Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.05.2006. In Plus - Minus erklärt der Historiker Richard Pipes, die Russen wollten keinen antiautoritären Staat. Outlook India fürchtet um die Banane. Im Espresso porträtiert Andrzej Stasiuk die Kaczynski-Brüder als doppelte Ausgabe von Sancho Pansa. Der Nouvel Obs beklagt den Niedergang der französischen Filmindustrie. Le Monde diplomatique beklagt den Niedergang der französischen Literaturkritik. Im Guardian erklärt der Maler Howard Hodgkin: Ich hasse es zu malen! Die Weltwoche staunt über Sex im Netz. Al Ahram dokumentiert einen Streit über den Bahaismus. Im Journal Culinaire schmäht Adolf Loos die Wiener Küche. Und die New York Times bietet einen phantastischen Text über die Auswirkungen der Digitalisierung von Büchern.

Gazeta Wyborcza (Polen), 13.05.2006

Die polnische Gazeta Wyborcza veröffentlicht den Beitrag des Schriftstellers und Kulturredakteurs Krzysztof Varga aus dem Sammelband "Sarmatische Landschaften". Darin vergleicht er die Geschichte Mitteleuropas mit Holbeins "Botschaftern" - aus einem bestimmten Winkel betrachtet, bemerkt man einen Totenschädel auf dem Bild. "Die Geschichte unseres Teils von Europa erfordert eine ähnliche Vorgehensweise: erst von der Seite betrachtet erkennt man das, was auf den ersten Blick wie ein gestaltloser Fleck aussieht. Dann sieht man nicht nur einen Totenschädel, sondern Millionen davon. Das Problem ist nur, dass die meisten Betrachter regungslos direkt vor dem Bild stehen, so dass sie den wahren Gehalt nicht erkennen können. Sie sehen nur Flecken, deren Ursprung und Sinn sie nicht kennen."
Stichwörter: Mitteleuropa

Plus - Minus (Polen), 13.05.2006

In der Wochenendbeilage der Rzeczpospolita wird über Russland diskutiert. Der Historiker Richard Pipes erklärt im Interview, warum Polen gut daran tut, seine Meinung zum Beispiel zur Ostsee-Pipeline laut zu sagen, aber Russland nicht unnötig provozieren sollte - wie Verteidigungsminister Sikorski, der das Pipeline-Projekt mit dem Hitler-Stalin-Pakt verglich. Außerdem werden der russische Hang zum Autoritarismus und sein imperialer Komplex angesprochen. "Wenn ich den Russen erzähle, sie sollten einen starken Staat von innen aufbauen, statt im Ausland die Muskeln zu zeigen, halten sie mich für russophob. Das bin ich nicht - ich glaube einfach, dass Staaten sich ändern können, siehe Japan. Nur muss man es wollen, und Russland will es nicht..."

Die russische Mentalität ist auch Thema eines Gesprächs mit dem in München lebenden russischen Schriftsteller Wladimir Woinowitsch: "Im Grunde sehnen wir uns nach einem Leben im Zookäfig: die Raubtiere sind eingesperrt und wir werden regelmäßig gefüttert. Ob Putin ein guter Zoodirektor ist, werde ich nach Ablauf seiner Amtszeit sagen können."
Archiv: Plus - Minus

Outlook India (Indien), 22.05.2006

Der Banane geht's schlecht. Seema Sirohi nimmt die im Juni in Madrid stattfindende Konferenz zum Thema "Pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft" zum Anlass, die durch das Aussterben wilder Arten bedrohte viertwichtigste Nutzfrucht zu preisen: "Wilde Bananen verfügen über robuste Gene, werden als Faserlieferant, Medizin, Tiernahrung und zur Herstellung von Bier verwendet. Seit 2400 Jahren ist die Banane integraler Bestandteil indischer Kultur und Religion." Eine Reduzierung der Artenvielfalt, warnt Sirohi, hätte gravierende Folgen nicht nur für die Genießer von Banana Daiquiris.

