Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

169 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 17

Magazinrundschau vom 14.05.2024 - New Statesman

Noch regieren die Tories in Großbritannien, aber die Zukunftsaussichten der Partei sind finster. Ein Sieg der Labour-Opposition bei den nächsten Parlamentswahlen gilt als ausgemacht, vor allem jedoch fehlt es der Partei, wie Rachel Cunliffe analysiert, an Visionen für die Zukunft. "'Die Konservative Partei ist nicht wie eine fehlerhafte Maschine', sagte mir der konservative Kommentator und ehemalige Redenschreiber Tim Montgomerie. 'Sie ist eher wie ein verfaulender Organismus. Ein Gift ist in den Boden eingedrungen, aus dem die Konservative Partei gewachsen ist. Es ist nicht nur die Haupternte des Wahlerfolgs, die abstirbt; es ist das Blätterdach, es sind die Samen der nächsten Generation. Es ist, als ob alles in einem gewaltigen Maßstab stirbt, weil der Lebensraum zusammengebrochen ist.' Was Montgomerie als das 'politische Äquivalent der Ulmensterbens' bezeichnet, ist nicht einzigartig für die Tories. Andere lang etablierte Parteien - in den USA, in ganz Europa, die britische Labour Party miteingeschlossen - stehen ebenfalls vor der Herausforderung, sich in einem Zeitalter der sozialen Medien, zunehmender Polarisierung, sich verändernder geopolitischer Trends und demografischer Veränderungen anzupassen. (Die Labour-Partei hat in muslimischen Gemeinschaften massiv an Unterstützung verloren, wie mir ein Tory-Abgeordneter mitteilte, obwohl dies wahrscheinlich bei der nächsten Wahl nicht viel ausmachen wird.) Aber, wie die Kommunalwahlen gezeigt haben, ist der Niedergang der Tories weiter fortgeschritten. 'Es sind nicht nur die Umfragewerte; es ist wie ein vollständiger Zerfall einer Institution', warnt Montgomerie. 'Wir sind wie eine Monokultur, ausgebildet für ein politisches Klima. Dann ändert sich das politische Klima und wir stellen fest, dass wir isoliert sind: In einem bestimmten Temperaturbereich, einem Bereich von Niederschlägen geht es uns gut, aber dann ändert sich das Wetter, das Klima ändert sich und wir brechen zusammen.'"
Stichwörter: Tories, Großbritannien

Magazinrundschau vom 30.04.2024 - New Statesman

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Thomas Piketty mit seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" den Begriff der Ungleichheit zum Schlagwort machte. Zeit, darüber nachzudenken, was damit gewonnen wurde, meint der Historiker Quinn Slobodian. Und welche Lösungen angeboten werden. Interessant an Pikettys Vorschlägen findet Slobodian "unter anderem, dass sie den Gedanken der Sichtbarkeit in den Vordergrund stellen. Wir brauchen ein globales Finanzregister, in dem alle Unternehmenstransaktionen leicht zu sehen, nachzuverfolgen und somit zu besteuern sind. Zusammen mit seinen Mitarbeitern am World Inequality Lab, das an der Pariser School of Economics angesiedelt ist, an der er lehrt, hat Piketty dazu beigetragen, eine Art globale Schatzsuche in Archiven zu starten, bei der Postdocs, Professoren und Doktoranden in alle Ecken der Welt ausschwärmen, um Haushaltserhebungen und Daten aus oft schlecht gepflegten Aktenordnern und bröckelnden Manila-Ordnern auszugraben. Diese Idee ist aufregend modern", meint Slobodian. Was sie allerdings nicht bietet, sind "Tränengas und die erhabenen Erfahrungen der aufständischen Menge", die die Abschaffung des Privateigentums fordert. "Piketty kann sich in Bezug auf dieses Ziel bedeckt halten, indem er provokante Ideen von 'temporärem Eigentum' und andere Versuche vorstellt, das zu untergraben, was er 'Eigentum' nennt."

