Magazinrundschau

Miranda trifft Steve in einer Bar

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
27.11.2018. Magyar Narancs und die New York Review of Books lernen verstehen, wie Orban und Trump den größten Schaden anrichten: indem sie nichts tun. Überwachung ist die neue Religion in China, meint Slate.fr. The Hindu hat wenig Hoffnung für eine Lösung des Kaschmir-Konflikts. Novinky möchte in Brasilien überhaupt nicht mehr über Politik reden. Warum will keiner mehr Sex, fragt The Atlantic.

Magyar Narancs (Ungarn), 31.10.2018

Nach heftigen Angriffen regierungsnahen Presse auf den Direktor des Petőfi Literaturmuseums (PIM), Gergely Prőhle, wurde dessen Vertrag durch den zuständigen Minister zum 1. November gekündigt. Ein Nachfolger wurde bis jetzt nicht benannt. Prőhle, der zuvor selbst in der Orban-Regierung als Staatssekretär gearbeitet hatte, wurde vorgeworfen, dass er zu viele "linksliberale Schriftsteller" eingeladen und damit Haushaltsmittel "zweckentfremdet" hätte. Auch hätte die Ausstellungen (im Zentrum der Kritik stand eine Ausstellung der ungarische Avantgarde mit Lajos Kassák, der sich selbst als Sozialist bezeichnete) nicht den "bei den Wahlen demonstrierten Volkswillen widerspiegeln". Der Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Kritiker Dénes Krusovszky erinnert daran, dass es beim PIM um viel mehr geht, als um die Einladung von vermeintlich falschen Gäste oder nicht linientreuen Ausstellungen: "Die institutionelle Arbeit des PIM deckt in Wahrheit den Reichtum der ungarischen schriftlichen Kultur ab - darum können Verwaltungsprobleme die gesamte Netzwerkstruktur erledigen. Einfacher gesagt, wenn das Literaturmuseum als Institution funktionsunfähig wird oder nur vor sich hinvegetiert, wird sich das auf die gesamte schriftliche Kultur Ungarns auswirken. Nicht, weil vielleicht unwürdige Schriftsteller und inakzeptable Ausstellungen die Räumlichkeiten des Károlyi-Palastes füllen werden, sondern weil die eigentliche Arbeit, die Forschung, die Aufarbeitung, Sammlung und Interpretation in Gefahr geraten wird - also alles, was wir Schriftlichkeit nennen. Die eine oder andere schlechte Lesung kann ertragen werden und auch ein Boykott - falls es soweit kommen sollte - ist nicht das Ende der Welt. Doch es wird problematisch, wenn hinter den Kulissen die Arbeit unmöglich wird."
Stichwörter: Ungarn

New York Review of Books (USA), 06.12.2018

Von allen Büchern, die bisher über das System Donald Trump erschienen sind, ist dies das beste, meint der irische Autor Fintan O'Toole über Michael Lewis' "The Fifth Risk". Denn während Michael Wolff (hier) oder Bob Woodward (hier) versucht haben, Trump zu entlarven - als könnte der das selbst nicht am besten - kommt er bei Lewis kaum vor. Statt dessen guckt der genau dahin, wo nichts passiert, wo die Republikaner ihre Behauptung seit Reagan selbst wahrmachen, dass die Regierung nutzlos ist. Zum Beispiel in der Verwaltung, wo 139 von 704 Top-Posten nicht besetzt wurden. Dazu gehört die im Landwirtschaftsministerium angesiedelte Abteilung 'Lebensmittel, Ernährung und Verbraucherschutz', die ein Budget von 112,2 Milliarden Dollar im Jahr verwaltet. "Wenn Sie Lebensmittelmarken verachten, weil sie die faulen Armen ermuntern, sich aushalten zu lassen, wenn Sie Ihre Gewinne aus der Lieferung von Junk Food für Schulmahlzeiten erzielen, die an 30 Millionen amerikanische Kinder verfüttert werden, wenn Sie denken, dass die Gewährleistung gesunder Nahrung für schwangere Frauen und neue Mütter sozialistische Tyrannei ist, dann ist es am einfachsten, nichts zu tun. Vermeiden Sie jede Einweisungen durch ihre Vorgänger, damit Sie nicht lernen müssen, was diese Programme tun und warum sie es tun. Lassen Sie das Wissen und die Erfahrung, die in Menschen wie Concannon [dem Leiter der Behörde unter Obama] steckt, einfach verpuffen. Schaffen Sie ein Vakuum von Führung, Autorität und Verantwortlichkeit, das mit etwas Glück zu Gleichgültigkeit und Demoralisierung führen wird. Lassen Sie öffentliche Stellen an der Rebe verrotten und zeigen Sie dann auf die Fäulnis als Beweis dafür, dass Big Government nicht funktioniert."

