Was hat es konkret mit den Epstein-Kontakten des ehemaligen britischen Wirtschaftsministers (und späteren US-Botschafters) Peter Mandelson auf sich, die im Zentrum der aktuellen britischen Regierungskrise stehen? Oli Dugmore fragt beim Steuerrechtler Dan Neidle nach. Besonders schwer wiegt laut Neidle eine Episode aus dem Jahr 2009, als Mandelson mit Epstein über eine geplante Steuererhöhung für Bänkerbonusse kommunizierte; und auch, der Verdacht liegt nahe, mit dem CEO von Epsteins Bank JP Morgan: "Bei einer Steuer wie dieser würde man in der Tat erwarten, dass der Wirtschaftsminister von den Banken kontaktiert wird und das Thema anschließend mit dem Schatzkanzler bespricht. Das gehört gewissermaßen zum Aufgabenbereich des Wirtschaftsministers. Aber so etwas soll im Rahmen der Regierungsarbeit normalerweise an der Öffentlichkeit passieren. Genau so war es bei Peter Mandelson eben nicht. Am 15. Dezember fragt Epstein Mandelson nach einigen Details zu der Steuer. Er drängt Mandelson gewissermaßen. Mandelson hatte in einer nicht offengelegten privaten Funktion mit Banklobbyisten zu tun - das ist an sich noch nicht verwerflich. Doch am 17. Dezember ändert sich das. Wir sehen hier vermutlich nur die Spitze des Eisbergs, aber wir sehen eine E-Mail von Epstein an Mandelson, in der er schreibt: 'Soll Jamie [Dimon, CEO von JP Morgan] den Kanzler noch einmal anrufen?' Und Mandelson antwortet: 'Ja, und dabei leicht drohen.' Darauf schreibt Epstein: 'Können wir sprechen?' Wir wissen nicht, worüber sie gesprochen haben, aber der Wirtschaftsminister, ein ranghohes Kabinettsmitglied, rät einer ausländischen Bank, der britischen Regierung zu drohen, um britische Regierungspolitik zu ändern." Keineswegs, darauf legt Neidle wert, handelt es sich um business as usual, wie manche nun zynisch behaupten. Eine solche Argumentation nützt nur den Schuldigen: "Damit liefert man Mandelson im Fall eines Gerichtsverfahrens sogar eine Verteidigungsstrategie, denn er könnte sagen: 'Ich habe mich nur so verhalten, wie es alle anderen auch getan haben.' Aber so verhalten sich Menschen nicht - und es wird auch nicht erwartet, dass sie sich so verhalten. Wenn man in einer Bank, einer Anwaltskanzlei, als Wirtschaftsprüfer oder in einer Wohltätigkeitsorganisation so handeln würden, würde man entlassen werden. Für die Regierung gilt nichts anderes."
Ailbhe Rea wiederum rekonstruiert, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass Mandelson zum US-Botschafter ernannt wurde, obwohl die Labour-Regierung über seine Epstein-Kontakte - wenn auch nicht über deren Umfang - Bescheid wusste. Keir Starmers nun geschasster Stabschef Morgan McSweeney spielte dabei eine entscheidende Rolle. Den Schaden hat jetzt die gesamte Partei: "Doch diejenigen, die McSweeney stürzen und Starmer mit einem erneuerten Team sowie linkeren politischen Positionen neu erfinden wollen, könnten feststellen, dass der Premierminister durch die Entfernung seines engsten Beraters eher geschwächt wird. Wie das Sprichwort sagt: 'Berater beraten, Minister entscheiden.' Keir Starmer, der gewählte Politiker und Parteivorsitzende, trägt letztlich die Verantwortung für die Entscheidungen seiner Regierung. (…) Inzwischen erkennen große Teile der Labour-Partei, generationenübergreifend, eine problematische Abhängigkeit von Mandelson, dieser charismatischen Figur, die sie immer wieder in Verruf gebracht hat, und ziehen stillschweigend den Schluss, dass es sich hierbei nicht um ein ausschließliches Problem von Starmer oder Morgan McSweeney handelt. Der Premierminister und sein Stabschef sind lediglich die jüngsten Parteigrößen, die an einer alten Schwäche der Labour-Partei gescheitert sind."
