Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
11.01.2005. Im ES-Magazin rast Adam Bodor in die unergründliche Dämmerung des tobenden russischen Winters. Im Express erklärt Bernard-Henri Levy, warum er ein besserer Stratege ist als seine Gegner. In Foreign Affairs fordert Francis Fukuyama von George W. Bush eine Neuordnung Südostasiens. In Plus-Minus rät Zbigniew Brzezinski den USA, besser Anführer statt Hegemon zu sein. Der New Yorker bringt eine Reportage über junge Offiziere im Irak. Der Economist widmet sich einer winzigen, sich abmühenden Spezies - den Intellektuellen. In Foreign Policy erklärt Josef Joffe, warum der Nahe Osten viel schlimmer dran wäre, wenn es Israel nicht gäbe.

Elet es Irodalom (Ungarn), 07.01.2005

Eine kafkaeskes Abenteuer in Moskau: Der Schriftsteller Adam Bodor bekam eine Einladung zur Buchmesse, weil sein Roman auf Russisch erschienen sei; vor Ort kann er jedoch weder einen Vertrag, noch einen Übersetzer, noch einen Verlag, noch ein Exemplar ausfindig machen. Auf dem Weg zur Buchpräsentation stellt sich heraus, dass das Buch zwar existiert, aber die Veranstalter kein Exemplar dabei haben und der Moderator den Titel nicht kennt. Den russischen Unzulänglichkeiten begegnet er bis zu diesem Punkt mit Humor, aber dann: "Warum rasen wir eigentlich mit diesem verrückten Tempo in nordöstliche Richtung im tobenden russischen Winter? - fragte ich. Die Antwort schlummerte irgendwo in der verschneiten, stummen Einöde, im Halbdunkel der sie gerade verhüllenden, unergündlichen Dämmerung, in der Tiefe der vergangenen Jahrhunderte vielleicht, in der ewigen Nacht."

Das neue Buch des Kulturtheoretikers Laszlo Földenyi bringt die "Nachtseiten der Malerei" an den Tag. Seine auch auf Deutsch erschienenen Unterschungen zu Caspar David Friedrich, Francisco Goya und William Blake (mehr beim Verlag) sind jetzt in einem einzigen Band zusammengefasst. Die Literaturtheoretikerin Magdolna Orosz findet das Buch großartig und die Kunst der Romantik höchst aktuell. Um 1800 sei nichts weniger passiert als die "Fundierung unserer heutigen Kultur durch ein neues Weltbild": In den Landschaftsbildern Friedrichs entdeckt sie die "Suche nach Religion und dem Glauben", in Goyas "Saturn" "die Selbstzerstörung des mit Gott und der Welt entzweiten, von sich selbst entfremdeten Menschen" und in William Blakes "Newton" "die illusorische Weltschöpfung der in sich selbst versunkenen Vernunft".

Freiheit der Literatur contra Freiheit der Presse: Die Literaturkritikerin und Übersetzerin Lidia Nadori resümiert die langen Debatten der deutschen Feuilletons über Autorschaft und Authentizität von "Eine Frau in Berlin" der Anonyma.

Express (Frankreich), 06.01.2005

In dieser Woche erscheint eine Biografie über Bernard-Henri Levy, eine von L'Express als französischer "Intello-Star" und "zentrale Persönlichkeit des öffentlichen Lebens" geführte intellektuelle Institution Frankreichs ("BHL, une biographie", Fayard). Ihr Autor Philippe Cohen zeigt sich, laut Rezensent, allerdings wenig beeindruckt von BHLs institutionellem Charakter, sondern führt ihn vor. "Kapitel um Kapitel" werde BHL darin "mit seinem Werk, seinem Einfluss, seinen Erfolgen und Irrtümern" konfrontiert, die Bilanz fällt "ätzend" aus.

