Magazinrundschau - Archiv

Wired

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Magazinrundschau vom 26.11.2019 - Wired

Der Klimawandel macht es möglich: In Sibiren boomt der "Abbau" von Mammut-Elfenbein, da immer mehr der geschätzt 10 Millionen im rapide abtauenden Permafrost eingelagerten Urzeitriesen zugänglich werden, berichtet Sabrina Weiss in der britischen Wired-Ausgabe. Insbesondere China, wo das Elfenbein für kunstvolle Schnitzereien verwendet wird, ist hier ein dankbarer Abnehmer, schließlich ist dort der Handel mit Elefanten-Elfenbein seit einigen Jahren verboten. Alles prima also? Nicht ganz: "Mammut-Elfenbein wurde als 'ethische' Alternative zum andauernden, illegalen Elfenbeinhandel beworben, der eine ganze Spezies der Ausrottung preiszugeben droht. Doch zu welchem Preis? Früher in diesem Jahr untersuchten Ökonomen der Texas A&M University und der University of Calgary, welche Auswirkungen die Versorgung mit ausgehobenem Mammut-Elfenbein zwischen 2010 und 2012 auf die illegale Jagd auf wilde Elefanten hat. Sie schätzten, dass die achtzig Tonnen Mammut-Elfenbein, die im Schnitt pro Jahr von Russland nach China gelangen, die Zahl gewilderter Elefanten von jährlich 55.000 auf 34.000 absenkt. Auf der anderen Seite gehen Umweltschützer und Aktivisten davon aus, dass der Mammut-Elfenbeinhandel eine kriminelle Industrie am Leben erhält. Sie befürchten, dass er ein Schlupfloch darstellt, um das Handelsmaterial bewusst falsch zu labeln und damit zu 'waschen'. Im August diskutierten Teilnehmer der CITES, der größten Konferenz über den Handel mit Wildtieren, darüber, ob man das Wollmammut, in einem Versuch, den Handel zu regulieren und den Elfenbein-Schmuggel zu zerschlagen, nicht als erste ausgestorbene Spezies auf die Liste der bedrohten Tierarten setzen sollte."

Magazinrundschau vom 28.10.2019 - Wired

Heftige Alarmsignale sendet Peter Guest in der britischen Ausgabe von Wired: Jakarta könnte die erste Millionen-Metropole sein, die den Folgen einer desaströsen Umwelt- und Sozialpolitik und nicht zuletzt dem Klimawandel zum Opfer fällt. Ursache dafür sind eine Mischung aus einer zu schnell gewachsenen Bevölkerung, mangelnder Infratstruktur und der Aussicht auf einen rapide ansteigenden Meeresspiegel in den kommenden Jahrzehnten. Paradoxerweise fällt die Stadt gerade deshalb ins Wasser, weil es in dieser wasserreichen Stadt einen eklatanten Mangel an Wasser gibt: "Als die Stadt im Zuge des Ölbooms der 70er wuchs - die Zahl der Bewohner in der Metro-Region stieg in 50 Jahren um mehr als Dreifache -, konnte die Infrastruktur damit nicht mithalten. Wasserleitungen erreichen gerade einmal 60 Prozent der Bevölkerung und konzentrieren sich auf die relativ wohlhabenden Gegenden im Süden und im Stadtzentrum Jakartas. Die Flüsse, die frisches Wasser zur Verfügung stellen sollten, sind zu großen Teilen unbrauchbar, weil unkontrolliert Müll in sie gekippt wird - von menschlichen Exkrementen bis zu Industrieabwasser. Um diesem Mangel an Trinkwasser zu begegnen, haben die Anwohner und Geschäfte Bohrungen in die Grundwasserführungen unterhalb der Stadt vorgenommen. Selbst einige Regierungsgebäude sind von Grundwasser abhängig. 'Das Wasser reicht nicht aus, deshalb pumpen die Leute zu viel Grundwasser ab. Und wegen der rapiden Urbanisierung der letzten 30 Jahre ist die Fläche, durch die noch Wasser dringen kann, so gering geworden, dass das Grundwasser kaum noch Nachschub hat', sagt Kian Goh, ein Mitarbeiter der Universität von Kalifornien, der ausführlich zu Jakarta forscht. Die Menge abgepumpten Grundwassers hat die Fundamente der Stadt buchstäblich herabgesetzt - in weiten Teilen der Stadt senkt sich der Boden. Einige Gebiete im Norden sind in den letzten zwei Jahrzehnten um vier Meter abgesunken. Damit liegt die Gegend so tief unter der Bucht, dass Wasser nicht mehr abfließen kann."

