Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
23.08.2004. In der Gazeta Swiateczna erzählt Czeslaw Milosz in einem Interview aus dem Jahr 2003, wie er das Wesen des kommunistischen Systems erblickte. Outlook India feiert den großen indischen Regisseur Satyajit Ray, der alle ergreift und sich nicht küssen lässt. In Reportajes erklärt Eric Hobsbawm, warum er für Hugo Chavez gestimmt hätte. Der Economist fürchtet das Ende der Relativitätstheorie. Das TLS amüsiert sich über Glenn Goulds Kanadischkeit. Im Spiegel erklärt uns Peter Sloterdijk, was es heißt, ein deutscher Kritiker zu sein.

Gazeta Wyborcza (Polen), 21.08.2004

"Forrest Gump oder Hans im Glück - das ist meine Geschichte". Anlässlich des Todes des großen polnischen Dichters und Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz (mehr hier und hier) druckt die Gazeta Swiateczna, die Magazinausgabe der Gazeta Wyborcza, ein Interview mit dem Schriftsteller aus dem Jahr 2003 noch einmal. Milosz spricht darin über die Gründe für seine Flucht aus dem kommunistischen Polen: "Ich weiß noch, es war 1949, Sommer, aber ein ungewöhnlich kalter Morgen. Es fuhren gerade Militärjeeps mit Gefangenen vorbei, die vor Kälte zitterten. Ich kam gerade von einer Feier mit Tänzen bis in den Morgen hinein, es gab Essen in Hülle und Fülle. Es ist nicht so, dass ich eine Verschärfung der Gangart gesehen hätte - ich erblickte das Wesen des Systems", erzählte Milosz.
Stichwörter: Czeslaw Milosz

Plus - Minus (Polen), 21.08.2004

Einen wunderbaren Nachruf auf Czeslaw Milosz hat der Schriftsteller Stefan Chwin für die Wochenendausgabe der polnischen Rzeczpospolita verfasst. Milosz gehörte zur Generation der "ungezähmten Verzweiflung", schreibt Chwin. "Für uns sind der Holocaust, die Ermordung einer Million Menschen in Ruanda oder Kambodscha, die ethnischen Säuberungen auf dem Balkan oder das Massaker an Tausenden irakischen Soldaten in der Wüste vor Bagdad 'normale Sachen', aus denen sich die Welt zusammensetzt, auch wenn wir von Zeit zu Zeit die Alarmglocke schlagen, um demonstrativ den edlen Ritualen der 'zivilisierten Seele' gerecht zu werden, dank derer wir glauben können, dass die Kontinuität der westlichen Kultur bewahrt wird. Für ihn war das Grauen des Zweiten Weltkriegs eine axiologische Herausforderung. Für uns waren und sind es nackte Tatsachen." Chwin erläutert auch die Ambivalenz der politischen Interpretation von Milosz' "Das verführte Denken": "Was viele für ein politisches Pamphlet auf die sowjetisierten Schriftsteller hielten, ist in Wahrheit eine philosophische Auseinandersetzung mit den Paradoxien der menschlichen Existenz in der Geschichte. Nur haben wir seine in den 1950-er Jahren formulierte Diagnose mit einem ironischen Lächeln als 'Hegelschen Biss' abgetan, als ob es sich um eine schamhafte Krankheit handeln würde, eine Art HIV-Infektion, mit der wir, die Sauberen, nichts zu tun hätten".
Archiv: Plus - Minus

Outlook India (Indien), 30.08.2004

In dieser Woche, am 26. August, sind es fünfzig Jahre seit dem Erscheinen von Satyajit Rays erstem Film "Pather Panchali", dem Auftakt der Apu-Trilogie - Anlass für Outlook, dem großen Humanisten hinter der Kamera ausführlich Tribut zu zollen. "Vergessen Sie den technischen Jargon von Montage und mise en scene, Fade Outs und Jump Cuts", schreibt Sandipan Deb - "besser als jeder andere Inder erfüllte Ray die Grundpflicht eines Filmemachers: Er kommunizierte. Und er berührte. Ray, der im Innersten so britisch und brahminisch war, der freiherzige Gefühlsäußerungen und Körperkontakt scheute, und wahrscheinlich der einzige Mann, der bei der Verleihung der Legion d'Honneur dem französischen Präsidenten den Kuss verweigerte - er berührte andere."

