Ausdruck von Persönlichkeit, sondern eine Flucht vor Persönlichkeit.' In diese Genealogie sollten die Autofiktion, der persönliche Essay und das unkonventionelle Schreiben der letzten zwei Jahrzehnte eingeordnet werden. Die Praxis der Unpersönlichkeit, die Eliot 1919 theoretisierte, hing möglicherweise mit der Begegnung Europas mit nicht-gegenständlichen Traditionen aus Asien und Afrika seit dem 18. Jahrhundert zusammen: Von hier stammt zu einem großen Teil das Fremde und Faszinierende des Modernismus. Eliots Verständnis des Selbst wurde stark durch seine Lektüre buddhistischer und upanishadischer Texte geprägt. Fosse erwähnt Beckett, Kafka, Woolf und die Bibel unter den Werken und Autoren, die ihn geprägt haben. Aber die von ihm zitierten Schriftsteller traten alle im Zuge dieser nicht-repräsentativen Wende in Erscheinung und waren deren Nachkommen. Die Bibel allein hätte diese Wende niemals bewirken können. Das 'Unaussprechliche' in Fosses Werk, die Abkehr seiner Romane von der 'Botschaft' (sein Wort), ist Teil einer längeren unterirdischen interkulturellen Reise, als es jede Vorstellung von 'Europa' fassen kann."
Ella Dorn schaut sich in Online-Foren um, in denen Fans - oder besser: Ex-Fans - des Popstars D4vd sich obsessiv mit dem Tod eines 15-jährigen Mädchens beschäftigen, deren Leiche in einem Auto des Sängers gefunden wurde. Als Indizien werden unter anderem Songtexte D4vds, Fotografien unklarer Herkunft und alte Chatprotokolle herangezogen. Was dabei völlig auf der Strecke bleibt, ist Empathie mit der Toten: "Die Detektive des Internets spielen selbstbewusst ein Kriminalverfahren nach. Doch sie haben die Sache verkehrt herum aufgezogen. Mehr Platz in den Foren wird damit gebraucht, über das Böse zu grübeln, als es zu beenden. Nichts kann das Opfer zurückbringen; der erste Preis ist für die Online-Poster nicht die Bestrafung des Angeklagten oder auch nur das Lob, das man für die Aufdeckung einer kriminellen Verschwörung erhalten könnte. Es ist ein voyeuristischer Zugang zu der Trauer anderer Menschen; D4vds ehemalige Fans, die durchaus berechtigt wären, selbst Trauer zu empfinden, fühlen sich nun dazu verpflichtet, sich in den Tatort hineinzuphantasieren. Punkte erhält, wer am meisten dazu beiträgt, die letzten Augenblicke eines jungen Mädchens auf Erden möglichst genau in seinem Kopf nachzustellen."
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