Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.07.2004. In der Boston Review analysiert Martha Nussbaum die Massaker in Gujarat. Der New Yorker findet im Internet einen terroristischen Stadtplan für die Anschläge in Madrid. Umberto Eco freut sich im Espresso über die Irrtümer der Wissenschaftler. Der Spiegel stellt Karlheinz Brandenburgers neue Erfindung vor. Prospect fordert respektvollere Journalisten. Der Express erklärt, dass sich die Farbe Grün erst seit dem 18. Jahrhundert aus Gelb und Blau zusammensetzt. Outlook India lanciert eine Tongefäßdebatte.

Boston Review (USA), 01.07.2004

Die Unruhen von Gujarat, bei denen bekanntlich fanatisierte Hindus Massaker unter ihrer moslemischen Mitbevölkerung anrichteten, waren stark sexuell und sexistisch geprägt, schreibt die Philosophin Martha C. Nussbaum (mehr hier und hier) in einer sehr langen Analyse für die Boston Review. Systematische und massenhafte Vergewaltigungen von Frauen gehörten zu den schlimmsten Scheußlichkeiten. Die Nation werde in Indien häufig als weiblicher Körper gedacht, und "die Körper der Mosleminnen symbolisieren einen widerstrebenden Teil der Nation, der noch nicht von männlicher Hindu-Macht dominiert wird", schreibt Nussbaum, die die Massaker in der Folge mit den Instrumenten der feministischen Theorie untersucht.

Outlook India (Indien), 02.08.2004

Manchmal zeigt sich der Subkontinent von dieser pittoresk-grotesken Seite, wie sie wohlmeinende Orientalisten zu schätzen wissen. Zum Beispiel sollen in indischen Zügen Getränke jetzt nur noch in Tongefäßen verkauft werden. Schluss mit Plastikbechern, der Eisenbahnminister will es so. Teilt Outlook India ausführlich mit, und zwar bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen. Denn die Entscheidung des Ministers hat eine breite Debatte ausgelöst: Wie, rechnen die einen vor, sollen die Töpfer denn die Herstellung von Tonschalen für täglich 14,2 Millionen Fahrgäste organisieren? Andere erregen sich über den Hintersinn der politischen PR-Aktion, die vor allem geeignet sei, die Töpfer an eine Niedriglohnarbeit zu ketten, anstatt ihnen wirkungsvoll zu helfen. Auch Umweltaktivisten haben Bedenken, allerdings räumen sie ein, dass die Plastikbecher möglicherweise auch nicht besser sind. Und dann ist da die Sache mit der Hygiene: Wegwerfschalen minderer Qualität oder lieber die abwaschbare Sorte? Und viele Fragen mehr - Paromita Shastri kennt sie alle und kommentiert die Antworten.

Ansonsten: Nette Idee, Jane Austen nach Bollywood zu entführen, cleverer Titel - aber leider, meint Sanjay Suri, taugt "Bride and Prejudice", der neue Film der Regisseurin Gurinder Chadha ("Bhaji on the Beach" und "Kick it Like Beckham") nicht viel. Smita Mitra freut sich für dicke Frauen, dass die Textilindustrie das Geschäft mit den Übergrößen entdeckt. Und Manu Joseph stellt in der Titelgeschichte indische Tüftler ("Best in the World", verkündet das Cover) und ihre besten Erfindungen vor.

Stichwörter: Jane Austen, Bollywood

New Yorker (USA), 02.08.2004

In einer ausführlichen Reportage geht Lawrence Wright der Frage nach, ob die Anschläge in Madrid von einem neuen Al Qaida-Netzwerk ausgeführt und im Internet geplant worden seien. "Am Tag der Bombenattentate riefen Analytiker des Forsvarets Forskningsinstitutt, eines norwegischen Thinktanks bei Oslo, noch einmal ein Dokument auf, das ihnen im vergangenen Dezember auf einer islamistischen Website aufgefallen war. Damals hatte es keinen großen Eindruck auf sie gemacht, aber jetzt, im Lichte der Ereignisse von Madrid, las es sich wie ein terroristischer Stadtplan. Es war unter der Überschrift: 'Jihad Irak: Hoffnungen und Gefahren' von einer bis dato unbekannten Gruppierung namens Medienkommittee für den Sieg des irakischen Volkes (Mujahideen Services Center) ausgearbeitet worden."

