Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
05.04.2004. In der Lettre besingt Karl Schlögel die Helden des neuen Europas. Im New Yorker schildert Seymour M. Hersh die dramatischen Konsequenzen einer falschen Afghanistanpolitik. Im Espresso feiert Umberto Eco die Spanier als neue semiologische Guerilla. Folio rühmt die slowakischen Helden der Maßarbeit. Reportajes widmet sich der Libido Pablo Nerudas. Die London Review of Books stellt eine Godard-Biografie vor. In Le Monde packt Pascal Bruckner die Europäer bei ihren postkolonialen Schuldgefühlen. Im New York Times Magazine hat Niall Ferguson eine Vision von Eurabia.

Lettre International (Deutschland), 01.04.2004

In der Lettre beschreibt der Historiker Karl Schlögel die Helden, die auf dem Basar der litauischen Stadt Marjampole still und unbemerkt das neue Europa schaffen: "Diese Händler haben keine 'zivilisatorische Mission', aber sie arbeiten an etwas, was Europa als zivilisatorischen Zusammenhang wieder entstehen lässt. Sie sind keine Sprachkünstler und keine Linguisten, aber eine gewisse Mehrsprachigkeit gehört zu den Voraussetzungen ihres Jobs. Sie sind nicht die Vertreter jener kosmopolitischen Kultur, die der Liebling des arrivierten Kulturbetriebes ist; dafür kennen sie sich in der Welt aus. Weltläufigkeit ist Bedingung ihrer Arbeit. 'Grenzüberschreitung' ist für sie keine intellektuelle Mode, sondern tägliches Brot im Überlebenskampf. Sie stehen 17 Stunden in Kalwarija an der litauisch-polnischen Grenze und noch einmal so lange in Swiecko/Frankfurt/Oder an der polnisch-deutschen Grenze. Sie kennen Europa nicht nur vom Hörensagen und nicht nur als Gemeinschaft von Werten und Prinzipien, sondern als Raum, den sie Dutzende Male von einem bis zum anderen Ende durchmessen haben."

Sabina Kienlechner stellt in ihrem "Versuch über die chora oder das dritte Geschlecht" fest, "dass wir keine Ahnung davon haben, was eine Mutter" ist. Schon Platon ordnet die Mutter der chora zu, bemerkt sie. Er nannte die chora ein "drittes Geschlecht", weil es das ist, "worin das Werdende wird". Kienlechner versucht nun, die Realität der Mutter zu verorten, die sie mit dem Neugeborenen teilt. Mit einer Art literarischer Phänomenologie schickt sie uns in die Welt des vorsprachlichen Lebens, das Reich der Wachstumsmusik Aus ihr dringt der Klang, "der es dem Kind ermöglicht, anzufangen, mitzumachen. ... Es ist eine Musik, die nicht erst einsetzt, sie war immer schon da, lange vor ihm. Nur: Eben jetzt dringt er ein."

Weitere Artikel: Ahmed Rashid beschreibt das Scheitern des Wiederaufbaus Afghanistans und die Folgen: die Taliban kehren zurück. Pico Iyer ist nach Tibet gereist und erzählt, wie es um das "Paradies der Traumsucher" bestellt ist. Der Sinologe und Philosoph Francois Jullien erklärt im Gespräch mit Roman Herzog, wie ihm das fernöstliche Denken geholfen hat, mehr über Europa zu erfahren. Mario Scheuermann besingt "das Aristokratische im Wein".

Nur im Print: Über das Schicksal Europas spricht Olivier Mongin mit George Steiner, der Europa in einem Niedergang begriffen sieht, "der von einer Ermüdung, einer maßlosen Ermüdung herrührt". Pedro Rosa Mendes liefert eine Reportage über die Gewalt in Liberia. Außerdem: Texte von Dzevad Karahasan, Roberto Bolano, Nedim Gürsel, Chalmers Johnson und Michail Ryklin und und und ... (Beachten Sie bitte auch die bildschöne neue Internetadresse der Lettre!)

