Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

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Magazinrundschau vom 26.10.2021 - New Statesman

Im Aufmacher des New Statesman malt John Gray die "Dämmerung des Westens" in unnachahmlich düsteren Farben. Der Abzug aus Afghanistan war nur ein Symptom. Der Westen glaubt längst nicht mehr an sich selbst, ausgehöhlt vor allem von einem Diskurs der Moderne, der die Solidarität (linke Version) und Tradition (rechte Version) zersetzte und in die Abgründe der Postmoderne mündete: "Einander scheinbar feindlich gesonnen haben Neoliberalismus und progressives Denken ihre gemeinsame Wurzel in der Privilegierung der individuellen Entscheidung gegenüber anderen menschlichen Werten. Gemeinsam erodieren sie die sozialen Bindungen, die der Einzelne braucht, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Das Ergebnis ist eine akute Form der Anomie. Der esoterische Liberalismus der Sprachpurifizierung, der die Kontrolle über viele amerikanische Universitäten und Institutionen übernommen hat, kann als ein Versuch verstanden werden, wieder eine Art Solidarität im entstandenen Chaos zu schaffen. Vor allem die Universitäten sind Bühnen von Kampfsitzungen im maoistischen Stil, während die Medien Agitprop betreiben. Fast alle amerikanischen Institutionen sind politische Kriegsschauplätze. Unter diesen Bedingungen erscheinen Versuche, amerikanische Ideen der Regierungsführung zu exportieren als Globalisierung amerikanischer Geistesstörungen." Gray rät den westlichen Ländern den Rückzug auf sich selbst, den sie ja angeblich längst angetreten haben.
Stichwörter: Gray, John, Der Westen

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - New Statesman

Noch ist Europa weit entfernt von Australien, doch auch in der nördlichen Hemisphäre werden die Waldbrände von Sommer zu Sommer verheerender, warnt der Klimaforscher Tim Flannery mit Blick auf die Brände in Griechenland, Portugal oder auch Sibiren und sieht ein Zeitalter der Megafeuer heraufziehen "Da die Feuer immer stärker genährt werden, werden die Brände größer und heißer. Manche werden so groß, dass sie selbst das Wetter verändern. Die australischen Brände des Schwarzen Sommers 2020 speisten sich aus einer noch nie dagewesenen Menge an Brennstoff, den das trockenste und heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen geschaffen hatte, sie wuchsen zu einem Feuer heran, wie es das zuvor noch nie gegeben hat. Vor dem Jahr 2000 brannten in einem schlechten Jahr etwa zwei Prozent der gemäßigten Laubwälder Australiens. Doch im Schwarzen Sommer 2020 gingen 21 Prozent in Flammen auf. Das ist ein Anstieg um das Zehnfache - in einem einzigen Jahr. Jede Wirkung des Feuers wurde durch sein Ausmaß noch verstärkt. Mehr als 400 Menschen, von denen einige viele Kilometer vom nächsten Feuer entfernt lebten, starben an Rauchvergiftung. Die Schäden an der Infrastruktur, einschließlich der Häuser, waren beispiellos und es wird viele Jahre dauern, bis sie beseitigt sind. Einige Gemeinden werden sich möglicherweise nie wieder vollständig erholen. Und als die Flammen schließlich durch sintflutartige Regenfälle und enorme Überschwemmungen gelöscht wurden, wurde giftige Asche in solchen Mengen in den Ozean vor Ostaustralien gespült, dass die Meeresumwelt verwüstet wurde, was zu einem Massensterben an den vorgelagerten Riffe führte."

