Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

110 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 11

Magazinrundschau vom 15.01.2019 - New Statesman

Der New Statesman druckt eine Rede von Chimamanda Ngozi Adichie, in der die nigerianische Schriftstellerin erklärt, warum sie keine afrikanische Autorin sein will. Dabei sei vieles an ihr durchaus "afrikanisch", wie sie betont: ihre literarische Tradition, der besondere Mix aus Ehrgeiz und Defensive, die Nervosität, mit der viele Afrikaner nach Bestätigung suchen. Aber Adichie will keine afrikanische Schriftstellerin sein, wenn es gelte, Loyalitäten einzufordern, wie von jenem jungen Mann auf einer Veranstaltung in Lagos, der ihr ihre politische Haltung vorwarf: "Er bezog sich auf meine Gegnerschaft zu einem nigerianischen Gesetz, das Homosexualität kriminalisiert, ein Gesetz, das ich nicht nur für zutiefst unmoralische halte, sondern auch politisch zynisch. Er bezog sich auch auf eine Rede, die ich kürzlich über den Feminismus hielt und bei der ich Beispiele aus dem nigerianischen Alltag benutzte, um eine überfällige Debatte zum Status von Frauen in Gang zu setzen. Entscheidend war jedoch nichts so sehr, dass dieser junge Mann nicht einverstanden mit mir war, sondern um die Sprache, die er benutze, die Sprache der Staatsbürgerschaft. Ich als Afrikanerin könnte doch nicht behaupten, Feministin zu sein, weil sich Feminismus und Afrika gegenseitig ausschlössen. Feminismus sei eine Krankheit des Westens, eine, die ich mir zu eigen gemacht hätte, seit ich im Westen infiziert wurde. Und was die Homosexualität betrifft, sei mein Kampf für die Rechte von Lesben und Schwulen eine Missachtung afrikanischer Kultur."

Weiteres: George Eaton befragt Slavoj Žižek zu Trump, Brexit und dem wie er meint unaufhaltsamen Niedergang liberaler Vorherrschaft. Und Andrew Harrison beschreibt, wie sich die Musikindustrie von ihrem Beinahetod erholt hat. Für die Musiker gelten jetzt allerdings die gleichen Regeln wie für alle anderen Content-Provider in der digitalen Ökonomie: "Man muss mehr arbeiten für weniger Geld, und man muss alles selber machen."

Magazinrundschau vom 08.01.2019 - New Statesman

Die Erben von Schriftstellern haben es Biografen schon immer schwer gemacht, mit dem Nachlass zu arbeiten, stellt Leo Robson fest, entweder um das Ansehen der Gestorbenen nicht zu gefährden - wie Percy Shelleys Witwe oder Jane Austens Schwester. Oder um besser bei Broadway und Fernsehen abkassieren zu können - wie die Erben von T.S. Eliot, die keinen Biografen an dessen unveröffentlichte Manuskripte ließen, aber nichts dabei fanden, dass Andrew Lloyd Webber Eliots Gedichte gegen dessen ausdrücklichen Wunsch für "Cats" vertonte. Mittlerweile ziehen sich immer mehr Biografen an die Universitäten zurück oder schreiben wie Peter Ackroyd über unbelebte Sujets wie "London" oder "Die Themse", aber manchmal rächen sie sich auch fürchterlich, erzählt Robson fröhlich: Die Autorin Lee Israel etwa wurde beim Schreiben einer Biografie von Estée Lauder übel ausgebootet, verlor alles Ansehen und endete als Alkoholikerin: "Israel war von Bestseller-Apanagen auf Sozialhilfe abgestürzt, wie sie in ihren Erinnerungen 'Can You ever Forgive me' beschwingt schreibt, und sie entschied sich, um ihre Brötchen zu verdienen, zu einer Form symbolischer Biografen-Vergeltung: Mit Hilfe alter Schreibmaschinen begann sie, Dutzende von literarischen Briefen zu fälschen, die sie an unerfahrene oder skrupellose Händler in New York verkaufte. Israels Fälschungen richteten sich vor allem gegen eine Person, die besonders hartnäckig biografische Anstrengungen vereitelt hatte: die Dramatikerin Lillian Hellman, eine eiserne Testamentsvollstreckerin ihres Mannes Dashiell Hammett und ihrer Freundin Dorothy Parker. Israels Quelle für die Hellman-Imitationen war ein Brief, den sie selbst erhalten hatte und der ihr ein Interview für ihr Bankhead verwehrte: 'Sie war eine schwierige Frau, aber zum Glück war ihre Handschrift einfach.'"

