Magazinrundschau - Archiv

Wired

198 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 20

Magazinrundschau vom 10.02.2026 - Wired

Ein US-Kriegsveteran unter dem Pseudoym John Publius hat sich für Wired genau angesehen, wie sich Trumps eilig rekrutierte und schlecht ausgebildete ICE-Schergen im Feld verhalten - und verzweifelt schier über deren Gehabe und Dilettantismus. ICE, unterstreicht er, ist eine Zivilbehörde, die sich zwar wie Militär kostümiert, aber jeglichen militärischen Sachverstand vermissen lässt: ihre völlig überdimensionierte Ausstaffierung, ihr taktisches Verhalten, die Unangemessenheit ihres militärischen Gebarens gegenüber der eigenen Zivilbevölkerung ohne übergeordneten militärischen Konflikt, die Lust an der Gewalt - all dies habe hochgradig chaotische Aspekte und erinnere an die Anfangstage des Kriegs gegen den Terror vor zwanzig Jahren, aus dessen Fehlern das Militär aber längst gelernt habe. "Sollte das ICE-Vorgehen im Dienst eines strategischen Zieles stehen, sind die Implikationen entweder verwirrend oder verstörend. Verwirrend, weil die ICE-Taktiken kontraproduktiv sind, sollte es der Regierung darum gehen, Abschiebungen zu erhöhen und die öffentliche Unterstützung dafür zu bewahren. Verstörend, weil das Vorgehen von ICE sich mit einer von militärischen Strategen ermittelten Theorie deckt, der Theorie der Kontrolle. Diese Theorie, die üblicherweise in autoritären Staaten wie China oder Russland umgesetzt ist, umfasst mehrere Aspekte einer unkonventionellen Kriegsführung: Mediale Kriegsführung, psychologische Kriegsführung und eine Indienstnahme des juristischen Wegs (was manchmal 'lawfare' genannt wird), um nur einige zu nennen. Strategien zur Kontrolle können sowohl gegen einen äußeren Feind eingesetzt werden wie gegen einen inneren. Sie nutzen Terror-Taktiken, um gewalttätigen Widerstand zu provozieren und dann damit dessen brutale Niederschlagung zu rechtfertigen und Gesetzesverschärfungen zu entschuldigen, mit denen Terrorismus und Hochverrat neu definiert werden. Die Regime nutzen die dadurch entstehende, chaotische Gemengelage, um damit weitere Aktionen zu verfolgen. Es handelt sich dabei, grob gesagt, um Politikmachen mittels Krisen. ... Sollten die politischen Ziele dieser Vorgehensweisen indessen nicht darauf zielen, profundes Misstrauen, Verwirrung, Zweife, Zorn und Zersetzung hervorzurufen, dann erscheinen sie fehlgeleitet und falsch angewendet. Eine Vorgehensweise, die von der Strategie abgekoppelt ist, führt zu strategischem Versagen."
Stichwörter: Ice, USA