New Yorker (USA), 12.04.2004

In einer lesenswerten Besprechung stellt Nicholas Lemann eine interessante Untersuchung des Princeton-Soziologen Paul Starr über die Rolle der amerikanischen Regierung für die Entwicklung der Massenmedien und ihrer Macht vor. ("The Creation of the Media: The Political Origins of Mass Communications"). Schon die Rezension vermittelt ein ausführliches Bild der amerikanischen Mediengeschichte von Anfang des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Die einzige kritische Einschränkung des Rezensenten: "Ein gut funktionierendes öffentliches Leben jenseits der Nachbarschaftsebene ist ohne guten Journalismus nur schwer vorstellbar, weil die Leute am bürgerlichen Leben nicht teilhaben können, ohne irgendetwas zu wissen. Starr ist hauptsächlich an Struktur, Umfang und Stellenwert der Medien interessiert. Aber ihre Inhalte sind ebenfalls von Bedeutung."

Weiteres: In einem ausführlichen Artikel untersucht Seymour M. Hersh, warum es in Afghanistan "nicht richtig läuft" und Bush dieses Problem einfach nicht los wird: die Taliban kehren massiv zurück und der Drogenhandel boomt wie nichts gutes. Zugleich ziehen die Amerikaner ihre erfahrensten Leute aus Afghanistan ab und schicken sie nach Baghdad. Die Kooperation mit den Warlords schafft neue Probleme. Hershs Analyse stimmt in vielen Punkten mit der Ahmed Rashids überein, die in der neuen Lettre veröffentlicht ist. Hendrik Hertzberg kommentiert die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Regierung mit der Untersuchungskommission der Anschläge vom 11. September. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "The Rabbit Hole as Likely Explanation" von Ann Beattie.

Besprechungen: Sasha Frere-Jones schwärmt von dem Album "Madvillainy", einer Gemeinschaftsproduktion des kalifornischen Produzenten Madlib und dem Undergroundstar MF Doom. David Denby sah im Kino "I?m Not Scared" ("Io non ho paura") von Gabriele Salvatores und "die neueste minimalistische Provokation" des Franzosen Bruno Dumont "Twentynine Palms". Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einer "überraschend unterhaltsamen" Studie über unterschiedliche kulturelle Reaktionen auf Siamesische Zwillinge und andere anatomische Abnormitäten.

Nur in der Printausgabe: ein Artikel über die Untersuchung einer Christus-Reliquie, ein Porträt der Schriftstellerin Madeleine L'Engle, ein Bericht über eine republikanische Vorwahl, die zu einer Herausforderung für die Partei wurde, und Lyrik von Vijay Seshadri und Melanie Rehak.
Archiv: New Yorker

Outlook India (Indien), 12.04.2004

Manu Joseph war ja eigentlich zu Besuch in Pakistan, um über das indisch-pakistanische Gipfeltreffen im Kricket zu berichten, doch nach Spielende und Sonnenuntergang machte er sich auf die Suche nach den Hot Spots des nächtlichen Vergnügens - "in einem Land, wo nur Minderheiten wie Christen und Diplomaten Alkohol konsumieren dürfen" und tanzen unakzeptabel ist. Joseph wundert sich, dass die Pakistanis trotzdem aufbleiben: "An öffentlichen Orten können die Leute nichts machen außer essen, bis in die frühen Morgenstunden, und komischerweise ist es genau das, was sie tun." Und dann gibt es ja noch die privaten Partys (Models, Tanz, Alkhohol!) und die Rotlichtviertel von Lahore. Eigentlich nicht groß anders als in Indien, meint Joseph, obwohl - Karatschi und Bombay zu vergleichen, gehe wirklich zu weit: "Bombay ist einzigartig - eine freie, lebendige, reiche und alptraumhafte Metropole. Karatschi ist eine Kleinstadt mit einer Menge Menschen."

