Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
05.07.2005. Folio widmet sich den besten Keulen der Welt. Foreign Policy stellt den typischen Pro-Amerikaner vor. Plus-Minus ärgert sich über die Feiern in Kaliningrad. In Outlook India analysiert der Schriftsteller Pankaj Mishra das Indienbild von Amartya Sen. Die London Review schwärmt von einem Roman über den Physiker Erwin Schrödinger. In spiked vermisst die Sängerin Barb Jungr den Sex im Pop. Im Nouvel Obs erklärt Patrice Chereau, warum Komiker ihn lähmen. Die New York Times beneidet die Franzosen ums Atmen.

Folio (Schweiz), 04.07.2005

Schon gefrühstückt? In der neuen Ausgabe dreht sich alles um Steaks und Keulen. Andreas Heller sucht das beste Fleisch der Welt. Handmassierte und bierverwöhnte Kabier-Rinder (mehr) aus der Schweiz sind ein Anfang, das französische Lamm eine eigene Welt (hier eine Einführung in die Einzelteile eines Schafs). Ein Favorit "stammt aus Pauillac, dem berühmten Weingebiet in Bordeaux, der Heimat von Chateau Latour und Mouton-Rothschild. Wie ein großer Wein ist es langsam gewachsen. Seine Mutter ernährte sich in der Nähe des Atlantiks von salzbenetzten Gräsern, die sie mit der Milch den Jungen weitergab. Würziger ist das Sisteron-Lamm aus der Provence. Es delektierte sich an wildem Thymian und Rosmarin. Ganz zierlich dagegen das Pyrenäen-Lamm, vor allem seiner zarten Schulter wegen verehrt." Aus der Keule macht man traditionellerweise Daube Provencale.

Weiteres: Rohland Schuknecht unternimmt einen Streifzug durch die kulturellen Manifestationen der Faszination am Fleisch. Andreas Heller und Mikael Krogerus lassen sich von Wurstfabrikant und Bayern-Manager Uli Hoeneß das Unglück der Vegetarier erklären. Heller widmet sich zudem dem Irrsinn des globalen Fleischhandels, während Kollege Krogerus eine Schnupperlehre im Schlachthof macht.

"Die Preise reichen von gesalzen (8.000 Euro) bis gepfeffert (43.000 Euro)." Duftexperte Luca Turin rümpft bei individuell angefertigten Parfums nur die Nase. "Ist es nicht leicht obszön, einen Künstler darum zu bitten, ein Werk nur für Sie zu schaffen? Aber auch vom kommerziellen Standpunkt aus ist mir schwer begreiflich, warum sich gutbezahlte Profis auf dergleichen einlassen. Warum sollte man eine gute Idee an eine reiche Ziege verschwenden, wenn jede Frau sie tragen könnte?"
Archiv: Folio

Foreign Policy (USA), 01.07.2005

Nach der jüngsten BBC-Umfrage haben 62 Prozent der Franzosen, 59 Prozent der Deutschen und 34 Prozent der Briten eine negative Meinung von den USA. Die Anti-Amerikaner kennen wir, meint Anne Applebaum und zählt auf: "Die wütenden arabischen Radikalen auf der berühmten arabischen Straße, den linken Zeitungsredakteur, der sich auf Berliner Dinnerparties in Rage redet, oder den französische Bauern, der gegen McDonald's wettert." Aber wer ist Pro-Amerikaner? Laut statistischem Mittel ein osteuropäischer oder südasiatischer Mann in mittleren Jahren mit Aufstiegschancen und einem leichten Hang zum Machismo. Oder, wie Applebaum ausführt: "Der britische Kleinunternehmer, Sohn eines Bergarbeiters, der einst Margaret Thatcher bewunderte und zum Urlaub in Florida war. Oder der polnische antikommunistische Intellektuelle, der mit seinen Pariser Freunden bereits in den Achtzigern über Ronald Reagan stritt und jetzt mit ihnen über den Irakkrieg im Clinch liegt. Oder der indische Börsenmakler, der südkoreanische Investment-Banker und der philippinische Handwerker."