Wie steht es um den Rechtsstaatin Hongkong knapp dreißig Jahre nach Übergabe der ehemaligen britischen Kronkolonie an China? Schlecht, berichtet Jonathan Sumption mit Blick auf die Verurteilung des Jorunalisten Jimmy Lai wegen Verschwörung - der Prozess war offensichtlich, lesen wir, von Anfang an ein abgekartetes Spiel, die Urteilsbegründung aus juristische Perspektive lachhaft. Um nachvollziehen zu können, wie es zu solchen ideologisch geprägten Prozessen kommt, ist es "notwendig, das unterdrückerische Klima zu verstehen, das seit 2020 in Hongkong vorherrscht. Es geht dabei nicht nur um die Inhaftierung von Andersdenkenden. Bibliotheken sind gesäubert worden. Lehrpläne an Schulen wurden verändert. Menschenrechtsaktivisten von der Polizei aggressiv verhört. Gewerkschaften und politische Organisationen wurden gezwungen, ihre Arbeit einzustellen. Rundfunksender wurden zensiert oder gestört. Die seltenen Freisprüche oder Gewährungen von Kaution in politisch sensiblen Verfahren wurden von wütenden Tiraden pekingnaher Abgeordneter und Leitartikler begleitet. Von jedem Staatsbediensteten, einschließlich der Richter, wird 'Patriotismus' nach Chinas Definition verlangt." Zu einfach wäre es, meint Sumption, einseitig die lokalen Richter für diese Entwicklung verantworlich zu machen: "Bei einem meiner letzten Besuche in Hongkong sprach ich bei einem gemeinsamen Essen über diese Fragen mit einem hochrangigen Richter des Berufungsgerichts, dessen Urteilskraft ich stets geschätzt habe. 'Wir können keinen Guerillakrieg gegen den chinesischen Staat führen', sagte er. 'Wir sind Teil Chinas. Es ist die dominierende Regionalmacht. Unsere Wurzeln liegen in China und in Hongkong. Wir haben keinen Ausweg, wie ihr ihn habt. Der Westen drängt uns, westliche Werte aufrechtzuerhalten, als wären wir eine Demokratie - aber was kann der Westen Hongkong schon bieten außer moralischen Belehrungen und Zweitpässen?' Das ist eine berechtigte Frage."
Gerry Brakus zieht, eher unerwartet in einem linken britischen Magazin, den Hut vor dem Unabhängigkeitssinn der Bardot: "Ihre körperliche und emotionale Lockerheit, ihre offensichtliche Langeweile gegenüber Anerkennung, ihre Weigerung, sich kultiviert zu geben, deuteten allesamt auf eine Form der Autonomie hin, die man spürte, bevor sie artikuliert wurde. Sie kämpfte nicht für Freiheit. Sie verhielt sich, als gehöre sie ihr bereits. ... Ein Teil von Bardots Autorität kam von ihrer Weigerung, sich zu ändern. Sie versuchte nicht, ihr Gesicht zu verbessern, ihren Körper zu korrigieren oder mit der Zeit zu verhandeln. Sie milderte auch nicht ihre Ansichten, um sympathisch zu bleiben. Sie stand sichtbar und ohne Reue zu sich selbst, als wäre Selbstakzeptanz kein Projekt, sondern eine Tatsache." Das gilt auch für ihre islamfeindlichen Äußerungen: "Ich hatte mit diesen Ansichten zu kämpfen, und das tue ich immer noch. Sie machten es schwierig, sie zu verteidigen. Dennoch übte etwas an ihrer unapologetischen Beharrlichkeit, sie selbst zu sein, weiterhin eine Anziehungskraft aus. Nicht die Meinungen, sondern die Haltung. Die Weigerung, sich von Erwartungen umformen zu lassen."