Außerdem: Kanisha Singh erklärt die Gemeinsamkeiten des indischen und der US-amerikanischen Wahlkampfs und die geistige Verwandschaft von John Kerry und Sonia Gandhi. Prem Shankar Jha verzweifelt daran, dass die Leute glauben, was die PR-Experten der BJP ihnen erzählen - von wegen "Feelgood-Faktor"! Und Juhi Saklani lobt Manjula Padmanabhans Kurzgeschichtenband "Kleptomania".
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Espresso (Italien), 08.04.2004

Epochal, was da in Spanien nach den Anschlägen passiert ist, jubelt Umberto Eco in seiner Bustina di Minerva. Der Bürger hat sich endlich von den Medien emanzipiert. Eine semiologische Guerilla sei in Spanien entstanden, spontan und nicht-elitär, die die medialen Verlautbarungen nicht mehr glauben wollte. "Ein Wirbel, ein unaufhaltsamer Strom privater Kommunikation, der die Dimensionen eines kollektiven Phänomens annahm. Das Volk war bewegt, sah die Fernsehberichte und las die Zeitungen, aber zur gleichen Zeit kommunizierte jeder mit den anderen und fragte sich, ob das, was da kam, der Wahrheit entsprach. Innerhalb weniger Stunden bildete sich eine öffentliche Gegenmeinung heraus, die nicht das dachte und aussprach, was das Fernsehen ihnen weismachen wollte." Italien, seufzt Eco, ist da leider noch nicht so weit.

Der Titel ist der trüben Zukunft der italienischen Nachwuchsakademiker gewidmet, die sich auf wenige Jobs und noch weniger Geld einstellen dürfen. Kommt uns verdammt bekannt vor. Mit der Zukunft des Fernsehens beschäftigt sich Michele Serra in seiner Satira preventiva. Alle professionellen Journalisten, unkt er, würden durch Selbstentblößer von der Straße ersetzt, einige Prototypen zählt er gleich auf.

Nach dem persönlichen Einkaufs- und Fitnessberater kommt jetzt der eigene Stimmtrainer in Mode, verrät Carlotta Magnanini. Giacomo Leso unterhält sich mit Fanny Ardant (mehr) über ihren neuen Film "L'odore del sangue". Cesare Balbo und Katia Riccardi stellen die amerikanische Fernsehserie Kingdom Hospital vor, die Stephen King nach einer Vorlage Lars von Triers gestaltet hat. Lorenzo Soria hat sich von den "Ladykillers" der Coen-Brüder überraschen lassen.

Schließlich druckt der Espresso einen Text des Sängers Francesco Guccinis, worin dieser sich wehmütig an seine erste Begegnung mit dem "unendlich" geliebten Lambrusco erinnert.
Archiv: Espresso

Folio (Schweiz), 05.04.2004

Das Folio steht ganz im Zeichen der EU-Osterweiterung. Mikael Krogerus erzählt vom harten Regiment an Polens berühmter Filmhochschule in Lodz, einer Stadt, die "an guten Tagen existentialistisch wirkt". "Die Schule ist alte Schule, und die Pädagogik wurde auch nach dem Zerfall des Ostblocks nicht verändert ... Die Dozenten sind Autoritäten. Kazimierz Karabasz ist ein legendärer Dokumentarfilmer und war Studienkamerad von Wajda und Polanski. Seine Tränensäcke sind tief, die Hände knochig, die Haut ist faltig ... Karabasz legt seine gewaltige Stirn in Falten, er sieht unglücklich aus. Vor ihm liegt die Liste der Studenten, langsam fährt sein Finger über die Namen, während er murmelt: 'Nein, o Gott, nein... wer ist das? Ja, der vielleicht, aber kein Wille... Die ist nicht schlecht, aber...'"

