Magazinrundschau

So viel Schönheit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
15.07.2014. Der Globe and Mail stellt Larry, den Hummer vor. Der Pacific Standard porträtiert die "Organ-Detektivin" Nancy Scheper-Hughes. Fördert Truvada, die "morning-after"-Pille gegen HIV, heißen Sex unter Homosexuellen, fragt das New York Magazine. Die LRB hat wenig Hoffnung für den Irak, etwas mehr für in Brooklyn lebende Literaten. Der argentinische Autor Martín Caparrós besichtigt für El Pais Semanal den größten Tresorraum der Welt für die Superreichen. Selbst Thomas Piketty betrachtet die Ungleichheit durch die Brille des Westens, murrt Le monde diplomatique. Und die NYT betrachtet den Ebookmarkt according to Amazon.

Pacific Standard (USA), 01.09.2014

Für den Pacific Standard begleitete Ethan Watters über einen langen Zeitraum die Anthropogin und "Organ-Detektivin" Nancy Scheper-Hughes und verfasste ein umfassendes Porträt der Aktivistin. Seit Mitte der 1980er Jahre reist Scheper-Hughes durch die Welt und verfolgt ein hehres Ziel: die Verknüpfungen und verschiedenen Ausformungen des globalen Organhandels aufzudecken und publik zu machen. "Während ihrer Reisen, wie sie 2006 in einem Artikel in den Annals of Transplantation schrieb, gab sie immer wieder vor, eine Kundin auf der Suche nach Organen für kranke Familienmitglieder zu sein. So auch in der Türkei, wo sie auf einem Flohmarkt nahe dem Busbahnhof in Askaray - einem ärmlichen Immigranten-Viertel von Istanbul - so tat, als suche sie eine Niere für ihren kranken Ehemann. Schließlich fand sie einen arbeitslosen Bäcker, der bereit war, ihr eine seiner Nieren zu verkaufen. In diesem Fall ging sie sogar so weit, mit ihm in ein nahegelegenes Café zu gehen, um dort mit über den Preis der Niere zu diskutieren."

Elet es Irodalom (Ungarn), 11.07.2014

Benedek Várkonyi unterhält sich mit dem Schriftsteller László Krasznahorkai über dessen Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Béla Tarr. Krasznahorkais Romane dienten den Filmen Tarrs als Vorlage - oder gewissermaßen, wie der Autor erzählt: "Das, was ich sehe, ging nie in einen Film über. (...) Es sind die Visionen von Béla Tarr. Ich gebe zu, dass in diesen Filmen, angefangen vom Titel, über die Protagonisten und den Beziehungen zwischen ihnen wirklich alles aus meinen Bücher stammt. Doch dafür, was der Zuschauer im Kino sieht, war ich lediglich eine Inspirationsquelle. Tarr wollte eine visuelle Welt erschaffen und tat dies seit 1985 ausschließlich durch meine Bücher. Doch ich fühlte überhaupt nicht, dass "Satanstango" adaptiert werden sollte, warum auch?"

Globe and Mail (Kanada), 14.07.2014

Wie kommt es, dass ein Hummer, wenn er gefangen wird, acht Dollar wert ist, und 52,20 Dollar, wenn er auf Ihrem Teller liegt? Um dieses Hummer-Voodoo zu verstehen hat Ian Brown den Hummer Larry von Neufundland bis zu einem Restauranttisch in Toronto begleitet. Hier sein erster Eindruck von dem Tier: "Er ist ein Prachtexemplar: zwei Pfund, grün-schwarz, große Zangen, männlich (zwei Penisse!) und - nach den unbenutzten Stachel unter seinem Schwanz zu urteilen - ein nagelneuer, steinharter Panzer. Sein Chitinpanzer (eigentlich sein Skelett, dass er eben außen trägt), ist eine friss-aber-werde-nicht-gefressen-Maschine. Er hat den klassisch unergründlichen, angekotzten, prähistorisch arthropodischen Hummerausdruck: Ich habe oft versucht mir den Augenblick vorzustellen, in dem der erste Mensch herausfand, dass diese Dinger ultrawohlschmeckend sind, wenn man sie in kochendes Wasser wirft. Allesfressend, kannibalistisch, sogar selbstkannibalisierend, wenn sie hungrig genug sind, ohne jedes Gefühl außer dem Drang zu essen und zu krabbeln und zu überleben - klingt das nicht wie der Teufel? Oder zumindest wie ein Finanzhai? Larry hat sogar blaues Blut - wie Spinnen, wie Schlangen, wie der Satan."
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MicroMega (Italien), 07.07.2014

