Magazinrundschau

Fieser kleiner Angeber

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
25.08.2009. Atemlos beschreibt der ungarische Autor Janos Hay in Eurozine seinen Aufenthalt in Indien. Frontline hat ein umfangreiches Dossier über Ehrenmorde bei Hindus und Sikhs zusammengestellt. Als krude Mischung aus Sexismus und Rassismus geißelt The Nation die Behandlung der südafrikanischen Athletin Caster Semenya. In Osteuropa erzählt Michail Ryklin, wie Walter Benjamin den Hitler-Stalin-Pakt aufnahm. Wie man in New York mit unfähigen Lehrern umgeht, beschreibt der New Yorker. In HVG plädiert der Soziologe Andras Kovats für eine neue Einwanderungspolitik in Ungarn. Das New York Times stellt fest: Wenn arme Frauen zu Geld kommen, hilft das nicht ihren Töchtern.

Eurozine (Österreich), 24.08.2009

Dieser Text fegt einen von den Füßen. Der ungarische Schriftsteller Janos Hay war in Indien und beschreibt seine Eindrücke. In der englischen Übersetzung von Judith Sollosy hat der Text ein irres Tempo. Hier der Anfang: "If you can't stand others encroaching on your space, breaking through the wall that you're used to having between you and them, you lose. If you can't stand others touching you, handling you, laying their hands on your shoulders, so that when they retreat, there is nothing but smoke and noise that comes between you, you lose. You're standing on Chandni Chawk, the market of old Delhi, a loser, the sounds assault your brain, and as the muezzin chants, you can't even remember where you're headed. It's coming from a loudspeaker. Apparently, the old-style religion does not frown upon this new-style technical assistance. You see the demarcation line between the Hindu and the Muslim Delhi as the sound breaks through it from time to time. Of course, terrorists also want to violate borders now and then, so the public buildings are protected by soldiers equipped with machine guns crouching behind sandbags, watching over what, as the Mumbai attacks prove, appears to be public safety. You are suddenly scared, anything can happen anywhere, but if you're scared, you lose."

Nur ein anderer längerer Text (auf Englisch) von Janos Hay findet sich noch im Netz: die Erzählung "The Sun", die in der European Cultural Review veröffentlicht wurde. Auf Deutsch ist von Hay nur ein lange vergriffenes Buch bei Amazon zu finden.
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Amazon, Noise, Delhi

Frontline (Indien), 15.08.2009

Frontline hat ein dickes und überaus informatives Dossier zu "Ehrenmorden" in Indien zusammengestellt. Und nein, hier geht es nicht um Muslime und die Opfer sind Männer ebenso wie Frauen. "Ehrenmorde" gibt es vor allem in den nordwestlichen, von Jats bewohnten Bundesstaaten Indiens. Die Jats sind eine ethnische Volksgruppe und in Indien (es gibt sie auch in Pakistan) zumeist Hindus oder Sikhs. Inoffiziell werden sie in ihren Dörfern von selbsternannten Kasten-Fünferräten (Caste panchayats, mehr hier) regiert, die über die Einhaltung sozialer und traditioneller Regeln wachen. Dazu gehören vor allem die unglaublich komplizierten Regeln fürs Heiraten, erklären V. Venkatesan und T.K. Rajalakshmi am Beispiel eines Dorfes in Haryana (Karte): "Nach dem 'Bruderschafts'-Prinzip in dem die khaps sich selbst organisieren, darf es keine Heiraten zwischen verschiedenen Kasten geben. Innerhalb einer Kaste darf es keine Heiraten zwischen Menschen des selben Gotras (Klans) geben. Und selbst wenn sie aus verschiedenen Gotras stammen, dürfen Menschen nicht heiraten, die aus dem selben Dorf oder angrenzenden Dörfern stammen." Es versteht sich, dass unter solchen Bedingungen Braut und Bräutigam sich gar nicht kennen können, sondern in von den Alten arrangierte Ehen mit Fremden getrieben werden. Tausende junge Paare, die sich diesen Regeln widersetzten - einige Beispiele werden in dem Artikel beschrieben - wurden von einem solchen Fünferrat zum Tode verurteilt, vom Dorfmob gelyncht und ihre Verwandten bedroht und verjagt.

