Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
26.04.2004. In Kafka erklärt der Psychiater Petr Prihohoda, wie sich die Tschechen mit der Vertreibung der Sudetendeutschen selbst verletzten. In der New York Review of Books prophezeit Peter W. Galbraith für das Jahr 2005 den großen Krach im Irak. In Le Point erzählt Bernard-Henri Levy, wie Salman Rushdie die Füße seiner Braut verwechselte. Outlook India porträtiert die Filmkomponisten Shankar-Ehsaan-Loy. Der New Yorker fischt im Irak mit TNT. Der Espresso stellt den Metzger Bouriqui Boucheta vor, einen selbsternannten Imam. In Haaretz erzählen acht junge Aussteiger, warum sie in der Negev-Wüste leben.

Kafka (Deutschland), 01.05.2004

Die neue Ausgabe von Kafka beschäftigt sich mit den Vertreibungen des 20. Jahrhunderts und das wie immer auch auf Polnisch, Ungarisch, Tschechisch und Slowakisch..

Der tschechische Psychiater und Publizist Petr Prihohoda fürchtet, dass die Vertreibung der Sudetendeutschen nur eine von mehreren unbewältigten Vergangenheiten ist: "Die meisten Tschechen haben außer Befürchtungen keine spontane Zukunftsvision. Eine Minderheit setzt auf die Europäische Union. Und die Mehrheit? Die ist ambivalent, viele empfinden Unlust... In diese Gemengelage dringt von Zeit zu Zeit die Stimme der Sudetendeutschen. Es sind nicht viele, doch rühren sie an den neuralgischen Punkt unserer Existenz. Ihre Vertreibung hat nicht nur sie, sondern auch uns verletzt. Selbst wenn man einen Moment lang die moralische Seite ausklammert, sind die Beschädigungen enorm. Die sudetendeutschen Gebiete erlebten eine Zerstörung, die wir nicht rückgängig gemacht, sondern noch vergrößert haben. Die Vertreiber und ihre Befürworter waren später entscheidend an der Gestaltung der Verhältnisse im ganzen Land beteiligt. Vertreibung wurde eine zulässige Methode, denn auf die Vertreibung der Deutschen folgte die weiterer Gruppen; nicht aus dem Land, sondern an den Rand der Gesellschaft und in die Gefängnisse."

Die jugoslawisch-ungarische Schriftstellerin Victoria Radics erzählt von den Isbeglica, den Hunderttausenden von Heimatlosen auf dem Balkan: "Isbeglica an der grünen Grenze, Isbeglica in sündhaft teuren Autos. In Massenquartieren, in Luxushotels und in Gästezimmern. Im Zug, die Habe gebündelt auf dem Rücken, oder mit riesigen Siegelringen an den Fingern. In Wien, in Berlin, in Budapest. Ungarn, Albaner, Serben und Moslems."

In der Printausgabe ist auch ein Essay von Karl Schlögel über das Jahrhundert der Vertreibungen zu lesen: "Wo solch ungeheure Menschenmassen im Bruchteil einer historischen Sekunde versetzt werden, müssen ungeheure Kräfte wirksam gewesen sein. Es bedarf einer ungeheuren Gewalt, um die Trägheit des Lebens zu überwinden, die Routinen zu erschüttern und Menschen in Bewegung zu versetzen. Daher ist seit jeher der Schock, die überfallartige Situation, die das Überraschungsmoment nutzt, ganz entscheidend. Mit langen Erklärungen wird nur alles komplizierter, ja verdorben. Man darf den zum Abtransport Bestimmten nicht mehr als maximal eine halbe Stunde geben, sonst kommen sie ins Nachdenken darüber, was man dagegen unternehmen kann ..."

Weiteres: Der Publizist Adam Krzeminski glaubt, dass der deutsch-polnische Streit um die Vertriebenen weniger diesen selbst und ihrem Schicksal gilt als vielmehr der politischen Rolle des Bundes der Vertriebenen. Und Doris Liebermann erinnert an verschiedene Schicksale deutscher Tschechen.
Archiv: Kafka

As-Safir (Libanon), 23.04.2004

In der Kulturbeilage der libanesischen Tageszeitung As-Safir hält Saqar Abu-Fachar den oft betonten arabischen Einfluss auf Europa im Mittelalter für überschätzt, da Denker wie Avicenna, Averroes oder Ibn Khaldun selbst "außerhalb der arabischen Kultur gestanden" und dort wenig Spuren hinterlassen hätten. "Obwohl seit 800 Jahren die arabische Kultur zerfällt, wird oft geradezu hochmütig behauptet: Ohne die Araber wäre Europa zugrunde gegangen und würde noch im dunkelsten Mittelalter stecken. Es gilt diese Legende zu berichtigen", sagt Abu Fachar und empfiehlt statt dessen die Frage, warum das westliche Modell so erfolgreich war.

