Magazinrundschau

Kalt, intellektuell, straffes Haar

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
08.01.2008. In Outlook India fühlt sich Taslima Nasrin wie eine lebende Tote. Die New York Review of Books stellt ein Irak-Blog vor. Die Gazeta Wyborcza hat eine zündende Idee für den Warschauer Kulturpalast. Der New Yorker erklärt die Besonderheit von Larry Page und Sergey Brin. Plus-Minus bewundert den Umgang der Schweden mit ausländischen Kulturgütern. Der Guardian stellt die Bibliotheraphie vor. In der Weltwoche erklärt General David H. Petraeus die Antiraucher-Strategie von Al Qaida. Die New York Times präsentiert eine Sonderausgabe zum Thema Islam.

Outlook India (Indien), 14.01.2008

Outlook India lässt Autorinnen und Autoren zurückblicken auf das Jahr 2007 und "ihre Indien-Geschichte" erzählen. Eine große Klage ist die Antwort der bangladeschischen Schriftstellerin Taslima Nasrin, die im Exil in Kalkutta lebte und nach Morddrohungen untertauchen musste: "Wo bin ich? Es wird mir gewiss keiner glauben, wenn ich sage: Ich habe keine Antwort auf diese scheinbar so einfache Frage, ich weiß es wirklich nicht. Und wenn mich jemand fragte, wie es mir geht, müsste ich wiederum antworten: Ich weiß es nicht. Ich bin wie eine lebende Tote: wie taub; des Genusses der Existenz und der Erfahrung beraubt; unfähig, mich jenseits der klaustrophobischen Grenzen meines Raumes zu bewegen. Tag und Nacht, Nacht und Tag. Ja, auf diese Weise habe ich bis jetzt überlebt. Der Alptraum hat nicht mit meiner Flucht aus Kalkutta begonnen; er dauert schon eine Weile. Wie ein langsamer und schleichender Tod, als nippte ich sanft an einer Tasse langsam wirkenden Gifts, das nach und nach all meine Geistesvermögen abtötet. Es ist eine Verschwörung, die mein Wesen, mein Sein tötet, die einst so tapfer, so sehr dem Scherz zugeneigt waren."

Hier ist die Übersicht der achtzehn Artikel, daneben noch Listen zu Buzzwords, zu interessanten Büchern und Filmen des vergangenen Jahres.
Stichwörter: Taslima Nasrin, Übersicht

New York Review of Books (USA), 17.01.2008

Michael Massing lobt die US-Zeitungsgruppe McClatchy, die ein einzigartiges Blog auf die Beine gestellt hat: "Vor ziemlich genau eine Jahr hat die Zeitungsgruppe ein Blog ausschließlich für Beiträge ihrer irakischen Mitarbeiter gegründet. Es heißt 'Innenansichten des Irak' und mehrmals in der Woche schreiben irakische Mitarbeiter der Zeitung über ihre Erfahrungen und Eindrücke... 'Es gibt Irakern die Möglichkeit, sich direkt an eine amerikanische Leserschaft zu wenden', sagt Leila Fadel, die aktuelle Büroleiterin, deren Vater aus dem Libanon kommt und deren Mutter aus Michigan stammt, die in Saudi-Arabien aufgewachsen ist und gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alt ist. Das Blog füllt eine beträchtliche Lücke in der Berichterstattung... 'Es gibt zu wenige Informationen über irakische Bürger, nicht die Politiker in der Grünen Zone, sondern ganz normale Leute', meinte ein Fernsehjournalist. 'Wir müssen auch ihre Stimmen zu Gehör bringen."

Weitere Artikel: Von einem Besuch in Teheran berichtet Max Rodenbeck. Ian Buruma stellt der amerikanischen Leserschaft zwei Meisterwerke vor: Alfred Döblins kaum zu übersetzenden und nur in unangemessener englischer Übersetzung vorliegenden Roman "Berlin Alexanderplatz" und Rainer Werner Fassbinders nun auf DVD erschienene Verfilmung fürs Fernsehen. Besprochen werden unter anderem J.M. Coetzees neues Buch "Diary of a Bad Year" und der Martin Filler begeisternde Bau des New Museum of Contemporary Art in New York. Abgedruckt wird eine kurze Erinnerung von Literaturnobelpreisträger Derek Walcott an die verstorbene Kritikerin und Autorin Elizabeth Hardwick.