Weitere Artikel: Wie hoch die Anzahl der "Ehrenmorde" genau ist, weiß niemand, erklärt Brinda Karat, Parlamentsabgeordnete der Kommunistischen Partei Indiens, im Interview. Ihre Anfrage im Parlament wurde mit der Antwort beschieden, "dass es eine solche Kategorie nicht gebe und deshalb auch keine Daten darüber erhoben würden". Der Politologe Ranbir Singh erklärt die historischen und politischen Hintergründe der Khap panchayats. Die Juristin und Frauenrechtlerin Kirti Singh erklärt im Interview, warum diese "Ehrenmorde" Ausdruck einer "tiefen Verachtung für die Wünsche junger Menschen" sind, und sie fordert ein spezielles Gesetz "dass diese Morde als Gemeinschaftsmorde betrachtet und auch die Panchayats dafür verantwortlich macht und bestraft". Venkitesh Ramakrishnan berichtet über einige barbarische Morde an jungen Paaren (die Opfer wurden in Stücke gehackt) im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh (Karte) und beschreibt das Schweigen, dass diese Morde umgibt: Nicht nur die Dörfler, auch die politischen Parteien wollen sich nicht dazu äußern. Vor allem wollen sie nicht zugeben, dass ein Caste panchayat "eine ungesetzliche Einrichtung ist, die keine rechtsstaatliche Gültigkeit beanspruchen kann". T.K. Rajalakshmi zitiert verschiedene Gerichtsentscheidungen, die sich mit "Ehrenmorden" befassen.

Und S. Dorairaj hält fest, dass es "Ehrenmorde" nicht nur im Norden Indiens gibt, sondern auch in dem an der Südostspitze Indiens gelegenen Bundesstaat Tamil Nadu (Karte). Hier sind allerdings fast immer Frauen die Opfer. Und dann gibt es noch eine lokale Besonderheit: Nach ihrer Ermordung erklärt man die Frauen zu Göttinnen. "S. Madasamy, ein ehemaliger Koordinator der 'Arivoli Iyakkam' (Alphabetisierungs-Bewegung), der eine großflächige Studie über die Geschichte wenig bekannter Göttinnen durchgeführt hat, sagt, Ehrenmorde gebe es hier noch immer, und sie würden zumeist von intoleranten Verwandten von Frauen begangen, die ihr Leben selbst bestimmen und selbst einen Partner hatten wählen wollen. Um der Polizei und juristischen Nachforschungen zu entgehen, verherrlichen die Täter ihre Opfer, indem sie in den Dörfern einen 'putam' errichten, einen Erdhügel oder einen kleinen Bau aus Backsteinen, um sie dann als Göttinnen zu verehren, sagt er. ... Die Verehrer und Priester dieser Tempel behaupten, dass die vergötterten Frauen aufgrund übernatürlicher Kräfte verschwunden seien und nicht ermordet wurden." Madasamy hat in den 1990ern über 300 solcher Altäre gefunden.
Archiv: Frontline
Stichwörter: Ehrenmord, Ehrenmorde, Heirat

The Nation (USA), 21.08.2009

Man kann darüber diskutieren, ob sportliche Wettbewerbe weiter nach Geschlecht getrennt durchgeführt werden sollen. Aber die Art, wie die südafrikanische Athletin Caster Semenya behandelt wird, ist unter aller Kanone, finden Dave Zirin und Sherry Wolf. "Seit es Frauensport gibt, wurde die Beschreibung der besten Athletinnen als 'Mannsweiber' durchgängig dazu benutzt, sie herabzusetzen. Als Martina Navratilova das Frauentennis dominierte und stolz ihren gemeißelten Bizeps entblößte - das war Jahre bevor Hollywood Mädels mit Kanonen feierte - beschwerten sich Spieler, dass bei ihr 'irgendwo ein Chromosom lose sein müsse'. Ein Minenfeld aus Sexismus und Homophobie hat jahrzehntelang Athletinnen in Magazine wie Maxim getrieben, wo sie ihre Sexyness und damit implizit ihre Heterosexualität beweisen wollten. Vor allem in der Leichtathletik war man immer vom Geschlecht besessen, vor allem, wenn Rassismus im Spiel war. Vor fünfzig Jahren schlug der IOC-Vertreter Norman Cox vor, das Internationale Olympische Komitee solle für schwarze Frauen 'eine spezielle Wettbewerbs-Kategorie einrichten - diese unfair bevorzugten Hermaphroditen'."
Anzeige
Archiv: The Nation