Außerdem: Im Titeldossier erörtern Smita Gupta und Anuradha Raman die triumphalen Erfolge der Kommunisten bei den Parlamentswahlen in fünf indischen Bundesstaaten. Madhavi Tata erklärt die kulturhistorischen und die zweckmäßigen Implikationen der Bigamie. Und Madhu Jain hält den Versuch Aziz Kurthas, den indischen Maler Francis Newton Souza im Kontext westlicher Kunst zu sehen, für zu konstruiert.
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Stichwörter: Ernährung

New Yorker (USA), 22.05.2006

Unter der Überschrift "Der Da-Vinci-Köder" beschreibt Peter J. Boyer, wie Sony versucht, seine Verfilmung von Dan Browns Bestsellers "The Da Vinci Code" (deutsch: "Sakrileg") gegen - die einflussreichen christlichen Kritiker in Amerika abzusichern. "Als der Konzern begann, seine Marketingstrategie für 'Da Vinci' zu entwickeln, verpflichtete er die Medienagentur Sitrick & Company, die sich auf die Wiederherstellung eines ramponierten Ansehens spezialisiert hat. Sony wollte, dass Sitrick mit jeder möglichen Reaktion auf den Film fertig werden solle." Sitricks Vorschlag: Sony solle kompetente und christliche Kritiker des Buchs ins Boot holen und versuchen, "die Kontroverse um das Buch in einen Vorteil für den Film umzumünzen... Es sei besser, um Lyndon Johnson zu paraphrasieren, die Christen säßen im Kino und diskutierten über den Film, als demonstrierend davor zu stehen."

Weiteres: Mark Singer schildert ein Treffen mit Robert Altman. Zu lesen ist die Erzählung "Cinderella School" von Lara Vapnyar. John Updike rezensiert Michel Houellebecqs Roman "Die Möglichkeit einer Insel": "Die Sensationen, die Houellebecq uns schenkt, sind nicht nahrhaft." Besprochen wird außerdem die Studie "Desperate Networks" (Doubleday) über die Prime-Time-Kriege der Fernsehsender und der zweite Teil einer Strawinsky-Biografie. David Denby schließlich sah im Kino die französische Komödie "Russian Dolls" von Cedric Klapisch und "Poseidon" von Wolfgang Petersen: "Wolfgang Petersen mag Wasser im Hirn haben, aber er kann das Publikum fühlen lassen, was immer sein Unterbewusstsein Wellen schlagen lässt."

Nur in der Printausgabe: ein Bericht über die komplizierte Technologie von Zuckerersatzstoffen, Porträts des "Hundeflüsterers" Cesar Millan (hier ein Interview mit dem Autor) und des Reiseschriftstellers Patrick Leigh Fermor sowie Lyrik von Adonis und Rae Armantrout.
Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 18.05.2006

Andrzej Stasiuk schreibt ein saftig-maliziöses Porträt der beiden Kaczynski-Brüder, die Polen als "doppelte Ausgabe von Sancho Pansa, die Don Quichotte werden wollen", regieren. "Sie sind beide klein und dick. Ihre Gesichtszüge haben etwas Kindliches. Sie wirken wie zwei alt gewordene Jungen. Ihre Anzüge stehen ihnen schlecht, die Zimmer in denen sie sich präsentieren, wirken zu weitläufig, die Gefährte, in die sie einsteigen, zu lang. Das Land, das sie anführen, wirkt zu groß und zu kompliziert. Als Kinder hatten sie die Hauptrolle in einem Film mit dem Titel 'Die zwei, die den Mond geraubt hatten'. In dem schönen und bedrohlichen Märchen vollbringen sie tasächlich diesen heroischen und verfluchten Akt."