In einem langen, "nicht ohne Kalkül" gewährten Interview, das äußerst ausführlich auf die gegen seine Bücher und vor allem seine politischen Einschätzungen erhobenen Vorwürfe eingeht, bezieht BHL Stellung. In einer Passage erklärt er, warum er zunächst überlegt hatte, gegen die Biografie vorzugehen, es dann aber lieber sein ließ: "Sie kennen den Satz von Cioran: 'Ich habe mich immer gefragt, wieso das Risiko, einen Biografen zu haben, uns nicht vom Leben abschreckt.' Ein bisschen ist es so. Die Vorstellung, dass sich irgendein Typ an deine Fersen heftet, hat etwas ziemlich Unerträgliches, dass er dein gesamtes Tun und Treiben belauert, und vor allem, was das Schlimmste ist, hartnäckig versucht, allem einen Sinn zu geben. ... Als ich kapiert habe, dass ich alles tun sollte, um ihm die Arbeit ein bisschen schwerer zu machen, habe ich beschlossen, ihn zu treffen, um ihn wenigstens daran zu hindern, bestimmte Dummheiten zu sagen." Die Veröffentlichung allerdings habe er nicht zu verhindern versucht: "Ich bin kein Zensor. Und ich bin, Entschuldigung, der bessere Stratege."
Archiv: Express
Stichwörter: Bernard-Henri Levy

Foreign Affairs (USA), 01.01.2005

In einem Essay für die Zeitschrift Foreign Affairs, der allerdings nur in der New York Times zu lesen ist, fordert der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama eine sicherheitspolitische Neuordnung Südostasiens. Die Institutionen des Kalten Krieges wie Asean oder die Sechs-Parteien-Gespräche taugen nicht mehr für Probleme wie Nordkoreas Atomprogramm, die Spannungen zwischen China und Taiwan und den islamistische Terrorismus, meint Fukuyama. Eine brauchbare Organisation "wird es allerdings erst geben, wenn sich Präsident George W. Bush entscheidet, die Initiative zu ergreifen. Der Beginn einer neuen Amtszeit gibt Bush und seiner Regierung die Gelegenheit, ihre langfristige politische Architektur zu überdenken. Die einzige verbleibende Supermacht zu sein, verleiht einem Verantwortung für das globale Allgemeinwohl. Es bedeutet nicht nur, harte militärische Macht gegen Schurkenstaaten auszuüben, sondern auch die internationale Umgebung in Voraussicht auf neue politische Erfordernisse zu gestalten. Die USA haben sich nach 1945 dieser Herausforderung gestellt. Sie sollten dies auch in der Welt nach dem 11. September tun."
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Plus - Minus (Polen), 08.01.2005

Im Gespräch mit dem Magazin der Rzeczpospolita rät der Politologe und frühere Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, den USA, wieder stärker auf die Verbündeten zu hören. Obwohl Brzezinski am Willen der US-Regierung zweifelt, Anführer statt Hegemon sein zu wollen, sieht er die Zukunft in einem nuancierten System von Bündnissen: "Die USA haben die historische Chance, ihre Hegemonie in ein globales System umzuwandeln, in dem sie immer noch eine sehr wichtige Rolle spielen werden, aber die Entscheidungen in größerem Kreise getroffen werden. Andernfalls werden sie immer isolierter und die Welt droht, in Chaos und Anarchie zu versinken". Seiner Meinung nach wird sich China, das in Fernost geschickter agiere als Russland auf dem Gebiet der früheren UdSSR und sich die Unterstützung kleinerer Länder sichere, künftig zu einer auf Disziplin basierenden "Polizeidemokratie" entwickeln und selbstbewusst seine Größe ausspielen.

Anlässlich des Kinostarts seines neuesten Films "Life is a miracle" erzählt der Regisseur und Musiker Emir Kusturica von seiner Unfähigkeit, mit der realen Welt umzugehen. "Ich bin auf die Phantasie angewiesen. Jedes Mal wenn ich versuche, auf dem Boden zu bleiben, und zu denken, dass zwei und zwei vier ist, klappt es nicht. Ich glaube nicht an die Welt, weil sie der Hoffnung beraubt wurde. Früher verdankten die Menschen ihre Ideale und Perspektiven der Religion. Welche Ziele haben wir heute? Ein bequemes Leben? Ein besseres Auto als der Nachbar?" Kusturica, der einem friedlichen Ideal von Jugoslawien nachtrauert und sich in seiner Heimatstadt Sarajewo nicht mehr wohl gefühlt hat, verrät im Interview, dass er sein ganzes Geld investiert, um in Serbien eine Dorfutopie mit dem Namen Kustendorf aufzubauen.
Archiv: Plus - Minus