Osteuropa (Deutschland), 15.07.2009

Aus dem sehr interssanten Osteuropa-Heft zum Hitler-Stalin-Pakt sind jetzt einige Artikel online zu lesen. Unter anderem beschreibt der russische Philosoph Michail Ryklin, welch Schock der Pakt für Walter Benjamin war (Kollektivierung, Schauprozesse und Großer Terror hatten ihn noch nicht vom Kommunismus abgebracht): "Walter Benjamin lebte damals in Paris, in einer winzigen Wohnung in der Rue de Dombasle. Ein Jahr vor dem Hitler-Stalin-Pakt hatten die Nationalsozialisten ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen... Benjamins Reaktion auf den Hitler-Stalin-Pakt beschreibt der Schriftsteller Soma Morgenstern, der nach dem Anschluss Österreichs an das Reich aus Wien nach Paris geflohen war, in zwei Briefen an Gershom Scholem. Der erste datiert vom 2. November 1970 und gibt eine Vorstellung von der Verfassung Benjamins unmittelbar nach Bekanntwerden des Pakts - und vom Ursprung seiner Thesen 'Über den Begriff der Geschichte'. 'Nach dem Hitler-Stalin-Pakt war Benjamin so niedergeschlagen, dass er fast täglich zu mir kam, um Trost zu suchen, den ich ihm nicht geben konnte, vor allem, weil mich dieser Pakt nicht so entsetzt hat wie ihn. Ich habe so etwas zwar nicht Hitler, aber Stalin zugetraut. Nachdem sich Benjamin von dem Schock erholt hatte, bat er mich eines Tages zu sich zum Essen und las mir 'Zwölf Thesen zur Revision des Historischen Materialismus' vor. Ich erinnere mich an die Erste These. Die war über die Schachspielmaschine, die alle Schachmeister besiegt.'"

Online ist auch die Erklärung der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial zu der von Präsident Medwedjew eingesetzte Kommission gegen angebliche Geschichtsfälscher: "Welche Bedeutung die Kommission für den Staat hat, zeigt schon ihre Zusammensetzung. Da finden sich der Inlandsgeheimdienst FSB, der Auslandsnachrichtendienst, der Sicherheitsrat, das Außen- und das Justizministerium, ja sogar der Generalstabschef der Armee. Vorsitzender ist der Chef der Präsidialverwaltung Sergej Naryskin. Die professionellen Historiker unter den 28 Kommissionsmitgliedern kann man an einer Hand abzählen."

Auf der Seite von Eurozine dürfen wir Stefan Troebsts ein wenig verwickelten, aber sehr interessanten Artikel über den Hitler-Stalin-Pakt als lieu de memoire lesen, der vielleicht in Westeuropa und in Russland ignoriert wird, nicht aber in Mittelosteuropa und den baltischen Ländern: "Gewicht und Inhalt des europäischen Erinnerungsortes 'Hitler-Stalin-Pakt' werden also in den verschiedenen Teilen Europas ganz unterschiedlich bemessen und interpretiert. Im Westen herrscht Ignoranz vor, im Osten Verdrängung und in der Mitte wirkt dieser lieu de memoire als weiterhin stark schmerzende gesellschaftliche Narbe."
Archiv: Osteuropa

New Yorker (USA), 31.08.2009

Steven Brill schildert in einem irrwitzigen Report, wie sich die Stadt New York und die Gewerkschaft der Lehrer einen mit allen Bandagen ausgefochtenen Machtkampf über die Frage liefern, was mit unfähigen Lehrern geschehen soll. Vor allem mit denen, die die Stadt in einem "Reassignment Center" quasi als Geisel festhält: "Die Lehrer sitzen durchschnittlich seit drei Jahren im Rubber Room und tun jeden Tag dasselbe, was meistens nichts ist. Unter der Aufsicht zweier privater Sicherheitsleute und zweier Supervisors aus dem Department of Education bedienen sie zur gleichen Zeit die Stechuhr, zu der sie in der Schule sein müssten - von acht Uhr fünfzehn bis halb vier. Wie alle Lehrer haben sie im Sommer frei. Der Vertrag der Stadt mit der Lehrergewerkschaft erfordert, dass die Vorwürfe gegen sie von einem Obmann gehört werden müssen, und bis die Vorwürfe geklärt sind - was ewig dauern kann -, beziehen sie weiterhin ihre Gehälter und sammeln Pensionsansprüche. 'Man weiß nie, wie irrational ein System ist, bis man in ihm gelebt hat', sagt Joel Klein, der Schulkanzler der Stadt."