Weitere Artikel: Feuilletonchef Abbas Beydoun (mehr hier) berichtet über ein Treffen zur modernen arabischen Literatur seit den siebziger Jahren an der Sorbonne Nouvelle. Ein weiterer Artikel beleuchtet die Geschichte des 1959 verstorbenen russischen Schriftstellers Daniel Andrejew (Sohn des bekannten Schriftstellers Leonid Andrejew, mehr hier), der 25 Jahre lang wegen eines unveröffentlichten Romans im Gefängnis saß. Uthman Uthman schreibt über die Anfänge des arabischen Buchdrucks in der syrischen Stadt Aleppo, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. Muhammad Ali Schams ad-Din ist von einer Textsammlung des Dichters Ibrahim al-Mulla, mit dem Titel "Ich verlor meinen Blick im Brunnen" beeindruckt, aus den düsteren Texten sprecht aber nach Meinung des Rezensenten vor allem eines: "Verzweiflung, Verzweiflung, Verzweiflung." Noch mehr Poesie: Zu einem Gemälde Van Goghs hat Shauqi Basi' ein Gedicht mit dem Titel "Bäume" verfasst.
Archiv: As-Safir

New York Review of Books (USA), 13.05.2004

"Amerikaner glauben gern, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt. Für den Irak mag das nicht länger stimmen, befürchtet der früheren US-Diplomat Peter W. Galbraith, der als Mitglied der Senate Foreign Relations Committee Saddam Husseins Giftgasangriffe gegen die Kurden enthüllt hatte. Nun untersucht er in der gebotenen Länge die Misserfolge der amerikanischen Besatzungspolitik. Noch düsterer ist sein Ausblick auf die künftige Entwicklung: "2005 wird der Irak den großen Krach erleben zwischen einer gewählten, von Schiiten dominierten Zentralregierung, die versucht, die Interimsverfassung umzustoßen, um ihren Willen dem ganzen Land aufzudrücken, und einer kurdischen Regierung, die darauf beharren wird, ihren de facto unabhängigen Status beizubehalten, den Kurdistan seit dreizehn Jahren genießt. Den politischen Streit wird ein erbittterter territorialer Streit um die ölreiche Provinz Kirkuk verschärfen, an dem sich Kurden, Sunniten, Schiiten, sunnitische Turkmenen und schiitische Turkmenen beteiligen werden. Das ist eine Formel für Bürgerkrieg." Um einigermaßen heil aus dem Irak herauszukommen und eine komplette Auflösung des Landes zu verhindern, fordert er eine Drei-Staaten-Lösung nach dem Vorbild des post-titoistischen Jugoslawiens.

Weitere Artikel: "Ratten machen uns Angst. Nein, sie versetzen uns in Angst und Schrecken. Sie sind unverschämt. Sie leben in unseren Häusern, essen sich durch unsere Wände und beißen unsere Kinder... Andere Tiere sind wesentlich gefährlicher, aber sie kommen uns nicht so nah". Sue M. Halpern hat sich schön mit Robert Sullivans Geschichte der possierlichen Tierchen "Rats" gegruselt. Luc Sante lästert über die jung gebliebenen Leser des jung gebliebenen, aber verantwortungsbewusst gewordenen Nick Hornby: "Wie Hornby können auch sie über ihr jüngeres Selbst lachen, sie hören dämlichen Heavy Metal und sind erleichtert, dass sie sich selbst keinen Herausforderungen mehr stellen müssen. Der Schock des Neuen ist etwas, was sie im Alter zwischen sechzehn und vierundzwanzig gesucht haben."

