Heute in den Feuilletons

Von Tätern, Opfern und Nichttätern

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.12.2009. Die FR fragt sich, ob es in Rumänien eigentlich je eine Revolution gegeben hat. In der Welt erklärt der Philosoph Robert Spaemann, wie undemokratisch Demokratie sein kann. Die taz reist mit Popjournalisten nach Palästina. Zeit online diskutiert lebhaft übers Filesharing. In der NYRB ruft Michael Massing zu Google rüber: Gebt was zurück! Im Tagesspiegel glaubt Gerhardt Csejka nicht, dass Werner Söllner mit seinen Berichten an die Securitate jemandem geschadet hat. In den Blogs fragt Richard Wagner, was Eva Demski mit ihrer despektierlichen Bemerkung über deutsch-rumänische Emigranten gemeint hat. Die NZZ fürchtet den Niedergang deutscher Museen. Die FAZ stellt eine Buchreihe über "Werte der deutschen Heimat" vor. In der SZ erklärt Tony Judt die jüdische Identität für eine Fiktion.

Welt, 12.12.2009

Im Feuilleton spricht der letzte konservative Philosoph Robert Spaemann im Interview mit Paul Badde über Gott und die moderne Welt, über Homosexualität, Atheismus und Demokratie, die für gewisse multiethnische Kulturräume gar nicht geeignet sei: "Der reinen Demokratie wohnt ja immer der Hang inne, dass eine Mehrheit die Minderheit drangsaliert. In der Demokratie zählt der Mehrheitswille des Volkes - und wenn die Mehrheit des Volkes rabiat ist und sich durchsetzen will, dann kann sie das machen. Das Mehrheitsprinzip kann also durchaus auch zu Terror und Tyrannei führen. Wer sagt, das sei doch undemokratisch, ist blauäugig. Auch Exzesse sind überhaupt nicht a priori undemokratisch. In Bosnien hat das Zusammenleben funktioniert unter dem Kaiser in Wien. Es hat funktioniert unter dem Diktator Tito, und es hat - da kann man sagen, was man will - im Irak unter Saddam Hussein funktioniert. Im Irak haben die Christen anderthalb Jahrtausende friedlich mit der großen muslimischen Mehrheit gelebt. Jetzt, wo das Land demokratisiert wird, werden sie verjagt."

Weitere Artikel: Kai Luehrs-Kaiser gratuliert dem Choreografen Johann Kresnik zum Siebzigsten. Gemeldet wird, dass Zeit-Herausgeber Michael Naumann neuer Chefredakteur von Cicero wird.

In der Literarischen Welt blickt der heute bei Amsterdam lebende, jüdische Schriftsteller und Psychotherapeut Hans Keilson, der heute seinen hundertsten Geburtstag feiert, auf seine Jugend in Deutschland zurück: "Disziplin war ein großes Problem für mich. In Freienwalde hatte ich die Novemberrevolution miterlebt, hatte gesehen, wie nach der Absetzung des Kaisers die Bürger unserer Stadt vorbei hin zum Rathaus liefen, unser Oberförster in Uniform. Mein Vater erklärte mir, die Leute seien so aufgeregt, weil der Kaiser abgedankt habe und Deutschland nun zugrunde ginge."

Außerdem: Michael Kleeberg widmet der Mainzer Dombuchhandlung und ihrem Besitzer Franz Stoffl eine liebevolle Hommage. Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld sowie der Schlagabtausch zwischen Bernhard-Henri Levy und Michel Houellebecq.

Zeit, 12.12.2009

Online ist bei der Zeit einiges mehr los als im Print. Gerade gibt's zum Beispiel eine Debatte übers Filesharing. Der Technikphilosoph Sandro Gaycken findet illegales Filesharing zwar falsch, aber die von der Industrie vorgeschlagenen Maßnahmen findet er noch falscher: "Die Kopplung von verbindlicher Strafverfolgung und konsequenter Überwachung ist nicht auflösbar. ... Die freiheitsrechtlichen Kosten stehen in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen."

Vier vom Chaos Computer Club (CCC) - Dirk Engling, Constanze Kurz, Felix von Leitner und Frank Rieger - sind nicht gegen die Vergütung von Künstlern, aber Filesharing ist für sie in erster Linie kein wirtschaftliches, sondern ein demokratisches Modell: "Es ersetzt das alte zentralistische Publikationsmodell durch ein modernes, effizientes, billiges, vor allem aber demokratisches und unzensierbares. Und gerade diese demokratischen Aspekte sind es, in der die Chance liegen, der immer stärker werdenden allumfassenden Überwachung durch Staat und Privatwirtschaft einen ausgleichenden Pol gegenüberzustellen."

