Magazinrundschau - Archiv

Wired

123 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 13

Magazinrundschau vom 18.12.2018 - Wired

Antonio Garcia Martinez lässt sich von der allgemeinen Kater-Stimmung im Netz nicht beirren: Ja, es mag Trolle geben, Clickbaiting, derbe Diskursverzerrungen durch irgendwelche Schreihälse, nicht zuletzt zerfällt die Öffentlichkeit in immer kleinere Splitter - aber: Für den intellektuellen Diskurs ist das Internet nach wie vor ein Segen und Paradies. "Man denke inmitten all dieses Online-Gelärms nur einmal zurück an jene Zeiten, als eine Fernsehserie über zwei vergnügte Twentysomehtings, die sich eine gemeinsame Kellerwohnung teilen  und diese nie zu verlassen scheinen, und deren ausgiebig ausgewalzter Running-Gag darin bestand, dass der eine der beiden Milch-und-Pepsi-Cocktails trank, die populärste Show des Landes war ('Laverne & Shirley' ist gemeint, Kinder). Danach greife man zu einem smarten Podcast, in dem zwei intellektuelle Antagonisten einander beharken wie einst Lincoln und Douglas. Dann gehe man auf Twitter und entkräfte die Argumente des einen mit Zitaten aus dem heruntergeladenen Kindle-Buch des anderen. Man lasse beide antworten und sich im Zuge von irgendeinem Typen trollen, den man dann einfach blockiert. Schließlich lese man eine 3000 Wörter umfassende Antwort wieder eines anderen auf Medium. Man denke nur daran, wie eine solche Konversation sich früher exklusiv auf Elitekreise beschränkt und sich wahrscheinlich auch nicht innerhalb eines Radius von 1000 Meilen um die eigene Heimatstadt abgespielt hätte. Danach fühlt man sich vielleicht wieder ein klitzekleines bisschen besser über den Status Quo der Medien. Die Propheten des Niedergangs existieren nur aus einem Grund: um uns vor Risiken zu warnen, solange es noch die Möglichkeit gibt, einen anderen Kurs einzuschlagen. Die Gesellschaft hat ihre Wahl getroffen, aber dank der Zersplitterung der Öffentlichkeit kann jeder seine eigene Entscheidungen treffen. Wähle weise!"

Film-Streaming lockt mit Versprechungen allgemeiner Zugänglichkeit - und stellt damit das Geschäftsmodell von Videotheken und Heimmedien-Herstellern zunehmend in Frage. Doch die Realität sieht anders aus, schreibt Brian Raftery, der bereits eine (wenn auch auf Sammler beschränkte) Renaissance zumindest aufwändig gestalteter BluRay-Editionen heraufdämmern sieht: "Eine der Hauptantriebskräfte dahinter ist die simple Tatsache, dass in den Angeboten der 'Mainstreamers' - also bei allen von Netflix über Amazon Prime bis Apple - gewaltige Lücken klaffen. Diese Grenzen wurden im vergangenen Jahr schmerzhaft spürbar, als einige Filmfreunde mal genauer hinschauten und ihnen dabei auffiel, dass viele ihrer Lieblingsfilme - nicht nur alte Klassiker, sondern auch semi-alte Blockbuster wie 'True Lies' - in digitaler Form kaum aufzufinden waren. Bekräftigt wurde dieser Punkt noch durch die überraschende Schließung des ambitionierten, gut kuratierten Angebots FilmStruck, wo man Warner-Klassiker und Arthausfilme von Criterion sehen konnte. FilmStrucks Niedergang verdeutlichte, wie flüchtig Streaming ist: Wenn deine Lieblingsfilme nicht im Regal stehen, dann stehen die Chancen gut, dass sie über kurz oder lang verschwinden könnten."

