Magazinrundschau - Archiv

The Boston Globe

17 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 13.10.2015 - Boston Globe

Der israelische Historiker Gabriel Gorodetsky konnte sein Glück kaum fassen, als ihm bei der Recherche in einem Moskauer Archiv das unzensierte Tagebuch Iwan Maiskys in die Hände fiel, russischer Botschafter in London zwischen 1932 und 1943. Maisky war nicht nur ein exzellenter Beobachter, sondern auch ein hervorragender Autor, was die Lektüre zu einem Vergnügen macht, so Gorodetsky. Eine seiner Beobachtungen galt Joseph Kennedy, Vater von John F., damals amerikanischer Botschafter in London: "Während der Schlacht um Britannien schätzte Kennedy laut Maisky "die britischen Aussichten düster ein. Er bezweifelt, dass England allein einen langen Krieg durchstehen würde. Er akzeptiert die Möglichkeit einer deutschen Invasion der Inseln. Er hält es für fast unabwendbar, dass England durch Luftangriffe fast völlig zerstört wird. ... Kennedy schalt die britische Regierung, weil sie im letzten Jahr nicht zu einem Einverständnis mit der Sowjetunion gelangt war und nannte die oberen Klassen der britischen Gesellschaft "völlig verrottet". Ein ziemlich unerwartetes Urteil von einem Mann seiner Statur!""

Magazinrundschau vom 20.10.2014 - Boston Globe

Die DDR war ein perfektes Labor für Experimente, schreibt Leon Neyfakh im Boston Globe, und das funktionierte auch noch nach dem Mauerfall. Neyfakh zählt einige Untersuchungen von Wissenschaftlern auf, die die Bevölkerungen Ost- und Westdeutschlands vergleichen, etwa eine Untersuchung der Ökonomen Helmut Rainer und Thomas Siedler, die den Einfluss des Lebens unter der Diktatur und der allgegenwärtigen Stasi ermittelte: "Nach ihrer Analyse vertrauten Ostdeutsche ihren Gesprächspartnern weit weniger als andere Gruppen. Ihr Misstrauen verschwand auch nur langsam, nachdem die Stasiherrschaft endete. Als die Forscher Daten des Jahres 2002 verglichen, wurde deutlich, dass sie auch nach mehr als einem Jahrzehnt Demokratie nicht vertrauensvoller waren."

Magazinrundschau vom 26.07.2011 - Boston Globe

Leon Neyfakh porträtiert den am MIT lehrenden Linguisten Michel DeGraff, der ein originelles Programm hat, um den Kindern seiner Heimat Haiti Französisch beizubringen: Sie müssen erst Kreolisch lernen. Tatsächlich wird von den Kindern erwartet, dass sie an den haitianischen Schulen von vornherein auf französisch lernen - was sie gar nicht können, weil sie in Kreolisch - einer Mischsprache aus dem Französischen und allen möglichen anderen Einflüssen - aufwachsen. Linguisten haben das Kreolische längst als eigenständig anerkannt, aber das gilt nicht für die Eliten in Haiti und seltsamerweise auch nicht für den Rest der Bevölkerung.. "Die Alternative ist, die Kinder zuerst in Kreolisch das Lesen und Schreiben zu lehren und ihnen das Basiswissen in der Sprache zu geben, die sie sprechen. Dann können sie Französisch als Fremdsprache lernen. Diese Vision wird von langjährigen Erkenntnissen der Sprachwissenschaft und Pädagogik gestützt, die zeigen, dass Kinder wesentlich leichter lernen, wenn sie zuerst in ihrer Muttersprache schreiben lernen."

"We?re not going to Congress to ask for a penny", sagt Robert Darnton im Gespräch mit Richard Beck über sein Projekt einer nichtkommerziellen digitalen Bibliothek, die möglichst sämtliche Bücher der Welt umfasst. Bisher scheint er aber nur amerikanische Stiftungen gewonnen zu haben, die das Projekt mitfinanzieren. Interessant ist jedenfalls, dass Darnton sein Projekt ausschließlich als amerikanisches Projekt darstellt - und dass er bei den "verwaisten Büchern", deren Rechte noch nicht ausgelaufen sind, auf die gleichen Schwierigkeiten stößt wie Google Book Search: "Es gibt einige Ideen, dass man Bücher mit noch daran hängenden Copyrights 'verleiht'. Ich glaube, Harper Collins verfolgte ein Modell, nach dem man digitale Kopien von Büchern 26 mal verleihen kann, bevor sie sich zerstören. Ich weiß noch nicht, wie wir damit umgehen werden. Es ist ein enormes Problem."
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Magazinrundschau vom 21.06.2011 - Boston Globe