Brian Urquhart warnt davor, Richard Clarkes "äußerst lesenswertes, oft aufregendes" Buch über die Terrorbekämpfung der Regierung Bush "Against all Enemies" als Neocon-Bashing misszuverstehen: "Es ist ein wichtiges Buch" (Dazu empfiehlt Urquhart auch die website der 9-11-commission). Und Freeman J. Dyson schließlich wünscht sich, so viel zu wissen wie Brian Greene, der mit "The Fabric of the Cosmos" ein grandioses, bestens verständliches Buch über theoretische Physik vorgelegt hat.
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New Yorker (USA), 03.05.2004

Anlässlich des 50. Jahrestages des legendären Falls Brown gegen den Bildungsausschuss, in dem es um die Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen der Südstaaten ging, stellt Cass R. Sunstein eine Reihe von Publikationen vor, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Die Lektüre der Rezension vermittelt einen anschaulichen (und gruseligen) Überblick über die historische Ausgangslage sowie die Folgen des Falles. "Ein Quiz: Wie viele der 1,4, Millionen schwarzen Kinder in den Südstaaten Alabama, Georgia, Louisiana, Mississippi und South Carolina besuchten 1960 gemischtrassige Schulen? Antwort: Null. Noch 1964, zehn Jahre nach dem Fall Brown, gingen über 98 Prozent der farbigen Kinder im Süden auf ausschließlich für Schwarze bestimmte Schulen."

Jon Lee Anderson ist im Irak mit TNT fischen gegangen und hat dabei einiges über den gemeinsamen "Aufstand" von Shiiten und Sunniten erfahren, die ihre Differenzen vorläufig begraben haben. Mehr in seinem langen, langen Brief aus Bagdad.

Weiteres: Rebecca Mead erklärt anlässlich der Wiederaufführung des Dokumentarfilms "Town Bloody Hall" von 1971 - der eine Debatte über Sexualpolitik zwischen Norman Mailer, Germaine Greer, Diana Trilling, Jill Johnston und Jacqueline Ceballos resümiert -, weshalb sie mit einer Wiederbelebung der Frauenbewegung rechnet. In einer Glosse amüsiert Christopher Buckley mit einer fiktiven Unterhaltung zwischen George W. Bush und Bob Woodward. Garry Bass kommentiert den Umgang der New York Times mit dem Begriff "Völkermord" (genocide). Und die Erzählung "Old Boys, Old Girls" schrieb in dieser Woche Edward P. Jones.

Peter Schjeldahl weist auf zwei Ausstellungen in New York und Los Angeles hin: "Singular Forms (Sometimes Repeated): Art from 1951 to the Present" im Guggenheim Museum und "A Minimal Future? Art as Object 1958-1968" im Museum of Contemporary Art. Besprochen werden außerdem die Theaterstücke "Assassins" von Stephen Sondheim und Jumpers" von Tom Stoppard. Und Anthony Lane sah im Kino "Laws of Attraction" von Peter Howitt und "Monty Python's Life of Brian". Die Kurzbesprechungen widmen sich diesmal neuer Lyrik.

Nur in der Printausgabe: Jane Kramer porträtiert die Malerin Dorothea Tanning (mehr hier), die mit Max Ernst verheiratet war, es gibt ein Porträt des Anwalts und Buchautors Raoul Felder und Lyrik von Rowan Ricardo Phillips und Phillis Levin.
Archiv: New Yorker

Point (Frankreich), 22.04.2004

Bernard-Henri Levy gehörte in Frankreich zu den wenigen, die sich von Anfang konsequent für Salman Rushdie einsetzten, und er hat nicht die Größe, dies in seiner neuen Kolumne zu verschweigen Mehr noch, er war eingeladen zu Rushdies Heirat mit der sehr schönen indischen Schauspielerin Padma Lakshmi, was er dankenswerter Weise ebenfalls ausplaudert, und das war so: "Die kleine Truppe der Freunde, die aus allen Ecken der Welt gekommen waren: London, Paris, Delhi, Berlin, Islamabad. Die beiden Familien, vor allem, so scheint mir, die Familie der Braut. Ein Vertreter des New Yorker Bürgermeisters, feierlich, intelligent. Man beginnt mit der Lektüre eines heiligen Hindu-Textes. Dann ein Gedicht von Tagore in der Bearbeitung von Pablo Neruda. Dann Shakespeare. Dann ein anderer indischer Text. Dann der laizistische Tausch der Ringe. Und dann, ein charmanter Moment, wo Salman einen Ring über einen der Zehen der nackten Füße seiner Geliebten streifen soll, und er vor lauter Rührung den rechten und den linken Fuß nicht mehr auseinander zu halten weiß..."