Rossana Rossanda lebt noch! Mit Ehrfurcht wurde einst ihr Name geraunt, sie hatte Il Manifesto gegründet, eines der Vorbilder der taz. Aus der italienischen KP war sie ausgeschlossen worden, weil sie zu links war und der Partei ein allzu laues Verhältnis zu Moskau vorwarf. Nun ist sie neunzig Jahre alt und "entlarvt" in Paolo Flores d"Arcais" Zeitschrift MicroMega den gegenüber der Ukraine allein aus wirtschaftlichem Interesse handelnden Westen. Auch Links und Rechts und Gut und Bös und West- und Ostukraine sind bei ihr noch übersichtlich sortiert: "Im Zweiten Weltkrieg ist die deutsche Besatzung auf die Zustimmung eines Teils des politischen Panoramas gestoßen, ein Erbe, das ganz deutlich noch in den kürzlichen Ereignissen am Maidan lebendig war: Die nazistische Partei ist noch aktiv, und das ist nicht der einzige Grund, warum das Land zwischen West und Ost geteilt bleibt." Kommunisten und Faschisten - jeder hat seinen eigenen Lieblings-Putin!
Archiv: MicroMega

The Nation (USA), 28.07.2014

Aaron Cohen bespricht zwei neue Bücher über Stax-Label. Greg Kots Familien-Biografie über die Staple Singers "I"ll Take You There" und Robert Gordons "Respect Yourself" über die Geschichte des Labels selbst: "Gordon setzt die Geschichte des Stax-Labels in den Kontext der Bürgerrechtsbewegung in Memphis ein. Jim Stewart, ein weißer Bankangestellter und Country-Geiger baute die Firma in den späten Fünfzigern zusammen mit seiner Schwester Estelle Axton auf. Sie öffneten ihren Landen in einem schwarzen Stadtviertel jedem, der bei ihnen vorspielen oder einen Song aufnehmen wollte. Drei Jahre, bevor die Studenten der Stadt ihre Mensa integrierten." Hier hat die New York Times Kots Buch besprochen.

Und "Respect Yourself" ist bekanntlich auch einer der größten Hits der Staple Singers:

Archiv: The Nation

La vie des idees (Frankreich), 14.07.2014

Lucie Campos unterhält sich mit der französischen Soziologin Gisèle Sapiro über über die Wissensproduktion und -verbreitung auf den sich zunehmend globalisierienden Veröffentlichungsmärkten. Sie hat dazu eine Studie vorgelegt, in der die Bedingungen für die Übersetzung von Arbeiten aus den französischen Geistes- und Sozialwissenschaften in andere Sprachen untersucht wurden, vornehmlich im englischen, nordamerikanischen und argentinischen Markt. Sapiro beschreibt darin auch die zahlreichen Hindernisse, die eine Verbreitung französischer Wissenschaft erschweren. Neben ökonomischen Gründen seien auch kulturelle Hemmnisse zu beobachten, weil viele Themen als zu "regional" angesehen würden. "Auch der Schreibstil wird mitunter als Hindernis genannt. Ein englischer Verleger etwa stellte den "strukturalen Schreibstil" französischer Wissenschaftler der eher "narrativen" Form gegenüber, die in der angelsächsischen Wissenschaftslandschaft vorherrscht. Kulturelle Hindernisse betreffen jedoch auch Verhandlungssachen, Vertragssprache, verlegerische und juristische Traditionen, etwa Copyright versus Urheberrechte, ganz zu schweigen von den Problemen des Übersetzens."