In Mekka steht seit einem Jahr der höchste Uhrenturm der Welt mit der größten Uhr (mehr in den Stadtnachrichten Wangen). Dort schlägt jetzt die Mecca-Time - das heißt, es soll Mittag sein, wenn die Sonne über den heiligen Stätten im Zenith steht, was die Mittagszeit gegenüber dem geltenden Stundenrhythmus der Greenwich Mean Time um 21 Minuten verschieben würde. Für Adam Barrows ist die arabische Diskussion Anlass daran zu erinnern, dass die GMT zu Beginn keineswegs unumstritten war und sich erst nach dem Ersten Weltkrieg durchsetzte. Vorher war etwa in Dublin 25 Minuten nach London Mittag, und auch die Franzosen sträubten sich: "Das Greenwich Observatorium wurde als Mittelpunkt der globalen Zeit Ziel politischer Proteste und sogar terroristischer Akte. 1894, am zehnten Jahrestag der Washingtoner Konferenz, die die Vereinheitlichung der Zeit beschlossen hatte, ließ ein französischer Anarchist namens Martial Bourdin eine Bombe im Park hochgehe und sprengte sich gleich selbst mit in die Luft."

Magazinrundschau vom 30.11.2010 - Boston Globe

"Information overload" ist überhaupt nichts Neues, schreibt Ann Blair, Autorin eines Buchs zum Thema. Schon nach der Erfindung des Buchdrucks schlugen die Leute die Hände über dem Kopf zusammen. Als ein früher Medienkritiker erwies sich Erasmus von Rotterdam: Drucker, sagte er, "füllen die Welt mit Pamphleten und mit Büchern, die verrückt, ignorant, bösartig, polemisch, unfromm und subversiv sind. Die Flut ist so groß, dass sogar Dinge, die gut sein könnten, alles Gute einbüßen." Aber, so Blair, "um dieser Herausforderung zu begegnen, entwickelten Drucker und Gelehrte Instrumente, um die Textflut zu managen - Instrumente, die Informationen in Listen und Sortierungen ordneten, verschlagworteten, kompilierten und auswählten." Suchmaschinen und Perlentaucher sozusagen.

Magazinrundschau vom 21.09.2010 - Boston Globe

Craig Fehrmann untersucht das Schicksal von Privatbibliotheken verstorbener Schriftsteller. Ausgangspunkt seiner Recherche war der Versuch der Fangemeinde des experimentellen Schriftstellers David Markson, dessen nach seinem Tod über New Yorker Buchhandlungen verstreute Bibliothek - rund 2500 Bände - wieder lückenlos zusammenzutragen. "Was die Fans von Markson verblüffte, war die merkwürdig verwirrende Welt von Schriftstellerbibliotheken. Die meisten Leute glauben sicherlich, dass diese von Bedeutung sind, dass es Wissenschaftlern und Lesern wichtig ist zu wissen, welche Bücher Autoren gelesen haben, was sie darüber dachten und was sie hineingekritzelt haben. Doch die bei weitem meisten Privatbibliotheken werden aufgelöst statt bewahrt. Tatsächlich steht David Markson nun auf einer langen repräsentativen Liste von Schriftstellern, deren Bibliotheken zügig aufgeteilt wurden. Herman Melvilles Bücher? Ein Buchladen erwarb für 120 Dollar eine Auswahl und schredderte die theologischen Titel für die Papierpresse ... Und die von Ernest Hemingway? Bis auf den heutigen Tag sitzen alle 9.000 Titel in seiner kubanischen Villa fest."

Außerdem beschreibt Riddhi Shah ein weltweit einzigartiges und äußerst erfolgreiches Alphabetisierungsprogramm eines Städtchens an der indischen Westküste, das mit Musikvideos und Karaoke arbeitet.