Nepszabadsag (Ungarn), 05.01.2008

Der Piaristenpater György Bulanyi, ein - auch für die Kirche - unbequemer Oppositioneller des sozialistischen Regimes in Ungarn, findet es schwer, im Alter seinen Optimismus zu bewahren: "Es ist schwer zu akzeptieren, dass die Menschheit nicht in der Lage ist, den Kurs der Geschichte zu ändern. Dass knapp neun Jahrzehnte meines Lebens verstrichen sind, und ich dennoch feststellen muss, dass die Welt Jesus nicht glauben will, was man ja noch hinnehmen könnte - aber sie will sogar Bulanyi nicht glauben?"
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Stichwörter: Optimismus

Folio (Schweiz), 07.01.2008

Die Januar-Ausgabe des Folios ist dem jungen jüdischen Leben gewidmet. Der Chefredakteur des Schweizer Wochenmagazins Tacheles, Yves Kugelmann, verrät, dass ein zweites Judenland geplant ist, als "neue Version einer alten Idee, diesmal säkular, diesmal nicht als Opfer, diesmal keine heimliche Heimat in der Diaspora, sondern eine allgegenwärtige": "Doppelter Einsatz, halbes Risiko, vielleicht ganzes Glück: Irgendwo auf diesem Planeten wird demnächst 'Judäa' gegründet. Ja, ja. Nichts Neues, das Königreich Judäa gab es schon einmal in vorchristlichen Zeiten, bis es sich die Römer im Jahre 70 einverleibten. Nun also ein neuer Versuch. Um Israel zu stärken, um die Antisemiten zu verwirren, um die philosemitischen Schmeißfliegen los zu werden und um Irans Ahmadinejad eine kleine Freude zu bereiten: Denn was gibt es Schöneres, als einen jüdischen Staat zu vernichten? Richtig! Zwei."

Der Schriftsteller Doron Rabinovici beschreibt, wie Juden um die jüdische Identität genauso erbittert streiten wie ihre Gegner. So habe etwa Bruno Kreisky gern behauptet, die Juden seien kein Volk, und er folglich kein Jude: "Er sagte: 'Schauen Sie, da werd ich ihnen einen jüdischen Witz erzählen. Geht 1938 ein orthodoxer Jud über die Urania. Hält ihn ein Polizist auf und sagt ihm: Hören S', gehen Sie da nicht weiter, weil da drüben sind die Nazibuam, und die werden Sie piesacken. Darauf der Jude mit den Pejes, dem Kaftan und dem Jarmikel: Danke, Herr Inspektor! Aber ach, ich werd mich nicht zu erkennen geben. Und sehen Sie', schloss Kreisky, 'so geht es mir manchmal auch'."

Weitere Artikel: Mikael Krogerus lässt sich von einer anonym bleibenden Frau erklären, warum sie sich nicht unbedingt in einen Mann verliebt, weil auch er Jude ist, aber dass dies hilft. Ein orthodoxer 22-jähriger Jude erzählt, wie er in Zürich lebt. Und SchriftstellerInnen stellen ihre jiddischen Lieblingswörter von Feh über Knipl und Kvetshn bis Zindig vor.

