Magazinrundschau - Archiv

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153 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 16

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - Wired

Die Nachrichtenlage zum Corona-Impfstoff entwickelte sich in den letzten Tagen sehr erfreulich. Da mit einer global flächendeckenden Impfung mangels Ressourcen und Infrastruktur fürs Erste wohl nicht zu rechnen ist, stellt sich die Frage nach der epidemiologisch sinnvollsten Strategie. Dass man besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen als erste immunisiert, klingt zunächst sehr menschenfreundlich und legt einem der gesunde Menschenverstand auch nahe. Und da andere Lösungen wohl zu aufwändig oder mit dem Datenschutz nicht vereinbar wären, wird es letztendlich darauf wohl auch hinauslaufen, schreibt Christopher Cox. Anregend sind seine Überlegungen über alternative Impfstrategien aber dennoch: Ausgehend von der epidemiologischen Faustregel, dass 80 Prozent aller Ansteckungen auf lediglich 20 Prozent aller Infizierten zurückzuführen sind, wäre es sinnvoll, potenzielle Superspreader zuerst zu impfen. Problem natürlich: Wie diese idenfizieren? "Und selbst wenn eine Strategie, diese ausfindig zu machen, reibungslos funktionieren würde, könnte sie zu Ergebnissen führen, die sich moralisch fragwürdig anfühlen. Mal angenommen, man impft geradlinig durch, hat aber zwei mögliche Kandidaten. Der erste studiert am College, betreibt kein Social Distancing, trägt seine Atemmaske lediglich unter dem Kinn und spielt das ganze Wochenende auf Undergroundpartys Beer Pong mit seinen Kumpels. Kandidat Nummer zwei ist eine 87 Jahre alte, verwitete Großmutter, die alleine lebt und seit März kaum vor der Türe war. Besteht Dein Ziel darin, die Person mit dem höheren Risiko zu schützen, ginge der Impfstoff an Großmutter. Wenn Dein Ziel darin besteht, die Übertragungsraten zu senken, sollte man den Partykumpel impfen. Aus Perspektive der Gesellschaft ist er ein Volltrottel. Aus Perspektive des Netzwerks ein Hauptumschlagplatz."

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - Wired

"Mostly Harmless" nannte sich ein Hiker, der ohne digitale Hilfsmittel vom Norden der USA entlang der Ostküste bis nach Florida kommen wollte. Dort in den Sümpfen wurde 2018 seine Leiche entdeckt - Todesursache unbekannt. Auch eine Identifizierung war nicht möglich. Eventuell kann nun ein Gentech-Unternehmen namens Othram entscheidende Hinweise liefern, schreibt Nicholas Thompson: Dort wurde vor kurzem eine Gewebeprobe sequenzialisiert. "Um Mostly Harmless zu identifizieren, muss das Othram-Team seine Geninformationen mit denen anderer Leute abgleichen. Dies geschieht über einen Dienstleister namens GEDMatch und dessen Datenbank von DNS-Proben, die Leute freiwillig abgegeben haben, um ihrerseits auf Hoffnungen und Fragen Antworten zu finden - sie suchen eine verlorene Halbschwester oder nach Hinweisen auf ihren Großvater. Für die Ermittlungsbehörden stellt diese DNS-Sammlung geradezu ein Füllhorn dar. Jede neue Probe entspricht einem weiteren neuen Buch in einer Bibliothek, das durchsucht und ausgewertet werden kann. Es war diese Technologie, die es den Ermittlern im kalifornischen Contra Costa County im Frühjahr 2018 ermöglichte, den Golden State Killer zu überführen, indem sie eine DNS-Probe des Mörders mit GEDMatch-Proben von Verwandten abglichen. ... Just in diesem Moment arbeiten sich die Datenanalysten auf der Suche nach Mustern durch alle DNS-Proben, die bei GEDMatch hinterlegt sind, um die Kreise um die Identität von Mostly Harmless enger zu ziehen. Sie arbeiten derzeit wahrscheinlich daran, einen Stammbaum zu erstellen. Angenommen, sie finden jemanden in den Datenbanken, dessen DNS nahelegt, dass es sich um einen Cousin vierten Grades handelt, und dann vielleicht noch jemanden, der ein Cousin dritten Grades zu sein scheint. In welcher Verbindung stehen diese beiden Personen? Mithilfe dieser langsamen, sorgfältigen Analyse sind sie in der Lage, sich einer Antwort anzunähern."
Stichwörter: Dna-Analysen, Gentechnik