Im Titel stellt Edmondo Berselli ausführlich "Lord" Giorgio Napolitano vor, ehemaliger Kommunist und frischgekürter Staatspräsident Italiens.
Archiv: Espresso

Nouvel Observateur (Frankreich), 15.05.2006

"Das französische Kino stirbt, das Fernsehen übernimmt die Herrschaft" klagt der Filmkritiker des Nouvel Obs in einem als "Autopsie eines Debakels" apostrophierten Beitrag. Obwohl die Branche noch nie so viele Filme produziert habe - 240 im Jahr 2005, von denen 24 alleine 90 Prozent aller Kinobesuche erzielten - habe es noch nie so wenige echte Filmemacher gegeben. Denn der Großteil der Filme sei erst gar nicht für die Leinwand bestimmt, sondern füttere die Fernsehkanäle, die inzwischen zum mächtigen Hauptarbeitgeber avanciert seien. "Was würde sich ändern, wenn man wieder qualitativ anspruchsvolle Filme machte? Für das Publikum viel, für den Berufsstand zunächst einmal nichts, auf Dauer gesehen könnte er aber nur davon profitieren. Nur kann der Berufsstand das gar nicht mehr, hat keine Lust und glaubt nicht daran. Die französische Kinobranche ist eine Industrie ohne Überzeugung."
Stichwörter: Französisches Kino

Guardian (UK), 13.05.2006

Der Schriftsteller Colm Toibin erzählt, wie er den Maler Howard Hodgkin in seinem Atelier besuchte und ihm das Geständnis entlockte: "Ich hasse es zu malen". Hodgkin geht offenbar auch überhaupt nicht gern in sein Atelier: "An den Wänden hängen sechzehn gewaltige Leinwände. Ich denke, dass er begonnen hat, in weit größerem Umfang zu malen als bisher, und nehme an, dass er mich genau deshalb allein hier hinein geschickt hat. Damit ich mich an den Gedanken gewöhne. Aber als er eintritt, wird mir plötzlich klar, dass auf dem, was ich für Leinwände hielt, überhaupt nichts gemalt ist, es sind nur Abdeckungen. Sie sollen die Bilder verbergen, an denen er arbeitet. Die Abdeckungen sind nicht schwer, man könnte sie leicht zur Seite ziehen und die unfertigen Bilder würden einen anstrahlen. Doch Geheimhaltung ist sehr wichtig für ihn. Niemand weiß, wie diese verdeckten halbfertigen Bilder aussehen. Als ich frage, ob er jemals die Bilder enthüllen könnte, um sie sich alle auf einen Schlag anzusehen, antwortet er, er würde schreiend raus rennen. Eine unvorstellbare Idee."
Archiv: Guardian

Foglio (Italien), 13.05.2006

In der Wochenendbeilage porträtiert Maurizio Crippa den Vielschreiber Carlo Lucarelli, "einen Schriftsteller und Erzähler, der Romane und Geschichten im Rythmus einer Bergkette herausbringt, normalerweise untertitelt in klassische und Noir-Krimis, Fernsehserien und Drehbücher. Der eine Internetseite von manischer Präzision hat, dass einem beim Scrollen ein Frösteln überkommt - sind der Serienschriftsteller und der Serienmörder Brüder im Geiste? - wo die geführten Interviews ordentlich aufgeführt sind und die fast komplette Bibliografie zehn DINA4-Seiten ausfüllt." Es stimmt: Die Sorgfalt seines Internetauftritts macht Luccarelli in Italien leider zu etwas Besonderem.

Paola Peduzzi und Rolla Scolari bewerten die zahlreicher werdenden Leading Ladies der Weltpolitik nach Mode und Erscheinugnsbild. Etwa Tzipi Livni, Verteidigungsminsterin und Vizepremier Israels. "Kleider zieht sie selten an. Als große und imponierende Frau bevorzugt Tzip maßgeschneiderte Hosen, dunkel, geradlinig, streng - wie sie auch Angela Merkel trägt - die sie mit einigen weiblichen Tupfern kombiniert: zwei Perlen an den Ohren hinter der einfachen, glatten kurzen Frisur, die ihre imposante Nase aber nicht zu verbergen vermag."
Archiv: Foglio

