Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
01.03.2004. In der New York Review of Books suchen Ian Buruma und Avishai Margalit nach den westlichen Ursprüngen des Islamismus. In Outlook India erfahren wir, warum Witwen kein Knoblauch essen dürfen. Die Rettung des Hiphop ist Eminem, glaubt Nick Crowe in Prospect. Im Nouvel Obs demonstriert Paul Virilio, dass er reif ist für die Insel. Der Economist hält ein flammendes Plädoyer für die Homosexuellen-Ehe. In Foreign Policy fürchtet Samuel Huntington, dass die Latinos die anglo-protestantische Herzkultur der USA verdrängen. Im TLS stellt George Steiner eine bahnbrechende Studie von Pierre Bouretz über die deutsch-jüdischen Beziehungen vor. Das NYT Magazine beschreibt den wachsenden Antisemitismus in Frankreich.

New York Review of Books (USA), 11.03.2004

In einem sehr lesenswerten Essay denken Ian Buruma (mehr hier) und Avishai Margalit (mehr hier oder hier) über die westlichen Ursprünge des Islamismus nach: "Die islamistische Bewegung, die uns derzeit von Kabul bis Java zu schaffen macht, hätte nicht ohne den harschen Säkularismus eines Reza Shah oder die fehlgeschlagenen Experimente von Staatsozialismus in Ägypten, Syrien oder Algerien entstehen können. In mehrerlei Hinsicht war es deshalb für den Nahen Osten ein Unglück, dass sie dem Westen erstmals durch den Nachhall der Französischen Revolution begegnet sind. Robespierre und die Jakobiner waren die inspirierenden Helden für arabische Radikale: pogressiv, egalitär und gegen die christliche Kirche." Und später heißt es zum islamistischen Terrorismus: "Was diesen Terror so tödlich macht, ist nicht der alten Texten entliehene religiöse Hass, der zumeist sowieso auf Verzerrungen basiert, sondern die Synthese von religiösem Eifer und moderner Ideologie, von altertümlicher Bigotterie und moderner Technologie."

Weitere Artikel: "So sucht man sich nicht den möglichen Präsidenten aus", schimpft Elizabeth Drew über den Vorwahlkampf der Demokraten, der in solch rasantem Tempo durchgeführt wurde, dass Wählern und Gewähltem gleichermaßen schwindlig geworden sei. Wer wissen will, zu welchem Preis die amerikanischen Universitäten an ihre Gelder herankommen, sollte einen Blick in Sheldon Krimskys Buch "Science and the Private Interest" riskieren. Recht polemisch, aber fundiert, wie Richard Horton meint, stellt der Physiker, Philosoph und Stadtplaner (!) Krimsky darin dar, wie die "traditionellen Standards der unabhängigen Forschung und freien Meinungsäußerung aufgegeben" werden, um sich der Industrie anzudienen.

Thomas Powers hat mit einer gewissen Erleichterung Richard Perles neokonservative Streitschrift "An End to Evil: How to Win the War on Terror" gelesen: "Den Hardlinern gehen die Ideen aus." Allerdings nicht der Ehrgeiz. Frederick Crews hat mit dem Buch "Remembering Trauma" des Harvard-Psychologen Richard J. McNally eine brillante Lektion in Sachen Standards für Rationalität erhalten.

Prospect (UK), 01.03.2004

Nick Crowe, früher Drummer der Rockband Gay Dad (mehr), rollt 25 Jahre Rap-Geschichte auf und stellt verärgert fest, dass nach so vielversprechenden Anfängen jetzt aus allen Ecken nur noch "keep it real" zu hören ist. "Kratz ein bisschen am Lack, und es erscheinen die Worte 'don't change'." Experimentiert werde sowieso nicht mehr - wie man unschwer an der Sturzflut ideenloser Sample-Alben feststellen könne. Aber Gott sei Dank gibt es ja noch Eminem, denn "Eminem hat Bewegung in die Themen und die Rassengrenzen des HipHop gebracht. Deshalb ist der Vergleich mit Elvis vielleicht gar nicht so schlecht. Nach Eminem gibt es kein Zurück mehr."