Magazinrundschau vom 13.10.2020 - Wired

Die ersten beiden Romane aus Cory Doctorows "Little Brother"-Trilogie richteten sich noch an ein jüngeres Lesepublikum, dem der Autor ein ethisches Hacker- und Kryptografen-Bewusstsein mit auf den Weg geben wollte. Der dritte Teil schlägt nun erwachsenere Töne an, schreibt Andy Greenberg: Dem Nerd-Triumphalismus der Hauptfigur Marcus Yallow folgt der Nerd-Realismus der neuen Hauptfigur Masha Maximow, eine Computerspezialistin und Idealistin, die aber feststellen muss, dass ihr Arbeitgeber in ethisch unverantwortliche Geschäfte investiert. "Doctorow geht es nicht darum, dass das Publikum sich zwischen den beiden Figuren entscheiden muss. Vielmehr möchte er, dass sich die Leser in beiden Figuren gleichberechtigt wiedererkennen, um Doctorows Moralitätenspiel aus beiden Perspektiven zu durchleben. Und er sagt, dass die zweite Perspektive vielleicht sogar viel näher an der Lebenswirklichkeit ist: Sein Buch richtet sich nicht an die kükenhaften Marcusse, die noch moralisch unbefleckt sind, sondern an die viel größere Kohorte der Mashas, die in ihren Tech-Karrieren bereits moralische Kompromisse hinter sich haben, die bei einem Social-Media-Giganten arbeiten, der die Privatsphäre unterwandert, bei einer Adtech-Firma, einem Überwachungsanbieter oder bei einem Geheimdienst. 'Ich möchte diejenigen Leute erreichen, die wie Robert Oppenheimer sind, denen mit Verspätung einfällt, ob es wirklich eine gute Idee ist, dieses Manhattan-Projekt vorwärts zu treiben, das Leute manipuliert, ausspioniert oder kontrolliert.' ... Doctorows Ziel ist es nicht, diese Leute zu beschämen, noch ihnen Absolution für ihre Sünden zu erteilen. Seine Nachricht an all die ethisch kompromittierten Mashas ist, dass es nicht zu spät ist. 'Jetzt ist die Zeit, sich darüber klar zu werden, auf welcher Seite des Kampfes man steht', sagt er: 'ob uns die Computer kontrollieren, oder ob die Computer uns Kontrolle geben."
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Magazinrundschau vom 29.09.2020 - Wired

Von Glück reden kann Twitter, dass der Hacking-Angriff vom 15. Juli, als eine Reihe prominenter Twitter-Accounts für einen Scam gekapert wurde, lediglich auf schnellen Gelderwerb abzielte und keine politischen Interessen verfolgte. Sollte ein vergleichbarer Angriff zu den US-Prädidentschaftswahlen stattfinden, käme dies einer globalen Katastrophe gleich, schreiben Nicholas Thompson und Brian Barrett. "Hausinterne Untersuchen ergaben, dass die Angreifer die privaten Nachrichten von 36 der 130 Ziel-Accounts eingesehen haben. Im Fall von acht Opfern luden sie die unter 'Your Twitter Data' hinterlegten Informationen herunter, also unter anderem sämtliche Tweets und alle persönlichen Nachrichten, die je von diesem Account verschickt wurden. ... Ein Hacker, der sich mehr für Spionage als für Krypto-Währungen interessiert, würde diese Art des Zugriffs lieben. Auch gibt es die Möglichkeit der direkten Disruption: Wer Chaos am Wahltag stiften will, könnte das mit einem gut getimeten Tweet von Joe Bidens Profil aus sehr gut bewerkstelligen. Oder mit so etwas wie den 'Hacken und Leaken'-Aktionen, die Russland erst 2016 in den USA und im Folgejahr in Frankreich abgezogen hat. ... Twitter befasst sich mit solchen Risiken derzeit ohne einen Hauptverantwortlichen für die Sicherheit. Den gibt es seit vergangenem Dezember nicht mehr. Dennoch hat sich das Unternehmen für die Apokalypse vorbereitet. Zwischen erstem März und erstem August hat Twitter die oben genannten und weitere Szenarien in einer Reihe von Planspielen durchgearbeitet und die Vorgehensweise für den Fall festgelegt, dass die Lage unvermeidlich außer Kontrolle gerät. Man hat Optionen überprüft und optimiert, um sicherzustellen, dass im Falle des nächsten Dammbruchs das Sicherheitsteam nicht gerade beim Angelausflug ist. Und selbstverständlich gibt es auch einen Plan dafür, was passiert, wenn der Konflikt auf der Plattform nicht von einem Hacker verursacht wird, sondern von einem Politiker oder Präsidenten, dem gerade der Sinn danach steht, Scheiße zu posten."