Oder der ungarnstämmige, nächste französische Präsident? Marc Perelman kommt aus dem Staunen über Nicolas Sarkozy nicht heraus: "Ein Anhänger des freien Marktes, der nicht nur Frankreichs Wirtschaftsmodell in Frage stellt, sondern auch die tief verankerte Mentalität der französischen Gesellschaft ... Auch wenn er betont, nicht in allen Punkten einer Meinung mit Präsident Bush zu sein, bleibt er ein unverfrorener Pro-Amerikaner: 'Ich liebe Amerika und die Amerikaner sehr. Brauche ich Hilfe, Doktor?'"

Plus - Minus (Polen), 02.07.2005

Kaliningrad-Königsberg feiert den 750. Jahrestag seiner Gründung durch den Deutschritterorden, und die einzigen Nachbarn der russischen Exklave, Polen und Litauen, sind nicht eingeladen. Die russische Regierung schwankt wie immer zwischen dem Willen zur Zusammenarbeit mit dem Westen und dem Misstrauen gegenüber den europäischen Partnern. Im Leben des Kaliningrader Gebiets hinterlässt das Spuren, berichtet Maja Narbutt. "Es gibt keine noch so unglaubliche Theorie, der hier nicht wenigstens teilweise Glauben geschenkt wird. Die Zukunft der Exklave vorherzusagen ist nicht mehr als Kaffeesatzleserei. Wird es ein russisches Hongkong oder eine bis auf die Zähne gerüstete Militärzone?" In Moskau scheint man auch keine eindeutige Vision zu haben, so dass der Frust und der Groll gegenüber der "Zentrale" unter den Königsbergen wächst.

"Putin feiert 750 Jahre Kaliningrad. Wusste gar nicht, dass Kalinin so lange lebte", spottet der Schriftsteller und Publizist Stefan Bratkowski. Die russischen Feiern zum Jubiläum dieser Stadt mit seiner multikulturellen Geschichte muten eher wie eine lächerliche Usurpation an, die von Schröder und Chirac auch noch unterstützt werden, als ob sie weiterhin nicht verstünden, dass sie damit die ostmitteleuropäischen Länder düpieren, erregt sich Bratkowski.

Pünktlich zum "Live8"- und dem U2-Konzert in Chorzow (dem einzigen in diesem Land und dem zweiten überhaupt), schildert Plus-Minus die Geschichte der Band und des in Polen ungeheuer populären Frontmans Bono. "Die Biographie der Band spiegelt das Schicksal der Iren: religiöse, politische und in letzter Zeit auch moralische Zersplitterung. Der Weg, den sie gegangen sind, erinnert an das, was Polen heute durchmacht."
Anzeige
Archiv: Plus - Minus
Stichwörter: Hongkong, Königsberg, Litauen, Bono, U2

Outlook India (Indien), 11.07.2005

Der Schriftsteller Pankaj Mishra bespricht Amartya Sens Buch "The Argumentative Indian" und erklärt, worin sich dessen Ansatz von V. S. Naipauls Denken über Indien unterscheidet: "Naipaul zufolge wurde Indien von muslimischen Eindringlingen beschädigt und durch einen weltfernen, hierarchischen Hinduismus zusätzlich geschwächt; für ihn ist es eine angeschlagene Zivilisation, die erst in jüngerer Vergangenheit durch den Kontakt zur politischen Philosophie und zum industriellen Wirtschaftssystem der westlichen Welt neu belebt wurde. Sen stellt dem eine alte Tradition der Vernunft und des Skeptizismus, die, angefangen bei den Veden, oft gerade von den muslimischen Herrschern Indiens hochgehalten wurde und das geistige Fundament von indischer Demokratie und indischem Säkularismus darstellt."

Weitere Artikel: Saikat Datta erzählt die Geschichte eines alten Mannes aus einer der ärmsten Provinzen Bengalens, der den Staat um Erlaubnis bat, seine beiden Töchter töten zu dürfen. Sie sind schwerstbehindert, und niemand würde sich um sie kümmern, wenn er nicht mehr lebt. Und Shobita Dhar singt das Loblied pakistanischer Mode.

