Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
05.04.2005. Halb-kriminelle Exoten oder kreative Unternehmer? Das ungarische Magazin 2000 widmet sich dem Bild der chinesischen Einwanderer in den ungarischen Medien. Im Nouvel Obs empfiehlt Jorge Semprun anlässlich des Referendums zur europäischen Verfassung die Lektüre von Leon Blum. Im Espresso beschreibt Andrzej Stasiuk den Zusammenhang zwischen slawischer Hysterie und zentraleuropäischem Wetter. Im Merkur reitet John Rosenthal eine Attacke gegen Daniel Libeskind. Im chilenischen Reportajes kritisiert Sebastian Edwards die Ernennung von Paul Wolfowitz zum Präsidenten der Weltbank. Die polnischen Magazine trauern um den Papst. Al Ahram trauert um den Tod des populären ägyptischen Schauspielers Ahmed Zaki. Die New York Times porträtiert die niederländische Politikerin Ayaan Hirsi Ali.

Elet es Irodalom (Ungarn), 01.04.2005

Das historische Bewusstsein der Ungarn findet nicht aus dem "Labyrinth der Traumata, der Amnesie und der Nostalgie" heraus - diagnostiziert der junge Autor Gabor Schein, dessen erstes Buch in deutscher Übersetzung vor kurzem erschienen ist: "Wie sollen wir mit den Verfärbungen der Wörter umgehen, die aus der Vergangenheit stammen? Wie lange bewahren die Wörter ihre ehemals aktiven Bedeutungsnuancen? Sollen wir die klaffenden Lücken in den Artikeln unserer biografischen Lexika stillschweigend akzeptieren? Und überhaupt: Wann ist die Vergangenheit zu Ende?" Der Autor sehnt sicht nach einem offeneren und größeren Raum gesellschaftlicher Debatten, in dem "die Kurzschlüsse dargelegt" werden können, damit "wenigstens die schmerzvollsten Punkte gemieden oder etwas sanfter berührt und wenigstens die borniertesten aller Dummheiten ausgeschlossen werden."

Weiteres: In einem offenen Brief an die Regierung plädieren prominente Wissenschaftler und Intellektuelle Ungarns, darunter Peter Esterhazy und György Konrad, für mehr Hilfe für Obdachlose. Zoltan Vegsö ist bewegt, dass die Konzerttournee von Meredith Monk in Europa nur in Berlin, Bratislava, Prag und Budapest halt machte.

Interessant noch ein Essay in der letzten Ausgabe: György Marosan malt eine erschreckende Vision von der Zukunft unseres Kontinents. "Immer mehr Menschen glauben, ... von unbekannten Gesichtern, merkwürdigen Sitten, nervenden Stimmen, fremden Symbolen, von 'Schwarzfahrern' umgeben zu sein. ... Immer mehr von ihnen denken - auch wenn sie das noch nicht offen aussprechen -, dass das Europa des Vertrauens, der Freiheit und der Leistung bald dahin sei. Ihr Gefühl, zu Hause zu sein, verflüchtigt sich auf einmal. Die Vielfalt, die gestern noch als den Alltag in bunte Farben tauchender Trubel wahrgenommen wurde, scheint heute bloß das störende Fremde zu sein. Europa bereicherte sich bislang durch seine Fähigkeit, Einflüsse aus anderen Kulturen aufzunehmen. Es scheint, als ob ihm diese Fähigkeit allmählich abhanden kommen würde. Auf der Oberfläche ist noch alles beim alten, aber in der Tiefe verbreitet sich eine Verhaltensweise, die bislang nur für egoistische Einzelgänger charakteristisch war."

Nouvel Observateur (Frankreich), 31.03.2005

Im Debattenteil empfiehlt Jorge Semprun (mehr) anlässlich des Referendums zu einer europäischen Verfassung die Wiederlektüre von Leon Blum (mehr), Mitbegründer der Parti Socialiste Francais und zweimaliger französischer Ministerpräsident, besonders ein Papier Blums von 1948, in dem er die Annahme des Marshall-Plans begründet und die Sozialisten auffordert, die "europäische Sache über Parteiinteressen" zu stellen: "Die Sozialisten, betont Blum, hätten den amerikanische Marshall-Plan akzeptiert, weil er sich nicht gesondert an jedes einzelne Land richtete, sondern die Bildung einer europäischen Einheit verlangte, um Unterstützung zu bekommen. Und das bedeutet - und nur die Neokonservative in Washington dürfte dies überraschen oder ärgern -, dass die Vereinigten Staaten einer der Motoren und Ursachen der europäischen Verfassung gewesen sind!"

Der Bücherteil untersucht in einem kleinen Schwerpunkt das "Ende einer Mode": der Biografie. Denn obwohl immer mehr davon erscheinen, würden gleichzeitig immer weniger verkauft. In seiner Rezension des Essais "Pari biographique. Ecrire une vie" von Francois Dosse (La Decouverte) konstatiert Pierre Assouline, selbst Biograf unter anderem von Georges Simenon und Herge, die "Ausgeschöpftheit" des Genres. Gleichwohl werden in weiteren Besprechungen Biografien über Lola Flores (Fayard) und den Schriftsteller und Essayisten Paul Nizan (Complexe) sowie eine Autobiografie des Regisseurs Frederic Mitterand (Laffont) vorgestellt.

