Magazinrundschau

Raum für ein paar härtere Fragen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
20.10.2014. Nicht das Virus, sondern das katastrophale Gesundheitswesen in Liberia ist schuld an Ebola, schreibt Harvard-Experte Paul Farmer in der LRB. Micromega verortet Papst Franziskus zwischen Sein und Schein. Vice betreibt die Archäologie des Northern Soul. In Quietus verlangt Teju Cole mehr Gehör für Nigeria. Télérama schüttet die Gräben zwischen den Generationen zu. Wenn Hector Abad mit nur einer einzigen Website auf eine einsame Insel surfen dürfte, dann wäre das die Wikipedia, erklärt er in El Espectador.

London Review of Books (UK), 23.10.2014

Paul Farmer, Professor für Weltgesundheit an der Harvard-Universität und gerade aus Liberia zurückgekehrt, berichtet in einem sehr nüchternen, gleichwohl erschütternden Text von der Ebola-Epidemie. Die hohe Todeszahl erklärt Farmer nicht mit einer besonderen Aggressivität des Virus, sondern mit der katastrophalen Gesundheitsversorgung: "Selbst bevor die gegenwärtige Krise viel medizinisches Personal tötete, arbeiteten weniger als 50 Ärzte im staatlichen Gesundheitssystem in einem Land mit vier Millionen Menschen, von denen viele in abgelegen Regionen leben. Auf 100.000 Einwohner kommt ein Arzt, verglichen mit 240 in den USA und 670 in Kuba. Gut ausgerüstete Krankenhäuser gibt es noch weniger als Personal, und zwar im gesamten, von Ebola betroffenen Gebiet. Ebenso rar ist Schutzmaterial: Anzüge, Handschühe, Masken, etc. In Liberia gibt es nicht das Personal, das Material und den Raum, um die Infektionen zu stoppen, die durch Körperflüssigkeiten verbreitet werden, einschließlich Blut, Urin, Muttermilch, Schweiß, Sperma, Erbrochenes und Exkremente. Der Ebola-Virus wird während der Erkrankung verbreitet und danach: Er bleibt am Leben und infektuös, lange nachdem sein Wirt den letzten Atemzug getan hat. Das Vorbereiten der Toten für die Beerdigung hat Hunderte von Trauernden zu Ebola-Opfer gemacht."

Weiteres: Owen Hatherley staunt, wie es der linke Labour-Kritiker Owen Jones mit seinem Buch "The Establishment and How They Get Away with It" geschafft hat, von der neoliberalen Parteiführung ernstgenommen zu werden. Michael Hoffmann hat für Martin Amis" Auschwitz-Roman "The Zone of Interest" nur sehr zweischneidige Komplimente übrig ("Gleich zweimal gelesen und noch immer ist nichts hängen geblieben"!). Und Adam Shatz feiert David Van Reybroucks jetzt auch auf Englisch erschienenes Geschichtsepos "Kongo".

MicroMega (Italien), 15.10.2014

Valerio Gigante veröffentlicht einen kundigen und recht kritischen Hintergrundtext zur Bischofssynode, mit der Papst Franziskus Anstöße zur Reform familienrechtlicher Direktiven der katholischen Kirche geben wollte. Dass wiederverheiratete Geschiedene nach wie vor zur Kirche gehören, wie der ungarische Kardinal Erdö betonte, ist für Gigante eine bloße Binsenwahrheit: "In Wirklichkeit zeichnet sich durch die Erklärung Erdös nur noch deutlicher die extreme Zweideutigkeit ab, die auch die Synode insgesamt charakterisiert: Es gibt eine Menge Sperenzchen, Erklärungen, die Neuigkeiten, Wenden, Revolutionen verkünden, viele Kommissionen, Debatten, Studien zur Vertiefung von Fragestellungen, aber wenige, sehr wenige Antworten auf die Probleme, die die Gegenwart aufwirft und auch der katholischen Kirche stellt."
Archiv: MicroMega

