Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 09.11.2021 - Wired

Die nächste Version des Internets wird immersiv, 3D, simuliert den physischen Raum, vereint alle möglichen Apps und Anwendungen unter einem Dach und nennt sich Metaverse - und man wird noch mehr Hardware benötigen als eh schon und die Macht darin wird sich noch mehr auf ein paar IT-Konzerne konzentrieren, erklärt uns Cecilia D'Anastasio. Diverse Konkurrenten liegen gerade im Wettstreit, diesen Markt nicht nur aufzubauen, sondern im Anschluss auch gut daran zu verdienen - ein eingehegter Garten, in dem es ziemlich proprietär zugeht, auch wenn man die ganz basale, quelloffene Architektur des Internets natürlich weiterhin gerne für sich nutzt. "Wer wünscht sich ein Metaverse, das so gebaut war wie das Web 2.0? Wer wünscht sich ein Metaverse, das fürs Skalieren und Geldverdienen entworfen wurde? Neue Open-Source-Metaverse-Projekte haben es auf sich genommen, der Unausweichlichkeit dieses nächsten Internets als einer totalen Service-Umgebung entgegen zu treten. 'Ich denke, wir werden wohl ein Web 2.0 Metaverse und ein Web 3.0 Metaverse erleben', sagt Ryan Gill, Mitbegründer und Geschäftsführer von Crucible, einem offenen Metaverse-Projekt. 'Web 2.0 bezieht sich in diesem Zusammenhang auf all die Big-Tech-Firmen, die abgeriegelt sind. Die werden ihr server-basiertes Modell oder ihre Datensammlungen nicht einfach so aufgeben. Wir werden eine viel schnellere Skalierung des Web 2.0 Metaverse sehen. Aber der einzige Weg zu einem Web 3.0 ist die Dezentralisierung.' Das nächste Netz, sagt Gill, sollte auf offenen Protokollen und Standards aufbauen, inklusive Blockchain-Technologie. Er ist sich sicher, dass Open-Source-Communities dazu finanziell beitragen werden und dass sich dies auch lohnen werde. Das Web 3.0, wie Gill es beschreibt, ähnelt dem Web 1.0 der Neunziger auf einnehmende Weise - disparat, von den Nutzern betrieben, dezentralisiert: das Netz, aus dem die Idee des Metaverse hervorgebracht hat. Irgendwie, so lautet wohl der Gedanke dahinter, sind wir in dieses ganze Big-Tech-Ding hineingeschlittert."
Stichwörter: Metaverse, Big Tech, Internet