Weiteres: Paul Goldberger porträtiert das neue "Shanghai am Hudson", sprich die Bemühungen New Jerseys, so wie lower Manhattan zu werden - nur "sauberer und ordentlicher". Michael Egger berichtet von den Dreharbeiten zu einem neuen Film von Robert Altman, mit dem er an seine Fernsehserie "Tanner 88" anknüpft und in dem es wieder um Politkandidaten und ihre Kampagnen geht. Bruce McCall gibt Tipps zur Handhabung von "sport-utility vehicles (S.U.V.)" in der Innenstadt ("Fahren Sie Ihr neues S.U.V. stets doppelt so schnell wie erlaubt"). Zu lesen ist außerdem die Ezählung "The Shore" von Richard Ford.

Besprechungen: Joan Accocella resümiert zwei Veranstaltungen anlässlich der 100. Geburtstage der beiden "Ballettgiganten des 20. Jahrhunderts", Frederick Ashton (mehr) und George Balanchine (mehr). Anthony Lane findet, dass Spike Lees neuer Fim "She Hate Me" eigentlich zwei neue Filme sind, die zusammenmontiert wurden. Außerdem gibt es wie immer Kurzbesprechungen, die bis Redaktionsschluss allerdings noch nicht aufrufbar waren.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über die Sinnhaftigkeit des freien Handels, ein Porträt des Schaupielers Don Rickles, eine Reportage über einen philanthropischen Millionär, die Rezension von Bill Clintons Autobiografie und Lyrik von Gary Snyder und Jack Gilbert.
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Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 29.07.2004

Stephen Hawking widerruft Teile seiner Theorie der schwarzen Löcher, und Umberto Eco ist begeistert. Nicht von den neuen Erkenntnissen - "ehrlich gesagt kann ich mir die schwarzen Löcher nur wie den Hecht in Yellow Submarine vorstellen, der alles verschlang, was sich in seiner Nähe befand, um schließlich sich selbst zu fressen" -, sondern von der von vornherein eingeplanten und sogar erwarteten Möglichkeit des Irrtums in der Wissenschaft. "Diese Art des Denkens ist jedwedem Fundamentalismus entgegengesetzt, jeder wörtlichen Auslegung der Heiligen Schriften, jeder dogmatischen Überzeugung von den eigenen Ideen."

Ansonsten grüßt das Sommerloch. Cesare Balbo kündigt an, dass das Tribeca Film Festival im Herbst eine Dependance in Mailand eröffnen wird. Monica Maggi wertet eine Erhebung zum Sexualverhalten ihrer Landsleute aus, die der Liebe im postmodernen Italien eine unsichere Zukunft voraussagt.

In der Titelgeschichte widmet sich Gianni Perelli den Olympischen Spielen in Athen. Nur im Print gibt es Mario Cuomos Gespräch mit dem ehemaligen Bürgermeister von New York Rudolph Giuliani, der erklärt, warum George Bush die Wahl verlieren wird.
Archiv: Espresso

Prospect (UK), 01.08.2004

Früher war alles besser, findet John Lloyd ("What the Media are Doing to Our Politics"). Da hieß es vonseiten der Journaille noch respektvoll: "Gibt es etwas, was Sie uns sagen möchten, Herr Premierminister?". Jetzt gelte das Motto des ehemaligen Sunday-Times-Herausgebers Harry Evans: "Frag dich immer, während du einen Politiker interviewst: 'Warum lügt das Schwein mich an?'" Doch gerade diese Verachtung sei es, die an der "Abwärtsspirale des modernen Medienkrieges" Schuld sei: "Politiker und andere hohe Tiere sprechen ausweichend oder gar nicht um sich vor sich vor Schmähungen der Medien zu schützen. Dieses Ausweichen fördert dann den journalistischen Drang der Aufdeckung und Anklage (manchmal sogar im öffentlichen Interesse), der wiederum zu noch zwanghafterem Ausweichen der politischen Klasse führt."