Außerdem: Clive Thompson hat recherchiert, wie YouTube die lange Zeit aufgrund von Empfehlungsalgorithmen florierenden Accounts von Verschwörungstheoretikern, Esoterikern, Flacherdlern und anderen Spinnern wieder kleinzukriegen versucht. Die Trump-Administration legt einen eisernen Willen zutage und hat sich für die Zukunft fest vorgenommen, dem Klimawandel auch weiterhin nicht entgegen zu treten, berichtet Adam Ferman. Netflix, einst als Retter von bei anderen Sendern abgesetzter Serien an den Markt getreten, setzt seine Serien nun selbst auf Grundlage kühlster Datenanalysen ab, schreibt Alex Lee. Jason Kehe porträtiert die Schriftstellerin Susanne Clarke, die nach ihrem internationalen Fantasy-Bestseller "Jonathan Strange & Mr. Norrell" 16 Jahre für ihren jetzt erschienenen zweiten Roman brauchte - auch wohl, weil sie eine schwere Phase einer psychischen Krankheiten durchleben musste. Jason Parham stellt den Radioarchivar Jean-Gabriel Prats vor, der alte Radiosendungen sammelt und auf Youtube archiviert. Terry Virts liefert außerdem wertvolle Informationen für den Fall, dass man mal den eigenen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre meisten muss.

Magazinrundschau vom 15.09.2020 - Wired

Von wegen Liebesgöttin: Venus ist buchstäblich die Hölle - zwar nicht auf Erden, aber in unserem Sonnensystem. Die Temperatur dort beträgt bleischmelzende 400 Grad, es herrscht ein Druck wie bei uns 900 Meter unter der Meeresoberfläche. Und dieses Inferno soll Leben bergen? Spuren von Monophosphan, von dem man annimmt, dass es in signifikanten Mengen nur im Zusammenhang mit organisch-biologischen Prozesse auftritt, könnten jedenfalls darauf hindeuten, erfahren wir aus Sarah Scoles' Porträt der Astronomin Jane Greaves, die auf diese Spuren gestoßen ist und nun erforscht, inwiefern dieser Fund tatsächlich die Aussage bekräftigt, dass sich in unserem Sonnensystem auch außerhalb der Erde Lebensformen finden - in diesem Fall womöglich eine primitive in den oberen Atmosphärenschichten des Planeten, wo bessere Bedingungen herrschen. "Um nichtbiologische Szenarien auszuschließen, warf ein MIT-Team unter der Leitung von Williams Bains seine Venus-Simulationen an und einen Blick auf andere Prozesse, die Phosphine entstehen lassen könnten: Sonnenlicht, von der Oberfläche aufgewirbelte Mineralien, vulkanische und tektonische Aktivitäten, Blitze oder Kometen und Meteoriten, die das Material einsprenkeln. 'Die meisten chemischen Zusammensetzungen lassen sich auf verschiedenen Wegen hervorbringen', sagt Greaves. Das Team spielte also jede ihnen nur denkbare Möglichkeit durch. Keine würde diese Mengen an Monophosphan freisetzen, auf die sie gestoßen sind. Die letzte, die ihnen blieb? Leben. ... Doch Monophosphan, erklärt die Astrobiologin Victoria Meadows, ist ein einfaches Molekül, das unter Umständen auch in planetarischen Prozessen entsteht, die uns nicht vertraut sind. In diesem Falle also Prozesse jenseits dieser Simulation. Das wäre die einfachste Erklärung dafür, warum ein Planet wie Venus Monophosphan aufweist."