Erica Wagner befragt Salman Rushdie über dessen neues Buch "Knife", in dem sich der Schriftsteller mit dem Anschlag auf sein Leben am 12. August 2022 auseinandersetzt. Unter anderem möchte Wagner wissen, warum Rushdie den Namen seines Angreifers nicht nennt. "Nun, in gewisser Weise verdanke ich die Idee Margaret Thatcher. Als sie Premierministerin war, gab es eine Zeit, in der die IRA im ganzen Land Anschläge verübte, und ich erinnere mich daran, dass sie etwas in die Richtung sagte, sie wolle den Terroristen den Sauerstoff der Öffentlichkeit entziehen. Diese Wortwahl war mir aus irgend einem Grund im Gedächtnis haften geblieben, und ich dachte mir: 'Okay, der Typ hatte also seine 27 Sekunden Ruhm, jetzt aber sollte er wieder zu einem Niemand werden - Ich will seinen Namen nicht in meinem Buch.' Deshalb nannte ich ihn 'A', denn in meinen Augen ist er viele Dinge auf einmal. Ein verhinderter Attentäter, ein Angreifer, ein Antagonist, ein Arsch - aber ich wollte diskret sein, deshalb habe ich ihn einfach 'A' genannt.'"

Magazinrundschau vom 16.04.2024 - New Statesman

Ziemlich schwarz sieht John Gray für die Zukunft des akademischen Betriebs. Seine Klage über gleichgeschalteten "progressive doublespeak" ist geläufig und nicht allzu originell. Interessanter ist, dass er seine Kritik nicht auf eine ideologische, sondern auf eine ökonomische These hin zuspitzt: "Die aufgeblähte und in ideologische Geiselhaft genommene akademische Sphäre mag sich nicht für die Realität interessieren, aber die Realität interessiert sich für sie. Die finanziellen Grundlagen des Hochschulwesens sind zunehmend unsolide. Ein Teil der Branche steht vor dem finanziellen Kollaps und große Teile könnten von geopolitischen Krisen getroffen werden. Wenn der Konflikt mit China eskaliert und Beijing den Zufluss an Studenten rapide drosselt, werden zweitrangige Universitäten zusammenbrechen, genau wie es der Immobilienbranche während der globalen Finanzkrise erging. Da die finanziellen Mittel der Staaten des Westens bis aufs Äußerste ausgereizt sind, wird es kein Bailout geben, ganz egal welche Partei an der Macht ist. Die Universität hat sich am Modell des Marktes ausgerichtet, aber es gibt immer weniger Märkte für die Studenten, die sie rekrutiert. Altmodische Humanities-Studiengänge der Art, die nun nicht mehr erwünscht ist, haben kognitive Fähigkeiten trainiert, die in einer großen Anzahl von Tätigkeiten nützlich sein könnten. Belehrung in progressive doublespeak bereiten hochverschuldete Studenten auf Jobs als Baristas und Kuriere vor, Arbeiten, die bald von KI-geleiteten Robotern übernommen werden könnten."

Magazinrundschau vom 08.04.2024 - New Statesman

Lawrence Freedman zeichnet die Entwicklung des Ukrainekonflikts aus Sicht Putins nach. Putin hat sich so sehr seinem eigenen Radikalismus verschrieben, argumentiert Freedman, dass es für ihn kein Zurück mehr geben kann. Gleichzeitig wird die innenpolitische Lage schwieriger, insbesondere nach der IS-Attacke auf eine Konzerthalle bei Moskau. Die Reaktion des Regimes, das entgegen aller Evidenz versuchte, die Ukraine mit dem Angriff in Verbindung zu bringen, war alles andere als souverän. Das zunehmend irrationale Verhalten Putins kann auch nicht bloß auf demagogische Taktik reduziert werden: "Für den Kreml sind Lug und Betrug Mittel zum Zweck einer höheren Wahrheit. Sie helfen dabei, die Botschaft zu verbreiten, dass alle Feinde Russlands unter einer Decke stecken, und dass sich eine Nazi-Islamismus-Globalismus-Satanismus-Achse gegen die russische Zivilisation verschworen hat. Wenn das so ist, dann muss alles getan werden, um die Menschen vor der Gefahr zu warnen und sie für den Abwehrkampf zu mobilisieren. Die Ukraine muss einfach von Nazis angeführt werden, ganz egal was die tatsächlichen Hintergründe und Aussagen der entsprechenden Politiker sind, weil jeder, der gegen Russland kämpft, ein Nazi ist, und weil Russland immer dann am besten ist, wenn es gegen Nazis kämpft, wie zwischen 1941 und 1945. Mit Blick auf Putins Statement zum Angriff auf die Konzerthalle, in dem er die Ukraine beschuldigt, schlägt der Historiker Tim Snyder folgende Erklärung vor: 'Das ist nicht mehr der wendige post-truth-Putin, der in der Lage ist, wenn nötig augenzwinkernd eine Lüge durch eine andere auszutauschen. Dies ist ein Putin, der tatsächlich glaubt, was er sagt - oder der zumindest nicht mehr fähig ist, kreativ auf die Ereignisse in der Welt zu reagieren.'"