Was man nicht alles für eine Predigt tut, wenn man ein ehrgeiziger junger weißer Priester in Afrika ist, liest sich in Damon Galguts Kurzgeschichte "An African Sermon".

Weitere Artikel: Für Anatol Lieven steht fest, dass die Bush-Regierung, solange sie fortfährt, in den Paradigmen des Kalten Krieges zu denken, nicht in der Lage sein wird, eine adäquate Antwort auf nichtstaatlichen Terror zu finden. David B. Green fragt sich, was aus dem großen Historiker Benny Morris und der israelischen Linken geworden ist, und ob die depressive Resignation jener Israelis, die in den Palästinensern keinen wirklichen Verhandlungspartner zu haben glauben, nicht zu selbstgerecht ist. Es ist soweit, raunt Philip Ball, amerikanische Wissenschaftler haben aus nichts Leben geschaffen. Und das hat Konsequenzen. Und schließlich wundert sich Jonathon Keats, wie David Foster Wallace es schafft, nicht nur ein grottenschlechter Schriftsteller zu sein - wie sein jüngster Erzählband "Oblivion" erneut bezeuge -, sondern sogar eine Art Dr. Mengele der amerikanischen Literatur, und dabei trotzdem einer der besten Essayisten überhaupt.
Archiv: Prospect

Spiegel (Deutschland), 26.07.2004

Karlheinz Brandenburg, Erfinder des MP3-Formats (mehr hier und hier), hat ein neues Tonsystem, Iosono, erfunden und in Hollywood vorgeführt, berichtet Marco Evers: "Es wurde dunkel im Saal, und in der Düsternis erwachte eine pralle Welt der Klänge, gespeist von über 20.000 Watt: Vorn links knallte eine Peitsche. Pferde galoppierten, Vögel sangen, brüllende Löwen jagten quer durch den Raum, dann ging ein tropischer Regenschauer nieder ... Das Besondere in diesem Pan-Audium: Jeder Ton kam nicht einfach nur von vorn, hinten, links oder rechts. Die Zuhörer konnten seine Herkunft vielmehr so exakt bestimmen, dass ein Großwildjäger in diesem Raum einen Löwen nach Gehör hätte erlegen können. Fast schien es, als ploppte jeder Regentropfen an einem anderen Punkt innerhalb des Raumes auf den Boden." Brandenburgs MP3-Format hat viele Menschen reich gemacht hat, nur ihn nicht. Mit Iosono würde er gern auch einmal Geld verdienen, findet aber in Deutschland kein Risikokapital, um eine Firma zu gründen!

Weitere Artikel: Gerald Traufetter liefert einen hübsch selbstironischen Bericht über die Jahrestagung der International Society for Contemporary Legend Research: Es ging um die Verbreitung urbaner Mythen im Internet. Conny Neumann berichtet unter dem Titel "Das Scheitern der Tochter" vom Karriereknick der Monika Hohlmeier: "Im Krisen-Management war ihr Vater Franz Josef Strauß eben doch geschickter". Außerdem lesen wir einen Bericht über Präsidentenkandidat John Kerry vor dem Parteitag der Demokraten und ein Interview mit Saudi-Arabiens Ölminister Ali al-Naimi "über Terrorgefahr und wachsende Ölnachfrage".

Nur im Print: Ein Interview mit Nike Wagner - und hier nun außerdem einmal nicht nur, wie in diesen Tagen meistens, in ihrer Eigenschaft als "Urenkelin Wagners", sondern auch als neue Intendantin des Kunstfestes in Weimar befragt. Ein Artikel über den "neuen Ekel-Song" von Rammstein. Besprochen wird Peter Handkes neues Buch "Don Juan (erzählt von ihm selbst)".