Außerdem: Die Open-Source-Plattform GitHub ist in China unter dem Corona-Lockdown ein Hafen der freien Rede in einem ansonsten schwer zensierten Internet geworden, berichtet Yi-Ling Liu. Jack Hitt porträtiert den Aktivisten Steve Tingley-Hock, der sich mit den Tücken und Abgründen des amerikanischen Wahlsystems auseinandersetzt, das regelmäßig Teilen der Bevölkerung ihr Wahlrecht erschwert. Cody Cassidy erklärt am Beispiel des historischen Vesuvausbruchs in der Antike, wie man sich vor einem speienden Vulkan in Sicherheit bringt (Spoiler: Allzu gut stehen Ihre Chancen nicht).

Magazinrundschau vom 08.09.2020 - Wired

Was wäre die Welt ohne durchgeknallte Wissenschaftler? Auf jeden Fall beträchtlich ärmer an Irrwitz. Jim Woodward zum Beispiel, den Daniel Oberhaus porträtiert, hat es sich nach etwas, das er für eine UFO-Sichtung hält, in den Kopf gesetzt, einen Weg zu finden, wie sich andere Sonnensysteme erreichen lassen könnten, ohne dass für den Reiseweg alleine schon zum nächsten Nachbarn ein paar tausend Jahre veranschlagt und erhebliche Mengen an Treibstoff durch den Kosmos transportiert werden müssen: den MEGA-Antrieb. Wie soll das gehen? Sein Modell basiert nicht "auf Treibstoff, sondern auch Elektrizität, die im All von Solarflächen oder einem Atomreaktor kommen könnte. Seine Einsicht beruht auf einem Stapel piezoelektrischer Kristalle und einigen kontroversen - seiner Ansicht nach aber plausiblen - physikalischen Annahmen, um Schub zu generieren. Der Stapel Kristalle, die kleinste Mengen Energie speichern, vibriert zehntausende Male pro Sekunde, wenn sie mit elektronischer Stromstärke aufgeladen werden. Einige der Schwingungsfrequenzen harmonisieren sich, wenn sie durch das Gefährt gehen. Und wenn die Oszillationen sich genau richtig synchronisieren, bewegt sich das kleine Gefährt vorwärts. Das klingt jetzt nicht gerade nach dem Schlüssel, der das Geheimnis interstellarer Reisen öffnet, aber wenn der kleine Ruck verstetigt werden kann, könnte ein Raumschiff theoretisch solange Schub produzieren, wie es elektrischen Strom hat. Es würde nicht schnell beschleunigen, aber kontinuierlich für eine sehr lange Zeit bis es schließlich eine Geschwindigkeit erreicht, die es quer durch die Galaxie sausen lässt. Ein Atomreaktor an Bord könnte das Gefährt für Jahrzehnte mit Energie versorgen. Sollte Woodwards Gerät funktionieren, wäre es das erste Antriebssystem, das es denkbar erscheinen lässt, ein anderes Sonnensystem in der Lebenszeit eines Astronauten zu erreichen."

Magazinrundschau vom 18.08.2020 - Wired

Programmatische Werbung - also der vollautomatisierte und auf Tracking der Nutzer basierende Ablauf des Angebots und Verkaufs von Werbeflächen im Netz - wird immer skeptischer betrachtet: Nicht nur steht das Verfahren mittlerweile im Ruf, die Werbeetats mit großzügigen Streuverlusten zu verpulvern, sondern immer mehr Anzeigenpartner sorgen sich auch, dass sie kaum Einfluss mehr darauf haben, in welchem - womöglich imageschädigenden - Umfeld ihre Anzeigen erscheinen. Immer mehr Unternehmen sichern sich dagegen über teils grotesk ausufernde schwarze Listen ab, erzählt Gilad Edelman: Darauf finden sich Begriffe, die kontroverse Inhalte nahelegen und in deren Umfeld man seine Anzeigen nicht sehen will. Was wiederum Folgen für den seriösen Journalismus hat: "Als die Pandemie losbrach, landeten auch Begriffe wie 'Coronavirus' oder 'Covid-19' auf diesen Listen. Das Ergebnis war desaströs. Eine geleakte Tabelle eines der wichtigsten Werbetreibenden zeigte, dass die Software mehr als die Hälfte der Anzeigen von Medien mit gutem Ruf, darunter der Boston Globe, CBS News und Vox, fernhielt. ... Manche Ergebnisse waren lachhaft. Der Magazinanbieter Hearst etwa beschwerte sich darüber, dass Artikel über Meghan Markle, die Herzogin von Sussex, geblockt waren, weil das Wort 'sex' auf der schwarzen Liste stand. Weit weniger zum Lachen: Die Definition von 'kontrovers' kann auch hässliche Vorurteile einschmuggeln, indem Begriffe wie 'lesbisch' oder 'bisexuell' gebrandmarkt werden. Im Großen und Ganzen zeigte die Innovation keinen offensichtlichen Nutzen für die Werbetreibenden, verursachte aber erhebliche Schmerzen im Nachrichtengeschäft. Eine Analyse von Zeitungs- und Magazinverlagen in den USA, UK, Australien und Japan kam zu dem Schluss, dass übermäßiges Blockieren sie im vergangenen Jahr 3,2 Milliarden Dollar Umsatz aus dem Digitalgeschäft kostete. Unterdessen haben sich die Publisher aus dem niederen Segment, deren Geschäftsmodell nicht etwa darauf basiert, sorgfältig das Weltgeschehen zu reflektieren, sondern das digitale Werbegeschäft im eigenen Interesse zu schröpfen, der Lage angepasst und Mittel und Wege gefunden, die schwarzen Listen zu umgehen."