Hassan M. Fatah, der nach dem Sturz Saddams aus dem britischen Exil in sein Heimatland Irak zurückkehrte, um dort die Tageszeitung Iraq Today zu gründen, schreibt über die Schwierigkeiten, mit denen er und seine Kollegen zu kämpfen hatten, und die wichtige Lektion, die er von seinen irakischen Reportern gelernt hat, als seinem Blatt der Bankrott drohte: "An diesem Dezember-Morgen erklärten sie uns den Fehler in unserer Strategie. Wir in der Chefetage hatten versucht, alles allein zu machen. Monatelang hatten sie uns zugeschaut, wie wir uns abmühten, und geschwiegen, weil sie sich außen vor fühlten. Doch als ich die Besprechung eröffnete, flossen die Ideen nur so. (...) Und so schmiedeten wir einen Plan - ihren Plan. Wir kürzten die Anzeigen- und Verkaufspreise drastisch. Aus einer eurozentrischen machten wir eine iraki-zentrische Firma." Und das, so Fatah, sollten sich auch die Besatzungsmächte zu Herzen nehmen.

Alles weitere dreht sich um die USA und ihre Außenpolitik: "Was wäre, wenn Al Gore nicht nur die amerikanische Präsidentschaftswahl gewonnen hätte, sondern auch Präsident geworden wäre?, fragt Joshua Kurlantzick und die Antwort lautet sinngemäß: "Dasselbe in hellgrün, aber mit Stil". Ruy Teixera tröstet US-Demokraten und Europäer mit Prognosen, die langfristig auf eine Abkehr von der republikanischen Partei hinweisen. Anatol Lieven warnt vor dem wiederbelebten "Jacksonschen Nationalismus", der seine Wurzeln im weißen Süden des 18. Jahrhunderts habe. Und schließlich, auch eine Art Außenpolitik: Oliver Morton, Autor von "Mapping Mars" (hier geht's zu seinem Mars-blog), erklärt, warum Bushs Entscheidung, 2020 auf den Mond zurückzukehren das Ende der bemannten US-Raumfahrt bedeuten könnte.
Archiv: Prospect

Merkur (Deutschland), 01.03.2004

Christoph Müller, Studienberater an der Universität Karlsruhe, beschäftigt sich mit der Selbstauswahl an deutschen Hochschulen, eine Materie, von der er einräumt, dass sie "den intellektuellen Charme des Steuerrechts" habe. Er hält zumindest gar nichts davon: "Wer 'Selbstauswahl' sagt, hat zunächst einmal deutlich zu machen, was er damit meint: Soll es sich um ein Recht oder um eine Verpflichtung handeln? Sollen die Hochschulen auch das Recht erhalten, die Zahl der Aufzunehmenden selbst zu bestimmen? ... Ist an Aktenverfahren gedacht oder an Tests und Motivationsgespräche, zu denen der Bewerber erscheinen muss? Gegenwärtig handelt es sich bei der 'Selbstauswahl' mehr um neoliberale Wettbewerbspropaganda als um ein durchdachtes Wettbewerbskonzept."

Beim Lesen von Arthur Schnitzlers Tagebüchern ist Burkhard Müller auf den bemerkenswerten Satz gestoßen: "Ich freu mich geradezu auf einen weiberlosen Tag", was ihn auf den Gedanken bringt: "Gerade im Verächter der Sitte und Konvention, dem Verführer, der die Grundlagen der Gesellschaft bedroht, verbirgt sich, beim geringsten Nachlassen der Kräfte, der auf seine Bequemlichkeit bedachte Spießer."

Weiteres: Bernd Hüppauf preist die Wiederkehr der Unschärfe in Film und Fotografie, die durch aufklärerische Ideale ein wenig aus der Mode gekommen war. Michael Rutschky liefert einen bescheidenen Beitrag zur kritische Essayistik, "wie unsereins sie 1965 bei Professor Adorno" zu erlernen versuchte: "Der Essayist ist der Kunstkritiker, der sich selbst und den hohen Herren, denen die Werke gehören, beibringt, wie man sie genießt, indem man sich in sie vertieft." Renatus Deckert bemängelt, dass alle über den Luftkrieg und die Literaten reden, ohne Heinz Czechowski (mehr hier) gelesen zu haben. Karl Heinz Bohrer erzählt uns die Geschichte "Der Granatsplitter".
Anzeige
Archiv: Merkur