Der Titel behandelt die Ergebnisse der Washingtoner Untersuchungskommission zur Vorgeschichte des 11. Septembers.

Archiv: Spiegel

New York Review of Books (USA), 12.08.2004

Kaum hat sich Reporter William Langewiesche den Staub von Ground Zero abgeschüttelt, legt er auch schon ein Buch über das Chaos auf hoher See vor. Jonathan Raban ist begeistert und fassungslos zugleich: "'The Outlaw Sea' ist zum einen eine Folge von luziden und oft aufregenden Geschichten über untergegangene, aufgelaufene oder geenterte Schiffe. Es ist aber auch eine beunruhigende Untersuchung all der Gesetze, Verträge, Konventionen, Traditionen und Organisationen, die die See regulieren sollen, aber nur zu Myriaden von Schlupflöchern führen, die von erfindungsreichen Schurken ausgenutzt werden können. Laut Langewiesche sind über die sieben Zehntel Wasser des Globus 143.000 Schiffe verstreut, die meisten segeln unter den Billigflaggen von Ländern wie Tuvalu; viele sind gefährliche Rostkähne, alle viel zu schlecht bemannt mit Crews, die nach Drittwelt-Löhnen angeheuert sind. Die Besitzer dieser Kähne sind, versteckt hinter einem Gestrüpp von Strohfirmen, nur schwer, meist gar nicht aufzuspüren... Wie Langewiesche trocken bemerkt, sind auch Osama bin Laden und seine Kompagnons im Schiffsgewerbe, mit einer bemerkenswerten Flotte älterer Frachter. Die Aufenthaltsorte und Identitäten dieser vielgesuchten Schiffe sind unbekannt: Sozusagen auf dem üblichen Seeweg sind ihre Namen, ihre Flaggen tief vergraben in einem Ozean irreführenden Papierkrams, jenseits aller Auffindbarkeit."

Weiteres: John Ryle blickt auf die Situation im Sudan und findet es besonders tragisch, dass die Massaker von Darfur auch sämtliche Friedensaussichten für den noch weitaus blutigeren Bürgerkrieg im Südsudan zunichte machen. Dort kämpfen seit 21 Jahren Truppen der islamischen Regierung gegen die christlichen Rebellen der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung. Ronald Dworkin diskutiert ausführlich das Urteil des Obersten Gerichtshof zu Guantanamo, das "ein für allemal den empörenden Anspruch der Bush-Regierung zurückgewiesen hat, der Präsident habe die Macht, Personen einzusperren, die er für Terroristen hält, ohne Zugang zu Anwälten und ohne die Möglichkeit, ein Gericht anzurufen."

Garry Wills hat Bill Clinton immer noch nicht verziehen, dass er nicht zurückgetreten ist, obwohl er das amerikanische Volk belogen habe. Geoffrey O'Brien hält Michael Moores "Fahrenheit 9/11" für eine notwendige Erinnerung daran, dass "wir mehr sehen und hören müssen, als uns die Regierung und die Nachrichtenkanäle zugestehen." Und schließlich feiert die mexikanische Schriftstellerin Alma Guillermoprieto den Clown Brozo für seine tägliche Sendung "El Mananero", deren letztes Highlight ein Video war, das den Wahlkampfmanager des Bürgermeisters von Mexiko City bei einer Geldübergabe zeigt.