Uli Edels jetzt auch in den USA angelaufener Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" hat Anthony Lane immer wieder in diesen "gewaltigen Strom europäischer Angst" gerissen und über "fließend Hegelianisch" sprechende Deutsche staunen lassen. Er hat ihn allerdings auch etwas ermattet: "Die moralische Mission des Regisseurs, die ganze Saga auszubreiten, kollidiert schrecklich mit seinem ästhetischen Imperativ, stramm zu erzählen."

Weiteres: Laura Secor erklärt den iranischen Machthabern, dass Schauprozesse nur bedingt wirken, wenn die Angeklagten Vertreter einer Volksbewegung sind. James Surowiecki analysiert die Angst der Amerikaner vor der Gesundheitsreform und anderen Veränderungen des Status quo. Alex Ross lobt die Kunst der Kadenz.
Archiv: New Yorker

Espresso (Italien), 21.08.2009

Italiens Nationalhymne sorgt für das Sommertheater in den Reihen der regierenden Mitte-Rechts-Koalition von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Grund ist ein Vorschlag des für Reformen zuständigen Ministers und Chef der rechtspopulistischen Regierungspartei Lega Nord, Umberto Bossi: Er will Giuseppe Verdis Gefangenenchor "Va' pensiero" aus der Oper "Nabucco" zur Staatshymne befördern. Umberto Eco dreht das Ganze lustvoll weiter und schreibt aus der Zukunft, wie alle 20 Regionen Italiens ihre eigene Nationalhymne bekamen. "Für die Hauptstadt hatte die Lega provokativ 'Roma non far la stupida stasera' (Rom, sei nicht gemein heute abend) oder wenigstens 'Arrivederci Roma' vorgeschlagen, aber die Römer hatten sich 'E mejo er vino de li castelli che questa zozza societa' rausgesucht. Schwieriger war die Entscheidung in Neapel, wo sich die Unterstützer von 'O sole mio' den Fans von 'A Marechiare' gegenübersahen. Sie einigten sich schließlich auf 'Funiculi Funicula'. Aus Platzgründen kürzen wir die anderen Regionen ab, erwähnen nur kurz die Abruzzen mit 'E vola vola vola vola e vola lu pavone' und Sizilien mit 'Ciuri ciuri ciuri di tuttu l'annu, l'amuri ca mi dasti ti lu tornu...'." Italiens aktuelle Nationalhymne ist übrigens Goffredo Mamelis "Fratelli d'Italia".
Archiv: Espresso

London Review of Books (UK), 27.08.2009

Walter Benn Michaels liest einen Sammelband mit dem Titel "Wen interessiert die weiße Arbeiterklasse?" und stellt fest, dass es armen Weißen keinen Deut besser geht als vor den (relativen) Erfolgen antisexistischer und antirassistischer Bewegungen. Der Grund dafür ist recht einfach, wie er findet: "Man kann ganz deutlich feststellen: Die wachsende Toleranz gegenüber ökonomischer Ungleichheit und die wachsende Intoleranz gegenüber Rassismus, Sexismus und Homophobie - von Diskriminierung insgesamt - sind beides fundamentale Charakteristika des Neoliberalismus. Deshalb die außerordentlichen Fortschritte im Kampf gegen Diskriminierung; und eben deshalb haben sie mit linker Politik wenig zu tun. Die wachsenden Ungleichheiten des Neoliberalismus haben ihre Ursache nicht in Rassismus und Sexismus und werden durch Anti-Rassismus oder Anti-Sexismus nicht beseitigt. Es geht mir nicht darum, dass Anti-Rassismus und Anti-Sexismus nicht lobenswert wären. Sondern darum, dass sie im Moment mit linker Politik nichts zu tun haben und dass sie, insofern sie an ihre Stelle getreten sind, durchaus ihre problematischen Seiten haben."