Namrata Joshi und David Robinson haben sich den Film, mit dem alles begann, noch einmal angeschaut, um die Wirkung von Rays Filmsprache zu ergründen. Joshi schreibt: "Für mich ist 'Pather Panchali' pures Kino. (...) Es sind allein die Bilder, zusammengehalten vom Wechsel der Stille und der Geräusche, die anhaltende Gefühle der Ergriffenheit auslösen - intime Gefühle, die so greifbar werden, dass man sie förmlich von der Leinwand nehmen und in den Händen halten kann." Der Schotte David Robinson, Englischprofessor an der Winona State University und Veteran der internationalen Filmkritik, sah "Pather Panchali" kurz nach seiner Fertigstellung - als einer der ersten in Europa, erinnert er sich. Damals war er begeistert und erstaunt über ein Regiedebüt, das in allem das Werk eines kompletten Künstlers war. Heute schwärmt er von seinen Lieblingsszenen.

Weitere Artikel: S. K. Singh, früherer Außenminister, erinnert anlässlich von dessen Geburtstag an Rajiv Gandhi - und versucht den Ruf des früheren Premiers ein wenig zu rehabilitieren. Und Yubaraj Ghimire hat ein exklusives Interview mit einem der berüchtigtsten Serienmörder des 20. Jahrhunderts geführt: Charles Sobhraj, der in den siebziger Jahren in Südostasien etwa ein Dutzend Touristen ermordet haben soll und alt wurde, ohne je dafür gebüßt zu haben - bis er in diesem Jahr in Nepal zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Doch Sobhraj (mehr hier) ist überzeugt, frei zu kommen - und will sich an die UNO-Menschenrechtskommission wenden.
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Spiegel (Deutschland), 23.08.2004

Angst vor Hartz IV? Kennt dieser Mann nicht. Peter Sloterdijk spricht im Interview über sein neues Buch "Sphären III" und die Ängste der deutschen "Komfortgesellschaft", die sich in lauten Klagen Luft machen. Doch "einseitiger Negativismus ist auf die Dauer nicht lebbar. In diesem Punkt wäre ein wenig Emissionsschutz für das intellektuelle Klima nützlich." Vor dem Philosophen als Fachmann fürs Positive müsse man sich nicht fürchten, dafür sorge schon das "Gejammere und Metagejammere" der Medien: "Man darf ... nie vergessen, dass die deutsche Kritik eine Spätform des deutschen Idealismus darstellt. Nach diesem gehört die Seele zur Basis, die Wirtschaft hingegen zum Überbau. Folgerichtig sieht man sich hier zu Lande von edlen Schlechtmachern umzingelt, die davon überzeugt sind, dass man sich an die lahmende Basis wenden muss. Man macht schlecht, weil man einer von den Guten ist. Ein deutscher Kritiker sein heißt: aus dem Stand eine Mahnpredigt halten können."

Nicht allein mit Blick auf die US-amerikanische Militärstrategie porträtiert Susanne Koelbl den amerikanischen Marine und Nato-Generals James Jones: "...die Budgets der europäischen Mitglieder stagnieren schon seit langem, moniert Jones: 'Das wird auf Dauer nicht gut gehen.' Ein norwegischer Offizier auf dem hinteren Rang wagt die entscheidende Frage: 'Herr General, warum kritisieren Sie dann nie die Finanzminister?' 'Weil wir eine verdeckte Operation gegen sie planen', antwortet Jones, 'am 30. August, um 6 Uhr morgens geht's los.'"