Es gibt viele Gründe für die Bevorzugung von Minderheiten an Universitäten. Sie haben jedoch fast alle ihre Tücken. Mehr diversity zum Beispiel hieße, dass auch rechte Provinzler und Evangelikale aufgenommen werden müssten. Fokussiert man dagegen auf Rassismus, ist man auf der sicheren Seite, glaubt der Jurist Noah Feldman. "Ein gutes und faires Aufnahmeverfahren sollte nicht nur die Noten und Testergebnisse der Bewerber berücksichtigen, sondern auch die Hindernisse, mit denen sie konfrontiert sind. Dazu gehört die Erfahrung der strukturellen und wirtschaftlichen Ungleichheit, die in den Vereinigten Staaten zwangsläufig durch die Rasse beeinflusst wird. In diesem Sinne sollte die historische Rassendiskriminierung ein Faktor bei der Zulassung sein - nicht als rückwärtsgerichtete Wiedergutmachung, sondern wegen ihrer anhaltenden Auswirkungen auf die derzeitigen Bewerber. Es ist nicht rechtswidrig, die Auswirkungen des Rassismus auf die Antragsteller zu berücksichtigen, vorausgesetzt, dass diese Auswirkungen von Fall zu Fall anhand von Informationen, die sich aus Bewerbungsaufsätzen und soziologischen Bewertungen der Lebensumstände der Antragsteller ergeben könnten, berücksichtigt werden. Dies würde beispielsweise bedeuten, dass die Rasse der Bewerber an sich die Zulassung nicht beeinflusst, sondern nur indirekt, insofern die generationenübergreifende Diskriminierung ihre Erfahrungen und Möglichkeiten geprägt hat." Der Charme dieses Vorgehens besteht für Feldman vor allem darin, dass man Afroamerikaner gegenüber asiatischen Amerikanern bevorzugen könnte, ohne des Rassismus beschuldigt zu werden.

Außerdem: Elisa Gabbert liest Gedichte von A.E. Stalling und Terrance Hayes. Alex Traub berichtet über neue nationalistische Lehrpläne in Indien. Und Marcia Angell liest Bücher zur Opioid-Krise in den USA.

Slate.fr (Frankreich), 27.11.2018

In einem sehr interessanten Hintergrundartikel stellt Léa Polverini die inzwischen häufig beschriebene chinesische Politik der sozialen Hygiene, die mit ihren Überwachungstechnologien am liebsten in die Hirne der Bürger kriechen würde, in einen säkularisiert spirituellen Kontext. An die Stelle religiöser Kulte, die als Konkurrenz zur Staatsideologie betrachtet werden, soll ein neuer und kompatibler Kult der Partei und ein steriler Führerkult um Xi Jinping treten. Der Sinologe Vincent Goossaert erklärt im Gespräch mit der Autorin, wie traditionelle religiöse Praktiken Chinas unter dem Siegel der "Kultur" wieder zugelassen werden. Xi Jinping lässt sich dabei zugleich als "nahbarer Führer" verehren, der anders als die Kaiser für das Volk sichtbar ist und Harmonie mit seiner Bevölkerung aufbaut: "Hinter dem monumentalen Projekt der elektronischen Erfassung der Bevölkerung, das gute Taten und schlechte Taten durch ein Punktesystem und einen 'sozialen Kredit' abwägen will, steht auch die Idee, dass man 'die menschliche Qualität der Chinesen und Chinesinnen verbessern kann', betont Goossaert: 'In dieser Logik er moralischen Bewertung aller Taten nimmt der Staat den Platz der Gottheiten ein, die einst Buch führten. Das ist zugleich utopisch und zutiefst religiös. Es ist eine formalisierte Gewissensprüfung mit der Idee, dass der Staat nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Menschen, ihre Leben und ihre Seelen transformiert.'"