Christian Sommer von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) will das mit der Demokratisierung des Wissens nicht so recht glauben angesichts der Tatsache, dass zwei der am häufigsten heruntergeladenen Werke "Transformers 2: Die Rache" und "Call of Duty: Modern Warfare 2" sind. "Gäbe es eine politische Dimension, dann wäre es nur konsequent, die Produkte der Multis mit den Äxten eben nicht zu konsumieren, sondern zu boykottieren. Paradoxerweise findet aber das nicht statt. Im Gegenteil."

Und noch eine kleine Meldung: Zeit-Herausgeber Michael Naumann wird Chefredakteur von Cicero. Ob daneben oder statt dessen, geht aus der Meldung nicht hervor.

FR, 12.12.2009

Thomas Schmid erinnert an die blutige rumänische Revolution vor zwanzig Jahren - falls es denn überhaupt eine Revolution war: "Die rumänische Revolution hat über tausend Todesopfer gefordert. Aber war es überhaupt eine Revolution? Inzwischen spricht vieles dafür, dass hohe Armeekreise auf eine Ablösung des Conducators hinarbeiteten und dass sogar ein Teil der Securitate die Demonstrationen steuerte. Vieles ist bis heute ungeklärt. Pastor Laszlo Tökes, der das Startsignal zum Sturz der Diktatur gegeben hat, ist heute Europaabgeordneter, und der Dichter Mircea Dinescu, der den Sturz des Tyrannen verkündet hat, lebt in einem rumänischen Dorf an der Donau - als Weinbauer."

Weitere Artikel: Nicole Henneberg beobachtet Herta Müller bei der Nobelpreisverarbeitungsarbeit in Stockholm. In einer Times Mager fasst Harry Nutt knapp noch einmal die Vorkommnisse um die zunächst an antisemitischen Protesten von links gescheiterte, jetzt neu angesetzte Aufführung von Claude Lanzmanns Dokumentarfilm "Warum Israel" zusammen. In ihrer US-Kolumne guckt Marcia Pally beim Versuch, ihr in Korea hergestelltes Handy repariert zu bekommen, aus Globalisierungsgründen in die Röhre.

Verleger Alfred Neven Dumont beklagt sich auf sämtlichen Medienseiten seines durchgekoppelten Zeitungsreiches, dass die Politiker den Zeitungen nicht zu Hilfe kommt: "Bei den großen Nationen in Europa liegt Deutschland mit sieben Prozent Mehrwertsteuersatz für Printprodukte an der Spitze. Die anderen Nationen wie Italien, Frankreich oder Spanien liegen um mehrere Prozentpunkte darunter. In England, im Zeitungsland, hat man auf die Mehrwertsteuer ganz verzichtet. Ein gewaltiger Unterschied zu Ungunsten der deutschen Zeitungen. Zufall? Wohl kaum. Frankreich macht sich darüber hinaus Sorgen und subventioniert für mehrere 100 Millionen Euro Frei-Abonnements insbesondere für junge Menschen und andere Bereiche." Das nennen wir Verteidigung der Pressevielfalt!

Besprochen werden die Ausstellung "In Räumen denken" im Kölner Tanzmuseum, Konzerte des Frankfurter Kantatenkreises und des HR-Sinfonieorchesters sowie Barbara Hoffmeisters Biografie des Verlegers Samuel Fischer (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Anzeige

TAZ, 12.12.2009

Kirsten Riesselmann erstattet Bericht über eine vom Goethe-Institut organisierte Tour für Pop-JournalistInnen, -Musiker etc. durch Palästina und Israel: "In Ramallah begegnen wir dem Rapper Boikutt, der englisches Englisch spricht und in London studiert hat. Er ist wütend, auf eine hellwache, schwelende, harte Art. Weil er täglich Checkpoints passieren muss, nicht an den fünfzig Kilometer entfernten Strand darf und nicht den Flughafen in Tel Aviv benutzen darf, wenn er im Ausland einen Gig hat, sondern in einer zehnstündigen Aktion nach Amman in Jordanien muss. Niemals würde er mit einem jüdischen Israeli gemeinsam Musik machen, er spricht nur von 'Kolonialherren', nennt die israelische Politik 'rassistisch' und Israel einen 'Apartheidsstaat'. Seine Band Ramallah Underground, die eigentlich relaxte elektronische Downbeat-Musik macht, hat auf ihrer Myspace-Seite unter 'Einflüsse' einen einzigen Eintrag: 'Intifada 1 & 2'".