Weitere Artikel: Siegesmund von Ilsemann und Gerhard Spörl fragen nach den Hintergründen für den geplanten Abzug der amerikanischen Truppen aus Deutschland: Er muss wohl als Hinweis darauf verstanden werden, dass George W. Bush endgültig die "Doktrin der Blitzsiege mit immer zielgenaueren Präzisionswaffen und immer kleineren Invasionsstreitkräften" durchsetzen wolle. Rüdiger Falksohn und Padma Rao berichten von den dunklen Seite eines Ferienparadieses, der islamischen Republik der Malediven: "42 Prozent unseres Volkes leben in Armut, denn der Präsident und seine Familie kassieren alle Gewinne", erklärt der Führer der Exil-Opposition. Und Dirk Kurbjuweit hat sich auf einem Nebenschauplatz der Olympischen Spiele umgesehen: "Im Deutschen Haus in Athen gibt es kaum Siege zu feiern - aber immer genug zu essen."

Nur im Print: Ein Interview mit dem ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Frederik Willem de Klerk über "den erfolgreichen Wandel vom Apartheidstaat zur Demokratie". Der Titel beschäftigt sich mit Oliver Hirschbiegels Film "Der Untergang". Dazu gibt es einen Interview mit dem britischen Historiker Ian Kershaw "über die Kampfeslust der Deutschen bei Kriegsende, den Niedergang des Führermythos und Hitlers verzweifelten Überlebenswillen".
Archiv: Spiegel

London Review of Books (UK), 19.08.2004

Andrew O'Hagan war zu Gast beim großen Parteitag der Demokraten in Boston und hat gelauscht, wo er nur konnte. Das Intelligenteste bekam er dabei nicht vom Rednerpult zu hören, sondern von der Drei-Sterne-Generalin Claudia Kennedy, die das Sicherheitsdenken der Bush-Regierung für primitiv und kontraproduktiv hält: "Wir brauchen eine viel feinere Körnung - wir müssen lernen, feinere Grauschattierungen zu sehen. Denn wir verstehen zwar etwas von 'hardware' - von Waffen - in diesem Land, aber wir verstehen nichts von den sanften Elementen der Macht, jene, die mit Ideen und dem kulturellen Verständnis von anderen Nationen zu tun haben. Wir müssen nach einem abstrakteren Weltbild Ausschau halten. 'Ein Krieg gegen...' ist weder eine subtile noch eine gute Art und Weise mit öffentlichen Angelegenheiten umzugehen: 'ein Krieg gegen Drogen, ein Krieg gegen Armut'. Wir brauchen eine neue Definition von nationaler Sicherheit in diesem Land. Und die Frage ist, ob wir überhaupt von nationaler Sicherheit reden können, wenn wir ein solch armseliges Bildungsniveau, solch armselige Rassenbeziehungen, solch armselige Ideen und überhaupt solche Armut haben. Ich denke, dass es nicht nur um Waffen geht, sondern darum, ein besseres Verständnis sowohl von Auslandsbeziehungen als auch von dem Leben zu Hause zu gewinnen. All das erhöht die Sicherheit und ist weitaus wichtiger als das Waffen-Budget."

Weitere Artikel: Ob "inbrünstige Zustimmung " oder "heftiger Widerspruch" - die Lektüre von Joseph Leo Koerners Studie über die Bilderstürmer der Reformation ("The Reformation of the Image") hat Eamon Duffy in einen angeregten Dialog verwickelt. Nachdem sie Toni Morrisons gerade erschienenen Roman "Love" (Leseprobe) gelesen und für wiederaufgewärmt und verkopft befunden hat, fühlt sich Eleanor Birne endgültig von ihrer Morrison-Verehrung geheilt. In einem Nachruf würdigt die Herausgeberin der London Review of Books Mary-Kay Wilmers ihren langjährigen Mitarbeiter Paul Foot als Enthusiasten der Empörung: "Er hatte Spaß an den Büchern, über die er schrieb. Und wenn er sie nicht mochte, hatte er auch daran Spaß." Und schließlich streift Paul Campbell durch die bunte Besuchervielfalt der Londoner Parks und kommt dabei - über recht abenteuerliche Gedankengänge - auf den viktorianischen Architekten John Nash zu sprechen.