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Wired

Ein kurzweiliges Stück Computerspielgeschichte erzählt Lisa Wood Shapiro: In den 90ern war sie nämlich bei Take Two an der Produktion von "Ripper" beteiligt, einem Abenteuerspiel, das als interaktiver Film angelegt und mit Christoph Walken und Burgess Meredith (in seiner letzten Rolle!) bemerkenswert prominent besetzt war. Dass allerdings nicht etwa "full motion video" (mit allen Herausforderungen und Begrenzungen), sondern vielmehr die 3D-Egoperspektive das nächste große Ding der Gamekultur werden würde, dämmerte einigen wohl schon damals - das Spiel floppte, versank in der Versenkung und feierte zuletzt in Form von Youtube-Replays ein Comeback. Womit sich die Frage stellt: Wie sollen Games, als nicht unwichtiger Teil popkultureller Geschichte, künftig historisch gesichert und aufbereitet werden? Bücher und Filme aus den 90ern sind problemlos abrufbar, aber das Spiele-Erbe der 90er droht verloren zu gehen: "Versucht man, ein Videospiel aus diesen Jahrgängen zum Laufen zu bringen, merkt man schnell, wie weit entfernt die nahe Vergangenheit wirklich liegt. Wenn der physische Verfall die CD-ROM nicht sowieso schon unlesbar gemacht hat, müsste man Stunden an Arbeit investieren, um das Spiel zum Laufen zu bringen. ... Egal, wie viele Arbeitsstunden in ihnen stecken, um ihre detaillierten und beeindruckend gerenderten Welten entstehen zu lassen: Alte Spiele verschwinden rasch, ihr Programmcode ist dem Verfall preisgegeben. ... James Clarendon, der früher bei 2K Games arbeitete, einer Tochter von Take Two, räumt ein, dass die Firma, als sie ihren Megahit BioShock nach fünf Jahren wiederveröffentlichen wollte, feststellen musste, dass es von dem Spiel keine Archivversion gab. 'Wir mussten die Rechner der Mitarbeiter durchforsten - Künstler, Programmierer, allesamt -, um die fehlenden Teile zusammenzusuchen und wieder zusammenzufügen. Deshalb entsprach die wiederveröffentlichte Version auch nicht der ursprünglichen.' Take Two gab für diese Reportage keine Auskunft. Ob sie noch über die Bauelemente von 'Ripper' verfügen, ist somit unklar." Hier ein kleiner Ausschnitt mit Christopher Walken, der selbst noch unter den spärlichen Bedingungen einer Videospielproduktion liefert:

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Magazinrundschau vom 01.10.2019 - Wired

Jeder Unfall, jede Katastrophe setzt auch immer eine Wissensproduktion frei, die dabei hilft, künftige Unfälle und Katastrophen abzumildern oder gar zu verhindern. So auch die beiden großen Tsunami-Katastrophen von 2004 (Haiti) und 2011 (Japan), die beide inmitten eines medientechnologischen Umbruchs stattfanden: Beide wurden mithilfe von Smartphones massenhaft gefilmt. War die Tsunami-Forschung zuvor auf die nachbereitende Auswertung von Spuren und Anekdoten angewiesen, lieferte die fast schon forensische Auswertung der zahlreichen Privataufnahmen nun entscheidende Impulse, um zumindest das tragische Ausmaß solcher Katastrophen künftig zu dämpfen, erklärt Gloria Dickie: "Da parallel auch die Erdbeben-Analyse verbessert wurde, bedeutet dies, dass der Katastrophenschutz ziemlich schnell akkuratere Einschätzungen der Stärke des Erdbebens erhält. Mancherorts wurde die Personaldichte verdoppelt und tausende Forscher weltweit erforschen nun diese Naturkatastrophe. Hätte es das heutige System schon 2004 gegeben, 'dann hätten 15.000 Menschen in Sri Lanka vielleicht nicht sterben müssen. Und auch Tausende in Indien hätten nicht sterben müssen', erklärt Stuart Weinstein, der das Pacific Tsunami Warning Center bei Honolulu leitet. ... Gemeinsam mit den Informationen, die aus den Videos der Überlebenden gewonnen werden konnten, haben sich Daten der DART-Boyen und der Seismometer als mächtige Kombination herausgeschält. 'Vor 2004 war jeder der Ansicht, dass das Erdbeben Auskunft über die Schwere des Tsunamis geben könnte', sagt Eddie Bernard, Leiter des Pacific Marine Environmental Laboratorys in Seattle. 'Das war die krude Art, wie wir damals an die Sache herangegangen sind. Es war so krude, dass sich 75 Prozent aller Warnungen als falscher Alarm herausstellten.' Heutzutage, sagt Weinstein, 'verfügen wir über die Instrumente, binnen 20 Minuten eine Tsunami-Prognose zu erstellen.'"

