Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
02.08.2004. In Al-Ahram zeichnet Ibrahim El-Muallim das positive Gesicht der Globalisierung: die Frankfurter Buchmesse.Im Spiegel diskutieren Günter Grass, Markus Lüpertz und Peter Glotz über die Nation. Outlook India stellt eine Moschee nur für Frauen vor. In der Kommune applaudiert Helmut Wiesenthal der Abschaffung des Rechts auf Dauerarbeitslosigkeit. Der Merkur porträtiert den liberalen Falken Paul Berman. Im polnischen Plus-Minus schlägt Norman Davies eine Konferenz zu den Verbrechen der Roten Armee vor. Im Economist sorgt sich Ex-Mossad-Chef Efraim Halevy um die Zukunft der CIA. Das TLS feiert ein Meisterwerk der Ameisenforschung! Das New York Times Magazine porträtiert den mächtigsten Oligarchen Russlands: Vagit Alekperow.

Al Ahram Weekly (Ägypten), 29.07.2004

"Wir werden dort nicht lügen", annonciert der Direktor der Vereinigung Arabischer Verleger, Ibrahim El-Muallim über den Arabienschwerpunkt der kommenden Buchmesse in Frankfurt. Die arabische Vergangenheit sei glanzvoll und solle ausführlich berücksichtigt werden, führt er weiter aus. "Und die Gegenwart ist besser als es sich die Leute im Westen vorstellen. Dennoch können wir nicht behaupten, dass sie dem Vergleich standhält oder sogar besser ist..." Denn "wenn die arabische Kultur jetzt auf ihrer Spitze steht, wie kommt es dann, dass wir gegen Israel Niederlagen erleiden, dass unser Bildungsniveau so erbärmlich ist, dass arabische Demokratie so begrenzt ist und dass die Medien so inkompetent sind?" El-Muallim beschreibt auch die komplizierten Auswahlmechanismen für aktuelle Bücher, und er beschwert sich über die Regierungen der arabischen Länder, die die zur Finanzierung erforderlichen 3 bis 5 Millionen Dollar noch nicht aufgebracht haben, während sie den Fußball mit viel größeren Summen subventionieren.
Stichwörter: Arabische Länder

Economist (UK), 30.07.2004

In einem bemerkenswerten Artikel erklärt Ex-Mossad-Chef Efraim Halevy, warum Untersuchungskommissionen wie die zum 11. September fatale Auswirkungen auf die zukünftige Arbeit der Geheimdienste haben können - man denke nur an die öffentliche Bloßstellung des CIA-Chefs George Tenet und dessen Rücktritt. "Viele Einzelpersonen in entlegenen Orten, die eine Rolle in einem von George Tenets wirklichen Erfolgen gespielt haben, werden in Zukunft vielleicht zweimal nachdenken, bevor sie einen Auftrag annehmen. Ich glaube, dass Lord Butler und seine Kollegen uns in dieser Hinsicht einen bemerkenswerten Dienst erwiesen haben, indem sie Einzelpersonen innnerhalb der britischen Geheimdienst-Gemeinschaft so behandelten wie sie es getan haben: Weder Richard Dearlove, der ehemalige Chef des britischen Geheimdienstes MI6, noch John Scarlett, der amtierende, wurden zur vollen Verantwortung gezogen. Das Komitee hat seine Verantwortung für die Zukunft begriffen und gab besagter Zukunft den Vorrang vor einer Klärung der Vergangenheit." Für Halevy, wenn wir ihn richtig verstehen, liegt das A und O eines erfolgreichen Geheimdienstes darin, dass der Chef die Verantwortung für alle Schlussfolgerungen übernimmt, die er aus seinen Informationen zieht - das setzt geradezu voraus, dass er sich auch irren können muss.

Sündhaft teuer und dazu noch gefährlich: So entpuppt sich laut Economist der Lady-Di-Brunnen im Londoner Hyde Park: "Das Wasser strömt auf aufregende und anziehende Art durch den Brunnen hindurch. Aber Kinder, Hunde und skrofulöse Tauben bedeuten tonnenweise Bazillen. Eine für die Zeitung Sun getestete Wasserprobe enthielt Spuren von E. coli und anderen Widerlingen. Dianaphile, die in der Hoffnung einer Lourdes-ähnlichen Wirkung Wasser in Flaschen abgefüllt haben, könnte demnach eine böse Überraschung erleben.