Nueva Sociedad (Argentinien), 01.07.2004

Venezuelas Magazine sind im Internet leider nur schwer zu erschließen, und so muss, wer dem Phänomen Hugo Chavez und seiner gerade gewonnen Volksabstimmung auf den Grund gehen will, auf die sozialwissenschaftliche Nueva Sociedad zurückgreifen. Die hat ihren Sitz in Caracas, wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert und deckt ganz Lateinamerika ab. In der neuesten Ausgabe präsentiert Historiker und Ethnologe Fernando Coronil die zwei vorherrschenden und entgegengesetzten Sichtweisen auf den venezolanischen Präsidenten. Die eine verklärt die Vergangenheit ("Früher waren wir zivilisiert") während es die andere mit der Gegenwart nicht so genau nimmt ("Jetzt sind wir Revolutionäre"). Es seien "zwei Seiten derselben Medaille", die die alte lateinamerikanische Dichotomie zwischen "Zivilisation oder Barbarei" wiederauferstehen ließen. Historisch konnte sie nur durch Dialogbereitschaft gelöst werden, die auch im gegenwärtigen Venezuela dringend nötig wäre, wie Coronil in seinem Fazit schreibt.

Weiterhin: eine detaillierte Analyse der jüngsten Wahlen in El Salvador, wo im März die rechtsgerichtete Arena-Partei erneut die ehemaligen Guerilleros der FMLN schlagen konnte, sowie eine Bestandsaufnahme des argentinischen Politologen Vicente Palermo über die ersten 18 Monate der Präsidentschaft von Luis Inacio Lula da Silva in Brasilien. Schwerpunkt dieser Ausgabe ist indes Kolumbien. Von den acht diesbezüglichen Aufsätzen ist nur einer im Netz frei zugänglich: Eduardo Pizarro Leongomez' Abwägung des gegenwärtigen militärischen Kräfteverhältnisses. Der Sozialwissenschaftler sieht durchaus "Licht am Ende des Tunnels", will heißen, dass der Staat langsam die Oberhand in der Auseinandersetzung mit Guerillagruppen und Paramilitärs erlangen könnte.

Reportajes (Chile), 22.08.2004

"Wenn ich Venezolaner wäre, hätte ich auch für Hugo Chavez gestimmt", erklärt kein geringerer als Eric Hobsbawm, den insbesondere beeindruckt hat, dass Chavez die sprudelnden Einnahmen aus dem Ölgeschäft für einen Abbau der sozialen Ungleichheit einsetzen will: "Andere Produzentenländer tun das nicht". Das Interview mit Hobsbawm wurde ursprünglich von der brasilianischen Folha de Sao Paulo geführt, ist aber jetzt im Magazin der chilenischen Tageszeitung La Tercera zugänglich (kostenlose Registrierung erforderlich). Der Ausgang der Volksabstimmung, die Chavez im Amt bestätigte, ist für den englischen Historiker ein weiterer Beleg für das mitunter dramatische Scheitern US-amerikanischer Freihandelspolitik.

Wer mit Hobsbawm ganz und gar nicht einverstanden sein dürfte, ist Alvaro Vargas Llosa. In dieser Ausgabe schreibt der mitunter geradezu reaktionäre Sohn von Mario Vargas Llosa aber über Brasiliens Lula, dem er anlässlich eines Staatsbesuchs in Chile eine durchaus erfolgreiche Bündnispolitik attestiert. Vater Mario indes erinnert in seiner regelmäßigen Kolumne an einen chilenisch-britischen Literaturdozenten, David Gallagher, der erst in Oxford lehrte und brillante Essays schrieb, um dann ins Bankengeschäft umzusatteln, wo er noch heute erfolgreich ist. Zu guter Letzt auch noch ein Interview mit Argentiniens Vielschreiber Rodrigo Fresan, dessen hochgelobter Roman "Kensington Gardens" nun endlich bei Fischer erscheint, womit die Magazinrundschau von weiteren Ankündigungen entbunden sei.
Archiv: Reportajes