Weiteres: Gegruselt hat sich Andreas Dietrich in Litauens "Lenin World", einem Freizeitpark, den der Millionär Viliumas Malinauskas errichten ließ und der "den Charme von Disneyland und das Schlimmste eines Sowjetgulag" verbindet. Bernhard Odehnal ist durch ein singendes Estland gereist: "Von den 1,4 Millionen Esten singt jeder zehnte in einem Chor. Und alle wollen zumindest einmal teilnehmen am Laulupidu, dem weltweit größten Sängerfestival, oder am Tantsupidu, dem dazugehörenden Volkstanzfest." Ulrich Schmid singt ein Hohelied auf die slowakischen Helden der Maßarbeit, die früher die besten Panzer für den Osten produzierten, heute die besten Autos für den Westen, und zwar pünktlich, zuverlässig - und billig. Außerdem geht es um Ungarns günstige Schönheitskliniken, um den slowenischen Exportschlager Laibach, um Europas größtes Eishockeystadion, das die Lottofirma eines früheren Geheimdienstmanns derzeit in Prag baut, und um die "Sekss"-Kolumnistin Dace Ruksane aus dem prüden Lettland, die die Misere ihres Landes so beschreibt: "Die Menschen sind verwirrt und überfordert. Alles dreht sich schnell, in Ländern wie meinem noch schneller. Andernorts wird einem vom Mithalten schon schwindlig, als ehemalige Sowjetrepublik müssen wir gleichzeitig aufholen und mithalten."

In seiner Kolumne "Duftnote" hält Luca Turin fest: "Jede Flasche ist die echte, der Duft eine Wolke schweigender Musik. Einst war er die Antwort eines Parfumeurs auf eine längst vergessene Frage. Für Sie aber verströmte der Duft damals die Seele Ihrer Mutter. Meine Wolke hieß Diorama, das erste Parfum von Dior. Mutter trug das Eau de Toilette, weil sie Parfum für einen Ausdruck vulgärer Abendgesellschaften im Pelz hielt."
Archiv: Folio

Express (Frankreich), 01.04.2004

Der Historiker Pierre Vidal-Naquet, bis heute bekannt für sein Engagement gegen den Algerienkrieg, legt ein Buch über die Genozide im 20 Jahrhundert vor, "Le choix de l'histoire" (Arlea). Zu den Genoziden zählt er neben dem Holocaust den Mord an den Armeniern, die Vernichtung der Khmer-Bevölkerung in Kambodscha und den Mord an den Tutsi. Hier ein kurzer Auszug aus dem Gespräch: "Frage: Müssen wir befürchten, dass der Terrorismus Völkermordabsichten hat? Vidal-Naquet: Es kann geschehen. Wer Bomben in Zügen wie in Madrid explodieren lässt, um willkürlich zu töten, ist nicht mehr weit vom Völkermord entfernt. Ganz gewiss handelt es sich hier um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Frage: Während im Fall der Juden der Völkermord von einer Minderheit von 'Technikern' verübt wurde, ermordete in Ruanda ein Teil der Bevölkerung einen anderen. Vidal-Naquet: Es handelt sich, wenn man so sagen darf, um eine Demokratisierung des Genozids. Das Wort ist fürchterlich, aber es stimmt, dass die Hutu, ein Teil der Bevölkerung, einen anderen Teil der Bevölkerung umgebracht hat. Eine schreckliche Warnung für die nahe Zukunft."
Archiv: Express

Reportajes (Chile), 04.04.2004

Stunde der Präsidentinnen, die dritte: Das "fenomeno Bachelet" (Perlentaucher berichtete) lässt den Chilenen offensichtlich keine Ruhe mehr: Die neueste Ausgabe von Reportajes, der Wochenendbeilage der chilenischen Tageszeitung La Tercera (Zugang nach kostenloser Registrierung), bietet einen regelrechten Rundum-Check der immer höher gehandelten sozialistischen Kandidatin Michelle Bachelet, die einst in Potsdam und Berlin Medizin studierte. Angela Merkel aufgepasst: So offen kann man über die Schwierigkeiten plaudern, als geschiedene Frau und Mutter dreier Kinder auf dem Weg an die Spitze der Macht einen neuen Partner zu finden - Bachelet sieht ihre Chancen nach einem Wahlerfolg eher sinken, behält sich das Recht zu flirten jedoch auch als Präsidentin ausdrücklich vor.