Außerdem: Cholerische Wutanfälle, willkürlich ausgesprochene Kündigungen und ein vergiftetes Arbeitsklima  - wer sich schon immer gefragt hat, wie es um mögliche menschliche Defizite bei Elon Musk bestellt ist, kriegt in Charles Duhiggs epischer Reportage über "Teslas Produktionshölle" hinreichend Material an die Hand. In der britischen Wired-Ausgabe hat Amit Katwala vor einigen Wochen Musk porträtiert.

Magazinrundschau vom 11.12.2018 - Wired

Wenn der an seinem vorderen Ende knapp 160 Kilometer messende Thwaites-Gletscher in der Antarktis vom Wasser weiter angefressen wird, können seine Massen in die Ozeane kollabieren: Dann würden binnen kurzer Zeit die Meeresspiegel bedrohlich steigen - an deren jährlichem Zunahme das abgetaute Wasser dieses Gletschers schon jetzt einen Anteil von vier Prozent hat -, auch wegen der weiteren Gletscher, die Thwaites mit sich reißen würde, erfahren wir aus Jon Gertners großer Reportage über Sridhar Anandakrishnans Forschungsarbeiten vor Ort, die genau dieses horrende Szenario verhindern sollen. " Bis auf weiteres scheint die Aussicht auf Thwaites' rapiden Kollaps hinreichend wahrscheinlich, dass einige Wissenschaftler vorgeschlagen haben, ihn abzustützen. Michael Wolovick und John Moore vor kurzem vorgeschlagener Pläne für dieses Geo-Engineering sieht vor, an der Basis des Gletschers ein künstliches 'Sims' aus Kies und Stein zum Schutz vor warmem Wasser anzubringen. Ein solches Unterfangen wäre 'vergleichbar mit den größten zivilen Ingenieursprojekten, an denen sich die Menschheit je versucht hat', räumen Wolovick und Moore in einem Aufsatz ein. Im Gespräch erklärte Wolovick, dass er mit dieser Idee eine Debatte über 'glaziale Interventionen' anstoßen wollte. Diese zu konzipieren und durchzuführen könnte ein Jahrhundert veranschlagen. Die Kosten wäre es wert, egal, wie hoch sie ausfallen würde, sagt er. Ein rapider Anstieg des Meeresspiegel zöge Verluste in Billionen Dollar Höhe nach sich und eine  Massenmigrationen von hunderten von Millionen Menschen. Die ärmeren Teile der Welt würden darunter ausnahmslos am meisten leiden. "Sollte es gelingen, den Meeresanstieg an der Quelle aufzuhalten', sagt Wolovick, 'so haben alle was davon.'"

Die Meldung, dass der bis dahin gegenüber Porno-Inhalten liberale Mikroblogging-Service Tumblr pornografisch explizite Inhalte, entblößte Genitalien und weibliche Brustwarzen künftig auf seiner Plattform nicht mehr zulassen werde, nachdem Apple die App des Anbieters aus seinem App-Store verbannt hat, hat für einige Aufregung in den sozialen Medien gesorgt. Insbesondere Sexarbeiter und queere Aktivisten laufen Sturm, berichtet Paris Martineau. "In Gesprächen mit Wired erklärten mehr als ein Dutzend Sexarbeiter, dass sie gerade die frühere Offenheit von Tumblr gegenüber Inhalten für Erwachsene die Plattform schätzten. Sie beschrieben die Seite als deutlich bestärkender und freundlicher als traditionellere Orte für explizite Inhalte wie beispielsweise PornHub und nahmen Tumblrs Freiheiten und Möglichkeiten, ihre Inhalte viral gehen zu lassen, gerne in Anspruch. Viele nutzten die Seite, um Bezahlinhalte auf ihren eigenen Seiten zu bewerben oder sich mit Kollegen und Kunden auszutauschen. Laut einer E-Mail von Liara Roux, einer Sexarbeiterin und Online-Aktivistin, schwinden die Möglichkeiten, erwachsene Inhalte im Netz zu finden." Außerdem erklärt Louise Matsakis, wie störanfällig und fehlerbehaftet die von Tumblr eingesetzten Bilderkennungsverfahren sind, die garantieren sollen, dass anrüchige Inhalte von der Seite genommen werden.