London Review of Books (UK), 17.07.2014

Früher wohnten amerikanische Schriftsteller in Kleinstädten, wo sie sich das Leben noch leisten konnten. Heute wohnen sie eigentlich alle in Brooklyn, stellt Sheila Heti fest und greift dankbar nach Adelle Waldmans Roman "The Love Affairs of Nathaniel P.", der von den Brooklyner Literatenzirkeln erzählt, die von ihren Liebschaften ebenso getrieben werden wie von der Ökonomie: "Was passiert, wenn sich Künstler an einem Ort sammeln, an dem sie nur unter größten finanziellen Anstrengungen Kunst machen können? Wo Schriftsteller zugleich auch als Journalisten, an Universitäten und in Cafés arbeiten müssen, um die Miete zu bezahlen, was ihnen wenig Zeit lässt, ihren Roman zu schreiben, während sie erfahren, dass einer aus ihrer Truppe gerade einen sechsstelligen Vorschuss für sein erstes Buch ergattert hat?"

Patrick Cockburn rekapituliert den politischen und militärischen Zusammenbruch des Iraks unter Premier Nuri al-Maliki. Grund zur Zuversicht sieht er kaum: "In Bagdad hegt man die Hoffnung, dass Isis nur die fanatische Spitze einer moderateren sunnitischen Revolte ist. Diese Argumentation geht davon aus, dass sich die Stammesoberen - wie schon 2006/07 - gegen ihre extremistischen Verbündeten wenden werden, wenn diese beim Sturz der Regierung der Bagdad ihre Schuldigkeit getan haben. Auf der anderen Seite sind die Friedhöfe der Welt voll von Menschen, die glaubten, sie können Extremisten für ihre eigenen Zwecke nutzen und sie dann loswerden." Owen Bennett-Jones erkennt in den Enthauptungsvideos der Terrortruppe Isis genau klakulierte Gewaltakte, die ihren Zweck bisher genau erfüllt haben: die irakische Armee in Angst und Schrecken zu versetzen und größtmögliche Öffentlichkeit im Westen herzustellen.

Judith Butler setzt sich sehr intensiv mit Jacques Derridas Buch zur Todesstrafe auseinander, mit Verbrechen, Schuld, und der Frage, wieviel Sadismus in dem Verlangen zu strafen steckt.

El Pais Semanal (Spanien), 12.07.2014

"Laut einem vor kurzem veröffentlichten Oxfam-Bericht", berichtet der argentinische Schriftsteller Martín Caparrós, "befindet sich mittlerweile fast die Hälfte - 46 Prozent - des Reichtums dieser Welt in der Hand von einem Prozent ihrer Bewohner. Reiche und Superreiche klagen jedoch darüber, dass Besitz schlecht angesehen, ja gefährlich ist, in ihrer immer stärker abgeschotteten Welt fühlen sie sich unwohl und bedroht. Was tun angesichts dessen mit all dem wertvollen Kunstbesitz? Wo soll man so viel Schönheit verstecken? Eine Lösung für dieses Luxusproblem bietet ab September Luxembourg Freeport, "der ideale Ort für Ihre Wertsachen im Herzen Europas", wie es in der Eigenwerbung heißt: Riesige Hallen mit perfekt abgestimmtem Raumklima, 22.000 Quadratmeter voller Safes, Schutzkammern und Schutzkellern für 50 Euro pro Quadratmeter pro Monat, nur vier oder fünfmal so viel wie für eine gute Wohnung in Madrid oder Barcelona. Natürlich, versichert das Unternehmen, nur für deklariertes Kunstgut, und selbstverständlich haben Polizei und Zoll das Recht auf Einsichtnahme - sie werden aber wohl kaum allzu oft Gebrauch davon machen, für irgendetwas muss es schließlich gut sein, wenn man etwas hat, ohne es zu haben."