London Review of Books (UK), 22.07.2004

Rosie muss sterben, damit Gracie leben kann. David Wootton ist tief beeindruckt von Alice Dromurat Dregers Buch "Conjoined Twins and the Future of Normal", in dem sie anhand des medizinischen und juristischen Umgangs mit siamesischen Zwillingen die scheinbar grundsätzlichen und unveräußerbaren Begriffe der Menschlichkeit als nicht-hinterfragte, gedankliche Norm entlarvt. Beispiel: der Fall Gracie und Rosie Attard, die sich Herz und Lunge teilten, und die 2000 gegen den Willen ihrer Eltern getrennt wurden, weil zu befürchten war, dass sie andernfalls beiden sterben würden. Dies bedeutete, Rosie vorsätzlich zu töten, und es kam zum Gerichtsverfahren - das die Trennung für rechtmäßig erklärte: "Alle Richter waren stimmten darin überein, dass Trennung ein Gut an sich darstellt, weil sie Autonomie, Selbstbestimmung und Privatspäre ermögliche. Lord Justice Walker ging sogar so weit, zu argumentieren, dass es in Rosies größtmöglichem Interesse sei, sie zu töten, da ihr die Trennung 'die körperliche Integrität und die menschliche Würde' gebe, die ihr rechtmäßig zustehe."

Der israelische Schriftsteller Yitzhak Laor beobachtet, wie panisch die israelische Öffentlichkeit den eigenen Opfermythos am Leben erhält, um das aggressive Handeln den Palästinensern gegenüber zu rechtfertigen: "Gräueltaten wurden schon immer gegen uns verübt. Doch je brutaler Israel wird, desto mehr braucht es unser Image als das ewige Opfer. Daher auch die Wichtigkeit des Holocausts seit dem Ende der achtziger Jahre (der ersten Intifada), und seine Rückkehr in die hebräische Literatur (David Grossmans "See under: Love"). Der Holocaust ist Teil des Opferbildes - was auch den Wahn der staatlich bezuschussten Schulfahrten nach Auschwitz erklärt. Das hat dann weniger damit zu tun, die Vergangenheit zu verstehen, als eine Umgebung zu schaffen, in der wir heute als Opfer dastehen können. Pendant dieses Opferbildes ist das Bild des gesunden, schönen und sensiblen Soldaten." Kein Wunder also, so Laor, dass die von israelischen West-Bank-Soldaten organisierte Refusenik-Ausstellung 'Breaking the Silence' geschlossen wurde und wichtige Ausstellungsstücke wie Videobänder mit den Aussagen junger Soldaten beschlagnahmt wurden. Laor hat die Texte der Aussagen ausfindig gemacht, und beschließt damit seinen Artikel.

Weiteres: Die höhere Mathematik lässt grüßen: Mit Hilfe von Keith Devlins Buch "The Millennium Problems" versucht A. W. Moore, mathematischen Laien die sieben mathematischen Rätsel vorzustellen, für deren Lösung das Clay Mathematics Institute eine Belohnung von einer Millionen Dollar ausgesetzt hat (darunter auch der Beweis der berühmten Riemannschen Hypothese über die Streuung von Primzahlen. Mit einiger Bitterkeit berichtet daraufhin Karl Sabbagh, dass, obwohl es dem zu Unrecht verhassten Mathematiker Louis de Branges gelungen sein könnte, den Beweis für die Riemannsche Hypothese zu erbringen, die mathematische Welt sich weigert, seinen 121-seitigen Beweis zu lesen. Und schließlich findet Thomas Jones es peinlich, wie einseitig und parteiisch John Lloyd in seinem Plädoyer für einen respektvolleren Journalismus ("What the Media are Doing to Our Politics", Constable) argumentiert (siehe auch Lloyds eigene Darstellung in Prospect).

Express (Frankreich), 22.07.2004

L'Express setzt seine Reihe von Gesprächen mit dem Kulturhistoriker Michel Pastoureau über die Geschichte der Farben fort. Heute ist Grün dran, das lange als Farbe der Instabilität galt, weil die meist aus pflanzlichen Stoffen gewonnene Farbe am Licht schnell verblasste, erklärt Pastoureau. Und eine Mischung aus gelben und blauen Stoffen wäre kaum in Frage gekommen: "Das ist eine ganz junge Idee. Niemals wären unsere Vorfahren vor dem 18. Jahrhundert auf die Idee gekommen, grüne Farbe durch solch eine Mischung zu produzieren. Sie wussten sehr gut, wie man sie direkt erzeugen konnte, und auf ihrer Farbskala situierten sie sie keineswegs zwischen Gelb und Blau. Die verbreitetste Farbskala war die des Aristoteles: weiß, gelb, rot, grün, blau, schwarz.. Erst die Entdeckung des Spektrums durch Newton gab uns eine andere Klassifizierung."