Ferner im aktuellen Heft eine Hommage von Michel Tournier auf Immanuel Kant. Nur im zahlbaren Inhalt findet sich ein Interview mit Samuel Huntington über den Irak-Krieg.
Archiv: Point

Outlook India (Indien), 03.05.2004

Es gibt Bollywood - und es gibt New Bollywood: neue Regisseure, ästhetische Innovationen und, wie Saumya Roy zu berichten weiß, ein erweiterter musikalischer Horizont, der popmusikalische Abweichungen von der klassischen Formel des Hindi-Filmsongs zulässt - "Einflüsse einer musikalischen Intelligenz, die der Welt offen gegenüber steht". Roy hat das junge Produzententrio Shankar-Ehsaan-Loy (mehr) besucht, die mit ihren eklektischen Soundtracks zunehmend erfolgreich sind, und ist beeindruckt. Es rockt! (hier was zum Hören aus dem Film "Kal Ho Naa Ho", für den die drei die Musik schrieben).

Dreimal Literatur: Samit Basu erzählt in einem sehr kundigen Text die Geschichte der graphic novel und beleuchtet ihre Ankunft auf dem indischen Buchmarkt. Siddharta Deb bespricht mit Wärme und Begeisterung Tabish Khairs "The Bus Stopped", "ein Roman, der tief in die Natur und die Umstände menschlicher Mobilität in unserer modernen, gnadenlosen Welt hineinblickt". Und Urvashi Butalia hat ein Buch gelesen, dass genau zur richtigen Zeit kommt: "Purdah. An Anthology", ein Band über das religiös verordnete Kopftuch, der Texte aus zwei Jahrhunderten versammelt.

Außerdem sind natürlich die Parlamentswahlen in vollem Gange. Alles scheint prima zu laufen für die regierende BJP und ihren poster boy, den amtierenden PM Atal Behari Vajpayee. Doch der schien zuletzt in gedrückter Stimmung zu sein und gab seltsame Statements ab, weshalb sich alle fragen: Was ist los mit ihm? Ein Grund, vermutet Bhavdeep Kang, ist sicher der Zwischenfall vor ein paar Tagen, als bei einer BJP-Veranstaltung, auf der Saris an Bedürftige verteilt wurden, 22 Frauen zu Tode getrampelt wurden. "Doch hinter dem Missmut", mutmaßt Kang weiter, "könnte auch Methode stecken". Ob der stark auf sein Image bedachte - und womöglich regierungsmüde - Vajpayee schon mal vorsichtshalber zu seiner Partei auf Distanz geht, für den Fall, dass der Sieg nicht so triumphal ausfällt wie erhofft? Zu seiner Kontrahentin: Pushpranjan hat Sonia Gandhis italienischen Heimatort besucht und brauchte eine Weile, um jemanden zu finden, der sie kannte. Und Anita Pratap fragt sich in einem gewohnt scharfzüngigen Text, wen Indiens Muslime wohl wählen werden, kritisiert en route die "prinzipienlose, opportunistische" Minderheitenpolitik der großen Parteien und schließt: Bestimmt nicht BJP.

Literaturen (Deutschland), 01.05.2004

Schwerpunkt dieser Ausgabe ist das in der technologischen Schnelllebigkeit verschwindende Kleinod des Briefes. Und da hat Literaturen einen besonderen Fang gemacht, den sie (leider nur in der Printausgabe) präsentiert: die Briefe des jungen W. G. Sebald an seinen Studienfreund Reinbert Tabbert, die "den Erzmelancholiker unter den Schriftstellern" in einem überraschend frisch-ironischen Licht erscheinen lassen. Um diese Korrespondenz herum gesellen sich weitere Beiträge: Einleitend liefert Manfred Schneider eine kurze Literaturgeschichte des Briefs vom Apostel Paulus bis zur Generation SMS. Darauf folgen (ebenfalls nur in der Printausgabe) Einblicke in bekannte wie unbekannte Korrespondenzen: einerseits der "Wettstreit der Eitelkeiten" zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen, andererseits die im September erscheinende Korrespondenz zwischen Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze, die Kunst und Zuneigung glücklich verflechtet.

Von ganz eigenem Format ist die von Sigrid Löffler vorgestellte und sehr bewegte Korrespondenz zwischen Scott und Zelda Fitzgerald, die beleuchten, was nach mehr als zehn Jahren Ehe aus den "Zeremonienmeistern" der Roaring Twenties geworden ist: ein ruiniertes, gebrochenes, sich liebend-hassendes Paar. Klarsichtige, aber harte Worte fallen, zumal sie teilweise aus nicht abgeschickten Briefen stammen. Hier eine Kostproben aus der Krisenzeit: Scott: "1921 waren wir das am meisten beneidete Paar in Amerika". Darauf Zelda: "Das stimmt. Wir waren schrecklich gute Schauspieler."