Magazinrundschau vom 17.08.2021 - New Statesman

Der Krieg in Afghanistan ist vorbei, für uns im Westen jedenfalls. Nach 20 Jahren Aufbauarbeit, mit Geld in der Höhe (auf heutige Verhältnisse umgerechnet) des Marshallplans für Deutschland - wie konnte der Einsatz in einem derartigen Desaster enden? Westliche Halbherzigkeit und eine Korruption, die Teile der afghanischen Elite zu Großgrundbesitzern in den Golfstaaten werden ließ? So jedenfalls denkt der britische Historiker Adam Tooze: "Das charakteristische Merkmal des modernen Afghanistans ist die ungleiche Entwicklung und die große Ungleichheit. Die sechs Großstädte Kabul, Mazar, Dschalalabad, Herat, Kundus und Kandahar sind eine Welt für sich im Vergleich zu den anderen 28 Provinzen des Landes. Kritiker des Hilfssystems bezeichnen Afghanistan als 'Rentierstaat'. Die westliche Hilfe, die in ein hierarchisches und balkanisiertes soziales und politisches System fließt, hat zur Entstehung von Parallelwirtschaften geführt. Die Eliten haben das Wachstum für sich monopolisiert, während die Menschen am unteren Ende der Gesellschaft das Nachsehen haben. Die Taliban stützen sich auf eine solide Organisation, auf ihr Engagement und auf eine umfangreiche Schattenwirtschaft. Aber was ihre Bewegung letztlich am Leben erhält, ist das Elend auf dem afghanischen Lande und die Wut vieler junger Männer gegen die allgegenwärtige Korruption und Ungerechtigkeit. ... Die grandiosesten Pläne der USA für Afghanistan sahen das Land als eine wichtige Station auf einer 'Neuen Seidenstraße' vor. General Petraeus und ein 'Tigerteam' im US Central Command (CentCom) sahen in Afghanistan ein wichtiges Glied einer transkontinentalen Handelsroute. Handel und Wirtschaftswachstum sollten die Lücke füllen, die nach dem Ende der amerikanischen Truppenverstärkung entstand. Am 20. Juli 2011 begrüßte die US-Außenministerin Hillary Clinton in einer Rede in Indien die CentCom-Initiative Neue Seidenstraße. Doch die Idee wurde nie umgesetzt. ... Es war China, das die Vision der Neuen Seidenstraße mit seiner 2013 beschlossenen Belt and Road Initiative (BRI) aufgriff. Aber Chinas BRI umgeht Afghanistan und überlässt es den Amerikanern."

Ido Vock knabbert noch an der Tatsache, dass amerikanische Regierung und die Medien die Realität derart unterschätzt haben, dass sie noch am 12. August glaubten, Kabul könnte sich noch drei Monate gegen die Taliban halten: "Die Regierung Biden wird sich auch fragen lassen müssen, ob der Abzug einer historisch niedrigen Truppenstärke - nur rund 3.500, was einem Höchststand von rund 110.000 im Jahr 2011 entspricht - den Zusammenbruch des afghanischen Staates wert war. Die Verbündeten der USA, die in Afghanistan waren, werden sich fragen, ob es richtig war, dem amerikanischen Beispiel zu folgen und ihre Truppen ebenfalls abzuziehen."

Lynne O'Donnell erzählt von ihrer Flucht aus der Provinz Balkh, die von einer Gouverneurin regiert wurde (sie, ihr Ehemann und der Fotograf Massoud Hossaini flohen mit O'Donnell). Dabei kamen sie auch durch Bamiyan, dessen frisch ernannten Gouverneur O'Donnell interviewte: "Er ließ in unser Gespräch fallen, dass die Taliban, die einen Bezirk in einem abgelegenen Tal kontrollieren, Listen aller Mädchen und Frauen verlangt hatten und sie mit jungen bewaffneten Aufständischen verheiraten wollten. Die Geschichte, die Massoud und ich berichteten, bestätigte die erschreckenden Gerüchte, die seit Beginn des Vormarsches der Taliban im Mai im Umlauf waren. Es gab enorme Gegenwehr. Taliban-Sympathisanten und Trolle beschuldigten uns der Lüge, der Erfindung, der Fake News - und das, obwohl wir über ein halbes Dutzend Quellen sowie Video- und Fotomaterial von unseren Gesprächspartnern verfügten."
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Magazinrundschau vom 03.08.2021 - New Statesman