Magazinrundschau vom 07.09.2010 - Boston Globe

Städte haben sich eigentlich immer nur um "smartes Wachstum" gekümmert. Aber erstmals in der Weltgeschichte nimmt die Stadtbevölkerung ab. Schlaue Städteplaner denken daher über "smartes Schrumpfen" nach. Nicht nur in Ostdeutschland, auch in Amerika!, verkündet Drake Bennett. "In den vergangenen 50 Jahren hat die Stadt Detroit mehr als die Hälfte seiner Einwohner verloren. Ebenso Cleveland. Und sie stehen nicht allein da: Acht der 1950 zehn größten Städte der USA, inklusive Boston, haben seitdem mindestens zwanzig Prozent ihrer Bevölkerung verloren. Doch während Boston in den letzten Jahren diesen Schwund ein wenig ausgleichen und sich selbst zum Hort einer blühender Angestellten-Ökonomie entwickeln konnte, zeigen die weitaus drastischen Verluste in Detroit, Youngstown, Ohio, oder Flint, Michigan - Verluste an Menschen, Jobs, Geld und sozialen Bindungen - keine Anzeichen einer Kehrtwende. Die Immobilienkrise hat diesen Prozess nur beschleunigt."

Magazinrundschau vom 10.08.2010 - Boston Globe

In den USA ist bei Einstellungen die Diskriminierung wegen Geschlecht, Rasse oder Ethnie verboten. In letzter Zeit gibt es aber immer mehr Diskriminierung - vor allem von Frauen - aufgrund des Aussehens, berichtet die Juraprofessorin Deborah L. Rhode anhand von Beispielen. Sie fordert daher ein Gesetz, dass die Ablehnung eines Bewerbers wegen seines Aussehens verbietet. "Weibliche Arbeitskräfte können bestraft werden, weil sie zu attraktiv sind und dann wieder weil sie nicht attraktiv genug sind. In gehobenen Positionen werden schöne oder sexy Frauen Opfer dessen, was Sozialwissenschaftler den 'Bimbo'-Effekt nennen - ihre Kompetenz wird bezweifelt und ihr Professionalismus abgewertet. Ältere Frauen werden ebenfalls an einem Doppelstandard gemessen und stecken in einer Zwickmühle. Männer können vornehm aussehen, wenn sie altern, sie können in Würde ergrauen. Aber Frauen in einem bestimmten Alter wird oftmals bedeutet, an ihnen müsste 'gearbeitet' werden. Fernsehzuschauer akzeptieren einen Larry King, aber kein weibliches Pendant. Zugleich riskieren Frauen, die den schöngezeichneten Idealen der Gesellschaft zu entsprechen versuchen, lächerlich gemacht zu werden. Man wirft ihnen vor, eitel und narzisstisch zu sein und sich zu sehr anstrengen, jung auszusehen."
Stichwörter: Diskriminierung, Rasse

Magazinrundschau vom 13.07.2010 - Boston Globe

Es ist eine Tatsache, dass keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden wurden. Trotzdem glauben viele Leute, dass es diese Waffen im Irak gab. Woran liegt das? Joe Keohane untersucht das bekannte, aber doch immer wieder verstörende Phänomen, dass Fakten kaum jemanden von falschen Überzeugungen abbringen können. Ein Phänomen, das man bei Rechten, Linken und Unpolitischen findet, bei Ungebildeten ebenso wie bei Gebildeten: "Eine 2006 veröffentlichte Studie von Charles Taber und Milton Lodge von der Stony Brook Universität zeigte, dass politisch anspruchsvolle Denker noch weniger für neue Informationen aufgeschlossen sind als weniger anspruchsvolle. Diese Leute mögen in 90 Prozent aller Fälle Recht haben, aber ihr Selbstbewusstsein macht es ihnen nahezu unmöglich, die zehn Prozent zu korrigieren, in denen sie absolut falsch liegen."
Stichwörter: Irak

Magazinrundschau vom 20.04.2010 - Boston Globe

Erfindungen sind schön und gut, meint Drake Bennett im Boston Globe, aber Nachahmungen, erklärt ihm Oded Shenkar, Professor für Management und Autor des Buchs "Copycats: How Smart Companies Use Imitation to Gain a Strategic Edge", sind mindestens genauso wichtig. "Wir mögen Imitationen als den bequemen Weg herabsetzen - vor allem verglichen mit wegweisenden Erfindungen - aber es gibt auch eine Kunst des guten Kopierens. Wissenschaftler, die die Dynamik sozialer Systeme modellieren, haben herausgefunden, dass die Frage, wie man kopiert und wann, den entscheidenden Unterschied macht zwischen demjenigen, der seine Konkurrenten überholt, und demjenigen, der als blasser, imitierender Mitläufer abgeschrieben wird. 'Es passiert nicht einfach so, man muss wissen, wie man es macht', sagt Shenkar. 'Was für Innovationen gilt, gilt auch für Imitationen: Man muss es richtig machen.'"
Stichwörter: Boston, Drake, Nachahmung