Und die Duftnote: Das beste Parfüm der Welt heißt "Nombre Noir", und Luca Turin (hier ein Auszug aus seinen Erinnerungen) hat es von einem besonderen Freund geschenkt bekommen.
Archiv: Folio

Gazeta Wyborcza (Polen), 05.01.2008

"Wenn es den Kulturpalast (mehr hier) in Warschau nicht gäbe, müsste man ihn erfinden", schreibt Maciej Gutowski. Er sei ein Bildschirm, auf den die Psyche der Nation projiziert werde, all ihre Komplexe und Eigentümlichkeiten. Um das ewige Problem, was mit dem ungeliebten Bauwerk zu tun sei, zu lösen, schlägt Gutowski vor: statt das neue Museum für Zeitgenössische Kunst neben dem Palast zu bauen, sollte es drin entstehen! "Machen wir daraus ein künstlerisches Projekt, eine Metainstallation. Künstler aus aller Welt kämen hierher, um den Kulturpalast umzugestalten, er würde zum berühmtesten Kunstmuseum der Welt - alle anderen Museen würde eine Menge Geld bezahlen, um sich innen repräsentieren zu können. Die Umgestaltung des 'Wissenschafts- und Kulturpalastes' in einen Palast der Kunst und Kultur wäre ein großes, triumphales Symbol der polnischen Transformation. Vive l'art!"

Außerdem wird ein Fragment aus der gerade erschienen polnischen Übersetzung von Jan T. Gross' "Fear" abgedruckt, und alle fragen sich, ob eine neue "Jedwabne-Debatte" droht (wir gaben schon die Antwort).
Stichwörter: Geld, Jan T. Gross, Jedwabne

New Yorker (USA), 14.01.2008

Ein hochinteressanter Artikel über Google von Ken Auletta. Er beschreibt nicht nur die neuesten Geschäftsstrategien, sondern liefert auch eine Art psychologisches Porträt der beiden Gründer Larry Page und Sergey Brin. Zur Erinnerung: Page ist 35, Brin 34 Jahre alt. Beide kommen nicht aus der Wirtschaft, sondern aus der Computerwissenschaft. Auletta durfte bei einer Besprechung zuhören, wo einige Ingenieure die Verbesserung eines bereits existierenden Programms vorstellten. "Page sagte, dass die Ingenieure nicht ehrgeizig genug waren. Brin stimmte zu und fand die Vorschläge zu vage, zu vorsichtig. 'Wir wollten etwas großes', fügte Page hinzu. Stattdessen schlagt ihr uns etwas kleines vor. Warum seid ihr so zögerlich?' Der Kopf des Ingenieurteams erklärte, dass die von den Gründern vorgeschlagenen Änderungen zu viel Geld, Zeit und Ingenieurstalent kosten würde... In solchen Meetings sind Page und Brin ein engeschworenes Team, die ihre Angestellte dafür kritisieren, wenn sie eine 'hübsche' Lösung gefunden haben statt einer fundamentalen."

Weitere Artikel: Dana Goodyear besucht das Chateau Elysee, das so genannte Celebrity Center von Scientology, in Los Angeles. Ryan Lizza wirft noch einmal einen Blick auf den Caucus von Iowa und glaubt, dass Hillary Clinton mit ihrer "Nostalgietour" in New Hamsphire besser ankommen dürfte. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Wakefield" von E.L. Doctorow und Lyrik von Marie Howe und Michael Dickman.

David Denby widmet sich anlässlich des Erscheinens von zwei Biografien dem Werk des Regisseurs Otto Preminger, dessen tyrannisches Regime bei den Filmarbeiten legendär war und doch stets im Dienst von Toleranz und offenem Meinungsaustausch stand. Sasha Frere-Jones besichtigt das Phänomen des britischen Fräuleinwunders auf MySpace und stellt mit der Sängerin Kate Nash eine der Protagonistinnen vor. Und Anthony Lane sah im Kino den spanischen Horrorfilm "The Orphanage" von Juan Antonio Bayona.
Archiv: New Yorker