Magazinrundschau vom 21.09.2021 - Wired

Cyberpunk, Steampunk, Solarpunk: An Punk-Subgenres herrscht in der literarischen Science-Fiction kein Mangel. Neu hinzugekommen ist vor wenigen Jahren Hopepunk - und eine der prominentesten Vertreterinnen dieses Zweigs ist die in den USA bereits mit Genre-Auszeichnungen überhäufte Autorin Becky Chambers, die Jason Kehe porträtiert. Hopepunk, erfahren wir, wirft den Blick in eine kuschelig behaglichen Zukunft: Space Operas erzählen keine intergalaktische Schlachten mehr, sondern handeln von Wesen, die sich bei einer Tasse Tee kennenlernen, Sexualität kennt keine Grenzen zwischen Spezies und eingehegten Präferenzen mehr. Ereignisarmut wird geschätzt, wichtiger sind Dialoge - und am Ende sind alle glücklich. Stichwort Tee: "Je länger wir über Tee sprechen, desto klarer tritt es Chambers und mir vor Augen, dass wir eine fundamentale Wahrheit über das Genre umkreisen: Tee - darin, wie er Kulturen verbindet und zivilisiert, im historischen Handel tief verwurzelt ist und in den Blättern, die er hinterlässt, mögliche Zukünfte offenbar - Tee also mag das science-fictionigste aller Getränke zu sein. Lange bevor Picard aus 'Star Trek' nach einem 'Tee, Early Grey, heiß' verlangte, wurde der unendliche Unwahrscheinlichkeitsantrieb in 'Per Anhalter durch die Galaxis' von einer 'frischen Tasse mit wirklich heißem Tee' befeuert." In diesem Zusammenhang signalisiert Tee immer eine entwickelte Kultur, so Kehe. Auch war Tee "immer schon eine Art prototypisches Handelsobjekt gewesen, die materielle Evidenz einer Kultur, die sich in eine andere vorwagt und diese oft ausbeutet. Was natürlich Science-Fiction in seiner klassischen Form ist: Kontakt zwischen Aliens - und am Ende steht entweder die eine oder die andere Kultur über der anderen. In gewisser Hinsicht funktioniert Tee wie ein Stichwort für die koloniale Fantasie, die den Antrieb für Erkundungen befeuert, das oberste Gebot des Genres 'Selbst wenn es keine direkte Metapher ist', sagt Chambers, 'ist dieser Subtext da'. Von Anfang an ging es Chambers darum, diesen Subtext zu unterlaufen, indem sie sich ruhigere, nettere, queerere Versionen der Space Operas ausmalte, mit denen sie aufgewachsen ist. Ihre Figuren sind keine Kolonialisten oder schicksalshafte Helden mehr, die voller Manneskraft in den Abgrund des Unbekannten vordringen und alles, was sie vorfinden, in Besitz nehmen. Sie sind Tunnelgräber, Pfleger, Sexarbeiter und Teemönche und was sie vor allem wünschen, ist, über ihre Gefühle zu reden."

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - Wired

Wer hat Pixar gegründet? Steve Jobs würden wohl die meisten sagen. Das stimmt allerdings nur so halb bis viertel. Jobs hatte lediglich viel Geld in die Hand genommen, um ein bereits seit den 70ern arbeitendes, zwischenzeitig auch bei George Lucas untergekommenes Team aufzumotzen, das dann unter dem Namen Pixar Filmgeschichte schrieb. Einer von den kaum bekannten Köpfen hinter der Pixar-Erfolgsgeschichte ist Alvy Ray Smith, dessen Geschichte Steven Levy erzählt. Smith war ein LSD-Hippie, der sich irgendwann der Computerei widmete. Das in den Siebzigern noch ziemlich unsinnliche Computern wollte er irgendwie mit Kunst verknüpfen. So selbstverständlich wir heute mit Pixeln und grafischen Objekten hantieren, so mühsam musste dies damals in Zeiten von Speicherarmut und niedriger Rechenleistung überhaupt erst erarbeitet und entwickelt werden. Aber Alvy Ray Smith und Ed Catmull "hatten begriffen, dass sich dies ändern würde - im Zuge dessen, was später als Mooresches Gesetz bekannt wurde -, und dass sie drauf und dran waren, ihr Feld soweit zu befeuern, dass es einmal das Kernstück der Computerei und des Entertainments bilden würde. ... Das voll ausgestattete Team machte sich daran, kurze animierte Filme zu produzieren. Ihre Gegner waren damals die 'Jaggies', die blockartigen Kanten, die man an schlecht gerenderten Objekten sehen kann. Das Gegengift zu diesen Jaggies war eine Technik, die sich Anti-Aliasing nennt, die rohe Computerkraft benötigte und clevere Techniken, um dichtere Grafiken zu produzieren. Die extra Speicherpower führte Smith und Catmull zu einem zentralen Konzeptvorteil: dem Alphakanal. Neben den grundlegenden Farbkanälen Rot, Grün und Blau, mit denen sich in verschiedenen Mischverhältnissen komplette Farbpaletten erstellen lassen, fügten sie ein Element hinzu, dass die Transparenz eines Pixels bestimmte. Indem sie die Durchsichtigkeit eines Objekts im Laufe der Zeit justierten, konnten sie seine Bewegung verwischen und die unangenehmen Stakkato-Bewegungen korrigieren, die frühe Versuche digitaler Animation verhunzten. Als die Leute erst einmal damit begonnen hatten, den Alphakanal zu nutzen, schien er auf absurde Weise naheliegend. 'Wenn Du heute jemandem sagst, dass Alvy den Alphakanal erfunden hat, wissen die Leute überhaupt nicht, was das sein soll, weil der Alphakanal so fundamental in alles integriert ist, was mit Grafik geschieht', sagt Glenn Entis, damals ein Student an der NYIT, der später die Grafikfirma hinter 'Shrek' und 'Madagascar' gründete."
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Magazinrundschau vom 30.03.2021 - Wired