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - New Statesman

Nein, Wellington hat nicht allein bei Waterloo gesiegt, sondern mit Hilfe der Preußen. Auch die Franzosen haben die Demokratie in der Welt vorangebracht, und das englische Empire war kein Reich der Freiheit und nationaler Größe. Ziemlich erbost reagiert der Historiker Richard J. Evans auf die Versuche der Brexiteers von Boris Johnson bis Jacob Rees-Mogg, die englische Geschichte umzuschreiben, als hätte das Königreich seit 1066 allein auf der Welt die liberale Demokratie verteidigt und nichts mit Europa zu tun: "Erzählen Sie das mal den Monarchen des Mittelalters, die über das Reich von Anjou herrschten oder im Hundertjährigen Krieg kämpften, oder dem Niederländer Wilhelm III. oder den deutschen Königen aus dem Haus Hannover oder Königin Mary I., die sagte, wenn sie gestorben sei, werde man das Wort Calais, Englands letzter Besitz auf dem Kontinent, in ihrem Herzen finden können. Eineinhalb Jahrhundert nach Marys Tod gewann England auf dem Kontinent neuen Besitz, nämlich das Kurfürstentum und spätere Königreich Hannover, das in Personalunion zusammen mit England von 1714 bis 1837 regiert wurde. Französische Kultur, deutscher Protestantismus, Kunst und Essen aus Italien, europäischer Musik, Malerei und Literatur haben England immens beeinflusst. Die EU ist mit Abstand Britanniens größter Handelspartner und wirtschaftliche Verbindungen zum Kontinent reichen weit zurück, angefangen vom Textilhandel im Mittelalter bis zur Industriellen Revolution, als britische Ingenieure, Unternehmer, Eisenbahner und unzählige andere die ökonomischen Neuerungen über ganz Europa bis nach Russland verbreiteten. Die Bindungen zu den USA, von denen einige Brexiteers tönen, sind im Vergleich dazu recht schwach und unter Präsident Dondal Trump wenig verlässlich."
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Magazinrundschau vom 30.10.2018 - New Statesman

"Die ödipale Macht ist in der männlichen irischen Literatur mindestens so stark wie in Star Wars, meint vergnügt der irische Autor Fintan O'Toole, der mit Hingabe Colm Tóibíns "funkelndes" kleines Buch "Mad, Bad, Dangerous to Know" über die Väter von Oscar Wilde, WB Yeats und James Joyce gelesen hat: "Es scheint ursprünglich den Titel "Verlorene Väter" getragen zu haben - der Phantomtitel erscheint auf der Innenseite des Umschlags. Er mag wegen Sir William [Wilde] fallen gelassen worden sein, auf den das Wort - mit seiner Anspielung auf verschwendetes Talent - schlecht gepasst hätte. Aber er hätte sicherlich gut für John Butler Yeats und John Stanislaus Joyce gepasst. Und doch ist die Freude an Tóibíns gelehrten, subtilen, witzigen und oft tief bewegenden biografischen Essays, dass die väterliche Verschwendung einer Generation zum Kraftquell neurotischer Energie für die nächste Generation werden kann. ... Ödipus kam, soweit wir wissen, nicht aus Dublin, ebenso wenig wie Turgenjew, Edmund Gosse oder Edward St. Aubyn. Aber wenn es sich bei Vatermord um einen importierten Geschmack handelt, ist es, wie beim Teetrinken, einer, der den einheimischen Gaumen sehr anspricht. In dem irischsten aller Theaterstücke, John Synges 'The Playboy of the Western World', tötet Christy Mahon zweimal seinen Vater und wird zumindest beim ersten Mal dafür wegen seiner Kühnheit verehrt. Bernard Shaw hegte eine solche Verachtung für seinen Vater, dass er seinen eigenen Vornamen George fallen ließ, weil dieser ein väterliches Erbe war. 'Ich will kein Vater sein', sagt der Dauphin in 'Saint Joan', 'Und ich will kein Sohn sein.' Shaw gab das Versicherungsgeld, das nach dem Tod des armen George Shaw fällig wurde, für einen neuen Anzug von Jaeger und ein Paket Kondome aus."