Außerdem erfahren wir, warum der Kampf gegen den Hunger in den Schulen begonnen werden sollte, dass ein neues Zeitalter der Philanthropie anbrechen könnte, wie John Edwards Schwächen aussehen, was aus dem verstorbenenen Journalisten Paul Foot das rettende Sandkorn im britischen Justizgetriebe machte, und zuletzt (als Ergänzung zum Sudan-Aufmacher, der allerdings nur in der Drucksausgabe zu lesen ist) warum es keine juristische Basis für ein internationales militärisches Eingreifen im Darfur-Konflikt gibt.
Archiv: Economist

Kommune (Deutschland), 01.08.2004

Leider nicht online zu lesen ist der Blick des Konfliktforschers Bruno Schoch auf die zahlreichen Modernisierungsblockaden der arabischen Defizitregion. Ein erstaunlicher Befund aus dem Arab Human Development Report des UNDP sei trotzdem zitiert: "1999 betrug das Bruttoinlandsprodukt aller 22 arabischen Staaten 531,2 Milliarden US-Dollar - weniger als das eines einzigen europäischen Landes, nämlich Spaniens mit 595,5 Milliarden."

Aber auch hierzulande floriert die Wirtschaft nicht gerade. Helmut Wiesenthal behandelt in einem zehnseitigen Dossier den "Patienten Deutschland". Darin verteidigt er zum einen Hartz IV als "Abschaffung des Rechts auf Dauerarbeitslosigkeit" und geht mit den Gewerkschaften harsch ins Gericht: "... die von der Regierung bislang erfolglos angestrebte Erhöhung der Beschäftigungsquote gilt den Gewerkschaften als Angriff auf soziale Besitzstände." Zum selben Thema stellt der Historiker Peter Schyga fest: " Das ewige sozialdemokratische Projekt, sich und die Gesellschaft zu verstaatlichen, ist wieder einmal gescheitert. Dass die Dynamik kapitalistischer Verwertungsprozesse dauerhaft nicht mit Mitteln staatlicher Beruhigung zu bewältigen ist, erst recht nicht in Zeiten, da nationalstaatliche Eingriffe internationale Kapitalströme überhaupt nicht tangieren, müsste sich in der Partei irgendwann einmal herumsprechen."

Weiteres: Abgedruckt werden eine historisch-politische Problemskizze der Heinrich-Böll-Stiftung zum Völkerrecht sowie Beiträge der Konferenz "Jenseits des Iraks". Außerdem plädiert Michael Opielka für eine Bürgerversicherung mit drei Säulen. Till Westermayer versucht sich an einem "praxisnahen" Hochschulmodell und Victor Pfaff warnt die Grünen davor, das Einwanderungsgesetz schönzureden.
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Archiv: Kommune

Espresso (Italien), 05.08.2004

Michael Moore antwortet im Interview auf die Frage, ober er mit seinem Film Wahlkampf für John Kerry mache: "Kerry ist eine tapfere Person. Ich habe ihn immer schon wegen seines Engagements gegen den Vietnamkrieg bewundert. Aber ihm ist das gleiche passiert wie den anderen Demokraten: Er ist nervös und hat Angst. Darum hat er für den Krieg und den Patriot Act gestimmt. Wie kann er also heute einen Film verteidigen, der beweist, dass dies ein Irrtum war? Aber das kümmert mich nicht. Ich sage es ihm ganz ehrlich. Als ich angefangen habe, diesen Film zu machen, existierte Kerry noch nicht. Es ist kein Film gegen Bush und für Kerry. Er spricht über Wichtigeres: Unser Land, den Rest der Welt ..."
Archiv: Espresso