Vice (USA), 16.10.2014

Die Northern-Soul-Szene im England der 60er Jahre hat das heutige Verständnis von Clubbing entschieden geprägt, erfahren wir in diesem Gespräch, das Georgia Rose mit der Regisseurin Elaine Constantine führt, deren Spielfilm "Northern Soul" dieser Tage in die britischen Kinos kommt und eine Hommage an die Clubszene darstellt, aus der Subkulturen wie die Mods und die ursprünglichen Skinheads hervorgegangen sind. Und man erfährt, was es mit den "Cover-Ups" der damaligen DJs auf sich hat, speziellen Songs, die nur sie im Repertoire hatten: "Die DJs oder Plattensammler damals gingen etwa in die USA, um Songs ausfindig zu machen, von denen sie wussten, dass sie noch nicht in der Szene kursierten. Nehmen wir mal an, der Typ, der ihnen die Scheibe verkaufte, meinte, "Also gut, von dieser Platte gibt es nur noch fünf Stück. Drei davon habe ich, zwei weitere sind irgendwo da draußen." Der DJ kaufte dann alle drei, überdeckte die Labels mit einem weißen Aufkleber und gab dem Song einen neuen Titel. So wusste keiner, um was für eine Platte es sich handelte. Er war die einzige Person, der diesen Song in seinem Besitz hatte. Wenn der Song was taugte - wenn er die Tanzfläche füllte -, dann wurde er zum Song dieses DJs: Sein Cover-Up. ... Doch wenn dann ein anderer die restlichen Exemplare ausfindig machte, dann wurde der DJ bloßgestellt. Und von nun an kannte man den Song unter seinem richtigen Titel."
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Archiv: Vice

Eurozine (Österreich), 16.10.2014

In einem Rückblick auf die Geschichte der Ukraine und die jüngste Debatte übt Timothy Snyder auch scharfe Kritik an der deutschen Öffentlichkeit (der Text steht auf Deutsch in Transit, auf Englisch online in Eurozine): "Deutsche erkennen die Verbrechen gegen Juden und gegen die Sowjetunion an (die fälschlich mit Russland gleichgesetzt wird), aber fast niemand in Deutschland konzediert, dass die Ukraine das zentrale Objekt deutschen kolonialen Denkens war. Deutsche Politiker von der Prominenz eines Helmut Schmidt schließen die Ukrainer aus der normalen Geltung des Völkerrechts aus. Die Idee, dass die Ukrainer nicht "normal" sind, bleibt bestehen, mit dem bösartigen Dreh, dass man Ukrainer für Verbrechen verantwortlich macht, die deutsche Politik waren und ohne den deutschen Krieg und die Kolonisierung nicht geschehen wären." Auch bei Transit selbst stehen einige aktuelle Texte zur Ukraine online.

Empfehlenswert in Eurozine außerdem Sonja Pyykkös Porträt über den aus Rumänien stammenden ungarischen Autor György Dragomán, dessen Roman "Der weiße König" auch die deutschen Kritiker tief beeindruckte. Er spricht über das Leben in der Diktatur und seine Enttäuschung über Ungarn, wo er heute lebt: "Ein Hauptproblem in Ungarn ist, dass die alten Akten niemals geöffnet wurden und die Ära der Geheimnisse niemals endete. Heute ist es zu spät, 25 Jahre sind vergangen. Es geht nicht um Prozesse, sondern um das Recht zu wissen. Das schlimmste am Leben in totalitären Systemen ist das Ratespiel, man ist nie sicher, wer die Informanten sind."
Archiv: Eurozine