Plus - Minus (Polen), 05.01.2008

Nicht ganz ohne politische Hintertöne berichtet Anna Nowacka-Isaksson aus Stockholm über die Ausstellung "Kriegsbeute" im Königlichen Zeughaus. "Hätten wir die königliche Schatzkammer in Warschau nicht geplündert, würde heute niemand den Helm Iwans des Schrecklichen bewundern können", argumentieren die Schweden. (Nebenbei gesagt, wurde er vorher von den Polen aus Moskau entwendet). "Schweden hat wie kein anderes Land sehr systematisch über lange Zeit Kulturgüter gesammelt. Deshalb sind so viele noch übrig." Vieles davon wurde im Dreißigjährigen Krieg aus Tschechien oder im Ersten Nordischen Krieg aus Polen mitgenommen. "Nach 350 Jahren glauben die Schweden, dass diese Schätze angestammter Besitz sind. Das ist eher eine Frage von Moralität und gutem Willen als von Recht".
Archiv: Plus - Minus

Guardian (UK), 05.01.2008

Lesen fördert bekanntermaßen das seelische Gleichgewicht. Dass Shakespeare aber besser wirkt als Prozac, beweisen neue Lesegruppen, die eine Art der Bibliotherapie anbieten, weiß Blake Morrison zu berichten: In immer mehr Kliniken werden Patienten in Lesegruppen geschickt, um deren Schmerzen oder mentale Störungen zu lindern: "Medizinisches Personal erzählt Geschichten von den erstaunlichen Erfolgen, die sie erlebt haben: Zum Beispiel von dem neurologischen Patienten, der monatelang nicht gesprochen hat. Als er dann George Herberts Gedicht 'The Flower' gelesen hatte, hob er zu einem zehnminütigen Monolog an, an dessen Ende er verkündete: 'Ich fühl mich großartig.'"

Weiteres: Anlässlich einer Londoner Retrospektive preist Chris Petit die frühen Rock'n'Roll-Filme Wim Wenders', besonders "Alice in den Städten". Zum Buch der Woche gekürt wird Oliver James' Studie "The Selfish Capitalist", nach der wir selbst nun doch nicht an Affluenza zugrunde gehen werden, sondern die anderen an unserem Wohlstand.
Archiv: Guardian

Economist (UK), 03.01.2008

Der an der Columbia Universität lehrende amerikanische Soziologe Sudhir Ventakesh berichtet in seinem vom Economist besprochenen Buch "Gang-Leader For A Day" über seine Feldforschung im - inzwischen abgerissenen - Sozialbauprojekt Robert Taylor in Chicago: "Das Projekt hatte sein eigenes Wirtschaftssystem. In dem Gebäude, auf das er sich für seine Forschung konzentrierte, wurde natürlich Crack gedealt - eine bestens organisierte Angelegenheit. Darüber hinaus gab es eine ganze Reihe informellerer Geschäfte, vom Tauschhandel unter Müttern - du kümmerst dich zwei Tage um meine Kinder und ich gebe dir Essen für fünf - bis hin zu den Hausbesetzern, die für Reparaturen zuständig waren. Das Gebäude hatte auch sein eigenes Steuersystem; [Gang-Leader] J.T. und Frau Bailey, die Anführerin der Mieter, bekamen einen Anteil an den meisten der stattfindenden Transaktionen."

Hoch interessant findet der Economist auch ein Buch des Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Sowells Buch über "Fakten und Fehlschlüsse in der Ökonomie". Keine Frage, dass Sowells Marktradikalismus viele erzürnen werde. Kapitel für Kapitel gebe es jedoch verblüffende Einsichten und Statistiken wie die folgende: "Heute haben nie verheiratete, kinderlose Akademikerinnen zwischen vierzig und vierundsechzig ein um 7.000 Dollar höheres Einkommen als Männer in vergleichbarer Lage."