Weitere Artikel: Im Kriminal berichtet Franz Schuh von Petros Markaris' "Live!", einem griechischen Krimi, der ein bekanntes Muster mit pikanten Neuerungen versieht. David Flusfeder tummelt sich auf Londoner Buchpremierenfeiern und weist uns in den Sprachcode ein, der schon von der Einladung auf die Qualität des Premieren-Events schließen lässt. Und schließlich die Frage: Was liest Norbert Bolz, seines Zeichens Professor für Medienwissenschaft am Institut für Sprache und Kommunikation der Technischen Universität Berlin? Die Antwort: Vieles und vor allem gleichzeitig.
Archiv: Literaturen

Espresso (Italien), 29.04.2004

Die Invasion der Imame beschäftigt Dina Nascetti. Sie hat einige der oft selbsternannten Religionsführer besucht und zu einem Panoptikum des Islams in Italien zusammengefügt, der besonnene Moderatoren ebenso beherberge wie aggressive Brandredner. "Der Metzger Bouriqui Boucheta, bekannt für seine verbale Vehemenz. Boucheta, lange weiße Tunika und Bärtchen, lebt, arbeitet und kämpft in Turin und tut alles, um sich in Szene zu setzen. Wahrer Agit-Prop, jede Situation ist geeignet, um in den Massen von frustrierten Immigranten aufzufallen. Er hat Osama Bin Laden verteidigt: 'Er ist ein guter Muslim'. Er sammelt Geld, um es an die palästinensischen Brüder der Hamas zu schicken. Er spricht Fatwas aus, wie jene für den Abfall vom rechten Glauben (darauf steht der Tod) gegen dem Imam Abdelaziz Khonati, seinen gefährlichen weil moderaten Konkurrenten."

Im lesenswerten Titel stellt Enrico Pedemonte den UNO-Sondergesandten für den Irak, den Algerier Lakhdar Brahimi vor. Der erntet nicht nur Pedemontes Wohlwollen für seine angriffslustiges Auftreten gegenüber den USA. "'Jeden Tag lässt Brahimi neue Anschuldigungen gegen die Amerikaner los, wegen ihrer Fehler in Bagdad. Das Paradoxe daran ist, dass sie ihm dafür auch noch dankbar sind', sagt ein arabischer Diplomat."

Weitere Artikel: Der italienische Norden, wirtschaftlicher Motor des Landes, stottert, warnt Gigi Riva. Die Krise sei substanziell, der Staat müsse ran und zukunftsorientierte Initiativen starten. Und Michele Serra fällt auf, dass Bush der legendäre und langersehnte Große Quqbar ist, der den zersplitterten Islam zu neuer Einheit führt.
Archiv: Espresso

Reportajes (Chile), 25.04.2004

Oliver Stone hat nachgelegt, oder vielmehr nachlegen müssen: Die US-Fernsehgesellschaft HBO, in deren Auftrag er im vergangenen Jahr sein umstrittenes erstes Fidel Castro-Langstrecken-Filminterview "Comandante" geführt hatte (Perlentaucher berichtete), hat Stone ein zweites Mal nach Kuba geschickt, auf dass ein etwas weniger hagiographisches Porträt des "Maximo Lider" entstehe. Das Resultat, unter dem Titel "Looking for Fidel" vor wenigen Tagen im US-Fernsehen vorgestellt, stößt erwartungsgemäß auf gemischte Reaktionen (hier die Fernseh-Rezension der New York Times, hier der Kommentar des durchaus um Ausgleich bemühten (exil)kubanischen Internet-Magazins Encuentro - zu Encuentro siehe auch hier). Die chilenische Reportajes bringt ein Interview mit Stone, das die Journalistin Ann Louise Bardach geführt hat: Zeigt sich Castro in "Looking for Fidel" "hundertprozentig auf den Tod vorbereitet" und "absolut sicher, dass mein Einfluss, wenn ich morgen sterbe, zunehmen könnte", zeigt sich Stone seinerseits erneut entschlossen, solchem Selbstbewusstsein wenig entgegenzusetzen: "Das ist paternalistisch, nicht totalitaristisch. Ein typischer Latino-Charakterzug."