Boston Globe (USA), 11.10.2014

Die DDR war ein perfektes Labor für Experimente, schreibt Leon Neyfakh im Boston Globe, und das funktionierte auch noch nach dem Mauerfall. Neyfakh zählt einige Untersuchungen von Wissenschaftlern auf, die die Bevölkerungen Ost- und Westdeutschlands vergleichen, etwa eine Untersuchung der Ökonomen Helmut Rainer und Thomas Siedler, die den Einfluss des Lebens unter der Diktatur und der allgegenwärtigen Stasi ermittelte: "Nach ihrer Analyse vertrauten Ostdeutsche ihren Gesprächspartnern weit weniger als andere Gruppen. Ihr Misstrauen verschwand auch nur langsam, nachdem die Stasiherrschaft endete. Als die Forscher Daten des Jahres 2002 verglichen, wurde deutlich, dass sie auch nach mehr als einem Jahrzehnt Demokratie nicht vertrauensvoller waren."
Archiv: Boston Globe

Bookforum (USA), 07.10.2014

Walter Isaacson legt nach seiner Biografie über Steve Jobs einen Band über jene "Innovatoren" vor, die die Entwicklung des Computers und des Internets vorantrieben. Ein höchst lesenswertes Buch, findet Jacob Silverman im Bookforum, aber mit Einschränkungen, zum Beispiel in der nur untergründig mitschwingenden Frage des militärischen Anteils in dieser Geschichte: "Der Gedanke, dass einige der bedeutendsten Technologien nicht nur am Rande mit der stets mahlenden amerikanischen Kriegsmaschine zu tun haben, sondern aktiv von ihr finanziert und designt wurden, mag unbequem sein. Ihn zu akzeptieren - wie es etwa Steve Blank getan hat, der Tech-Veteran und Autor der populären Online-Vorlesung über "Die geheime Geschichte des Silicon Valley" - würde auch die üblichen Hosiannas auf die digitalen Bahnbrecher ein wenig dämpfen und den Raum für ein paar härtere Fragen öffnen."
Archiv: Bookforum

Quietus (UK), 19.10.2014

Auch hierzulande hat Teju Cole mit seinem New-York-Flanier-Roman "Open City" für Aufsehen gesorgt. Nun ist in den USA sein zweites Buch, "Every Day is for the Thief", erschienen, ein mit vielen Parallelen zum Debüt durchwirkter Roman über einen New Yorker, der Nigeria durchstreift. Damit verfolgt der selbst in Nigeria aufgewachsene Cole ein klares Anliegen, wie er im Interview mit Nathalie Olah erklärt: "Ich gelange immer wieder zur der Ansicht, dass Nigeria ein Land von der Größe Frankreichs mit 122 Millionen Einwohnern ist. Und ich glaube, rein rechtlich gesehen, sollte ein Land dieser Größe eine Stimme in der Welt haben. In den USA gibt es vielleicht doppelt soviel Leute und von denen hören wir sicher eine Menge. Wieso? Als Menschen sind sie nicht wichtiger. Es gibt weniger Franzosen als Nigerianer. Auch weniger Briten und von denen hören wir auch eine Menge. In diesem Sinn habe ich einen sehr klaren Ansatz, was Rechte und Gleichberechtigung betrifft, und er lautet: Jede nigerianische Person sollte genauso wichtig sein wie jede andere Person."
Archiv: Quietus

Telerama (Frankreich), 20.10.2014

Der Mythos von der vielversprechenden Jugend, die Hoffnung für die Zukunft macht, schleift sich ab. Das meint jedenfalls die Historikerin Ludivine Bantigny, die viele Klischees über die Jungen für schlicht nicht zutreffend hält. Im Gespräch mit Michel Abescat erklärt sie, warum es wenig sinnvoll sei, von "der" Jugend zu sprechen, da es sich dabei um einen schwankenden Begriff handele, der keineswegs zu jeder Zeit oder in jeder Gesellsckaft existiert habe. Kritisch sieht sie auch den behaupteten "Generationskonflikt", jedenfalls ins unseren heutigen Gesellschaften: ""Riss" und "Generationskonflikt" sind starke Begriffe und Synonyme für Kluft, Opposition, Feindseligkeit. Die wahren Gräben verlaufen nicht zwischen Generationen, sondern eher bei der gesellschaftlichen und beruflichen Zugehörigkeit oder auf der Ebene des Bildungsabschlusses. Sie bilden die Trennungslinien innerhalb der Jugend, genau wie in der gesamten übrigen Gesellschaft. Nicht die Zugehörigkeit zu verschiedenen Generationen."
Archiv: Telerama

