Martin Pollack (Hg.)

Sarmatische Landschaften

Nachrichten aus Litauen, Beloruss, der Ukraine, Polen und Deutschland
Cover: Sarmatische Landschaften
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783100623034
Gebunden, 362 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Sarmatien ist eine der verlorenen Provinzen Europas, die einmal seine Mitte war. Zwischen Litauen, Weißrussland, der Ukraine und Polen gelegen, sah Sarmatien Joseph Roth zur Feder greifen, Czeslaw Milosz über die Jahrmärkte wandeln und die Singers und Brodskys ihre Koffer packen - wenn ihnen die Zeit dazu geblieben war. Es war das Traumland Johannes Bobrowskis, das wilde Reich, in dem alle Völker und Religionen Platz fänden, hätte nicht die Geschichte alles eins ums andere Mal umgepflügt. Martin Pollack hat 25 Schriftsteller eingeladen, von Samartien zu erzählen, es zu erinnern und die Verwerfungen der Landschaft zu erkunden. Entstanden ist ein Kompendium zu einem verlorenen Land, dessen Wiederauffinden Europa einen anderen, offeneren Namen geben könnte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.09.2006

Wunderbare Erzählungen und Essays stelle Martin Pollack hier vor, begeistert sich Rezensent Karl-Markus Gauss, von denen einige aber auch "fragwürdig" sind, in fruchtbarer Art und Weise. Insbesondere den belarussischen Autoren widmet sich der Rezensent, weil sie einerseits eine Anbindung der sarmatischen zentraleuropäischen Region an die Europäische Union verständlicherweise einfordern, andererseits aber nach Russland hin weniger völkerverständigend bis verachtend schauen. Noch suspekter ist aus Sicht des Rezensenten, wenn die Autoren für die erhoffte Befreiung vom Osten zunächst eine artifizielle belarussische Nation konstruieren. Weißrußland, so der Rezensent, sei nun mal ein Land ohne eigene Sprache, da Weißrussisch nur noch von zehn Prozent der Bevölkerung gesprochen werde. Zudem "beschwörten" die belarussischen Autoren eine Nation, an die die meisten Menschen in Weißrussland selbst nicht glaubten, und die im Westen längst vergessen sei. Gerade wegen dieser unauflöslichen Fragen rund um die Chiffre Sarmatien sei der Band mit seinen "stimmungsvollen" Texten aber eine einmalige und spannende Entdeckungsreise.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.08.2006

Angetan berichtet Nico Bleutge über den von Martin Pollack herausgegebenen Band "Sarmatische Landschaften", der die riesige untergegangene Kulturlandschaft im Osten Europas erkundet. Der Band mit Beiträgen von 23 Autoren aus Ost und West zeichnet sich für Bleutge durch seine Vielfalt aus: erzählende Texte wechseln sich ab mit politischen Kommentaren, Momentaufnahmen und Analysen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Beiträge sieht er aber auch einen gemeinsamen Nenner: den Ansatz der Autoren, Sarmatien als Möglichkeit zu verstehen, "die sozialen, historischen und sprachlichen Querlagen dieses Teils von Europa zu beleuchten". Außerdem findet Bleutge zahlreiche Korrespondenzen zwischen den unvermittelt neben einander stehenden Beiträgen, die von der Ukraine nach Litauen oder in ein weißrussisches Dorf springen: zersiedelte Stadtränder, brachliegende Dörfer, veränderte Grenzen, neue Staaten, ähnliche Emotionen und Affekte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.2006

Als differenzierte Erkundung der Landschaften Sarmatiens, des riesigen Raums zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, würdigt Sabine Berking vorliegenden Band, den der Übersetzer und langjährige polnische "Spiegel"-Korrespondent Martin Pollack herausgegeben hat. Sie bescheinigt den Autoren, sich diesem im letzten Jahrhundert untergegangenen Kulturraum in Reiseberichten, historischen Essays, zeitkritischen Aufsätzen, Erzählungen und Reportagen umsichtig anzunähern. Besonders hebt sie Reinhard Jirgls Morphologie des Heimatbegriffs, Kathrin Schmidts Suche nach Sarmatien in Johannes Bobrowskis Gedicht "Gestorbene Sprache" sowie Julia Francks Erzählung über Vergewaltigungen deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten in Stettin hervor. Dass die heterogenen Beiträge des Bandes kein eindeutiges Bild der sarmatischen Landschaften zeichnen, sondern eher ein "vages, unscharfes" wundert Berking nicht. Nichtsdestoweniger scheint ihr der Band überaus lesenswert.