Wenig Schwierigkeiten bei der Partnersuche scheint zeitlebens Pablo Neruda gehabt zu haben. Im Vorgriff auf ein Mitte Mai pünktlich zum hundertsten Geburtstag Nerudas erscheinendes Buch über "Los amores de Pablo Neruda" nennt Cristobal Pena schon einmal die wichtigsten Namen eines offensichtlich sehr umfangreichen "anecdotario sentimental". Als 67-jähriger Botschafter Chiles in Paris soll Neruda das Thema seinem Freund, dem Schriftsteller Jorge Edwards gegenüber mit diesen Worten resümiert haben: "Je älter ich werde, desto heißer werde ich."

Zur selben Zeit bereitet der US-amerikanische Neruda-Spezialist Mark Eisner einen Dokumentarfilm vor, in dem Isabel Allende auf englisch und spanisch durch das Leben des Dichters führt und dabei auch von so unschönen Dingen wie des Dichters stalinistischen Eskapaden oder der Vernachlässigung seiner einzigen Tochter erzählt. (Hier kann man für die Fertigstellung des Films spenden.)

Von einer Gruppe kaum weniger vernachlässigter Menschen berichtet Mario Vargas Llosa: Im Darien, einem unzugänglichen Urwaldgebiet im Süden Panamas, leben seit Jahren zahlreiche Flüchtlinge des unendlichen kolumbianischen Bürgerkrieges - so manche(r) von ihnen scheint allerdings im Exil sehr rasch neue Partner gefunden zu haben. Ob sich Vargas Llosa ihrer bewegenden Geschichten eines Tages in Romanform erinnern wird?
Archiv: Reportajes

Times Literary Supplement (UK), 02.04.2004

Den Aufmacher bestreitet Michael Maar mit der englischen Übersetzung seiner bereits ausführlichst gewürdigten Recherche über die Ur-"Lolita" von Heinz von Lichberg (mehr hier, hier, hier und hier).

Grevel Lindop hat sich bestens amüsiert mit den neu herausgegebenen Krimi-Kritiken des fast vergessenen Schriftstellers, Kabbala-Spezialisten und Tolkien-Freunds Charles Williams. Großartig findet die Rezensentin Williams Sinn fürs "ordinäre Detail". So urteilte er über Dashiell Hammet: "Der schwache Autor lässt sich wie jeder Kriminelle an der Zahl der Zigarettenkippen überführen - eine Zigarette kann nicht während zwei Absätzen von Konversation geraucht werden."

Robert Irwin diskutiert ausführlich T.E. Lawrence' nun erstmals komplett veröffentlichtes Buch "Seven Pillars of Wisdom", König Feisals Charakter und Lawrence' dämonische Qualitäten. Kein gutes Haar lässt Stephen Brown an Benita Eislers "Chopin's Funeral", das keinen einzigen dreidimensionalen Charakter vorweisen könne. Nicht überzeugt zeigt sich Robert R. Sullivan von Kevin Phillips Buch über die Familie Bush "American Dynasty": Die Neigung der Bushs zu gut dotierten Posten, Öl und Geheimniskrämerei ergibt in seinen Augen noch keine Dynastie: "Die Bushs sind einfach ein besseres Beispiel für die weitverbreitete Tendenz der politischen Klasse, sich selbst zu reproduzieren".

Monde des livres (Frankreich), 01.04.2004

Der notorische Philippe Sollers, einer der Fürsten des Pariser Literaturlebens, unter anderem weil er in Le Monde feiern darf, wer ihm gerade in den Kram passt, weist vielleicht mal auf eine tatsächlich interessante Neuerscheinung hin, eine auf vier Bände angelegte, von Maurice Lever verantwortete Anthologie der erotischen Literatur in Frankreich (erschienen bei Laffont). Der erste Band gilt dem 18. Jahrhundert, und Sollers zeigt in seinem Artikel, wie der Libertinismus sogar mit dem Chauvinismus kopulieren kann: "Es war einmal ein von der Natur und Geschichte bevorzugtes Volk, das die schnelle Lust zu leben und, besser noch, es zu sagen, entdeckt hatte. Man nennt dieses unwahrscheinliche Ereignis das französische 18. Jahrhundert. Es war der Frühling, dem ein langer Winter folgte. Nietzsche vergleicht diesen Moment mit dem griechischen Wunder, nur dass er noch wunderbarer war. Franzosen und vor allem Französinnen, strengt euch an, wenn ihr wissen wollt, wozu ihr fähig wart."