Eher amüsant zu lesen ist Darryn Kings Reportage über die Dreharbeiten zu Ang Lees neuem Film "Gemini Man", in dem Will Smith gegen sein deutlich jüngeres Selbst antritt. Da Lee zudem mit erhöhter Framerate pro Sekunde dreht, musste die für Entalterung nötige Tricktechnik ordentlich was leisten, erfahren wir: Alte Filmaufnahmen aus den 90ern wurden hochauflösend eingescannt - genau wie Will Smiths heutiges Gesicht. Über ein Jahr lang war eine ganze Armada von Special-Effects-Experten damit beschäftigt, einen digitalen Klon zu schaffen, der bis in tiefsten Poren und Muskelschichten dem Vorbild entspricht. "Wie die Monate so dahinstrichen, erzählt Williams, wurden die Veredelungen und Feinabstimmungen geradezu absurd pedantisch. 'Bei diesem Job gab es Momente, wo eine ganze Meute erwachsener Menschen im mittleren Alter um einen Monitor herumsaß und darüber sprach, wieviel Glanz ein Pickel haben sollte.'" Dem Schauspieler selbst hat das Ergebnis im übrigen gut gefallen: "'Da gibt es jetzt eine komplett digitale, 23-jährige Version meiner selbst, die das mit dem Filmedrehen jetzt für mich übernehmen kann', sagte er bei einer Vorführung des Films im Juli. 'Ich werde jetzt schön rund und dick! Nehmt doch Gemini-Junior!'" Der Trailer ist schon mal überzeugend:

Magazinrundschau vom 24.09.2019 - Wired

Städte wandeln sich - und damit auch die wilden Tiere, die diese Städte bevölkern, viele von ihnen unter unserem Wahrnehmungsradar: "Urban Evolution" nennt sich ein relativ neuer, zusehends wichtig werdender Forschungszweig, den Brendan I. Koerner genauer unter die Lupe nimmt. Unter anderem zeigt sich, dass die Anpassung des Genoms mancher Spezies an das Großstadtleben deutlich rascher erfolgt, als der Laie annehmen würde. Die Biologin Kristin Winchell etwa erforscht ursprünglich in Puerto Rico beheimatete Eidechsen, die in den Großstädten der USA deutlich ausgeprägtere Gliedmaßen und sich selbst damit zu wahren Sprintern entwickelt haben, die in den Ursprungsländern jedes Rennen gegen ihre Verwandten für sich entscheiden würden - ein klarer Vorteil in einem Terrain, das von streunenden Katzen und schnellen Autos geprägt ist. Aber liegt dies nun an der Formbarkeit des Körpers, der sich auf eine neue Umgebung einstellt, oder hat sich tatsächlich das Genom verändert? "Diesen Unterscheidung zwischen Evolution und Wandelbarkeit im Hinterkopf hat Winchell eine Art Gartenexperiment durchgeführt. In ihrem Labor in Boston hat sie in Puerto Rico eingesammelte, erwachsene Eidechsen sich paaren lassen, um die Eier von Land- und Stadt-Echsen in einen Inkubator zu stecken. Die geschlüpften Babys verteilte sie auf getrennte Käfige mit identischen Lebensbedingungen. ... Nach einem Jahr, in dem sie die Eidechsen mit vitaminbestäubten Heuschrecken aufgezogen hat, untersuchte sie deren Beine und Zehen. Ihre Messungen und Beobachtungen, die sie 2016 im Journal Evolution veröffentlichte, bestätigten, dass die Stadt-Eidechsen tatsächlich Produkte rasanter Evolution waren. Winchell, die derzeit plant, die Entwicklung von Eichhörnchen und Waschbären in St. Louis, Boston und New York zu untersuchen, ist sich bewusst, dass ihre Arbeit eine der wenigen Quellen der Hoffnung für alle jene darstellt, die in Schockstarre die deprimierenden Nachrichten vom Zustand der Umwelt verfolgen. 'Die Leute haben nicht gedacht, dass Tiere sich im Maßstab menschlichen Ermessens anpassen können', sagt sie. 'Entsprechend freut es sie, dass einige Tiere durchaus mit dem umgehen können, was wir ihnen antun.' Diese Überlebenden, wenngleich überschaubar in ihrer Zahl, verfügen über Gene, die uns viel darüber zu erzählen haben, wie wir uns auf eine feindselige Zukunft vorbereiten können."