Große Teile der Popgeschichte liegen lediglich in Mono vor - ohne Zugriff auf die einzelnen Instrumentespuren, die zum Beispiel einen Stereo-Upmix oder gar eine von Grund auf polierte Neuabmischung gestatten würden. Jesse Jarnow erzählt, wie Audio-Füchse mittels Algorithmen, Deep Learning und anderen digitalen Analysemethoden - eine Gitarrenspur von George Harrison wurde gar in monatelanger Detailarbeit aus dem Frequenzwust eines Beatles-Mono-Tracks herausisoliert - sich seit geraumer Zeit daran machen, diesen Audioschatz zu heben. Dadurch kann man dann nicht nur erstmals die tatsächliche Musik auf dem notorisch verkreischten Beatles-Livealbum "At the Hollwood Bowl" hören (hier dazu ein Vortrag), es gibt auch Heimanwenderlösungen, die schon recht guten Ergebnisse zeitigen: "Audioshake gelingt etwas, was vor wenigen Jahren noch nicht möglich war und weist damit in eine Zukunft, in der Maschinen noch mehr Instrumente erkennen werden. Es mag unüberwindbare Grenzen geben. Seit den Sechzigern war das Studio im Grunde für alle Produzenten der Ort, an dem man ungewöhnliche Instrumente kombinierte und wundersame Sounds (und buchstäbliche Obertöne) erfinden konnte, die explizit dafür geschaffen wurden, in den Ohren des Zuhörers zu verschmelzen. Aber was, wenn diese Artefakte sich als Kunst heraustellen? Wenn ein Demixing-Prozess, der daneben geht, in den Ohren des richtigen Produzenten cool klingt, könnte er sich als Basis für fantastische neue Musik herausstellen. Man denke nur an Cher, die mit 'Believe' Autotune zu einem Poptrend werden ließ. Wie es der Archivar Andy Zax ausdrückt: 'Irgendein 16-Jähriger, der auf seiner Playstation Hiphop produziert, wird irgendeinen Weg finden, wie man diese Sache genial nutzen kann und damit eine Klangwelt schaffen, wie wir sie noch nicht gehört haben.'"

Magazinrundschau vom 16.03.2021 - Wired

Xiaodi Zheng fährt mit dem Schriftsteller Chen Qiufan durch Peking. Neben dem Pionier Liu Cixin und der Schriftstellerin Hao Jingfang ist Chen Qiufan international der derzeit wohl bekannteste Autor chinesischer Science-Fiction, die in den letzten Jahren national wie international enorm erfolgreich war. Nicht zuletzt dieser Erfolg dürfte wohl auch das Begehr der chinesischen Regierung geweckt haben: "Im letzten Sommer veröffentlichten die Filmbehörden Richtwerte dahingehend, wie man Science-Fiction-Filme zu drehen habe. Sie halten die Filmemacher dazu an, 'chinesische Werte zu betonen', 'die chinesische Innovationskraft zu kultivieren' und 'die Gedanken Xi Jinpings sorgfältig zu studieren und zu implementieren'. Diese Maßnahmen haben Autoren und Verlage in ihrer Sorge, einen Fehlschritt zu tun, paranoider gemacht. ... International gesehen befinden sich Chinas Science-Fiction-Autoren mitten in einem Tauziehen zwischen miteinander konkurrierenden geopolitischen Agendas. ... Vor fünf Jahren pries US-Präsident Obama Liu Cixins 'Die Drei Sonnen' noch als Must-Read, während republikanische Senatoren letzten September die anstehende Netflix-Adaption wegen Lius politischer Ansichten verdammten. ... Chen zufolge war das Timing der Veröffentlichung von 'Die Drei Sonnen' entscheidend. Würde der Roman heute erscheinen statt 2008 - den Tagen bilateraler Beziehungen, wirtschaftlicher Zusammenarbeit und der Olympischen Spiele in Peking - würde er wohl von den chinesischen Behörden zensiert oder von Amerikanern verdammt und von beiden genau ins Visier genommen werden. 'Ich halte mich aus der Politik raus, denn was weiß ich denn schon', sagt Chen. 'Manchmal fühle ich mich so, als baumle ich an den Strippen der Geschichte.'"