Outlook India (Indien), 09.08.2004

In Tamil Nadu planen Muslimas eine kleine Revolution: die Errichtung der weltweit ersten Moschee, zu der allein Frauen Zutritt haben. Der Hintergrund, weiß S. Anand, ist allerdings mehr als symbolisch. Das Tamil Nadu Muslim Women's Jamaat Committee hat sich zu dem Schritt entschlossen, um Frauen zu dem Recht zu verhelfen, das ihnen die männlich dominierte Jamaat (Gemeinde) verweigert. Anand erläutert: "Eine Jamaat ist im Grunde ein Bürgerrat, doch in Tamil Nadu fungiert sie als anerkannte Autorität zur Schlichtung von Streitfällen. Den Jamaat-Komitees gehören weder Frauen an, noch erlauben sie Frauen, ihre Fälle selber vorzubringen. Und wenn sich eine misshandelte, schikanierte Frau an die örtliche Polizei um Hilfe wendet, wird sie abgewiesen." Es geht den Frauen also darum, eine religiöse Institution zu schaffen, die sie rechtlich repräsentiert. Und: ohne Moschee, keine Jamaat.

Wenn Schüler gefälschte Ausweispapiere in Auftrag geben, dann meistens, um als erwachsen durchzugehen. Nicht so im indischen Bundesstaat Bihar - dort, berichtet Faizan Ahmad, kratzen Erwachsene ihre spärlichen Rupees zusammen, um sich als Schüler auszugeben und ihre Abschlussprüfungen noch einmal abzulegen. Und wer jetzt denkt, dass die Not groß sein muss, bevor man so etwas tut, hat Recht: Arbeitsplätze sind rar gesäht, und neue Abschlüsse besser als alte. Währenddessen macht die "Bildungsmafia" gute Geschäfte.

Weitere Artikel: Drei indische Fernfahrer sind im Irak weiterhin in den Händen von Geiselnehmern. Es sind drei von 1.500, die permanent hinterm Steuer das Land durchqueren, und dabei oft noch nicht einmal eine Pinkelpause einlegen können, aus Sicherheitsgründen - Aniruddha Bahal beschreibt einen Risikoberuf. Saba Naqvi Bhaumik betrachtet kopfschüttelnd den erbärmlichen Zustand der Ex-Regierungspartei BJP. Die Hindunationalisten, eben noch Erneuerer Indiens, sitzen mit trotzig verschränkten Armen auf ihren Parlamentsbänken und verweigern, was es zu verweigern gibt: "Der Macht beraubt, haben sie sich auf Bockigkeit anstelle von Politik verlegt." Poornima Joshi hat mit schockierten Filmemachern gesprochen, die aus allen Wolken fielen, als das unter liberaler Leitung stehende Informations- und Rundfunkministerium kürzlich mehr als 100 Filme von zum Teil renommierten Regisseure nicht zum Nominierungsverfahren des National Film Award zuließ. Und das, nachdem viele Filmemacher, frustriert von der Zensurpolitik der BJP-Regierung, vor den Wahlen im Frühjahr für die Kongresspartei mobil gemacht hatten. Zum Beispiel in ihren Filmen.
Stichwörter: Irak

New Yorker (USA), 09.08.2004

In einem wunderbaren Essay über das Genre des Dokumentarfilms verteidigt Louis Menand Michael Moore gegen seinen Kritiker. Was immer man über "Fahrenheit 9/11" auch denken möge, eines könne man nicht behaupten: dass der Film die Gesetze der "Tradition des Dokumentarfilms" breche. Die sei nur eine "große Phrase" für eine "zweifellos eklektische Form". Doch die Dokumentaristenabteilung stelle "Michael Moore neben den National Geographic, Filme über schlechte Präsidenten neben Filme über Schmetterlinge, Bodybuilder und Eskimos. Und doch haben diese Filme etwas gemeinsam: Sie zeigen einem etwas, das nicht zum Angucken bestimmt war."

Weitere Artikel: In einem Porträt des religiösen Komikers Brad Stine geht Adam Green der Frage nach, wie lustig ein christlicher Standup-Comedian (Homepage) eigentlich sein kann (Kostprobe: "Jesus war ein interessanter Hund, weil er 33 Jahre lang Gott war, den Leuten aber davon nur drei Jahre lang was erzählt hat. Finden Sie nicht auch, dass seine Freunde irgendwas gemerkt haben müssten?"). Andy Borowitz überprüft seine Neujahrsvorsätze. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Adams" von George Saunders.