Nepszabadsag (Ungarn), 13.05.2006

Ungarn geht einen Sonderweg in Ostmitteleuropa, meint der renommierte Politikwissenschaftler Laszlo Lengyel: "Die seit zwölf Jahren stabile sozialliberale Koalition ist einzigartig in der ostmitteleuropäischen Region. Sie erinnert an die deutschen Regierungen der 1970er Jahre, an die Brandt-Scheel-, Schmidt-Genscher-Linie." Das restliche Ostmitteleuropa, "das 'Neue Europa', ist seit dem Frühjahr 2003 durch Wirtschaftsliberalismus und/oder nationalen Radikalismus gekennzeichnet. Es orientiert sich an den USA und widersetzt sich Kontinentaleuropa und Russland... Das ungarische Pendant dieser Strömung, den (nach Oppositionsführer Viktor Orban genannten) 'ungarischen Viktorianismus' lehnten die Wähler ab. Der großungarische Nationalismus, Wirtschaftspatriotismus, die Ausrichtung der gesamten Politik auf einen einzigen Anführer, der Versuch, das gesamte konservative Lager in einer einzigen Volkspartei zu vereinigen, scheiterten. Ungarn verließ die Bahn des osteuropäischen Nationalismus."
Archiv: Nepszabadsag

Weltwoche (Schweiz), 12.05.2006

"Als ich jung war, ging so was noch nicht so einfach", bemerkt ein kopfschüttelnder 35-Jähriger über seinen jüngeren WG-Mitbewohner: Der schaltet nämlich einfach seinen Computer an "und eine Stunde später klingelt es erst an der Tür und dann stöhnt es in seinem Zimmer". Eine sexuelle Revolution sei im Gange, staunt Christof Moser: "Die Zwanzigjährigen führen ein Parallelleben im Netz, haben ihren Freundeskreis und ihre Beziehungspflege nahezu vollständig virtualisiert und pflegen ihre virtuelle Identität zuweilen sorgfältiger als ihr reales Dasein. Sie treffen sich während der Arbeit oder nach der Schule im Internet, verwalten ihre Freunde online, suchen neue Bekanntschaften in Chatrooms - und organisieren sich Sex im Netz, als wäre das nie anders gewesen."

Spätestens mit der sogenannten Clearstream-Affäre Dominique de Villepins ist die französische Republik in eine "Regimekrise" geschlittert, meint Daniel Binswanger und rekapituliert die Ereignisse. Was offenbar nicht einfach ist: "Es ist denkbar, dass hin und wieder auch die Insider Schwierigkeiten haben, harte Fakten und Spionageroman auseinander zu halten."

Weiteres: Thomas Widmer schreibt eine begeisterte Hommage an Frank Zappa (hier der Führer zu allen siebzig Alben in ihren einzelnen Erscheingungsformen). Wolfram Knorr stellt den Schweizer Drehbuchautor Peter Viertel vor, der sie alle kannte und nach Klosters lockte: Ernest Hemingway, John Huston, Irwin Shaw, Orson Welles, Ava Gardner, Billy Wilder, Lauren Bacall, Humphrey Bogart, Robert Capa. Außerdem berichtet Sacha Verna vom derzeit angesagtesten Hobby reicher New Yorker: Moderne Kunst zu sammeln ist in, zeitgenössische Kunst dagegen hip.
Archiv: Weltwoche

Al Ahram Weekly (Ägypten), 11.05.2006

Ein Gerichtsentscheid zur Anerkennung des aus dem Islam hervorgegangenen Bahaismus sorgt in Ägypten für heiße Debatten. Handelt es sich um eine Religion und also um eine Frage der Glaubensfreiheit? Oder sind die immerhin fünf Millionen Bahais weltweit allesamt Anhänger einer privaten Sekte oder gar israelische Spione (ihr Hauptquartier befindet sich in Israel)? Gihan Shahine erklärt die Aufregung: "Viele sehen im Bahaismus eine Bedrohung für den Islam - und auch für das Christen- und das Judentum -, weil er die Weltherrschaft fordert und lehrt, sein Gründer Mirza Hussein Ali, genannt Bahaaullah, sei per Offenbarung dazu ermächtigt worden, islamische Glaubensgrundsätze wie den 'jiahd' in Frage zu stellen." Andere Stimmen fordern jedoch, den Bahaismus anzuerkennen und so die Toleranz des Islam unter Beweis zu stellen.