Weitere Artikel: Wir erfahren, welche Chancen und Probleme der Zustrom russischer Juden nach Deutschland für die jüdischen Gemeinden hierzulande mit sich bringt. Vorgestellt wird die pfingstlich inspirierte Universale Kirche (spanische Website) Brasiliens, die sich mit Erfolg an die Erfolgs- und Aufstiegsorientierten in Lateinamerika wendet. Besprochen werden die Ausstellung deutscher expressionistischer Kunst aus dem Ersten Weltkrieg im Pariser Musee Maillol und ein Buch über den pakistanischen "Nuklear-Dschihadisten" Abdul Qadeer Khan, der Atombomben-Informationen an Iran, Libyen und Norkorea verriet.
Archiv: Economist

Weltwoche (Schweiz), 03.01.2008

In einem sehr langen Interview mit Urs Gehringer beschreibt der Oberkommandierende der US-Armee im Irak, General David H. Petraeus, die dortige Lage. Gewalt und Terror gehen seit einem halben Jahr "markant" zurück, was Petraeus vor allem auf seine neue Strategie zurückführt und darauf, dass die Sunniten die Nase von Al-Qaida ebenso voll haben wie von den Schiiten: "Es kursierten Geschichten, wonach al-Qaida den Menschen nicht bloß das Rauchen untersagte, sondern Rauchern sogar die Finger abschnitt. Das ist unglaublich, erst recht für eine Gesellschaft von passionierten Zigarettenkonsumenten. Es ist schlicht bizarr, wie rigide sich die Fanatiker gebärdeten, mit Zwangsheiraten und so weiter. Die Abneigung gegen dieses Regime ist allgegenwärtig."

Weiteres: Alix Sharkey erinnert sich an ein Treffen mit Carla Bruni, bei dem sich das Model freimütig zu Raffgier und Habsucht bekannte. Sharkey kann eine Heirat mit Nicolas Sarkozy deshalb nur gutheißen: "Mal ehrlich: Was könnte in diesen trüben Zeiten des Starkults glanzvoller, skandalöser, lächerlicher - und passender sein?!" Franziska K. Müller schildert, was sich Karriere-Frauen so alles an miesen Tricks angeeignet haben.
Archiv: Weltwoche

Spectator (UK), 03.01.2008

Ende diesen Monats beginnt die Ausstrahlung der neuen ITV-Fernsehserie "The Palace", die in einer fiktiven britischen Königsfamilie spielt. Clemency Burtin-Hill, eine der Darstellerinnen, staunt über den Wirbel, den das Projekt bereits im Vorfeld auslöst: "Wir hatten gerade einmal ein paar Wochen gedreht, als die Gerüchte begannen. 'Geschmacklos und anstößig' schrieb der Sunday Telegraph; 'schrecklich und anstößig und ganz starker Tobak', fügte Lord St. John von Fawsley hinzu; 'es ist zu befürchten, dass [die Serie] dem Ruf der [königlichen] Familie schaden wird', meinte ein Medienexperte. Für die Macher der Serie und die Darsteller waren diese Reaktionen verblüffend, nicht zuletzt, weil alle, die da so genau Bescheid wussten, noch keine einzige Episode gesehen hatten... Diese giftigen Reaktionen auf die bloße Idee von 'The Palace' waren lehrreich, da sie einem die eigentümliche Haltung der Briten zu ihrer Monarchie wieder einmal vor Augen führen. Im Pub beschweren sich die Leute gern über die Royals und ihre seltsamen Sitten, die Steuervermeidung, die Selbstfixiertheit, aber wenn das dann einmal in der Öffentlichkeit gesagt wird, dann eilen alle sofort zur Verteidigung der Monarchie herbei."

Weitere Artikel: Andrew Lambirth mahnt alle, die die große John Everett Millais-Retrospektive in der Tate Britain noch nicht gesehen haben, dies bis zum 13. Januar unbedingt nachzuholen - Millais erweise sich in der Schau als bedeutendster der Präraffaeliten. Besprochen werden unter anderem Marios Vargas Llosas neuer Roman "The Bad Girl", Ignacio Ramonets "monumental unkritisches" Interview-Buch mit Fidel Castro und Christopher Bookers und Richard Norths "Scared to Death", eine Auseinandersetzung mit aktuellen Katastrophenszenarien von BSE bis Klimawandel.
Archiv: Spectator