Outlook India (Indien), 08.03.2004

Der erste Preis des Outlook-Picador Nonfiction Contest 2003 geht an Anuradha Roy für ihre wunderbar stillen Kindheitserinnerungen an die Frauen ihrer Familie und den Ort, an dem sich ihre Hierarchie manifestiert: in der Küche. Es geht um Familie und Tradition, die Rituale des Kochens und um Früchte, die auf den Märkten der Städte längst nicht mehr erhältlich sind. Ein Auszug: "Ich sah meine Tante nie die Fisch-Currys essen, die sie zubereitete. Das hat mich nicht zum Nachdenken gebracht. Was mich jedoch fesselte, war ein praktisches Problem: Wie kochte sie Speisen, deren Geschmack sie vergessen haben musste? Es war ihr nicht einmal erlaubt, irgend etwas zu essen, das Zwiebeln oder Knoblauch enthielt. Sie musste sicherstellen, nichts zu sich zu nehmen, dass sie übermäßig aktiv machte. Die Lust lauerte nicht weit vom Knoblauch. Der Köstlichkeiten beraubt, kochte sie für uns. In unserer erweiterten Familie gab es viele Frauen wie sie. Manchmal saßen sie mit ihrem speziellen Essen zusammen, nachdem wir alle gegessen hatten und gegangen waren. Stundenlang drifteten die Fetzen ihres Gekichers und Tratsches in die verdunkelten Räume hinein, in denen wir unsere ruhelosen Nachmittagsschläfchen hielten."

Die Titelgeschichte ist der aktuellen und aller Voraussicht nach auch nächsten indischen Regierungspartei BJP gewidmet. Sie galt einmal ausschließlich als Kraft der rechten Hindu-Nationalisten, doch inzwischen, konstatiert Saba Naqvi Bhaumik mit kritischer Anerkennung, ist sie dabei, die gesellschaftliche Mitte zu erobern. Prem Shankar Jha dagegen traut dem Frieden nicht so recht und erinnert an die Guajarat-Riots: "Wenn die BJP sich zwischen der Verteidigung der indischen Verfassung und ihren ideologischen Verankerungen entscheiden muss, wird sie ersteres immer zugunsten von letzterem opfern."

Dazu zwei Filmkritiken: Soma Wadhwa stellt "Matrubhoomi" vor, einen auf Festivals schon außerordentlich erfolgreich gelaufenen Film, in dem eine Gesellschaft sich vollständig ihrer Frauen beraubt - mit barbarischen Folgen. Und Namrata Joshi bespricht eine einblicksreiche Doku über Shah Rukh Khan, den Superstar des Hindi-Films.

Monde des livres (Frankreich), 26.02.2004

Und sie reden doch miteinander! Der Historiker Robert O. Paxton erfreut sich an einem Band ("Liaisons dangereuses") mit klarsichtigen Gesprächen zwischen den Journalisten Jean-Marie Colombani ("Le Monde") und Walter Wells ("International Herald Tribune") über die Entflammbarkeit der franko-amerikanischen Beziehung. Wenn beide auch zunächst die - zum Teil uralten - Stereotypen für die gegenseitige Hassliebe verantwortlich machen, so ist es wahrscheinlich etwas anderes, das die transatlantischen Gemüter immer wieder aufs Neue erhitzt: "eine glühende Rivalität um die Rolle der ersten Demokratie, der universellen Mutter aller Werte, zu der sich der beidseitige und inbrünstige Wunsch gesellt, moralische Instanz zu sein."

Die New York Times Book Review hegt Reformpläne, und Lila Azam Zanganeh berichtet über die Kontroverse, die Times-Chefredakteur Bill Keller mit einem dem Internetmagazin Poynter gegebenen Interview auslöste, in dem er sich für ein offeneres, lockereres Konzept aussprach: "Schließlich müssen wir unseren Lesern auch dabei helfen, sich Bücher am Flughafen auszusuchen." (Als gäb's da eine Auswahl!) Starker Tobak jedenfalls für den Literaturbetrieb. Charles McGrath, der speziell für die Book Review verantwortlich ist, beeilte sich denn auch, Le Monde gegenüber zu erklären: "Diese Zeitung ist schon immer um das Gedeihen der Hochkultur und einer gebildeten Leserschaft bemüht gewesen. Wir werden keinesfalls etwas an der Qualität unserer Herausgeberentscheidungen ändern." Ohne jedoch, die "Popkultur" auszuklammern. Die Book Review, so Zanganeh, verfolgt eben ein hehres Ziel: sich "für die paradoxale Leserschaft des 21. Jahrhunderts neu zu erfinden".