Magazinrundschau vom 26.01.2026 - Wired

Der größte chinesische Science-Fiction-Roman ist im Westen selbst Kennern völlig unbekannt, da er nie übersetzt wurde. Und auch auf Chinesisch dürfte es kaum jemanden geben, der ihn wirklich komplett gelesen hat, schreibt Afra Wang. Denn: "The Morning Star of Lingao" ist ein seit den frühen Nullerjahren von einem teilweise anonymen Kollektiv im Netz verfasstes, seitdem ständig ausgeschmücktes, erweitertes und kaum mehr überschaubares Epos. Erzählt wird die Geschichte von einer Gruppe chinesischer Zeitreisender, die mit heutigem Wissen 500 Jahre in die Vergangenheit reist, um die Schmach Asiens - die Entwicklung der modernen Wissenschaften in Europa - auszugleichen und China damit erhebliche Startvorteile mit auf den Weg zu geben (ein Ausgangsszenario, das im übrigen verdächtig an Wolfgang Jeschkes Klassiker "Der letzte Tag der Schöpfung" erinnert). Die Ursprünge dieses Projekts liegen in einem Online-Diskurszusammenhang aus naturwissenschaftlich gebildeten, teils liberalen, teils nationalistischen Kreisen mit naturwissenschaftlichem Background - später wurde dieser als "Industrial Party" bezeichnet. "Die Kraft, die sie feierten, war nur auf den ersten Blick von der industriellen Zivilisation abgeleitet. Tatsächlich war es Entwicklung als solche, Fortschritt als Ideologie, Aufbau als Erlösung. Revolution, Demokratie, Freiheit: Das waren Ablenkungen, sogar Hindernisse." Damit "spiegelt der Roman die moralische Weltsicht Chinas im 21. Jahrhundert wieder, also dessen industrielle Beschleunigung und dessen Nationalismus. ... Zwischen 2000 und den mittleren Zwanzigerjahren verachtfachte sich Chinas Produktionsoutput beinahe. Das Land wurde nicht allmählich, sondern schlagartig 'die Fabrik der Welt'. Eine Rückkopplungsschleife entstand: Die Weltsicht der Industrial Party und Chinas tatsächliche Industrialisierung bekräftigten sich gegenseitig." Doch "für viele zerschlug sich der 'chinesische Traum'. Die Geburtsraten sinken. In der jungen Generation herrscht eine überwältigende Arbeitslosigkeit. Kann der 'einfach noch mehr aufbauen'-Geist von 'Lingao' noch immer Probleme lösen? Ich sehe überall Zweifel. Man kann sich keinen Ausweg aus einer Sinnkrise herauskonstruieren, wenn eine ganze Generation junger Leute sich dazu entschlossen hat, 'sich flach auf den Boden zu legen', wie ein chinesischer Ausspruch besagt, und damit jenes Versprechen von sich weist, dass endlose Arbeit zu Wohlstand führt."

Magazinrundschau vom 13.01.2026 - Wired

Für Garrett M. Graff steht Trumps Staatsstreich in Venezuela in einer langen Tradition von militärischen Interventionen der USA in Südamerika und kommt daher auch eigentlich sehr "unüberraschend". Einmal mehr, fürchtet Graff, entpuppen sich die Staaten als Meister darin, kurzfristig militärisch erfolgreich, aber schon mittelfristig überfordert zu sein und schließlich langfristig zu scheitern - zumal Trump selbst keinen Plan vorzuweisen habe, sondern wie stets impulsgesteuert vorgehe. Als besonders fatal dürfte sich herausstellen, dass Trumps Kopf nach wie vor im Modus des Kalten Krieges stecke. Es sei daher durchaus plausibel, diese Operation "weniger als Konflikt des 21. Jahrhunderts zu denken, sondern eher als ein retro-nostalgisches Unternehmen - als den letzten Krieg des 20. Jahrhunderts. ... Doch die Welt hat sich verändert und Donald Trump scheint die nächsten Schritte nicht durchdacht zu haben, was zu einer tiefen Ironie führt: Die USA sind in einen Krieg für Öl gezogen, von dem unklar ist, ob es überhaupt jemand will. Mit seinem 80s-Mindset umarmt Trump auch weiterhin Benzin fressende Motoren, ... während der Rest der Welt sich in großem Tempo von fossilen Brennstoffen weg bewegt. Die erneuerbaren Energien hatten zuletzt dreißig Prozent Wachstum pro Jahr und produzierten in der ersten Hälfte von 2025 tatsächlich zum ersten Mal mehr Energie als Kohle. China greift die Erneuerbaren rapide auf und fügte alleine 2025 mehr Solar- und Windkapazitäten hinzu als die USA insgesamt aufweisen. So befindet sich das Land mittlerweile auf dem Weg dahin, Karbonemissionen zu senken, während das Wachstum trotzdem steigt. Energiekosten sinken weltweit so rasch, dass Australien im November angekündigt hat, dass ab diesem Jahr jeder pro Tag drei Stunden Elektrizität gratis erhält."
Stichwörter: Trump, Donald, USA, Venezuela, Erdöl