Espresso (Italien), 14.01.2005

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun hofft darauf, dass Mahmoud Abbas die palästinensischen Wahlen gewinnt. Nur ihm traut er den notwendigen Kurswechsel zu. "Er scheint entschlossen, die 'revolutionäre' Epoche hinter sich lassen zu wollen, in der Palästina mit Terror - wie Flugzeugentführungen oder die Intifada - die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf sich zog. Er hat alles getan, um die Situation zu normalisieren und wie ein verantwortungsvoller politischer Führer zu erscheinen, auf den man sich verlassen kann. Aber alles wird von seinen Gegnern im Inneren abhängen, die jedwedes Zugeständnis ablehnen und den bewaffneten Kampf weiterführen wollen."

Weitere Artikel: Lorenzo Soria erklärt sich die Menge an filmischen Musikerbiografien mit Nostalgie und unserem Identifikationsbedürfnis in schweren Zeiten. Denn meist endet die Karriere der kinotauglichen Idole wie Kurt Cobain oder Janis Joplin tragisch und frühzeitig: "Unser Unglück wird gelindert, wenn wir den Untergang unserer Helden miterleben." Cesare Balbo kündigt Martin Scorceses Howard-Hughes-Streifen The Aviator als Geschichte eines Mannes an, der zum Glück nicht nur schnelle Flugzeuge, sondern auch schöne Frauen liebte. Alberto Dentice feiert Bob Dylan und dessen Autobiografie "Chronicles".

In der Titelgeschichte berichtet Gianni Perrelli aus Sri Lanka, wo die Katastrophe das Ende des Krieges einläuten könnte. Leider nur gedruckt gesteht Woody Allen im Interview seine Bewunderung für Pirandello und Tschechow.
Archiv: Espresso

New Yorker (USA), 17.01.2005

In einer Reportage berichtet Dan Baum über junge Offiziere, die völlig unvorbereitet in den Irak geschickt wurden, und sich dort selbst beibringen mussten, was die Armee ihnen nicht vermittelt hatte. Ausgangspunkt seiner Recherchen war eine Szene aus den ersten Wochen des Irakkriegs, die Baum auf CNN gesehen hatte: Ein Offizier verhinderte ein Blutbad, nachdem ein kleiner Trupp amerikanischer Soldaten plötzlich mit einer Menge aufgebrachter Iraker konfrontiert und völlig überfordert war. Er tat es, indem er den Soldaten befahl, niederzuknien und die Waffen zu Boden zu richten. Die irakische Menge beruhigte sich tatsächlich. Baum suchte den Offizier später auf. "Ich wollte von ihm wissen, wer ihm das beigebracht hatte ... Waren das für den Irak typische Gesten? Für den Islam? Hughes konnte mit meinen Fragen wenig anfangen. Niemand hätte ihn auf eine aufgebrachte Menge in einem arabischen Land vorbereitet, geschweige auf die komplizierten Stammesverhältnisse von Najaf ... Er hatte an diesem Tag versucht, mit Ayatollah Ali al-Sistani Kontakt aufzunehmen, ein heikles Unternehmen, für die Armee von zentraler politischer Bedeutung. Eine Schießerei hätte alles verdorben. Die Iraker hatten ohnehin bereits das Gefühl, die Amerikaner missachteten ihre Moschee. Die offensichtliche Lösung war laut Hughes deshalb eine Geste des Respekts."

Weiteres: Rebecca Mead beschreibt den mühsamen Job, den die Bibliothekare der New-York Historical Society haben: sie versuchen auch noch entlegenste Fragen zur Stadtgeschichte zu beantworten. Margaret Talbot besucht die "wundervolle Welt" des Regisseurs, Animators und Manga-Schriftstellers Hayao Miyazaki. Billy Frolick erinnert sich in einer Glosse nur bedingt wehmütig an das Jahr 1992 ("Zusammenfassend kann gesagt werden, dass 1992 eindeutig eine sehr verwirrende, schwierige Zeit war, um in Amerika zu leben"). Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Juniper Tree" von Lorrie Moore.