Besprochen werden außerdem Andy Bennetts Geschichte Großbritanniens in den siebziger Jahren "Als die Lichter ausgingen" und Dubravka Ugresis Neuerzählung der Märchen von "Baba Yaga". Peter Campbell hat in der National Gallery die Ausstellung "Corot to Monet: A Fresh Look at Landscape from the Collection" besucht.

HVG (Ungarn), 15.08.2009

Der Soziologe Andras Kovats ist Minderheitenforscher an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und Leiter der Migranten-Hilfsorganisation "Menedek Egyesület". Gergely Fahidi sprach mit ihm über Ungarn als Einwanderungsland und fragte ihn, ob es eine langfristige Einwanderungsstrategie gibt. Antwort: "Wir übernehmen die EU-Normen, in diesem Sinne wird beispielsweise die Einwanderung von hochqualifizierten ausländischen Arbeitnehmern erleichtert, und Ungarn aus den Nachbarstaaten können leichter eingebürgert werden, aber von einer Strategie kann kaum die Rede sein. Auf Ministeriumsebene sind zwar Studien erstellt worden, doch folgerten die oppositionellen Christdemokraten (KDNP) daraus 2007, dass die Regierung Millionen von Asiaten in Ungarn ansiedeln will. Der Skandal erschwerte sogar die weitere wissenschaftliche Arbeit. Ich bin der Meinung, dass der Filter nicht am Eingang installiert werden sollte, das heißt, ich würde eine freie Einwanderungspolitik unterstützen. Es sollte leicht sein, reinzukommen, wenn es sich aber herausstellt, dass sich der Migrant nicht integrieren kann und nur zum blinden Passagier der Gesellschaft wird, dann sollte man ihn wegschicken und schließlich auch abschieben können. Ich würde eine liberale Einwanderungspolitik auf pragmatischer Basis empfehlen, denn es ist mit viel höheren Kosten und einem viel höheren Fehlerpotential verbunden, wenn man den Schwerpunkt auf die Einreisekontrolle setzt, statt auf die Unterstützung des Aufenthalts und der Integration."
Archiv: HVG

Spectator (UK), 22.08.2009

Philip Hensher kniet nieder vor der Kurzgeschichten-Königin Alice Munro und ihrem neuen Band "Too much Happiness". Abgesehen von der "katastrophalen" Titelgeschichte, die im historischen Russland und nicht wie sonst im zeitgenössischen Kanada spielt, findet er beinahe alle Stücke ausgezeichnet. Besonders gut gefallen ihm Munros gemeine Gören. "Kinder sind eines von Munros fruchtbarsten Feldern, und sie hat ein genaues Auge dafür, wie ermüdend, und auch wie gemein - ein ungleich leichteres Thema - sie sein können. In 'Deep Holes' bekommt ein langweiliger, fieser kleiner Angeber von einem Jungen eine schreckliche, aber wohlverdiente Abreibung, die sein ganzes Leben bestimmt. Viele von Munros Geschichten erstrecken sich über eine lange Zeitspanne hinweg, und Munro hat das Talent, überzeugende Erwachsende aus kindlichen Anfängen zu entwerfen."

Kate Williams wappnet sich. Quentin Tarantinos Nazi-Burlesque "Inglourious Basterds", seufzt sie in einem Kommentar, ist das Fanal dafür, auch die schlimmsten Momente der menschlichen Geschichte durch den großen Fleischwolf der globalen Unterhaltungsindustrie drehen zu dürfen. "Als Mel Brooks' 'The Producers' in Berlin anlief, wurden die Beschwerden über die Nazi-Symbole in der Marketingkampagne als letzte übersensible Seufzer einer älteren Generation vom Tisch gewischt. Diejenigen, die den Holocaust eher schmerzhaft als unterhaltsam sehen, werden als alte Garde verstanden. Wenn keiner mehr betroffen ist und das Nachdenken über die Schuld passe ist, dann steht alles zur Verfügung. Was kommt als nächstes - ein Film, der Nazi-Ärzte für ihre Pionierarbeit in der Gentechnik preist?"
Archiv: Spectator