Guardian (UK), 12.07.2014

Hunderte von Männer und Frauen hat der einstige BBC-Moderator Jimmy Savile in seinem Leben vergewaltigt, noch mehr Kinder in den Studios der BBC sexuell missbraucht. Weil Dan Davies" umfassend recherchierte Biografie "In Plain Sight" zeigt, wie das System Savile funktionierte, macht sie nicht depressiv, beteuert David Hare: "Unter normalen Umständen würde jeder öffentliches Misstrauen erregen, der erklärt, er sei in seinem Leben nie so glücklich gewesen wie in den fünf Tagen, die er allein mit dem Sarg seiner Mutter verbrachte - "Bis dahin musste ich sie mit anderen Menschen teilen. Aber als sie tot war, gehörte sie mir allein". Das würde auch jedem so ergehen, der nach vier Bypass-Operationen als erstes die Brüste einer Krankenschwester betatscht. Aber da hatte Savile schon den brillanten Trick entwickelt, seine offensichtliche Verrücktheit zu einem Teil seines Charisma-Pakets zu machen: "Niemand kann sich vor mir fürchten. Es wäre unter jeder Würde, sich vor jemandem zu fürchten, der sich kleidet wie ich." ... Wie ein Beamter der Metropolitan Police sagte: "Er hat eine ganze Nation mitgeschnackt.""

Weiteres: David Goldblatt setzt an, die Fifa und ihre WM als ökonomische und politische Machtsmaschinerie zu analysieren, endet dann aber mit einer hübschen Hymne auf den neuen deutschen Fußball: "Brillant organisiert, aber auf Anhieb flexibel, die Individuen agieren so versiert wie das Netzwerk telepathisch..." Gaby Hinsliff preist die gesammelten Kolumnen "Unspeakable Things" der Feministin Laurie Penny.
Archiv: Guardian

New York Magazine (USA), 14.07.2014

In der Coverstory des Magazins untersucht Tim Murphy, wie Truvada, die "morning-after"-Pille gegen HIV, das Leben Homosexueller verändert und alte Argumente wiederbelebt: "Die Leute fürchten, das Medikament könnte dazu einladen, so viel kondomlosen Sex zu haben, wie man will, was zu einem Anstieg von Erkrankungen wie der Syphilis führen könnte. Oder sie befürchten, nicht jeder könnte es mit der nötigen Gewissenhaftigkeit einnehmen oder es könnten Resistenzen auftreten. Andere haben Angst, Männer auf Truvada könnten plötzlich als Schlampen verschrieen sein, so wie Frauen in den 60ern, die die Pille nahmen … Wieder andere empfinden die Existenz von Truvada als Betrug: an den Aids-Toten, an der Treue zum Kondom, das für heißen Sex und zugleich für eine gewisse Müdigkeit dem sicheren Sex gegenüber steht, schließlich an einer ganzen, von sexueller Umsicht bestimmten Geisteshaltung, die das schwule Leben der Männer seit den frühen 80ern geprägt hat. Auch wenn HIV-Behandlungen heute ein Leben mit der Erkrankung für viele möglich machen, haben schwule Männer die Message internalisiert, dass nur eine Latexhülle sie vom Abgrund trennt. Und das bedeutet nicht "nur" die Infektion mit HIV, sondern alles, was damit zusammenhängt: Verlust von Würde und Selbstkontrolle und der Verzicht auf Bürgerpflicht."
Stichwörter: Aids, Pille, Truvada

Economist (UK), 12.07.2014

Don"t leave us this way, ruft der Economist den Schotten zu, die am 18. September über ihre Unabhängigkeit entscheiden. Nicht auszudenken, wenn aus Briten wieder Engländer (und Waliser) würden: "Ein friedlicher, demokratischer, gutregierter Nationalstaat ist ein Segen, den man nicht leichtfertig wegwirft. Das ist ein starkes, negatives Argument gegen den Wandel. Aber es gibt auch ein positives, das vor allem die Kampagne gegen die schottische Unabhängigkeit vorgebracht hat: Die Idee der Nation. Das Vereinigte Königreich verkörpert den Glauben, dass Menschen mit unterschiedlicher Geschichte und Identität zusammenleben können, und dass gerade ihre Vielfalt ihre Kultur, ihre Ökonomie und ihre Politik sie stärker macht. Bezeichnenderweise beschreiben sich die meisten Angehörigen ethnischer Minderheiten eher als Briten denn als Engländer oder Schotten: Instinktiv erkennen sie die umfassende liberale Identität, die eine Nation bietet - und die nicht auf einem eingeengten Nationalismus beruht, sondern auf dem aufgeklärten Konzept des Nationalstaats."