Nicht in Le Monde des livres, sondern in Le Monde selbst finden wir eine hochdramatische und messerscharfe Polemik, die von Pascal Bruckner, dem Politologen Iannis Iannanakis und der Demografin Michele Tribalat unterzeichnet wurde. Sie wendet sich gegen die Zustimmung der EU zur UNO-Resolution, die die Ermordung des Scheichs Jassin verurteilte: "Der Tod eines Terroristenchefs, der zum Mord an 'den Juden' aufrief, der einen, übrigens legitimen, nationalen Kampf instrumentalisierte, der ohne die geringsten moralischen Bedenken seine eigenen Kinder dazu trieb, sich umzubringen um andere Kinder zu töten, der das Geld von Wohlfahrtsorganisationen missbrauchte, um seinen totalen Krieg zu finanzieren, verwandelt sich im offiziellen europäischen Diskurs in einen 'inakzeptablen und nicht zu rechtfertigenden' (so Jack Straw) Mord am geistigen Führer einer von manchen als 'politisch' bezeichneten Bewegung... Es ist bestürzend zu konstatieren, dass das Mitleid mit den Opfern in Europa aus postkolonialem Schuldgefühl zu einer Geschichtsversion führt, die mit den selben ernsthaften Tränen, die Opfer und und ihre Mörder beweint."



Economist (UK), 02.04.2004

Der Economist scheint sich nach der Lektüre von Richard Clarkes Enthüllungsbuch "Against all Enemies" (Auszug) radikal von George Bush und seinen Mannen entliebt zu haben. Erstens aufgrund der "persönlichen", hinterhältigen und niveaulosen Reaktionen von Seiten der Bush-Administration, die Clarkes Attacke hervorgerufen hat. Und zweitens aufgrund des unangenehmen Musters, das aus Clarkes Schilderungen hervorgehe: "Keine Entschuldigungen, keine Erklärungen - niemals." Und auch keinerlei Umdenken vor dem Hintergrund veränderter Situationen. Weder außenpolitisch noch innenpolitisch "hat die Regierung jemals eine ernste Diskussion darüber geführt, wie sich veränderte Bedingungen auf die ursprünglichen Entscheidungen niederschlagen könnten. Im Gegenteil - sie hat Einwände einfach weggefegt und ihre Position wiederholt."

Weitere Artikel: Auf der Suche nach dem geeigneten US-Präsidenten besieht sich der Economist John Kerrys Wirtschaftsprogramm - und findet es sehr französisch: "kompliziert und dirigistisch". Mit einem lachenden und einem weinenden Auge kommentiert wird das scheinbare Ausbleiben der diesjährigen Aufmärsche zum 1. Mai, denn mit dem In-Sich-Zusammensinken des linken Bundes verliert der Economist ein erquickliches Feindbild. Doch es gibt auch eine ungetrübt frohe Botschaft, nämlich dass Großbritanniens muslimische Führer jetzt mit der Regierung im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus zusammenarbeiten. Und noch eine frohe Botschaft: Es scheint, als seien die Bürger der arabischen Welt es zunehmend leid, "die königlichen Hände ihrer Führer zu küssen". Bitter bemerkt der Economist, dass mit Alistair Cooke, der mit seiner Radiosendung "Letter from America" die "special relationship" zwischen Briten und US-Amerikanern geradezu verkörperte, wohl auch die "special relationship" gestorben ist. Schließlich veröffentlicht der Economist Amazons weltweite Bestseller-Liste. Auf Platz eins: "Harii Pottaa to Fushichoo no kishidan".