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - Wired

Richtig schlechte Laune kann man kriegen, wenn man Paris Martineaus Reportage über die Horrorwelt der Instagram- und Youtube-Influencer liest: Während der traditionelle Werbemarkt, der journalistische Produkte stützt, vor sich hinsiecht, fließen an die "Influencer" Summen im hohen fünfstelligen Bereich für Product-Placement, gekaufte Jubelbesprechungen oder gekaufte Verrisse von Konkurrenzprodukten. Ein fast schon mafiös anmutender Markt ist die Folge: "Jemand mit drei Millionen Abonnenten berechnet üblicherweise mindestens 40 000 Dollar pro Video. Wünscht sich die Firma, dass ein Produkt eines Konkurrenten negativ besprochen wird, kostet das nochmal 10 000 bis 30 000 Dollar extra - oder mehr. Dass die Preise mit steigender Abonnentenzahl ebenfalls steigen, versteht sich von selbst. Nahezu jeder Influencer und Markenrepräsentant, mit dem Wired sprach, schiebt die steigenden Preise auf die Agenten und Mittelsmänner, die sich in der Branche in den letzten Jahren breitgemacht haben. Agenten berechnen üblicherweise zwischen 1 000 und 20 000 Dollar pro Monat für ihren Dienst, sowie einen Anteil von 20 Prozent auf jeden Deal. Selbst ein Influencer mit einer massiven Zahl enthusiastischer Follower wird mit einer einzelnen Video-Review wahrscheinlich nicht den direkten Umsatz für die Marke generieren, mit dem sich die teuersten Preisraten amortisieren würden, sagt Kosmetik-Youtuberin Marlena Stell. Aber die Marken zahlen weiter."
Anzeige

Magazinrundschau vom 16.10.2018 - Wired

Wenn es nach Amazon-Gründer Jeff Bezos geht, ist der Kampf gegen die Klimaerwärmung im Grunde genommen schon gescheitert und es hilft nur noch die Verteidigung nach vorne. Zumindest rechtfertigt er in Steven Levys großer Feature-Story auf diese Weise die Raumfahrtpläne seiner zweiten großen Firma Blue Origin. Derzeit zielt er zwar noch auf das Geschäftsmodell des suborbitalen Edel-Tourismus. "Doch in den Augen seiner Kritiker erscheinen solche hochfliegenden Absichten leichtfertig gegenüber allzu drückenden irdischen Angelegenheiten. Der reichste Mann der Welt solle sich lieber um den Klimawandel, extreme Armut und Seuchen kümmern, sagen sie, oder einfach um irgendetwas anderes. Eines der kritischen Lager sammelt sich um US-Senator Bernie Sanders als inoffizielles Sprachrohr und fordert, dass Bezos' Wohlfahrtsgedanke nicht erst im Weltall beginnt. ... Auf die Bitte, dies zu präzisieren, antwortete Sanders: 'Ich finde es absurd, dass Bezos offenbar Milliarden von Dollars für ein Weltall-Unternehmen hat, aber nicht genug Geld, um seinen Mitarbeitern bei Amazon hier unten auf dem Planeten Erde ein anständiges Gehalt zu zahlen.'  ... Anfang Oktober kündigte Amazon an, dass alle Angestellten künftig mindestens 15 Dollar pro Stunde erhalten würden. Doch Bezos ist der Ansicht, dass er mit seinen Geschäften am meisten bewirken kann: 'Meine Ressourcen sind ein großer Luxus', sagt er. 'Ich werde an nichts arbeiten, von dem ich nicht überzeugt bin, dass es der Zivilisation nützen wird. Ich meine, die Washington Post tut genau das, genau wie Amazon und auch Blue Origin. Langfristig gesehen ist Blue Origin am wichtigsten.' Bezos spricht oft davon, wie leicht man missverstanden werde, wenn man mit extremen langen Zeithorizonten arbeitet. Die Leute, sagt er, würden seinen Kreuzzug irgendwann zu schätzen wissen, sobald die Verwüstungen des Klimawandels, die Ressourcen-Knappheit und die Luftverschmutzung es nötig machen, das hinter sich zu lassen, was Isaac Asimov in einer Fernsehsendung in den 70ern, die Bezos damals so sehr in Begeisterung versetzte, 'planetarischen Chauvinismus' nannte." Der dann auf dem nächsten Planeten weitergeht?