Outlook India (Indien), 11.04.2005

"In der Literatur, wie auch beim Sex, gilt: Größe ist nicht alles." Dennoch hat "The Alchemy of Desire" das neue Buch von Tarun Tejpal, Indiens Gonzo-Vitalisten, seine Wirkung auf Anita Roy nicht verfehlt. Schon, weil es ihr solchen Spaß macht zu verfolgen, ob Tejpals großer Wurf womöglich auf der nächsten Seite ganz unheroisch im literarischen Abseits landet. Aber der Autor hat seinen Erzähler, ebenfalls ein Schriftsteller mit übermäßigen Ambitionen, mit Ausdauer ausgestattet, so Roy. Und jeder Menge Testosteron. Genau: Sex - "heterosexuell, homosexuell, voyeristisch, bestialisch, quasi-tantrisch, sogar Sex mit Geistern", zwei Drittel des Buches lang, dann setzt der Plot ein. "Tejpal will hinter ein paar ewige Wahrheiten über Liebe, Handeln, Geld, Begehren und schließlich über die Wahrheit selbst kommen." Kommt er? Die Rezensentin überlässt das abschließende Urteil dem Leser. Aber: Was für ein Buch!

Klar doch, Romane von indischen Hausfrauen im Ausland - Ira Pande kennt die Formel: Im Mittelpunkt steht ein junges Mädchen, dazu kommt "ein Sortiment hysterischer oder hellseherisch begabter bengalischer Frauen" für die Küche und die Entschlüsselung von Omen, und keinesfalls fehlen dürfen "sexueller Missbrauch, Kulturschock und klebrige Nostalgie". Wer's mag, hier kommt ein neuer von einer der Altmeisterinnen des Genres, Chitra Divakaruni. Er heißt "Queen of Dreams". Mögen dürften sowas vor allem Filmproduzenten, ist der Rezensentin aufgefallen: Alles, was man noch machen muss, ist Aishwarya Rai casten, ein bisserl Banghra-Pop dazutun und die digitalen Bearbeiter ranlassen.

Weitere Artikel: N. S. Madhavan porträtiert O. V. Vijayan, das Genie der malayalamisch-sprachigen Literatur. Soma Wadhwa fragt sich, ob die indischen Teenager wirklich so wild, lebensmüde und unzugänglich sind, oder ob die Eltern irgendwas nicht kapieren. Und Kersty Katrak reiht sich bei den vielen ein, die sich über Amerika wundern: "Ein Land, das sich seiner Grundwerte unsicher ist, verbissen in einen gnadenlosen Krieg mit sich selbst."

Schließlich, nur im Netz: Ein Gespräch von Danilo Mandic mit Noam Chomsky darüber, warum die Wahlen in Irak alles in allem ein Erfolg waren, warum Anti-Globalisierung schon als Begriff Quatsch ist, und warum keine politischen Bücher von ihm auf den Leselisten amerikanischer Universitätskurse stehen.
Anzeige

Espresso (Italien), 07.04.2005

Andrzej Stasiuk (mehr) schickt einen Frühlingsgruß aus Mitteleuropa, bis an den Rand gefüllt mit der unendlichen Melancholie der gemäßigten Zone. "Es ist der zentraleuropäische Spleen der vier Jahreszeiten, wo die Kälte rastlos in Wärme übergeht, der Regen in die Trockenheit und das Klare in das Neblige, und dann wieder zurück, und so weiter bis zum Tod ohne Hoffnung auf einen Wechsel. Es ist die Tristesse der slawischen Welt, wo alles beginnt, um gleich wieder zu enden oder sich in das pure Gegenteil zu verwandeln, und nichts ist endgültig, niemals. Die slawische Hysterie, die ungarische Depression, die rumänische Depression ist unsere Spezialität, es sind unsere Erkennungsmerkmale, und wir müssten sie patentieren lassen. Wir sollten sie in die ausgeglichenen und verschlafenen Länder exportieren wie man Kokain, Heroin und Amphetamine exportiert."

Sachlicher erklärt Sandro Magister, was sich hinter den Kulissen des Vatikans abspielte, als der Papst noch im Sterben lag. Besonders zwei Protagonisten wittern Frühlingsluft, sagt Magister: Der Präfekt der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger und Camillo Ruini, das Oberhaupt der italienischen Kirche.
Archiv: Espresso

Merkur (Deutschland), 01.04.2005

Da hatte aber jemand eine Rechnung offen! In einem Artikel, den der Merkur aus der Policy Review übernimmt, reitet ein John Rosenthal eine wüste Attacke gegen den Architekten Daniel Libeskind. "Abstruse Metaphysik" und "esoterischen Symbolismus" sieht er bei Libeskind am Werke, beim Jüdischen Museum von Berlin gar nur "willkürliches Gekritzel". Ganz schlimm findet Rosenthal aber Libeskinds Entwurf für das neue World Trade Center. "Weit davon entfernt, eine Huldigung an die Opfer der Anschläge vom 11. September zu sein oder an die Gründungsprinzipien der amerikanischen Gesellschaft, ist er vielmehr eine Huldigung an diejenigen, die diese Anschläge begangen haben, und an die Ressentiments der Feinde Amerikas."