Was hat sich in Syrien ein Jahr nach dem Ende des Assad-Regimes getan? Cian Ward schaut sich im Land um, berichtet über immer wieder aufflammende Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen und die ambivalente Rolle, die Ahmed Al-Sharaas Regierung in ihnen spielt. Außerdem beschäftigt sich der Text mit den Bemühungen um materiellen Wiederaufbau: "Es hat einige Verbesserungen gegeben: Katar und Saudi-Arabien haben Millionen Barrel Öl gespendet, um viele der maroden Kraftwerke des Landes wieder in Betrieb zu nehmen. Strom, der zu Beginn des Jahres nur für wenige Stunden am Tag verfügbar war, fließt nun oft bis zu 12 Stunden am Stück. Und es sieht so aus, als würde sich dies weiter verbessern: Im Mai versprach ein von Katar geführtes Energiekonsortium, die Stromkapazität Syriens zu verdoppeln, indem es 7 Milliarden US-Dollar in die Netzinfrastruktur investiert. Außerdem gab es eine wahre Fundraising-Flut zur Unterstützung des Wiederaufbaus. Die Regierung von Sharaa hat bei glanzvollen Galas und opulenten Konferenzen eine Reihe von Abkommen im Wert von 32 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Doch die Weltbank schätzt, dass die Kosten für den Wiederaufbau Syriens eher bei 216 Milliarden US-Dollar liegen. Bei genauerem Hinsehen wirken viele dieser Abkommen außerdem fragwürdig. Die meisten sind lediglich 'Memorandums of Understanding' - gut für eingängige Schlagzeilen, aber ohne verbindliche finanzielle Zusagen und daher de facto zum Scheitern verurteilt. Andere Vereinbarungen fallen durch ihr undurchsichtiges Ausschreibungsverfahren auf, wodurch Korruption Tür und Tor geöffnet wird. In einem im April angekündigten Deal wurde ein Bauauftrag über 2 Milliarden US-Dollar an ein italienisches Unternehmen vergeben, das nur einen einzigen Angestellten und lediglich 16.000 US-Dollar Kapital besitzt."
Der grassierende Post-Liberalismus wird, da ist sich John Gray sicher, Britannien nicht retten. Die gegenwärtige Version des Liberalismus, die sich vor allem als ein ungebändigter Subjektivismus manifestiert, hat zwar in seinen Augen gründlich abgewirtschaftet, aber eine Rückkehr zur vermeintlichen Harmonie vormoderner Gemeinschaften - von der rechte wie linke Liberalismuskritiker gleichermaßen träumen - ist erst recht unmöglich. In der Welt, in der wir leben, "sind post-liberale Fantasien einer kulturellen Wiederherstellung eine Ablenkung. In jeder realistisch vorstellbaren Zukunft wird dieses Land weiterhin eine Vielzahl von Glaubensrichtungen und Werten umfassen. Nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt ist das Zeitalter der großflächigen Migration zwar vorbei. Aber es kann kein Zurück mehr zur monokulturellen Nationalstaatlichkeit der Vergangenheit geben. Die Frage ist nicht, wie man Minderheiten in eine übergreifende Kultur integriert; vielmehr geht es darum, einen modus vivendi zu finden, in dem Lebensweisen, die divergent bleiben werden, miteinander koexistieren können. Der Weg vorwärts besteht darin, Gemeinschaften zu begrenzen, statt sie zu verfestigen. Jeder sollte dem Rechtsstaat unterworfen sein, der für alle gleichermaßen durchgesetzt wird. Niemandem sollte die Freiheit, seine Gemeinschaft zu verlassen, verweigert werden oder von anderen Gemeinschaften zu diesem oder jenem gezwungen werden. Der Tyrannei von Minderheiten, die die freie Meinungsäußerung ersticken, sollte entschieden Widerstand geleistet werden. Die individuelle Freiheit muss gegen die aufdringlichen Ansprüche kollektiver Identität wieder behauptet werden. Aber kann der politische Wille aufgebracht werden, um eine derart radikale Richtungsänderung herbeizuführen?