Magazinrundschau vom 25.09.2018 - Wired

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war, lautet David Karpfs Fazit nach einer ausgiebigen Archivlektüre aller Wired-Ausgaben, die er zum 25-jährigen Jubiläum des Blattes unternommen hat: Früher umarmte das Blatt alles, was nach "disruption" klang, blickte mit Enthusiasmus auf alles, was irgendwie nach digitaler und damit besserer Zukunft aussah. Heute ist das alles oft schon Geschichte: "William Gibson wird der Ausspruch zugeschrieben, dass 'die Zukunft bereits da ist - sie ist nur ungleichmäßig verteilt.' Blättert man sich durch 25 Jahre Wired sticht am auffälligsten ins Auge, dass die Zukunft niemals gleichmäßig verteilt wird. Sicher, jeder nutzt Facebook und Google. Aber die Dinosaurierer sterben nie mit einem Mal aus und das neue Zeitalter des Überflüsses kommt nie wirklich stabil in Schwung. ... Der Blick auf die Bilanz der digitalen Revolution legt nahe, dass ihr Verlauf nicht immer in Richtung Überfluss weist - oder überhaupt auch nur geradlinig verläuft. Sie huscht herum, folgt den Gravitationskräften von Hype-Blasen und Monopolmacht, wird von der Widerstandskraft alter Institutionen gescheucht und von der Fragilität der neuen. So, wie sich Wired heute präsentiert, wurde diese Lektion gelernt. Wohl auch wegen der angehäuften Geschichte gestatten die digitalen Ambitionen der Gegenwart weniger stümischen Optimismus, der einem offenen Ausgang der Geschehnisse gelassen entgegen sieht."

Außerdem: Edward Snowden erklärt in einem kurzen Stück, wie sich Aktivisten gegen Überwachung schützen können. Und  Virginia Heffernan erklärt, warum es eine gute Sache ist, dass auch das Internet Sachen vergisst.
Stichwörter: Zukunft, Wired

Magazinrundschau vom 04.09.2018 - Wired

An Drastik lässt es Andy Greenberg in seinem Text über den in der deutschen Öffentlichkeit nur am Rande bemerkten NotPetya-Angriffs nicht fehlen. Die mutmaßlich vom russischen Militär lancierte Schadsoftware legte im vergangenen Jahr weite Teile der ukrainischen Infrastruktur lahm - und zwar laut Greenberg mit dem größt möglichen Schaden: Er wird auf rund zehn Milliarden Dollar beziffert. Auch jenseits der Ukraine kam es, da das Netz bekanntlich keine Nationalgrenzen kennt, zu zahlreichen Ausfällen. "NotPetya fraß ukrainische Computer zum Frühstück. Allein in Kiev wurden mindestens vier Krankenhäuser von dem Schlag getroffen, dazu sechs Energieunternehmen, zwei Flughäfen und mehr als 22 ukrainische Banken, Geldautomaten und Kartenbezahlsysteme in Handel und Transportwesen sowie so gut wie jede Einrichtung der Regierung. 'Die Regierung war tot', fasst die ukranische Verkehrsminister Volodymyr Omelyan die Lage zusammen. ... 60 Kilometer weiter waren selbst jene Computer, mit denen die Wissenschaftler die Aufräumarbeiten in Tschernobyl koordinierten, von dem Angriff betroffen. 'Sämtliche unserer Systeme standen massiv unter Beschuss', sagt Omelyan. ... Im ganzen Land stellten sich Ukrainer ähnliche Fragen: Hatten sie genug Geld im Haus, um sich für die Dauer des Schlags mit Lebensmittel und Benzin zu versorgen? Würden sie ihr Gehalt und ihre Renten erhalten? Würden sie weiterhin Medikamente erhalten? In der Nacht, als die Welt draußen noch darüber diskutierte, ob es sich bei NotPetya um kriminelle Ransomware oder um eine Waffe in einem staatlich gelenkten Cyber-Krieg handelte, sprachen die Mitarbeiter des internationalen Cyber-Security-Zusammenschlusses ISSP bereits von einem neuartigen Phänomen: einer 'massiven, koordinierten Cyber-Invasion'."