Lesen kann man außerdem eine Rede von Elif Shafak über die Bedeutung des Romans in Zeiten der Wut.

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - New Statesman

Künstliche Intelligenz ist bequem und verdammt effizient, weiß Jamie Bartlett, Direktor des Centre for the Analysis of Social Media,  aber leider auch verdammt undemokratisch. Denn sie untergräbt die alles entscheidende Prämisse, dass Menschen die besten Entscheidungen fällen. Verglichen mit einem Algorithmus erscheinen Menschen irrational, ineffizient und dumm. Aber nicht nur das: "In den letzten zweihundert Jahren gab es einen Kreislauf, der sich praktischerweise selbst verstärkte: Individuelle Freiheit war gut für die Wirtschaft, und diese Wirtschaft brachte mehr gutsituierte Menschen hervor, die wiederum Freiheit schätzten. Was also, wenn diese Verbindung geschwächt wird? Was, wenn wirtschaftliches Wachstum in Zukunft nicht mehr von individueller Freiheit und unternehmerischem Geist abhängt, sondern von finanzieller und intellektueller Verfügungsgewalt über die klugen Maschinen, die Forschung, Produktivität und Unternehmen steuern? Es gibt keinen Hinweis, dass eine zentral geplante, staatlich kontrollierte Wirtschaft in diesem neuen Zeitalter nicht blühen könnte. Die letzten Jahre legen sogar nahe, dass digitale Technologie perfekt unter monopolististischen Bedingungen funktionierte: Je größer ein Unternehmen, desto mehr Daten und Rechenleistung bekommt es und desto effizienter wird es; je effizienter es wird, desto mehr Daten und Leistung bekommt es, in einem sich selbst perpetuierenden Kreislauf."

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - New Statesman

Wie so viele in diesen Tagen fragt auch Paul Mason, was von Marx noch übrig sei und hält ausgerechnet den Text hoch, der von wahren Marxisten im Giftschrank gehalten wurde: Das Pariser-Manuskript von 1844, in dem Marx schrieb, der Mensch müsse sich nicht nur vom Kapitalismus emanzipieren, sondern von sich selbst: "Das Manuskript von 1844 enthält eine Idee, die dem Marxismus abhanden gekommen ist: die Vorstellung vom Kommunismus als einem radikalen Humanismus. Kommunismus, sagte Marx, ist nicht nur die Aufhebung des Privateigentums, sondern die 'Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen... als vollständige Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen.' Kommunismus, sagte Marx, sei nicht nicht das Ziel menschlicher Geschichte. Es ist nur die Form, die sich die Gesellschaft nach 40.000 Jahren hierarchischer Organisation geben wird. Das wahre Ziel menschlicher Geschichte ist individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung."

