Magazinrundschau - Archiv

2000

2 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 16.08.2005 - 2000

Der ungarische Schriftsteller Laszlo Krasznahorkai erzählt im Gespräch, wie eine China-Reise plötzlich sein Leben veränderte: "Ich habe die Verbotene Stadt gesehen und die Kirche des Himmels, und die Straßenbarbiere - und all das waren Teile eines funktionierenden antiken Reiches - HEUTE. Der Sinn von HEUTE veränderte sich plötzlich und grundlegend. Dann reiste ich nach Hause und war sehr glücklich. Ich habe mit allem aufgehört, ich habe nichts mehr getan, einfach nichts, ich habe nicht darüber geschrieben oder geredet. Ich glaube, ich war zum ersten Mal in meinem Leben glücklich. Man fragte mich, was ich mache. Ich sagte, nichts. Warum sollte ich, ich bin glücklich. Aber das dauerte nicht lange, denn ich versuchte, einen Blick auf meine eigene ungarische Welt zu werfen. Ich fuhr nach Tatabanya, zum jährlichen Ball der Bergarbeiter. Wenn sich meine Erfahrung in China biegen, hinüber retten, importieren, anwenden, transportieren ließe, wenn - genauer gesprochen - wenn die Welt eins wäre, dann hätte ich auf dem Bergarbeiterball in Tatabanya die stinkbesoffenen Tänzer als mythische Figuren sehen sollen. Aber das waren sie nicht. Das Wissen, dass irgendwo eine antike Welt existiert, ließ sich nicht erweitern, es veränderte nicht die Wirklichkeit hier bei uns. Die Welt tickt, wehe uns, nicht im gleichen Rhythmus."

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - 2000

Entsteht vielleicht die schönste europäische Chinatown in Budapest? Seit 1989 leben in Ungarn immer mehr chinesische Einwanderer. Viele von ihnen haben eine glanzvolle Karriere in der Kleidungs- und Textilbranche hinter sich. "In keinem anderen Land der Erde wurden die Anstrengungen chinesischer Migranten in wenigen Jahren von solch fantastischen Erfolgen gekrönt wie hier!" - jubelt eine der sechs (!) in Ungarn erscheinenden chinesischsprachigen Zeitungen. In einem lesenswerten Essay vergleicht der ungarische Chinaexperte Pal Nyiri die medialen Selbst- und Fremdbilder der ungarischen Mehrheit und der chinesischen Minderheit. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Die ungarischen Zeitungen stellen die Chinesen zumeist als halb-kriminelle Exoten dar, während die chinesischsprachigen Medien sie als wirtschaftlich erfolgreiche, in globalen Netzwerken blitzschnell und kreativ agierende Unternehmer und wichtige Modernisierungsfaktoren Ungarns beschreiben: "Die Zeitungen der Minderheit sind voll mit Fotos von erfolgreichen chinesischen Unternehmern, die entweder mit einem hohen Amtsträger der Volksrepublik China oder mit einem Spitzenpolitiker des jeweiligen Landes in einer der Metropolen der Welt abgelichtet werden. Abgesehen von Werbungen der Budapester Luxushotels und der ungarischen Redaktionsadresse weist nichts darauf hin, dass die Zeitung etwas mit Ungarn zu tun haben könnte."