Nouvel Observateur (Frankreich), 03.01.2008

100 Jahre nach ihrer Geburt hat der Nouvel Obs begriffen, was das wichtigste an Simone de Beauvoir war und präsentiert uns auf dem Titel ihren nackten Arsch. Zwei längere Beiträge von Agathe Logeart und Aude Lancelin würdigen die Philosophin zum einen als "Simone, die Skandalöse" und untersuchen zum anderen, ob die bei heutigen Feministinnen für ihre Radikalität geschätzte Autorin von "Das andere Geschlecht" eine Renaissance erfährt. In Kurzbeiträgen melden sich Künstler und Autoren wie Philippe Sollers, Juliette Greco, Arielle Dombasle und Catherine Millet zu Wort. Letztere schreibt: "Mich hat vor allem diese Abmachung zwischen Beauvoir und Sartre bezüglich sexueller Freiheit interessiert, auch wenn so ein Pakt für mich nie infrage gekommen wäre. Zwischen mir und meinem Partner Jacques lief diese Freiheit verschwiegen ab. Ich kann mir nicht helfen, dieser Imperativ zu absoluter Offenheit hat für mich auch eine bourgeoise Seite: immer ehrlich im Leben sein, immer sagen, was man denkt. Ich persönlich verstehe nicht, warum Heucheln eine Schande sein soll. Merkwürdig, dass Beauvoir für mich aber auch immer eine sehr erotische Figur war. Wie eine Heldin von Klossowski: Kalt, intellektuell, straffes Haar."

New Statesman (UK), 03.01.2008

Der ukrainische Autor Andrej Kurkow war zu einer Lesung ins nordpolnahe norwegische Städtchen Kirkenes geladen und staunte nicht schlecht, dort auf eine ganze Menge Russen und vor allem Russinnen zu stoßen: "Tatsächlich sind von den 3900 Einwohnern von Kirkenes nicht weniger als 400 die russischen Ehefrauen norwegischer Männer. Ich habe die einheimischen Männer nicht gefragt, warum so viele von ihnen die Frauen ihres Landes verschmähen, aber das Muster scheint klar. Viele norwegische Männer denken erst über das Heiraten nach, wenn der vierzigste Geburtstag näherrückt. Die abenteuerlustigeren suchen sich dann in Murmansk oder Archangelsk eine Braut, die fauleren sehen sich im nahegelegenen russischen Städtchen Nikel um. Nicht dass die Norwegerinnen weniger zuverlässig wären; sie nehmen das Leben nur etwas ernster als die Russinnen und sie erwarten oft einfach mehr von ihren Männern."

Weitere Artikel: Als überaus schädlich für die Aussichten progressiver Politik betrachtet Matthew Taylor den Pessimismus in westlichen Gesellschaften, der schon deshalb erstaunlich sei, weil er sich meist auf die allgemeine, gar nicht so sehr auf die persönliche Situation bezieht. Helena Drysdale zeigt sich fasziniert von Nicholas Ostlers Biografie des Lateinischen mit dem optimistischen Titel "Ad Infinitum"

Moskowskije Novosti (Russland), 07.01.2008

Der Streitfall um Falanster, eine der besten Buchhandlungen intellektueller Literatur in Moskau hat in der russischen Öffentlichkeit große Proteste ausgelöst. Die Behörden legen seinem Inhaber Boris Kuprijanow zur Last "Bücher mit pornografischem Inhalt verbreitet zu haben" (hier ein Video mit ihm). Zu diesen Bücher gehören Virginie Despentes' "Baise Moi" (mehr) und Lydia Lunchs "Paradoxia: A Predator's Journey" (mehr). "Für die Anklage gibt es mehrere Motive, aber sie alle haben unvermeidlich politischen Charakter", schreibt Juri Aprischkin in seinem Artikel. "Falanster ist als Ort der Freidenker bekannt. Hier haben viele Lesungen von linken und oppositionellen Autoren stattgefunden. Der Verlag Ultrakultura, mit dem die Buchhandlung zusammengearbeitet hat, wurde bereits von den Behörden mehrmals angegriffen. Die Werke zu Philosophie, Geschichte und Soziologie, die hier verkauft werden, kann man sonst nirgends mehr in Moskau finden. Die Schließung des Buchladens hätte schwere Folgen für das kulturelle Klima im Land." (Mehr über Ultrakultura hier - zum Artikel "Publishers protest russian book bans" scrollen - und hier).