Besprochen werden zwei neue Biografien über Leonardo da Vinci, eine Biografie über den englischen Autor Christopher Isherwood, die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem der Lebensgeschichte von Helle Nice, einer französischen Rennfahrerin, die in den 1920ern Furore machte und später der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt wurde. Nancy Franklin stellt die TV-Serie "Desperate Housewifes" vor. Sasha Frere-Jones schreibt über die Auftritte alternder Rockstars im vergangenen Jahr. Und Anthony Lane sah im Kino "The Life Aquatic with Steve Zissou? von Wes Anderson mit Bill Murray in der Hauprolle.

Nur in der Printausgabe: das Porträt eines Hotelkochs, eine Reportage über einen Staatsanwalt, der den Fall eines zum Tode Verurteilten zu manipulieren versucht, und Lyrik von Louise Glück und Seamus Heaney.
Archiv: New Yorker

Gazeta Wyborcza (Polen), 08.01.2005

In einem Interview mit der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza denkt der Publizist Ignacio Ramonet, Redakteur der Zeitschrift Le Monde Diplomatique, warum in vielen Ländern der Islamismus attraktiver ist als linke Gesellschaftsentwürfe: "Sowohl der gemäßigte als auch der radikale Islamismus ziehen Menschen aus armen Stadtvierteln an - Menschen ohne Eigenschaften, ohne Perspektiven. Das sind Gebiete, wo die Linke nicht einmal auftaucht. Es taucht dort überhaupt niemand auf. Der radikale Islamismus erreicht Menschen, die weder Arbeiter, noch Bauern, noch Bürger sind. Sie leben außerhalb unserer Zivilisation. Sie haben keine eigene Identität, nur ein Gefühl des Ausgeschlossenseins und der Marginalisierung. Der Islamismus macht ein Versprechen und liefert Antworten."

Economist (UK), 07.01.2005

Hier im alten Europa haben die Intellektuellen es gut, befindet der Economist in einem beherzten Nachruf auf Susan Sontag: Sie gelten als unverzichtbar, werden hofiert und - mitunter - sogar gelesen. "In Amerika hingegen werden Intellektuelle als 'Eierköpfe' und 'plaudernde Krösusse' verspottet. Sie stellen eine winzige, sich abmühende Spezies dar, deren Lebensraum auf einige wenige Appartements in der New Yorker Uptwon und die Fachbereiche bestimmter Universitäten beschränkt ist. Dort blättern sie in dünnen, traurigen Monografien über das Selbstbild und die Rolle der Geschlechter in der Kritik oder umgekehrt, während im nationalen Fernsehen Oprah Winfrey als Schiedsrichter über den literarischen Geschmack bejubelt wird. Susan Sontag hat somit das nahezu Unmögliche vollbracht: Sie war eine europäisch anmutende Intellektuelle in Amerika, und viele Amerikaner hatten nicht nur von ihr gehört, sondern auch ihre Bücher gelesen."

Ein Artikel erklärt uns, warum es nicht absurd ist, dass das winzige Luxemburg zum 10. Januar den Vorsitz über die 25 EU-Staaten übernimmt. Schließlich sind die Luxemburger mit ihrem "fast zwanghaften Streben nach Konsens" alte Hasen in Sachen Europa. Eine gewisse Komik kann der Economist der Situation jedoch durchaus abgewinnen, betrachtet man die Verhältnismäßigkeiten: "Wenn Präsident Bush nächsten Monat zu Besuch nach Brüssel kommt, ist sein Gegenüber der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker. Das ist, als ob die USA beschließen würden, dass für die nächsten sechs Monate alle ausländischen Staatsoberhäupter mit dem Bürgermeister von Fresno, California verhandeln müssten."