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der indische SchriftstellerAmit Chaudhurinimmt das Erscheinen von Jon Fosses jüngstem Roman "Vaim", dem ersten, den er seit Verleihung des Literaturnobelpreises 2023 geschrieben hat, zum Anlass, über das Genre der "Autofiktion" nachzudenken, die vor allem im Verlag Fitzcarraldo ihre Heimat gefunden hat. Chaudhuri verortet Autofiktion als jüngsten Ausfluss einer Tradition, die bis in die Romantik zurückreicht und eine Gegenströmung zur Aufklärung bildet: Die Autofiktion interessiert sich nicht für moralische Haltung, Genre, das Thematische, Repräsentative oder Relevante. Aber sie ist auch nicht einfach Bekenntnisliteratur, so Chaudhuri, sondern im Gegenteil "eine späte Rückkehr zur Praxis der Unpersönlichkeit" und die hat eine noch ältere Tradition im außereuropäischen Raum. T.S. Eliot habe seine Leser ermahnt: "'Poesie ist kein Freisetzen von Emotionen, sondern eine Flucht vor Emotionen; sie ist nicht der Ausdruck von Persönlichkeit, sondern eine Flucht vor Persönlichkeit.' In diese Genealogie sollten die Autofiktion, der persönliche Essay und das unkonventionelle Schreiben der letzten zwei Jahrzehnte eingeordnet werden. Die Praxis der Unpersönlichkeit, die Eliot 1919 theoretisierte, hing möglicherweise mit der Begegnung Europas mit nicht-gegenständlichen Traditionen aus Asien und Afrika seit dem 18. Jahrhundert zusammen: Von hier stammt zu einem großen Teil das Fremde und Faszinierende des Modernismus. Eliots Verständnis des Selbst wurde stark durch seine Lektüre buddhistischer und upanishadischer Texte geprägt. Fosse erwähnt Beckett, Kafka, Woolf und die Bibel unter den Werken und Autoren, die ihn geprägt haben. Aber die von ihm zitierten Schriftsteller traten alle im Zuge dieser nicht-repräsentativen Wende in Erscheinung und waren deren Nachkommen. Die Bibel allein hätte diese Wende niemals bewirken können. Das 'Unaussprechliche' in Fosses Werk, die Abkehr seiner Romane von der 'Botschaft' (sein Wort), ist Teil einer längeren unterirdischen interkulturellen Reise, als es jede Vorstellung von 'Europa' fassen kann."
Ella Dorn schaut sich in Online-Foren um, in denen Fans - oder besser: Ex-Fans - des Popstars D4vd sich obsessiv mit dem Tod eines 15-jährigen Mädchens beschäftigen, deren Leiche in einem Auto des Sängers gefunden wurde. Als Indizien werden unter anderem Songtexte D4vds, Fotografien unklarer Herkunft und alte Chatprotokolle herangezogen. Was dabei völlig auf der Strecke bleibt, ist Empathie mit der Toten: "Die Detektive des Internets spielen selbstbewusst ein Kriminalverfahren nach. Doch sie haben die Sache verkehrt herum aufgezogen. Mehr Platz in den Foren wird damit gebraucht, über das Böse zu grübeln, als es zu beenden. Nichts kann das Opfer zurückbringen; der erste Preis ist für die Online-Poster nicht die Bestrafung des Angeklagten oder auch nur das Lob, das man für die Aufdeckung einer kriminellen Verschwörung erhalten könnte. Es ist ein voyeuristischer Zugang zu der Trauer anderer Menschen; D4vds ehemalige Fans, die durchaus berechtigt wären, selbst Trauer zu empfinden, fühlen sich nun dazu verpflichtet, sich in den Tatort hineinzuphantasieren. Punkte erhält, wer am meisten dazu beiträgt, die letzten Augenblicke eines jungen Mädchens auf Erden möglichst genau in seinem Kopf nachzustellen."