Für großen Ärger sorgte der Aufruf Ariel Scharons an die französischen Juden, wegen des angeblichen Antisemitismus im Lande nach Israel zu emigrieren. Jacques Attali schreibt in der neuen Nummer des Express einen empörten offenen Brief an den israelischen Ministerpräsidenten. Und Marc Epstein versucht Scharons Attacke aus den demographischen Problemen Israels zu erklären. Das Land braucht neue Bürger: "Und heute, da die Wellen der Emigration aus Mitteleuropa und der ehemaligen Sowjetunion beendet sind, sind die Länder mit der größten jüdischen Bevölkerung die USA und Frankreich. Folglich ist es im Interesse der israelischen Führung, das Gefühl der Unsicherheit unter den Juden Frankreichs zu verstärken."
Archiv: Express

Numero (Kolumbien), 01.06.2004

Numero, eine von zwei vorzüglichen Kulturzeitschriften aus Kolumbien (die andere heißt El Malpensante), hat eine neue Ausgabe auf den Markt gebracht. Darin findet sich eine Stichwörter-Sammlung des mexikanischen Essayisten Carlos Monsivais über Auswirkungen der Globalisierung auf Literatur und Lesegewohnheiten. "In einem Prozess, in dem wir alle, auf die ein oder andere Weise, zum Inbegriff des Globalen werden, mutiert der einzelne Leser immer mehr zum Vetreter aller Leser", räsoniert er beispielsweise. "Es fehlt nicht mehr viel, und wir bekommen auf Partys zu hören: 'Du siehst aber global aus'. Oder aber: "Wusste gar nicht, dass du so lokal bist".

Weitere Artikel handeln von den Eindrücken eines jungen kolumbianischen Schriftstellers in Israel sowie von der Jagd nach einem entwendeten Ulysses-Band (in einer Kurzgeschichte der Ecuatorianerin Coca Ponce). Ebenfalls frei zugänglich sind zwei Themenschwerpunkte: Während der eine, zu Mexiko, eher anekdotisch gehalten ist, geht es in dem anderen um kolumbianische Autoren, die zumeist unfreiwillig im Ausland leben. "Wegen Todesdrohungen musste ich das Land zweimal verlassen. Zuerst im Mai 1998 und dann im Mai 2003. Jetzt fällt mir auf, dass der Mai nicht mein Monat ist", berichtet etwa der Ex-Guerillero, Journalist und frischgebackene Romancier Leon Valencia. Zu Wort kommt auch der Schriftsteller und Soziologe Alfredo Molano, der schon seit Jahren auf literarisch höchstem Niveau die Komplexität seines Heimatlandes erkundet, jedoch bislang kaum übersetzt worden ist (hier eine Ausnahme auf englisch).
Archiv: Numero

Times Literary Supplement (UK), 23.07.2004

Richard Davenport-Hines könnte unzählige Beispiele finden, die belegen, mit welch ignoranter Feindseligkeit die britische Aristokratie herumgestoßen wird. Nicht zuletzt die Reaktionen auf Sir Peregrine Worsthorne' Manifest "In Defence of Aristocracy", das als "wirrköpfiges, snobistisches Plädoyer für eine Wiedergeburt des Erbadels karikiert wurde, voll reaktionärem Verlangen nach der guten alten Zeit, als die Times ihre Journalisten noch über einem Kotelett bei Pratt's rekrutierte." Aber Worsthornes Buch ist nichts davon, ruft Davenport-Hines, es will lediglich einen "Zustand der öffentlichen Meinung herstellen, in dem die alte Upper Class und ihre Institutionen als eine Stärke empfunden werden - und vor allem als ideal geeignet für den Dienst an der Öffentlichkeit."