Außerdem: Andrew Leonard erklärt, wie Taiwan die Coronakrise "hackte". San Francisco war deutlich besser auf Corona vorbereitet als andere Städte, schreibt Daniel Duane. Und Garrett M. Graff weiß, wie der MAGA-Bomber - ein fanatisierter Trump-Anhänger, der Bombenattrappen an Demokraten und Journalisten schickte - binnen kürzester Zeit identifiziert und dingfest gemacht werden konnte (mehr dazu auch beim Washingtonian).

Magazinrundschau vom 11.08.2020 - Wired

Sehr spannend zu lesen ist Rachel Lance' kenntnisreiche Einschätzung der katastrophalen Explosion im Hafen von Beirut, in deren Zuge sie auch auf das Desaster im Hafen von Halifax im Jahr 1917 zu sprechen kommt, die bislang größte von Menschen verursachte, aber nicht-nukleare Explosion der Geschichte - ein trauriger Rekord, den Beirut gebrochen haben könnte. Seinerzeit rammte ein mit Munition beladenes, in Flammen stehendes Schiff den Hafen und forderte schlagartig tausende von Todesopfern. Damals ging eine Schockwelle durch die Stadt, wohingegen in Beirut - anders als eilige Twitter-Kommentatoren angesichts des weißen Kegels, der sich zunächst um die Beiruter Explosion legte, vermeldeten - lediglich eine Druckwelle zu beobachten war. Fast könnte man sagen: zum Glück, denn "der Hauptunterschied zwischen beiden besteht in der Zahl der Opfer, von der auszugehen ist. Bei einer Schockwelle steigt der Druck buchstäblich schlagartig von Null auf Maximum . Der Wirkung einer Druckwelle gleicht dem Aufschlag auf dem Boden, nachdem man eine Steilküste heruntergekugelt ist. Die Kraft einer Schockwelle hingegen eher einem Aufprall auf dem Boden nach einem Sturz aus dem Himmel mit tödlicher Geschwindigkeit. Hochgradig explosive Stoffe ergeben Schockwellen, weniger explosive Stoffe - wie Ammoniumnitrat - Druckwellen." Anhand der zahlreichen Videos aus Beirut lässt sich die Geschwindigkeit der Druckwelle messen - die Schwelle zur Schallgeschwindigkeit wurde dabei nicht überschritten: "Die Verwüstung vollzog sich zunächst mit lediglich 312 Metern pro Sekunde. Für eine Bombe wäre das langsam. Als der Knall und die verheerende Naturgewalt eine zuvor friedliche und pittoreske Freiluft-Bar erreicht, hat sie sich bereits auf 289 Meter pro Sekunde verlangsamt. Diese Druckwelle hat, auch wenn sie langsamer war als die Schallgeschwindigkeit mit 343 Metern pro Sekunde, zwar Zerstörungen, Schrecken und Verwirrungen hervorgerufen, Glas wurde zersplittert, Flächen zerstört, die Menschen desorientiert, nachdem ihre Ohren erheblichen Druckschwankungen ausgesetzt waren. Eine Schockwelle aber hätte noch im selben Moment ein Lungentrauma verursacht und sie sofort tot umfallen lassen."