Besprechungen: Leider falsch verlinkt und deshalb bis Redaktionsschluss nicht online waren Alex Ross' Betrachtungen über Schlingensiefs "Parsival". Sasha Frere-Jones stellt die Briten Mike Skinner alias The Streets und Dylan Mills alias Dizzee Rascal vor, die den amerikanischen Hiphop aufmischen. David Denby hat sich gleich drei Big-Budget-Hollywood Sommerthriller einverleibt: An Jonathan Demmes "The Manchurian Candidate" findet er die Charaktere am interessantesten, Michael Manns "Collateral" sei der beste der drei und habe die "größte menschliche Bedeutung", wogegen "The Bourne Supremacy" von Paul Greengrass nur von seinen "außergewöhnlichen Schusswechseln" lebe. Die Kurzbesprechungen von Büchern gelten unter anderem zwei Werken über englische und persische Gartenkunst.

Nur in der Printausgabe: Eine Reportage über zwei Soldaten und ihre letzte Reise nach Hause, eine (wahrscheinlich böse endende) Geschichte über einen jungen Mann, eine Frau und einen Golfkurs, ein Bericht über Mütter, die ihre Kinder misshandeln, und Lyrik von Cleopatra Mathis und Wislawa Szymborska.
Archiv: New Yorker

Plus - Minus (Polen), 31.07.2004

"Ich habe den Eindruck, Stalin wusste nicht, was in Warschau passiert und was die Heimatarmee in Wirklichkeit ist", erklärt anlässlich des 60. Jahrestags des Warschauer Aufstandes der britische Historiker Norman Davies in einem Interview für Plus-Minus, die Wochenendausgabe der polnischen Zeitung Rzeczpospolita. Davies kritisiert die Alliierten, weil sie keinen der für die brutale Niederschlagung des Aufstandes verantwortlichen deutschen Offiziere nach dem Krieg vor Gericht gestellt haben: "Erich von dem Bach trat als Zeuge der Anklage (!) in Nürnberg auf ..." Der für das Gemetzel an 40.000 unschuldigen Zivilisten im Stadtteil Wola verantwortliche "Reinefarth war nach dem Krieg sogar Bürgermeister auf der Insel Sylt, spielte den Widerstandskämpfer und beteuerte, nie in der SS gewesen zu sein". Was das Zentrum gegen Vertreibungen angeht, schlägt Davies eine wissenschaftliche Konferenz zu den Verbrechen der Roten Armee vor - daran könnten sich Ukrainer, Balten, Polen, Ungarn und Deutsche beteiligen. Beunruhigend an den Plänen des BdV und seiner Vorsitzenden Erika Steinbach "ist die Darstellung dieser Tragödie in ethnischen und nationalen Kategorien. Als ob die Vertreibungen nur Deutsche betroffen hätten. Sie sollte sich mit den Vertriebenen aus Lemberg treffen - so wie die Familie meiner Frau - und hören, was diese erlebt und verloren haben", meint Davies.
Archiv: Plus - Minus

Radar (Argentinien), 01.08.2004

Gleich mehrere Beiträge der aktuellen Ausgabe von Radar widmen sich dem Thema der literarischen Übersetzung. In einem Vorabdruck aus einer Untersuchung zur Praxis der Literaturübersetzung in Argentinien betont deren Autorin Patricia Willson den "demokratisierenden Charakter" des Übersetzens; daneben will sie die seinerzeit von Schriftstellern wie Jorge Luis Borges, Victoria Ocampo oder Jose Bianco angefertigten Übersetzungen von der Regel ausgenommen wissen, der zufolge Übersetzungen im Unterschied zu den übersetzten Originaltexten in oft überraschend kurzer Zeit veralten.

Der Schriftsteller und Filmregisseur Edgardo Cozarinsky wiederum erzählt von einem Treffen mit Übersetzern aus verschiedenen Ländern, die allesamt an der Übertragung seines Romans "El rufian moldavo" (mehr dazu hier) arbeiten (die deutsche Ausgabe wird im Wagenbach Verlag erscheinen). Unbehaglich wurde es Cozarinsky bei der von einem der Teilnehmer geäußerten Ansicht, es sei doch logisch, ein argentinisches Buch ins "amerikanische" (statt ins "britische") Englisch zu übertragen.