In seiner Geschichtskolumne legt uns Gustav Seibt zwei Bücher ans Herz, die beide völlig unterschiedlich erklären, wie "Geschichte geschieht": Michael Mitterauers dichtes, reiches, mobile-artiges "Warum Europa" und Gottfried Schramms "Fünf Wegscheiden der Weltgeschichte": "Schramms Buch, das sonderbarste historische Werk, das der Geschichtskolumnist, der hier Abschied von seinen Lesern nimmt, besprechen durfte, ist auf eine bestrickende Art altfränkisch, frei von Terminologie, voller Anschauung, erzählerisch, dabei im Kern aber doch systematisch, beteiligt, parteinehmend aus subjektiver Freiheit, leichthändig gelehrt - ganz der gute Stil des 19. Jahrhunderts, ein Werk langen Nachdenkens und reicher Erfahrung. Mitterauers Studie ist viel avancierter in Machart und Sprache, dabei ebenfalls voller konkreter Wahrnehmung und frei von der Ängstlichkeit des Spezialistentums."

Nur im Print: Karl Heinz Bohrer fordert mehr unorthodoxe Skepsis. Gert Raeithel feiert den Sieg der komischen Vernunft, den Humor der Verzweiflung, kurz: Dada. Außerdem schreiben Andrea Köhler über W.G. Sebald, Hannes Stein über Amos Oz und Witold Rybczynski über den Architekturkritiker Geoffrey Scott.
Archiv: Merkur

Reportajes (Chile), 03.04.2005

Böse Worte von Mario Vargas Llosa im Anschluss an einen Besuch der Gedenkausstellung zum 100. Geburtstag Jean Paul Sartres in der französischen Nationalbibliothek: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schau bei heutigen Jugendlichen irgendein Interesse an einer Wiederentdeckung Sartres bewirken oder diesem auch nur den geringsten Respekt oder Bewunderung einbringen sollte. Denn allen unverkennbar hagiographischen Absichten zum Trotz offenbart die Ausstellung, wie blind, unbeholfen und fehlgeleitet Sartres Äußerungen zu so gut wie jedem Thema waren. Vielleicht verbirgt sich hinter seinem Wüten gegen die Demokraten, seinem verbohrten Anarcho-Kommunsimus und glühenden Maoismus bloß die Verzweiflung des Bourgeois, der alle möglichen Posen einnimmt, damit sich bloß niemand daran erinnert, wie gleichgültig und auf die eigene Sicherheit bedacht er sich den Nazis gegenüber verhielt - als Engagement noch keine rhetorische Leerformel war, sondern eine Frage von Leben und Tod, ließ er andere die Kartoffeln aus dem Feuer holen."

Sebastian Edwards, Wirtschaftswissenschaftler und zeitweiliger Chefökonom der Weltbank für Lateinamerika, kritisiert das Schweigen einer "kleinen" Nation wie Chile angesichts der Ernennung von Paul Wolfowitz - "kaum einer verköpert so sehr die Arroganz der gegenwärtigen US-Administration" - zum Präsidenten der Weltbank: "Bekanntermaßen wird die wirtschaftliche Entwicklung Chiles weltweit als beispielhaft angesehen. Gerade als kleines, aber umso erfolgreicheres Land, das zudem aufgrund seiner Abgelegenheit für niemanden eine Bedrohung darstellt, verfügen wir über hervorragende Möglichkeiten, eine ernsthafte und tiefgreifende Diskussion um die Zukunft der Weltbank in Gang zu setzen. Unser Ziel kann es nicht sein, eine Weltmacht zu werden; dafür können wir eine führende Rolle im Wettstreit der Ideen übernehmen. Auch so wäre die Ernennung von Paul Wolfowitz kaum zu verhindern gewesen, aber durch das Anstoßen einer engagierten und anspruchsvollen Diskussion hätten wir der Weltgemeinschaft wie auch den ärmsten Ländern einen wichtigen Dienst erweisen können."

Alvaro Vargas Llosa, der Sohn Marios, kommentiert den Fall Terry Schiavo: "Im Grunde geht es um die Frage, wie weit sich der Staat im Namen von eng mit christlichen Vorstellungen verknüpften Werten in den Gewissenskonflikt einer Privatperson oder Familie einmischen darf. Auch wenn hier um eine Variante aktiver Sterbehilfe gestritten wurde, ging es eigentlich um den sehr viel älteren Streit um die Abtreibung: Ein Großteil der im Fall Schiavo eingesetzten Argumente, Termini und Symbole sind von den Diskussionen um die Abtreibungsfrage bestens bekannt. Was der amerikanische Präsident durch den Fall Schiavo bei der christlichen Basis an Zustimmung hinzugewinnen konnte, hat er im Gegenzug unter dem Rest der Bevölkerung wieder verloren. Nachdem Bush Terrys Tod allerdings letztlich nicht verhindern konnte, bleibt abzuwarten, ob sich der Fall Schiavo am Ende nicht nur für diese selbst, sondern auch für den Wertefeldzug der Konservativen als tödlich erweist."
Archiv: Reportajes