Außerdem: Robert Peck schildert Aufstieg und Niedergang von r/The_Donald, einem extrem reichweitenstarken Reddit-Subforum für Trump-Fans, Rechtsradikale und zynische Trolle, das erhebliches Chaos angerichtet hat und nun von den Reddit-Betreibern gelöscht wurde. Jason Parham schaut sich an, wie digitales Blackfacing auf TikTok funktioniert - nicht klassisches Blackfacing ist damit gemeint, sondern die Tatsache, dass weiße Influencer Aspekte und Slang von Black Culture bestenfalls adaptieren, schlimmstenfalls parodieren. Andy Greenberg hat die Geschichte zweier Hacker recherchiert, die nach einem Bruch in ein Justizgebäude in den Knast gewandert sind. Jamie Holmes erzählt, wie Wissenschaftler und Piloten sich gegen die erste Welle von V1-Raketen, die Nazi-Deutschland auf London abfeuerte, wappneten - und schlussendlich eine relativ hohe Abschussrate erzielten.

Magazinrundschau vom 21.07.2020 - Wired

Sehr ausführlich stellt Garrett M. Graff Trumps Auseinandersetzungen mit dem chinesischen Hi-Tech-Giganten Huawei dar. Eine Säule dieses Kampfes ist der Versuch, Produktionsstätten wieder zum großen Teil auf dem eigenen Boden anzusiedeln: "Auch damit signalisiert Trumps Regierung, dass sie gewillt ist, Feuer mit Feuer zu bekämpfen - im Hinblick mit Angebot und Nachfrage mit wirtschaftlichen Interventionen im fast schon chinesischen Stil, um den Westen von chinesischer Technologie wie Huawei zu entwöhnen. In diesen jüngsten Entwicklungen und angekündigten Maßnahmen liegt eine gewisse Ironie. Eine der großen gescheiterten Annahmen in den letzten zwei Jahrzehnten im Verhältnis des Westens zu China besagte, dass China, wenn es wächst, sich dem Westen angleichen würde - Rechtsstaatlichkeit würde stärker, geistiges Eigentum würde besser geschützt und das Land würde sich produktiv in multilateralen internationalen Organisationen einbringen. Stattdessen verhält sich China geopolitisch einfach ungestümer und tritt autoritärer auf. Um nun diesem China entgegen zu treten, scheint die Trump-Regierung offen dafür zu sein, den Westen China anzugleichen."
Stichwörter: Huawei, China, Trump-Regierung

Magazinrundschau vom 14.07.2020 - Wired

Wanderer, kommst Du nach China, sei gefasst darauf, dass Dir Linkin-Park-Shirts (und zwar nicht irgendwelche, sondern ein ganz spezieller Entwurf) in rauen Mengen begegnen werden. Dies beobachtet zumindest Noelle Mateer - und darüber hinaus auch viele verwirrte westliche Touristen, die sich online über diesen sonderbaren Trend austauschen, der nur noch sonderbarer erscheint, als zusehends Schreibfehler in die Shirts wandern. Hinzu kommt: Händler und Träger des Shirts wissen oft noch nicht einmal, was sie da eigentlich tragen. Was geht da vor sich?  "Ich bin auf keine plausiblerer Erklärung für die Popularität dieser Shirts gestoßen, als die, dass sie modern und cool aussehen, und dass die Leute gerne Dinge nachmachen. Dieses Nachmachen ist eine angewandte Kunst in den Fabriken in Guangdong. Viele gefälschte Produkte sind das Resultat von 'Nachtschicht-Piraterie', bei der ein Hersteller gegenüber einem Kunden behauptet, in zwei Tagesschichten zu arbeiten, dann aber eine dritte Schicht fährt, um Überschuss zu produzieren, von dem der Kunde keine Ahnung hat. ... Alex Taggart, Geschäftsführer von Outdustry, einer Firma, die sich im Auftrag von Künstlern um Musikrechte in China kümmert, sagt, dass das Linkin-Park-Phänomen wahrscheinlich mit dem 'simplen Design, einem massiven Produktüberschuss und Nachtschicht-Piraterie' zu tun hat. Er fügt hinzu: 'Als ich bemerkte, dass das Englisch auf den Shirts langsam schlechter wurde, nahm ich an, dass die Designs 'neu interpretiert' worden waren, während sie ihren Weg zu Fabriken fanden, die immer weiter entfernt liegen von jener Fabrik, die sie ursprünglich herstellten - und immer weiter entfernt vom typischen Linkin-Park-Fan.'"