New York Times (USA), 06.01.2008

Die Sunday Book Review hat eine große Sonderausgabe mit Rezensionen und Essays zum Thema Islam.

Darin beklagt die Autorin Lorraine Adams, dass der allergrößte Teil der Literatur islamischer Autorinnen und Autoren hinter einer Art Literaturbetriebs-Burka verborgen bleibt: "Viele Amerikaner begreifen nicht, dass Muslime Araber, Afrikaner oder Asiaten sein können, von Europäern oder Amerikanern ganz zu verschweigen... Nichts wissen wir über das ganze Spektrum des Islam in den Leben von Autoren und ihren Figuren. Es gibt säkulare Muslime, die von der Kultur beeinflusst sind, aber die Religion nicht praktizieren; moderate Muslime, die sie praktizieren, aber tolerant sind; und radikale Fundamentalisten, anti-westlich und mörderisch. Eine Verallgemeinerung freilich trifft zu: Ein großer Teil der zeitgenössischen muslimischen Literatur wird nie ins Englisch übersetzt."

Der reformorientierte Islam-Prediger Tariq Ramadan erklärt, was es heißt, den Koran zu lesen, und betont dabei die Pluralität möglicher Lektüren und Interpretationen: "Genauso wie wir das Werk eines menschlichen Autors, vom Marx bis Keynes, auf engstirnige und rigide Weise lesen können, können wir uns auch der göttlichen Offenbarung auf diese Weise nähern. Stattdessen sollten wir aber kritisch, offen und genau sein."

Die Publizistin, Ex-Politikerin und Politikberaterin Ayaan Hirsi Ali bespricht Lee Harris' beinahe apokalyptische Zukunftsprognose "Der Selbstmord der Vernunft". Harris argumentiert darin, dass der Westen mit seinem Glauben an die Vernunft den expansiven Fanatismus, der den Islam fundamental ausmacht, nicht begreifen kann und ihm deshalb unterliegen wird. Hirsi Ali sieht sich selbst als Beispiel dafür, dass, anders als Harris meint, auch die zum Islam Erzogenen nicht zum Fanatismus verdammt sind: "Ich bin nicht im Westen geboren. Ich bin nach den Lehren des Islam erzogen und bekam von Geburt an die geistigen Vorstellungen eines Stammes indoktriniert. Aber ich habe mich verändert, ich habe die Werte der Aufklärung übernommen... Warum habe ich das getan? Weil das Leben in einer Stammesgesellschaft brutal und entsetzlich ist." (Um Ayaan Hirsi Ali, Tariq Ramadan und ihre Positionen zum Islam kreiste auch die große Debatte bei Perlentaucher und signandsight.com - die Beiträge sind inzwischen auch im Band "Islam in Europa" nachzulesen.) Besprochen wird außerdem Matthias Küntzels Buch "Jihad and Jew-Hatred" über die frühen Beziehungen zwischen Islamismus und Nationalsozialismus (mehr auch hier).

Weitere Artikel: Fouad Ajami, Professor für Nahost-Studien, gesteht, dass er Samuel Huntingtons von ihm einst bekämpfte Positionen zum "Kampf der Kulturen" heute für beängstigend plausibel hält. Besprochen werden außerdem John Kelseys Studie über den "gerechten Krieg" im Islam und das Buch "Amerikanischer Halbmond" des in den USA lebenden schiitischen Predigers Hassan Qazwini. Auch im Magazine findet sich ein zum Thema passender Artikel. Nicholas Schmidle informiert über den wachsenden Einfluss der Taliban vor allem auf die jüngere Generation von Islamisten in Pakistan.