Weitere Artikel: Jean-Jacques Bozonnet stellt Pierre Mussos Buch "Berlusconi, le nouveau Prince" vor, das den italienischen Regierungschef als Pionier eines neuen mediterranen Politikverständnisses darstellt, als den Machiavelli der Neopolitik. Wie Pierre Mendes Frances Denken im heutigen Frankreich aussehen würde, hat Jean-Denis Bredin bei Francois Strasse ("L'Heritage de Mendes France") nachlesen können. Weniger Populismus, mehr Pädagogik. Und in der Tat sind das für uns politikfremde Töne, wenn man liest, was Mendes France in einer seiner allsamstäglichen Radioansprachen gesagt hat: "Ihr an die ich mich richte, sagt nicht, dass ihr von alledem nichts versteht, dass diese Probleme zu schwierig, zu technisch sind, das stimmt nicht."

Economist (UK), 27.02.2004

Die Bombe ist geplatzt: Der Streit um die Homosexuellen-Ehe wird eindeutig Wahlkampfthema der nächsten Präsidentschaftswahl in den USA. Und der Economist gibt sich angriffslustig in einem flammenden Plädoyer für die Homosexuellen-Ehe: Erstens spreche das Prinzip der Gleichheit unmissverständlich dafür, zweitens sei es historisch gesehen Humbug zu behaupten, es dürfe diese Ehe nicht geben, weil es sie noch nie gegeben habe. Und drittens sei es absurd, Homosexuellen das Eingehen eines Bundes zu verbieten, mit dem sich zwei Menschen - rechtlich, sozial und persönlich - verbindlich zueinander bekennen. "Glaubt man George Bush, so würde die Ehe zwischen Homosexuellen eine wichtige soziale Institution schädigen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Homosexuelle wollen genau deswegen heiraten, weil ihnen die Ehe wichtig erscheint: Sie wollen deren Symbolik, das Gefühl einer größeren Verplichtung und Verbindlichkeit, und soziale Anerkennung." Homosexuellen die Ehe zu verwehren - "das würde eine Schädigung dieser Institution bedeuten".

In einem weiteren Artikel zum selben Thema vermutet der Economist, dass George Bush die Homosexuellen-Ehe zum Wahlkampthema macht, "um die Demokraten zu teilen und die Republikaner zu einen". Damit blühe ihm aber eine unangenehmere Verfassungsdebatte, als ihm lieb sein werde.

Außerdem lesen wir, dass es illusorisch ist zu glauben, das Zusammenleben in kulturell homogenen Gemeinschaften sei harmonisch - denn wie schon Walter Bagehot sagte: "Geht es um Tyrannen, geht es meistens um Nero oder Tiberius; der wirkliche Tyrann aber ist der Nachbar, mit dem du Tür an Tür lebst" - , wie schwierig es um die Zukunft des NPT (Internationaler Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen) steht, inwiefern der zähe Den Haager Prozess gegen Slobodan Milosevic internationale Gerichtshöfe in Frage stellt, und schließlich, dass es im Renaissance-Maler Giorgione einen mysteriösen Modernisten zu entdecken gibt.
Archiv: Economist

Espresso (Italien), 04.03.2004

Marvin Hier, Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums von Los Angeles, brandmarkt Mel Gibsons Jesus-Film "The Passion" im Interview mit Lorenzo Soria als antisemitisch. "Ich habe kein Poblem mit dem Thema; die Christen haben natürlich das volle Recht, alle möglichen Filme über ein so zentrales Thema ihres Glaubens zu machen. Aber über zwei Stunden lang widmet sich Mel Gibson nur der physischen Agonie von Jesus. Außerdem schildert er die Hebräer als Karikaturen, mit finsteren Blicken, niemand von ihnen sagt jemals ein intelligentes Wort, und wenn sie den Mund aufmachen, dann nur um die Kreuzigung zu fordern. Mit Ausnahme der vier folternden Legionäre kommen die Römer hingegen gut weg, selbst Pontius Pilatus ist eine ängstliche und vernünftige Figur. Was sagt das dem Zuschauer? Dass die Verantwortlichen für die grauenvolle Gewalt gegen Jesus die Hebräer sind, eine Schlussfolgerung, die dem Antisemitismus Nahrung gibt, in einem Moment, wo dieser von Europa über Lateinamerika bis ins muslimische Asien in alarmierender Weise ansteigt. Ein Film, der die alten Stereotype verstärkt, während die Kirche den Weg der Versöhnung eingeschlagen hat."