Weniger Freude am "typisch lateinamerikanischen" Paternalismo hat dagegen Isabel Allende: "Die chilenische Literaturszene ist ungeheuer machistisch und verschlossen", klagt die die meiste Zeit in den USA lebende Autorin im Interview mit Marcelo Soto. In einem weiteren Artikel wird gegen den argentinischen Präsidenten Nestor Kirchner der Vorwurf erhoben, sich mit seinen Drohungen, die Gaslieferungen an Chile zu unterbrechen, in eine größere Gefahr für die Region verwandelt zu haben als die "paternalistisch-machistischen" Präsidenten Venezuelas und Boliviens Chavez und Mesa.
Archiv: Reportajes

Haaretz (Israel), 23.04.2004

Mitten in der Negev-Wüste, 25 Minuten entfernt von der Ben-Gurion-University entsteht eine alternative Studentensiedlung, über die Vered Levy-Barzila in der Titelgeschichte berichtet. "Bitte, beschreibt uns nicht als asketische Idealisten", sagen die Gründer, acht israelische Mittzwanziger aus Jerusalem. Sie sehen sich als Pioniere und Jungunternehmer, die der Oberflächlichkeit des heutigen Lebens in Israel entfliehen wollen. Levy-Barzila zitiert einen der Gründer, Micha Freind: "Es gibt eine Erziehungslücke in der Generation unserer Eltern. Es ist nicht so, dass sie etwas falsch gemacht haben. Sie haben es so gut gemacht wie sie konnten. Sie haben sich halb tot geschuftet und uns dann gesagt: 'Ihr Kinder werdet die großen Ideologien vergessen. Wir haben für euch die Infrastruktur gebaut, diese Phase ist vorbei, und jetzt geht los und macht euer eigenes Ding.' Das ist eine Fiktion. Was ist vorbei? Nichts ist vorbei. Sie lagen falsch. Wenn sich also nur noch um die eigene Person dreht, gibt es kein Glück. Viele junge Leute wurden in diese Fiktion hineingezogen und leben jetzt in einer Blase."

Sicher nicht einziehen wird dort der israelische "Mr Saturday Night" Yoav Tzafir, den Neri Livneh als Produzenten seichter, aber erfolgreicher Reality-Shows vorstellt. In drei weiteren Porträts geht es zunächst um den 91-jährigen Ex-General Yitzchak Pundak, der noch immer von der Niederlage bei Nitzanim im Unabhängigkeitskrieg 1948 verfolgt wird, sowie den Basketball-Shootingstar David Bluthental und schließlich die Künstlerin Nelly Agassi, die derzeit mit einer Performance, in der "nichts passiert", das Tel Aviv Museum of Art füllt.

Außerdem: Uri Klein lobt überschwänglich den in der Cinematheque Tel Aviv anlaufenden Kinofilm "Arna's Children" und empfiehlt den Lesern: "Schaut Euch diesen Film an, er ist wichtig!" Das wöchentliche Familienporträt bietet interessante Einblicke in den Alltag der drusischen Kleinstadt Daliat al-Carmel.
Archiv: Haaretz
Stichwörter: Tel Aviv

Nouvel Observateur (Frankreich), 22.04.2004

Im Debattenteil warnt Esther Benbassa, Dozentin für Geschichte des modernen Judentums an der Ecole pratique des Hautes Etudes in einem Artikel an die Adresse der jüdischen Gemeinde von Frankreich vor einer übertriebenen "Pflicht zur Wachsamkeit". Vor lauter Angst vor einem arabischen oder sonstigen Antisemitismus versuche man inzwischen immer häufiger Diskussionsveranstaltungen oder Filmvorführungen zu verbieten, ein Riesenfehler, mein tBenbessa: "Solche Praktiken sind um so inakzeptabler als sie ausgerechnet aus einem Vok kommen, das selbst so oft Opfer von Zensur, Verboten und Bücherverbrennungen wurde. Statt zu diskutieren, verbietet man und das im Namen eines Zionismus, der in vielen Milieus, die über das Judentum nicht mehr viel wissen, zu einer Art Ersatzidentität wurde."