Für Argentinier, die auf (Neu)Übersetzungen nicht angewiesen sind, bespricht Ariel Magnus die soeben bei Suhrkamp erschienene deutsche Neuausgabe von Max Frischs Roman "Stiller": "Was reizt uns heute noch an diesem vor fünfzig Jahren erschienenen Buch? Wir kehren zu Stiller zurück wie Stiller in die Schweiz, weil wir hoffen, uns verändert zu haben, weil wir davon träumen, uns neu zu erfinden."

Mit einer anderen Form von Übersetzung und Neuerfindung beschäftigt sich die Argentinierin Josefina Fernandez in ihrem Buch "Cuerpos desobedientes". In einem ausführlichen Interview mit Radar beschreibt sie die sich verändernde -oder auch stagnierende - Situation der Transvestiten innerhalb der argentinischen Gesellschaft.
Archiv: Radar

Spiegel (Deutschland), 02.08.2004

Der Spiegel hat die drei Kanzler-Freunde - Günter Grass, Markus Lüpertz und Peter Glotz - zu einer Art Stammtischrunde über die nationale Lage gebeten. Das klingt dann so:
"Lüpertz: Wir brauchen eine Ideologie.
Grass: Wer will denn eine haben?
Lüpertz: Sie brauchen als Nation eine Ideologie, um sich zu verständigen.
Glotz: Er meint eine tragende Idee, ein Konzept."

Und dann zweimal Rechtschreibreform. Kurz gesagt: Der Spiegel schlägt sich mit großem Tamtam auf die Seite ihrer Gegner. Marcel Reich-Ranicki darf ordentlich schimpfen, und die Reform "unzweifelhaft eine Katastrophe" nennen. Ein zweiter Beitrag führt noch einmal genüsslich die gröbsten Unsinnigkeiten der Reform an sowie ihre gravierendste Folge: "Die Kluft zwischen Regelwerk und Schreibwirklichkeit ist größer denn je, das genaue Gegenteil des Reformzwecks ist eingetreten."Man erfährt aber auch von einer interessanten Idee des saarländischen Kultusministers Jürgen Schreier: "'Die Politik muss sowohl die alte wie die neue Rechtschreibung weiter gelten lassen.' Bei dieser 'marktwirtschaftlichen' Lösung werde sich dann die bessere Schreibweise von selbst durchsetzen, glaubt der ehemalige Lehrer." Wäre das nicht überhaupt die Lösung für sämtliche Probleme mit Reformen?

Weitere Artikel: Rüdiger Falksohn, Jan Puhl und Thilo Thielke schildern die verwickelte Lage im Sudan. Petra Bornhöft fasst die Reaktionen aus den Reihen der Unions-Parteien auf Westerwelles Outing zusammen. Am Vorabend einer möglichen Verramschung und Zerschlagung von MGM erzählt Lars-Olav Baier noch einmal die Geschichte des Studios, das zu seinen glamourösesten Zeiten als Synonym für "Hollywood" stand. Und aus einem Beitrag von Ulrike Knöfel über den Berliner Maler Martin Eder (mehr hier) erfährt man schließlich noch nebenbei, wie amerikanische Kunstkritiker uns zur Zeit so wahrnehmen: "Eder sei einer der 'vielversprechendsten Künstler in Deutschland', und dass er nicht nur 'kitschy', sondern zudem ein wenig apokalyptisch male, das passe irgendwie zur düsteren Stimmung in Germany", zitiert Knöfel das Time-Magazine.