Espectador (Kolumbien), 19.10.2014

Héctor Abad, der eigentlich die neueste Ausgabe des Wörterbuchs der Königlichen Spanischen Akademie feiern möchte, nutzt die Gelegenheit, um die Wikipedia hochleben zu lassen: "Wenn ich mir nur eine einzige Website (ich hab"s nachgesehen: auch dieses Wort steht im neuen Wörterbuch der Akademie) auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte, würde ich Wikipedia auswählen. Ich weiß, gebildete Menschen verachten Wikipedia. Allerdings vermute ich, eine Art Neid ist der Grund dafür, dass sie so viel daran auszusetzen haben und so große Gefahren darin sehen. Ich, der ich nicht besonders gebildet bin, hege die gleiche Verehrung für Wikipedia wie die Schriftsteller früherer Zeiten für die Encyclopaedia Britannica (die ich ebenfalls besitze, aber fast nie mehr aufschlage, unter anderem weil zum Beispiel in meiner Ausgabe der heutzutage unverzichtbare Begriff Ebola nicht auftaucht). Meine Wikipedia-Verehrung geht soweit, dass ich monatlich einen Obulus (hat nichts zu tun mit Ebola) dafür spende, dass es mich von meiner eselhaften Dummheit befreit."
Archiv: Espectador
Stichwörter: Hector Abad, Wikipedia

HVG (Ungarn), 08.10.2014

Der junge Schriftsteller Márton Gerlóczy (33) arbeitet gegenwärtig an einem Drehbuch für Szabolcs Hajdus Verfilmung des Dostojewski-Klassikers "Der Spieler". Im Interview mit Tamás Ligeti Nagy erklärt Gerlóczy, warum er sich für Schriftsteller zuletzt interessiert: "Mich kümmern Erfolgsmeldungen oder Auszeichnungen nicht. Für mich ist der Nachhall des Erfolgs interessant. (...) Ich suche die Gesellschaft der Schriftsteller nicht. Natürlich habe ich Freunde die zugleich Schriftsteller sind, aber ich gründe keine Kreise und organisiere keine Lesungen. Ich mag die Schriftsteller, die Schriftsteller nicht ausstehen können. Ich laufe gerne verkleidet herum und nicht mit einem Schriftsteller-Nummernschild auf meinem Hintern."
Archiv: HVG
Stichwörter: Marton Gerloczy

Virginia Quarterly Review (USA), 21.10.2014

Armut, Krieg und Leid machen die Menschen nicht barmherziger. Diese Erfahrung machen viele Helfer in Syrien, erzählt Joshua Hersh in einer großen, von Danijel Žeželj illustrierten Reportage. Oft sind die Helfer Teil des Problems, aber oft scheitern sie auch einfach an menschlichen Schwächen. Ein Helfer aus Syrien, Hersh nennt ihn Abu Gharbeh, erklärt das an einem Beispiel: Eine Hilfsorganisation lieferte 2013 ungeplant Schuhe in einem Flüchtlingslager aus: ""Sie lieferten drei- oder viertausend Paar Schuhe, brachten sie in ein Depot und verteilten sie von dort aus einfach aus dem Fenster heraus", erzählt er. "Es herrschte totales Chaos, es war keine besonders intelligente oder würdevolle Handhabung." Die Verteilungsaktion geriet schnell außer Kontrolle, und Abu Gharbeh beobachtete, wie die Kinder vorn Schuhe einsammelten, nach hinten liefen und sie dann an Leute verkauften, die sich nicht durchkämpfen konnten. Ein paar Tage später sah er, als er durch das Camp ging, wie Dutzende von Schuhen auf dem Markt verkauft wurden. "Es zeigt sehr gut", meint er, "wie das ganze System funktionierte oder eben nicht"."
Stichwörter: Flüchtlingshilfe, Syrien