Lisa Klaassen beschäftigt sich währenddessen mit einem wenig kommentierten Aspekt russischer Machtpolitik: den teilweise durchaus erfolgreichen Versuchen, in Afrika an Einfluss zu gewinnen. Eine Schlüsselrolle kommt dabei ausgerechnet der berüchtigten Gruppe Wagner zu, deren ehemaliger Anführer Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschin letztes Jahr den Aufstand gegen Putin geprobt hatte und bei einem Flugzeugabsturz starb. Inzwischen heißt die Gruppe nicht mehr Wagner, sondern Afrikakorps, wird von Prigoschins Sohn Pawel Jewgenjewitsch geleitet und unterstützt eine Reihe von Militärdiktaturen in Zentral- und Westafrika. "Die Entwicklung des Afrikakorps verfolgt zwei strategische Ziele. Zum einen geht es darum, einen Aufstand des jüngeren Prigoschin zu verhindern, zum anderen darum, Russland freie Bahn für seine Sicherheitspolitik in Afrika zu verschaffen. Der neue Name verschafft der Gruppe ein äußerst notwendiges Gegenmittel gegen die Folgen der Untaten, die die Gruppe Wagner im Namen der 'Anti-Terror Einsätze' der Gruppe beging. Aufgrund ihrer Treue zur Maxime Stalins, derzufolge die Menschen das Problem sind, wurde die Gruppe, laut einem Bericht des Economist, der Daten der NGO Armed Conflict Location and Event Data Project aufarbeitete, angeklagt, an Massakern beteiligt gewesen zu sein, die seit 2017 mehr als 1800 afrikanischen Zivilisten das Leben kosteten. Drei russische Zivilisten, die zu den vom Kreml unterstützten Wagner-Aktivitäten in Afrika recherchierten, wurden ermordet. Allein in Mali hat sich die Gewalt gegen Zivilisten verdreifacht, seitdem Wagner begonnen hat, das Vakuum zu füllen, das Frankreich hinterlassen hat."

Magazinrundschau vom 26.03.2024 - New Statesman

Katie Stallard untersucht, wie Putin den Krieg im Gaza-Streifen ausnützt, um Russlands geopolitische Machtposition zu stärken. Während der Zermürbungskrieg in der Ukraine sich tendenziell zu Russlands Gunsten zu entwickeln scheint, insbesondere auch, weil die Unterstützung des russischen Kriegsgegners durch den Westen nicht mehr gar so enthusiastisch aufrecht erhalten wird, eröffnet Putin eine neue Front im Propagandakrieg: "Putin zögerte nicht, seine Unterstützung für die Palästinenser zu zeigen, indem er Israels Blockade des Gazastreifens mit der Belagerung Leningrads durch die Nazis verglich und sich neun Tage Zeit lies, bevor er Netanjahu sein Bedauern über die Attacke vom 7. Oktober aussprach. In den Wochen nach der Attacke reisten wichtige Hamasmitglieder nach Moskau, wo sie russische Regierungsmitarbeiter trafen und Putins Antwort auf den Krieg lobten. Er sah in der Krise eine Gelegenheit, auf das Scheitern der amerikanischen Politik im Mittleren Osten hinzuweisen, seine Diplomaten arbeiteten UN-Resolutionen aus, die einen Waffenstillstand forderten und die von den USA und ihren Verbündeten abgeschmettert wurden. In Putins Darstellung ist der Krieg im Nahen Osten Teil eines breiteren antikolonialistischen Kampfes, den er gegen den Westen im Allgemeinen und den amerikanischen Imperialismus im Besonderen in der Ukraine zu führen behauptet. Dies ist eine zynische und unehrliche Darstellung. Aber es gibt ein Publikum für die Botschaft des russischen Präsidenten. 'Putin sieht den Krieg als eine Gelegenheit, seinen Pariah-Status loszuwerden und wieder die globale Bühne zu betreten', erzählte mir Izabella Tabarovsky, Berater am Kennan Institute des Wilson Center. Er will als ein Führer des globalen Süden betrachtet werden und die Freundschaft mit den arabischen Staaten erneuern, wo viele sich noch an alte Bindungen an die Sowjetunion erinnern. Es gibt da immer noch jede Menge warme Gefühle für Russland.'"

Außerdem: Hannah Barnes erzählt, wie es zur Schließung des Tavistock Zentrums in London kam, der bis dahin größten und umstrittensten Gender-Klinik für Kinder.