Der Titel bietet zum Auftakt der Olympischen Spiele eine der beim Spiegel so beliebten kulturgeschichtlichen Steilthesen: "Das Kräftemessen in Olympia, so zeigt sich, trug maßgeblich dazu bei, dass unter der griechischen Sonne ein neuer, moderner Typ Mensch entstand."
Archiv: Spiegel

Merkur (Deutschland), 01.08.2004

Jörg Lau feiert diesmal eine Ikone, statt sie zu demontieren, nämlich Paul Berman, neben Christopher Hitchens einer der führenden liberalen Falken. Berman ("Liberalismus und Terror") hält George W. Bush zwar für den schlechtesten aller Präsidenten der USA, weil er nicht in der Lage war, den Krieg gegen den Terror in einen Krieg gegen den islamischen Totalitarismus zu führen. Lau umreißt Bermans Mission folgendermaßen: "Angesichts des heutigen Angriffs des 'Islamofaschismus' auf die liberale Zivilisation droht sich, meint Berman, die Blindheit des letzten Jahrhunderts für die 'wichtigste Tatsache in der modernen Geschichte zu wiederholen: Der Aufstieg bestimmter politischer Bewegungen, die von paranoidem Hass, von apokalyptischen Phantasien und vom fanatischen Wunsch, Massenmorde zu begehen, angetrieben werden'" (Texte von Berman finden sich in seinem Dissent Magazine).

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler erklärt noch einmal, was ein asymmetrischer Krieg ist. Interessant vielleicht, wie die neuen Kriege heutzutage beendet werden: "An die Stelle von Friedensschlüssen sind Friedensprozesse getreten, in denen nicht mehr zwei Seiten miteinander Frieden schließen, sondern durch einen Dritten dazu motiviert werden müssen, den Frieden für attraktiver zu halten als den Krieg. Die Hauptmotive für die Orientierung am Frieden sind in der Regel Finanzzusagen des Dritten für den Fall der Kriegsbeendigung, also das, was man als Gewaltabkauf bezeichnen kann."

Weiteres: Walter Klier stöhnt über all die Sklavendienste, die einem Dichter heutzutage aufgebürdet werden: Lesungen, Debatten, Jury-Sitzungen und Kasernierungen zum Zwecke der Kreativitätsförderung etwa in Bamberg oder Wiepersdorf. Gustav Seibt stellt Bücher zum Ersten Weltkrieg vor. Reinhardt Brandt sieht es ein: "Wer von einer Amerikanisierung Europas spricht, verkennt, dass wir selbst unser Amerika sind; es wird aus Neu-Europa nur als Konzentrat und Karikatur zurückgebracht, was hier entstand."
Archiv: Merkur

Figaro (Frankreich), 30.07.2004

Vor 300 Jahren erschienen zum ersten Mal die Märchen aus 1001 Nacht, herausgegeben von dem französischen Gelehrten Antoine Galland, der einige der Märchen (zum Beispiel "Ali Baba") offensichtlich selbst verfasste. Clemence Boulouque annonciert in einem interessanten Hintergrundartikel des Figaro litteraire einen Reader zum Thema, der auf einem Kolloquium der Unesco im Mai beruht, "Les Mille et Une Nuits en partage", herausgegeben von Aboubakr Chraibi (Actes Sud): "Dieser Überblick ist sicherlich die schärfste Antwort auf jede Exklusivitätsforderung, ob sie nun aus dem Westen oder dem Orient kommt. Tatsächlich können die Einflüsse und Zitate in den 'Erzählungen aus 1001 Nacht' kaum eingegrenzt werden, und sie wandern beständig um die Welt, von der weltlichen hebräischen Lyrik des mittelalterlichen Spaniens über Cervantes bis hin zu Gide, Proust, Mishima oder Pasolini."
Archiv: Figaro

Times Literary Supplement (UK), 30.07.2004

Fische, die ihr Geschlecht ändern, lesbische Schimpansen, männliche Gänse, die ihr Leben mit einem anderen Gänsemännchen verbringen - ja, es gibt sie, die "sexuell diversen Lebewesen", und sie alle bevölkern das Buch "Evolution's Rainbow" der Biologin Joan Roughgarden, die, selbst transsexuell, der "Testosteron-getränkten" darwinistischen Lehre der sexuellen Selektion (aggressive Männchen suchen sich zwecks Nachwuchsproduktion liebevolle Weibchen) die Normalität von Homo- und Transsexualität im Tierreich entgegenhalten will. Jerry Coyne findet diese Auflistung von "Ausnahmen" sehr sympathisch, aber nicht überzeugend. Auch Roughgardens Ansatz hält er für falsch: Die stärkste Abneigung erfahre sexuelle Vielfalt schließlich von denen, die nicht einmal Darwin gelten lassen.