In einem weiteren Artikel macht der Economist auch Autoren wie Perry Anderson, Tom Nairn und Irvine Welsh für den Glauben verantwortlich, dass nur die Unabhängigkeit von "britischen Imperialstaat" den verarmten Schotten die ersehnte Sozialdemokratie bringen könnte: "Der Mythos von den höhnischen, Jobs vernichtenden, Schotten hassenden Tories hat sich durchgesetzt, und gerade wenn die Konservativen in Westminister regieren, dann erscheinen Tories und Engländer in schottischen Köpfen als Synonyme. Jetzt ist wieder so eine Zeit. Bei den Wahlen 2010 gewannen die Tories nur einen Sitz in Schottland."

Und was soll aus der britischen Popmusik werden, wenn die Schotten nicht mehr dazugehören?


Archiv: Economist

Telerama (Frankreich), 14.07.2014

Lorraine Rissignol berichtet über Probleme bei der Umwandlung der Wohnhäuser von Schriftsstellern in Museen oder Schreibresidenzen. Am Beispiel des neu eröffneten Hauses von Julien Gracq in Saint-Florent-le-Vieil geht sie der Frage nach, ob sich das Geheimnis des literarischen Schöpfungsprozesses anders als durch Kulissen und Objekte verkörpern lässt. Die sehr französische – Antwort lautet: Ja, "indem man die Konzepte von Museum und Refugium, Pädagogik und Heiligem miteinander vermischt. Damit aufhört, den Charme der Örtlichkeiten einfach zu zerstören, denn die für Publikunsverkehr erforderlichen Einrichtungen wie Kasse, Toiletten, Aufzüge und Rampen für Behinderte, Nachbeleuchtung etc. fügen sich selten harmonisch in die Intimität dieser Häuser ein, die meist bescheiden und winzig sind.“"
Archiv: Telerama
Stichwörter: Behinderte

Wired (USA), 11.07.2014

Die zwei Anarcho-Aktivisten Amir Taaki und Cody Wilson versprechen, mit ihrem Bitcoin-Tool Dark Wallet den Zahlungsverkehr im Netz endgültig und komfortabel zu anonymisieren, sodass keine Regierung der Welt mehr nachvollziehen oder ermitteln kann, welche Transfers zwischen welchen Parteien stattgefunden haben. Für Wired hat sich Andy Greenberg mit den beiden Hackern getroffen, denen vollkommen klar ist, dass ihre Arbeit für sehr unerfreuliche Transaktionen genutzt werden wird: Die beiden "sehen in Bitcoins staatenlosen Transaktionen die Möglichkeit einer neuen Wirtschaft, die den krypto-anarchistischen Traum wahrhaft unkontrollierbaren Geldes wahr werden lässt. Sie malen sich ein digitales Bezahlnetzwerk aus, das jeden Versuch der Regierung unmöglich macht, es zu besteuern, anzugreifen, zu zensieren, zu überwachen oder jene dingfest zu machen, die es für Schmuggelware wie Waffen oder Drogen oder selbst so abscheuliche Dinge wie Auftragsmorde oder Kinderpornografie nutzen. ... Wilson spricht es in aller Deutlichkeit aus. "Nun, ja, auf diesen Marktplätzen werden schlimme Dinge geschehen", sagt er. "Um die alten Bürgerrechtler zu zitieren, Freiheit ist eine gefährliche Sache.""
Archiv: Wired

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 11.07.2014

Dass der Westen jetzt mit Thomas Piketty die Ungleichheit im Kapitalismus entdeckt, findet Chandran Nair ja schön und gut, aber auch bemerkenswert blauäugig und eurozentrisch: "Für den Rest der Welt, zumal für die ehemaligen Kolonialgebiete mit ihrer Erfahrung der fürwahr obszönen Ungleichheiten, die den Westen so reich gemacht haben, ist die Diskussion ein alter Hut. Viele dieser Länder haben sich erst in jüngster Zeit von den Folgen erholt, die der Kolonialismus mit dem Raubbau an Bodenschätzen, der Zerstörung sozialer Strukturen, kultureller Institutionen und der natürlichen Umwelt hinterlassen hat. Zynischerweise hängen die Herren der Finanzmärkte diesen Ländern heute das Etikett "emerging markets" an. All das beschäftigt Piketty nicht. Er bezieht sich ausschließlich auf die historischen Erfahrungen des Westens, wobei seine Analyse leider außer Acht lässt, in welchem Kontext der Reichtum des Westens entstanden ist. Und das, obwohl zahlreiche interessierte Mächte diesen Ausbeutungskontext auch heute noch gern fortsetzen und erneuern würden."