In einem Beitrag des Magazins behauptet John Gray, was uns an China und Russland ängstigt, seien in Wahrheit nur die finsteren Schatten des Westens selbst: "Westliche Ideologien beherrschen weiter die Welt. Xi Jinping pflegt eine Variante des integralen Nationalismus, der dem der Zwischenkriegszeit in Europa ähnelt, während Putin gekonnt leninistische Methoden einsetzt, um ein geschwächtes Russland wieder zur Weltmacht zu machen. Ideen und Projekte aus dem illiberalen Westen machen noch immer Weltgeschichte. Zugleich ist der westliche Liberalismus illiberal geworden … China und Russland, beide Rivalen des Westens, werden beherrscht mit Hilfe von Ideen, die westlichen Quellen entstammen (das gleiche gilt für Narendra Modis Nationalismus in Indien und einige islamistische Bewegungen) … Der Einfluss westlicher Ideen auf Chinas Führung zeigt sich etwa in der Bezugnahme auf den antiken griechischen Historiker Thukydides durch offizielle Sprecher. China, so lautet die Versicherung an westliche Besucher, werde nicht in die Thukydides-Falle gehen, also der Tendenz aufstrebender Nationen nachgeben, etablierte Mächte von ihrer dominanten Position zu verdrängen und Krieg zu verursachen … Das Studium westlicher Klassiker wird an Chinas Universitäten besonders gefördert. Die Texte werden oft im griechischen oder lateinischen Original gelehrt (anders als in Princeton, wo das inzwischen als rassistisch abgelehnt wird). Chinas meritokratische Intelligenzija ist bekannt für ihr tiefes Verständnis des westlichen politischen Denkens und der Werke von Tocqueville, Burke, Hobbes oder Foucault. Carl Schmitt gilt als Leitstern der politischen Entwicklung Chinas … Vor allem Schmitts Idee vom Souverän, der die Homogenität des Volkes befördert, scheint für die chinesische Führung attraktiv."

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - New Statesman

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze erzählt in einem epischen Artikel praktisch die gesamte (Wirtschafts-)Geschichte Chinas seit den Opiumkriegen und kommt gegen Ende, im interessantesten Part seines Artikels, auf das aktuelle Verhältnis Amerikas und des Westens zu Chinas zurück, das von einer Suche nach Verbindlichkeit auf "Wettbewerb" geschaltet worden sei. China selbst habe sich zwar nicht zu einem so aggressiven Akteur entwickelt wie Russland, Iran oder Saudi Arabien, aber nach innen ist das Land extrem repressiv, und nach außen verhält es sich ein dezidierter Nationalstaat, schreibt Tooze. "Nur hatte keine Nation je Chinas Größe." Der Westen, so Tooze, muss schon aus einem Grund weiterhin die Zusammenarbeit suchen: "Im November wird Großbritannien Gastgeber der UN-Klimakonferenz 2021 sein, bei der alle Augen auf China gerichtet sein werden. Das Land ist für 28 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich und emittiert damit mehr als die gesamte OECD, die USA, Europa, Japan und der Rest zusammen. Es gibt keine Lösung für die Klimakrise ohne ein großes und teures Engagement Pekings. Nur China hat das nötige Gewicht, um die Energieexporteure der Welt, insbesondere Russland, dazu zu bewegen, sich auf den Ausstieg aus dem Öl vorzubereiten. Peking hält im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft der Menschheit in seinen Händen. "

Magazinrundschau vom 22.06.2021 - New Statesman

Im vorigen Jahr wanderte Tim Parks den Weg nach, auf dem Giuseppe Garibaldi 1849 vor den französischen Truppen aus Rom fliehen musste (unser Resümee). Jetzt ist sein Buch "The Hero's Way" erschienen, und Jeremy Cliffe fragt sich beim Lesen, ob der italienische Nationalheld, der auch in Südamerika und Frankreich für die Freiheit kämpfte, heute ein Bürger von Nirgendwo oder von Überall wäre? Garibaldi war ein Mann mit braunen Augen, von denen jeder dachte, sie wären blau, lernt Cliffe: "Wenn sein Vermächtnis heute uneindeutig erscheint, liegt das daran, dass er in seinem Idealismus pragmatisch war. Der Marsch von Rom - sowie sein Scheitern und das darauffolgende Exil - zeigten Garibaldi und seinen Mitstreitern, dass sie, wie Parks es fasst, 'alles Reden von sozialer Umwälzung und Republik beenden müssen'. Als Garibaldi elf Jahre später in Sizilien landete, tat er dies mit einer Dosis Realpolitik, er unterstützte die Bourgeoisie und die Monarchie aus dem nordwestlichen Piemont. Garibaldi war ein republikanischer Revolutionär, der einen Deal mit dem Establishment machte; ein nationalistischer Internationalist und ein bescheidener, zurückhaltender Mann, der zu einer Ikone einer überschwänglichen Nation wurde. In seine Fußstapfen zu treten, heißt solche Paradoxe auszuhalten."