DU (Schweiz), 01.04.2005

Das du-Magazin ist ganz dem Thema Architektur und Macht gewidmet. Ist monumentale Architektur nicht immer faschistisch? Niklas Maak sieht das anders. Für ihn ist "die Bildlosigkeit, das Anti-Ikonische der Politik, die Unlesbarkeit der Stadt als politischer Raum, selbst zum Problem geworden". Weshalb er zum Beispiel das Bundeskanzleramt von Axel Schultes und Charlotte Frank für gelungen hält. "Es ist sichtbar, es ist groß - aber diese Größe ist nicht monumental, wenn man unter Monumentalität eine Größe versteht, die den Betrachter seiner eigenen Bedeutungslosigkeit zu versichern versucht - Albert Speers glatte Monumentalkästen sprechen da eine deutliche Sprache. Das Kanzleramt vermeidet dagegen jede hermetische Erhabenheitsgeste. Schultes hat für die Architektur des Amtssitzes einen Gebäudetyp gewählt, der aus der Gegenwartsarchitektur fast vollkommen verschwunden war - das Hôtel. Vorn ein offener Ehrenhof, der von Wirtschaftsgebäuden flankiert wird, hinten ein Garten. Nichts wirkt abweisend oder statisch an dieser Schaufront. Die hellen großen Stelen, auf denen Felsbirnen wachsen sollen, tanzen wie wild gewordene Menhire in den Stadtraum hinein, oben schwingt sich das Dach wie ein poröses Segel in den Berliner Himmel, alles wirkt, als könne die Stadt durch das Gebäude hindurch diffundieren ..." Skandalös findet Maak daher nicht die Größe, sondern den Wegfall des Bürgerforums, das das Kanzleramt ursprünglich umgeben sollte.

Ulrich Pfammatter beschreibt ausführlich, wie die italienische Architekten-Elite sich vom Faschismus verführen ließ. (Beide Artikel stehen online - unter dem Inhaltsverzeichnis, einfach nach unten scrollen.)

Nur im Print: Ein Gespräch mit dem Architekten Albert Speer, der erklärt, worin sich gute und schlechte Monumentalität in der Architektur unterscheiden. Andreas Nentwich betrachtet unterschiedliche architektonische Visionen des NS-Regimes. Dieter Bartetzko schreibt über Entwicklungen in der deutschen Gegenwartsarchitektur.
Archiv: DU

Tygodnik Powszechny (Polen), 03.04.2005

Adam Boniecki, Chefredakteur der liberal-katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, die 1945 in Krakau gegründet quasi Wegbegleiter von Karol Wojtyla war, ehrt in einer Sonderbeilage "Johannes Paul den Großen". "Er sprach mit allen. Er empfing Menschen, die bei weitem nicht alle heilig waren, Diktatoren und Anführer, die Blut an den Händen hatten: Pinochet, Arafat. Er wusste, dass ein Treffen und ein Gespräch mehr bewirken konnte als verachtungsvolles Urteilen und Abwenden. Er sprach im Namen derer, von denen die freie Welt lieber nicht zu viel wissen wollte. Aber von seiner Größe zeugen weder Worte noch Ereignisse. Diese sind das Ergebnis seiner Größe. Die Logik des Glaubens und sein grenzenloses Vertrauen an Gott ließen Johannes Paul II die Zeichen der Zeit richtig entziffern und beantworten."

In einem anderen Artikel wird der Verlauf der Karwoche rekapituliert, und die "stille Ab- und Anwesenheit und das Leiden" des Papstes unterstrichen. "Vom Petersplatz aus schien alles so zu sein wie immer: hoch oben stand im offenen Fenster eine weiße Gestalt mit der roten Stola. Aber die Kameras von 104 Fernsehsendern aus 84 Ländern zeigten uns von Nahem jede Geste, jede schmerzvolle Grimasse. Sie schufen jene Nähe, die wir wollen und die wir fürchten, um nicht Auge in Auge mit dem Leid zu stehen."

Weitere Artikel: Anna Machcewicz beschreibt das schwierige Leben der vietnamesischen Einwanderer in Polen: "Sie sind auf der Straße leicht erkennbar und dadurch Freiwild für Räuber und, leider, für die Polizei." Viele Vietnamesen seien noch in kommunistischen Zeit zum Beispiel zum Studieren gekommen, der Rest sei größtenteils illegal eingewandert. "Man sollte sich deshalb hinsetzen und denen helfen, die schon in Polen sind, ihnen einen Raum geben, damit sie normal leben können. Zum Nutzen unseres Landes." Marek Cichocki vom Center for Eastern Studies erklärt im Interview, warum ein Dialog mit Russland immer schwieriger wird: "Die Menschen, die so einen Dialog führen können, melden sich aufgrund der aktuellen Stimmung nicht zu Wort. Das betrifft vor allem historische Diskussionen, die immer weniger von Historikern und immer mehr von Polittechnologen geführt werden."