Magazinrundschau vom 27.02.2024 - New Statesman

Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer 
© SHK/Hamburger Kunsthalle/bpk Foto: Elke Walford

Peter E Gordon ist irritiert über seine eigene negative Reaktion auf Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer". Nachdem er die problematische politische Rezeption des Werks Friedrichs vor allem während der NS-Zeit nachgezeichnet hat, stellt er klar, dass damit über den künstlerischen Wert des Bildes noch nichts ausgesagt ist: "Das bringt mich zurück zu meiner allergischen Reaktion auf Friedrichs Werk. Diese Reaktion ist nicht politisch, oder vielleicht ist sie noch nicht politisch. Was mich stört, gehört in den Bereich der Kunst selbst. Man achte auf die Körperhaltung des Wanderers, wie er sich dem Nebelsee stellt, und frage sich: drückt diese Figur auch nur einen Hauch von Bescheidenheit aus? Von Verletzlichkeit? Ironie? Leid? Die einzige ehrliche Antwort, die man geben kann, ist, dass die Gesamtheit der Komposition des Gemäldes den Effekt hat, das Subjekt zu panzern und über die Landschaft zu erheben, auf die es blickt. Alles in seiner Haltung, sogar der Wanderstock, der ihm einen dritten Halt auf der felsigen Anhöhe verschafft, vermittelt den Eindruck stoischer Ataraxie oder Unberührtheit. Er fühlt sich nicht bedroht von der Szene, die sich ihm bietet; er ist nicht einmal ein Teil derselben; seine bürgerliche Kleidung akzentuiert den tiefen Abgrund zwischen seiner zivilisierten Subjektivität und der regellosen Welt."

Magazinrundschau vom 20.02.2024 - New Statesman

Will Dunn schreibt über die nach wie vor stabile russische Kriegswirtschaft und britische Unternehmen, die dabei helfen, sie am Laufen zu halten. Es geht vor allem um Putins "dunkle Flotte", die dafür sorgt, dass Russlands Ölexporte steigen anstatt zu fallen. Mitbeteiligt sind bekannte Anwaltskanzleien und Versicherungsuntnehmen: "Anwälte gründen Single-Purpose-Firmen, die nur existieren, um einen Tanker zu kaufen. Die Besitzverhältnisse werden durch 'bearer shares' (wer die Aktienzertifikate besitzt, besitzt die Firma) verschleiert, was es den Anwälten oder anderen Strohmännern ermöglicht, die wahren Besitzer im Verborgenen zu belassen. Finanzielle Regularien würden rigorose 'know your customer'-Prüfungen verlangen, bevor sie ein Konto eröffnen können, deshalb behalten die Anwälte die Gelder in einem Treuhandkonto - das die Käufer und Verkäufer gemeinsam nutzen können. Die Anwaltskanzlei überprüft anschließend die Firma, die sie, wie Fulford-Smith es ausdrückt, 'eine halbe Stunde vorher gegründet habt', und deren Finanzen die Kanzlei selbst verwaltet, und findet - was für eine Überraschung - heraus, dass alles mit rechten Dingen zugeht."

Magazinrundschau vom 06.02.2024 - New Statesman

Der englische Philosoph Thomas Robert Malthus hat nicht den besten Ruf, gilt weithin als Fatalist, dessen These von einer Übervölkerung der Erde und dem anschließenden Niedergang der Menschheit vielen durch die Entwicklung neuer Technologien widerlegt schien. Robert D. Kaplan ist sich da nicht so sicher: "Es besteht kein Widerspruch zwischen der Idee eines Malthusianische Zeitalters und schwindenden Wachstumsraten der Bevölkerung. In absoluten Zahlen wird die Weltbevölkerung von derzeit acht Milliarden Menschen sich weiter vergrößern, bis sie sich irgendwann bei gut zehn Milliarden einpendelt. Irgendwann gegen Ende des 21. Jahrhunderts wird die Menschheit sich zu verkleinern beginnen, was eigene Herausforderungen mit sich bringen wird. All das steht nicht im Zweifel. Die Jahrzehnte, die unmittelbar vor uns liegen, werfen freilich ganz andere Fragen auf. Tatsächlich altern Populationen nicht im Gleichschritt. Der Prozess ist deutlicher sichtbar in Nordamerika, Europa und Ostasien. In Afrika und einem Großteil des globalen Südens ist der Trend längst nicht so ausgeprägt, Jugendüberschuss wird die dortigen Gesellschaften noch für viele Jahre vor Probleme stellen. Nie gab es so viele Menschen auf der Erde, und so viele junge Menschen in den ärmsten Orten. In diesem Malthusianischen Zeitalter entstehen Kettenreaktionen aus Bevölkerungswachstum und Klimawandel, die Erde wird durch jene Fossilen Brennstoffe verschmutzt, die notwendig sind, um den Lebensstandard eines immer größeren Teils der Menschheit anzuheben."