Magazinrundschau vom 02.03.2021 - Wired

Sextapes - also Aufnahmen von Stars und Promis in einschlägigen Situationen - sind die schmierige Schattenseite des Glitz'n'Glam von Hollywood. Dass es drumherum ein ganzes Wirtschaftssystem gibt, in dessen Netz ein gewisser Kevin Blatt sitzt, der damit seit geraumer Zeit gut verdient, wusste hierzulande vielleicht noch nicht jeder. Blatt ist jedoch überzeugt, durchaus ethisch in dem unmoralischen Geschäft zu handeln, entnehmen wir Amanda Chicago Lewis' Reportage: Weil er einen Großteil der ihm zugespielten Aufnahmen - natürlich nach großzügigen "Honoraren" - gar nicht erst in die Öffentlichkeit geraten lässt. Auch ansonsten ist Blatt von sich und seiner Arbeit sehr überzeugt: "In den Monaten, als die MeToo-Bewegung an Fahrt aufnahm, stiegen seine Geschäfte ums Fünffache, nachdem mehr und mehr Frauen sich dazu entschlossen, einflussreiche Männer an ihre Übergriffe in der Vergangenheit zu erinnern. Doch als die Berichte über Hollywoods Belästigungs- und Missbrauchsprobleme sich erhärteten, dämmerte es Blatt, dass seine Kompetenzen - Schweigegeld und rechtlich verbindliche Übereinkünfte - selbst Aufmerksamkeit auf sich zogen. Experten hinterfragten die zugrunde liegende Ethik dahinter, Frauen Geld dafür zu bezahlen, dass sie über ihre Erfahrungen Stillschweigen bewahren. Irgendwie war es Blatt stets gelungen, sich selbst für einen guten Typen zu halten, indem er all diese berühmten Leute vor Peinlichkeiten bewahrte. Jetzt aber fragte er sich: War er vielleicht tatsächlich der Böse?"

Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Wired

Dank avanciertester Überwachungstechnologien im Netz, in den Behörden und im öffentlichen Raum sind die Datensilos zum Bersten gefüllt. Längst hat sich aus Analystenperspektive ein Informations Overload eingestellt, der dazu führt, dass man in einer hochauflösenden Datenlage die Nadel im Heuhaufen schon wieder nicht findet, erklärt Arthur Holland Michel in einer großen Reportage. Abhilfe schaffen nun automatisierte Fusionsstrategien, also die zentrale Synchronisierung, Abgleichung und Auswertung riesiger Datenmengen unter Hochgeschwindigkeitsbedingungen, die Muster und Abweichungen davon quasi in Echtzeit erkennen und damit - etwa in militärischen oder in polizeilichen Situationen - schnelles und zielgerichtetes Handeln gestatten sollen. Dystopisch ist die Sache obendrein natürlich auch und selbstredend verdient Microsoft an der Sache mit: "Ein Beamter der NYPD zeigte mir, wie er sich jedes Führungszeugnis jedes Bürgers der Stadt aufs Telefon holen kann, dazu Listen ihrer bekannten Kontakte, Fälle, in denen sie als Opfer eines Verbrechens oder als Zeuge genannt werden und, sofern sie ein Auto besitzen, eine Karte mit ihren gängigen Fahrtwegen, sowie eine komplette Liste, wann sie falsch geparkt haben. Dann reichte er mir das Telefon. Machen Sie mal, sagte er, suchen Sie einen Namen. Zig Leute kamen mir in den Sinn. Freunde, Geliebte, Feinde. Letztendlich entschied ich mich für das Opfer einer Schießerei, deren Zeuge ich in Brooklyn vor ein paar Jahren war. Sofort tauchte es auf, mit einer ganzen Menge weiterer persönlicher Informationen, bei denen mich der Eindruck beschlich, dass weder ich noch ein neugieriger Polizeibeamter ein Recht auf ihre Kenntnis besaßen, sofern kein Gerichtsbeschluss vorlag. Mit einem leichten Schwindelgefühl reichte ich das Telefon zurück."

Magazinrundschau vom 26.01.2021 - Wired

Bei Rachel Monroes im Modus teilnehmender Beobachtung verfasster Reportage über die paramilitärische Waffenausbildung für zivile US-Bürger wird einem ganz anders - zumal wenn man sich vor Augen hält, dass die Zahl der Waffenträger in den USA trotz enorm sinkender Verbrechensrate in den letzten 30 Jahren rapide zugenommen hat. Für die Ausbilder ist es ein florierendes Geschäftsmodell: "Viele Ausbilder im taktischen Training nutzen ihre Kampferfahrung als Werbemittel, was nur eine weitere Art und Weise ist, wie unsere Kriege nicht in Übersee bleiben. Die Historikerin Kathleen Belew schreibt über die Nebenwirkungen des Vietnamkriegs auf die US-Kultur in den 80ern und 90ern: Es war die Zeit des Magazins Soldier of Fortune, von Rambo, Paintball, von Kriegsneurosen - aber auch der widerspenstigen, gewalttätigen Milizbewegungen. 'Es gab einen Punkt, an dem die Leute, die sich in paramilitärischen Orten einfach nur zum Spaß austobten, auf jene radikalen Elemente trafen, die diese Orte mutwillig nutzen, um gewalttätigen Aktivismus zu fördern', erzählt mir Belew. Nach dem Anschlag in Oklahoma City im Jahr 1995 geriet die paramilitärische Kultur zwar außer Mode. Doch in jüngsten Jahren ist eine aufs Neue militarisierte Ästhetik und das Weltbild gleich dazu in unsere Popkultur eingesickert, ein Folgeeffekt der Konflikte in Irak und Afghanistan. ... Und wenn ganz normale Leute Militär- und Polizeitaktiken von eben jenen Leuten lernen, die auch die Profis im Feld - mitunter gleichzeitig - ausbilden, dann liegt es auch für die ganz normalen Leute zunehmend nahe, dass auch sie sich damit beauftragt sehen, die gesellschaftliche Ordung - oder was sie darunter verstehen - aufrecht zu erhalten. Die Gefahr, die in der Ausbildung zum Kampf liegt, ist die, dass sie einen Feind voraussetzt und dass militarisierte Bürger, genau wie die militärisierte Ordnungskräfte, diesen Feind zunehmend unter ihren amerikanischen Mitbürgern verorten."