Times Literary Supplement (UK), 20.08.2004

Muss das sein? Noch eine Glenn-Gould-Biografie? Die von Kevin Bazzana schon, meint die kanadische Pianistin Angela Hewitt: "Ich wage zu bezweifeln, dass es jemals eine gründlichere und unterhaltsamere als diese geben wird. Sie werden überrascht, vielleicht sogar abgestoßen sein von Goulds Pillenschluckerei (mehr als 2.000 in den letzten neun Monaten), seiner Hypochondrie (Gould verklagte Steinway & Son wegen angeblicher Körperverletzung, weil ihm der Cheftechniker zur Begrüßung auf die Schulter geklopft hatte), und von seinem gespenstischen kreativen Output, Aber Sie werden auch verzaubert sein von seinem Sinn für Humor, von seiner Liebe zu Natur und Kreatur (sein Erbe wurde zwischen der Toronto Humane Society und der Heilsarmee aufgeteilt), von seinen in den Wahnsinn treibenden Angewohnheiten und seiner - darf ich's sagen? - Kanadischkeit".

Weiteres: Anna Ritchie feiert die umfassende Studie "The Art of the Picts" von George und Isabel Henderson. Diese sei nicht nur die erste und wichtigste ihrer Art, sondern auch ein großes Vergnügen: gelehrt, einnehmend und wunderschön geschrieben. Allen Mythen zum Trotz waren die Pikten übrigens keine "kleingewachsenen, ganzkörpertätowierten Halbwilden", sondern normalgroße kultivierte Kelten, die wir bloß noch nicht verstehen.

Weiteres: James Campbell rühmt Muriel Sparks schottischen Humor, von dem er auch in der Gesamtausgabe "All the Poems of Muriel Sparks" nicht genug bekommen konnte ("What's Faith? /Edinburgh, Leith,/ Portobello, Musselburgh,/ and Dalkeith). Lesley Chamberlain schließlich empfiehlt Margaret Drabbles romantisch-postmodernen Roman "The Red Queen".
Stichwörter: Glenn Gould, Toronto

Al Ahram Weekly (Ägypten), 19.08.2004

Rasha Salti hat ein historiographisches Meisterwerk gelesenSamir Kassirs "Histoire de Beyrouth". "In der Tradition der Annales, bei denen ein historischer Moment in Gestalt seiner eigenen Begriffe rekonstruiert wird, in seiner eigenen Landschaft von Kräften, Figuren und Bedeutungen" erzähle Kassir die elegante und mitreißende Geschichte Beiruts jenseits von Mythen und Ideologien. Und kein arabischer Verlag hat eine Übersetzung in Auftrag gegeben - wie schade, und wie typisch, findet Salti.

Kairos Schönheit war einst legendär, doch seit langem liegt sie unter den Ablagerungen jahrzehntelanger Vernachlässigung verborgen. Jetzt, berichtet Nevine El-Aref, soll das Antlitz stilistischer Vielfalt, das römisch-byzantinische Architektur mit Jugendstil, das Lokale und das Kosmopolitane vereinte, rekonstruiert werden - Nevine El-Aref über ein ehrgeiziges Stadtplanungsprojekt.

Weitere Artikel: Yasmine Fathi hat Eindrücke von der prekären Existenz sudanesischer Flüchtlinge in Ägypten gesammelt: wenig Platz zum Wohnen, kaum legale Beschäftigungsmöglichkeiten, der Rassismus vieler Ägypter. Und schließlich: Was genau ist Koptologie? Jill Kamil kann es selbst nach dem Besuch eines internationalen Koptologenkongresses in Prais nicht genau sagen, und auch die Spezialisten selbst tun sich schwer damit, ihr Forschungsgebiet einzugrenzen. Nur eines ist klar: Es handelt sich um eine Zweigdisziplin der Orientalistik, die sich dem christlichen Ägypten widmet. Mehr weiß man an der Uni Münster - dort nämlich wurde die Koptologie 1996 begründet (homepage).
Stichwörter: Annales, Beirut, Rassismus