In weiteren Artikel ist zu lesen, wie mit der zunehmenden sprachlichen Integration in der kanadischen Provinz Quebec auch die Spannungen zwischen frankophoner und anglophoner Gemeinschaft nachlassen, dass das Copyright vieler Rock-Oldies sehr zum Ärger ihrer Interpreten demnächst frei wird, warum die geplante Lockerung bei der Vergabe von Alkohol-Lizenzen den Briten zunehmend Kopfschmerzen bereitet, und warum den US-Kongress eine - wie der chinesische Fluch besagt - "interessante" (sprich: riskante) Legislaturperiode erwartet. Schließlich gratuliert der Economist dem Dubliner Abbey Theatre zum 100. Geburtstag.
Archiv: Economist

Foreign Policy (USA), 01.01.2005

In den siebziger Jahren galt Israel noch als das Land, das die Demokratie in der Wüste zum Blühen brachte, doch seitdem wird seine Legitimität mehr und mehr in Frage gestellt, stellt Josef Joffe in einem Beitrag fest. Aber wäre die Welt oder der Nahe Osten tatsächlich besser dran ohne Israel? "Würden die ökonomische Malaise und die politische Repression, die wütende junge Männer zu Selbstmordattentätern machen, verschwinden? Hätten die Palästinenser einen unabhängigen Staat? Würden die USA, befreit von ihrem belastenden Alliierten, in der muslimischen Welt plötzlich geliebt werden? Reinstes Wunschdenken! Weit davon entfernt, Spannungen zu erzeugen, dämmt Israel tatsächlich mehr Feindschaft ein als es erzeugt."

Nepszabadsag (Ungarn), 07.01.2005

Die Ukraine und Serbien sind Ungarns einzige Nachbarländer, die noch keine Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft haben. Die ungarischen Minderheiten in diesen Ländern leben in Armut und werden zugleich mehr und mehr von ihren Landsleuten im Kernland isoliert. Der Schriftsteller Istvan Eörsi überlegt, was man dagegen tun könnte: "Sollen sich die Ungarn in der Vojvodina und in den unteren Karpaten an Stelle des Westens einen lebenswerten Osten erfinden? Selbst wenn das ginge, würden sie sich von ihrer eigenen Kultur distanzieren. Wie könnte eine Aufholstrategie ausgearbeitet werden, die von den in ihren Ländern herrschenden Mehrheiten geduldet würde? Mit welchen Maßnahmen kann der dramatischen Beschleunigung ihres Rückstands entgegengewirkt werden, wenn wir 2007 dem - für die Mitgliedstaaten zwar vorteilhaften, aus menschenrechtlicher Sicht jedoch sehr problematischen - Schengener Abkommen beitreten, und die bilateralen Abkommen ungültig werden?"
Archiv: Nepszabadsag

Outlook India (Indien), 17.01.2005

Bei Outlook hat man verständlicherweise im Moment wenig Raum für Kultur - nur für zwei magere Rezensionen. Doch immerhin ist eine davon einem "Phänomen" gewidmet: Ved Mehta, der mit vier Jahren erblindete, ohne sich davon abhalten zu lassen, an den besten Universitäten zu studieren, 24 Bücher zu schreiben und 33 Jahre lang beim New Yorker zu arbeiten. Am besten ist er immer, meint Khushwant Singh, wenn er über seine Familie schreibt. Auf "The Red Letters", eine Art fiktionaler Nachtrag zur Biografie seines Vaters, trifft das nur halb zu - und so kann der Rezensent das Buch auch nur eingeschränkt empfehlen.

In einer zweiten Besprechung macht der britische Reporter Mark Tully auf eine tatsächliche Biografie aufmerksam: Uma Mesthries Würdigung ihres Großvaters Manilal Gandhi, der wenig bekannte Sohn des Mahatma, der die Arbeit seines Vaters in Südafrika fortsetzte, Einfluss auf den Kampf des ANC nahm und so zu einem der geistigen Väter der Politik von Truth and Reconciliation wurde.