Weitere Artikel: Dirk Knipphals mahnt, neben den großen Zeitkrisen die ganz persönlichen Lebenskrisen nicht zu unterschätzen. In seiner "Leuchten der Menschheit"-Kolumne schreibt Andreas Fanizadeh über die Versuche von Wirtschaft und Politik, die Kunst für sich zu vereinnahmen.

Besprochen werden das "Yellow Album" des Rappers Blumio, und Bücher, darunter Stefan Mosters Debütroman "Von der Unmöglichkeit des vierhändigen Klavierspiels" und der von Wolfgang Scheppe herausgegebene Katalog zur großen Venedig-Ausstellung "Migropolis" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und noch Tom.

Aus den Blogs, 12.12.2009

Google sollte etwas für den Journalismus tun, meint Michael Massing im Blog der NYRB und macht einen Vorschlag: Ein Fond für journalistische Erfinder, mit einem jährlichen Budget von 100 Millionen Dollar - "das sind weniger als 0,5 Prozent der über 20 Milliarden Dollar, die Google jährlich einnimmt" um Start-ups und junge Unternehmen zu fördern, die das Nachrichtenwesen neu erfinden. "Google hat nicht nur die Ressourcen, sondern auch die moralische Verantwortung solche Hilfe bereitzustellen. Mehr als alle anderen Institutionen hat es die kreative Zerstörung entfesselt, die die Nachrichtenindustrie transformiert. Nachdem es sein Empire zum Teil durch die Verbreitung kostenloser Nachrichten im Internet aufgebaut hat, ist es an der Zeit, einen kleinen Teil seiner gewaltigen Einkünfte zurückzugeben, um die neue Ära digitaler Nachrichten einzuleiten. Dies zu tun, wäre nicht nur gut für den Journalismus, sondern auch für Google selbst. Es würde helfen, sein Image als gemeinsinniger Erfinder zu restaurieren, statt als blutsaugendes Raubtier dazustehen." (Das erinnert an Bill Gates, der so lange aufgefordert wurde, der Gesellschaft "etwas zurückzugeben", bis er seine Gates Stiftung gründete.)

"Es gibt in diesem ganzen Emigrantenzirkel wahrscheinlich keinen einzigen Engel mit schneeweißen Flügeln", hat die Schriftstellerin Eva Demski der dpa über die rumäniendeutschen Schriftsteller gesagt. Richard Wagner schreibt dazu auf der Achse des Guten: "Liebe Eva Demski, wie meinst du das eigentlich? Willst du sagen, wir waren alle Spitzel oder sonstwie dem Geheimdienst verbunden? Und wie kommst du dazu, so etwas zu behaupten? Das ist nicht nur die Unwahrheit und eine ziemlich dreiste Unterstellung, sondern auch eine Kränkung und Beleidigung der Menschen, die sich nicht gekrümmt haben."

Gestern hatte Lorenz Jäger in der FAZ eine Verschwörung aufgedeckt. Autoren der Achse des guten schreiben auch in Cicero und Jungle World und vertreten durch die gleiche kilmaskeptische Meinung. Dirk Maxeiner antwortet auf Achgut: "Kleiner Hinweis unsererseits: Es ist noch viel schlimmer! Auf Achgut veröffentlichen auch Autoren von Spiegel, Stern, Welt, FAZ, Kölner Stadtanzeiger, Deutschlandradio und so weiter - und umgekehrt."

Tagesspiegel, 12.12.2009

Der rumäniendeutsche Übersetzer und Essayist Gerhardt Csejka springt dem Lyriker Werner Söllner zur Seite, der bekannt hatte, für die Securitate gearbeitet zu haben: "Ich weigere mich zu glauben, dass er ein Spitzel war, also jemanden im Sinne der Securitate-Vorgaben ausgehorcht hat, oder gar um eigener Vorteile willen der Behörde von sich aus Böses, das 'Opfer' schädigende Informationen gemeldet hat. Diese Sorte IMs ist in den Akten massiv vertreten, ja es lassen sich da noch einmal Abstufungen der Verwerflichkeit beobachten. Bei aller nötigen Deutlichkeit der Unterscheidung zwischen Tätern, Opfern und Nichttätern wäre es eine unerträgliche Verwischung des tatsächlichen moralischen Reliefs der beteiligten Menschenlandschaft und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn die übelsten Schurken unerkannt und ungeschoren davonkommen und einer, der sich mit seiner Schuld spät aber doch dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzt, quasi auch für die größten Schweine büßen muss."