Sehr lesenswert auch Aude Lorriaux' Reportage über die verzweifelte Lage von Polinnen, die eine Abtreibung suchen - die Gesetze sollen mal wieder verschärft werden.
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Archiv: Slate.fr

The Hindu (Indien), 14.11.2018

Die Historikerin Farzana Shaikh, Autorin des einschlägigen Buchs "Making Sense of Pakistan", beleuchtet im Interview mit Suhasini Haidar viele Aspekte der pakistanischen Politik, die sie in "stabiler Instabilität" blockiert sieht  - und das gilt für alle Aspekte der Politik, unter anderem die Beziehungen zwischen Militär und Religion oder die Beziehungen zu externen Staaten wie den USA. Und leider gilt es auch für den Clinch mit Indien. Seit zehn Jahren gab es keine substanziellen Gespräche zwischen den beiden Ländern mehr, so Shaikh: "Viele fragen nach einer Vermittlung durch Dritte, besonders beim Thema Kaschmir. Aber Kaschmir ist nicht nur ein Territorialstreit, Kaschmir ist eng verbunden mit den Selbstbildern der beiden Länder. Für Indien ist es vital, Kaschmir zu behalten, damit es sich als säkulares Land beweisen kann. Was immer Narendra Modi und die radikal hinduistische Kaderorganisation RSS behaupten - Indiens säkulare Verfassung postuliert nur ein Gesetz für jedermann, Hindus, Muslime, Buddhisten und so weiter. Pakistan sieht durch den Nichtbesitz von Kaschmir dagegen seinen Anspruch, das 'muslimische Indien' darzustellen, kompromittiert. So betrachtet es die Teilung als unvollendet."
Archiv: The Hindu
Stichwörter: Indien, Kaschmir, Pakistan

Novinky.cz (Tschechien), 26.11.2018

Die in Brasilien lebende tschechische Schriftstellerin und Journalistin Markéta Pilátová beobachtet seit der Wahl Jair Bolsonaros die Veränderungen in ihrem Umfeld: Früher habe man sich lieber die Zunge abgebissen, als seine Bekannten zu kritisieren: "Auf einmal befinden sich zwischen den sonst so gemütlichen Brasilianern abgesteckte Gräben und es wird scharf geschossen. Die Anhänger der lange regierenden Partei gelten als 'Kommunisten', die Anhänger des neuen Präsidenten als 'Faschisten'. Die Leute löschen sich gegenseitig aus Facebook, verlassen ostentativ Whatsapp-Gruppen und Grillpartys. Eine abweichende Meinung interessiert keinen. (…) Gemeinsame Abendessen enden statt wie üblich gegen ein oder zwei Uhr früh schon um acht Uhr abends in betroffenem Schweigen. Am liebsten würde ich hier allen das Schild 'Politische Gespräche verboten' empfehlen, das ich vor Jahren im Speisesaal des Hotels Paprsek in den Ostsudeten aufgehängt sah. [Das Schild erinnert an die heftigen Diskussionen zwischen Sudetendeutschen und Tschechen vor dem Zweiten Weltkrieg, die man wenigstens beim Essen zu unterbinden versuchte, die Red.] Ich sehne mich zurück nach der Unschuld jener Zeiten, in denen man mit Brasilianern auf eins ihrer jämmerlichen Biere einkehren konnte und über Renten, Abtreibungen, die Gefahr von Drogen, über die Militärdiktatur und Homosexuelle plaudern und 'Faschisten' und 'Kommunisten' zuhören konnte, die bis spät in die Nacht zusammen tranken. Jetzt geht man nur noch innerhalb der eigenen sozialen Blase zusammen ein Bier trinken."
Archiv: Novinky.cz
Stichwörter: Brasilien, Abtreibung