Magazinrundschau vom 07.08.2018 - Wired

Der amerikanische Strafvollzug bildet längst einen lukrativen Wirtschaftssektor eigenen Rechts: Auch mit dem Bedürfnis der Insassen nach Kommunikation mit der Außenwelt lassen sich Millionen machen. Einige Gefängnisse stellen zum Beispiel Grußkarten auf Papier nicht mehr durch, hat Victoria Law herausgefunden. Begründet wird dies mit dem Verweis auf eine vom privaten Anbieter JPay eingerichtete elektronische Lösung per Quasi-Email - deren Interface allerdings an die klobige Ästhetik der Neunziger erinnert und bei der jede Seite Text, jedes Foto mit "Briefmarken" genannten Tickets abgerechnet wird, für die der Insasse oder dessen Angehörige aufkommen müssen: "Still und heimlich bauen E-Messaging-Firmen in den Gefängnissen jenseits des Wettbewerbs eine Art Gelddruckerei auf - ein Monopol, das in der Außenwelt nicht tolerierbar wäre. Sie basiert auf einer simplen Formel: Egal wie hoch der Preis ist, um eine Nachricht zu verschicken, Gefangene und deren Angehörige werden einen Weg finden, ihn zu zahlen. ... Auch wenn diese Firmen ihr Geschäftsmodell mit Briefmarken vergleichen, ist ein traditioneller Brief per Post, in dem eine Person mehrere Fotos oder fünf Blatt Papier zum festgesetzten Preis verschicken kann, ein viel besserer Deal. 'Es handelt sich um eine Firma, deren Preisgestaltung nicht transparent ist', sagt Peter Wagner von der Prison Policy Initiative. 'Da die Vollzugsanstalten für die Rechnungen nicht aufkommen müssen, besteht für sie auch kein Anreiz, sich darüber Gedanken zu machen.' Tatsächlich ist es sogar so, dass die Anstalten einen Anreiz haben, den Gebrauch solcher Dienste zu lancieren, da sie am Umsatz beteiligt sind."

Außerdem gibt Adam Fischer Mark Zuckerberg Tipps, was er von Bill Gates und aus der Geschichte Microsofts lernen kann.