Leider nur in der Printausgabe zu lesen ist der Aufmacher, in dem der Economist "bessere Wege" aufzeigt, "George Bush anzugreifen".
Archiv: Economist
Stichwörter: Amazon, George Bush

Point (Frankreich), 01.04.2004

Bernard Hernri Levy erzählt in seiner Kolumne die traurige Geschichte der jungen afghanischen Journalistenschülerin Homa, die in dem franko-afghanischen Zeitschriftenprojekt Nouvelles de Kaboul volontierte und die sich umbrachte, weil ihr Vater ihr die Heirat mit dem Mann, den sie liebte, nicht gestatten wollte. "Das schlimmste ist, sagt man mir, dass der Vater seiner Tochter sehr nahe stand und dass er, als er ihr seine Entscheidung verkündete, nicht einmal daran dachte, dass er sie zerstört. Er war ein dummer, aber liebender Vater. Der Tradition verhaftet, aber zugleich stolz auf seine kleine Homa und ihren neuen Beruf... Heute berichtet man mir, dass er, wahnsinnig vor Verzweiflung, jedermann versichert, dass er seine Tochter natürlich dem jungen Mann zur Frau geben würde, den sie liebte, wenn Gott sie ihm nur zurückgeben würde. Anders gesagt: Homa ist nicht an der Bösartigkeit, sondern eigentlich an der unendlichen Dummheit gestorben, die der Fundamentalismus in sich trägt."
Archiv: Point
Stichwörter: Heirat, Jedermann

London Review of Books (UK), 01.04.2004

David Runciman ärgert sich über Tony Blairs Sedgefield-Rede (hier die Rede auf Deutsch, hier auf Englisch), in der dieser den Angriff auf den Irak mit "der beispiellosen Bedrohung der zivilisierten Welt durch den globalen Terrorismus" gerechtfertigt hat. Für Runciman steht fest, dass hier am Problem vorbeigeredet wurde. Denn die Selbstverständlichkeit, mit der Blair das "Vorbeugeprinzip" ("Wenn Risiken mit unsicheren und potentiell katastrophalen Folgen bestehen, ist es immer besser, man verhält sich eher etwas zu vorsichtig") als politisches Argument verwende, lenke von der Frage ab, ob dieses Prinzip in der Politik überhaupt zu rechtfertigen sei.

Gilberto Perez lobt Colin MacCabes "kritische" Godard-Biografie und nutzt die Gelegenheit, um seine eigenen Lieblingsaugenblicke Revue passieren zu lassen. Da ist zum Beispiel "L'eloge de l'amour" - "eine seiner besten obskur-erzählten Geschichten" - und diese Unterhaltung in einer Pariser Buchhandlung: - Du wolltest Amerika, da hast du's.- Wieso ich, ich habe um nichts gebeten.- Und deine Eltern, 1944? Und deine Großeltern, 1918?- Wovon redest du eigentlich?- Nichts. Geschichte."

Weitere Artikel: Gillian Darley erfreut sich an Nigel Warburtons Biografie des widerborstigen und zornigen Architekten Ernö Goldfinger ("Ernö Goldfinger: The Life of an Architect"). Sara Roy warnt entschieden vor dem Hochschulgesetz-Entwurf HR 3077, der vorsieht, ein Gremium zur Kontrolle der politischen Meinungsäußerung an US-amerikanischen Hochschulen und insbesondere zur Ahndung regierungskritischer Äußerungen zu gründen. Peter Campbell hat die Rubens-Ausstellung im Palais des Beaux-Arts von Lille besucht und verbittet sich die Geringschätzung, die Rubens mitunter entgegengebracht wird: Man brauche doch nur seinen Christus-Körper anzusehen, um zu begreifen, dass hier ein Meister am Werk war. Bei Rubens lebe im "blassen, eleganten und statuenhaft-muskulösen" Körper Jesu die Auferstehung als Versprechen.
Stichwörter: Hochschulen, Irak

Spiegel (Deutschland), 05.04.2004

Der Spiegel-Titel ist sicherlich spannend: "1250 Milliarden - wofür?" fragt er und berichtet über eine Expertenkommission, die den Aufbau Ost in Bausch und Bogen für verfehlt zu erklären scheint. Wer ihn lesen will, muss den Spiegel kaufen gehen oder online 2 Euro zahlen.