Reich, ehrgeizig und anregend findet H. J. Jackson William St. Clairs große Studie "The Reading Nation in the Romantic Period", besonders spannend die Passagen, in denen St. Clair erzählt, wie in den 1830er Jahren Verlage vom Kontinent piratengleich die britische Inseln mit Lesestoff versorgt haben, als den viktorianischen Verlegern Inhalte und niedrige Preise der französischen Büchern gleichermaßen sündhaft erschienen. Jacksons Fazit: "Die opportunistische Welt des Verlagswesens scheint damals genauso instabil gewesen zu sein wie die Dotcoms von gestern.

Dem britischen Autor Robert Macfarlane sind - kein Wunder - die Verrisse des "anständigen", aber keineswegs akademisch-blutarmen James Wood lieber als die des "Kampfhund-Kritikers" Dale Peck. Samantha Matthews erfreut sich an Carol Shields fantasievolle, witzige und mit Verve geschriebene "Collected Stories".

Economist (UK), 23.07.2004

John Kerry steht eindeutig im Rampenlicht dieser Ausgabe. Doch wer oder was genau ist dieser John Kerry? Und wofür steht er? Sein größtes politisches Talent scheint jedenfalls im Nicht-Sein zu bestehen (etwa darin, nicht George Bush zu sein). Doch diese Umschreibung will dem Economist nicht genügen und so schreitet er zum umfassenden Porträt dieses dem "entwendeten Brief" von Edgar Allan Poe so ähnlichen Mannes: "Vielleicht rührt die Schwierigkeit, den Kern seiner Überzeugungen auszumachen, weitgehend von seinen Denkgewohnheiten her. Entscheidungen fällt er mit Bedacht. Er sichtet alles vorhandene Material, vertieft sich in Details und bildet sich ein Urteil, indem er widersprüchliche Argumente gegeneinander abwägt. Bestenfalls können solche Denkprozesse das Anzeichen für einen weitreichenden, sorgfältigen und für Nuancen, Komplexität und feine Unterscheidungen sensiblen Geist sein. Schlimmstenfalls ist diese Haltung aber Erbsenzählerei, Unentschlossenheit und die Unfähigkeit, den Wald vor lauter Bäumen zu sehen."

Außerdem lesen wir, warum der Economist im Nachhinein gut verstehen kann, dass George W. Bush keinen Untersuchungsausschuss zum 11. September einsetzen wollte, was die kürzlich verstorbene Tänzerin und Choreografin Bella Lewitzky bei ihrer Anhörung durch die McCarthy-Kommission antwortete ("Ich singe nicht, ich tanze"), und dass Großbritannien jetzt unziviles Verhalten kriminalisiert.
Archiv: Economist

Nouvel Observateur (Frankreich), 22.07.2004

Nachdem vergangene Woche (hier) der Philosoph Jean-Pierre Vernant über unser hellenistisches Erbe nachgedacht hat, erklärt heute der Historiker Jaques Le Goff, inwiefern das zeitgenössische Europa aus dem Mittelalter hervorgegangen ist. Unter dem Stichwort "Die Intelligenzia und die Kaufleute" schreibt er: "Ich war immer davon überzeugt, dass das Netzwerk der mittelalterlichen Universitäten in der Geschichte der westlichen Zivilisation eine wesentliche Rolle gespielt hat. Die Intellektuellen im Mittelalter, denen ich einen Großteil meiner Arbeit gewidmet habe, erfüllten Funktionen, die man heute als Forschung, Lehre und soziale Vermittlung bezeichnen würde. Die Institution Universität hat maßgeblich dazu beigetragen, dieser dreifachen Funktion innerhalb eines Raums des Ausstauschs im europäischen Maßsstab eine Form zu verleihen."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem derzeit bekanntesten australischen Schriftssteller Tim Winton (mehr), dessen letzter, für den Booker Prize nominierter Roman "Dirt Music" gerade in Frankreich unter dem Titel "Par-dessus le bord du monde" (Rivages) herauskommt (in Deutschland heißt es abwechslungshalber "Der singende Baum"). Der Roman erzählt eine Liebesgeschichte und spielt in einem Küstenort Westaustraliens, in dem Winton inzwischen lebt. Mit dessen Einwohnern, die erst allmählich herausfanden, welche Berühmtheit da anonym zugezogen war, hat er einen Deal geschlossen: "Sobald Journalisten versuchen, mich aufzustöbern, schicken sie sie meilenweit in die entgegengesetzte Richtung. Im Gegenzug habe ich mich verpflichtet, den Namen der Stadt nicht zu verraten, damit die Leute nicht belästigt werden. Aber der Ort in meinem Buch, White Point, hat Ähnlichkeit mit diesem Städtchen."