Magazinrundschau vom 30.03.2021 - New Statesman

Der nahe Verona lebende Schriftsteller und notorische Covid-Verächter Tim Parks kommentiert recht gallig das Psychodrama, dem sich das politische Italien in den vergangenen Monaten ausgesetzt hatte. Aber auch wenn Paolo Conte nahezu als Heiliger gilt und Mario Draghi als Gott, ist Parks' Held natürlich Matteo Renzi, der beinahe öffentlich gelyncht worden wäre, weil er die Regierung hat platzen lassen: "Matteo Renzi ist der meistgehasst Mann in Italien. Als er 2014 als Chef des Partito Democratico mit nur 39 Jahren Premierminister wurde, war er der meistgeliebte. Er ist charismatisch, selbstbewusst und von schneidender Intelligenz. Das hilft beim Aufsteigen, aber nicht an der Macht. Wenn man an der Macht ist, muss man sich mit jedem beraten und demütig auftreten. Man muss über Wandel sprechen, aber niemals versuchen, ihn herbeizuführen. Man muss als Beschützer erscheinen, ein bisschen onkelig. Das ist nicht Renzis Stil. In dem Moment, da ihn der Mainstream - in Italien notorisch einstimmig - als 'arrogant' zu bezeichnen begann, war klar, dass er schleunigst zurück auf die Ränge verwiesen würde."

Weiteres: Leo Robson huldigt Patricia Highsmith' psychopathischen Heldinnen und Helden, die sich noch immer ganz hervorragend auf der Leinwand machten. William Boyd bewundert die Fotografien von Georges Simenon.

Magazinrundschau vom 23.03.2021 - New Statesman

Jacques Derridas Denken war niemals obskur, auch wenn seine Prosa mitunter etwas rätselhaft erscheint, versichert John Gray und freut sich über Peter Salmons ideengeschichtlichte Derrida-Biografie "An Event, Perhaps". Geradezu triumphal findet Gray, wie Salmon den französischen Philosophen gegen die Kritiker der Dekonstruktion verteidigt, allerdings weniger erfolgreich, wenn es um die Verteidigung Derridas gegen die eigenen Anhänger geht: "Da die Welt eine menschliche Konstruktion sei, scheinen sie zu glauben, kann sie von Menschen nach deren Belieben neugestaltet werden. Aber diese Annahme, dass die Welt eine konzeptionelle Konstruktion ist, missachtet die inhumane Realität, die Menschen zu erkennen und durch Wissenschaft, Religion oder andere Praktiken zu überwinden trachten. Wie bei Nietzsche ist das Ergebnis dieses Postmodernismus nur ein weiterer Humanismus. Derrida ist vorsichtiger und subversiver. Was Nietzsche als Nihilismus bezeichnete, war für ihn die inhärente Instabilität jeglicher Bedeutung. Ein Teil des Menschseins, nicht ein Zustand, den man überwinden kann. Vielmehr legt Derrida eine Rückkehr zur Philosophie nahe, eine, die um die Grenzen der Sprache weiß und damit spielt, mehr Poesie als Logik oder Metaphysik. Die spielerische Qualität von Derridas Schreiben wird weithin vernachlässigt. Von der Meditation über die Grenzen der Sprache wandelte sich so die Dekonstruktion in einen Kult der Antinomien. Die postmoderne Intelligentsija wütet gegen die westlichen Traditionen, von denen sie erst hervorgebracht wurde. Sie denkt nie daran, sich selbst zu dekonstruieren. Hier würde Derridas Schatten lachen. Derridianer sein heißt, den Witz nicht zu verstehen."

Magazinrundschau vom 23.02.2021 - New Statesman

Der Feldzug gegen die BBC ist abgesagt, berichtet Harry Lambert. Der Abgang von Boris Johnsons Berater Dominic Cummings und die Corona-Krise haben die hartgesottenen Gegner des Senders erst einmal verstummen lassen, die für die BBC ein Abo-Modell wie für einen Streamingsdienst vorsahen. Aber, heißt es in einem zweiten Artikel, der Sender steht nicht über der Kritik: "Trotz der Kürzungen von dreißig Prozent seit 2010 hat die BBC noch eine aufgeblasene Bürokratie, zu viele Manager und Moderatoren verdienen über 150.000 Pfund im Jahr (sic!). Auf der redaktionellen Ebene hat die vielbeschworene Unparteilichkeit zu einer Strategie der falschen Äquivalenz geführt: Klimawandelleugner werden gegen Wissenschaftler gestellt. Programme wie die 'Question Time auf BBC One haben zu oft Mob-Taktiken nachgegeben und die ideologisch polarisiertesten Diskussionsrunden zusammengestellt, anstatt originelle nuancierte Gedanken zu verbreiten. Eben dadurch haben die Sendungen genau die manichäische Medienkultur genährt, die jetzt ihre Existenz bedroht. Konservative Kritiker halten der BBC eine linke Einseitigkeit vor, während die Opponenten genau das Gegenteil tun. In Wahrheit steht die BBC immer auf Seiten des Establishments: Sie hält es mit denen an der Macht."