Sonst ist kaum etwas von Bedeutung online - lesenswert immerhin ein Interview mit George Michael, der erklärt (aber leider nicht ausführlich genug), warum er seine Musik nur noch im Internet veröffentlichen will, und eine Geschichte über "Präsident Musharrafs halbherzige Jagd auf Bin Laden".
Archiv: Spiegel

New York Times (USA), 04.04.2004

Kein Mitleid für Charles Baudelaire, er war nicht tragisch, sondern einfach drogenabhängig, behauptet Frank Hilton in seiner Biografie "Baudelaire in Chains". Alle seine Probleme lassen sich daraus erklären: "die Unfähigkeit, seine finanziellen Probleme zu lösen, seine unbefriedigenden Beziehungen, seine schlechte Gesundheit, sein guignon - das dämonische Pech, dem er ausgeliefert zu sein glaubte - und, am wichtigsten, seine chronischen Schwierigkeiten, einmal beständig kreativ zu arbeiten." In ihrer Besprechung vergleicht Laura Miller Baudelaire mit dem Kollegen Samuel Taylor Coleridge (zu empfehlen ist die ressourcenreiche Seite der University of Virginia), ein Bruder im Geiste, der einfach Glück hatte, dass er Brite war. "Französische Romantiker tendierten zum Theatralischen und Grandiosen, während die Briten sich durch Offenheit auszeichneten, gepaart mit ironischer Selbstverunglimpfung." (Und wer hat die besseren Gedichte geschrieben, hm?)

Etwas zurückhaltender als Outlook India (nachzulesen in der Magazinrundschau vom 1. März) bespricht Philip Bobbitt Ian Burumas and Avishai Margalits Untersuchung über die Wurzeln und Auswirkungen unseres verzerrten Orientbilds: Interessanterweise vergleicht Bobbitt "Occidentalism" (erstes Kapitel) mit Lee Harris' "Civilization and its Enemies" (erstes Kapitel). Harris, konservativer Essayist, tritt für einen Konfrontationskurs gegenüber dem militanten Islam ein und erinnert daran, dass der Aufschwung des Westens auch in seiner Skrupellosigkeit begründet lag. "Harris sieht in Bin Laden eine Spiegelung der Missstände in der westlichen Welt; Buruma und Margalit sehen im Okzidentalismus die Reaktion von Elementen innerhalb unserer eigenen Kultur auf den universellen Anspruch des Westens."

Weitere Artikel: Durch die unmäßige Erweiterung des Copyrights bedrohen Unternehmen die öffentliche Sphäre, schreibt Lawrence Lessig in "Free Culture" (erstes Kapitel). "Wuchtig argumentiert", notiert der beeindruckte Rezensent Adam Cohen. Grimmig, aber gelungen, findet Christopher Dickey Rich Atkinsons Buch über seine Erfahrungen als eingebetteter Reporter in der 101st Airborne Division, deren Soldaten sich im Irak von der Politik missbraucht fühlten. Als mehr oder weniger gerade heraus lobt Molly Haskell schließlich "Peninsula of Lies" (erstes Kapitel), Edward Balls literarische Untersuchung einer transsexuellen Beziehung im provinziellen Charleston des Jahres 1969.

Zu empfehlen ist wieder einmal das New York Times Magazine. Niall Ferguson wirft einen lesenswerten Blick auf Europa, das gerade als Eurabia neu erfunden wird - von den muslimischen Einwanderern. "Hinter den Nachrichten vom Terrorismus findet ein historischer Wandel statt: Muslimische Immigranten füllen Europas demografische Leere und gestalten dessen Zukunft."

Außerdem beschreibt Bruce Barcott, wie die Bush-Administration heimlich, still und leise die Klimapolitik der USA radikal verändert hat. Und David Brooks verteidigt die oft geschmähten Vorstädte. Denn hier und nicht in den Metropolen sei der amerikanische Traum auch heute noch zu Hause.