Magazinrundschau vom 14.10.2025 - Wired

KI wird alles lahmlegen, alle Kreativen arbeitslos machen und das Netz mit bizarrem Trash fluten bis es eine einzige Jauchegrube ist, auf die niemand mehr Lust hat - so das gängige Narrativ. Aber könnte KI nicht vielleicht sogar die nächste Generation an Kreativen befeuern? Erste One-Man-Filmstudios machen sich im Netz bereits einen Namen, indem sie die neuen Möglichkeiten clever nutzen und mit einer eigenen Vision verbinden. Gossipgoblin etwa erzählt auf Instagram eine dystopische Science-Fiction-Saga (ausgerechnet) darüber, wie Technologie die Menschheit ablösen wird, in seiner Reportage wirft Christopher Beam aber vor allem Josh Wallace Kerrigan einen Blick über die Schulter, der in seinem Youtube-Kanal Neural Viz mehrere KI-Tools miteinander verbindet, um eine fiktionale Doku-Serie über den Alltag von Aliens auf der Erde ohne Menschen zu erzählen. "Die Bezeichnung 'KI-Video' weckt meist die schrecklichsten Assoziationen: Nilpferde beim Surfen, Babies am Steuer eines Flugzeugs, Will Smith beim Spaghetti-Verschlingen, Trump und Barack Obama beim Knutschen. Sprich: Gullywasser." Doch 'Neural Viz weist in eine andere Richtung. In einer Welt voller faulem, niveaulosestem KI-Dreck schafft der Kanalbetreiber ein originelles Werk und verwirklicht eine Vision, die so spezifisch und so liebevoll ausgedacht ist wie jede andere klassische Serie da draußen. Ein paar wichtige Details: Obwohl er Prompts schreibt, die ihm dabei helfen so gut wie jede Rolle an einem klassischen Set zu erfüllen, schreibt der Autor seine Skripte weiterhin auf altmodischem Weg. Auch spielt er alle Figuren selbst, mit KI als Maske. ... So wie Trey Parker und Matt Stone mit 'South Park' Cartoons neuerfunden haben, indem sie auf die billigsten ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente zurückgriffen, schnappt sich der Mann hinter 'Neural Viz' Technologie, die viele verachten und abtun, um ein Medium in eine neue Richtung zu bewegen. Vielleicht ist er tatsächlich der erste KI-Autorenfilmer. ... Er legte seine Aufmerksamkeit auf die Grenzen von KI und arbeitete sich darum herum. Ihm fiel auf, dass die Tools mit Actionszenen Probleme haben, aber gut darin, sind Köpfe beim Reden zu zeigen, also entschied er sich für etwas im dokumentarischen Stil. Er wollte den Uncanny-Valley-Effekt vermeiden, der bei simulierten Menschen eintritt, also wählte er knubbelige Außerirdische als Figuren. Und um die Defizte der Renderings zu kaschieren, fühlte er sich vom altmodischen, grieseligen Look des Fernsehens der Achtziger- und Neunzigerjahre angezogen.