Weitere Artikel: Nevine El-Aref berichtet von der Ausstellung "Ägyptens versunkene Schätze" im Berliner Martin-Gropius-Bau. Gamal Nkrumah porträtiert den sudanesischen Politiker und Gründer des Arabischen und Islamischen Volkskongresses (PAIC) Hassan Al-Turabi. Und Magdi Youssef erinnert an die Laientheatergruppe "La tempete", die Mitte der siebziger Jahre die Integrationsprobleme nordafrikanischer Einwanderer in Frankreich im Rollenspiel thematisierte.
Stichwörter: Judentum, Sekten

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 11.05.2006

Das Zentralorgan der Altermondialisten (Inhalt) bringt ein kleines Dossier über die traurige Lage der Intellektuellen in Frankreich. Jacques Bouveresse begnügt sich im Hauptartikel allerdings mit dem Erwartbaren: Er kritisiert den Medien-Intellektuellen Bernard-Henri Levy und allgemein die Machenschaften der Medien und bedauert das Ableben Bourdieus und Derridas. Immerhin sagt er auch einige Sätze zum Fehlen einer ernstzunehmenden Literaturkritik in Frankreich: "Man muss sich in der Tat fragen, ob der eigentliche Schwindel, der gewissermaßen am Ursprung alles anderen Schwindels steht, nicht einfach der Kritikerschwindel ist. Mit anderen Worten, das Verhalten einer Kritik, die oft jede Distanz, jeden Sinn für und vor allem jeden Willen zur Kritik vermissen lässt; und die es für gleichermaßen normal und natürlich hält, meist nahezu das Gegenteil dessen zu tun, was man von ihr erwartet." Bouveresses Artikel beruht mehr oder weniger auf einem viel fundierteren Artikel Perry Andersons (hier und hier) aus der LRB, auf den wir seinerzeit hinwiesen.

Bouveresse geht auch auf Jacques Rancieres Buch "La haine de la democratie" ein, dem Sonja Ascal eine Kritik widmet. Und Mona Cholet erklärt, was es mit dem Begriff der "intellektuellen Unterschicht" auf sich hat. Die "intellectuels precaires", so wird erklärt, "stammen aus privilegierten Verhältnissen oder haben sich das 'symbolische Kapital' der 'höheren' Klassen angeeignet, gehören dabei aber, was ihre Lebensbedingungen und ihr Einkommen anbelangt, den unteren sozialen Schichten an".

Anne Nivat hat die Reise nach Grosny gewagt und berichtet über ein künstlich befriedetes Tschetschenien: "Die Geräuschkulisse des Krieges, die von 2000 bis 2004 ständig präsent war, ist inzwischen fast verschwunden. Die oft kilometerlangen Kolonnen gepanzerter Militärfahrzeuge sind seltener geworden. Auch von den Satschistki, den willkürlichen und extrem brutalen Säuberungsaktionen der russischen Armee, wird nicht mehr so viel gesprochen. Aber diese Entwicklung hat ihre Kehrseite: Die Zeit der Abrechnungen ist angebrochen, nur dass sich diesmal die Tschetschenen untereinander bekämpfen, wobei Moskau virtuos die Strippen zieht."

NRC Handelsblad (Niederlande), 08.05.2006

Im New Yorker hatte Jane Kramer Anfang April den Umgang der Niederländer mit radikalen Muslimen als "blasiert" und "unbedacht" bezeichnet (hier der Artikel) und damit bei holländischen Intellektuellen - von Arnon Grünberg bis Stephan Sanders - für viel Unmut gesorgt. Schützenhilfe leistet jetzt der von den niederländischen Antillen stammende NRC-Kolumnist Anil Ramdas: "In dem Moment, wo Fremde anfangen uns zu analysieren, oder gar zu kritisieren, verhalten wir uns kleinlich und eingeschnappt. Das ist eine äußerst kindische Reaktion auf Außenstehende, die uns den Spiegel vorhalten. Aber ich verstehe diese Reaktion. Würde ich in den Niederlanden nicht als Ausländer behandelt, würde ich vielleicht auch sagen: Jane Kramer, lass schön die Finger von den niederländischen Arschlöchern."