In Fortsetzung der Sommerserien bringt der Obs einen weiteren Brief von Emile Zola an seine Geliebte und Mutter seiner beiden Kinder Jeanne Rozot. Exzentriker der Woche ist diesmal Salvador Dali: "Le grand masturbateur" - soll man das jetzt mit "der große Wichser" übersetzen?

New York Times (USA), 25.07.2004

Die Diskussion über das Imperium der Vereinigten Staaten von Amerika läuft auf Hochtouren. In dieser Ausgabe nimmt sich die New York Times Book Review der vier wichtigsten neuen Büchern zum Thema an, und keines kommt ungeschoren davon.

Als "den bisher ambitioniertesten Versuch, historische Analyse mit dem derzeitigen Weltgeschehen zu verbinden", lobt John Lewis Gaddis den Band des englischen Historikers Niall Ferguson, der den USA ein schlechtes Zeugnis im imperialen Benehmen ausstellt. Trotz bedenkenswerter Argumente leide "Colossus" (erstes Kapitel) aber unter Widersprüchen, wundersamen Abschweifungen und Fehlern. Für eine euphemistische Mogelpackung hält Ronald Steel Michael Ignatieffs Gedanken zu einem politisch-ethischen Kodex in den Zeiten des modernen Terrors. Denn anstatt Folter, Angriffskriege oder gezielte Tötungen zu verbieten, liefere Ignatieff in "The Lesser Evil" (erstes Kapitel) ein "elegant verpacktes Handbuch für nationale Selbstgerechtigkeit".

Francis Fukuyama (mehr) hat für "Multitude" (Leseprobe), das neue Buch der neomarxistischen Denker Michael Hardt und Antonio Negri (bei uns bekannt durch "Empire"), nur ein Kopfschütteln übrig. "Die Schwammigkeit der Analyse kann gar nicht genug betont werden." Nahezu uneingeschränkte Zustimmung erfährt einzig Hugh Thomas' "Rivers of Gold" (erstes Kapitel), das die kurze Ära der spanischen Eroberer wieder aufleben lässt. Paul Kennedy staunt: "Er scheint alle verfügbaren Quellen gelesen zu haben." Schließlich kann ein Gespräch angehört und gelesen werden, dass Paul Kennedy und John Lewis Gaddis über die neue Weltordnung geführt haben.

In den übrigen Besprechungen stellt Mark Kamine Debütromane vor, Judith Martin widmet sich Sally Bedell Smiths Schilderung der königlichen Aura der Kennedys, und Carlo D'Este empfiehlt Norman Davies Untersuchung des gescheiterten Warschauer Aufstandes gegen die deutschen Besatzer im August 1944.

Matt Bai stellt in der Titelgeschichte des New York Times Magazine die neue Generation von Demokraten vor, die an einer riesigen linksliberalen Revolution und der Neuerfindung der Demokratischen Partei tüfteln. Stephen Mihm fragt sich, ob die neue Generation nichttödlicher Waffen den Krieg wirklich sicherer machen. Christopher Caldwell denkt über die Zauberformel "Integrität" nach, die zwar nichts mehr bedeutet, die aber alle Politiker anstreben. Sam Schechner überlegt, woran die einst übermächtige Deutsche Küchenschabe gescheitert ist. Und Deborah Solomon lässt sich vom Schriftsteller Carl Hiaasen erklären, warum Florida schäbiger ist als man es beschreiben kann.