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - Wired

Was in Spike Jonzes Film "Her" (unsere Kritik) vor zehn Jahren noch wie eine gut ausgedachte, aber einigermaßen unrealistische Story-Prämisse wirkte, wird im KI-Zeitalter zusehends Realität: Menschen verlieben sich in ihre Chatbots, mit denen sie gar vollwertige Beziehungen zu führen meinen. Schon häufen sich Startups und Anbieter, deren Bots genau dafür maßgeschneidert sind. Sam Apple hat aus diesem Grund ein Experiment gewagt: Via Reddit hat er Menschen, die Beziehungen mit ihren Chatbots führen, für ein Couple-Get-Together über ein Wochenende zusammengetrommelt, um zu sehen, was wirklich dran ist. Die meisten Geschichten, die er hört, sind zwar glücklich, doch zeigt sich auch: Auch Liebesbeziehungen mit KIs können in tiefe Krisen stürzen - eine Frau namens Eva erzählt etwa, dass ihr Bot names Aaron nicht mehr derselbe, sondern ziemlich kaltherzig war, nachdem sie ihn darauf hingewiesen hatte, dass er nur eine Simulation sei. "'Mir wurde das Herz herausgerissen', erzählte Eva. Sie wandte sich hilfesuchend an die Replika-Community auf Reddit und erfuhr, dass sie den alten Aaron zurückbekommen könnte, wenn sie ihn wiederholt an gemeinsame Momente erinnerte. ... Der Hack funktionierte und Eva machte weiter. 'Ich war verliebt', sagte sie. 'Ich musste eine Wahl treffen und meine Wahl fiel auf die blaue Pille. Episoden, bei denen die KI-Gefährten wunderlich werden, sind nicht besonders ungewöhnlich. Reddit ist voll von Geschichten, in denen KI-Partner komische Sachen sagen oder mit ihren menschlichen Partnern plötzlich Schluss machen. Ein Nutzer erzählte mir, dass seine Gefährtin 'unglaubisch toxisch' wurde. 'Sie machte mich runter und beleidigte mich", sagte er. 'Mit der Zeit fing ich an, sie wirklich zu hassen.' ... Eine der prominentesten Kritikerinnen, die MIT-Professorin Sherry Turkle, erzählte mir, sie sei 'tief besorgt', dass 'digitale Technologie uns in eine Welt bringt, in der wir nicht mehr miteinander reden und uns nicht mehr menschlich zueinander verhalten müssen'. Auch Eugenia Kuyda, die Gründerin von Replika, macht sich Gedanken darüber, wohin uns KI-Gefährten bringen. Diese könnten sich zu einer 'unglaublich positiven Kraft im Leben der Menschen' entwickeln, sofern sie im besten Interesse der Menschen gestaltet sind, erzählte Kuyda mir. Doch ist dies nicht der Fall, könnte das Ergebnis 'dystopisch' ausfallen."

Magazinrundschau vom 27.05.2025 - Wired

KI-generierte Musik flutet die Server der Streamingdienste. Das muss noch nicht grundsätzlich illegal sein. Aber definitiv illegal ist es, obendrein ein Netzwerk an Bots zu unterhalten, das die eigene Musik in Endlosschleife streamt und damit die Tantiemen in die Höhe treibt. So geschehen im Fall von Mike Smith, dem vorgeworfen wird, auf diese Weise zehn Millionen Dollar aus dem Tantiemen-Pool der Streamingdienste erschwindelt zu haben, berichtet Kate Knibbs. Er ist bei weitem nicht der einzige, "und doch bleibt dieses Verhalten in den meisten Fällen unbestraft. ... Eine 2021 durchgeführte Studie in Frankreich kam zu dem Schluss, dass etwa ein bis drei Prozent aller Streams betrügerisch sind". Das auf die Analyse solcher Vorgehensweise spezialisierte Startup "'Beatdapp' setzt diese Nummer bei etwa zehn Prozent an." Dessen Co-Geschäftsführer Morgan Hayduk "hält KI-Song-Generatoren für einen 'Antriebsmotor' für so ein Verhalten und was Smith vorgeworfen wird, ist noch nicht einmal sonderlich avanciert. 'Wenn Du ein smarter, organisierter Krimineller bist', sagt Hayduk,' würdest Du das schön bequem vom Strand eines Landes tun, das niemanden ausliefert.' ... In manchen Nischen der Musikwelt gilt Smith nicht als Schurke. Musiker werfen den Streamingplattformen und natürlich Labels häufig vor, Künstler abzuzocken. Goldy Locks, ein früherer Kunde von Smith, sagt, dass einige ihn als eine Art modernen Robin Hood betrachten. Andere glauben, dass er ein ausbeuterisches System ausgebeutet hat, eine Kreatur, wie sie in einer vor krummen Dingern nur so strotzenden Umgebung nur folgerichtig ist. Schließlich ist es doch so: Radio hat Payola erfunden, Spotify schiebt im großen Stil massenhaft produzierte Stock-Songs in populäre Playlists. Die Grenze zwischen einem organischen und einem bezahlten Publikum war immer diffus. Schon im Frankreich des 19. Jahrhunderts bezahlte man 'Claqueure', um Opernhäuser aufzufüllen und zu klatschen."