In Sorias interessantem Titelpaket findet sich außerdem ein Gespräch mit Michael Lerner, dem ehemaligen Berater von Bill Clinton, der in Mel Gibsons Streifen die Politik von George Bush wiederzuerkennen glaubt (hier ein Leitartikel von Lerner, dem Herausgeber des Tiukkun Magazine, zum gleichen Thema). Zusätzlich gibt es eine Auswahl mit Links zum Thema.

Schön zu lesen ist der Text von Andrzej Stasiuk (mehr), in dem der Schriftsteller von den schneebedeckten Karpaten berichtet. "Von der Moderne haben es bisher nur die Taschenlampe, das Transistorradio und die Gummistiefel bis hierher geschafft. Alles Übrige ändert sich nicht, es gibt auch keinen Grund dafür."

Alberto Dentice preist Mudda (Magnificent Union of Digitally Downloading Artists), die digitale Musikplattform von Peter Gabriel und Brian Eno, die nicht weniger bewirken soll als die Herrschaft über die Musik wieder in die Hände der Musiker zu legen. Daniela Giammusso spricht außerdem mit Roland Emmerich über seinen neuen Weltuntergangs-Film The day after tomorrow.
Archiv: Espresso

Foreign Policy (USA), 01.02.2004

In einem ausführlichen Essay macht sich Samuel Huntington (mehr hier) gewohnt kontroverse Gedanken, diesmal zur mexikanischen Einwanderung, die seiner Ansicht nach eine Herausforderung für Amerikas Identität darstellt. "Anders als die früheren Immigrantengruppen haben sich Mexikaner und andere Lateinamerikaner nicht an die Mainstream-Kultur assimiliert. Stattdessen bilden sie eigene politische und sprachliche Enklaven - von Los Angeles bis Miami - und verweigern die anglo-protestantischen Werten, die den amerikanischen Traum begründeten", behauptet Huntington. Besonders erstaunlich sei, dass im Gegensatz zu früheren Immigranten die dritte und vierte Generation der Menschen mexikanischer Herkunft sich nicht dem amerikanischen Durchschnitt in Bildung, ökonomischem Status und gemischte Ehen angenähert habe. "Diese Realität führt zu der fundamentalen Frage: Werden die Vereinigten Staaten ein Land mit einer einzigen Nationalsprache und einer anglo-protestantischen Herzkultur bleiben?"

Times Literary Supplement (UK), 27.02.2004

George Steiner (mehr) hat ein Buch gelesen, das die intellektuelle Landschaft verändern wird, wie er prophezeit: Pierre Bouretz' Studie über die messianische Philosophie des 20. Jahrhundert "Temoins du future", die die wechselseitigen Beziehungen zwischen jüdischem und christlichem Denken in Deutschland untersucht. "Bouretz' Verdienste gehen weit über die einer monumentalen Gelehrsamkeit und vielschichtige Argumentation hinaus... Mehr als jede andere Untersuchung zuvor, erforscht Bouretz die fatale Logik, die von vornherein dem Untergang geweihte Blüte des jüdischen Genius im Kontext des Kaiserlichen und Weimarer Deutschlands. Nichts ist gespenstischer, als den ständigen Wechsel zwischen apokalyptischer Voraussicht und Beschwichtigungen, zwischen Terror und Optimismus, zu beobachten, der von Beginn des Jahrhunderts an bis zu Hitlers Aufstieg das Judentum spaltete."

Neuen Auftrieb hat E. S. Turners Bewunderung für James Thurber bekommen, der von 1927 bis 1961 für den New Yorker zeichnete, karikierte und den "Talk of the Town" aufschnappte. Dessen Briefe - "The Thurber Letters" - wurden nun veröffentlicht, allerdings bleiben Fragen offen: "Nichts in diesem Buch erklärt, warum Thurber zu McCarthys Inquisitionszeiten auf der FBI-Liste der zu beobachtenden Amerikaner stand. Galt ein Humorist von Natur aus als Anarchist? Noch verblüffender war Winstons Churchills Urteil über Thurber als "geisteskranker, verkommener Künstler", ein Eindruck, der wohl entstand, als die beiden gemeinsam zu Gast in einer Villa in Cannes waren. Thurbers Erwiderung: "Nachdem ich Churchills Aquarelle gesehen haben, kann ich sagen, dass sein Problem als Künstler darin besteht, dass er nicht geisteskrank und verkommen genug ist." (Hier finden Sie Thurbers Cartoons).