London Review of Books (UK), 07.07.2005

Ungewöhnlich und lesenswert findet Hilary Mantel einen Roman über den 1933 nach Oxford, Graz und schließlich Irland emigrierten Physiker Erwin Schrödinger: "A Game with Sharpened Knives" (Weidenfeld) von Neil Belton: "Es ist Beltons großer Verdienst, in den unpräzisen und mehrdeutigen Worten, die alles sind, was wir zur Verfügung haben, ein überzeugendes Faksimile der inneren Welt eines Mannes zu schaffen, der in Symbolen denkt und diese in präzise Formeln übersetzt ... Es ist eine Binsenweisheit, dass Wissenschaft uns nicht lehrt, wie wir leben sollen, und auch Schrödinger weiß nicht, wie man leben soll. Er weiß, wie man Ausflüchte macht, wie man Kompromisse findet, wie man etwas hinausschiebt und wie man etwas verschleiert. Und das ist ein Versuchsgelände für jeden Schriftsteller. Denn wie Schrödinger selbst sagte: 'Es gibt einen Unterschied zwischen einem verwackelten oder unscharfen Foto und einem Schnappschuss von Wolken und Nebelschwaden.'"

Ed Harriman verfolgt die offiziellen Ermittlungen zu den versickernden Milliarden Dollar Irak-Hilfe und kommt zu dem bitteren Schluss, dass der Sturz Saddam Husseins keinen grundlegenden Wandel gebracht hat: "Sowohl Saddam als auch die USA haben während Saddams Herrschaft schöne Profite gemacht. Er kontrollierte das irakische Vermögen, während der Großteil des irakischen Öls an kalifornische Raffinerien ging, um den amerikanischen Wählern billiges Benzin zu liefern. Jene US-Firmen, die Saddams Gunst genossen, wurden reich. Heute ist das System nahezu das selbe: Das Öl geht nach Kalifornien, und die neue irakische Regierung räumt unbehelligt die Staatskassen leer."

Weitere Artikel: David Edgar, Sohn eines BBC-Allrounders der ersten Stunde, lobt Georgina Born ("Uncertain Vision: Birt, Dyke and the Reinvention of the BBC") für ihre klarsichtige Analyse des qualitativen Niedergangs der BBC und der Herausforderung, die sich sowohl der BBC als auch der britischen Regierung stellen. R. W. Johnson nimmt die Live8-Konzerte zum Anlass, um daran zu erinnern, dass die politischen Führer Afrikas nicht selten versäumen, den Machterhalt korrupter Nachbarregimes zu unterminieren. In den Short Cuts erklärt Thomas Jones den Unterschied zwischen Konjunktiv II und Indikativ und damit die Hinfälligkeit des jüngsten Skandaljournalismus der Sun, deren Reporter sich neuerdings darauf spezialisiert haben, Brotdosen und ähnliches in die Nähe von hochrangigen Persönlichkeiten zu schmuggeln und dann zu behaupten: "Ich hätte Prinz Harry hochgehen lassen können!" Und schließlich wandert Peter Campbell durch die Tate Britain, die eine Ausstellung zum Celebrity-Porträtmaler Joshua Reynolds präsentiert.

Gazeta Wyborcza (Polen), 04.07.2005

"Pardon, Polen!", bittet der frühere französische Kulturminister Jack Lang in der Gazeta Wyborcza. Er sei schockiert und verbittert, vom "linken Chauvinismus", der in der Diskussion um das Verfassungsreferendum zum Vorschein gekommen sei. Lang will als Präsidentschaftskandidat 2007 die französischen Sozialisten wieder "weltoffen, internationalistisch, solidarisch und proeuropäisch machen". Zur EU-Krise und zur Ratspräsidenschaft Tony Blairs sagt er: "Man sollte Blair in allem unterstützen, was er gut macht. Da die Franzosen die Herrschaft über den Kontinent den Angelsachsen sozusagen übergeben haben, soll doch Blair jetzt Europa führen."

"Linke Politik und Kulturkritik haben die Fähigkeit verloren, alternative Szenarien zu entwickeln, deshalb schlägt Slavoj Zizek vor, Lenin zu studieren", konstatiert der Soziologe Maciej Gdula in einem Text über den slowenischen Mode-Philosophen. Besonders irritierend für die vom Marxismus-Leninismus befreiten Mitteleuropäer müsse sein, dass ein früherer Anführer der demokratischen Opposition in Jugoslawien den Kapitalismus als einzig gültiges Gesellschaftssystems akzeptiert, schreibt Gdula und zitiert Zizek mit den Worten: "Wir, die postkommunistischen Staaten, haben, um es marxistisch-messianistisch zu formulieren, die Mission, eine neue Form zu erschaffen... kein Witz... gut, doch ein Witz, aber im Ernst: eine neue Gesellschaftsform, die die Fehler der alten nicht wiederholen würde. Vielleicht können wir die Welt retten." Im Übrigen empfehle Zizek, sich das Programm der Solidarnosc von 1981 anzuschauen: "Dort steht nichts von Kapitalismus, wohl aber von gemeinsamen Träumen".