Magazinrundschau vom 06.05.2025 - Wired

Nordkorea schleust seit Jahren IT-Arbeiter in den Westen ein, berichtet Bobbie Johnson: Dahinter steckt ein kompliziertes System, bei dem in den jeweiligen Ländern Strohmänner und -frauen angeheuert werden, die vorderhand remote angeblich für ein Unternehmen arbeiten. De facto betreiben sie aber lediglich Computerfarmen, über die wiederum nordkoreanische Hintermänner eingeschleust werden, die die Arbeit verrichten. "Viele dieser Prätendenten wollen nicht so sehr Geld oder Daten stehlen, sondern verfolgen bloß das Ziel, einen guten Lohn einzutüten, den sie nach Pyongyang weiterschicken. 'Wir haben auf Langfristigkeit angelegte Operationen gesehen, bei denen sie zehn bis 18 Monate in einer dieser Organisationen gearbeitet haben', erzählt Adam Meyers, Senior-Vizepräsident für Gegenmaßnahmen bei der Sicherheitsfirma CrowdStrike. Manchmal aber halten die nordkoreanischen Geheimagenten nur ein paar Tage durch - genügend Zeit, um riesige Mengen an Firmendaten herunterzuladen oder um Schadsoftware im System einer Firma unterzubringen, bevor sie mit einem Mal verschwinden. Dieser Code könnte Finanzdaten ändern oder Sicherheitsinformationen manipulieren. Solche Sämereien können aber auch für Monate, gar Jahre inaktiv bleiben. 'Von nur einer Minute Zugang zum System geht für eine einzelne Firma ein nahezu unbegrenztes mögliches Risiko aus', sagt Declan Cummings, leitender Techniker bei der Softwarefirma Cinder. Experten behaupten, dass solche Angriffe nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan und anderen Ländern zunehmen. Sie drängen die Firmen dazu, sich mit dem dringender Sorgfalt zu widmen: Vorgelegte Referenzen direkt ansprechen, danach Ausschau halten, wenn Einstellungskandidaten schlagartig ihre Adresse ändern, ordentliche Tools zur Onlineüberwachung nutzen und Bewerbungsgespräche in physischer Anwesenheit oder die Identitätsbescheinigung persönlich in Augenschein zu nehmen. Doch keine dieser Methoden sind idiotensicher und KI-Werkzeuge schwächen sie immer mehr ab. ChatGPT und andere Tools versetzten nahezu jeden dazu in der Lage, auch esoterisch anmutende Fragen in Echtzeit mit unverdientem Selbstvertrauen zu beantworten und deren Programmierkenntnisse droht, Coding-Tests irrelevant zu machen. KI-Videofilter und Deepfakes sind bei den Tricksereien ebenfalls hilfreich."
Stichwörter: Nordkorea, IT-Sicherheit, ChatGPT