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - New Statesman

Bruno Maçães bereist Taiwan und China und unterhält sich mit diversen Politikern und Beobachtern über den Stand des Konflikts zwischen den beiden Lagern. Offensichtlich befindet sich insbesondere Taiwan in einem andauernden Balanceakt: Die faktische Unabhängigkeit von China ist nur solange gesichert, wie sie nicht zu direkt proklamiert wird. Die USA unterstützen die Unabhängigkeitsbemühungen hinter den Kulissen zwar stärker als früher, ein komplett verlässlicher Partner sind sie jedoch nicht. China wiederum drängt rhetorisch immer stärker auf eine Wiedervereinigung. Selbst wie das Land bezeichnet wird, ist Teil der Auseinandersetzung: "Als ich in dieser Woche am Präsidentenpalast in Taipei ankam, bemerkte ich Schilder mit der Aufschrift 'Taiwan National Day'. Laut Verfassung ist der Name des Landes 'Republik China'. So steht es auch auf meinen Visum, und in China wird gemeinhin angenommen, dass eine Namensänderung einer Unabhängigkeitserklärung gleichkommen würde. Wurde ich Zeuge eines entscheidenden Wandels? Vermutlich nicht. Ein Beamter des Außenministerums versicherte mir, dass der Name nicht offiziell ist, sondern lediglich ein branding darstellt. Eine andere Rechtfertigung, die man in Taipei hört, ist, dass 'Republik China' schlicht zu lang ist, 'Taiwan' hingegen ist praktisch und kurz. Als ich Wissenschaftlern und Journalisten in Beijing einige Tage später von diesen Schildern erzählte, waren die Reaktionen ganz anders. Einige waren empört, andere alarmiert. Einige beides. Wieder andere erklärten empört, dass die Schilder nicht verfassungskonform seien, was vermutlich nicht ganz korrekt ist, da es sich schließlich lediglich um Straßenschilder handelt. Noch am verständnisvollsten reagierte ein Wissenschaftler, der die informelle Namensänderung als 'die übliche taiwanesische Salamitaktik' bezeichnete: es gehe darum, die Grenzen langsam und unmerklich zu verschieben, um ja keine Reaktion Chinas zu provozieren."
Stichwörter: Taiwan, China, Wiedervereinigung

Magazinrundschau vom 28.11.2023 - New Statesman

Brendan Simms und Charlie Laderman zeichnen die Geschichte des "längsten Hasses" nach - des Antisemitismus. Seine Wurzeln liegen in der Unterdrückung der Juden als einer religiösen Minderheit sowohl in der christlichen als auch in der muslimischen Welt der Vormoderne. Der moderne, verschwörungstheoretisch grundierte Antisemitismus, der im 19. Jahrhundert in Europa entstand, wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts auch zu einem zentralen ideologischen Bestandteil der islamistischen Bewegung. Besonders deutlich wird das in den Gründungsdokumenten der Hamas: "Als die Hamas in den 1980ern entstand, war die Verbindung von europäischem und islamistischem Antisemitismus voll etabliert. Die Gründungscharta zitierte die 'Protokolle der Weisen von Zion' als Beleg für jüdische Weltherrschaftspläne. 'Der weltweite Zionismus' strebt, so die Behauptung der Hamas, 'gemeinsam mit den imperialistischen Mächten' nach einer 'grenzenlosen' Expansion, vom Nil bis zum Euphrat und darüber hinaus. Wie sehr der europäische Verschwörungsantisemitismus die Weltsicht der Hamas prägt, wird in Artikel 22 der Charta ausgeführt. Die 'Feinde' - kurz: die Juden - werden beschuldigt, 'die Medien zu kontrollieren' und 'Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt' angezettelt zu haben, unter anderem in Frankreich und in Russland. Die Juden stecken angeblich hinter dem Ersten Weltkrieg und den Vereinten Nationen, und sie bedienen sich noch anderer Mittel, um 'die Welt zu regieren'. 'Mit ihrem Geld kontrollieren sie die imperialistischen Länder,' behauptet die Hamas, 'und sie stiften sie dazu an, andere Länder zu kolonisieren, um deren Resourcen auszubeuten und Korruption zu verbreiten.' All das hätte 50 Jahre zuvor auch von Hitler und anderen Antisemiten gesagt werden können."