New Yorker (USA), 30.08.2004

In einer ausführlichen und aufschlussreichen Buchbesprechung geht Louis Menand der Frage nach, nach welchen Kriterien noch unentschiedene Wähler in Amerika eigentlich ihr Kreuz machen. Die Aufsatzsammlung "Winning Elections: Political Campaign Management, Strategy & Tactics" (M. Evans) jedenfalls empfiehlt den politischen Lagern, bloß nicht "zu meinen, dass die Standpunkte ihres Kandidaten den Ausschlag gäben" oder eine "politische Philosophie" der "dickste Köder" sei. In einem Aufsatz wird diese Devise erläutert: "In einem Klima politischer Konkurrenzen ist es möglich, dass informierte Bürger wegen bestimmter Inhalte für einen Kandidaten stimmen. Uninformierte oder unentschiedene Wähler werden sich dagegen oft für denjenigen Kandidaten entscheiden, dessen Name und Präsentation sich am besten einprägen." Ein "ausdrucksstarkes Logo" sei deshalb die "beste Ausgangsbasis" für den Erfolg.

Weiteres: George Packer berichtet aus Athen, wo sich auch irakische und amerikanische Sportler gegenüber stehen. Samantha Power untersucht, ob und wie die ethnischen Säuberungen im Sudan unterbunden werden können. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Mother's Son" von Tessa Hadley.

John Updike rezensiert den neuen Roman "Snow" von Orhan Pamuk (mehr), der in der Türkei der Gegenwart spielt, und bezeichnet ihn als ebenso mutig wie "offensichtlich besorgt" und "provozierend verwirrt". Die Kurzbesprechungen widmen sich Büchern zum Thema Griechenland und Olympische Spiele. Als den besten amerikanischen Film des Jahres feiert David Denby das Drama "We Don?t Live Here Anymore" von John Curran.

Nur in der Printausgabe: eine Reportage über die neue Generation vermutlich endgültig atemraubender Achterbahnen, Empfehlungen des TV-Comedians Jon Stewart und seiner Autoren von "The Daily Show" zur Frage, welche Regierung am besten zu einem passt, sowie Lyrik des verstorbenen Literaturnobelpreisträgers Czeslaw Milosz. Nicht zweifelsfrei zu klären ist die Frage, wer genau unter dem Untertitel "Mike, the Mad Dog, and talking sports" eigentlich porträtiert wird: Ein Marathonexperte? Ein Computerspiel(entwickler)? Ein durchgeknallter Alleinunterhalter? Da hilft auch kein Googeln.
Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 26.08.2004

"Endlich hat unsere journalistische Kultur ihren Kopf erhoben", kommentiert Umberto Eco süffisant und meint damit das allsommerliche feuilletonistische Gründeln in den schmierigen Untiefen der Intimsphären von Künstlern, Schriftstellern und Berühmtheiten. "Das wahre Problem aber, wie man aus einer stilspezifischen und strukturell-narrativen Analyse aller Liebesbriefe Calvinos ersehen könnte (ungefähr zehntausend noch nicht editierte Seiten), ist, ob Thomas Mann sich dem Beischlaf mit Tieren hingegeben hat."

Italien wird bald von der vierten Staffel "Grande fratello" heimgesucht, und Stefania Rossini steuert eine amüsante Reportage über die Kandidatensuche bei. "Den sardischen Schafhirten haben sie auch nicht wieder eingeladen, der für 'Grande fratello' zum zweiten Mal auf das Festland gereist ist. Das andere Mal hatte er ein Schiff genommen, um das Konzert am ersten Mai mitzuerleben, die einzige Spur einer Existenz, die sich sonst auf den Weiden oben in den Bergen bei Tula abspielt. Der gutaussehende Vierziger war mit großer Spannung erwartet worden an diesem Tag. In der Mischung aus Kulturen und Charakteren, die eine gelungene Ausgabe ausmachen, hatte man auf dieses Einsprengsel des archaischen Italien gehofft. Aber der Mann ist zu verschlossen und wortkarg. Auch eine fulminante Antwort konnte ihn nicht retten. 'An was denkst Du?' 'An nichts, wenn ich denke, wird es nur schlechter.'"