Außerdem: übernimmt LMD aus der London Review of Books John Lanchesters Text über Michael Lewis" Buch "Flashboys", das zeigt, mit welch parasitären Methoden der Hochfrequenzhandel seine Gewinne macht und dabei eigentlich den Markt als öffentliches Forum ausschaltet (Hier das englische Original). Raffaele Laudani porträtiert Matteo Renzi als Reformer ohne Plan. Und Peter Harling beschreibt detailliert das Versagen des irakischen Premier Nuri al-Maliki.

New York Times (USA), 12.07.2014

In der neuen Ausgabe des New York Times Magazine besucht Ben Austen die neuen Immobilien-Mogule im post-post-apokalyptische Detroit. Und siehe da: Die Stadt lebt! "Ökonomen fürchten, dass Detroit ohne die Fertigungsindustrie, die es einst groß gemacht hat, keine Daseinsberechtigung hat. Tatsächlich sind weite Teile von 370 Quadratkilometer Stadtfläche quasi verschwunden: Von ursprünglich 380.000 Immobilien sind 114.000 abgerissen worden, 80.000 weitere zerstört und dem Abriss geweiht. Aber die neuen Goldsucher glauben daran, dass sich Städte, wie Märkte auch, zyklisch verhalten und dass der Zyklus rum ist. Es handelt sich um das gleiche Ethos, das andere städtische Katastrophen in kapitalistische Goldgruben verwandelt hat - New Orleans nach "Katrina", die westeuropäischen Metropolen nach dem Zweiten Weltkrieg. Wenn Detroits Kaputtheit ohne Beispiel ist, dann auch seine Möglichkeiten, so heißt es. Die Motor City wurde zum Testgebiet für einen neuen American Dream: Private Investoren finden das Rohmaterial für neue Unternehmensideen in den Trümmern des "Rostgürtels" (des früheren Manufacturing Belt), ob sie nun an Profit glauben oder nicht."

Einen sehr lesenswerten Artikel über den Streit zwischen Amazon und den Buchverlagen hat David Streitfeld geschrieben: kritisch, aber nicht mit dem hier üblichen Schaum vor dem Mund. Amazon, große und kleine Verleger und Autoren kommen zu Wort. Hier zwei der vielen Seiten der Medaille: Hachette versteht den Markt für Ebooks immer noch nicht, meint Amazons Russell Grandinetti. ""Wenn man hohe Preise für Ebooks fordert, begibt man sich letztlich auf einen langsamen, schmerzhaften Weg in die Irrelevanz. Man muss die Box groß denken. Bücher konkurrieren nicht mehr nur mit Büchern. Bücher konkurrieren mit Videospielen, Twitter, Facebook, gestreamten Filmen, Zeitungen, die man kostenlos lesen kann." ... Amazon bevorzugt einen Preis von 9,99 Dollar für die meisten Ebooks, während Hachette und die anderen Verleger mehr wollen. Sechzig Prozent aller Ebookverkäufe von Hachette in den USA laufen über Amazon. "Bei den meisten Ebooks generiert ein Preis von 9,99 Dollar mehr Gesamteinnahmen als es ein Preis von 14,99 Dollar tun würde", sagt Mr. Grandinetti." Für Hachette sind diese Argumente nur Ablenkungsmanöver. ""Diese Kontroverse sollte man nicht falsch interpretieren" sagt Michael Pietsch von der Hachette Gruppe. "Es geht nur darum, dass Amazon mehr Geld machen will." Er weist darauf hin, dass Amazon auch die große deutsche Verlagsgruppe Bonnier unter Druck setzt, um bessere Bedingen für sich herauszuholen. Und Deutschland hat die Buchpreisbindung. Das, sagt Mr. Pietsch, "ist doch der Beweis dafür, dass es hier nur um Amazons Gewinnspanne geht, nicht um bessere Preise für die Kunden."