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - New Statesman

John Gray ruft dazu auf, wieder den 1884 geborenen russischen Autor Jewgeni Samjatin zu lesen. In seinem dystopischen Roman "Wir" von 1920 beschrieb er lange vor Aldous Huxley und George Orwell, dass eine Gesellschaft, in der Unglück und Zwietracht eliminiert werden sollen, alles verliert, was das Leben wertvoll macht: "Samjatins lehnte das Utopische ab, aber nicht weil er glaubte, eine perfekte Gesellschaft sei unerreichbar, sondern weil er nichts von Idee der Perfektion hielt. Seiner Ansicht nach würde jedes rationales Modell einer Gesellschaft, das ein einziger Mensch ersonnen hätte, in die Tyrannei führen. Dabei beunruhigte ihn nicht am meisten die politische Unterdrückung. Ihn beschäftigte vielmehr, welche Auswirkung der Rationalismus auf die Seele hätte. Menschliche Kreativität sei untrennbar verbunden mit Unruhe stiftenden Leidenschaften. Utopische Vorstellungen seien von Natur aus dystopisch. Hierin folgte Samjatin Fjodor Dostojewskis wegweisenden dystopischen 'Aufzeichnungen aus dem Kellerloch' von 1864. Für Dostojewskis Ich-Erzähler wäre eine auf Logik und Wissenschaft basierende Gesellschaft, wenn überhaupt möglich, dann ein spirituelles Gefängnis. Die Fähigkeit zu Aufopferung und unvernünftiger Liebe, sich für Kampf und Leid, statt für Frieden und Glück zu entschieden, waren für ihn wesentlicher Teil der menschlicher Freiheit." Aber vor allem, meint Gray, war Samjatin im Gegensatz zu Huxley und Orwell Optimist und deshalb davon überzeugt, dass die menschliche Unvollkommenheit am Ende jeden rationalen Despotismus besiegen wird.

Francis Bacon war der größte Maler war, den Britannien seit William Turner hervorgebracht hat, stellt Andrew Marr klar. Müssen wir da noch einmal all die saftigen Geschichten aus seinem Leben lesen, die Mark Stevens und Annalyn Swan in ihrer Biografie "Francis Bacon: Revelations" zusammentragen? "Sex, Tod, Glamour, Tratsch, Tratsch, Tratsch"? Ja doch, auch wenn sie keine echten Enthüllungen mehr sind: "Bacon hat den Zweiten Weltkrieg äußerst intensiv erlebt und erfahren. Als Brandmeister im Blitz sah er unaussprechliche Dinge; beim Warten auf Hitler hatte er sein Monster fertig vor Augen. Die Unmittelbarkeit des Todes putscht auf - und aus ihr entstand sein Wunder. Aber wie bewahrt man sich diese Intensität, wenn die Welt banal wird? Als schwuler Mann mit sadomasochistischer Ader, fand Bacon eine Art, könnte man sagen, im Privaten mit dem drohenden Desaster zu leben. Hielt ihn das als Künstler lebendig? Er brauchte das gefährliche Cruising, die abenteuerlichen Wetten, die Schläge, sie gaben seinem Leben die nötige Kantigkeit. Deswegen sind die berühmten Geschichte nicht unwichtig. Einen großen Empfang geben für die neue Ausstellung im Herzen von Paris, mit den Größen der Stadt lachend und plaudernd, während der Liebhaber sterbend im Hotelzimmer liegt - und dann für Jahre die niederschmetternde Schuld spüren. Was kann einen berechenbarer daran erinnern, dass man am Leben ist, aber nicht mehr für lange?"

Weiteres: Der Historiker Richard J. Evans wirft der britischen Regierung eine desolate Politik in der Pandemie vor, die das Land über 100.000 Tote gekostet hat: "Die britische Corona-Krise rührt aus dem Versagen grundlegender Staatsführung, einer tödlichen Kombination aus Inkompetenz und Untätigkeit.