Gazeta Wyborcza (Polen), 02.04.2005

"Polen hatte seinen König, von dem es geträumt hat", erklärt in der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza der sonst eher republikanisch gesinnte Adam Michnik. "Wir lebten im Zeitalter Johannes Paul II, jenes Papstes, der die katholische Kirche, Polen, die Welt und jeden von uns verändert hat." Der Papst "lehrte uns den Heroismus und verstand die Bedeutung von Kompromissen im öffentlichen Leben. Er warnte vor der tödlichen Logik der Rache. Er war ein Zeichen der Zeit und ein Zeichen des Widerspruchs gegen diese Zeit."

Die Publizistin Halina Bortnowska beschreibt ihre Begegnungen mit dem Papst und die langen Gespräche mit ihm, als er noch Dozent an der Katholischen Universität in Lublin war. "Er war oft fröhlich. Oder besser gesagt: frohgemut, kein 'lalala'; er wusste, Gott hat eine gute Welt erschaffen, sie war kein Fehler." Bortnowska, die am Aufbau von Hospizien in Polen beteiligt war, sorgt sich um die richtige Einstellung jener Menschen, die den (damals noch lebenden) Papst in den letzten Tagen begleitet haben: "Man sollte einen Menschen gehen lassen. Nicht aufhalten, nicht belasten. Da sein und den Sterbenden in gute Gefühle hüllen, vor allem Dankbarkeit. Ich bin mir nicht sicher, ob die Umgebung des Papstes das kann."
Stichwörter: Adam Michnik

Polityka (Polen), 03.04.2005

Der Deutschland-Experte Adam Krzeminski fragt, warum sich die Polen mit dem preußischen Erbe so schwer tun, und die "preußische Hypothek" immer noch so belastet ist. "Warum sollte man sich um diesen Nachlass kümmern und an die Menschen denken? Sollen sie doch vergessen werden und das Erbe polonisiert", beschreibt Krzeminski die offizielle Einstellung zu kommunistischen Zeiten. Einerseits lebe in Polen der Mythos vom "Drang nach Osten" fort, jener preußisch-deutschen Expansion, deren Opfer der polnische Staat wurde, andererseits aber bemühen sich Historiker seit den siebziger Jahren um ein ausgewogeneres Bild Preußens, wobei der Aufbau eines modernen Rechtsstaates unterstrichen werde. Letztendlich könne es nur darum gehen, jenes historische Entweder-Oder aufzubrechen: entweder ein starkes Preußen mitten in Europa ohne Polen oder ein Polen ohne Preußen. "Ein Ausweg kann nur im Dialog und der Zusammenarbeit liegen, in der gegenseitigen Unterstützung von Deutschen und Polen, die sich gemeinsam für das Erbe Preußens, das es nicht mehr gibt, verantwortlich fühlen."
Archiv: Polityka

New Yorker (USA), 11.04.2005

In einem Artikel erzählt Richard Preston die atemberaubende Geschichte, wie zwei Mathematiker mit einem Supercomputer dem Metropolitan Museum of Art dabei halfen, die siebenteilige Gobelinserie "Die Einhornjagd" aus den Cloisters buchstäblich "in den Griff zu bekommen". 1998 waren sie wegen Renovierungsarbeiten abgenommen und gereinigt worden. Dabei entdeckte man, dass ihre Motive spiegelbildlich und in leicht veränderter Farbgebung auch auf der Rückseite vorhanden waren. In einem aufwändigen Verfahren wurden die 4,5 auf 4 Meter messenden Teppiche nun Stück für Stück fotografiert, mit dem Ziel, sie anschließend digital wieder zusammenzusetzen. Allein: Es gab nicht einen Computer, der die Datenmenge von über 200 CDs hätte verarbeiten können. Zwei aus der Ukraine stammende Zahlenexperten schafften es schließlich - nachdem sie einen Teil der CDs erst einmal in der U-Bahn hatten liegen lassen. Die Digitalisierung eines einzelnen Gobelins dauerte dann drei Monate und war laut der beiden Mathematiker "ein mathematisches Problem wie die DNA-Analyse oder die Spracherkennung" beziehungsweise: "der reinste Albtraum".

Weiteres: John Cassidy bespricht die Studie "The End of Poverty: Economic Possibilities for Our Time? (Penguin Press) des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Jeffrey Sachs. Die Kurzbesprechungen widmen sich unter anderem einem Fotoband, der mit Pressefotos von Tatorten und spektakulären Unfällen das Porträt einer Kleinstadt im Mittelwesten und der amerikanischen Kultur Mitte des letzten Jahrhunderts zeichnet. Sasha Frere Jones porträtiert die Indie-Band Slint. Nancy Franklin begutachtet zwei TV-Shows, in deren Zentrum Schauspielerinnen stehen: "Fat Actress" mit Kirstie Alley und "Chasing Farrah" mit Farrah Fawcett. Anthony Lane sah im Kino Robert Rodriguez' Thriller "Sin City" nach dem Comic von Frank Miller und mit Elijah "Frodo" Wood in der Rolle eines Mädchenmörders, und "A Hole in My Heart" von Lukas Moodysson - ein Film, bei dem "sogar Robert Rodriguez und Quentin Tarantino das Lachen im Hals steckenbleiben könnte", während die Matthäus-Passion zu einem unvergesslichen Einsatz kommt. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Mallam Sile" von Mohammed Naseehu Ali.