Guardian (UK), 26.11.2018

Als Fahrerin für Lyft in Los Angeles wurde Sarah Mason von den Passagier-Ratings ziemlich auf Trab gehalten. Erst setzte sie auf Tempo, nettes Auftreten und Schokoriegel, um im Ranking der Lyft-App aufzusteigen, dann wollte sie den Power Driver Bonus, schließlich bekam sie von Lyft immer härtere "Challenges" vorgeschlagen: Gefährliche Fahrten, spät nachts, mit betrunkenen Passagieren. Da erkannte Mason, dass diese Spiele, Wettbewerbe oder Turniere dazu dienen, die Fahrer bei der Stange zu halten: "Verhaltensforscher und Videospiel-Designer wissen genau, dass Aufgaben schneller und mit mehr Enthusiasmus erledigt werden, wenn man sie als einen Schritt auf dem Weg zu einem größeren feststehenden Ziel entwirft. Das Lyft-o-Meter läuft die ganze Zeit und zeigt einem immer, wie man gerade im Ranking steht, wie viele Fahrten man geschafft hat und wie weit man noch gehen muss, um sein Ziel zu erreichen. Die Gestaltung der Arbeit als Wettlauf soll die Fahrer einerseits dazu bewegen, dort und dann zur Stelle zu sein, wo die Nachfrage am größten ist, andererseits überhaupt am Ball zu bleiben. Laut Zahlen von Uber hören fünfzig Prozent aller Fahrer innerhalb von zwei Monaten auf, die App zu benutzen, und ein Bericht des  Institute of Transportation an der University of California in Davis legt nahe, dass nur vier Prozent aller Fahrer länger als ein Jahr dabeibleiben. Das ist das größte Problem der Branche, denn ihre Ökonomie ist miserabel. Es lässt sich nicht genau feststellen, wie viel die Fahrer verdienen, aber Untersuchungen vom Economic Policy Institute und vom MIT kommen darin überein, dass ein Fahrer im Durchschnitt zwischen 9,21 Dollar und 10,87 Dollar die Stunde verdient. In den meisten größeren Städten der USA verdienen die Fahrer also weniger als den Mindestlohn. Laut einem internen Uber-Papier, das der NY Times zugespielt wurde, sieht Uber in McDonalds den größten Konkurrenten beim Wettbewerb um neue Fahrer."

James McAuley rekonstruiert en detail den Mord an der Jüdin Sarah Halimi in Paris, der in der französischen Debatte über den Antisemitismus einen Wendepunkt markierte und aus dem McAuley einen Beweis gegen den französischen Republikanismus zu stricken versucht.
Archiv: Guardian
Stichwörter: Gig Economy, Lyft, Uber