Außerdem: Ein neues Diskussionsforum soll bei den Niederländern knapp ein Jahr nach ihrem "Nee!" zur EU-Verfassung wieder für Europa werben. Prominente Befürworter der Online-Kampagne: Der Rotterdamer Bischof und neue Comece-Präsident Adrianus van Luyn und Geert Mak, einer der bekannntesten Publizisten des Landes. Mak erhofft sich von Online-Kampagnen wie dieser einen "kräftigen Impuls" für einen neuen Vertrag von Rom. "Europa darf auf keinen Fall mit Begriffen wie 'Globalisierung' oder 'freier Markt' gleichgesetzt werden, oder für einen Kapitalismus ohne sozialen Kontext stehen. Auch das ist ein Teil der Legitimationskrise Europas. Hier muss eine Balance gefunden werden."

Journal Culinaire (Deutschland), 15.05.2006

Ein neues Periodikum des Stuttgarter Stern- und Fernsehkochs Vincent Klink. In Band 2 mit dem Schwerpunkt "Essen in der Kunst" geht es unter anderem um Daniel Spoerris Eat-Art und Bruegels Gemälde "Schlaraffenland" . Online lesen dürfen wir eine Abrechnung mit der Wiener Küche, die Adolf Loos 1927 veröffentlichte. Der Skandal, der dann ausbrach, schaffte es bis in Karl Kraus' Fackel. Zitat aus der Polemik: "Ich erkläre, daß sich die Wiener Küche seit zweihundert Jahren nicht geändert hat. Die physische und psychische Struktur des Menschen hat eine vollkommene Umwandlung erfahren, nur in Wien kocht man noch so wie im 18. Jahrhundert. Zudem leistet der Wiener im Essen Beispielloses. Er nimmt nicht Nahrung zu sich, um satt zu werden, sondern er ißt, bis er platzt. In erster Linie die Mehlspeisen, wie Knödel, auf die der Wiener so stolz ist und die man in den Weststaaten überhaupt nicht kennt. Der Franzose zum Beispiel nimmt Mehl nur in Form von Brot zu sich. Die Wiener Küche hat außerdem den Kardinalfehler, daß sie die Mannigfaltigkeit des Speisezettels ablehnt. Man 'pampft' sich hier gern mit einer Speise an, steht mittags total gebrochen vom Tisch auf und ist zu Arbeit teils ganz, teils zur Hälfte unfähig. Was mir in den Weststaaten so gefallen hat, ist die Mahlzeit mit vielen Gängen, von denen man womöglich wenig nimmt. In Frankreich erhebt man sich vom Essen genau so frisch und leicht, wie man sich niedergesetzt hat."

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.05.2006

György Somlyo, einer der wichtigsten ungarischen zeitgenössischen Lyriker ist gestorben. Es sei schwer für Somlyo gewesen, als echter Europäer an der Peripherie der europäischen Kultur zu arbeiten, meint der Dichter und Verleger Gabor Csordas in seinem Nachruf: "Wir betrachten uns als Erben der griechischen und römischen Antike, der italienischen und französischen Renaissance, des spanischen und englischen Barocks, also als Erben der europäischen Kultur. Die Phase, uns mit dem primitiven Aushängeschild 'extra Hungariam' bewusst zu isolieren, haben wir weit hinter uns gelassen. Aber das Bewusstsein, verspätet zu sein, quält uns immer noch, wenn auch nicht mehr so heftig wie früher. Jene ungarischen Künstler, die eindeutig im Kontext der europäischen Tradition stehen - die wir zur eigenen erklären und trotzdem als irgendwie 'fremd' empfinden - lehnen wir zwar nicht ab, aber durch unsichtbare Gesten weisen wir ihnen einen anderen Platz zu, als den, den sie verdient haben."

Der als literarische Sensation von 2005 gefeierte Roman György Spiros "Gefangenschaft" wurde mit dem Literaturpreis Aegon ausgezeichnet. Agnes Szechenyi feiert den in der Zeit von Jesus von Nazaret spielenden Roman als "Spiegel unserer Zeit": "Was ist Alexandria für Rom, den Mittelpunkt des Reichs? Dasselbe was New York für die europäische Zivilisation und Kultur ist: ein ausgegliedertes Zentrum? Der Krieg zwischen den Religionen im 1. Jahrhundert wird im Roman Überfall, Sturm, Jagd, Opfer, Holocaust, Verwüstung, Unheil genannt, immer groß geschrieben... Am 11. September 2001 wurden die Gebäude der südlichen Spitze New Yorks von Asche bedeckt. Das Römische Reich existierte noch weitere vierhundert Jahre lang, aber etwas veränderte sich endgültig, wie in unserer Zeit, nachdem die Zwillingstürme zerstört wurden. Uri, die Hauptfigur bemerkte es. Und wir??