Die entscheidenden Revolten dieser Tage, ist sich der franzöisische Geograf Christophe Guilluysicher, gehen nicht von den Großstädten aus, vielmehr beginnen sie im ländlichen Raum. Die Unterscheidung zwischen frivoler "Metropolia" und ernsthafter "Périphéria", auf der seine Argumentation basiert, mag, zumindest in der journalistischen Kurzfassung, grobschlächtig und reduktionistisch wirken. Aber bezogen auf konkrete Protestbewegungen, zum Beispiel auf die jüngsten "Bloquons tout"-Demonstrationen am 10.9. diesen Jahres, sind seine Ausführungen lesenswert: "Die Bewegung der Gelbwesten begann an Schwung und öffentlicher Unterstützung zu verlieren, als sich die Demonstrationen auf die großen Städte konzentrierten. Die Logik ist unerbittlich: Zuerst übernahm die extreme Linke in den urbanen Zentren die Bewegung und machte sie gewalttätig. Dann setzten Meinungsmacher - Akademiker und Meinungsforscher - ein Narrativ durch, das darauf abzielte, eine tatsächlich von der Bevölkerungsmehrheit unterstützte Bewegung unsichtbar zu machen. Dies führte zu einer Fokussierung auf Minderheitssegmente und zur Darstellung eines fragmentierten Frankreichs - sehr zum Vorteil der Machthabenden. Am 10. September wirkte der erstickende Effekt der Metropolen noch schneller: Die mélenchonistische Wiederbelebung - die Bewegung hinter 'La France Insoumise' - und die politischen Kommentatoren ließen keinerlei Raum für Spontaneität. Aus Sicht der Metropolen existiert die gewöhnliche Mehrheit nicht. Die französische Gesellschaft wird auf Werbetafeln reduziert, auf Kategorien, die sich perfekt für den neoliberalen Markt eignen, und letztlich auf englische Schlagworte: 'Eat the rich', 'Free Palestine', 'ACAB', 'Let's block'… Die metropolitane Blase isoliert ihre Bewohner kulturell und politisch. Letztlich erstickt sie Politik und Denken: Soziale Bewegungen sind zu bloßen Spektakeln geworden."
Die antiwestliche Rhetorik autokratischer Regime in Asien ist nicht neu, erläutert Katie Stallard, mit Blick auf den Schulterschluss zwischen Wladimir Putin, Xi Jinping und Kim Jong-Un anlässlich einer Militärparade in Beijing am 3. September diesen Jahres. In Zeiten von Trump und dessen erratischer Politik fällt sie jedoch auf zunehmend fruchtbaren Boden und wird zur Grundlage einer strategischen Allianz antiliberaler Mächte. Dabei setzt insbesondere der chinesische Staatschef auf Friedens- und Sicherheitsversprechen: "In seiner Rede vor den Mitgliedern des Gipfels der Shanghai Cooperation Summit (SCO) am 2. September bezog sich Xi auf die 'tiefgreifenden Lehren aus dem Fluch zweier Weltkriege' und auf die vermeintlichen 'historischen Trends' von Frieden, Entwicklung und Kooperation in den 80 Jahren seither. Doch er warnte, dass die 'Mentalität des Kalten Krieges, Hegemonialstreben und Protektionismus die Welt weiterhin heimsuchen', während wir in eine 'neue Phase der Turbulenzen und des Wandels' eintreten. Die USA nannte er dabei nicht namentlich - das war auch nicht nötig. Die Antwort, sagte er, liege in einem 'gerechteren und ausgewogeneren System globaler Regierungsführung', das den Stimmen der Entwicklungsländer und den Bedürfnissen der globalen Mehrheit mehr Aufmerksamkeit schenkt - anstelle einer privilegierten Minderheit. Ähnliche Töne hört man von Xi seit über einem Jahrzehnt, doch da Trump nun die Rolle des unberechenbaren globalen Hegemons verkörpert, vor dem Xi lange gewarnt hat, finden diese Klagen zunehmend Gehör."