Nur in der Printausgabe: das Porträt der "bigotten Weltsicht" eines Stammtischpolitikers, ein Artikel über Hirnforschung, ein Text von Sean Wilsey über seine bunte Kindheit in San Francisco (online ist ein Interview mit dem Autor über den "Kreuzzug" seiner Mutter) und Lyrik von Lexi Rudnitsky und Mark Strand.
Archiv: New Yorker

Al Ahram Weekly (Ägypten), 31.03.2005

Vor einigen Tagen starb einer der besten und bekanntesten - vor allem aber: der populärsten, volksnahesten - ägyptischen Schauspieler: Ahmed Zaki. Er war kein Schönling, schreibt Youssef Rakha. "Eher ein intuitives Genie. Und seine soziokulturelle Identität, ebenso wie seine dunkle Haut, seine zerwühlten Haare, seine negroiden Lippen und seine großen, intim-melancholischen Augen machten ihn zu einer stehenden Formel für den unwiderruflich zerbrochenen arabischen Traum von Freiheit und Gerechtigkeit: mal gewieft und mal würdevoll, machtvoll und starr vor Angst, charmant und einschüchternd, aber immer attraktiv, heroisch, frustriert - ein Abbild sowohl der erhabenen als auch der alltäglichen Träume einfacher Menschen." Schade nur, fährt er fort, dass genau diese Menschen um die Möglichkeit gebracht wurden, von Zaki Abschied zu nehmen - dank der Sicherheitskräfte und der politischen Verunsicherung der Regierung. In einem weiteren Text vergleicht Hani Mustafa Zaki in seiner Wirkung auf das ägyptische Kino mit Sidney Poitier, der Hollywood eroberte. Und Mohammed El-Assyouti lässt seine Filme Revue passieren, um einmal mehr Zakis unvergleichliche Fähigkeit zur chamäleonartigen Anverwandlung an seine Rollen zu preisen.

Mehr Film: Imam Hamam war bei einer mehrtägigen Veranstaltung, auf der Filme der beiden libanesischen Filmemacher Akram Zaatari und Mohamed Soueid gezeigt und Fragen des experimentellen Kinos in der Gegenwart diskutiert wurden: Muss nicht-kommerzielles Kino unzugänglich und akademisch sein? Was ist der Unterschied zwischen unabhängigem und experimentellem Kino? Wie sieht subversive Ästhetik aus?

8.000 Fahrzeuge, die 5 Millionen Fahrgäste befördern - das ist die stolze tägliche Bilanz der Kairoer Busunternehmen. Weniger eindrucksvoll sind die anderen Details, die Mustafa El-Menshawy aus dem pittoresk- furchterregenden Nahverkehrsdschungel der ägyptischen Hauptstadt liefert: hohe Preise, massenhaft Unfälle, verschmutzte Luft und Korruption in den Chefetagen. An den Straßenecken Leute, die seit zwei Stunden auf ihre Verbindung warten. Auf dem Fahrersitz unfreiwillige Deeskalierungsexperten, in ihrem Rücken wütende Menschen, die spät dran sind.

Economist (UK), 01.04.2005

Das geflügelte Wort "Der Kunde ist König" ist so alt, dass es schon Patina angesetzt hat, sollte man meinen, doch nie war es so zutreffend wie jetzt, im Zeitalter der Informationstechnologien, meint Paul Markillie in einem Spezial-Dossier. Denn "Wissen ist Macht", um bei den geflügelten Worten zu bleiben, und der Kunde wird, da er sich nun bedeutend umfassender informieren kann, zum selbstbewussten und klugen Käufer, der sich zwar noch von gut gemachter, einfallsreicher Werbung unterhalten lässt, ihr aber nicht mehr hörig ist. Dies stelle zwangsläufig neue Anforderungen an die Marketing-Strategen, nicht zuletzt angesichts des relativ jungen Phänomens des "media multi-tasking", die Tatsache nämlich, dass mehrere Medien gleichzeitig genutzt werden. "Das hat enorme Konsequenzen für Werber und TV-Programmgestalter", sagt James Rutherfurd, Geschäftsführer einer New Yorker Handelsbank. "Früher ging es darum, die Menschen dazu zu bringen, den Fernseher anzuschalten. Jetzt kann es gut sein, dass der Fernseher läuft, doch nun geht es darum, die Aufmerksamkeit auf den Fernseher zu lenken, und das heißt jetzt weg vom Computer-Bildschirm, weg von der Zeitschrift, weg vom iPod."