Der Schwerpunkt der Ausgabe liegt auf den Nachwirkungen des Seebebens. Andreas Harsono beschreibt, wie in der indonesischen Provinz Aceh, der am schlimmsten betroffenen Region, religiöse und ethnische Antagonismen sowie Korruption die dringend benötigte Hilfe beeinträchtigen. So hat der indonesische Vizepräsident Jusuf Kalla die schnelle Adoption von verwaisten Kindern unterbunden, um zu verhindern, dass womöglich nichtmuslimische Familien muslimische Kinder bei sich aufnehmen; währenddessen kontrolliert das Militär nach eigenem Gutdünken die Verteilung - oder Einbehaltung - von Hilfsgeldern. Saikat Datta war auf der Inselgruppe der Andamanen und Nicobaren (Karte) unterwegs und berichtet von Fehlern und Verzögerungen bei der Hilfeleistung, aber auch vom Zusammenrücken verschiedenster Menschengruppen. Und von dem Mädchen Tsunami, das in einem Flüchtlingscamp das Licht einer aus den Fugen geratenen Welt erblickte: "Sie ist die wahrscheinlich einzige Person, die bei der Nennung des Wortes lächeln wird."
Stichwörter: Südafrika

Magyar Narancs (Ungarn), 06.01.2005

Der Länderbericht des US-Außenministeriums von 2004 spricht von Ungarn in Superlativen - als eines der frequentiertesten Transitländer der Menschenhandel-Mafia, die Frauen aus dem Balkan, Rumänien und der Ukraine nach Westeuropa und Nordamerika schmuggelt und zur Prostitution zwingt. Enikö Bodis, Ungarn-Expertin im EU-finanzierten Forschungsprojekt "Enlargement, Gender and Governance", übt Kritik am ungarischen Innenministerium, das die Prostitution trotz der erschreckenden Statistiken legalisieren will. Laut Bodis sollte Ungarn dem Beispiel Schwedens und Frankreichs folgen, wo sich nicht nur Eigentümer, sondern auch Kunden der Bordelle strafbar machen und wo "Prostituierte wie Drogenkonsumenten behandelt werden, als Opfer, die auch vor sich selbst geschützt werden müssen. (...) Solange der Aberglaube in der Öffentlichkeit weiterlebt, dass auch Prostituierte von der Prostitution profitieren, solange der Dialog zwischen der Zivilgesellschaft und der Regierung nur fragmentarisch und ad hoc abläuft, kann nur den Menschenhändlern eine glänzende Zukunft prophezeit werden."

Policy Review (USA), 01.12.2004

In einem längeren Artikel, der sich mit den Lyrics heutiger Hits beschäftigt, äußert Mary Eberstadt scheinheilig großes Verständnis für rappende "Elternalbträume" wie Eminem, der über seine Mutter sang: "But how dare you try to take what you didn't help me to get? / You selfish bitch, I hope you f- burn in hell for this shit!" Wer ist schuld an solchem Verfall der Moral? "Viele Erwachsene klagen die Leute an, die die heutige Musik produzieren und vermartken. Entertainer wie Eminem klagen die abwesenden und grundsätzlich unaufmerksamen Eltern an, deren wütende Kinder die heutigen Sänger in den Starhimmel katapultiert haben. (Wie Eminem sagt: 'Don?t blame me when lil' Eric jumps off of the terrace / You shoulda been watchin him - apparently you ain't parents.')" Eberstadt nickt verständnisvoll mit dem Kopf und fordert bessere Eltern für die armen, von ihren Eltern emotional geschädigten, amerikanischen Teenagern.
Stichwörter: Mutter

Al Ahram Weekly (Ägypten), 06.01.2005

Zwei Beiträge zur literarischen Szene Ägyptens: Amira El-Noshokaty stellt eine Institution vor, die seit April 2004 im El-Sawy Cultural Center frischen Wind in selbige bringt, ein Forum für Autoren, Kritiker und Leser nämlich, das wöchentlich an die arabische Tradition des literarischen Salons anknüpft - und zwar ohne ideologischen Rahmen oder Zensur. Ziel ist die Widerbelebung einer alten Gewohnheit: "des Lesens und Schreibens." Die Heterogenität der Stimmen, lobt ein Literaturkritiker und regelmäßiger Teilnehmer des Forums, ist eine wichtige Alternative zur sonst üblichen Cliquenwirtschaft. "Und das letzte Wort wird immer das sein, welches noch nicht gesagt wurde."