Economist (UK), 12.05.2006

Russland treibt ein gefährliches Spiel mit dem Nationalismus, warnt der Economist angesichts der fremdenfeindlichen Gewalt auf Russlands Straßen und deren Billigung durch breite Teile der Bevölkerung und der politischen Klasse. "Manche sehen diese Bösartigkeit als die Auferstehung alter russischer Neurosen, die in Zeiten des Sowjetregimes von einer Mischung aus internationalistischer Rhetorik und starkem Geheimdienst unterdrückt werden konnten. Oscar aus Burundi, der während der Breschnew-Ära studiert hat, ist der Meinung, dass es heutzutage an gesellschaftlichem Rückhalt mangelt. 'Wenn ich dich hasse, und dich keiner beschützt', sagt er, 'kann ich dich angreifen.' Andere widerum betrachten die Gewalt auf den Straßen als extreme Erscheinungsform einer neueren nationalverherrlichenden Tendenz, eine Tendenz, die sich - leicht abgewandelt - auch in Wladimir Putins Rede zur Nation wiederfand."

Weitere Artikel: Sehr angetan ist der Economist von Amartya Sens "weisem und leidenschaftlichen" Buch über Identitätspolitik und ihre Gefahren ("Identity and Violence: The Illusion of Destiny"): "Ethnische, religöse und andere solcher Schubladen sind oft trügerisch, vor allem wenn man, auf eigene Kosten, von anderen dort hineingesteckt wird." Mit Jane Jacobs, so der Economist im Nachruf, verlieren wir eine große Verfechterin lebendiger Städte.

Außerdem in dieser Ausgabe zu lesen: Warum George Bush Tony Blair vermissen wird, weshalb der Vergleich zwischen dem Ende der Blair-Ära und dem der Thatcher-Ära hinkt, wie privates Reisen im Weltraum aussehen wird und wann damit zu rechnen ist, dass Frauen, wie neue Forschungen ergeben haben, in Männergesichtern wie in einem offenen Buch lesen - und schließlich ein Dossier über Polens Probleme.
Archiv: Economist

c't (Deutschland), 01.05.2006

Ok, ok, wir sind etwas spät dran, aber dennoch: Wer die vorletzte Ausgabe der c't nicht gelesen hat, findet im Netz noch Links zu den Artikeln aus dem Google-Dossier. Mit einem detaillierten Bericht über die neuesten kostenlose Dienste, mit denen Google seine Anwender beschenkt, macht Jo Bager den Leser schaudern: "Im Februar präsentierte Google Version 3 seiner PC-Desktop-Suchmaschine. Das Programm indexiert - wie seine Vorgänger - E-Mails, Outlook-Adressbücher und -Termine, Word-, Excel-, PowerPoint-, PDF-Dateien sowie Dokumente eines guten Dutzends weiterer Formate und erschließt sie mit einer Volltextsuchmaschine, kurzum: Eine nützliche Hilfe für die tägliche Arbeit am PC. Neu war die Option, nicht nur den lokalen Rechner, sondern auch die Indices anderer PCs zu durchforsten. Dazu benötigt der Nutzer einen Google-Account. Alle Rechner, auf denen Google Desktop unter diesem Account läuft, können auf Indices der jeweils anderen Rechner zugreifen. Neben Zusammenfassungen hält Google, wie bei der Web-Suche, auch einen Cache mit zwischengespeicherten Versionen der Dokumente bereit. Mit anderen Worten: Google lagert den Inhalt jeder Datei, derer es mit der Desktop-Suchmaschine habhaft werden kann, auf seinen Servern."

