Fotolot

Das reale Blut

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
10.06.2026. Gibt es eine Refeudalisierung in der Kunst? Anschließend an meine Kolumne zu Martin Warnkes Geschichte der "Hofkünstler"stellt sich die Frage, wie Macht und Kunst sich heute organisieren. Nehmen wir die "Rebellin" Florentina Holzinger, die den größten Hype auf der Biennale Venedig erzeugte - vertreten wird sie aber von einer jener Galerien, die die heute so typische Mischung aus VIP-Lounge und markenorientiertem Fertigungsbetrieb betreibt. Das heißt nicht, dass einige ihrer Arbeiten nicht großartig sind.
Unter den Reaktionen, die ich auf meinen Text zu Martin Warnkes Geschichte der "Hofkünstler" bekam, war auch eine von Perlentaucher-Chef Thierry Chervel, der meinte, die Kunst sei "in einem Zustand, in dem sie keine Rebellion mehr anzetteln" kann, und in dieser Hinsicht "überflüssig" geworden. Dennoch müsste man "über den Neofeudalismus in der Kunst weiter nachdenken".

Etwas, das ich an einem ausgewählten Beispiel tun möchte, bevor es in der nächsten Ausgabe von "Fotolot" zur "Triennale der Photographie" nach Hamburg geht. 

Diskussionen, wie sie vor über zehn Jahren noch um Bücher wie "Geld frisst Kunst" von Georg Seeßlen und Markus Metz oder "Siegerkunst" von Wolfgang Ullrich geführt wurden, würden heute nur noch ein Achselzucken hervorrufen, als hoffnungslos aus der Zeit gefallene "Boomer"-Attitüde abgetan. 

Stattdessen ist die von Guy Debord in seinem gleichnamigen Buch prognostizierte "Gesellschaft des Spektakels" fünfzig Jahre nach dessen Erscheinen umfassend Wirklichkeit geworden. Bei aller oberflächlichen Heterogenität und Diversität ist die Gesellschaft für Debord eine perfekt organisierte Maschine, "Opposition nur simuliert". "Das ganze Leben der Gesellschaft erscheint als eine ungeheure Ansammlung von Spektakeln. Alles, was einmal unmittelbar erlebt wurde, ist in eine Vorstellung entwichen." 

Die Totalität des Spektakels bei gleichzeitiger Simulation von Opposition gab und gibt es gerade bei einem Großereignis zu besichtigen. 

Auf der Biennale in Venedig wird der österreichische Beitrag von Florentina Holzinger abgefeiert. In der Eröffnungsveranstaltung ihres venezianischen Event-Parcours "Seaworld Venice" gibt Holzinger den Klöppel in einer Glocke, die von einem Kran aus dem Wasser in die Höhe gezogen wird, eine Variation ihrer "Kranetude" vom Berliner Müggelsee 2023.

In einem gefluteten Pavillon dreht eine nackte Frau auf einem Jetski ihre Runden. In einem gläsernen Container treiben nackte Frauen mit Sauerstoffgerät in chemisch aufbereitetem Urin, eine Installation, die ästhetisch an Holzingers "Ophelia's got Talent" an der Berliner Volksbühne 2022 erinnert. 

Als es an der Stuttgarter Oper 2024 im Zuge einer Hindemith-Oper zu vereinzelter Übelkeit im Publikum und einem Arzt-Einsatz kommt, schäumt die Bild: "Sex-Szenen schocken Opernpublikum" - dabei waren es wohl eher das reale Blut, das auf der Bühne zum Einsatz kam, und dessen strenger Geruch.

Holzinger bedient in einer Reaktion darauf ihre Klientel und spricht von einer "klassischen Verteufelung von weiblicher Sexualität". Gleichzeitig ist sie für den Aktivismus-Kitsch, dem das in Wahrheit brave deutsche Feuilleton huldigt, schlicht zu smart: "Wir machen in einem extrem kontrollierten Rahmen Dinge, die zwar brutal wirken können, aber in einem klaren kunsthistorischen Kontext stehen." 

© Bernhard Holub


Die Chefredakteurin des Monopol-Magazins, Elke Buhr, nennt "Sea World Venice" eine "radikale Performance über das Überleben in einer kollabierenden Welt". Holzingers Themenpark biete "eine Antwort auf die große Shitshow unserer Zeit".

Absurd - aber darunter macht es das deutsche Feuilleton nicht, erst recht nicht in einer Zeit, in der die Ressourcen für Kunst und Kultur an allen Ecken und Enden wegbrechen, und Marktschreierei daher zur Pflichtübung geworden ist. 