Bereits in der vorigen Woche blickte Chris Bickerton auf das Zerfall der Sozialdemokratie in Europa. Für ihn ist sie nicht nur Opfer der Globalisierung, sondern auch der europäischen Einigung: "Linke Politik glaubt zumindest an zwei zentrale Dinge: an die Macht der Politik über den Markt und an die Existenz eines politischen Akteurs - den Staat, das Parlament, die Partei - , der diese Macht ausüben kann. Wenn es aber keinen Akteur gibt, und keine Domäne, die wir noch wirklich politisch nennen können, macht dann sozialer Wandel durch gewählte Repräsentanten überhaupt noch Sinn? Die Ansicht, dass linke Politik machtlos gegenüber den entfesselten Kräften einer globalisierten Ökonomie ist, gilt mittlerweile als Klischee. Aber sie ist nie überzeugend widerlegt worden. Und es gibt keinen Beleg, dass die Europäische Union die Schwäche der Nationalstaaten ausgleichen kann. Die 'immer engere Union' scheint nationalen Regierungen Macht entzogen zu haben, ohne sie auf europäische Ebene neu gebündelt zu haben. Das lässt jedes politisches Projekt, das sich eindeutig auf die Macht einer Regierung verlässt, die Ungleichheiten des Kapitalismus auszugleichen, in einem unbequemen Niemandsland. Ohne echte Handlungsmacht ist es gefangen in dem, was der deutsche Soziologe Claus Offe, 'die europäische Falle' nennt. Für Offe lautet das Problem auf europäischer Ebene nicht: Was tun? Sondern: Wer könnte es denn?"

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - New Statesman

Auch im New Statesman schreibt John Gray, hier bespricht er allerdings Richard Vinens Buch "The Long '68". Und auch wenn er betont, dass 1968 eine politische und kulturelle Bewegung gegen das britische ancien regime mit seiner Erbmonarchie, Staatskirche und aristokratischem Oberhaus war, stellt er doch fest, dass die 68er ökonomisch sehr ambivalent waren: "Die 68er spielten in den industriellen Konflikten der siebziger und achtziger Jahren kaum eine Rolle. Das Erbe von 1968 kam erst in den Neunzigern zum Tragen, als die einstigen Achtundsechziger - Joschka Fischer, Bill Clinton, Jack Straw und andere - als erklärte Reformisten in hohe Ämter kamen. Es ist kein Zufall, dass niemand unter den 68ern so etwas wie eine systematische Kritik jener Ökonomie hervorbrachte, die sie so verachteten... Der hedonistische Lebensstil der späten sechziger Jahre produzierte Konsumenten in großer Zahl. Vinen warnt davor, das Kapitalistische an 1968 zu übertreiben. Nur wenige von denen, die 1968 Antikapitalisten waren, wurden später zu seinen glühenden Anhängern. Doch der Kult der Individualität, der unter den 68er mit der theoretischen Verehrung kollektiver Ökonomie einherging, ebnete den Weg zu Margaret Thatcher und Ronald Reagan."
Stichwörter: Gray, John, 68er

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - New Statesman

Der bulgarisch-britische Intellektuelle Ivan Krastev umreißt in großen Zügen die europäischen Krisen der vergangenen Jahre. Weder die Finanzkrise noch der Brexit, meint er, sind für die EU so einschneidend gewesen wie die Flüchtlingskrise: "Migration ist die neue revolutionäre Kraft geworden. Es ist keine Revolution der Massen wie im 20. Jahrhundert, sondern eine von Einzelnen und Familien auf der Flucht betriebene. Um erfolgreich zu sein, braucht diese neue Revolution keine kohärente Ideologie, keine politische Bewegung und keine Führung. Über die Grenzen in die EU zu gelangen, ist attraktiver als jedes Utopia. Wandel heißt für die Verdammten dieser Erde heute, in ein anderes Land zu gehen, nicht zu bleiben und die Regierung zu ändern. In den neunziger Jahren sah sich die EU gern als ein einzigartiges postmodernes Imperium, umgeben von Ländern, die ihm unbedingt beitreten wollten. Wie andere Imperien zuvor, machte sie sich für Recht, Frieden und Handel stark. Der Unwillen, endgültige Grenzen festzulegen, war ein entscheidendes Charakteristikum des europäischen Projekts. Die Flüchtlingskrise jedoch zwang die europäischen Eliten nicht nur, die Grenzen der Union festzulegen, sondern auch die Vision 'offener Grenzen' einer Realität anzupassen, in der Migration die neue Revolution ist. Eine Dekade zuvor kam es den Europäer darauf an, ihre Nachbarn zu verändern, ihre größte Sorge ist heute, nicht von Russland und der Türkei verändert zu werden."