NZZ, 12.12.2009

Irmgard Bernrieder fürchtet den Verfall der deutschen Museen, die nicht nur von der ökonomischen Krise, sondern auch von Begehrlichkeiten der Privatsammler bedroht sind: "Der schleichende Identitätsverlust des Kunstmuseums hat längst begonnen, weil jene Privatsammler mit ihren persönlichen Vorlieben zwangsläufig den überzeitlichen Auftrag des Museums in Frage stellen, wissenschaftliche Kompetenz und ästhetische Urteilskraft untergraben. Während der bekannte Kunstwissenschafter Michael Fehr auf den traditionellen Aufgaben des Kunstmuseums beharrt, fordert sein Wiener Kollege Philipp Blom 'Mut zum Wegwerfen'. Für Benjamin Buchloh bedeutet Kulturindustrieproduktion per definitionem die Zerstörung des Gedächtnisses. Somit stehe der ursprüngliche Auftrag des Museums, zu sammeln und damit Gedächtnis zu konstruieren, nicht mehr im Mittelpunkt. - Wo also stehen die Kunstmuseen hierzulande?" Bernrieder beschreibt das anhand dreier Beispiele.

Weiteres: Ingrid Galster liest neue französische Bücher, die sich mit der deutschen Okkupation befassen. Warum haben wir einen Sinn fürs Ästhetische und für Rhythmus, kurz: warum machen wir Kunst? Weil wir "genetisch prädisponiert" sind dafür, meint der Kulturhistoriker Peter Meyer. Rüdiger Safranski spricht im Interview über seine Faszination für die Zeit um 1800.

Im Feuilleton macht sich Martin Meyer noch einmal Gedanken um das Minarett-Verbot. Claudia Schwartz porträtiert die Schauspielerin Barbara Sukowa, die in Barbara Freys Inszenierung von Heiner Müllers Stück "Quartett" in Zürich auf der Bühne steht. Werner Bloch meldet, dass die Künstlerin Parastou Forouhar im Iran festsitzt. Annette Gigon erläutert ihren Stil. Joachim Güntner berichtet über die jüngsten Entdeckungen um den Mord an Benno Ohnesorg und das Attentat auf Dutschke, für Geschichtsumschreibung sieht er allerdings keinen Anlass. Wil Rouleaux unterhält sich mit dem Arzt und Schriftsteller Hans Keilson, der heute 100 Jahre alt wird.

Besprochen werden Christine Cyris' Inszenierung eines Einakters von Ravel und Martinu am Luzerner Theater und Bücher, darunter "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" von Claus Leggewie und Harald Welzer (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 12.12.2009

In Bilder und Zeiten stellt Frank Pergande die im Böhlau Verlag erscheinende Buchreihe "Landschaften in Deutschland - Werte der deutschen Heimat" vor. Die Vorgeschichte ist ganz anders als man es bei diesem Titel erwartet: "Sächsische Erdkundelehrer waren 1910 auf die Idee verfallen, ihre Heimat gründlich zu beschreiben, und zwar interdisziplinär, wie man heute sagen würde. Jedes Buch sollte den Raum eines Messtischblattes beschreiben. Das hat den Maßstab 1 : 25 000 und umfasst zwölf mal zwölf Kilometer. 156 Messtischblätter sind es allein für Sachsen. Das Vorhaben war also von Anfang an auf Jahrzehnte, wenn nicht ein Jahrhundert angelegt. Der Zweite Weltkrieg kam dazwischen. Die Idee aber blieb in der Welt. In der DDR wurde sie schließlich unter dem Titel 'Werte der deutschen Heimat' verwirklicht."

Der Dichter Bei Ling hat einen Ortstermin in Peking, muss aber auf dem Flughafen erfahren, dass er Einreiseverbot hat: "Schweigend und ohne mich zu unterbrechen hören mir die Beamten zu. Ein Grund für das Einreiseverbot sei ihnen auch nicht bekannt, erwidern sie schließlich. Ich würde wohl selbst am besten wissen, warum dies so sei."

Weiteres: Julia Voss hat Briefe von Michael Ende gelesen, die ihr Einblick in dessen Schaffensprozess gewähren. Und der Disney-Animator Andreas Deja spricht im Interview über seine Arbeit.