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Holzingers Choreografien sind beeindruckend. Als ich vor knapp zehn Jahren eine Arbeit von ihr in den Sophiensälen gesehen habe, hat mich das unmittelbar angesprochen. Die Körperlichkeit. Die Transgression. Die Bereitschaft, etwas leibhaftig zu riskieren. Über Schmerzgrenzen hinaus zu gehen.

Aufgewachsen am Bauernhof meiner Großeltern, habe ich als Kind Hausschlachtungen miterlebt, das warme Blut des Schweins, das zuvor schöne Jahre im Schatten eines Kirschbaums verbracht hatte, strömte über meine bloßen Füße. Der vernarbte Unterschenkel meines Großvaters kündete von der lebensgefährlichen Forstarbeit, die er selbst im Winter zu verrichten hatte. Wenn wir Cowboy und Indianer spielen, waren die Pfeile der Indianer so spitz, dass wir nach Treffern tatsächlich bluteten. All das hat mich eine persönliche Nähe zu Holzingers brachialer Sinnlichkeit empfinden lassen.

Dass die Arbeiten als feministisch gelesen wurden, war nachvollziehbar, hat mich aber nicht weiter beschäftigt. Auch deshalb nicht, weil Narrative wie "female gaze" und "body positivity" in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren sowohl die Förderrichtlinien als auch die Feuilletons dominiert und dazu geführt haben, dass bei den unter Vierzigjährigen Stipendien, Preise und Posten inzwischen fast zu zwei Dritteln an Frauen gehen.

Die Verhältnisse im hiesigen Kunstbetrieb bilden dabei die gesellschaftliche Realität jedoch nicht ab, sondern stellen sie vielmehr auf den Kopf. Schließlich erfahren die meisten Frauen weniger Förderung als vielfältige Formen von Benachteilung, ob durch unbezahlte Care-Arbeit, Altersarmut oder Femizid. Dort wäre eine parteien -und geschlechterübergreifende Solidarität politisch und gesellschaftlich zu verorten, und nicht bei ein paar nackten Körpern im "extrem kontrollierten" und mit öffentlichen Geldern finanzierten Schutzraum "Stadttheater". 

Höhepunkt in Holzingers Oeuvre bleibt für mich "Tanz" (2019), ein großartiges, akrobatisches Ballet mit an der Decke hängenden Motorrädern

© Nada Zgank


In den letzten Jahren gab es an der Volksbühne Variationen des bereits Erreichten, das in der Wahl der Mittel zu einem immer größeren Spektakel aufgeblasen wurde - die Schlange vor Holzingers Event in Venedig legt davon Zeugnis ab. Debord: "Die durch das Spektakel prinzipiell geforderte Haltung ist diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen, faktisch erwirkt hat."

Obwohl Holzinger europaweit Preise und Förderungen abgesahnt hat, darf man gespannt sein, wie es bei ihr nun weitergeht, da sie rechtzeitig zur Biennale von der Groß-Galerie Thaddäus Ropac - der übliche Hybrid aus VIP-Lounge und markenorientiertem Fertigungsbetrieb - vertreten wird. Einerseits bedeutet das, dass so gut wie alles, was man macht, im Hochpreissegment durchgewinkt wird. Gleichzeitig ist es - nicht anders als bei Gagosian oder Hauser und Wirth - meist das Ende jedes ernsthaften oppositionellen und kritischen Geistes, jeder wirklichen politischen und gesellschaftlichen Relevanz. All das, was Holzinger - ob zu Recht oder zu Unrecht - zugeschrieben wird, verkommt in so einem Kontext schnell zum dekorativen Feigenblatt.

Es ist nun mal so, dass die aktivistische Geste längst fester Bestandteil des Feudalsystems "Kunst" ist, und dass seit den neunziger Jahren alles, was sich an Sub- und Protestkulturen potenziell umsatzrelevant hervortut, nicht mehr - wie noch in den Sechziger Jahren - bekämpft, sondern vielmehr integriert und monetarisiert wird. 

Man darf gespannt sein, ob und wie Holzinger der künstlerischen Zombifikation à la Hirst oder Koons entkommen kann. Aber vielleicht sollte man sie einfach beim Wort nehmen: "Aus meiner Perspektive hab' ich überhaupt keine rebellische Energie."

Warum auch nicht? Schließlich "will es das Spektakel zu nichts anderem bringen als zu sich selbst".

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de
 
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