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - Wired

Die Nachrichtenlage zum Corona-Impfstoff entwickelte sich in den letzten Tagen sehr erfreulich. Da mit einer global flächendeckenden Impfung mangels Ressourcen und Infrastruktur fürs Erste wohl nicht zu rechnen ist, stellt sich die Frage nach der epidemiologisch sinnvollsten Strategie. Dass man besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen als erste immunisiert, klingt zunächst sehr menschenfreundlich und legt einem der gesunde Menschenverstand auch nahe. Und da andere Lösungen wohl zu aufwändig oder mit dem Datenschutz nicht vereinbar wären, wird es letztendlich darauf wohl auch hinauslaufen, schreibt Christopher Cox. Anregend sind seine Überlegungen über alternative Impfstrategien aber dennoch: Ausgehend von der epidemiologischen Faustregel, dass 80 Prozent aller Ansteckungen auf lediglich 20 Prozent aller Infizierten zurückzuführen sind, wäre es sinnvoll, potenzielle Superspreader zuerst zu impfen. Problem natürlich: Wie diese idenfizieren? "Und selbst wenn eine Strategie, diese ausfindig zu machen, reibungslos funktionieren würde, könnte sie zu Ergebnissen führen, die sich moralisch fragwürdig anfühlen. Mal angenommen, man impft geradlinig durch, hat aber zwei mögliche Kandidaten. Der erste studiert am College, betreibt kein Social Distancing, trägt seine Atemmaske lediglich unter dem Kinn und spielt das ganze Wochenende auf Undergroundpartys Beer Pong mit seinen Kumpels. Kandidat Nummer zwei ist eine 87 Jahre alte, verwitete Großmutter, die alleine lebt und seit März kaum vor der Türe war. Besteht Dein Ziel darin, die Person mit dem höheren Risiko zu schützen, ginge der Impfstoff an Großmutter. Wenn Dein Ziel darin besteht, die Übertragungsraten zu senken, sollte man den Partykumpel impfen. Aus Perspektive der Gesellschaft ist er ein Volltrottel. Aus Perspektive des Netzwerks ein Hauptumschlagplatz."

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - Wired

"Mostly Harmless" nannte sich ein Hiker, der ohne digitale Hilfsmittel vom Norden der USA entlang der Ostküste bis nach Florida kommen wollte. Dort in den Sümpfen wurde 2018 seine Leiche entdeckt - Todesursache unbekannt. Auch eine Identifizierung war nicht möglich. Eventuell kann nun ein Gentech-Unternehmen namens Othram entscheidende Hinweise liefern, schreibt Nicholas Thompson: Dort wurde vor kurzem eine Gewebeprobe sequenzialisiert. "Um Mostly Harmless zu identifizieren, muss das Othram-Team seine Geninformationen mit denen anderer Leute abgleichen. Dies geschieht über einen Dienstleister namens GEDMatch und dessen Datenbank von DNS-Proben, die Leute freiwillig abgegeben haben, um ihrerseits auf Hoffnungen und Fragen Antworten zu finden - sie suchen eine verlorene Halbschwester oder nach Hinweisen auf ihren Großvater. Für die Ermittlungsbehörden stellt diese DNS-Sammlung geradezu ein Füllhorn dar. Jede neue Probe entspricht einem weiteren neuen Buch in einer Bibliothek, das durchsucht und ausgewertet werden kann. Es war diese Technologie, die es den Ermittlern im kalifornischen Contra Costa County im Frühjahr 2018 ermöglichte, den Golden State Killer zu überführen, indem sie eine DNS-Probe des Mörders mit GEDMatch-Proben von Verwandten abglichen. ... Just in diesem Moment arbeiten sich die Datenanalysten auf der Suche nach Mustern durch alle DNS-Proben, die bei GEDMatch hinterlegt sind, um die Kreise um die Identität von Mostly Harmless enger zu ziehen. Sie arbeiten derzeit wahrscheinlich daran, einen Stammbaum zu erstellen. Angenommen, sie finden jemanden in den Datenbanken, dessen DNS nahelegt, dass es sich um einen Cousin vierten Grades handelt, und dann vielleicht noch jemanden, der ein Cousin dritten Grades zu sein scheint. In welcher Verbindung stehen diese beiden Personen? Mithilfe dieser langsamen, sorgfältigen Analyse sind sie in der Lage, sich einer Antwort anzunähern."
Stichwörter: Dna-Analysen, Gentechnik