Spectator (UK), 04.07.2005

Peter Oborne verliert angesichts des ausbleibenden Widerstands gegen die drohende Einführung eines Personalausweises jede britische Zurückhaltung. Bei Politikern wie dem Innenminister Charles Clarke, "der als ehemaliger studentischer Marxist keine Probleme mit Unfreiheit und Unterdrückung hat, und der als Labour-Konvertit an alles zu glauben bereit ist, solange ihm das die allmorgendliche Limousine mit Chauffeur sichert", wundert ihn nichts mehr. Aber die Engländer! Dekadent seien sie geworden. "Unser Volk ist zu gemütlich, zu verhätschelt, zu selbstverliebt, um über die eigene Nasenspitze hinauszuschauen - oder eher über ihre Widescreen-Fernseher, ihre weißen High-Tech-Spielzeuge, ihre glänzenden neuen Autos und ihre Urlaube auf Ibiza. Wohlstand ist der Feind der Wachsamkeit geworden."
Archiv: Spectator
Stichwörter: Labour

spiked (UK), 04.07.2005

"Da gibt es die gehauchten Stimmen der Unschuld, das Quengeln von Babys, die Wutanfälle von Teenagern, das Jaulen halbwüchsiger Jungs." Warum ist der Sex aus dem Pop verschwunden, fragt die Chansonnette Barb Jungr. Der Jugendwahn hat ihn vertrieben, echte Männer (und Frauen) sind rar geworden. Tony Christies "Is This The Way To Amarillo" habe genau deshalb eine kleine Renaissance erlebt (zumindest in England), "weil Tony Christie schon bei der ersten Aufnahme kein Hühnchen mehr war. Er hat die Stimme eines richtigen Kerls! Tief und mitschwingend delektiert sich seine volle, ganze, mitteltönige, solide Männerstimme daran, über ein texanisches Städtchen mit einem so romantisch klingendem Namen zu singen." Hier der Text zum Selbstsingen.
Archiv: spiked
Stichwörter: England, Christies

Merkur (Deutschland), 01.07.2005

"Gibt es eine Disposition zum Verlieren?" Christopher Baethge analysiert tiefenanalytisch (Ödipus!) und sporthistorisch (Jana Novotna!), warum einige Menschen immer wieder an einem Gegner und an sich selbst scheitern. Und es keimt bei Baethge der Verdacht, dass eine Niederlage nicht immer auch eine Demütigung sein muss, zum Beispiel wenn er die Hingabe betrachtet, "mit der englische Fans ihre Fußball-Nationalmannschaft feiern, wenn sie wieder einmal knapp und äußerst unglücklich verloren hat, wie im Elfmeterschießen bei der letzten Europameisterschaft gegen die Portugiesen oder wie 1996 im eigenen Land gegen die deutsche Mannschaft. Überhaupt zeigt die Bilanz englischer Teams in dieser nervenzehrenden Teildisziplin des Fußballs eine mehr als zufällige Dominanz des Scheiterns. Von den letzten fünf Elfmeterentscheidungen bei internationalen Wettbewerben verloren die Engländer: fünf. Und doch werden die Spieler von den Fans mit einer solchen Bewegung besungen, dass der Verdacht aufkommen muß, die Briten vermöchten eine Niederlage mindestens genauso zu genießen wie einen Sieg."