Im Feuilleton berichtet Felicitas von Lovenberg über die Verleihung des Nobelpreises an Herta Müller. Abgedruckt ist Herta Müllers Ansprache beim Nobelbankett. Jochen Hieber hofft, dass mit dem Fall um den Securitatespitzel Werner Söllner "der Verrat der Autoren an der Literatur durch ihre geheime Verbindung mit der totalitären Staatsmacht und deren Organen" neu diskutiert wird. Jürgen Dollase isst Nachkriegsportionen im Ristorante "Ambasciata" in Quistello in der Poebene - und es gefällt ihm. In der Leitglosse macht sich pba. für ein Eltern-Betreuungsgeld stark. Heinrich Detering gratuliert dem Schriftsteller und Arzt Hans Keilson zum Hundertsten. Eine Meldung informiert uns, dass der Berliner Kulturetat zwar um drei Prozent erhöht wird, der "Löwenanteil" jedoch in Tariferhöhungen für das Personal fließen wird. Karen Krüger schickt eine lesenswerte Reportage über drei "Deutschländer", die jetzt aus ganz unterschiedlichen Gründen wieder in der Türkei leben. Auf der Medienseite fürchtet Detlef Borchers, dass die neuen Googleprojekte Real Time und Living Stories den Verlagen auch nicht aus der Klemme helfen werden.

Besprochen werden ein Konzert von Them Crooked Vultures in Köln, ein Band mit den journalistischen Arbeiten Jörg Fausers und die von Luzius Keller bearbeitete Proust-Enzyklopädie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's unter anderem um die neue CD von Charlotte Gainsbourg (hier was zum Hören), Weihnachtslieder mit Bob Dylan und eine Aufnahme von Bachs Goldbergvariationen in der Bearbeitungen von Max Reger mit dem Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen.

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans-Joachim Simm ein Weihnachtsgedicht von Joachim Ringelnatz vor:

"Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
..."

SZ, 12.12.2009

Der Historiker Tony Judt fordert - dabei als Jude sprechend - die Anerkennung der Tatsache, dass jüdische Identität ebenso eine Fiktion ist wie jede andere nationale Identität auch. Besonders stört Judt ein Alleinvertretungsanspruch Israels, und er setzt seine Hoffnung in eine Desolidarisierung der Juden in Europa und Amerika: "Wenn die Juden in Europa und in den USA sich von Israel distanzieren würden (viele tun das schon), dann würde die Behauptung, Israel sei 'ihr Staat', irgendwann so absurd klingen, als würde die französische Regierung behaupten, die Nachkommen der französischen Siedler in Mississippi Valley zu repräsentieren." (Judt hat zu dem Thema auch in der Financial Times geschrieben.)

Weitere Artikel: Gustav Seibt denkt mit Blick auf 1989 über neue und alte deutsche Nationalmythen nach. Von einer Münchner Diskussion über "Hirn, Freiheit und Kultur" berichtet Alexander Kissler. Jens Bisky stellt kurz einige der neu von der Bundeskulturstiftung geförderten Projekte vor. Laura Weissmüller besucht den Erweiterungsbau des Bochumer Bergbau-Museums. Über eine anhaltende Debatte über einen Bombenanschlag im Italien des Jahrs 1969 informiert Henning Klüver. Susan Vahabzadeh erklärt, dass die Begeisterung für die "Twilight"-Saga , in der der Roman "Sturmhöhe" per "literarischem Namedropping" eine Rolle spielt, quasi nebenbei einen Emily-Bronte-Boom ausgelöst hat. Ebenfalls Vahabzadeh gratuliert dem Schauspieler Christopher Plummer zum Achtzigsten, Volker Breidecker dem Psychoanalytiker Hans Keilson zum Hundertsten. Gekürzt abgedruckt wird auf der Literaturseite Felicitas Hoppes (mehr) Vortrag "Im Geheimen Garten", gehalten zum 60. Gründungstag der Internationalen Kinder- und Jugendbibliothek München.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende beklagt sich Hilmar Klute über Schwangerschaft als Industrie. Jeanne Rubner verteidigt die "Generation Grün" gegen den Vorwurf, unpolitisch zu sein. Georg Diez porträtiert den Autor (gerade aktuell: Drehbuch- und Romanfassung von "Wo die wilden Kerle wohnen") und guten Menschen Dave Eggers. Auf der Historienseite geht es um den russischen Soldaten Lew Netto, der erst die Lager der Nazis, dann Stalins Gulag überlebte. Claudia Fromme unterhält sich mit Ozzy Osbourne über "Angst". Osbourne stellt im Gespräch fest: " Ich werde alt, nein, ich bin schon fast tot."

Besprochen werden die große John-Cage-Ausstellung "L'anarquia del silenci" im Museum für Zeitgenössische Kunst in Barcelona und Vera Nemirovas Inszenierung von Verdis "Macbeth" an der Wiener Staatsoper (jedes einzelne der vielen Buhs für die Regisseurin findet Helmut Mauro sehr berechtigt).