New Statesman (UK), 21.08.2009

Zwanzig Jahre Mauerfall und die Fotografie-Ausstellung "Ostzeit" im Haus der Kulturen der Welt regen Dave Rimmer an, über die Wiedervereinigung von Ost- und Westberlin nachzudenken: "Es scheint, als wäre Berlin einfach noch nicht bereit für ein Wiedervereinigungs-Denkmal. Tatsächlich ist Berlin trotz aller der Vereinigung dienenden Projekte - wie das kommerzielle Zentrum am Potsdamer Platz oder der neue Bahnhof - immer noch eine geteilte Stadt. Ost und West wählen unterschiedlich, haben unterschiedliche historische Erinnerungen und unterschiedliche aktuelle Sorgen. Ein kürzlicher Volksentscheid, der die Zukunft des Flughafens Tempelhof betraf - ein Bauwerk, das wegen der Luftbrücke 1948 für viele Westberliner eine wichtige Rolle spielt - scheiterte an einer zu niedrigen Wahlbeteiligung, weil sich im anderen Teil der Stadt niemand einen Deut um diesen Ort scherte."

Im Aufmacher fassen Maha Atal und Damian Kahya gut verständlich, aber ohne neues hinzuzufügen, den Stand der Besorgnis um Googles dominierende Position im Such- und Anzeigengeschäft zusammen.

Magyar Narancs (Ungarn), 13.08.2009

Kürzlich haben ungarische und ausländische Naziverbände einen (inzwischen verhinderten) Rudolf-Hess-Gedenkaufmarsch in Budapest geplant. "Etwas ist doch grundlegend faul, wenn denen ausgerechnet Budapest als der geeignete Ort für ihren Aufmarsch erscheint", findet die Wochenzeitung Magyar Narancs und fordert eine rasche Entscheidung in Form eines konkreten Gesetzes - wie es auch andere Länder haben -, um solche "Events" ein für allemal zu verhindern: "Solange es kein derartiges Gesetz gibt, können Nazis unser Land als ihre wichtigste Basis betrachten - schließlich können sie hier marschieren wo und wie sie wollen. Die darin liegende Gefahr sollte nicht unterschätzt werden, denn wenn jeder sieht, dass hier Nazis marschieren dürfen, wird es zur Normalität, dass sie hier marschieren und ihre mörderischen Parolen grölen. Dabei weiß doch jeder Mensch, dass an einem ordentlichen Ort keine Nazis marschieren."
Stichwörter: Rudolf Hess, Normalität

Economist (UK), 21.08.2009

Die englischsprachigen Länder haben ein der Verbreitung der Sprache geschuldetes Buchmarktproblem: die in anderen englischsprachigen Ländern erschienenen Ausgaben. Außer in Neuseeland gibt es einen territorialen Schutz. In Australien etwa dürfen Buchhandlungen nur die - in aller Regel deutlich teurere - australische Ausgabe eines Werks verkaufen, sofern diese binnen dreißig Tagen nach der Originalveröffentlichung auf den Markt kommt. Dieser Territorialvorbehalt ist nun stark unter Druck. Nicht nur die Verlage, sondern auch erfolgreiche australische Autoren wie Peter Carey (mehr) sind strikt gegen die Abschaffung: "Der Booker-Preisträger stellt ausdrücklich fest: 'Die australischen Verlage haben meine Karriere als Autor ermöglicht, weil sie meine Bücher veröffentlichten, als sie in London und New York abgelehnt wurden. Sie haben an eine Literatur geglaubt, die Australien für Australier darstellt und uns zugleich vor der Welt repräsentiert.' Die florierende Verlagsindustrie verwendet diese Art kulturnationalistischer Argumente ebenfalls ohne Skrupel."