Siegfried Kohlhammer umreißt die großen machtpolitischen Konflikte, die in Ostasien seit mehr als hundert Jahren kollidieren, und die uns auch im anstehenden "pazifischen Jahrhundert" beschäftigen werden. "Zu den dort heute aneinandergrenzenden und aufeinanderstoßenden Staaten gehören mit den Vereinigten Staaten, Russland und China die drei führenden Militär- und Nuklearmächte der Welt, Nordkorea ist Militärmacht Nummer fünf, und auch Japan und Südkorea sind militärisch starke Staaten, wirtschaftlich ohnehin. Mit Japan, den USA und bald auch China treffen dort die drei führenden Wirtschaftsnationen der Welt aufeinander, und Südkorea ist ebenfalls eine ökonomische Großmacht. Hier wird, ob die Beteiligten dies nun wollen oder nicht, Weltpolitik gemacht. Und wie vor hundert Jahren geht es bei den Auseinandersetzungen um Korea auch und wesentlich um China."

Weiteres: Mark M. Anderson zeigt sich befremdet von dem wachsenden Interessen amerikanischer Jugendlicher und Kinder am Holocaust. Christoph von Marschall berichtet von einer Reise durch Israel und die besetzten Gebiete. Weitere Artikel widmen sich der israelischen Siedlungsbewegung, dem totalitären Intellektuellen Sartre und den armen Schweinen, die im Gegensatz zu Kühen, Ziegen und Schafen keinerlei Sympathien auf sich ziehen können.
Archiv: Merkur

Figaro (Frankreich), 01.07.2005

Unter der Überschrift "Der Adler zieht seine Schwingen ein" beschäftigt sich der Figaro litteraire in einem kleinen Schwerpunkt mit Deutschland und dem deutsch-französischen Verhältnis. Der Deutschlandspezialist Edouard Husson bespricht die Studie "Der lange Weg nach Westen" (zwei Bände, hier und hier) von Heinrich A. Winkler (Übersetzung bei Fayard). Husson lobt das Umfassende an dieser Geschichte der deutschen Einheit und das erzählerische Talent des Autors. "Man sagt ja gemeinhin, dass der Vorrang, den man der Einheit vor der Freiheit eingeräumt hat, für das Abdriften der deutschen Geschichte zwischen der Thronbesteigung Bismarcks und dem Selbstmord Hitlers verantwortlich ist. Aber man begreift während der Lektüre der zweiten Hälfte des Werks, die den Jahren nach 1945 gewidmet ist, dass nicht allein die Sorge um Freiheit den Erfolg der Bundesrepublik Deutschland erklärt: Die Wiedervereinigung wurde ermöglicht, weil erstmals ein deutscher Staat präzise Grenzen definierte..."

Rezensiert wird des weiteren die Publikation "Une autre Allemagne" (Gallimard, mehr) von Edouard Husson, die der Rezensent vor allem vor dem Hintergrund der in Frankreich gescheiterten EU-Verfassung und einer möglichen "neuen deutsch-britischen Achse, die Frankreich diplomatisch isolieren könnte", interessant findet. Außerdem besprochen wird eine Studie des Nürnberger Politologen Tilo Schabert (mehr), die die Rolle von Francois Mitterand für die Wiedervereinigung untersucht ("Mitterrand et la reunification allemande").
Archiv: Figaro

Elet es Irodalom (Ungarn), 01.07.2005

Die Menschenrechtsorganisation Serbisches Helsinki Komitee hat auf dreihundert Seiten Protokolle abgehörter Telefongespräche zwischen serbischen Kriegsverbrechers veröffentlicht. Den ungarischen Schriftsteller aus der Vojvodina (heute Serbien) György Szerbhorvath hat sichtlich schockiert, was für ein alltägliches Geschäft der Massenmord für diese Leute war. Der Chef der serbischen Militärs Ratko Mladic gibt zum Beispiel einem seiner Offiziere Anweisungen, welche Stadtbezirke beschossen werden sollen: "- Beschießt Velesic und Povalic, da wohnen nicht so viele Serben. Uuuund, schauen wir mal, beschießt auch Dobrovoljacka, und da diesen Stadtteil oben bei der Humska. Und Djura Djakovic auch, kapierst Du? ... Gebt auch eine Schussreihe auf das Präsidentenamt ab. - Ich verstehe, Genosse General. - Na, dann ciao."