Tanjil Raschid kann kaum fassen, wie schnell sich in Britannien die Einstellung zu Massenabschiebungen verändert hat: "Es ist kaum ein Jahr vergangen ist, seit der radikal rechte Parlamentarier Rupert Lowe wegen seines Vorschlags von Massenabschiebungen aus seiner Partei, den Konservativen, ausgeschlossen wurde. Nigel Farage versuchte damals noch das Image seiner Partei Reform UK zu mäßigen. 'Es ist politisch unmöglich, Hunderttausende von Menschen abzuschieben', betonte Farage im September 2024 mit einer Schärfe, die selbst die Labour-Partei heute nicht mehr aufbringen würde. 'Wir können das einfach nicht tun.' Inzwischen versuchen die Konservativen Farage zu übertrumpfen, und die Labour Partei "befindet sich heute dort, wo die Reformpartei vor einem Jahr stand: Sie behauptet, die Vorschläge seien lediglich undurchführbar und nicht unfair. ... Dieses Zeitalter der Abschiebung ist ein globales. Das ist ein Paradoxon: Die brutale Verfestigung nationaler Grenzen durch Abschiebungen ist heute ein durch und durch globalisiertes Phänomen. Das Abschiebungsprojekt der Reformpartei ist nach eigenen Angaben 'Trump 2.0'. Das zeigt, wohin die Reise kurzfristig geht. Aber seine Pläne spiegeln auch das Muster der Abschiebungen wider, das derzeit in vielen ehemaligen Kolonien Großbritanniens, wie beispielsweise Indien, weit verbreitet ist und möglicherweise die Richtung für die langfristige Entwicklung vorgibt. Die aufkommende Hektik, illegale Migranten aus England auszuweisen, ist in Indien bereits weit fortgeschritten. In den letzten Monaten wurden Hunderte von indischen Staatsbürgern bengalischer Herkunft wegen des Verdachts der illegalen Einwanderung festgenommen und über die Grenze nach Bangladesch abgeschoben. In der Provinz Assam wurden bis zu vier Millionen bengalische Inder ihrer Staatsbürgerschaft beraubt: man beschuldigte sie, illegale Einwanderer aus Bangladesch zu sein, wo ihre Vorfahren vor Generationen ihren Ursprung hatten. Sie vegetieren in aufwendig gebauten Haftanstalten dahin, gefangen in einem bürokratischen Albtraum. Es ist nicht abwegig, darin Vorzeichen für die Zukunft Großbritanniens zu sehen."
Larry Elliott glaubt nicht, dass die Linke in Großbritannien gut beraten ist, auf eine Wiederannäherung des Landes an die EU oder gar eine erneute Mitgliedschaft hinzuarbeiten. Mehr noch als in Großbritannien sind in der EU rechte, anti-europäische Kräfte auf dem Vormarsch, glaubt er (was angesichts des erneuten Erfolges von Nigel Farage einigermaßen illusionär klingt). Außerdem mangele es schlicht an guten Argumenten pro Europa: "Während des Brexit-Referendums wurden praktisch keine positiven Argumente für den Verbleib in der EU vorgebracht. Stattdessen stützte man sich auf das sogenannte 'Projekt Angst': das angebliche wirtschaftliche Armageddon, das Großbritannien im Falle eines Brexit bevorstehen würde. Der neueste negative Grund für die Unterstützung der EU besteht darin, dass sie nicht Donald Trumps Amerika ist. Ein weiteres Referendum über die EU-Mitgliedschaft im Vereinigten Königreich wird in naher Zukunft nicht stattfinden. Aber falls doch eines angesetzt würde, wäre es faszinierend zu sehen, wie sich die beiden Seiten positionieren würden. Die Brexiteers würden sagen, dass das vergangene Jahrzehnt eine willkommene Wiedergeburt des Nationalstaates als Zentrum der Politikgestaltung hervorgebracht habe, wobei die Schwächen, die durch die Covid-Pandemie offenbart wurden, das Interesse nicht nur an aktiver Industriepolitik, sondern auch an Maßnahmen zur Kontrolle von Kapital und Handel neu entfacht hätten. Es gab immer ein linksgerichtetes Argument für den Brexit, und seine Zeit ist gekommen."
Außerdem: John GrayliestCurzio Malaparte als Proust der Gewalt.