Im Aufmacher feiert Gaden S. Robinson einen Meilenstein, ach was, ein Meisterwerk der Ameisenforschung: es handelt sich um Edward O. Wilsons Studie über die Gattung Pheidole, von der es wahrscheinlich weltweit 1.500 Arten gibt (darunter auch die Pheidole harrisonfordi, hier ein Bild), womit sie noch vor der Camponotus zu den artenreichsten Gattungen der Welt zählt. Den Erfolg der Gattung erklärt Robinson mit der offenbar bestens funktionierenden Arbeitsteilung zwischen Kriegern und der "Wegwerf-Kaste" kleiner, leichter billig hergestellter und kurzlebiger Arbeiter.

Außerdem: Michael Bentley kann dem neuen Bob-Woodward-Buch "Plan of Attack" zwar einige tolle Zitate abgewinnen (etwa General Tommy Franks Beschimpfung der Joint Chiefs of Staff als "Title X Motherfuckers"), trotzdem fehlt ihm Carl Bernstein als Co-Autor und mithin Beißreflex, Drama, Analyse. Sehr delikat findet Paddy Bullar Peter Ackroyds neues Buch "Lambs of London", das die Biografien der Humoristen Charles und Mary Lamb ("Tales from Shakespeare") sowie des Shakespeare-Fälschers William Henry Ireland verbindet. Und David Horspool schließlich bespricht Bücher über die Tour de France von Tim Hilton ("One More Kilometre and We're in the Schowers") und Matt Rendell ("A Significant Other").

Nouvel Observateur (Frankreich), 29.07.2004

Nachdem die Bedeutung der Antike (hier) und des Mittelalters (hier) für die Jetztzeit analysiert wurden, untersucht in dieser Woche der Historiker Paul Veyne, welche Rolle das alte Rom für die heutige Gesellschaft spielen kann. Obwohl sein Herz "eher für Griechenland als für Rom" schlage, hätten ihm die Römer "gefallen, weil sie nicht xenophob waren. Von Anfang an haben sie es sich - mit einer in der Geschichte seltenen Überzeugung - zum Grundsatz gemacht, dass sie zum Herrschen bestimmt seien. Instinktiv hüteten sie sich jedoch davor, den Völkern, die sie kontrollierten, jemals Dinge aufzuerlegen, zu denen diese keine Lust hatten. Im Gegensatz zu einem zentralistischen Staat ist ein Imperialstaat in der Lage, die Leute zu dem anzuhalten, was sie sich wünschen: Was zählt ist allein, dass die Anweisung von ihm kommt."

Im Titeldossier geht es um Untreue. Der Schriftsteller und Philosoph Pascal Bruckner (mehr) interpretiert sie in einem kurzen Essay als "Schlacht der Egos", die den "Ehebruch a la Feydeau" ersetzt habe. In dieser Schlacht "triumphiert die Gemeinheit über die Authentizität. [...] Dem Krieg des Individuums gegen die soziale Ordnung ist der Krieg aller gegen alle im Namen von Aussetzern des Herzens gefolgt."

Weitere Artikel: Erstmals berichtet Roland Bechmann, ein Augenzeuge der Erschießung des Schriftstellers Jean Prevost durch deutsche Soldaten vor 60 Jahren, über die Ereignisse im Vercors. Der Architekt und Geograf, der in der Resistance unter Prevost agiert hatte, erinnert sich: "Alles an ihm drückte eine methodisch gerichtete Stärke aus, und die Entspanntheit, mit der er arbeitete - ausgestreckt im Gras oder auf der Terrasse liegend - war erstaunlich."

Ansonsten gehen die Sommerserien in die dritte Runde. Wir lesen einen weiteren Brief von Emile Zola an seine Geliebte Jeanne Rozerot, und in der Reihe über Exzentriker wird der "Esoteriker" Erik Satie porträtiert.