Der Historiker Tamas Laszlo Papp ärgert sich darüber, dass die Benes-Dekrete in Tschechien immer noch gültig sind: "Ein jeder Kleinstaat unserer Region hat sich seine eigene Heils-, Leidensgeschichten und Verschwörungstheorien erschaffen, die sich den Geschichtsinterpretationen der Nachbarn entgegensetzen. In diesen Mythen spielt immer derjenige die Rolle des Opfers, der die Theorie erdichtete, während die dämonisierte Ethnie ausschließlich als Täter auftritt." Den Ungarn falle zum Verhältnis zu den Slowaken und Tschechen meistens nur ein, dass "wir sie immer alle großzügig aufgenommen haben". Die Tschechen dagegen sähen sich als "kleines, tapferes Volk, das gegen den Revisionismus der Habsburger, der Nazis und der Ungarn kämpft". Laut Papp hätte die EU von den Tschechen die Aufhebung der Benes-Dekrete und von den Türken die ehrliche Verarbeitung des Massenmordes an den Armeniern verlangen müssen: "So dürfen wir uns nicht wundern, wenn es der EU nicht gelingen wird, zu einer ehrbaren moralischen Gemeinschaft zusammenzuwachsen."

Nouvel Observateur (Frankreich), 30.06.2005

Auf dem diesjährigen Festival d'Aix-en-Provence tritt Patrice Chereau mit einer Inszenierung von Mozarts Oper "Cosi fan tutte" an. In einem Interview bekennt Chereau, dass er seit seiner Kindheit nicht mehr im Theater war und erklärt, warum er Komiker nicht leiden kann: "Mit solchen Leuten kann ich nichts anfangen. Ich habe schon viel zu oft in meinem Leben Komödianten auf der Bühne getroffen. In der Regel sind das total nervige Leute, die die ganze Zeit um jeden Preis komisch sein wollen. Das lähmt mich. (...) Der Sänger Michel Senechal, der in 'Hoffmanns Erzählungen' mitgewirkt hat, hörte nicht auf, den Chor zum Lachen zu bringen und machte alle möglichen Faxen. Der Chor schüttelte sich vor Lachen. Ich überhaupt nicht. Also habe ich den Chor angeschnauzt."

Vanguardia (Spanien), 03.07.2005

"Die Reichen werden immer anspruchsvoller", verkündet die Wochenendbeilage "Geld & Wirtschaft" der katalanischen Tageszeitung La Vanguardia. "So komisch es klingt, aber wer geschäftlich mit den Reichen zu tun hat, der weiß: Reich sein wird täglich teurer und komplizierter. Die Preise für Luxusartikel sind in den letzten Jahren überproportional gestiegen und angesichts immer komplexer werdender Finanzmärkte wird es immer schwieriger, Renditen zu erzielen und sein Vermögen zu vergrößern." Trotzdem gibt es immer mehr Reiche, weltweit inzwischen 8,3 Millionen Millionäre, ein Anstieg um 7,3 Prozent innerhalb eines Jahres. Und um die reißen sich die Banken. Die Deutsche Bank etwa leistet sich den Luxus, einem einzelnen Anlageberater nur noch maximal 25 hochkarätige Kunden zuzuweisen - und sollte trotzdem etwas schief laufen, gibt's European Financial Advisor, eine Software, die Alarm schlägt, sollte der Berater dem Kunden nicht in zufriedenstellender Weise zur Seite stehen."

Die Journalistin und Ex-Investment-Bankerin Nomi Prims erklärt, warum "die Wallstreet nur ein Gähnen übrig hat" für alle patriotischen Aufrufe von Kongressabgeordneten, Übernahmen wie die des US-amerikanischen Ölförderers Unocal durch CNOOC, den drittgößten Erdölkonzern Chinas, zu verhindern: "Wann immer die Wallstreet sich dem Kongress entgegenstellt, gewinnt sie. Denn - wovon in den Medien kaum je die Rede ist - der Kongress gehört der Wallstreet: Von dort stammen mehr Dollars für die Wahlkampfkosten der Parteien als aus jedem anderen Wirtschaftssektor, über eine Milliarde im letzten Jahrzehnt."
Archiv: Vanguardia
Stichwörter: Finanzmärkte, Geld, Luxus