Weiteres: Jonah Weiner porträtiert Jack Conte, der aus Frust über die mageren Youtube-Ausschüttungen den Bezahldienst Patreon gegründet hat. Lauren Smiley erzählt die Geschichte eines Mordes, als dessen Hauptverdächtiger sich ein (mittlerweile verstorbener) Rentner von über 90 Jahren herausgestellt hat.

Magazinrundschau vom 10.09.2019 - Wired

Auch die Gamingszene hat ihr #MeToo - und darin jüngst eine tragische Wendung genommen, da einer der Beschuldigten, Alec Holowka, sich Ende August das Leben nahm. Zoë Quinn, die Frau, die dem betreffenden Mann Vorwürfe gemacht hatte, sieht sich nun - entgegen dem expliziten Aufruf der Hinterbliebenen des Verstorbenen - massiven Anfeindungen ausgesetzt. Es läuft - mal wieder - auf männliche Fragilität hinaus, ärgert sich Laurie Penny. "Die Belästigungen, denen sich Quinn und andere ausgesetzt sehen, haben mit der Anteilnahme für Holowka und seine Familie nicht das geringste zu tun, wohl aber sehr viel damit, an Frauen und queeren Menschen, die es wagen, an die Öffentlichkeit zu gehen, ein Exempel zu statuieren. Die Botschaft ist eindeutig: Die mentale Gesundheit von Männern zählt mehr als die von Frauen. Männliches Leid und Selbstmitleid wird als öffentliche Angelegenheit begriffen, denn Männern ist es gestattet, echte Menschen zu sein, deren Innenleben und Träume von Belang sind. ... Die Drohung, dass Männer seelisch auseinanderfallen oder sich verletzen, wenn Frauen sich weigern, sich ihren Wünschen zu fügen, ist eine uralte, bestens erprobte Kontrolltaktik. ... Menschen, die für ihr missbräuchliches Verhalten zur Verantwortung gezogen werden, leiden - aber ihre Opfer sind für dieses Leid nicht verantwortlich. So wie auch Zoë Quinn nicht dafür verantwortlich ist, dass der mutmaßliche Täter sich dazu entschlossen hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Es war seine Entscheidung, sie zu verletzten und seine Entscheidung, sich selbst zu verletzen."

Magazinrundschau vom 27.08.2019 - Wired

Laurie Penny blickt melancholisch-schwärmerisch, in jedem Fall aber sehr persönlich zurück auf die Zeit, als sie als Fantasy- und Science-Fiction-Nerd in Oxford mit Gleichgesinnten einen Fanfiction-Zirkel gründete und hitzig Science-Fiction-Serien und -Romane diskutierte: Für queere Menschen und für Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht zuletzt auch ein tröstender Rückzugsort. Was damals Außenseitertum gewesen ist, weil es die gängigen Erzählmuster in Frage stellte und das popkulturelle Material neu sortierte und perspektivierte, ist heute eine Ressource fürs serielle Erzählen, das mit dem Serienboom dringend Nachschub braucht, erfahren wir. Auch der Monomythos - die Heldenreise, wie sie Joseph Campbell als kulturenübergreifende Grunderzählung destilliert hat und die lange Zeit in Hollywood als Drehbuchformel galt - steht hier zur Disposition: "Viele von uns erkannten ihr eigenes Leben in diesen Mustern überhaupt nicht wieder. Folgt man der Psychotherapeutin Maureen Murdock, dann sagte Campbell selbst, dass Frauen die Heldenreise nicht brauchen - wir sollten einfach akzeptieren, dass Frauen 'der Ort sind, an den Leute zu gelangen versuchen'. Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie sprach von den Gefahren, die von einer solchen eingedampften Geschichte ausgehen: 'Eine solche Geschichte schafft Stereotypen. Und das Problem mit Stereotypen ist nicht, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen, sondern dass sie nicht vollständig sind. Aus einer Geschichte wird die einzige Geschichte.' Die menschliche Gesellschaft kann nicht auf Grundlage einer einzigen Geschichte überleben, genauso wenig wie sie mit einer einseitigen Ernährung bestehend aus Adderall gesprenkelten Steaks gedeihen kann."