Eurozine (Österreich), 23.11.2018

Die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe, großer Fan politischer Leidenschaften, erklärt in Critique and Humanism, warum sie mehr Populismus in der Politik will, mehr Affekte und echte Gegnerschaft: "In progressiver Form stellt der Populismus nicht eine Perversion der Demokratie dar, sondern das beste Mittel zu ihrer Verteidigung. Das größte Hindernis für eine populistische Politik ist jedoch, dass die meisten linken Parteien nicht verstehen, welche Rolle allgemeine Affekte für politische Identitäten spielen und welche Bedeutung Leidenschaften haben, um sie in eine demokratische Richtung zu bewegen. Sie stehen unter dem Einfluss der dominierenden Strömung in der politischen Theorie, derzufolge Leidenschaften aus demokratischer Politik herausgehalten werden und Politik sich auf rationale Argumente und wohlüberlegte Prozeduren beschränken sollte. Vor allem hieraus entspringt die Feindschaft der Liberaldemokraten gegenüber dem Populismus, aber darum sind sie auch unfähig, auf den Rechtspopulismus zu reagieren. Dessen Bewegungen wissen, dass Politik immer in verschiedene Lager trennt und dass sie die Schaffung eines Wir/Sie-Gegenübers braucht. Sie wissen, dass man die Affekte mobilisieren muss, um kollektive politische Identitäten zu konstruieren."

Weiteres: In New Eastern Europe wirft Agnieszka Pikulicka-Wilczewska einen Blick auf das Bitocoin-Geschäft in Russland.
Archiv: Eurozine

New Yorker (USA), 03.12.2018

Die aktuelle Ausgabe des New Yorker ist ein kleines Best-of aus den Archiven des Verlags. Es gibt legendäre Cover-Illustrationen zu bestaunen und u.a. Hannah Arendts Text über W. H. Auden und seine anbetungswürdige Disziplin (siehe dazu auch unsere Tagtigall), entstanden 1975: "Auden, so viel weiser - wenn auch keineswegs schlauer - als Brecht, wusste schon früh, dass 'Poesie nichts bewirkt'. Ihm schien es unsinnig, dass der Dichter besondere Privilegien beanspruchen oder um Ablässe bitten sollte. Es gab nichts Bewundernswerteres an Auden als seine unbedingte Vernunft, seinen festen Glauben an sie. In seinen Augen fehlte es den Wahnsinnigen an Disziplin. 'Naughty, Naughty', wie er zu sagen pflegte. Die Hauptsache war, keine Illusionen zu haben und keine Gedanken zu akzeptieren, keine theoretischen Systeme, die einen für die Realität blind machten. Er wandte sich gegen seine frühen linken Überzeugungen, weil sich die Ereignisse (die Moskauer Prozesse, der Hitler-Stalin-Pakt und die Erfahrungen während des Spanischen Bürgerkriegs) als unehrlich und beschämend erwiesen hatten."

Außerdem im Heft: Ein Essay von James Baldwin aus dem Jahr 1962, in dem der Schriftsteller seine eigene Entwicklung als Schwarzer unter Weißen Revue passieren lässt.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 23.11.2018

Die in Siebenbürgen geborene Schriftstellerin Réka Mán-Várhegyi legte vor kurzem ihren ersten Roman mit dem Titel "Mágneshegy" (Magnetberg, erschienen bei Magvető, Budapest) vor. Im Interview mit László Kőszeghy spircht sie über genderspezifische Schreib- und Lesarten: "Wie die Protagonistin im Roman, so begann auch ich um die Jahrtausendwende feministische Kritik an der Universität zu studieren, was eine enorme Wirkung auf mich hatte. Sie änderte grundsätzlich die Art und Weise, wie ich Texte und die Welt betrachtete, Aber ich begann auch einen großen Teil der Dilemmata zu verstehen, mit denen ich als beginnende Schriftstellerin konfrontiert war. Kein Wunder, dass das gegenwärtige politische Regime ein Feind von Genderstudiengängen ist, denn eine genderspezifische Leseart hat genau als Ziel, eine Ideologie der Ästhetik, die sich selbst als neutral und als Garant der universellen humanistischen Werten sieht, zu hinterfragen und zu zeigen, dass diese tatsächlich in enger Beziehung mit der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Machtordnung und der Grundannahme der patriarchalen Ideologie steht."