Einen neuen Fall von französischer Resistance nimmt ein belustigter Economist zur Kenntnis. Als Antwort auf Googles Vorhaben, Millionen von Texten aus amerikanischen und englischen Bibliotheken online zur Verfügung zu stellen, wollen nun auch die Franzosen eine solche Textdatenbank bereitstellen, weigern sich jedoch, diese von Google durchforsten zu lassen, und befürworten die Gründung eines "Google a la francaise". Doch "warum nicht Google die Arbeit machen lassen? Das französischsprachige Google wird bei 74 Prozent aller Internetsuchen in Frankreich genutzt. Die Antwort ist das vulgäre Kriterium, dessen es sich bedient um die Ergebnisse zu ordnen. 'Ich glaube nicht', schrieb Kulturminister Donnedieu de Vabres in der Zeitung Le Monde, 'dass der einzige Zugang zu unserer Kultur das automatische Sortieren nach Beliebtheit sein sollte, welches Googles Erfolgsrezept ist.'"

In weiteren Artikeln erfahren wir, was man in den Niederlanden unter "harter Liebe" gegenüber der immigrierten Bevölkerung versteht und warum die Idee einer multikulturellen Gesellschaft zu konservativ ist, und ob die Australier mit ihrem Premierminister John Howard einer Meinung sind, wenn dieser verkündet, dass die Bindung zu den USA "wesentlich für die australische Psyche" ist.

Nicht sehr beeindruckt zeigt sich der Economist von Dick Tavernes Buch "The March of Unreason: Science, Democracy and the New Fundamentalism", in dem er den rationalistischen Szientismus für unfehlbar erklärt und unbändig gegen alle Arten von Humbug, sprich alternativer Wissenschaft, wettert. Und schließlich porträtiert der Economist die kürzlich verstorbene Labour-Ikone Lord Callaghan als jemanden, der ein "auffallend schlechter Finanzminister, ein sich abplagender Innenminister und ein gewöhnlicher Außenminister" war, dann aber zu einem "beeindruckenden Premierminister" wurde.

Leider nur in der Printausgabe zu lesen: Das Geburtstagsständchen für die 225 Jahre alte Neue Zürcher Zeitung.
Archiv: Economist

Folio (Schweiz), 04.04.2005

Zwei Drittel der Bevölkerung fürchten den Besuch "Beim Zahnarzt" - Grund genug für die NZZ, sich in ihrem neuen Folio ausführlich des Themas anzunehmen. Lilli Binzegger rechnet sich gar zu den sechs bis vierzehn Prozent, die mit einer regelrechten Zahnarztphobie leben müssen, wie sie mit der Schilderung ihrer Erlebnisse "Im Vorhof der Hölle" glaubhaft versichert: "Das blaue Zahnarzttarifblatt, das in den Wartezimmern aufliegt, liest sich wie das Drehbuch zu einem Sadomaso-Porno in Stichworten: Gingivektomie Einzelzahn. Wurzelspitzenresektion. Pulpaexstirpation! Anschlingung retinierten (renitenten?) Zahns. Da ist von intrakanalären Schrauben und von parapulpären Stiften die Rede, deren Notwendigkeit man mit einem Latero-/Protrusionsregistrat oder der Aufzeichnung sagittaler Kondylenbahnen diagnostiziert. Da wundert einen nicht, dass die Geräte dazu autoklavierbarer Köchereinsatz und Hinterkopfabsaugung heißen. War Wurzelbehandlung und Weisheitszahnextraktion denn nicht schon genug? Wie soll man das ohne Vollnarkose schaffen? Wie kam ich ohne Vollnarkose überhaupt bis hierher?"

In weiteren Beiträgen rund um den Zahn erfahren wir von Martin Lindner Wissenwertes über die Geschichte der Karies, während uns Katja Kessler in die Zahngeheimnisse Hollywoods einweiht. Felix Zimmermann sorgt sich in seinem Artikel "Krieg der Bürsten" um das Wettrüsten der Zahnbürstenhersteller und Mikael Krogerus hat die Bekenntnisse eines Zahnarztes aufgezeichnet.

Luca Turins
"Duftnote" ist eine Hommage an die zwölfjährige Arbeit des Zweiergespanns Serge Lutens/Chris Sheldrake für die Pariser Salons von Shiseido. Seit 1992 haben sie in 28 Düften ein Oeuvre vorgelegt, dessen Geheimnis in der Herausstreichung der zugrundeliegenden Idee einer Essenz liegt: "Hat man schon je an einer so schamlos animalischen Kreation gerochen wie Muscs Koublai Khan? Hat es je eine sonnigere Hommage an die wehmütige Üppigkeit von Heu gegeben als Chergui? Eine präzisere Übersetzung der kautschukartigen Herznote der Tuberose als Tubereuse Criminelle?"
Archiv: Folio