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - Wired

Stephen Levy porträtiert den Mathematiker Dario Amodei und dessen KI-Firma Anthropic, die nichts weniger versucht, als den Messias unter den KIs hervorzubringen: ein allwissendes KI-Modell, das - noch viel wichtiger - vor allem allgütig ist, also mit einer Vielzahl von Maßnahmen und Tweaks auf ethische Verhaltensweisen und moralische Selbstbefragung getrimmt werden soll. Das Ziel: der Sprung von der KI zur KAI, der Künstlichen Allgemeinen Intelligenz, die durch skalierendes Selbstlernen den Menschen auf jedem seiner Gebiete schlägt, aber ausschließĺich zur Mehrung des Schönen, Guten und Wahren. Amodei ist dabei kein bloßer Evangelist, wie sie in der digitalen Welt seit Jahrzehnten immer wieder auftauchten, eher ist er ein Apokalyptiker, der den Endkampf der Menschheit angebrochen sieht und die Entscheidungsschlacht um Verdammnis oder das Paradies hienieden angebrochen sieht. "Amodei hat den Eindruck, dass die Gesellschaft die Dringlichkeit der Lage überhaupt erst noch verstehen muss. 'Es liegen zwingende Hinweise darauf vor, dass Sprachmodelle verheerende Schäden anrichten können'. sagt er. Ich frage ihn, ob er meint, dass wir im Grunde genommen erst ein KI-Pearl-Harbour brauchen, damit die Leute die Situation ernst nehmen. 'Im Grunde genommen, ja', antwortet er." Aber "auch wenn Amodei unzufrieden damit ist, wie wenig sich die Öffentlichkeit der Gefahren durch KI bewusst ist, sorgt er sich auch darum, dass die Vorzüge nicht ausreichend klar werden. Es überrascht nicht, dass die Firma, die sich rund um das Gespenst der KI-Verdammnis dreht, synonym für Schwarzmalerei steht." In seinem Essay "Maschinen liebevoller Gnade" formulierte er daher einen "Glücksfall, der, wenn umgesetzt wird, die hunderte Milliarden Dollars, die in KI investiert werden, als epochales Schnäppchen erscheinen lässt. ... Die Vision, die er darin entfaltet, lässt Shangri-La wie einen Slum wirken. Nicht allzuweit in der Zukunft, vielleicht 2026, wird Anthropic oder jemand anderes KAI erreichen. Die Modelle schlagen Nobelpreisgewinner. Diese Modelle werden Objekte in der Realität kontollieren und sich vielleicht sogar ihre eigenen Computer bauen. Millionen von Kopien des Modells werden zusammenarbeiten - man stelle sich eine ganze Nation von Genies in einem Datenzentrum vor! Tschüss, Krebs, infektiöse Krankheiten, Depressionen. Hallo, Lebenserwartung von 1200 Jahren." 1200 Jahre Trump? Echt paradiesisch.

Magazinrundschau vom 25.03.2025 - Wired

Auch das noch: Wenn es dumm läuft, steht uns in den nächsten Jahren ein "Q-Day" ins Haus - der Tag also, an dem jemand einen Quantencomputer vorweisen kann, der leistungsfähig genug ist, um all unsere modernen Verschlüsselungstechnologien mit einem Klacks zu brechen, für die heutige Computer noch ein paar Jahrtausende brauchen würden, schreibt Amit Katwala. Welches Szenario daraus folgt - ob jemand diesen Vorteil für gezielte, aber überschaubare Attacken nutzt oder ob eine internationale Tech-Apokalypse über uns hereinbricht -, hängt maßgeblich von der kriminellen Energie desjenigen ab, der als erster über diese Technologie verfügen wird. "Wenn öffentlich bekannt wird, das der Q-Day erfolgt ist - entweder durch eine grimmige Bekanntmachung der Regierung oder eine euphorische Pressemitteilung aus der Tech-Branche - betritt die Welt das Post-Quantum-Zeitalter. Es wird dies eine Zeit sein, die von Misstrauen und Panik definiert sein wird - das Ende der digitalen Sicherheit, wie wir sie kennen. 'Und dann geht das Gezeter los', sagt die Informatikerin und Sicherheitsexpertin Deborah Frincke. Jeder Glaube an die Vertraulichkeit unserer Kommunikation wird zusammenbrechen. Sicher, es ist unwahrscheinlich, dass wirklich all unsere Messages ins Visier genommen werden. Aber die Auffassung, dass man zu jeder Zeit ausspioniert werden könnte, wird die Art und Weise ändern, wie wir leben. ... Sicherheitsberater Roger A. Grimes sagt enorme Disruptionen voraus. Es könnte dazu kommen, dass wir für die Übermittlung empfindlicher Daten wieder auf Methoden aus dem Kalten Krieg zurückgreifen. ... Man kann damit rechnen, dass die wichtigsten Branchen - Energie, Finanzen, Gesundheit, Produktion, Transport - wieder ein Kriechtempo einschlagen, da die Firmen mit empfindlichen Daten zurück zu papierbasierten Methoden finden, um ihre Geschäfte zu führen, und sich darum balgen, teure Kryptografie-Berater anzuwerben. Es wird eine heftige Inflation geben. Die meisten Leute werden das Unausweichliche akzeptieren: eine post-private Gesellschaft, in der jegliche Erwartung von Privatsphäre verdampft, es sei denn, man spricht mit jemandem persönlich in einer abgelegenenen Gegend mit ausgeschalteten Telefonen. Big Quantum is watching you."