The Atlantic (USA), 01.12.2018

Teenager und junge Erwachsene haben immer weniger Sex, jedenfalls in den USA und in Europa, lernt Kate Julian, die sich für die Titelgeschichte mit dem Thema beschäftigt hat. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber besonders schwerwiegend dürfte die Tatsache sein, dass immer mehr Menschen unfähig sind zu sozialer Interaktion mit Unbekannten. "Ich erwähnte gegenüber mehreren Personen, die ich für dieses Stück interviewte, dass ich meinen Mann 2001 in einem Aufzug getroffen hatte. (Wir arbeiteten auf verschiedenen Stockwerken derselben Institution, und in den folgenden Monaten kamen viele weitere Gespräche zustande - im Aufzug, im Pausenraum, auf dem Weg zur U-Bahn.) Ich war fasziniert, wieviele Frauen daraufhin seufzten und sagten, dass sie gerne jemanden auf diese Weise treffen würden. Und dennoch dachten etliche von ihnen, dass sie es sehr seltsam fänden, würde ein Unbekannter im Aufzug mit ihnen ein Gespräch anfangen. 'Hau ab, du Widerling!', stellte sich eine Frau ihre Reaktion vor. 'Immer wenn wir schweigen, schauen wir auf unsere Handys', erklärte ihre Freundin nickend. Eine andere Frau fantasierte mir vor, wie es wäre, wenn ein Mann sie in einer Buchhandlung anmachen würde. (Sie würde ihr Lieblingsbuch in der Hand halten. 'Was ist das für ein Buch?', würde er sagen.) Aber dann schien sie aus ihrer Träumerei auszubrechen und wechselte das Thema zu 'Sex and the City' und wie hoffnungslos veraltet die Serie heute erscheine. 'Miranda trifft Steve in einer Bar', sagte sie in einem Ton, der darauf hindeutet, dass das Szenario genauso gut aus einem Roman von Jane Austen stammen könnte."

Ausgerechnet der renommierteste Bürgerrechtsverein der USA, die ACLU, hat sich kürzlich öffentlich dagegen ausgesprochen, die Rechte eines Angeklagten auf ein faires Gerichtsverfahren zu stärken. Zumindest auf dem Universitätscampus, schreibt ein entsetzter Conor Friedersdorf. Eine neue Richtlinie von Erziehungsministerin Betsy DeVos soll sicherstellen, dass künftig nach Title IX Angeklagte Zugang zu allen Unterlagen und Beweismitteln bekommen und Ankläger wie Kläger sich gegenseitig oder von ihren Anwälten ins Kreuzverhör nehmen dürfen. Bisher konnte die Universität eine Klage von einem einzelnen Ermittler untersuchen lassen und dem Angeklagten, dem die Ergebnisse nicht mitgeteilt werden, dann nur noch ihren Beschluss überreichen. Die ACLU protestierte gegen die neue Richtlinie auf ihrer Webseite und auf Twitter: Sie schwäche den Schutz vor sexuellen Übergriffen und "'fördert einen ungerechten Prozess, begünstigt unangemessen die Angeklagten und entlässt die Schulen aus ihrer Pflicht nach Titel IX, unverzüglich und fair auf Beschwerden über sexuelle Gewalt zu reagieren. Wir werden weiterhin Überlebende unterstützen.' Vor allem ein Satz war für die Bürgerrechtler schockierend: Die Richtlinie fördere 'einen ungerechten Prozess, der die Angeklagten unangemessen begünstigt'. Seit wann hält die ACLU ein Verfahren, das den Angeklagten begünstigt, für unangemessen oder ungerecht?" Die Rechten jedenfalls freuen sich bereits über diese Argumentationslinie, seufzt Friedersdorf.