Spiegel (Deutschland), 04.07.2005

142 Menschenleben hat der neu aufgeflammte Krieg der Camorra im vergangenen Jahr gekostet, Verwerfungen auf dem Drogenmarkt habe die Clans ans Licht getrieben wie Ratten die Flut, schreibt Alexander Smoltczyk in einer Reportage aus Neapel, die wir glücklicherweise im Netz lesen dürfen: "Der Bandenkrieg geht jetzt ins zweite Jahr, und das Renommee Neapels ist wieder da, wo es immer schon war, ziemlich weit unten. Neapel sei eben, sagt Don Vincenzo De Gregorio, eine eigenartige Stadt: 'Besessen vom Glauben und besessen vom Blut.' Es gibt ungefähr 40 Blut-Reliquien und in der Schwefelgrube des Vororts Pozzuoli einen Stein, der regelmäßig rote Tröpfchen schwitzt. Neapel ist süchtig nach Wundern, weil es sonst nichts mehr zu hoffen hat. In den Kirchen mussten Beinhäuser geschlossen werden, weil Großmütter sich in Ermangelung einer zertifizierten Reliquie irgendwelche Knochen einpackten, um sie zu Hause aufzustellen. Dann legten sie sich ins Bett und warteten darauf, dass ihnen die Lottozahlen im Traum erschienen."

"Wenn die Industrienationen den Afrikanern wirklich helfen wollen, sollten sie endlich diese furchtbare Hilfe streichen", sagt der kenianische Ökonom James Shikwati im Interview: "Es werden riesige Bürokratien finanziert, Korruption und Selbstgefälligkeit gefördert, Afrikaner zu Bettlern erzogen und zur Unselbständigkeit. Zudem schwächt die Entwicklungshilfe überall die lokalen Märkte und den Unternehmergeist, den wir so dringend brauchen. Sie ist einer der Gründe für Afrikas Probleme, so absurd das klingen mag. Wenn sie abgeschafft würde, bekäme das der kleine Mann gar nicht mit. Nur die Funktionäre wären schockiert. Darum behaupten sie, die Welt ginge unter ohne diese Entwicklungshilfe."
Archiv: Spiegel

New Yorker (USA), 11.07.2005

In einem ausführlichen Essay untersucht Margot Talbot die Frage, warum gerade Kinder - im Gegensatz zu vielen Erwachsenen - die Geschichten von Roald Dahl so lieben. "Wie ein nachgiebiger Vater, der eine Extraportion Nachtisch verteilt, war Dahl bestrebt, Kindern mehr von dem zu geben, wonach sie sich sehnen: mehr Bilder, mehr Fantasien, wie man etwas meistert, mehr ironische Spötteleien über nörgelnde, langweilige Erwachsene. Neulich schrieb mir ein neunjähriger Freund meines Sohnes auf, warum er Dahl mag: 'Er schreibt so erfinderisch und spannend. Nachdem ich "Charlie und die Schokoldenfabrik" gelesen habe, habe ich mich gefühlt, als hätte ich alle Süßigkeiten der ganzen Welt probiert.'"

Weiteres: Calvin Tomkins erzählt die Geschichte der jüngsten Neuerwerbung des Metropolitan Museum of Art: Zwischen 45 und 50 Millionen Dollar soll das Museum für das Bild "Madonna und Kind" des Renaissancemalers Duccio di Buoninsegna bezahlt haben. Peter Schjeldahl führt durch eine Ausstellung mit Arbeiten von Cezanne und Pissarro im MoMA. Und David Denby sah im Kino Spielbergs "War of the Worlds" und "Hustle & Flow" von Craig Brewer. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Bangkok-Roman von John Burdett, der "geschickt mit Dritte-Welt-Stereotypen, Buddhismus und dem Genuss von gerösteten Heuschrecken" spielt ("Bangkok Tattoo", Knopf). Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Long-Distance Client" von Allegra Goodman.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über neue Befragungsmethoden in Guantanamo, ein Artikel über Pokerspieler, ein Bericht über die Stars des chinesischen Immobilienmarktes und Lyrik von Campbell McGrath und Robert Mazzocco.
Archiv: New Yorker