Magazinrundschau vom 31.07.2018 - Wired

Die libertäre Staatsskepsis, die in den Neunzigern im Silicon Valley und im frühen World Wide Web noch allgegenwärtig war, hat sich gewandelt: Auf den ersten Blick ist der Tech-Sektor in zahlreichen politischen Fragen nach links gerückt und unterstützt gesellschaftspoltische Forderungen, die nur mit einem starken und nicht mit einem nach libertären Vorstellungen abgeschwächten Staat zu meistern sind, erklärt Steven Johnson. Doch hat eine große Umfrage nun auch ergeben, dass diese Positionen keineswegs konsequent im Sinne einer orthodox linken Weltsicht formuliert werden, sondern sich insbesondere dann eine bemerkenswerte Elastizität in politischen Fragen zeigt, sobald die eigene Branche betroffen ist: "Die Tech-Elite wünscht sich zwar eine aktivistische Regierung, möchte aber nicht, dass die Regierung sie aktiv beschränkt (62 Prozent der Befragten erklärten den Stanford-Forschern, dass die Regierung Unternehmen nicht engmaschig regulieren, sondern lieber die Reichen besteuern solle, um soziale Programme zu finanzieren). Wenn es um die Umverteilung des Wohlstands und soziale Sicherheiten geht, klingen sie wie nordeuropäische Progressive. Fragt man sie nach Gewerkschaften oder Regulierungen, klingen sie wie die Koch Brothers. ... Doch den Forschern Brink Lindsey und Steven Teles zufolge ist der Tech-Sektor tatsächlich in eine Position gestolpert, deren Ideologie sich als kohärenter erweist als man zuerst vermuten würde. Sie nennen sie 'Liberatarianismus'. Lindsey, Vizepräsident des Niskanen Zentrums in politischen Fragen, einem Think Tank, der liberaltäre Positionen unterstützt, beschreibt die Ideologie als belebt von der 'Idee der freien Marktwirtschaft innerhalb eines Wohlfahrtstaats. Manche sehen darin einen Widerspruch in sich, für uns stellt sich so aber eine gute, dem 21. Jahrhundert gemäße Regierungspolitik dar: Sie kombiniert einschneidende Umverteilungen und soziale Ausgaben mit hippem Marktwettbewerb.'" Ach ja? Wir nennen das soziale Marktwirtschaft, und das schon ziemlich lange.

Magazinrundschau vom 24.07.2018 - Wired

Wenn es darum geht, Diskursknotenpunkte im Web zu analysieren - etwa, um herauszubekommen, ob bestimmte politische Milieus im Netz mutmaßlich lanciert sind oder wie Verschwörungstheorien aus wirren Nischen des Web auf der Startseite von Youtube landen - kommt man an dem Medienforscher und Datenjournalisten Jonathan Albright kaum vorbei. Die Autorin Issie Lapowsky widmet ihm ein ausführliches Porträt und beschreibt ein Schlüsselerlebnis: "Trotz seiner akademischen Forschungsarbeit war Albright so überrascht wie jeder andere auch von Donald Trumps Sieg über Hillary Clinton. In einem losen Versuch, zu verstehen, was gerade geschehen war, brütete er über einer Google-Tabelle mit Links zu Websites, die während des Wahlkampfs Falschinformationen gestreut hatten. Er wollte herauskriegen, ob es zwischen ihnen Gemeinsamkeiten gab. Mit Open-Source-Werkzeugen verbrachte er die Nacht damit, die Inhalte dieser 117 Seiten zu ziehen, darunter Neonazi-Websites wie Stormfront und die bekennender Verschwörungstheoretiker wie Conspirational Planet. Schlussendlich häufte er eine Liste von mehr als 735.000 Links an, die auf diesen Seiten auftauchten. Auf der Suche nach Hinweisen auf etwaige Strippenzieher im Hintergrund begann Albright, jene Links zu identifizieren, die auf mehr als einer zweifelhaften Website gesetzt wurden, und identifizierte rund 80.000 davon. ... Nach etwa 36 Stunden Arbeit mit mehrfachen überlastungsbedingten Software-Abstürzen war er in der Lage, diese Links zu kartografieren, indem er die Liste in eine atemberaubend komplizierte Datenvisualisierung übersetzte. 'Nur wenige Tage nach der Wahl bildete sich vor meinen Augen das Bild eines ausgewachsenen Ökosystems von Falschinformationen', sagt Albright, noch immer ganz berauscht von seiner Entdeckung. 'Mir zeigten sich Erkenntnisse, an die ich nie gedacht hätte.' Und als Spinne inmitten dieses monströsen Netzes saß ein riesiger Knotenpunkt namens Youtube."