Außerdem: Peter Beinart denkt über Chancen und Risiken einer neuen linken Welle (der dritten seit den dreißigern und den sechzigern) bei den Demokraten nach. Mike Mariani wundert sich, dass die Nachfrage nach Exorzisten in Amerika steigt.
Archiv: The Atlantic
Stichwörter: Sex, Acclu, Bürgerrechte

Outlook India (Indien), 26.11.2018

Die Ende September gefällte Entscheidung von Indiens Oberstem Gericht, Frauen das Betreten des Sabarimala-Tempels in Kerala zu erlauben, führt immer häufiger zu gewalttätigen Ausschreitungen. Outlook India hat dem Thema einen Schwerpunkt gewidmet. J. Devika, die sich als Feministin, geboren in eine Mittelklasse Familie aus privilegierter Kaste vorstellt, erinnert sich, dass solche Tabubrüche früher viel gelassener hingenommen wurden. Was hat sich geändert? "Es gibt Grund zu der Annahme, dass die Unsicherheiten, die die moralische Mehrheit Keralas plagen, in den letzten zehn Jahren zugenommen haben, insbesondere als Reaktion auf die öffentliche Missachtung konservativer Sitten durch junge Menschen und die sehr öffentliche und starke Selbstbehauptung sexueller Minderheiten - ganz zu schweigen von der Stärkung des feministischen Diskurses. Das Savarna-Trauma erreichte schließlich seinen Höhepunkt mit der schrecklichen Erfahrung der Überschwemmungen, die Kerala im August dieses Jahres heimsuchten. Es war das erste Mal in der jüngeren Geschichte, dass die Savarna-Elite ihr Leben direkt von Naturgewalten bedroht fühlte. Es war auch das erste Mal, dass sie gezwungen waren, ihren Kastenstolz fallen zu lassen und die Hilfe der Fischer und völlig Fremder anzunehmen. Sabarimala bietet nur einen Auslöser für den Ausbruch dieses Traumas. Kein Wunder, dass es in der Gegenwart eine beispiellose Welle von fanatischen Beleidigungen gibt, die sich alle gegen Führer der 'niedrigeren Kasten' richten."

New York Times (USA), 25.11.2018

Das Magazin der New York Times bringt ein schockierendes Feature zum Thema Palmöl. Abraham Lustgarten zeichnet den Weg der Zerstörung nach: "Die meisten Plantagen um uns herum waren neu, ihre Entstehung eine direkte Folge politischer Entscheidungen auf der anderen Seite der Welt. Mitte der 2000er Jahre begannen westliche Nationen, angeführt von den USA, Umweltgesetze auszuarbeiten, die die Verwendung von Pflanzenöl in Kraftstoffen fördern, ein ehrgeiziger Schritt zur Verringerung des Kohlendioxidausstoßes und zur Eindämmung der globalen Erderwärmung. Diese Gesetze wurden jedoch auf Grundlage einer ungenauen Kalkulation der tatsächlichen Kosten für die Umwelt entworfen. Trotz aller Warnungen, diese Politik könnte das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich will, wurde sie dennoch umgesetzt. Eine Katastrophe mit globalen Folgen ist die Folge. Die tropischen Regenwälder Indonesiens, insbesondere die Moorgebiete von Borneo enthalten große Mengen an Kohlenstoff in ihren Bäumen und Böden. Das Roden und Verbrennen der Wälder für den Anbau von Ölpalmen hatte einen perversen Effekt: Es wurde mehr Kohlenstoff freigesetzt, viel mehr. Laut NASA führte die Zerstörung von Borneos Wäldern zum größten globalen Anstieg der Kohlenstoffemissionen seit zwei Jahrtausenden, eine Explosion, die Indonesien zur viertgrößten Emissionsquelle weltweit gemacht hat. Anstatt eine clevere technokratische Lösung zu finden, um den CO2-Fußabdruck der Amerikaner zu verringern, zündete der Gesetzgeber eine mächtige Karbonbombe, die mehr Kohlenstoff produzierte als der europäische Kontinent. Der beispiellose Palmölboom hat viele der größten Unternehmen der Region bereichert und ermutigt, ihre neu gewonnene Macht und ihren Reichtum zu nutzen, um Kritiker zu unterdrücken, Arbeiter auszubeuten und mehr Land für das Palmölgeschäft zu erwerben."