Im Titelpaket macht sich Edmondo Berselli Gedanken über das Medienereignis des leidenden Karol Wojtyla. Eleonora Attolico bewirbt eine Ausstellung mit Fotografien des deutschen Fotografen August Sander im Palazzo Caffarelli der Kapitolinischen Museen. Und Monica Maggi kolportiert die Aufregung um die Performance der koreanischen Künstlerin Shu Lea Cheang auf dem Festival von Kristiansand: Cheang forderte Besucher in einem durchsichtigen Zelt zum Sex auf.
Archiv: Espresso

Economist (UK), 20.08.2004

Business-Ratgeber gibt es viele und irgendwie taugen sie offenbar alle nur dazu, ihre Autoren zu bereichern, stöhnt der Economist. "Die Formel scheint folgende zu sein: Man halte die Sätze kurz, die Weisheit einfach und die Typografie aggressiv. Man liefere viele Anekdoten, ob relevant oder nicht; und man erwähne ein Tier im Titel - angesagt sind dieses Jahr Gorillas, Fische und lila Kühe. Oder aber man ahme Stephen Covey (den Autor des ungeheuer erfolgreichen 'Sieben Gewohnheiten hochleistungsfähiger Menschen') nach und nehme eine Zahl in den Titel auf." Wirklich empfehlen kann der Economist nur einen Business-Guru: Shakespeare.

In weiteren Artikeln beschäftigen den Economist: der Tod des polnischen Dichters und Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz, ein Versuch über das, was zuerst da war: Sprache oder Denken, der Streit um die deutsche Rechtschreibreform, die schrittweise Vereinfachung des britischen Abiturs, die dazu führt, dass es schwieriger wird, unter den zahlreichen mit "sehr gut" bedachten Kandidaten die wahren Überflieger auszumachen.

Außerdem erfahren wir, dass der sogenannte Allais-Effekt (viel mehr hier) das Ende der allgemeinen Relativitätstheorie bedeuten (und damit zum Albtraum sämtlicher Physiker werden) könnte, warum Ariel Sharon bei seinem derzeitigen Alleingang Unterstützung verdient hat, und warum der Parteitag der Republikaner in der demokratischen Hochburg New York gar nicht scheitern kann (denn wenn auch nur ein New Yorker davon absieht, aus der Stadt zu fliehen, weil die Republikaner kommen, wäre das schon als Erfolg zu verbuchen).

Nur im Print: Das Titeldossier über die Kehrseite des Wirtschaftsbooms in China. Freigeschaltet ist nur ein Artikel, der über die enorme Umweltverschmutzung in China berichtet.
Archiv: Economist

Nouvel Observateur (Frankreich), 19.08.2004

In der Reihe über das geistige Erbe Europas aus der Antike (hier), des Mittelalters (hier), des alten Roms (hier), Ägyptens (hier) und des Judentums (hier) untersucht im letzten Beitrag in dieser Woche der Historiker Henry Laurens, inwiefern die arabische Welt seit Jahrhunderten mit der westlichen Welt verwoben ist. Laurens schreibt: "Seit 200 Jahren ist der Nahe Osten Schauplatz einer unaufhörliche Einmischung und Bevormundung von außen. Deshalb konnten sich die muslimischen Gesellschaften des alten Typs nur unter politischem Druck von außen transformieren. Seit dem 19. Jahrhundert haben sie gelernt, mit den fremden Mächten zu spielen" und "die Spannungen zwischen ihnen zu nutzen und gegeneinander auszuspielen". Dies sei der "Fluch" im Mittleren Osten: "zu nah an Gott - man befindet sich auf biblischem Terrain - und zu nah am Westen zugleich ".