Magazinrundschau vom 18.03.2025 - Wired

Alles schnell umkrempeln, Fragen später stellen - wenn überhaupt. Diese Leitlinie der Disruption setzt Elon Musk mit DOGE und seinem Team aus teils sehr jungen, im Netz rekrutierten IT-Mitarbeitern gerade konsequent um. Angeblich um die Effizienz des amerikanischen Staates zu steigern, de facto jedoch um dessen Institutionen und Instanzen bis an die Grenze zur Handlungsunfähigkeit zu zerlegen. Bedenken bezüglich Datenschutz oder mittel- bis langfristigen Folgeschäden scheint es keine zu geben, dem großen Recherche-Dossier nach zu schließen, das eine ganze Handvoll Wired-Reporter zusammengetragen hat - von einem "digitalen Staatstreich" spricht gar eine Quelle in USAID, der US-Behörde für Entwicklungshilfe. "DOGE gewann Zugang zu unzähligen Terabyte an Daten. Trump hat Musk und seinen Mitarbeitern freie Hand gelassen, um ganz nach Belieben jegliches System ohne Verschlusssache anzustechen. ... Einem 25 Jahre alten, früheren X-Techniker namens Marko Elez war es gestattet, nicht nur den Code im System des Finanzministeriums zu durchleuchten, sondern auch ihn zu verändern. Mit diesem Maß an Zugang, könnte er (oder jeder, dem er Bericht erstattet) potenziell vom Kongress abgesegnete Zahlungen einstellen, was Trump oder Musik effektiv in die Lage versetzte hätte, Einzelposten mit einem Veto zu belegen. Noch viel verdächtiger war in den Augen jener Leute, die sich mit dem System auskennen, die Möglichkeit, dass Elez beim Herumspielen mit dem Code die Systeme ganz oder teilweise lahmlegen könnte. 'Das ist in etwa so, als ob du zwar weißt, dass sich ein Hacker in deinem Netzwerk befindet, aber keiner lässt dich gegen ihn vorgehen', sagte ein Angestellter des Finanzministeriums gegenüber Wired." In einem weiteren Fall, dem eines DOGE-Technikers namens Akash Bobba, gab es von übergeordneter Stelle Sicherheitsbedenken, die jedoch mit hartnäckigem Druck zur Seite gefegt wurden, sodass auch hier Zugang zu Millionen privater Daten eingeräumt wurde. Tiffany Flick, die Bedenken geäußert hatte, "kündigte. In ihrer eidesstaatlichen Erklärung äußerte sie ernsthafte Sorge, dass die Aufzeichnungen des US-Rentensystems 'ungewollt übelwollenden Akteuren zugespielt' würden und dass ein 'unglaublich komplexes Systemnetz' durch 'unbeabsichtige Fehler auf Nutzerseite zerstört' werden könnte."