Weiteres: Eine Reportage führt in die "Hölle der Abgelehnten", sprich in die Verlage, wo jährlich Tausende von Manuskripten eintrudeln, die Lektoren zur Verzweiflung treiben. So meint etwa Philippe Sollers von Gallimard: "Ich bin doch kein Sanitäter! Trotzdem meint jeder, er habe das Recht, über sein Leben zu faseln und mir ein Manuskript schicken, das undruckbar ist." Ergänzend dazu sind kurze Berichte von Autoren zu lesen, die das Glück hatten, dass ihre Manuskripte angenommen und tatsächlich veröffentlicht wurden. Darunter auch Philippe Dijan, der zugibt, es über Beziehungen versucht und geschafft zu haben.

Schließlich gibt es den Hinweis auf eine für "großartig" befundene Ausstellung im Pariser Musee d'Art et d?Histoire du Judaisme über die aus der Schweiz stammende Schauspielerin Rachel alias Elisa Felix. Als 17-Jährige gab die Tochter armer jüdischer Hausierer 1838 in Frankreich ihr Debüt und wurde ein Weltstar, der auch in den USA auf der Bühne stand.

Economist (UK), 23.04.2004

George Bush hat in der Harvard Business School wahrscheinlich vor allem im Kurs für Marken-Management aufgepasst, vermutet der Economist. "Im Jahr 2000 wählte er sich als Markenname 'der mitfühlende Konservative' - und hielt sich stur daran. Dieses Jahr blieb er genauso unnachgiebig bei dem Markennamen 'Kriegspräsident'." Einer erfolgreichen Vermarktung bei den Wählern komme derzeit jedoch einiges dazwischen, nicht zuletzt die Untersuchungskommission zum 11. September. "Diese Kommission wäre nie zustande gekommen, ohne das Lobbying einer Gruppe von Elfter-September-Witwen - und insbesondere eines Witwen-Quartetts, das als die Jersey Girls bekannt ist. Diese Witwen werden dem Kriegspräsidenten wahrscheinlich für den Rest der politischen Saison ein Dorn im Auge sein. Sie haben bereits ein Mordsspektakel gemacht, als die Republikaner sich dazu entschlossen, Bilder von den in Flaggen gehüllten Überresten der Opfer des 11. Septembers in einem Wahlwerbespot zu nutzen. Und sie könnten noch viel ungemütlicher werden, sollten Bushs Leute versuchen, während ihres Parteitages den Ground Zero zu instrumentalisieren. Einige Republikaner sorgen sich in der Tat, dass Karl Roves 'Geniestreich', den republikanischen Parteitag in New York abzuhalten, in die Geschichte eingehen könnte als ein krasser Versuch, eine nationale Tragödie für Parteizwecke auszunutzen."

In weiteren Artikeln kann man nachlesen, dass es richtig ist, in den EU-Staaten Volksabstimmungen über die europäische Verfassung durchzuführen, gerade weil so viel auf dem Spiel steht, ob die Zukunft der Marktwirtschaft in der Erfindung oder in der Innovation liegt, ob Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger entgegen seinem Wahlversprechen nicht doch die Steuern erhöhen muss, dass die Gandhi-Dynastie ernstzunehmenden politischen Nachwuchs bekommen hat (Rahul und Priyanka Gandhi), warum Silvio Berlusconi vielleicht doch nicht so innbrünstig für die Genesung des Lega-Nord-Führers Umberto Bossi betet, und warum es laut Einschätzung des Copenhagen Consensus Projekts wirtschaftlich sinnvoll ist, in von Bürgerkriegen heimgesuchten Ländern militärisch einzugreifen.
Archiv: Economist

Times Literary Supplement (UK), 23.04.2004

In dieser Woche lässt das TLS den spanischen Dichter Vicente Molina Foix eine Legende zertrümmern: Manuel Vazquez Montalban (mehr hier). Gerade mal vier Romane (von über achtzig) lässt Molina Foix gelten. Die Krimis findet er uninteressant, die Gedichte zu bemüht witzig. Ganz schlimm aber die politischen Schriften, wie zum Beispiel den posthum veröffentlichten Essay "La Aznaridad". "Hier offenbart Vazquez Montalban Anzeichen einer dogmatisch linken Infantilität, etwa in der Behandlung des baskischen Nationalismus und des ETA-Terrors, in seinem wohlmeinenden Blick auf Castros Cuba und in seinem exzessiven Gebrauch von Beleidigungen, die gegen den früheren sozialistischen Minister und jetzigen Chef der EU-Außenpolitik, Javier Solana, manische Ausmaße angenommen haben."