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - New Statesman

Amerika ist auf dem besten Weg, eine illiberale Oligarchie nach osteuropäischem Muster zu werden, und die andauernde Empörung über Donald Trumps irrlichternde Persönlichkeit lenkt davon nur ab, fürchtet John Gray nach der Lektüre von Michael Wolffs Report "Fire and Fury". Wolff übersehe, dass von vornherein mehr Macht bei der reaktionären Milliardärin Rebekka Mercer lag als bei Steve Bannon: "Es ist schwer vorstellbar, dass die Russland-Ermittlung eindeutig genug Beweise erbringen wird, um Trump zum Rücktritt zu zwingen. Auf seine Präsidentschaft ist zu viel Geld gesetzt, als dass ein Gerichtsprozess sie beenden würde. Wie viele seiner 'White Trash'-Anhänger insgeheim geahnt haben dürften, hat sich dieser Präsident als ein Diener eben jener Oligarchie erwiesen, die zu verachten er vorgibt. Die Linke, die sich unaufhörlich über seine gestörte Persönlichkeit auslässt, versteht nicht, worum es geht. Während er auf Twitter große Töne spuckt, werden in ganz Amerika neue Bundesrichter ernannt, die gegen affirmative actions sind, gegen Schwulenrechte, Abtreibung und eine intervenierende Regierung. Der regulierende Staat wird zerschlagen und der Umweltschutz abgebaut. Diese politische Veränderungen werden nicht so schnell revidiert werden können. Die amerikanische Regierung wird grundlegend neugeformt - dort, wo konservative Richter das Sagen haben, wahrscheinlich für Generationen. Zugleich wird die Macht des großen Geldes in der Politik festgezurrt."

Außerdem: Nicholas Shakespeare bescheidet Boris Johnson und allen anderen Briten, die gerade Churchills Führungsstärke herbeisehnen, dass es Loyalität war, die Großbritannien in der vielzitierten "schwersten Stunde" stark gemacht hat - und den alten Haudegen zum Premier und Kriegshelden.

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - New Statesman

Regierungen sind frustriert, die Internet-Konzerne desinteressiert, und Peter Pomerantsev muss feststellen, dass es auch mit langwierigsten Recherchen unmöglich ist, den Hackern, Trollen und Botnets beizukommen, die mit ihren Kampagnen für Rechtspopulisten, den Kreml oder den IS die Öffentlichkeit vergiften und Stimmung gegen die westlichen Demokratien machen. Noch unbehaglicher wird ihm mit David Patrikarakos' Buch "War in 140 Characters": "Er macht uns mit den Leuten an der Front der digitalen Kämpfe bekannt, den Menschen hinter den Internet-Konten: russische Trolle mit Schuldgefühlen, vom IS online angeworbene junge Frauen, Facebook-Detektive, die Putins Lügen aus den Schlafzimmern ihrer englischen Vororte entlarven. Das sind allerdings nicht bloße Touristen im Informationskrieg. Patrikarakos hat eine provokante These: Er glaubt, dass Soziale Medien sowohl den Nationalstaat als auch den Krieg transformieren. Wir können nicht mehr davon sprechen, dass eine Nation eine andere durch Propaganda bekämpft: Auf dem Feld wimmelt es von einzelnen Akteuren, jeder ein kleiner Propagandastaat für sich. In dieser postnationalen Landschaft ist auch die Idee des Kriegs verändert. Es gibt keine klare Trennung mehr zwischen Krieg und Frieden, diese Vorstellung gehört zu einer Logik internationaler Beziehungen, nach der allein Nationen über die Autorität verfügen, einen Krieg zu erklären und Frieden zu schließen. Stattdessen gibt es ein Knäuel von Spannungen, unentwirrbar und voller Ungewissheiten."