William Davies zeichnet am Beispiel von Britannien nach, wie die Bürokratie zu einem zentralen Feindbild praktisch aller politischer Lager wurde. Auch die bei den jüngsten Lokalwahlen schwer gebeutelte Labour-Regierung springt auf den Zug auf, möchte (moderat) Stellen im öffentlichen Dienst abbauen und mehr tech-affine junge Leute aus den Universitäten und der Privatwirtschaft in die Strukturen integrieren. Ob das ausreicht? Davies ist skeptisch: "Downing Street möchte, dass solche Maßnahmen als disruptiv und radikal wahrgenommen werden. Gespräche in Labour-Kreisen über eine sogenannte 'Operation Kettensäge' (eine Anspielung auf das Werkzeug, das Argentiniens Präsident Javier Milei und später auch Elon Musk als Symbol ihres regierungsfeindlichen Eifers schwangen) sind ein eher wenig überzeugender Versuch, die Reformagenda an den libertären Zeitgeist anzupassen. Sollte sich diese Agenda jedoch lediglich als eine weitere Runde von New Public Management (NPM), eine etwas härtere Personalpolitik und Einstellungen einiger Physikabsolventen in Kapuzenpullis entpuppen, wird sie kaum auf Resonanz stoßen - und die weit verbreitete Frustration und Desillusionierung nicht aufhalten. Die derzeitige Sorge ist, dass eine Alternative bereits in den Startlöchern steht, eine, die weniger mit einer neuen Art von Management oder Prozessen zu tun hat, sondern vielmehr mit ungezügelter politischer Aggression. Das Modell Doge und Trump verabschiedet sich vollständig von der Logik der Bürokratie. Wie der Soziologe Dylan Riley bereits 2018 feststellte, ist Trump eine Ausprägung dessen, was Max Weber als 'patrimoniale' Herrschaft bezeichnete - eine Herrschaftsform, die die Trennung von 'Privatleben' und 'Amt' aufhebt, das Amt zur persönlichen Bereicherung nutzt und Macht über persönliche Loyalität und Rache ausübt. Zu den Fragen, die Doge-Mitarbeitern vor ihrer Einstellung gestellt wurden, gehörte, wie sie 2024 gewählt hatten. Einige vermuten, dass Doges eigentliche Funktion darin besteht, möglichst viele unregulierte Räume für die Nutzung von KI in den kommenden Jahren zu schaffen - nicht nur, um bestehende Systeme effizienter zu machen, sondern um ganz von vorne zu beginnen."
Die USA hat den Machtkampf um die globale Vorherrschaft schon fast verloren, glaubt Andrew Marr. China wird über kurz oder lang die Nase vorn haben. Und zwar Dank KI, einer nach wie vor unterschätzten Technologie, die die Menschheit bereits an der Rande der technologischen Singularität gebracht hat. Marr ist sich sicher: "Die Nation, die künstliche Intelligenz zuerst mit voller Kraft und effektiv einsetzt, wird gegenüber jedem Rivalen einen enormen Anfangsvorteil haben. Die militärischen Institutionen der relevanten rivalisierender Staaten glauben, dass ASI (Artificial Superintelligence) alles verändern kann - von Logistik über Raketensteuerung und Drohneneinsätzen bis hin zu biologischen Waffen. Ob es die Akademie der Militärwissenschaften in Peking oder das Pentagon ist, das bei der militärischen Nutzung von KI die Führung übernimmt, wird die Konfrontation zwischen den Supermächten entscheidend beeinflussen. Und genau deshalb sind Handelsfragen relevant. Das Weiße Haus hat verzweifelt versucht, den Technologietransfer modernster KI-Technologien nach China zu verhindern, insbesondere mit Blick auf Grafikprozessoren (GPUs), die einen Großteil der Rechenlast tragen. Doch wie der Start der chinesischen KI DeepSeek im Januar zeigte, könnte es bereits jetzt unmöglich sein, China aufzuhalten. Trump bezeichnete den DeepSeek-Launch als einen 'Weckruf für Amerika'. Als Antwort auf frühere Handelsbeschränkungen hat er den Export von H20-GPUs - entwickelt von Nvidia, dem weltweit größten Halbleiterunternehmen - für den chinesischen Markt eingeschränkt. Jensen Huang, der taiwanesisch-amerikanische Chef von Nvidia, eilte am 17. April nach Shanghai, um zu besprechen, wie es weitergehen soll. Angesichts der tiefen Verflechtungen der Technologie-Lieferketten und Chinas bereits erreichtem Fortschritt erscheint es unwahrscheinlich, dass die USA Chinas Vormarsch zur mächtigsten KI-Nation noch lange aufhalten können."
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Katja Diehl, Mario Sixtus: Picknick auf der Autobahn Mit zehn Schwarzweiß-Abbildungen. Wie werden die Menschen in Deutschland in Zukunft autofrei und klimafreundlich unterwegs sein? Dieses Buch bietet Antworten und ist somit…
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