Außerdem: Garrett M. Graff fasst zusammen - und spendiert dazu Myriaden von weiterführenden Links -, was Robert Mueller in seinen Ermittlungen über die mutmaßlichen russischen Manipulationen des amerikanischen Wahlkampfs weiß oder wissen könnte. Adam Fisher schreibt über die Flegeljahre von Facebook, als das heutige IT-Flaggschiff noch ein Start-Up zwischen Bierdosen, Pizzaschachteln und pubertären Wandgraffitis war. Stephen S. Hall singt ein Loblied auf die Genmanipulationen, die (das Anfang des Monats von John Oliver angenehm gegrillte) Start-Up Crispr in Aussicht stellt. Und Cathy Alter hat einen Knaben ausfindig gemacht, der von allem, was mit Ventilatoren zu tun hat, massiv begeistert ist.

Magazinrundschau vom 03.07.2018 - Wired

Bei Google, Microsoft und anderen IT-Konzernen brodelt es mächtig in der Belegschaft: Zahlreiche Tech-Arbeiter protestieren gegen die Regierungsaufträge ihrer Firmen, weil sie keine Lust haben, ihre Fähigkeiten etwa dafür einzusetzen, dass Drohnen per KI ihre Videoaufnahmen besser interpretieren können. Das Ausmaß dieses Protestes und die Strategie, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, ist neu, schreibt Nitasha Tiku. Im Grunde befolgen die Mitarbeiter nur das Credo, mit dem sie einst angeheuert wurden, erfahren wir: "Lange Zeit lautete der Slogan, mit dem Silicon Valley für sich geworben hat: Arbeite bei uns und verändere die Welt. Die Angestellten werden dazu ermuntert, das Arbeitsleben mit ihrer sozialen Identität gleichzusetzen und viele internalisieren dieses utopische Ideal. 'Wer hier anheuert, um ein Tech-Held zu werden, will mit Menschenrechtsverletzungen nicht zu tun haben', sagt ein älterer Angestellter von Google, der sich in dem Protest gegen das Projekt Maven engagiert. Dass die Tech-Arbeiter sich heutzutage eher dazu imstande sehen, ihre Arbeitgeber derart herauszufordern, mag auch damit zu tun haben, dass ihre Kompetenzen in der momentanen Phase hoher Nachfrage gut vermarktbar sind, sagt Nelson Lichtenstein, Geschichtsprofessor und Leiter des Zentrums für Arbeits- und Demokratiestudien an der Universität Santa Barbara. 'Warum stößt man unter denen, die in China Schaltkreise löten, auf nichts Vergleichbares? Weil sie dort um einiges verwundbarer sind.'"

Außerdem brütet Garrett M. Graff über der Frage, ob ein vor kurzem aufgetauchter, 21 Seiten umfassender Text mit zahlreichen Anekdoten und Erinnerungen tatsächlich, wie behauptet, von Satoshi Nakamoto, dem (oder den) anonymen Entwickler(n) von Bitcoin stammt. In der Tat wäre es ja mal ganz interessant zu wissen, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Denn: "Das 'wer ist Satoshi'-Spiel ist mehr als nur eine niedliche Online-Plauderei, wenn man sich vor Augen hält, was für immense Ressourcen allem Anschein nach in Nakamotos digitalem Geldbeutel schlummern. Forscher gehen davon aus, dass die Person (oder die Personen), die Bitcoin entwickeln haben, noch immer über etwas mehr als 900.000 Bitcoins verfügen. Ein Vermögen, das sich selbst zum mittlerweile stark gesunkenen Kurs - Bitcoin liegt heute etwa 70 Prozent unter dem Spitzenwert von 22.000 Dollars Ende letzten Jahres - auf gut 5,8 Milliarden Dollar belaufen würde."