Weiteres: In einem Artikel, der wahrscheinlich neue Meilensteine in der Shakespeare-Forschung setzt, untersucht Lynn Forest-Hill die Magie des Prospero im "Sturm". Mäßig besprochen werden Ian Robertsons Biografie des Reiseschriftstellers Richard Ford, dem die Briten das erste positive Spanien-Porträt verdanken, und Ian Sinclairs neuer Roman "Dining on Stones" Ian Sinclair.

Spiegel (Deutschland), 26.04.2004

Andreas Lorenz versucht im Vorfeld des Europa-Besuchs von Chinas Premier Wen Jiabao im Mai der China-Euphorie, die zur Zeit nicht nur hierzulande, und nicht nur in Politik und Wirtschaft grassiert (in letzterer freilich besonders: "Manager beneiden die fernöstlichen Funktionäre darum, dass sie blitzschnell Investitionen durchdrücken können - ohne Rücksicht auf öffentliche Meinung, Umweltschutz oder rechtliche Auflagen.") etwas entgegenzusetzen: "'Früher musste man in Büchern nachlesen, was Manchester-Kapitalismus ist', sagt ein Pekinger Professor, 'heute braucht man nur quer durch China zu fahren.'"

Außerdem: Der Spiegel bringt einen Vorabdruck aus Bob Woodwards Darstellung der Vorgeschichte des Irakkrieges ("Plan of Attack", deutsch ab Juli unter dem Titel "Der Angriff. Plan of Attack"). Nur in der Print-Ausgabe gibt es ein Interview mit dem neuen Documenta-Chef Roger M. Buergel.

Im Titel werden diesmal ausführlich Risiken und Chancen, vor allem aber Probleme und Kosten der EU-Erweiterung vom 1. Mai.
Archiv: Spiegel

New York Times (USA), 25.04.2004

Der Quäker Josiah Harlan war nicht nur der erste Amerikaner in Afghanistan, er schaffte es sogar, ein Suzerain, ein König der Afghanen zu werden. Rudyard Kipling inspirierte das Leben des Abenteurers zu "The Man Who Would Be King", den gleichen Titel gibt nun Ben Macyntire seiner "packenden, skrupulös recherchierten" Biografie dieses vergessenen amerikanischen Nationalhelden des 19. Jahrhunderts. Alexander Frater hat die Geschichte des schillernden Hasardeurs mit glänzenden Augen gelesen. "In Kabul überlebte Harlan eine Cholera-Epidemie ('viel Alkohol und Drogen', lernte er, war die beste Prophylaxe), studierte Alchemie und malte planlos herum. Als er, gelangweilt wie er war, hörte, dass Ranjit Singh, der Maharadscha von Punjab, europäische Generäle rekrutierte, reitete er nach Lahore, wo er einen verkommenen einäugigen Alkoholiker vorfand, der Partys veranstaltete, bei denen Harlan 'ohne Reue und Scham an Intimitäten teilnahm, die zu beschreiben sich von selbst verbietet'."

Weitere Besprechungen: Im Aufmacher feiert David Brooks Ron Chernows Biografie (erstes Kapitel) über den vernachlässigten Founding Father Alexander Hamilton als neues Standardwerk. Den Erfolg von Lynne Truss' Polemik für die Einhaltung der Grammatikregeln "Eats, Shoots and Leaves" in England kann Edmund Morris schließlich nur schwer nachvollziehen.

Im New York Times Magazine erinnert sich Dan Barry in einem kurzweiligen Text an seinen ufogläubigen Vater, die nächtelangen Diskussionen, die er in seinem Bett mitverfolgte, und all die Beweise für extraterrestrisches Leben. "Diese Fotografie mit Ektoplasma, das aus dem Mund einer Frau tropfte wie aufgewärmtes Charleston Chew. Diese Geschichte über den Farmer, der vor den Augen seiner Frau verschwand, während sie über ein Feld gingen." Näheres im ersten Kapitel seines Buches "Pull Me Up".

Des weiteren unterhält sich Deborah Solomon mit Jehane Noujaim, die gerade einen Dokumentarfilm über den arabischen Nachrichtensender Al Jazeera abgedreht hat. "Al Jazeera könnte die einzige Basis des Arabischen Nationalismus sein, die noch übrig ist." David Rieff warnt davor, den angezählten Arafat zu unterschätzen, und Matti Bai fragt sich, ob ein altmodischer Tür-zu-Tür-Wahlkampf Bush noch retten kann.