Alastair Macaulay hat sich die große "Fred and Ginger"-Retrospektive im National Film Theatre angesehen und erinnert daran, dass Graham Greene Fred Astaire für den Menschen hielt, der Micky Maus am nächsten kam. Judith Chernaik versucht, sich Lord Byrons kurzzeitiges Interesse an hebräischer Musik und Synagogen-Gesängen zu erklären.

New Yorker (USA), 08.03.2004

In einem wunderbaren Porträt stellt Sasha Frere-Jones den 1992 an AIDS gestorbenen Avantgarde-Cellisten, Komponisten und Popmusikproduzenten Arthur Russell (mehr) und dessen "sanfte musikalische Revolutionen" vor. "Diese Geschichte beginnt - wie viele gute Geschichten - mit einem schwulen Mann aus Oskaloosa, der im Rahmen eines buddhistischen Seminars in einem Schrank Cello spielt. Und sie endet mit einem sanften und glänzenden Musiker, der lange vor seiner Zeit in New York stirbt."

Weiteres: Dan Baum traf einen jungen Soldaten, der von seinem Einsatz aus dem Irak zurück ist - wo er ein Bein verlor ("Wenn Leute sagen, dass die Army einer bestimmter Sorte junger Männer nur gut tun könne, denken Sie an Jungs wie Michael Cane"). Seymour M. Hersh recherchierte, warum die USA bei ihrer Jagd nach Bin Laden so "pfleglich" mit den Waffenhändlern auf dem pakistanischen Schwarzmarkt umgehen. In einer Glosse entwirft George Saunders (mehr) ein Konzept des "Absoluten Geschlechts" und erklärt, warum er gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ist - aber auch dagegen, dass allzu weibliche Männer allzu männliche Frauen heiraten.

Zu lesen sind außerdem die Erzählung "Long Ago Yesterday" von Hanif Kureishi und viele Besprechungen. So setzt sich Elizabeth Kolbert in einem Essay mit neuen und alten Publikationen zum Thema "Müttermythos" und "Gebärwünsche" auseinander. Kurzbesprechungen gelten unter anderem einer Studie über die sowjetische Erschließung des Ural als Wirtschafts- und Lebensraum. Peter Schjeldahl stellt eine Ausstellung des italienischen Manieristen Parmigianino (1503 bis 1540, mehr hier) in der Frick Collection vor, John Lahr widmet sich Aufführungen von "Fiddler on the Roof" und "Bridge and Tunnel". Und David Denby sah im Kino "Goodbye, Lenin!" von Wolfgang Becker ("eine untröstliche kleine Ironie durchzieht diesen Film") und den afghanischen Film "Osama" von Siddiq Barmak.

Nur in der Printausgabe: Porträts eines Anthropologen, der gegen Rassismus kämpfte, und der Basketballerin Diana Taurasi, dem Star des Uconn-Teams, sowie Lyrik von Mary Oliver, Eliza Griswold und Wislawa Szymborska.
Archiv: New Yorker

Nouvel Observateur (Frankreich), 26.02.2004

Im Debattenteil kündigt Paul Virilio (hier), von dem dieser Tage auch ein neues Buch erscheint ("Ville panique. Ailleurs commence ici", Ed. Galilee), sämtliche Zeitalter auf: Vorbei die historischen Kriegsformen der Materialschlacht, vorbei die Epoche der Geostrategie - das Zeitalter des derealisierenden Informationskrieges und der "Metrostrategie" ist angebrochen, deren Schauplatz und Feind verwischen, und die doch mitten in unsere Wirklichkeit einbrechen: in die Stadt. Und das, so Virilio, bedeutet Verhängnis in geballter Form, denn die Stadt der heutigen Zeit ist schon Katastrophe an sich: "Das große Scheitern der Menschheit, die wahre Katastrophe, der Totalschaden ist die Stadt. Das urbane Chaos. Alles spielt sich zwischenzeitlich in den städtischen Ballungsgebieten ab. Nicht nur der Krieg ist vom Land in die Stadt gezogen, auch die Wirtschaft vollzieht sich hier in Realzeit. Und die Realzeit benötigt keinen realen Ort. Ihr genügt ein Bildschirm und ein Telefonanschluss." Virilio, ganz klar, zieht es auf eine einsame Insel.