New York Times (USA), 01.08.2004

Völlig verfallen ist A. O. Scott den Eröffnungssätzen von James Woods Essaysammlung "The Irresponsible Self": "Woods Eröffnungen sind unnachahmlich - Glückskekse voll dorniger, kritischer Intelligenz und prickelnder Metaphern -, und sie geleiten uns mit der darauf folgenden Erörterung in einen Zustand der verwirrten Wachheit: 'Der englische Modernismus muss in Einheiten der Ermattung oder der Verneinung gemessen werden.' 'Das Scheinheilige kann unter anderem ein verzerrter Botschafter der Wahrheit sein.' Manchmal werden zwei rätselhafte Aussagen mit einem Semikolon zusammengefügt: 'Die Engländer sind Ekklesiasten, aber selten Metaphysiker; Sie denken in Kirchhöfen.' Und gelegentlich beginnt Wood zur Abwechslung mit einer Frage, die allerdings oft eher rhetorisch ist: 'Mal ehrlich, gibt es wirklich jemanden, der Priester mag?'"

Sehr gelungen Mark Costello ist entzückt von Bryan Burroughs Buch "Public Enemies" (Leseprobe hier), einer Gangster-Galerie der 30er Jahre. Besonders angetan hat es ihm das Porträt des frauen-dämonisierenden J. Edgar Hoover. "Er, der in der Verfolgung männlicher Straftäter unerbittlich war (und bis 43 bei seiner Mutter wohnte), verspürte einen ganz besonderen und wahnhaften Schrecken vor den Frauen, die ihm im Weg standen. Er dämonisierte Bonnie Parker, Ruby Floyd, Kathryn (Mrs. Machine Gun) Kelly und die berüchtigte Ma Barker, Räubermutter der Barker-Karpis Gang. 'Die verwelkten Finger der spinnenhaften, gewieften Ma Barker', kann man in einem von Hoover in Auftrag gegebenen Pressemitteilung lesen, 'kontrollieren, satanischen Tentakeln gleich, die Stränge, an denen das Schicksal der Desperados baumelte.'"

Weiteres: Jerome Robbins hat mit seinem Tanz gezeigt, "dass ein Gott so sein sollte, wie jemand, den man irgendwann auf der Straße sieht", doch Deborah Jowitt wird dem genialen und gequälten Broadway-Tänzer und Choreografen in ihrer Biografie nicht ganz gerecht, meint Nicholas Fox Weber. Jonathan Ames' Roman "Wake Up, Sir!" (Kostprobe) erinnert Henry Alford an die Jeeves-Romane von P.G. Wodehouse. Besonders angetan hat es ihm die Hauptfigur, ein neurotischer, jüdischer, dem Alkohol zugeneigter Schriftsteller, der von sich selbst sagt: "Selbst-zerstörerisch, selbst-versunken, selbst-süchtig, selbst-verliebt? Alles mit 'selbst' und einem Bindestrich bin ich." Strobe Talbott empfiehlt Jack F. Matlock Jrs. "Reagan and Gorbachev" (hier das erste Kapitel) als wirkungsvolles Mittel gegen den Reagan-Heiligenkult. Iain Calder schreibt in "The Untold Story" zwar über sein eigenes Blatt (Calder war lange Jahre der Herausgeber des Boulevardblatts National Enquirer), aber mit seinem Lob hat er Recht, wie Bruce Handy findet.

Im Aufmacher des New York Times Magazine Peter Maass auf elf Seiten den Ölmilliardär Vagit Alekperow, nach dem Fall Chodorkowskys der mächtigste Oligarch in Russland - und wohl auch der klügste: "Ich stehe Putin nicht nahe, aber ich behandele ihn mit großem Respekt."

Weiteres: Sheryl Gay Stolberg erklärt, warum die Republikaner in dem Demokraten Tom Daschle, Senator von South Dakota, ihren Hauptfeind wittern. Und John Hodgman verkündet feierlich, dass Susanna Clarkes ''Jonathan Strange & Mr. Norrell" der Harry Potter für Erwachsene werden wird (selbst davon überzeugen kann man sich hier, im pdf-Format).