In weiteren Artikeln geht es unter anderem um den möglicherweise bevorstehenden Siegeszug des per Handy lesbaren Barcodes und die Insolvenz der amerikanischen Ausgabe von Reader's Digest. Besprochen werden eine Biografie der brasilianischen Autorin Clarice Lispector (Verlagsseite) und zwei Sammelbände mit Verstreutem von Timothy Garton Ash (Verlagsseite) und John Gray (Verlagsseite).
Archiv: Economist

Elet es Irodalom (Ungarn), 07.08.2009

Die Mehrheit der Ungarn betrachtet die im Land lebenden Roma nicht als Teil der Gesellschaft, weil ihr Verhalten, so der Tenor, nicht der "Moral" der Mehrheit entspricht. Der ungarische, im rumänischen Siebenbürgen lebende Journalist Bela Biro stellt allerdings fest, dass viele Roma ebenfalls voreingenommen sind und alle Nicht-Roma von vornherein als Rassisten betrachten - und sich aus diesem Grund erst recht nicht an die Regeln der Mehrheitsgesellschaft halten wollen. Was tun? "Die Disziplinlosigkeit der Roma, ihre Aggressivität, also alles, was die Mehrheit als 'Zigeunertum' abstempelt, hat ohne Zweifel damit zu tun, dass die Mehrheitsgesellschaft ihnen keine Möglichkeit bietet, sich selbst zu organisieren. Zugleich ist es nicht gelungen, die Romagemeinschaften in die [nach der Wende] neu geschaffenen Institutionen einzugliedern. Ihre Interessen müssen sie als Einzelne vertreten. So gesehen ist der Roma als Staatsbürger das Paradebeispiel einer radikalen Vereinzelung. Als der richtige Weg erscheint mir aber nicht die Assimilation, sondern die gemeinschaftliche Integration. Die Romagemeinschaften können sich selbst nur von innen wieder aufbauen, nach ihren eigenen Gesetzen [...] Es scheint, dass für die Roma dieselbe gesellschaftliche und Gruppenautonomie eine Lösung sein könnte, die wir, die Mitglieder der ungarischen Minderheiten, für uns selbst fordern."

New York Times (USA), 23.08.2009

Das New York Times Magazine hat ein faszinierendes Dossier zur Lage der Frauen in Entwicklungsländern zusammengestellt. Kernstück ist ein raumgreifender Artikel von Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn (eigentlich ein Auszug aus einem kommenden Buch), die trotz allen Elends von der These ausgehen: "Frauen und Mädchen sind nicht das Problem, sondern die Lösung." Das Elend hat Amartya Sen vor zwanzig Jahren zuerst beziffert: Durch Abtreibung, Babymord und Vernachlässigung sind der Welt in den letzten Jahrzehnten 60 bis 100 Millionen Frauen abhanden gekommen. Auch an die Adresse Obamas und Hillary Clintons (Interview) sagen Kristof und WuDunn, dass eine Entwicklungspolitik, die nicht bei den Frauen ansetzt, verschwendet ist. Die Gründe dafür sind häufig recht konkret: "Warum konzentrieren sich Mikrokreditorganisationen auf Frauen? Und warum profitieren alle davon, wenn Frauen in die Arbeitswelt eintreten und Schecks nach Hause schicken? Ein Grund liegt in dem dreckigen kleinen Geheimnis der globalen Armut: Die schlimmsten Leiden werden oft nicht durch Armut ausgelöst, sondern durch unkluge Art, das Geld auszugeben - vor allem seitens der Männer. Erstaunlich häufig sind wir Müttern begegnet, deren Kind an Malaria gestorben war, weil ein fünf Dollar teures Moskitonetz fehlte. Die Mutter sagte, dass sie sich kein Netz leisten konnte und meint das auch, aber dann treffen wir ihren Mann in der Bar. Er geht drei Abende die Woche dorthin und gibt pro Woche fünf Dollar aus."

Tina Rosenberg nuanciert den Glauben, dass Frauen, wenn sie, etwa durch Mikrokredite, zu Wohlstand kommen, automatisch ihren Töchtern helfen - im Gegenteil: Gerade in reichen Regionen Indiens fehlen Mädchen. Der Grund ist einfach: "Wohlhabende Familien sind kleiner, die einzelne Geburt wird wichtiger. In Familien mit sieben Kindern ist die Geburt eines Mädchens eine Enttäuschung, in einer Familie mit zwei oder drei Kindern eine Tragödie." Darum werden Mädchen häufig abgetrieben. Ohne Veränderung der von der westlichen Linken neuerdings so geschätzten "Kulturen", so Rosenberg, wird's also nicht gehen.