Weiteres: In einem Nachruf würdigt der Soziologe Edgar Morin den Filmemacher Jean Rouch (mehr). Der "filmemachende Ethnologe" habe sich die Botschaft der Surrealisten zu eigen gemacht, wonach Poesie nicht nur geschrieben, sondern auch gelebt werden müsse. "Sein Blick war immer zum Staunen bereit."

In einem Gespräch reden "der geheimnisvollste" französische Liedermacher Gerard Manset (mehr) und der Designer Philippe Starck (mehr) über das Leben, ihre Arbeit und die Kunst. Und in der Titelgeschichte setzt der Obs den derzeitigen französisch-amerikanischen Kulturkampf fort: mit Analysen und Kommentaren über jene "protestantische Sekte", welche die "Welt erobern" wolle (mehr) und deren "messianische Visionen" von Bush und zahlreichen seiner Mitarbeiter und Berater geteilt würden (mehr).

Besprochen werden eine "minutiöse" Biografie (Denoel) über Romain Gary (mehr), eine Untersuchung des Schriftstellers Adrien Goetz über ein verschollenes Ingres-Gemälde (Le Passage), und die Studie des Psychoanalytikers Jean-Claude Liaudet über die neurotischen Aspekte des Liberalismus (Fayard). Hingewiesen wird außerdem auf eine große Miro-Ausstellung im Centre Pompidou mit selten und teilweise noch nie gezeigten Arbeiten.

Spiegel (Deutschland), 01.03.2004

Der Spiegel druckt Martin Walsers Abschiedsbrief an die "liebwerten Damen, werten Herren" des Suhrkamp Verlags. Darüber und über die Reaktionen haben wir schon heute morgen in der Feuilletonrundschau berichtet.

Nur im Print: In der Reihe über den Ersten Weltkrieg beschreibt der Historiker Vejas Gabriel Liulevicius (mehr hier und hier), wie die Kämpfe im Osten "Hitlers mörderisches Weltbild" prägten. Der Titel fragt: Wird Amerika wieder demokratisch?
Archiv: Spiegel

Etcetera (Mexiko), 01.02.2004

Die mexikanische Medienzeitschrift Etcetera hat ihre Februarausgabe freigeschaltet. Aufmacher ist eine kurze Sozial- und Kulturgeschichte des mexikanischen und lateinamerikanischen Feuilletons, aufgezeichnet von Carlos Monsivais. Wendepunkt war auch jenseits des Atlantiks das Jahr 1968. Erst in den Achtzigern aber konnte sich die Kulturberichterstattung in den Massenmedien fest etablieren. Dahinter steckten Journalisten, die der "kulturellen Mobilität einen Großteil ihrer sozialen Mobilität verdankten". Will heißen: "Ein signifikanter Prozentsatz der anderweitig Erfolglosen entdeckte im Vergnügen an der Kunst und am Humanismus alternative Lebenschancen. Diese zumeist jungen Leser und Zuschauer interessierten sich für Anregungen und Neuigkeiten, die es ihnen erlaubten, sich den Metropolen zu nähern, und nutzten dafür die vergleichsweise breiten Zugangsmöglichkeiten in Sachen Kino, Theater, Bücher, Ausstellungen und Tanz, all das also, was jenen bleibt, die keine große Kaufkraft haben", bemerkt der in Lateinamerika hochgeachtete Essayist.