Al Ahram Weekly (Ägypten), 30.06.2005

Im ersten Text einer Artikelserie über Literatur im Internet stellt Rania Khallaf ägyptische E-Book-Webseiten vor und spekuliert, ob das elektronische Verlegen von Büchern in der arabischsprachigen Welt erfolgreicher sein könnte als im Westen, weil Bücher nicht nur in anderem Format, sondern überhaupt Leser erreichen können. "Elektronische Publikationen", zitiert sie den Internet-Verleger von Kotobarabia Rami Habeeb, "können Werke der unbekanntesten arabischen Autoren - als auch von Debütanten - sofort weltweit zugänglich machen." Dass elektronische Bücher auch finanziell erfolgreich sein können, so Habeeb, beweisen Indien und China: "Das Geheimnis des Erfolges in Asien liegt darin, dass Bücher für eine große Zahl von Lesern aus den ein oder anderen Gründen nicht erreichbar waren. Als man sie im Netz zugänglich machte, kam auch der Profit."

Weiteres: David Tresilian berichtet von der 8. Euro-Arabischen Buchmesse in Paris, deren Ehrengast dieses Mal Palästina war. Colette Kinsella hat DJ Haze aus Frankreich und Musiker aus dem Nildelta zusammen auftreten hören und ist verblüfft, wie gut sich Techno mit traditioneller arabischer Musik verträgt. (Hier kann man es hören.)
Stichwörter: Techno

New York Times (USA), 03.07.2005

Im prallvollen Magazine wogt der religiöse Kulturkampf. Im Aufmacher sieht Noah Feldman sowohl die Evangelikalen wie auch die Säkularisten auf dem falschen Dampfer und schlägt eine Rückbesinnung auf glücklich tolerante Zeiten vor. "Vor dem Aufkommen des Gesetzes-Säkularismus haben die Amerikaner an öffentlichen, symbolischen Manifestationen des Glaubens nicht auszusetzen gehabt. Bevor der wertebasierte Evangelikalismus die Szene betrat, befürworteten die Amerikaner grundsätzlich eine Trennung der Institutionen von Staat und Kirche. Die beiden modernen Bewegungen haben diese Auffassungen jeweils revidiert."

In einem wehmütig-ironischen Kommentar beneidet Charles McGrath die freizeitorientierten Franzosen, die sich gegen den weltweiten Trend zur Arbeitszeitverlängerung und zum Daueraktivismus stemmen. "Die Defense Advanced Research Projects Agency arbeitet daran, den Metabolismus der Soldaten dahingehend zu verändern, dass sie mit Willenskraft Blutungen stoppen und bis zu einer Woche effektiv funktionieren können, ohne zu essen oder zu schlafen. Sie könnten sogar eine kurze Weile ohne Sauerstoff überleben. An so etwas würden die Franzosen nicht einmal im Traum denken." Sie atmen einfach gern!

Außerdem: Stephen Rodrick besucht den englischen Independent-Regisseur Michael Winterbottom bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Film "Cock and Bull Story". Angesichts des anstehenden G8-Gipfels in Edinburgh konjugiert James Traub am Beispiel des Kongo noch einmal die Hauptprobleme der Entwicklungshilfe durch: korrupte Regierungen, Gewalt und permantentes Chaos. Und Amanda Griscom Little informiert kurz über Destiny USA, ein Shopping-Unterhaltungs-Forschungskomplex nahe New York, der das größte und umweltfreundlichste von Menschenhand erschaffene Gebilde des Planeten werden soll.

In der New York Times Book Review bestaunt Stacey D'Erasmo das monumentale Wandgemälde, das Luis Alberto Urrea mit seinem Roman "The Hummingbird's Daughter" (erstes Kapitel) entworfen hat. Das Buch sei alles zugleich: "eine linke Hagiographie, ein mystischer Bildungsroman sowie eine melancholische Nationalhymne Mexikos". Clyde Prestowitz warnt vor "Three Billion New Capitalists" (erstes Kapitel) durch ungebremstes Offshoring, und Henry Blodget kann nur zustimmen. Alan Wolfe gratuliert Louis Hartz' Standardwerk "The Liberal Tradition in America" zum Fünfzigsten, warnt aber vor Hartz' Faible fürs Paradoxe (hier die Rezension von Arthur Schlesinger Jr. aus dem Jahr 1962). A. O. Scott stellt einige neue Bücher zum Boss Bruce Springsteen vor (ein paar Fotos mit gesprochenem Kommentar hier), während Dave Itzkoff und Alan Light sich dem Rest der aktuellen Musik- und Bandliteratur widmen.