Weitere Artikel: Mario Sixtus ergründet den unheimlichen Erfolg des Unternehmens: "Jeder der rund 6.000 Google-Mitarbeiter erwirtschaftete im letzten Jahr einen Umsatz von etwa einer Million Dollar. Das brachte Google einen Gewinn von 1,5 Milliarden Dollar ein. Mit circa 100 Milliarden Dollar hat sich Googles Wert an der Börse innerhalb der letzten sechs Monate glatt verdoppelt." Herbert Braun stellt Alternativen zu Google vor. Und Jo Bager berichtet über den Versuch, den europäischen Google-Konkurrenten Quaero zu entwickeln: Das erste Ergebnis heißt Exalead, eine deutschsprachige Version ist bereits im Netz.
Archiv: c't

New York Times (USA), 14.05.2006

Muss man lesen! Im Magazin der New York Times untersucht Kevin Kelly, "senior maverick" des Wired Magazins in einem Riesentext die Auswirkungen, die Google Print auf den Buchmarkt und das Leseverhalten haben wird. Kelly schwärmt von DER universellen Bibliothek, die entstehen wird. Aber er sieht auch die Probleme. Das größte beschreibt er als "clash of business models", die mit dem Copyright zusammenhängen. Autoren, Verlage und andere Künstler haben bisher davon gelebt, dass jede Kopie etwas für sie abwarf. Dieses Modell bricht zusammen. Denn erstens kann kein Mensch alle Kopien im Netz kontrollieren. Und zweitens ist es nur zum Schaden der Künstler, wenn ihr Werk nicht im Netz steht. Denn was nicht im Netz steht, existiert nicht! Die Basis des Reichtums ist heute "Beziehungen, Links, Verbindungen", die zwischen den Texten hergestellt werden, so Kelly. "Der Wert hat sich verschoben von der Kopie hin zu den vielen Möglichkeiten einen Text zu archivieren, kommentieren, personalisieren, bearbeiten, bestätigen, ausgraben, markieren, transferieren und zu erfassen. Autoren und Künstler können ihren Lebensunterhalt damit verdienen, verschiedene Aspekte ihrer Arbeit zu verkaufen. Sie können Auftritte verkaufen, Zugang zum Künstler, Personalisierung, add-on Information, Sponsorenschaft, Subskription - kurz gesagt all die vielen Werte, die nicht kopiert werden können. Die billige Kopie wird das 'discovery tool', mit dem sich diese immateriellen Werte vermarkten lassen. Aber Dinge zu verkaufen, die nicht kopiert werden können, ist weit entfernt vom Ideal vieler kreativer Menschen. Das neue Modell ist voller Probleme (oder Chancen)."

Weitere Artikel: James Traub stellt die französische Präsidentschaftskandidatin Segolene Royal vor. Abgedruckt ist weiter ein Essay aus Josef Joffes jetzt in den USA erscheinendem Buch "Überpower: The Imperial Temptation of America".

Aus der New York Times Book Review: The Horror, the Horror! Mary Roach begegnet ihm in Cline Falls, Oregon, genauer: im Tatsachenbericht "Strange Piece of Paradise" (Leseprobe) von Terri Jentz. 1977 wurde Jentz Opfer eines rätselhaften, bis heute ungeklärten blutigen Mordanschlags. 15 Jahre später kehrt sie zurück an den Ort des Geschehens und befragt sich selbst und andere über das Unfassbare. Herausgekommen ist ein Bericht, von dem Roach sagt: "Stell dir vor, Truman Capote selbst hätte das überlebt, um es zu beschreiben. Solche Kraft und solch ein Können sind hier am Werk ... In diesem Blick ist mehr Grauen als auf 100 Seiten James Frey."

Außerdem: Barry Gewen hält David Cesaranis Biografie Adolf Eichmanns ("Becoming Eichmann") für ultimativ. Robert Wright vergleicht zwei Bücher über Anti-Amerikanismus (Julia E. Sweigs "Friendly Fire" vs. "America Against The World" von Andrew Kohut und Bruce Strokes). Und in einem Extra-Dossier rund ums literarische Reisen erkundet Larry Rohter Borges' Buenos Aires und David A. Kelly gibt praktische Tipps in Sachen MP3-Hörbücher.