Magazinrundschau vom 20.08.2019 - Wired

Nach außen rühmte sich Google lange Zeit seines besonderen Betriebsklimas: Mitarbeiter waren dazu angehalten, auch gegenüber Vorgesetzten kritisch aufzutreten und in großen Versammlungen auch offen Widerspruch oder gar Protest zu üben. In den letzten Jahren ist diese Betriebskultur allerdings gehörig aus dem Ruder gelaufen, wie sich Nitasha Tikus epischer Reportage entnehmen lässt. Die politischen Spaltungen und Verhärtungen der Gegenwart hinterlassen auch intern bei Google ihre Spuren. Als einem der Alt-Right nahe stehenden Mitarbeiter gekündigt wurde, der sich intern durch ein besonderes Ausmaß an Agitation hervorgetan hatte, lief die Sache über: "Auf Breitbart erschienen Screenshots von internen Konversationen unter Google-Mitarbeitern - manche davon reichten bis ins Jahr 2015 zurück. In einem Diskussionstrang auf einem Pro-Trump-Subportal von Reddit erschien eine Collage mit vollen Namen, Profilbildern und Twitter-Bios von acht Google-Mitarbeitern, die meisten von ihnen queer, transgender oder People of Color, darunter auch Liz Fong-Jones. Jede Twitter-Bio enthielt Phrasen, die die Mitarbeiter augenblicklich als Ziele für Online-Belästigung ausriefen: 'polyamoröse, queere, autistische Trans-Lesbe", 'einfach nur ein weiterer, schwuler, kommunistischer IT-Mitarbeiter' oder, wie im Falle von Fong-Jones, 'trans und queer bis sonst wohin'. Zwei Tage nach Damores Kündigung teilte Milo Yiannopoulos, der frühere Tech-Redakteur von Breitbart, die Collage mit seinen zwei Millionen Facebook-Followern: 'Schaut mal, wer bei Google arbeitet - jetzt ergibt das alles Sinn', schrieb er, als seien diese acht Mitarbeiter für Damores Kündigung verantwortlich. Für die auf diese Weise in den Zielsucher genommenen Mitarbeiter waren die Leaks bis in Mark und Bein erschütternd. Wie viele ihrer Kollegen versorgten die Alt-Right mit Material? Mit wie vielen Leaks wäre noch zu rechnen? Und was würde ihr Arbeitgeber unternehmen, um sie zu schützen?"