Ein Artikel beschreibt die "erdbebenartigen Erschütterungen" im französischen Verlagswesen durch Fusionen, Verkäufe und Zustände wie im Fußball. So sei kürzlich Michel Houellebecq wieder von Flammarion zu Fayard, der zur mächtigen Hachette-Gruppe gehört, zurückgewechselt. "Die Kosten des Transfers: 1 Million Euro für das Erscheinen eines Romans ("Une ile") und das Abdrehen eines Films ("Une ile"!), wie es sich für einen Ableger der Hachette-Gruppe gehört." Der unabhängige Verleger Leo Scheer dazu: "Derartige Marketingstrategien können sich nur die Großkonzerne leisten".

Zu lesen sind außerdem der letzte Brief von Emile Zola an seine Geliebte Jeanne Rozerot. Zum Abschluss der Reihe über Exzentriker wird der französische Komiker Francis Blanche porträtiert, ein "Witze-Wahnsinniger", der auch über 600 Chansons geschrieben hat. Erzählt wird schließlich die Geschichte der Restaurierung der legendären Zitadelle des berühmten französischen Festungsbauers Marschall Vauban auf der bretonischen Insel Belle-Ile-en-Mer durch ein Pariser Ehepaar.

New York Times (USA), 22.08.2004

"Fesselnd, extrem komplex und überaus bezaubernd" findet Luc Sante die Fortsetzung von Marjane Satrapis grafischem Roman "Persepolis". In "Persepolis 2" (ein paar Blicke) hat die Protagonistin nun nicht mehr mit der Iranischen Revolution zu kämpfen, sondern mit der eigenen Entwicklung. "Satrapis Stimme ist so kunstvoll natürlich wie ihr Zeichenstil, niemals zeigt sie Bemühtheit oder Berechnung, sie kommuniziert einfach, auf eine Art unvermittelt, wie es ein Brief von einem Freund sein kann, in diesem Fall ein wunderbarer Freund."

Sarah Glazer schimpft, dass die englische Übersetzung von Simone de Beauvoirs feministischem Standardwerk "Das andere Geschlecht" völlig veraltet, aber vor allem fehlerhaft und unvollständig ist. Als Zuckerl gibt es eine Leseprobe von Tom Wolfes neuem Roman "I Am Charlotte Simmons", der im November herauskommen soll. Ansonsten ist diese Ausgabe dem bevorstehenden Schulanfang gewidmet: So sinniert Laura Miller etwa mit Barbara Feinberg, warum es so viele problemorientierte, depressive und vor allem langweilige Jugendbücher gibt. Oder Suzy Hansen analysiert den wachsenden Markt der Hausarbeiten gegen Gebühr.

Warum die Seele der Japaner neuerdings einen Schnupfen bekommen kann, erklärt Kathryn Schulz im New York Times Magazine. Dort wird gerade eine Krankheit erfunden. "Jetzt bewirbt eine riesige Kampagne der pharmazeutischen Industrie die leichte Depression, von deren Existenz die meisten Japaner bis vor kurzem überhaupt nichts wussten. Japan ist ein Versuchsfeld geworden für das, was wir durch die globale Expansion der westlichen Psychopharmaka gewinnen und verlieren können."

Außerdem porträtiert Jonathan Dee den Performance-Künstler im Priestergewand, Reverend Billy (homepage). Clive Thompson grübelt, ob das professionelle Engagement des Militärs beim Entwickeln von Computerspielen den Krieg surrealer machen wird. Jason deParle liefert eine Reportage über das Kindererziehen in Amerikas vergessenen Vierteln. Und Deborah Solomon unterhält sich mit Vincent Gallo, einst Calvin-Klein-Modell und jetzt Drehbuchschreiber, Regisseur und Schauspieler in seinen eigenen Filmen. Das Filmplakat für seinen neuen Streifen ist ein gut geplanter Skandal.
Stichwörter: Tom Wolfe, Computerspiele