Point (Frankreich), 04.04.2005

Aus Anlass des Erscheinens seines Buchs "Der europäische Traum" in Frankreich, bringt Le Point ein Interview mit dem amerikanischen Publizisten Jeremy Rifkin (mehr). Unter der Überschrift "Es lebe das europäische Modell" erklärt Rifkin eingangs, warum er nicht mehr glaubt, dass sich Amerikaner und Europäer zumindest in grundlegenden Dingen einig seien. Das liege vor allem an der europäischen Neigung zu grenzenloser Selbstkritik. "Wir haben zwei sehr unterschiedliche Weltauffassungen. Der amerikanische Traum ist ein strenges Land, in dem es aber viele Möglichkeiten gibt. Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich. Punkt. Der europäische Traum stellt Gemeinschaft über individuelle Autonomie, kulturelle Vielfalt über Assimilation, Lebensqualität über die Anhäufung von Reichtümern, beständige Entwicklung über unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum, persönliche Entfaltung über verbissenes Arbeiten, universelle Menschenrechte über Eingentumsrechte. (...) Die Wahrheit ist, dass die Amerikaner nur über ihre Erfolge sprechen, die Europäer dagegen nur über ihre Misserfolge."
Archiv: Point

New York Times (USA), 03.04.2005

Es ist das New York Times Magazine, das in dieser Woche die Akzente setzt. In der komprimiert-verständlichen Art und Weise, wie sie vielleicht nur aus der Distanz möglich ist, porträtiert Christopher Caldwell nicht nur die niederländische Politikerin und Menschenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali als "Tochter der Aufklärung", sondern beschreibt auch die Unruhe, die Holland seit den Morden an Pim Fortuyn und Theo van Gogh ergriffen hat. Den Anfang macht eine eindrückliche Anekdote, die Ali in einer Brasserie nahe des Parlaments in Den Haag erlebt hatte. "Hirsi Ali saß mit dem Rücken zum Restaurant, als ihr ein Student, der offensichtlich zum Islam konvertiert war, an die Schulter tippte. 'Ich drehte mich herum', erinnert sie sich in ihrem eleganten Englisch, 'und sah diesen süßen, jungen holländischen Jungen, etwa 24 Jahre alt. Mit Pickeln! Und er sagte so etwas wie: Madam, ich hoffe die Mudschaheddin erwischen Sie und bringen Sie um.' Hirsi Ali reichte ihm ihr Messer und fragte: 'Warum machst Du es nicht selbst?'"

Als Einführung in den kleinen Japan-Schwerpunkt dieser Ausgabe stellt Arthur Lubow den Andy Warhol Japans vor, Takashi Murakami. Der ist nicht nur der bestbezahlte Gegenwartskünstler der Insel, sondern auch Kurator, Theoretiker, Designer, Geschäftsmann und natürlich eine Berühmtheit. Takashi macht fast nichts mehr selbst, er überwacht aber die Arbeit der Assistenten in seiner Kunstfabrik "Kaikaikiki" (im Webauftritt stellt er sich selbst recht bunt dar). Hier gibt es einige seiner Arbeiten zu sehen, die sich aus Mythen wie Mangas speisen. Dazu noch Fotos von einigen verlorenen Kindmädchen in Tokio oder Aufnahmen einiger Werke der aufstrebenden Modedesigner Japans.

In der New York Times Book Review gibt man sich recht selbstbezüglich diese Woche. So langsam beginnen die Literaten mit der Aufarbeitung des großen Traumas vom 11. September, und Jonathan Safran Foer macht mit "Extremely Loud and Incredibly Close" (erstes Kapitel), eine Geschichte um einen neunjährigen Erzähler, der seinen Vater in den einstürzenden Twin Towers verloren hat, einen vielbeachteten Anfang in Romanform. Walter Kirn zeigt sich zunächst unbeeindruckt von leeren Seiten, Videoeinlagen und anderen Aufmerksamkeitserhaschern. Die kühle Distanz schmilzt allerdings recht schnell. Aus Ärger. "Der Avantgarde-Werkzeugkasten, einst entwickelt, um etablierte Ansichten auseinanderzunehmen und durch rostige Haltungen zu schneiden, scheint nun der beste Weg zu sein, sie wieder herzustellen und aufzufrischen. Keine traditionelle Geschichte könnte die Banalität hervorbringen, die Foer neu abmischt, faltet, in Streifen schneidet in sieben verschiedene Umschläge steckt, um sie dann erstaunlicherwesie wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Die Leser machen dann 'Ooh' und 'Aah' bei Bemerkungen, die sie vorher haben aufstöhnen lassen." Hier liest der geschmähte Autor selbst.

Tom LeClair feiert William T. Vollmanns Geschichtenband "Europe Central" rund um den Zweiten Weltkrieg in Europa als "riesiges, kulturübergreifendes Schaltbrett" das trotz einiger weniger falscher Verbindungen eine ebenso "virtuose" Historienerzählung wie konzentrierte Studie der Gewalt abgibt. Jernnifer Schuessler bewundert W. G. Sebald und dessen nachgelassenen Essay "Campo Santo" (erstes Kapitel): "Dieser großartige Schriftsteller mag abrupt von uns gegangen sein, aber sein Schatten wird bleiben." Hier die melancholischen Hymnen der deutschen Kollegen. In den weiteren Rezensionen bespricht Cynthia Ozick ein wenig gezwungen die Erinnerungen von Joseph Lelyveld, dem ehemaligen Chefredakteur der New York Times, und Walter Isaacson ehrt Stacy Schiffs Studie über Benjamin Franklins Jahre als Botschafter in Frankreich als wichtigste Ergänzung der Franklin-Forschung in den vergangenen Jahren.