Magazinrundschau vom 24.06.2019 - Wired

Von Disneys derzeitiger Strategie, den hauseigenen Fundus an Animationsfilmklassikern für aufwändige Neuverfilmungen zu plündern, mag man halten, was man will. Filmtechnisch interessierte Menschen finden hier aber reichlich Anschauungsmaterial über den tricktechnischen state of the art. Beispiel: "Der König der Löwen". Dessen CGI-Fotorealismus hat zumindest nach dem ersten Trailer Peter Rubin mit offenem Mund dastehen lassen, wie wir erfahren: Produzent Jon Favreau ließ den Film in einer VR-Umgebung drehen und zwar "mit Dollies, Kränen und anderen Werkzeugen, die es Kameramann Caleb Deschanel gestatteten, genau die richtigen Blickwinkel zu treffen. Es gab sogar Beleuchtung und Kameras. Nur dass man diese Kameras und Lampen nirgends in echt finden konnte. ... All die Drehorte, die man aus dem Original kennt - Pride Rock, der Friedhof der Elefanten, Rafikis alter Baum - existierten tatsächlich, wenngleich nicht als konkrete Sets oder Dateien, die irgendwo auf dem Rechner eines Animators schlummerten. Vielmehr fanden sie sich in einer Art Filmemacher-Videospiel als virtuelle, in 360 Grad begehbare Umgebung voller digitalisierter Tiere, in der sich Favreau und seine Crew frei bewegen konnten. Mit ihren Headsets hatten die Filmemacher freien Zugang zur kompletten Ausstattung. ... Draußen, in der echten Welt, gab es das sogenannte 'Volume', gewissermaßen ein Set, wenn sich dort denn tatsächlich irgendwas befände. Stattdessen ist das 'Volume' ein riesiger, offener Raum, in dem die Crew Kamerawägen und Kräne installiert hatte - zwar nicht wirklich für Kameras, sondern für Motivsucher, die in Größe und Gewicht etwa jenen Kameras entsprechen, die sie ersetzen. ... Um nun eine Szene zu inszenieren, stülpten sich die Filmemacher ihre Headsets über, um genau zu ermitteln, wo die Kameras und Lampen aufgestellt sein müssten, um die Action am besten einzufangen. Dafür verwendeten sie tragbare Kontrollgeräte, um das virtuelle Equipment wie Schachfiguren zu verschieben. In der echten Welt, im 'Volume', würden dann echte Kameramänner die virtuelle Umgebung 'fotografieren', indem sie ihre echten, verkabelten Motivsucher bewegten, deren Bewegungen in der virtuellen Welt von virtuellen Kameras nachempfunden wurden. Zwei Ebenen der Realität - Fleischwelt-Bewegungen, die digitales Material einfangen."

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - Wired

Nicholas Thompson und Fred Vogelstein resümieren 16 Monate Reboot bei Facebook und stellt fest, dass Mark Zuckerberg seine Chance vermasselt hat: "Dies ist die Geschichte des Annus horribilis, basierend auf Interviews mit 65 aktiven und ehemaligen Mitarbeitern. Sie handelt von den größten Veränderungen, die je innerhalb des weltgrößten sozialen Netzwerks stattgefunden haben, und von einem Unternehmen, das in seinen Pathologien und der unerbittlichen Logik seines eigenen Erfolgsrezepts gefangen ist. Die leistungsstarken Netzwerkeffekte von Facebook haben Werber daran gehindert, zu fliehen, und die Zahl der Nutzer bleibt konstant, zählt man die User von Instagram, das zu Facebook gehört, hinzu. Doch die Kultur und Mission des Unternehmens war in den letzten 16 Monaten regelmäßig für drastische Einbrüche verantwortlich. Das Unternehmen strauchelte und entschuldigte sich, doch selbst wenn es die Wahrheit sagte, glaubte man ihm nicht. Die Kritiker forderten Veränderungen, aber die Lösungen, die Facebook fand, kamen sich gegenseitig in die Quere … Sommer 2018 wirkte Facebook wie Monty Pythons Schwarzer Ritter: ein Torso, der auf einem Bein hüpfte, aber dennoch voller Selbstvertrauen … Dann verlor der Schwarze Ritter auch sein letztes Bein. Der britische Abgeordnete Damian Collins hatte von 2012 bis 2015 Hunderte Seiten interner Facebook-Mails erhalten, ironischerweise von einer schäbigen Firma, die nach Fotos von Facebook-Nutzern in Bikinis suchte … Die geleakte Mailkorrespondenz zwischen Zuckerberg und Top-FB-Managern zeigte, dass Facebook nach Wachstum strebte, und zwar um fast jeden Preis. In einer Mail von 2015 erklärte ein Mitarbeiter, dass das Sammeln der Anrufprotokolle von Android-Nutzern 'aus PR-Sicht eine riskante Sache' sei und er schon den Aufschrei höre, dass Facebook immer dreister die Privatsphäre verletze. Aber, fügte er hinzu, 'es scheint, das Wachstumsteam werde es dennoch tun.' (Und so geschah es.) Die vielleicht aufschlussreichste E-Mail, weil sie Facebooks Selbstgerechtigkeit illustriert, stammt vom damaligen Manager Sam Lessin. Das Unternehmen, so Lessin an Zuckerberg, könnte rücksichtslos und sozial zugleich sein, denn letztlich handle es sich um ein und dasselbe: 'Unsere Mission ist es, die Welt offener und vernetzter zu gestalten, und dafür benötigen wir die besten Mitarbeiter und die beste Infrastruktur, dafür wieder brauchen wir viel Geld, müssen also sehr profitabel sein.'"