Rania Khallaf hat sich bei Mohamed Hashem, dem Chef des wichtigsten unabhängigen ägyptischen Verlages Miret, über das Verlagsprogramm 2005 informiert: politische Schriften, junge und experimentelle Prosa und Poesie, und - Hashems Mitbringsel aus Frankfurt - eine Übersetzung von Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin". Generell, sagt Hashem, verfolgen wir keine bestimmte Politik, aber obwohl wir eines der wenigen liberalen, linksorientierten Foren in der arabischen Welt sind, bestehen wir darauf, unsere Identität zu bewahren, die definiert ist durch den Hass auf Israel und den Kolonialismus ..." (Da hat er mit Jelinek aber kräftig daneben gegriffen!)

New York Times (USA), 09.01.2005

Im New York Times Magazine sieht sich Christopher Caldwell den ehemaligen englischen BBC-Talkshowmoderator Robert Kilroy-Silk an, der als prominentes (unter anderem wegen seiner Vorankündigungen in Frageform) Zugpferd der antieuropäischen UKIP (The U.K. Independance Party) jetzt zwölf Sitze im europäischen Parlament verschafft hat. Die meistdiskutierte britische Partei fordert den Ausstieg aus eben jenem Parlament. Caldwell analysiert distanziert. "Die UKIP, wie viele Verweigerungsparteien im übrigen Europa, sieht die Nation bedroht von einem abgelegenen Clan von haarspalterischen, verbildeten, privilegierten liberalen Bürokraten, für die die europäische Union der Gipfel der politischen Evolution der Menschheit ist. Oft, aber nicht immer, verbinden solche Parteien Nativismus und klassenbezogene Ressentiments. Sie verlassen sich oft auf eine charismatische Figur, um ihnen den Weg anzuzeigen. Kilroy-Silk scheint wie gemacht für diese Aufgabe."

Weitere Artikel: Ted C. Fishman glaubt nicht, dass die chinesische Produktpiraterie bald eine Ende haben wird. Denn sie nützt Partei und Wirtschaft. Iain Webb stellt den britischen Accessoire-Designer Judy Blame vor, dessen postpunkiger Charme bis nach Amerika vorgedrungen ist. Deborah Solomon fragt Christine Gregoire, die neue Gouverneurin von Washington, wie es ist, mit handausgezählten 0,0046 Prozent Vorsprung zu gewinnen.

In der New York Times Book Review bespricht die Autorin Marilynne Robinson recht wohlwollend zwei neue Bücher von Steven M. Wise und von Adam Hochschild, die den langen Weg schildern, der zum Verbot der Sklaverei zunächst in England und schließlich den USA führte. Beide Autoren sehen den entscheidenden Wendepunkt im Prozess Somerset gegen Stewart 1772, bei dem der Vorsitzende Richter Lord Manfield den schönen Satz geäußert haben soll: "Die Luft Englands ist zu rein, als dass sie von einem Sklaven eingeatmet werden sollte."

Weitere Artikel: Der Englischprofessor William Deresiewicz verteidigt in einem Essay die englische Sprache gegen ihre selbsternannten Wächter: "So etwas wie Korrektes Englisch gibt es nicht und hat es nie gegeben." Den Wächtern bescheinigt er: "Linguistischer Snobismus wird geschürt durch die soziale Unsicherheit von Emporkömmlingen." Wenig begeistert ist Alan M. Dershowitz von John Grishams neuem Werk "The Broker": Ein "fachmännischer" Spionageroman, mehr nicht. (Hier eine Leseprobe.) Und Charles McGrath erlebt dank Wayne Coffeys "The Boys of Winter" (Leseprobe) ein berühmtes Gefecht des Kalten Kriegs noch einmal ganz genau: den Sieg der Amerikaner über die Sowjetunion im Eishockeyfinale der Olympischen Spiele 1980.