Am heutigen Feuilleton hat Monsivais allerdings nur wenig Freude. Insbesondere kritisiert er die "fortschreitende Überwältigung" durch den von der Kulturindustrie vorgegebenen Veranstaltungskalender, die unzureichende Berichterstattung über das akademische Leben, die Instrumentalisierung durch die an der Vermarktung ihrer Neuerscheinungen interessierten (spanischen) Verlage, die Verdrängung analytischer Beiträge durch lobhudelnde Interviews und die "rituellen Beweihräucherungen" anlässlich aller möglichen Jahrestage (womit er übrigens nicht die im deutschsprachigen Raum weit verbreiteten, in Lateinamerika aber unbekannten Geburtstagsgrüße meint). Außerdem fehlten dem mexikanischen Kulturjournalismus auf Buchrezensionen spezialisierte Zeitschriften wie The New York Review of Books oder Revista de Libros, bemerkt Monsivais in einem bei Autoren seiner Güteklasse erstaunlich schludrigem Spanisch. Die vorzügliche, aber leider im Internet kaum zugängliche Letras Libres lässt er dabei außen vor.

Ebenso in Etcetera: ein schönes Interview ("Was halten sie von Norberto Bobbio?" "Kenn' ich nicht") mit Jorge Kahwagi, einem Parlamentarier der mexikanischen Grünen und aktivem Boxer, sowie diverse Beiträge (hier und hier und hier) zu der von der Financial Times ins Rollen gebrachten Debatte über das Treiben der ehrgeizigen Präsidentengattin Marta Sahagun de Fox.
Archiv: Etcetera

New York Times (USA), 29.02.2004

Alma Guillermoprieto hat sechs Monate lang versucht, jungen Kubanern modernen Tanz beizubringen. Zum Glück für uns ist Guillermoprieto nicht nur Tanzlehrerin, sondern auch eine wundervolle Beobachterin, frohlockt Katha Pollitt, die von der Menschlichkeit, dem schlauen Humor und der Neugier der Autorin sehr beeindruckt ist. So werde "Dancing With Cuba" zu einem lesenswerten Porträt von Castros Reich. "Die Kunstakademie ist so arm, dass nicht einmal Essen, Kleidung oder Spiegel für die Tanzstudios gestellt werden können. Moderner Tanz ist das Letzte, woran die meisten Kubaner denken. Die ganze Insel ist eingenommen von den übermenschlichen Anstrengungen, die die Zafra verlangt - die zehn Millionen Tonnen schwere Zuckerernte."

Weitere Artikel: Sehr genossen hat Claire Dederer die Lektüre von Lucy Ellmanns Roman "Dot in the Universe". Ellmanns Geschichte über die völlig sinnlose Existenz der Ehefrau Dot, die erst beendet und dann wieder neu begonnen werden muss, kommt der Rezensentin vor wie einer dieser "verrückten, fulminanten Briefe mit vielen Großbuchstaben und leidenschaftlich durchgestrichenen Phrasen und ungebührlichen Ausrufezeichen". Hier kann der Autorin beim Lesen aus ihrem Buch zugehört werden. Daphne Merkin empfiehlt außerdem Lucasta Millers "großartiges" Porträt der Bronte Schwestern. Hingewiesen sei zudem auf Lenora Todaros respektvolle Besprechung von "The Swallows of Kabul", der dritte Roman des algerischen Ex-Offiziers Mohammed Moulessehoul alias Yasmina Khadra, der sich mit der Taubheit beschäftigt, die auf die Gewalt folgt.

Im New York Times Magazine beschreibt Fernanda Eberstadt den wachsenden Antisemitismus in Frankfreich: "Die meisten europäischen Intellektuellen bestehen auf der Unterscheidung zwischen selbst der schärfsten Kritik an Israel und Antisemitismus. In jüngster Zeit allerdings wurde diese Unterscheidung unscharf. Bei Demonstrationen im Mai 2002, die von den wichtigsten antirassistischen Organisationen in Frankreich organisiert wurden, brüllten die Demonstranten antisemitische Slogans und versuchten vorbeigehende Passanten zu attackieren, die sie für Juden hielten. Linke Veteranen wie Stora, die sich und ihre Kinder mit einem neuen und sehr realen Antisemitismus konfrontiert sehen, fühlen sich von ihren früheren Kameraden verraten: 'Ich war 15 Jahre lang Mitglied der trotzkistischen LCR. Wir kämpften für die Rechte der Frauen, der Homosexuellen, der Immigranten. In den Achtzigern waren wir an der Spitze der Antirassismus-Bewegung' ... Mit bitterem Humor fasst Stora die Veränderung in der französischen Linken vom Antiklerikalismus Zolas bis zur heutigen Sympathie für die Islamisten: 'Die Väter und Großväter fraßen die Priester, die Söhne kämpfen für das Kopftuch.'"